Johannes Paul II.: Wozu glauben?

Viele Menschen, die sich an einer Art von Pragmatismus oder Utilitarismus ausrichten — oder davon fehlgeleitet werden —, scheinen heute zu fragen: Wozu dient der Glaube letztlich? Welche Vorteile bringt er? Kann man denn kein ehrliches, rechtschaffenes Leben führen, ohne sich ernsthaft mit dem Evangelium zu befassen?

Auf eine solche Frage könnte man sehr knapp antwor­ten: Der Nutzen des Glaubens läßt sich an keinem Gut messen, auch nicht an moralischen Gütern. Die Kirche hat nämlich noch nie geleugnet, daß auch ein Nichtgläu­biger rechtschaffen und edel handeln kann. Davon kann sich im übrigen jeder sehr leicht selbst überzeugen, weil man nicht erklären kann — obwohl es oft versucht wird —, worin der Nutzen des Glaubens besteht, indem man auf die daraus für die menschliche Moral ableitbaren Vor­teile verweist. Demgegenüber kann man sagen, daß der grundlegende Nutzen des Glaubens in der Tatsache an sich besteht, geglaubt und vertraut zu haben. Wenn wir glauben und vertrauen, so antworten wir nämlich auf Gottes Wort, über das im Buch des Propheten Jesaja auf besonders eindrucksvolle Weise gesagt wird, daß es nicht leer zurückkehrt, sondern bewirkt, was er will, und all das erreicht, wozu er es ausgesandt hat (vgl. 55,11). Den­noch will Gott uns absolut nicht zu einer solchen Ant­wort zwingen.

Unter diesem Aspekt nimmt das Lehramt des letzten Konzils und vor allem die Erklärung über die Religions­freiheit »Dignitatis humane« eine ganz besondere Bedeutung an. Es wäre der Mühe wert, die ganze Erklärung wiederzugeben und zu analysieren. Doch vielleicht reicht es, einige Sätze zu zitieren: »Alle Men­schen sind ihrerseits verpflichtet«, so lesen wir, »die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzuneh­men und zu bewahren« (Nr. 1).

Das, was das Konzil hervorhebt, ist vor allem die Würde des Menschen, im Text heißt es daher weiter: »Weil die Menschen Personen sind, d. h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verant­wortung erhoben, werden alle — ihrer Würde gemäß ­von ihrem eigenen Gewissen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkann­ten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen« (Nr. 2). »Die Wahrheit muß aber auf eine Weise gesucht werden, die der Würde der menschlichen Person und ihrer Sozialna­tur eigen ist, d. h. auf dem Wege der freien Forschung, mit Hilfe des Lehramtes oder der Unterweisung, des Gedankenaustauschs und des Dialogs . . .« (Nr. 3).

Wie man sieht, geht das Konzil sehr ernsthaft auf die menschliche Freiheit ein und beruft sich auf das innere Gebot des Gewissens, um aufzuzeigen, daß die vom Menschen an Gott und sein Wort gegebene Antwort eng an seine persönliche Würde gebunden ist. Der Mensch darf nicht zur Annahme der Wahrheit gezwungen wer­den. Seine ganze Natur, d. h. seine eigene Freiheit, drängt ihn dazu, sie ernsthaft zu suchen und, wenn er sie gefunden hat, mit seiner Überzeugung und seinem Ver­halten an ihr teilzuhaben.

Das ist seit jeher die Lehre der Kirche; doch zuvor hat Christus selbst sie mit seinen Taten bestätigt. Aus dieser Perspektive muß auch der zweite Teil von »Dignitatis humanae« erneut gelesen werden. Hier finden wir viel­leicht auch die Antwort auf Ihre Fragen.

Eine Antwort, die im übrigen die Lehre der Kirchen­väter und die theologische Tradition wiedergibt — an­gefangen beim hl. Thomas von Aquin bis hin zu John H. Newman. Das Konzil bestätigt nichts anderes als die seit jeher bestehende Überzeugung der Kirche. Es ist bekannt, wie konsequent der hl. Thomas an der Befolgung des Gewissens festhält: So erachtet er es als nicht zulässig, wenn sich jemand zu Christus bekennt und ihm sein Gewissen dabei sagt, daß er — absurde Annahme! — damit etwas Schlechtes tue (vgl. Summa Theologiae, 1-2, q.19, a.5). Wenn ein Mensch einen ihm unumstößlich scheinenden Ruf des Gewissens ver­nimmt, so muß er, selbst wenn dieser abwegig sein sollte, unbedingt und ausnahmslos auf ihn hören. Dem Men­schen ist nicht gestattet, sich aus eigener Schuld dem Irrtum hinzugeben, ohne zu versuchen, zur Wahrheit zu gelangen.

Wenn Newman das Gewissen über die Autorität stellt, so verkündet er im Vergleich zum ständigen Lehramt der Kirche nichts Neues: Das Gewissen, so lehrt das Konzil, »ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist . . . Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen morali­schen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto mehr las­sen die Personen und Gruppen von der blinden Willkür ab und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu richten. Nicht selten jedoch geschieht es, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zuwenig darum müht, nach dem Wahren und Guten zu suchen, und das Gewissen durch Gewöhnung an die Sünde all­mählich fast blind wird« (Gaudium et spes, Nr. 16).

Hierbei wird man sich unweigerlich der tiefen inneren Kohärenz der konziliaren Erklärung über die religiöse Freiheit bewußt. Im Lichte dieser Lehre können wir daher sagen: Der wesentliche Nutzen des Glaubens besteht in der Tatsache, daß der Mensch das Gut seiner naturgemäßen Vernunft verwirklicht. Er verwirklicht es, indem er Gott aus Pflichtbewußtsein antwortet. Aus einer Pflicht nicht nur Gott, sondern auch sich selbst gegenüber.

Christus hat alles getan, um uns von der Bedeutung die­ser Antwort zu überzeugen, die der Mensch zur Erlan­gung der inneren Freiheit geben muß, damit in ihr jener für die menschliche Würde so wesentliche veritatis splen­dor aufleuchtet. Er hat die Kirche zu diesem Handeln verpflichtet: Deshalb sind in ihrer Geschichte so viele Proteste gegen all jene laut geworden, die versucht haben, den Glauben unter Zwang zu verändern. In die­sem Zusammenhang muß daran erinnert werden, daß die spanische katholische Schule von Salamanca ange­sichts der Gewalt, die den amerikanischen Ureinwoh­nern, den Indios, unter dem Vorwand der Bekehrung zum Christentum angetan wurde, eine eindeutig gegensätzliche Position einnahm. Und auch daran, daß zuvor noch die Akademie von Krakau 1414 beim Konzil von Konstanz die Gewalt verurteilt hatte, mit der man unter demselben Vorwand gegen die baltischen Völker vorgegangen war.

Zweifellos verlangt Christus den Glauben. Er verlangt ihn vom Menschen und für den Menschen. Denen, die wollten, daß er ein Wunder für sie bewirkte, sagte er: »Dein Glaube hat dir geholfen« (Mk 10,52). Ganz besonders ergreifend ist der Fall der kanaanäischen Frau. Zunächst scheint Jesus ihrer Bitte um Hilfe für die Tochter kein Gehör schenken zu wollen, gerade so als sei es seine Absicht, sie zu dem rührenden Bekenntnis zu bewegen: »Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tische ihrer Herren fallen« (Mt 15,27). Er stellt diese fremde Frau auf die Probe, um nachher sagen zu können: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen« (Mt 15,28).

Jesus möchte in den Menschen den Glauben wecken. Er verlangt, daß sie auf das Wort des Vaters antworten. Er hat dabei stets die menschliche Würde im Blick, denn die Suche nach dem Glauben selbst ist eine implizite Form des Glaubens, wodurch die notwendige Vorausset­zung für das Heil bereits erfüllt ist.

Vermutlich kann die Konzilskonstitution über die Kir­che Ihre Frage erschöpfend beantworten. Dieser Text verdient es, noch einmal gelesen zu werden. »Wer näm­lich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen. Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Not­wendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrück­lichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen« (LG Nr. 16).

Ihre Frage spricht von einem Leben, das auch ohne Evangelium ehrlich und rechtschaffen sein kann. Darauf würde ich gern folgendermaßen antworten: Da, wo ein Leben wirklich rechtschaffen ist, wirkt das unbekannte oder aber bewußt abgelehnte Evangelium bereits im Unterbewußtsein desjenigen, der unter ehrlichem Ein­satz die Wahrheit sucht und bereit ist, sie anzunehmen, sobald er sie kennt. Eine solche Bereitschaft ist nämlich die Offenbarung der Gnade, die in der Seele wirkt. Denn der Geist weht da, wo er will und wie er will (vgl. Joh 3,8). Die Freiheit des Geistes trifft sich mit der Freiheit des Menschen und bestätigt sie bis zuletzt.

Diese Präzisierung war notwendig, um die Gefahr einer pelagianischen Auslegung zu vermeiden. Diese Gefahr bestand bereits zu Zeiten des hl. Augustinus, und heute scheint sie neuerlich aufzutauchen. Pelagius gab vor, daß der Mensch auch ohne göttliche Gnade ein rechtschaf­fenes und glückliches Leben führen könne. Die göttliche Gnade sei somit nicht nötig für ihn. Die Wahrheit ist jedoch, daß der Mensch tatsächlich zum Heil aufgerufen ist, daß ein rechtschaffenes Leben die Voraussetzung für dieses Heil ist und daß das Heil nicht ohne den Beistand der Gnade erreicht werden kann.

Letztendlich kann nur Gott, der auf die Mitwirkung des Menschen wartet, den Menschen retten. Die Tatsache, daß der Mensch mit Gott gemeinsam wirken kann, ist aus­schlaggebend für seine authentische Größe. Die Wahr­heit, nach der der Mensch aufgrund des Endzwecks sei­nes Lebens, d. h. des Heils und der Vergöttlichung, dazu aufgerufen ist, an allem mitzuwirken, hat in der östlichen Tradition des sogenannten Synergismus Ausdruck gefunden. Der Mensch »erschafft« mit Gott die Welt, der Mensch »schafft« mit Gott sein persönliches Heil. Die Vergöttlichung des Menschen kommt von Gott. Aber auch hier ist das Ja des Menschen zum Zusammenwir­ken mit Gott erforderlich.

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Quelle: Johannes Paul II – Die Schwelle der Hoffnung überschreiten – herausgegeben von Vittorio Messori – Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg

Zitate aus der Enzyklika „GLANZ DER WAHRHEIT“ (1)

Jesus Christus, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet

1. Durch den Glauben an Jesus Christus, »das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet« (Joh 1, 9), zum Heil berufen, werden die Menschen »Licht durch den Herrn« und »Kinder des Lichts« (Eph5, 8) und heiligen sich durch den »Gehorsam gegenüber der Wahrheit« (1 Petr 1, 22).

Dieser Gehorsam ist nicht immer leicht. In der Folge der geheimnisvollen Ursünde, begangen auf Anstiftung Satans, der »ein Lügner und der Vater der Lüge ist« (Joh 8, 44), ist der Mensch immerfort versucht, seinen Blick vom lebendigen und wahren Gott ab- und den Götzen zuzuwenden (vgl. 1 Thess 1, 9), während er »die Wahrheit Gottes mit der Lüge« vertauscht (Röm 1, 25); damit wird auch seine Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, beeinträchtigt und sein Wille, sich ihr zu unterwerfen, geschwächt. Und so geht er, während er sich dem Relativismus und Skeptizismus überläßt (vgl. Joh18, 38), auf die Suche nach einer trügerischen Freiheit außerhalb dieser Wahrheit.

Aber keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des Schöpfergottes im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines Herzens besteht immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen, in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen. Davon gibt das unermüdliche menschliche Suchen und Forschen auf jedem Gebiet ein beredtes Zeugnis. Das beweist noch mehr die Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ist zwar ein großartiges Zeugnis der Fähigkeit des Verstandes und der Ausdauer der Menschen, befreit aber die Menschheit nicht davon, sich letzte religiöse Fragen zu stellen, sie spornt sie vielmehr dazu an, die schmerzlichsten und entscheidendsten Kämpfe, jene im Herzen und im Gewissen, auszutragen.

2. Jeder Mensch muß sich den grundlegenden Fragen stellen: Was soll ich tun? Wie ist das Gute vom Bösen zu unterscheiden? Die Antwort ist, wie der Psalmist bezeugt, nur möglich dank des Glanzes der Wahrheit, die im Innersten des menschlichen Geistes erstrahlt: »Viele sagen: ‚Wer macht uns das Gute sehen?‘ Herr, laß dein Angesicht über uns leuchten!« (Ps 4, 7).

Gott läßt sein Angesicht in seiner ganzen Schönheit leuchten über dem Angesicht Jesu Christi, »Ebenbild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1, 15), »Abglanz seiner Herrlichkeit« (Hebr 1, 3), »voll Gnade und Wahrheit« (Joh 1, 14): Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6). Darum wird die entscheidende Antwort auf jede Frage des Menschen, insbesondere auf seine religiösen und moralischen Fragen, von Jesus Christus gegeben, ja ist Jesus Christus selbst die Antwort, wie das II. Vatikanische Konzil in Erinnerung bringt: »Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf: Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen, nämlich Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«. 1


 

Gewiß, der Mensch muß, um ein »gutes Gewissen« (1 Tim 1, 5) zu haben, nach der Wahrheit suchen und gemäß dieser Wahrheit urteilen. Das Gewissen muß, wie der Apostel Paulus sagt, »vom Heiligen Geist erleuchtet« sein (Röm 9,1), es muß »rein« sein (2 Tim 1, 3), es darf »das Wort Gottes nicht verfälschen«, sondern muß »offen die Wahrheit lehren« (2 Kor 4, 2). Andererseits ermahnt derselbe Apostel die Christen mit den Worten: »Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12, 2).

Die Mahnung des Paulus hält uns zur Wachsamkeit an mit dem warnenden Hinweis, daß sich in den Urteilen unseres Gewissens immer auch die Möglichkeit des Irrtums einnistet. Das Gewissensurteil ist kein unfehlbares Urteil: es kann irren. Nichtsdestoweniger kann der Irrtum des Gewissens das Ergebnis einer unüberwindbaren Unwissenheit sein, das heißt einer Unkenntnis, derer sich der Mensch nicht bewußt ist und aus der er allein nicht herausgelangen kann.

In dem Fall, wo diese unüberwindliche Unkenntnis nicht schuldhaft ist, verliert das Gewissen – so erinnert uns das Konzil – nicht seine Würde, weil es, auch wenn es uns tatsächlich in einer von der objektiven sittlichen Ordnung abweichenden Weise anleitet, dennoch nicht aufhört im Namen jener Wahrheit vom Guten zu reden, zu deren aufrichtiger Suche der Mensch aufgerufen ist.

63. Auf jeden Fall beruht die Würde des Gewissens immer auf der Wahrheit: Im Falle des rechten Gewissens handelt es sich um die vom Menschen angenommene objektive Wahrheit, im Falle des irrenden Gewissens handelt es sich um das, was der Mensch ohne Schuld subjektiv für wahr hält. Auf der anderen Seite ist es niemals zulässig, einen »subjektiven« Irrtum hinsichtlich des sittlich Guten mit der »objektiven«, dem Menschen auf Grund seines Endzieles rational einsehbaren Wahrheit zu vermengen oder zu verwechseln, noch den sittlichen Wert der mit wahrem und lauterem Gewissen vollzogenen Handlung mit jener gleichzusetzen, die in Befolgung des Urteils eines irrenden Gewissens ausgeführt wurde. 108 Das aufgrund einer unüberwindbaren Unwissenheit oder eines nicht schuldhaften Fehlurteils begangene Übel kann zwar der Person, die es begeht, nicht als Schuld anzurechnen sein; doch auch in diesem Fall bleibt es ein Übel, eine Unordnung in bezug auf die Wahrheit des Guten. Zudem trägt das nicht erkannte Gute nicht zu sittlicher Reifung des betreffenden Menschen bei: Es vervollkommnet ihn nicht und hilft ihm nicht, ihn geneigt zu machen für das höchste Gut. Bevor wir uns so leichtfertigerweise im Namen unseres Gewissens gerechtfertigt fühlen, sollten wir über den Psalm nachdenken: »Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewußt ist!« (Ps 19, 13). Es gibt Schuld, die wir nicht zu erkennen vermögen und die dennoch Schuld bleibt, weil wir uns geweigert haben, auf das Licht zuzugehen (vgl. Joh 9, 39-41).

Das Gewissen als letztes konkretes Urteil setzt seine Würde dann aufs Spiel, wenn es schuldhaft irrt, das heißt, »wenn sich der Mensch nicht müht, das Wahre und Gute zu suchen, und wenn das Gewissen infolge der Gewöhnung an die Sünde gleichsam blind wird«. 109 Auf die Gefahren der Verformung des Gewissens spielt Jesus an, wenn er mahnt: »Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein Körper hell sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muß dann die Finsternis sein!« (Mt 6, 22-23).

64. In den oben wiedergegebenen Worten Jesu finden wir auch den Aufruf, das Gewissen zu bilden,es zum Gegenstand ständiger Bekehrung zum Wahren und Guten zu machen. Analog dazu ist die Aufforderung des Apostels zu verstehen, uns nicht dieser Welt anzugleichen, sondern »uns zu wandeln und unser Denken zu erneuern« (vgl. Röm 12, 2). In Wirklichkeit ist das zum Herrn und zur Liebe des Guten bekehrte »Herz« die Quelle der wahren Urteile des Gewissens. Denn »damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12, 2), ist zwar die Kenntnis des Gesetzes Gottes im allgemeinen notwendig, aber sie genügt nicht: eine Art von »Konnaturalität« zwischen dem Menschen und dem wahrhaft Guten ist unabdingbar. 110 Eine solche Konnaturalität schlägt Wurzel und entfaltet sich in den tugendhaften Haltungen des Menschen selbst: der Klugheit und den anderen Kardinaltugenden und, grundlegender noch, in den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. In diesem Sinne hat Jesus gesagt: »Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht » (Joh 3, 21).

Eine große Hilfe für die Gewissensbildung haben die Christen in der Kirche und ihrem Lehramt, wie das Konzil ausführt: »Bei ihrer Gewissensbildung müssen jedoch die Christgläubigen die heilige und sichere Lehre der Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem Willen Christi ist die katholische Kirche die Lehrerin der Wahrheit; ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit, die Christus ist, zu verkündigen und authentisch zu lehren, zugleich auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ zu erklären und zu bestätigen«. 111

Die Autorität der Kirche, die sich zu moralischen Fragen äußert, tut also der Gewissensfreiheit der Christen keinerlei Abbruch: nicht nur, weil die Freiheit des Gewissens niemals Freiheit »von« der Wahrheit, sondern immer und nur Freiheit »in« der Wahrheit ist; sondern auch weil das Lehramt an das christliche Gewissen nicht ihm fremde Wahrheiten heranträgt, wohl aber ihm die Wahrheiten aufzeigt, die es bereits besitzen sollte, indem es sie, ausgehend vom ursprünglichen Glaubensakt, zur Entfaltung bringt. Die Kirche stellt sich immer nur in den Dienst des Gewissens, indem sie ihm hilft, nicht hin- und hergetrieben zu werden von jedem Windstoß der Lehrmeinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert (vgl. Eph 4, 14), und nicht von der Wahrheit über das Gute des Menschen abzukommen, sondern, besonders in den schwierigeren Fragen, mit Sicherheit die Wahrheit zu erlangen und in ihr zu bleiben.

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Quelle: Veritatis splendor

Pater Martin Ramm, FSSP: DAS GEWISSEN

Um nach der Ordnung Gottes zu leben, muss man sie kennen. Weil aber Gott will, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4), hat er sie mit Vernunft begabt, damit sie ihn und seine Ordnung mit Sicherheit wahrnehmen und sie zum Maßstab für ihr Handeln machen können. So hat er sein Gesetz gleichsam eingeschrieben in ihre Herzen, „wovon ihr Gewissen Zeugnis gibt“ (Röm 2, 15). Ganz ähnlich, wie die Schwalbe ein Gesetz in sich hat, welches sie lehrt, ihr Nest zu bauen, und wie die Biene von Natur aus die Wabe zu formen weiß, ist das Gewissen untrennbar verbunden mit der menschlichen Natur. Es ist Teilhabe am ewigen göttlichen Gesetz, was sehr schön ausgedrückt wird im lateinischen Wort für ‚Gewissen‘, denn conscientia bedeutet wörtlich ‚Mit-Wissen‘.
Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass das im Gewissen wahrgenommene natürliche Sittengesetz dem Menschen nicht von außen auferlegt wird, sondern zutiefst seiner Natur entspricht.
Aufgabe des Gewissens ist es, dem Menschen eine sichere und klare Auskunft über die sittliche Qualität seines Handelns zu geben und ihm zu helfen, sich seiner Bestimmung entsprechend bewusst und frei auf sein ewiges Ziel hin auszurichten. So sagt der ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ [= KKK]: „Das Gewissen ist ein Urteil der Vernunft, in welchem der Mensch erkennt, ob eine konkrete Handlung, die er beabsichtigt, gerade ausführt oder schon getan hat, sittlich gut oder schlecht ist.“ (KKK 1778)

In seiner Bezogenheit auf das ewige göttliche Gesetz gleicht das Gewissen einem Kompass. Aufgrund einer physikalischen Einwirkung zeigt ein funktionstüchtiger Kompass stets in Richtung Norden. Dabei ist der Kompass auf den Nordpol angewiesen und nicht der Nordpol auf den Kompass. Jedenfalls wird niemand ernsthaft behaupten, der Kompass sei ‚autonom‘ [von ‚auto-nomos‘ = ’sich-selbst-Gesetz‘], denn er selber ist nicht die Norm, sondern das Instrument, auf das der Seemann sich verlassen muss, um sicher den Hafen zu finden. Ebenso unsinnig und unbrauchbar wie ein vom Nordpol ‚emanzipierter‘ Kompass wäre ein von Gott emanzipiertes ‚autonomes‘ Gewissen, denn das Gewissen erhält seine Verbindlichkeit gerade aus der Annahme, dass es mit dem ewigen göttlichen Gesetz übereinstimmt. So ist es leicht zu verstehen, warum das Gewissen nicht als ‚objektive und höchste‘, sondern nur als ’subjektive und nächste‘ Norm der Moralität bezeichnet werden kann.
Die Lehre vom ‚autonomen Gewissen‘ gehört zu den folgenschwersten Irrtümern unserer Zeit. Sie wird von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika ‚Veritatis splendor‚ vom 6. Juni 1993 über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre klar und deutlich zurückgewiesen.

Geprägt von dieser falschen Lehre ist nicht zuletzt die tragische ‚Königsteiner Erklärung‚ vom 30. August 1968, in welcher die damaligen deutschen Bischöfe die in der Enzyklika ‚Humane vitae‚ vom 25. Juli 1968 von Papst Paul VI. verbindlich vorgelegte Lehre über die rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens relativierten, weil sie fürchteten, „die Bereitschaft zur kirchlichen Mitverantwortung und die Bildung eines selbständigen Gewissens“ (ebd. Nr. 16) könnten Schaden leiden. Ganz ähnlich haben sich zur gleichen Zeit die österreichischen Bischöfe in ihrer ‚Mariatroster Erklärung‚ geäußert.
Es bleibt zu hoffen, dass diese traurigen Manifeste bischöflicher Kapitulation vor dem Zeitgeist eines Tages formell widerrufen werden.
In einer Ansprache an die Teilnehmer eines internationalen Kongresses für Moraltheologie im November 1988 sagte in diesem Zusammenhang Papst Johannes Paul II.: „Während dieser Jahre wurde im Anschluss an die Bekämpfung von ‚Humanae vitae‘ auch die christliche Lehre vom moralischen Gewissen in Frage gestellt und der Gedanke eines Gewissens angenommen, das sich selbst die sittliche Norm schafft. Auf diese Weise wurde das Band des Gehorsams gegen den heiligen Willen des Schöpfers radikal zerschnitten, in dem gerade die Würde des Menschen besteht.“ (‚Osservatore Romano‘, 13.11.1988)

Wenn hier auch nicht alle Fragen im Kontext der Lehre vom Gewissen behandelt werden können, so bleibt doch ein Wort zur Gewissensbildung zu sagen; denn obwohl jeder Mensch ein Gewissen hat, funktioniert es doch nicht bei allen gleich gut. Wo man nämlich gewohnheitsmäßig gegen das Gewissen handelt, wird seine Stimme immer leiser wahrgenommen. Das Gewissen kann abgestumpft werden und gleichsam ‚einrosten‘. Es ist ähnlich wie bei manchen Höhlentieren, deren Augen verkümmern, weil sie niemals benutzt werden.
Damit das Gewissen gut funktioniert, muss man es bilden, denn nur ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahr [vgl. KKK 1783].
Eine zuverlässige Hilfe zur Gewissensbildung finden wir im Lehr- und Hirtenamt der Kirche; denn Jesus Christus hat seine Kirche nicht nur mit Lehrautorität ausgestattet, sondern ihr auch den sicheren Beistand des Heiligen Geistes verheißen, der ihr in Glaubens-und Sittenfragen das Charisma der Unfehlbarkeit verleiht. Dieses Charisma besitzt sie sowohl in ihrer gewöhnlichen Lehrverkündigung als auch bei feierlichen Verlautbarungen des Papstes oder eines allgemeinen Konzils. Wenn also die Kirche eine Lehre in Glaubens- und Sittenfragen unter Berufung auf diesen Beistand und kraft ihrer Autorität als verbindlich und sicher vorlegt, dürfen wir die volle Gewissheit haben, dass sie unfehlbar wahr ist.

Dabei kann die Lehre der Kirche, die das göttliche Gesetz erklärt, auch niemals in wirklichem Widerspruch zur menschlichen Vernunft stehen, denn: „Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ (Benedikt XVI., ‚Regensburger Rede‚ vom 12. September 2006) Wer immer sich die Mühe macht, die Lehre der Kirche wirklich verstehen zu wollen und tiefer in sie einzudringen, wird sie in jedem einzelnen Punkt völlig vernünftig begründet finden. So schrieb Papst Paul VI. in seiner Enzyklika ,Humanae [=
HV]: „ Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“ (HV 12) Im Kontrast dazu gilt das Sprichwort, dass niemand so blind ist wie der, der nicht sehen will.
Es ist traurig, wenn selbst kirchliche Vertreter, deren Pflicht es eigentlich wäre, die Lehre der Kirche eingehend zu studieren und sie den Menschen zu erklären, dazu weder willens noch fähig sind.

Die folgenden Ausführungen stehen treu zur Lehre der katholischen Kirche. Sie möchten helfen, das Gewissen zu bilden, damit die Wahrheit angenommen und das Leben entsprechend ausgerichtet werden kann; denn nur so sind Glück und wahre Freiheit zu finden.

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Quelle: P. Martin Ramm FSSP: Was ist Keuschheit? – Hilfen zur Gewissensbildung im 6. Gebot. 2. Auflage, Thalwil 2011.

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