Prälat Robert Mäder: DIE SEELE DER KIRCHE

Auf einer Missionsreise kam Paulus nach Ephesus. Daselbst fand er einige Jünger und er sprach zu ihnen: Habt ihr, da ihr gläubig geworden seid, den Heiligen Geist empfangen? Sie aber sprachen zu ihm: Wir haben nicht einmal gehört, dass ein Heiliger Geist ist. Nachdem sie nun getauft worden wa­ren, legte ihnen Paulus die Hände auf und der Heilige Geist kam über sie und sie redeten in Sprachen und weissagten. (Apg. 19).

Wenn Paulus wiederkäme, könnte er ähnliche Erfahrungen machen wie in Ephesus. Wir haben zwar einmal im Katechis­mus etwas vom Heiligen Geist gehört. Wir sind auch gefirmt worden. Im übrigen denkt und redet und schreibt die heu­tige Christenheit so wenig vom Heiligen Geist, dass er mit Recht für die Masse der unbekannte Gott genannt werden kann.

Das ist ein Unglück. Man darf vielleicht noch mehr sagen: Es ist das Unglück, das Unglück, in welchem jedes andere seine tiefere Wurzel hat. Der Heilige Geist hat uns verlassen, besser gesagt: Wir verliessen ihn. Darum müssen wir sterben. Denn was die moderne Menschheit seit mehr als hundert Jah­ren durchgemacht, ist das Aufgeben des Heiligen Geistes. Das Aufgeben des Heiligen Geistes durch die Gesellschaft hat aber die gleiche Wirkung, wie das Aufgeben des Geistes durch den Menschen — den Tod.

Wir feiern Pfingsten. Wie jeder in der Apostelgeschichte nachlesen kann, ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche. Es gab vor Pfingsten schon Christen, aber es gibt erst seit dem Pfingsttag eine sichtbare Vereinigung der Christen unter einer bestimmten Hierarchie, also eine Kirche, das, was man den Katholizismus nennt. Nun besteht jeder lebendige Orga­nismus aus einem doppelten Element, einem sichtbaren und einem unsichtbaren, einer Form und einem Lebensprinzip, einem Leib und einer Seele.

Wie man niemals den Menschen verstehen wird, so lange man nur an Muskeln, Nerven, Knochen, Glieder, Organe denkt, so wird man niemals die katholische Kirche begreifen, wenn man nur Männer in geistlichen Gewändern, Altäre, Beichtstühle, Zeremonien und dergleichen ins Auge fasst. Der Mensch ist ein aus Leib und Seele bestehendes Wesen. Auch die Kirche besteht aus Leib und Seele. Der hl. Augustinus sagt in einer seiner Predigten: Was in unserem Körper die Seele, das ist im Körper Christi, in der Kirche, der Heilige Geist.

Wer also das eigentliche Wesen des Katholizismus richtig erfassen will, muss in ihm einen Organismus sehen, der das, was er ist, durch die Wirksamkeit des auf besondere Weise in ihm wohnenden Heiligen Geistes ist. Die Kirche ist die Gesellschaft des Heiligen Geistes auf Erden, oder, wenn man einen in neuerer Zeit geprägten Ausdruck verwenden will, der auch die sakramentale Gegenwart Jesu berücksichtigt: Die Kirche ist der eucharistische Liebesbund im Heiligen Geiste.

Das zeigt sich deutlich, wenn man die Apostelgeschichte liest, die im Grunde genommen nichts anderes ist als die erste Kirchengeschichte. Wie das Evangelium nichts anderes dar­stellt als eine Zusammensetzung der Taten und Worte Jesu, so ist die Apostelgeschichte die Chronik der Werke des Heiligen Geistes. Sollen die Männer charakterisiert werden, die das junge Christentum in die Welt tragen sollen, dann spielt die Gelehrsamkeit, die Beredsamkeit, die Diplomatie, die vor­nehme Herkunft, der Reichtum keine oder eine ganz unter­geordnete Rolle. Die einzige Bemerkung, welche die Heilige Schrift erwähnenswert findet, ist, dass sie Männer des Heili­gen Geistes waren.

Wenn die Frage aufgeworfen wird, wer die einzelnen Mis­sionsgebiete bereisen, wer die neugegründeten Gemeinden lei­ten soll, dann ist die Apostelgeschichte sich vollkommen dar­über klar, dass weder Ehrgeiz, noch Partei, noch weltliche Obrigkeit ein massgebendes Wort mitzureden haben: Der Heilige Geist setzt die Bischöfe ein, die Kirche Gottes zu re­gieren. Soll auf einem Konzil ein Beschluss gefasst werden, dann heisst es: Es hat dem Heiligen Geist — und dann erst heisst es weiter — und uns — gefallen. Kurz, handelt es sich um das Hirtenamt, so ist das apostolische Zeitalter sich voll­ständig darüber im klaren, dass der Heilige Geist die Kirche regiert. Handelt es sich um das Lehramt, so hat der Heilige Geist das Wort. Handelt es sich um das Priesteramt, um den Gottesdienst, die Sakramentenspendung — die Gnaden kom­men immer vom Heiligen Geist.

Der Heilige Geist ist der Ökonom, der Verwalter, der Spender aller Früchte der Erlösung. Alles, was in und durch die Kirche gemacht wird, wird in und durch ihn gemacht und ohne ihn wird nichts gemacht von allem, was gemacht wird. Es ist wahr, dass der gleiche Satz vom hl. Johannes zuerst auf

Christus angewendet worden ist, der das Haupt der Kirche ist. Aber wenn auch Christus, das Haupt, alles tut, so tut er doch nichts ohne die Seele, den Heiligen Geist. Wo die Kir­che ohne das Haupt Christus eine Leiche wäre, so wäre sie es auch ohne den Heiligen Geist, ihre Seele. Der Katholizismus, das ist Christus, aber der Katholizismus, das ist auch der Hei­lige Geist, wie der Mensch in erster Linie das ist, was seine Seele ist.

Was heisst also katholisch sein? An den Heiligen Geist als das innerste Lebensprinzip der Kirche glauben. Der achte und neunte Glaubensartikel, der Glaubensartikel vom Heiligen Geist und der Glaubensartikel von der hl. katholischen Kirche, stehen nicht umsonst nebeneinander. Der neunte ist nur die Fortsetzung vom achten. Die Kirche ist keine menschliche Einrichtung. Sie ist keine Erfindung gesetzgebender Weis­heit, noch ein Gebäude, das die Philosophie erdachte. Sie ist kein Produkt der Zeit, kein Werk der Geschichte, kein Aus­fluss der Zivilisation.

Sie ist, wie P. Faber sagt, ein Gedanke Gottes, eine gött­liche Idee, niedergelegt auf Erden, um sich in einer göttlichen, in einer eigenen und nicht menschlichen Weise zu entwickeln. Auch nicht nach irgendwelchen Regeln historischen Fort­schritts wie irgend eine andere menschliche Gesellschaft.

Es ist kein Zweifel, und die Erfahrung beweist es ebenso wie die Geschichte: Die Kirche hat auch einen Leib, und an diesem Leib ist viel Menschliches und darum Schwaches, Krankes, Abgestorbenes, Totes. Aber das Schwache, Kranke, Faule, Tote ist nur insofern schwach, krank, faul und tot, als es sich dem Einfluss des Heiligen Geistes entzieht und darum unter dem Gesichtspunkt aufhört, kirchlich zu sein. Die Kirche kann dafür ebenso wenig verantwortlich gemacht werden, wie der Baum für die Mistel, die auf ihm wächst, und der

Weizenacker für das Unkraut. Es ist Fremdes. Es ist nichts Katholisches. Was katholisch ist, stammt alles vom Heiligen Geist und ist deswegen göttlichen Ursprungs. Es ist Geist vom Heiligen Geist.

Katholisch sein heisst sodann auf den Heiligen Geist ver­trauen. Dass wir das nicht oder zu wenig tun, ist wohl der tiefste Grund unserer Misserfolge. Wir kennen den denkwür­digen Vorfall mit der Bundeslade in den Philisterkriegen. Rin­der führten auf einem Wagen die Bundeslade zurück. Als sie nahe am Ziele angekommen, machten sie Sprünge und die Lade neigte sich etwas. Da streckte ein Mann namens Ozas in der Angst die Hand aus, um die Lade zu halten. Der Herr aber ergrimmte wider ihn und schlug ihn und er starb da­selbst vor dem Herrn (1. Par. 14).

Es gibt wenig Politiker und wenig Priester, die heute von der Sünde Ozas frei sind. Wir meinen, wir müssten mit unse­rer Hand, mit weltlicher Klugheit oder aus vertrauenslosem Eifer die Sache der Kirche retten. Wir meinen, ohne unsere Diplomatie und ohne unsere stolzen Werke sei Gott verloren. Wir bauen heute mehr auf die Taktik als auf den Heiligen Geist. Darum kein Segen. Die ersten Christen machten es an­ders: Ihre Taktik war das Vertrauen auf den Heiligen Geist. Darum ihre wunderbaren Erfolge. Heute wissen, wie wir ge­sehen, die Grossen kaum, dass der Heilige Geist existiert und dass er sogar auch politisieren kann. Und weil man den Heili­gen Geist nicht will, deswegen zieht er sich zurück und über­lässt uns der eigenen Ohnmacht.

Katholisch sein heisst schliesslich Liebe haben zum Heiligen Geist. Es ist ein Rätsel, wie die Verehrung des Heiligen Gei­stes so zurücktreten konnte. Es scheint, wenn der Heilige Geist Quelle und Wurzel allen Lebens in der Kirche ist, dann müsste die Verehrung des Heiligen Geistes gerade so gut wie die Verehrung des im Sakrament gegenwärtigen Christus eine zentrale Andacht des Katholiken sein. Katholik sollte nur eine andere Bezeichnung sein für einen, der voll ist vom Heili­gen Geist in seinem Denken, Wollen, Fühlen, Wirken.

Das Hauptgebot gilt gegenüber jeder der drei göttlichen Personen: Du sollst den Heiligen Geist lieben von deinem ganzen Herzen, von deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Ge­müte und aus allen deinen Kräften. Das ist das erste und grösste Gebot. Diejenigen sind Kinder Gottes, die vom Heili­gen Geist getrieben werden (Röm. 8, 14).

Was wir heute gehört haben, ist für unser religiöses Leben von der allergrössten Bedeutung. Es gehört zu den ernstesten Dingen des Evangeliums, was uns Christus über die Sünde ge­gen den Heiligen Geist sagt. Wer ein Wort wider den Men­schensohn redet, dem wird vergeben werden. Wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden (Matth. 12, 32). Die Sünde wider den Heiligen Geist ist ein ewiges Verbrechen (Mark. 3, 29). Schliesslich kommt eben alles auf den Heiligen Geist an. Wie niemand zum Vater kommt ausser durch den Sohn, so kommt niemand zum Sohn ausser durch den Heiligen Geist.

Der Heilige Geist ist und wirkt in der Kirche. Wer darum gegen die Kirche ist, ist gegen den Heiligen Geist, die Seele der Kirche. Das ist der Grund, warum ausser der Kirche kein Heil ist, weil es kein Heil ausser dem Heiligen Geist gibt. Es gibt kein grösseres Unglück auf Erden, als ausser der Kirche und somit ausser dem Heiligen Geist zu stehen. Darum das Pfingstgebet: Komm, Heiliger Geist, entzünde in uns das Feuer deiner Liebe!

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Quelle: Robert Mäder, „Der Heilige Geist – Der dämonische Geist“, Verlag St. Michael, Goldach (Schweiz), 1969