Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gesehen!“ (Joh. 1,41)

2. Der ehrwürdige Franz Maria Paul Libermann († 2. Februar 1852)

Es ist sicher berechtigt, unter den großen jüdischen Konvertiten den ehrwürdigen Diener Gottes Franz Maria Paul Libermann zu nennen, nicht bloß weil er der Gründer einer Ordensgemeinschaft, nämlich der Kongregation vom Herzen Mariae war, die zusammen mit der ihr angeschlossenen Kongregation vom Heiligen Geist besonders viel für die Missionierung des schwarzen Kontinents geleistet hat 1), sondern weil er seit seiner Bekehrung aus dem Judentum ganz augenfällig von der seligsten Jungfrau Maria geführt wurde und sie innig verehrt hat. 2)

Um das Leben dieses heiligmäßigen Judenkonvertiten zu ver­stehen, muß zuerst kurz auf das seines älteren Bruders Samson Libermann hingewiesen werden. Dieser wurde 1801 in Zabern im Elsaß als ältester Sohn des Rabbiners Lazarus Libermann und dessen Frau Lia Susanna Haller geboren. Der Vater war wegen seines besonders großen Talmud-Wissens und wegen seiner über­aus strengen jüdischen Orthodoxie bei seinen jüdischen Glaubens­genossen sehr angesehen. Seine fünf Söhne, voran den ältesten, Samson, und den zweitältesten, Jakob, aus dem später der ehr­würdige Diener Gottes Franz Maria Paul wurde, der am 24. März 1803 das Licht der Welt erblickte, erzog dieser Rabbiner besonders gründlich in der jüdischen Religion; ja, der Vater wünschte gar sehr, daß alle seine fünf Söhne Rabbiner würden. Am Ende seiner rabbinischen Studien bekam dann aber Samson Libermann plötz­lich großen Widerwillen gegen die sture talmudische jüdische Theo­logie, er gab — zum größten Verdruß des Vaters — dieses Studium auf, studierte Medizin und wurde Arzt und erwarb sich als solcher in Straßburg sehr bald großes Ansehen.

Nachdem Samson Libermann die Fesseln engherzigen talmu­dischen Judentums abgeschüttelt hatte, verfiel er weltanschaulich in das andere Extrem. Nun zogen ihn vor allem die atheistischen Schriftsteller Voltaire und Rousseau an. Dabei kam er so weit, daß er schließlich überhaupt nichts mehr glaubte. Nur aus Neugier und purem literarischem Interesse suchte er in dieser Zeit auch die christliche Glaubenslehre kennenzulernen. Diese berührte ihn ei­genartigerweise schnell ganz stark. So erzählte er später aus diesem Lebensabschnitt, er sei damals eines Tages mit Freunden an einem Wegkreuz vorübergekommen, sei davor stehen geblieben und habe zu seinen Begleitern gesagt: »Es ist doch eigentlich ein großartiger Gedanke: ein Gott, der für die Menschen stirbt! Ob ich daran glauben könnte?«

In dieser Zeit kam von Tag zu Tag stärker eine eigenartige Un­ruhe in ihm auf. Weder die ärztliche Praxis, noch sein glückliches Eheleben konnten ihn von dieser Unruhe befreien. Er steckte damit seine junge Gattin an. Auch sie empfand immer entschie­denere Abneigung gegen den toten Kult des talmudischen Juden­tums; beide Gatten unterhielten sich oft über religiöse Themen, ohne sich dabei wirklich trösten oder belehren zu können. Da fand Samson Libermann eines Tages in einer protestantischen Familie ein Neues Testament. Er begann es — zusammen mit seiner Frau ­zu lesen und begeisterte sich mehr und mehr für das Christentum, und zwar so sehr, daß er — zusammen mit seiner Gattin — schließlich gelobte, für den Fall, daß Gott ihnen einen Sohn schenken würde, diesen nicht beschneiden, sondern taufen zu lassen. Um diesbezüg­lich gut beraten zu werden, wandte sich der Arzt Dr. Samson Liber­mann in Straßburg an den Präsidenten des lutherischen Konsisto­riums namens Hofner, der sich eines großen Ansehens als Theologe erfreute. Er setzte diesem seine Ideen auseinander und fragte ihn, was er zu tun habe, damit das Kind, das seine Frau erwartete, ge­tauft würde. Die enttäuschende Antwort des lutherischen Theolo­gen aber lautete: »Mein lieber Herr Doktor, warum diese Eile, Ihr Kind taufen zu lassen? Die Taufe ist doch keine so wichtige, wesent­liche Sache. Ich rate Ihnen für den Augenblick, nicht daran zu denken. Später werden Sie sehen, was zu tun ist.« Diese Antwort bewirkte, daß Dr. Samson Libermann fortan nur noch Abneigung gegen den Protestantismus empfand.

Um diese Zeit, im Jahre 1821, beschäftigte sich das jüdische Konsistorium in Straßburg mit der Gründung einer jüdischen Schule. Dr. Samson Libermann wurde in das Gründungskomitee berufen und zu dessen Sekretär gewählt. Er gab sich dieser Aufgabe mit großem Eifer hin. Dabei unterstützten ihn zwei weitere Komitee-Mitglieder, ein junger jüdischer Advokat namens Mayer und ein Kaufmann namens Dreyfuß. Diese drei Männer gelangten bei der ideellen Vorbereitung der geplanten jüdischen Schule immer mehr zur Überzeugung, daß jedes Bestreben, den Juden im Elsaß kulturell aufwärtszuhelfen, illusorisch sei, wenn es nicht gelänge, die Juden wenigstens an die Schwelle des Christentums zu führen. Das Bedürfnis nach der Wahrheit trieb diese drei Männer, vor allem Dr. Samson Libermann, zu einer eigenartigen Aktion, nämlich zu einem Appell an den katholischen Klerus Frankreichs, sich seiner jüdischen Mitbürger anzunehmen. Es geschah dies in einer von Dr. Samson Libermann ausgearbeiteten und von ihm und den beiden anderen Juden unterzeichneten Denkschrift. Sie ist nicht nur ein Beitrag zur Kenntnis der jüdischen Zustände im Elsaß von damals, sie ist auch ein klarer Beweis für die damals begonnene Konversionsbewegung im Judentum hin zum Christentum.

Der berühmte Kardinal Johannes Baptist Pitra († 1889) hat diese Denkschrift fast im vollen Wortlaut in sein »Leben des ehrwürdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann«3), des jüngeren Bruders von Dr. Samson Libermann, aufgenommen. Der Anfang dieser Denkschrift lautet:

»Alle erleuchteten Menschen bewundern seit langer Zeit jene frommen und mutigen Geistlichen, die ihrem Vaterland und den Vorteilen, die dieses ihnen bietet, freiwillig entsagen und in fremden Ländern ihr Vermögen und ihre Gesundheit der mora­lischen und religiösen Bekehrung der wilden, über die weite Fläche des Erdkreises zerstreuten Völkerschaften opfern. Glücklich jenes Volk, das sich solcher Männer rühmen kann, die durch ihre über­zeugende Beredsamkeit den heilsamen Balsam einer Religion, die den Menschen auf seine richtige Höhe stellt, in die Herzen ihrer armen, heidnischen Mitmenschen einführen! Es ist erwiesen, daß durch den religiösen Eifer dieser Apostel Gottes bereits Tausende wilder Menschen aus dem Zustand der Vertierung herausgeführt und zu gleicher Höhe mit den zivilisierten Europäern emporgeführt und befähigt worden sind, all die glücklichen Eindrücke des schönsten aller Glaubensbekenntnisse, nämlich des Christentums, in sich aufzunehmen . . .«

Nach dieser »Captatio benevolentiae« wendet sich die Denk­schrift dem jüdischen Volk zu. Es heißt da nun: »Wenn es dem Erlöser des Menschengeschlechtes gefallen hat, unter den Juden geboren zu werden, zu leben und zu sterben, warum sollten es die­jenigen, die (als katholische Geistliche) berufen sind, die himm­lische Lehre des Erlösers zu verkünden, es nun unter ihrer Würde finden, das unglückliche Volk der Juden in den Bereich ihrer frommen, großmütigen Arbeiten einzubeziehen? Haben Eure jüdischen Landsleute, Eure jüdischen Mitbürger etwa weniger An­recht auf Eure wohltätigen Bestrebungen als die Wilden an den Ufern des Mississippi? O Ihr heiligen Diener eines Gottes des Friedens und der Barmherzigkeit, die Ihr in Eurem brennenden Eifer den weiten Ozean überquert, in der Hoffnung, einige verirrte Menschen auf den Weg des Heiles zurückzuführen, . . . wollet doch einen teilnehmenden Blick auf Eure jüdischen Brüder werfen! Habt Mitleid mit ihrer Verblendung und Hartnäckigkeit, zieht von ihren Augen die verhüllende Binde, gebt sie der Gesellschaft wieder und Ihr werdet die doppelte Genugtuung haben, ver­kommene Seelen wiedergeboren und dem Staat nützliche Bürger gewonnen zu haben!«

Als Hauptmittel zur Erreichung dieses Zweckes schlug der Ver­fasser der Denkschrift, Dr. Samson Libermann, nachdem er alle etwaigen Einwände gegen das Unternehmen im voraus zu ent­kräften und zu widerlegen versucht hatte, die Bildung einer Gesell­schaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden vor, an dessen Spitze der führende katholische Klerus stehen sollte.

Nach Erörterung der wichtigsten Mittel und Wege, wie die Er­reichung des großen Zieles angebahnt werden müßte, schließt der Verfasser des Sendschreibens mit den Worten: »Das Mittel, das wir soeben flüchtig entworfen haben, wird — wir sind zutiefst davon überzeugt — die schönsten Resultate zeitigen, wenn es die Billigung derer erlangt, deren Urteil wir es unterbreiten. Und wenn diese sich entschließen, sich ernst damit zu beschäftigen, werden wir einer Einladung zu einer Besprechung gerne Folge leisten, um dem Pro­jekt die nötige Entwicklung zu verschaffen, und wir werden uns dann immer Glück wünschen, die Idee eines so großen, verdienst­vollen Werkes gehabt zu haben.«

Wem wurde nun diese Denkschrift überreicht? Da der Bischöf­liche Stuhl von Straßburg damals unbesetzt war, wußten die drei jüdischen Freunde nicht, an wen sie sich damit wenden sollten. Da machten sie die Bekanntschaft eines hohen Offiziers namens Brissac, der vor kurzem erst vom Judentum zur katholischen Kirche übergetreten war. Er übernahm es, die Denkschrift dem Bischof Jauffret von Metz zu überreichen. Dieser ausgezeichnete Bischof starb aber kurz darauf am 12. Mai 1823. Die unter seinen Papieren aufgefundene Denkschrift wurde nun dem neuen Bischof von Straßburg, Bischof C. P. M. Tharin überreicht. Dieser begriff die Tragweite des Dokuments, ließ Dr. Samson Libermann und die beiden Mitunterzeichner der Denkschrift zu sich kommen und hatte dann mehrere Unterredungen mit ihnen. Schließlich übergab er die Angelegenheit seinem Generalvikar Bruno Franz Leopold Liebermann (t 1844).

Dieser vorbildliche, bibelkundige und überaus seeleneifrige Priester entledigte sich der ihm übertragenen Aufgabe so vortreff­lich, daß bereits im Jahr darauf, 1824, Dr. Samson Libermann mit seiner Gattin und die beiden Freunde Mayer und Dreyfuß in die katholische Kirche aufgenommen werden konnten.

Dr. Samson Libermann bemühte sich nun mit viel Liebe um die Bekehrung seiner Brüder. Zwei davon, Felkel und Samuel, lebten damals in Paris. Dr. Samson Libermann empfahl sie dem ehemali­gen Rabbiner Paul David Drach. Dieser widmete den beiden Brüdern viel Zeit und Liebe, die Gott bald mit bestem Erfolg krönte, denn die beiden Brüder Felkel und Samuel Libermann konnten bereits 1825 in die katholische Kirche aufgenommen werden.

Lange sträubte sich noch der für das Rabbinat in Metz ausgebil­dete Jakob Libermann gegen die Konversion. Aber gerade dieser nahm dann seine — wieder unter der Leitung des genannten Konver­titen Paul David Drach — erfolgte Hinkehr zum Christentum ganz besonders ernst. Er nahm in der am Heiligen Abend 1826 in Paris empfangenen Taufe die Namen Franz Maria Paul an.

Ihm gelang es dann, daß auch der letzte noch im Judentum lebende Bruder David Libermann nach Paris kam und dort die heilige Taufe empfing. Franz Maria Paul Libermann schrieb ihm damals: »Entsagen wir uns selbst, entsagen wir unserer Eigenliebe; widersagen wir dem Satan, seiner Hoffart und seinen Werken. Wir widersagen dem Satan, indem wir unser Herz Gott allein schenken und Jesus zusammen mit seiner jungfräulichen Mutter mit der größten Zärtlichkeit unserer Seele lieben . . . Bitten wir unseren Herrn Jesus Christus und die heiligste Jungfrau, damit wir die Gnade erlangen, unser heiliges Versprechen, das allein uns zu wahren Christen macht, vollkommen zu erfüllen: Alles für Gott und Maria!«4

Franz Maria Paul Libermann hat später auch fünf von den sechs Kindern seines ältesten Bruders Dr. Samson Libermann die Gnade des Ordensberufes erbetet: vier seiner Nichten traten in die Kon­gregation der Schwestern von den heiligsten Herzen Jesu und Mariae ein, ein Neffe aber wurde Mitglied der Kongregation vom heiligsten Herzen Mariae.

Franz Maria Paul Libermann selbst entschloß sich bald nach sei­ner Taufe, sein Leben ganz Gott und Maria im Priesterstand zu wei­hen. Er trat in das Priesterseminar von Saint Sulpice in Paris ein. 5)

Bei den Sulpizianern wurde eine ganz besondere christozentri­sche Marienverehrung gepflegt; der von seiner Empfängnis bis zu seiner Geburt im jungfräulichen Schoß Mariens lebende Christus stand im Mittelpunkt dieser Frömmigkeit. Seit dem Jahre 1665 wurde in den von den Sulpizianern geleiteten Priesterseminaren ein eigenes Fest des Innenlebens Mariens 6), etwa gleichbedeutend mit einem Fest des Herzens Mariae, gefeiert. Im Pariser Seminar von Saint Sulpice erbaute Franz Maria Paul Libermann seine Studien­kollegen durch tiefe marianische Frömmigkeit; zugleich verstand er es in ganz überraschender Weise, alle für ihren heiligen Beruf zu begeistern.

Während er sich aber auf die höheren Weihen vorbereitete, erlitt er einen epileptischen Anfall; das verhinderte nun den Empfang der höheren Weihen. Er ertrug aber diese harte Prüfung in so ergreifen­der Weise, daß die Vorgesetzten ihn nicht als unfähig für den Priesterberuf wegschickten, sondern ihm das Anerbieten machten, auf dem Landhaus des Priesterseminars zu Issy bei Paris, wo die Kandidaten der Philosophie wohnten, auf unbestimmte Zeit seinen Aufenthalt zu nehmen. Acht Jahre lang übte hier Franz Maria Paul Libermann ein segensreiches Apostolat unter den Priesterkandida­ten von Saint Sulpice aus. Die Vorgesetzten konnten später erklären, daß seit der Zeit Jean-Jacques Oliers († 1657), des Gründers der Sulpizianer, kein größerer Eifer in Saint Sulpice ge­herrscht habe, als in den Jahren, in denen Franz Maria Paul Libermann in Issy sich aufhielt.

Als die in der Französischen Revolution unterdrückte und damals wieder errichtete Priesterkongregation des hl. Johannes Eudes († 1680) einen Novizenmeister suchte, wurde Franz Maria Paul Libermann, obwohl er nur die niederen Weihen empfangen hatte, von seinen Vorgesetzten in Saint Sulpice für dieses Amt in Vorschlag gebracht. Fast zwei Jahre lang wirkte er nun als Novizen­meister der jungen Eudisten-Kleriker in Rennes, bis er die Erkenntnis empfing, daß er selbst zum Gründer einer neuen religiö­sen Genossenschaft unter dem Patronat Mariens zur Bekehrung der Neger berufen sei.

In Issy hatte Franz Maria Paul Libermann bei seinem Weggang nach Rennes zwei Freunde zurückgelassen: Frederic Le Vavasseur, den 1811 auf der Insel Bourbon geborenen Sohn eines Plantagenbe­sitzers, und Eugen Tisserand, den Sohn einer Kreolin und eines früheren Gouverneurs von San Domingo; beide bereiteten sich auf das Priestertum vor, um später an der Bekehrung der Negersklaven zu arbeiten. Die Vorgesetzten von Saint Sulpice billigten die Pläne dieser beiden Kleriker. Die Angelegenheit wurde dem Gebet der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae an der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris, wo neben dem berühmten Abbé Charles Dufriche-Desgenettes († 1860) der aus dem Juden­tum bekehrte Priester Theodor Maria Ratisbonne († 1884) wirkte, warm empfohlen.

Als nun Franz Maria Paul Libermann vom geplanten Werk seiner beiden Freunde in Issy erfuhr, war er rasch entschlossen, sich an diesem Werk zu beteiligen. Er legte seine Stelle als Novizen­meister in Rennes nieder und begann, zusammen mit den beiden Freunden die Kongregation der Missionäre vom heiligsten Herzen Mariae zu gründen. In der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris wurde der Plan fixiert und der Gottesmutter durch Abbé Desgenettes dem Mutterherzen Mariae anempfohlen. Wie bei den beiden bekehrten jüdischen Brüdern Theodor und Alphons Ratisbonne, so spielt auch im Leben des mit ihnen nicht bloß durch Seelenverwandtschaft, sondern auch durch Blutsverwandtschaft verbundenen Franz Maria Paul Libermann das Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris eine große, ja entscheidende Rolle. Kardinal Joh. B. Pitra meint sogar in seinem Leben des ehr­würdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann 7), daß »der eigentliche Gründungstag der von P. Libermann geschaffenen Kongregation der Missionäre vom heiligsten Herzen Mariae der 2. Februar 1839 gewesen sei, an welchem der ehrwürdige Gründer der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder, Abbé Desgenettes, zum ersten Mal vor der versam­melten Gemeinde die Stimme erhob, um ihr das Seelenheil der schwarzen Rasse ganz warm ans Herz zu legen. Weder dieses Datum, noch diese Tatsache kann uns bedeutungslos erscheinen, noch kann dies vergessen werden. Man merkte es der Stimme des ehrwürdigen Priesters an, daß sie feierlicher als sonst klang, da er in der ihm eigenen Weise schilderte, wie sehr sein Herz ergriffen sei von dem unglücklichen Los so vieler Tausender verlassener Seelen, und als er den Mitgliedern seiner Erzbruderschaft erklärte, daß es hier (bei der Gründung der Kongregation der Missionare vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Neger) um etwas Großes und des Unbefleckten Herzens der erhabenen Jungfrau Maria Würdiges gehe . . . Wie könnte auch, wenn nicht in der Kirche, so doch wenigstens in unserem (französischen) Vaterland ein gutes Werk genannt werden, das nicht in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris entweder seine Wiege oder seinen Rettungsanker oder seinen Mittel- und Sammelpunkt gefunden hätte? Man hat ja mit Recht gesagt: wenn Paris das Haupt Frankreichs ist, so ist Notre-Dame des Victoires sein Herz und die Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder ist die Bundesgenossenschaft der christlichen Seelen, archi­sodalitas orbis universi.«

Wie ging es nun weiter mit Franz Maria Paul Libermann? Er reiste in Begleitung des Subdiakons De la Brunière, der sich gleich­falls der Negermission widmen wollte, nach Rom, um dort in der Propaganda fide die Angelegenheit vorzutragen. Sein geistlicher Vater Paul-Louis-Bernard Drach, der damals schon Bibliothekar an der Propaganda war, führte Libermann eines Tages im Jahre 1840 bei Papst Gregor XVI. ein. Dieser hieß den Plan, den Liber­mann ihm vortrug, gut. Ein volles Jahr brachte Libermann nun in der Ewigen Stadt zu, um die Konstitution und die Regeln der beab­sichtigten Genossenschaft auszuarbeiten. Schließlich kam es zu konkreten Verhandlungen mit der Leitung der Propaganda-Kon­gregation, um die volle Genehmigung für die zu gründende Kon­gregation von Priestern zu erhalten, die unter dem Schutz des heiligsten Herzens Mariae den Negern in Afrika und Amerika Hilfe bringen sollten. Es gab aber noch der Schwierigkeiten genug, bevor die Gründung der Genossenschaft und der Beginn der missionari­schen Arbeit in die Tat umgesetzt werden konnte. Das letzte große Hindernis war die epileptische Krankheit, die Libermann immer noch quälte und für den Empfang der Priesterweihe irregulär machte. In dieser Not wollte sich Libermann in einer Wallfahrt nach Loreto die Hilfe der Gottesmutter erbitten. Tatsächlich wurde er von der Epilepsie befreit, so daß seiner Priesterweihe schließlich nichts mehr im Wege stand. Im Jahre 1841 wurde er vom Bischof von Amiens zum Priester geweiht. Seinem Bruder Dr. Samson Libermann schrieb er am Priesterweihetag, 18. September 1841: »Misericordias Domini in aeternum cantabo. Lieber Bruder . . . Ich habe Euch die große Barmherzigkeit und unaussprechliche Güte Unseres Herrn Jesus Christus gegen einen unwürdigen Diener, der nicht einmal Seinen heiligen Namen auszusprechen wert ist, zu ver­künden. Soeben, diesen Morgen, bin ich zum Priester geweiht worden. Gott weiß, was ich an diesem großen Tag empfangen habe, Gott allein weiß es. Denn weder Mensch noch Engel vermag es zu begreifen. Bittet Ihn, daß es zu Seiner größeren Ehre, zum Heil und zur Heiligung der Seelen und zur Erbauung der Kirche gereiche, daß ich nun doch noch das Priestertum erlangt habe . . . Nächsten Samstag, um 7 Uhr, werde ich das hl. Opfer in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg zu Paris auf dem Altar der Erzbruderschaft feiern. Vereinigt Eure Meinung mit der meinigen, ich werde Euer dabei ganz besonders gedenken. Denkt auch an unsere ungläubigen Verwandten und an die schwachen Christen! . . . Liebet Unseren Herrn und Seine hochheilige Mutter mit ganzer Seele! Ganz der Eurige in ihrer heiligen Liebe: Fr. Libermann, Priester.« 8)

Im selben Jahr noch nahm die Kongregation vom Heiligsten Herzen Mariae einen sehr realen Anfang und begann zu wachsen, 1848 wurde sie mit der Kongregation vom Hl. Geist vereint. Liber­mann blieb der Generalobere auch der vereinten Ordenskongre­gation und wurde als solcher in den folgenden Jahren ein überaus erfolgreicher Wiedererwecker der afrikanischen Missionen.

In den nur zwölf Jahren seines Priesterlebens hat der jüdische Konvertit P. Libermann die Kirche mit einer neuen Ordenskongre­gation bereichert, ein blühendes Noviziat für Missionspriester und -brüder in der ehemaligen Abtei Notre-Dame de Garde gegründet, sein gedeihendes Ordensinstitut mit der ansehnlichen Kongre­gation vom Hl. Geist verbunden, die wichtige Mission von Guinea ins Leben gerufen und zur Entfaltung gebracht, die Gründung dreier Apostolischer Vikariate betrieben, die Errichtung dreier Diözesen durchgesetzt, den Wirkungskreis seiner Ordenskongre­gation nach Amiens, Paris, Bordeaux, Cayenne, auf die Insel Mauritius und Bourbon und bis nach Australien ausgedehnt, seine teuersten Söhne in großer Zahl durch das erlittene Martyrium Gott zum Opfer gebracht, der Kirche mehr als 60 Apostel gegeben, die mit ihrem Schweiß und ihren Tränen selbst die fernsten Inseln Ozeaniens benetzten. Dazu war er auch in der Innenmission in Paris und Amiens und an anderen Orten Frankreichs und vor allem auch in der Priesterseelsorge erfolgreich tätig. Dabei bewährte er sich auch als einer der besten aszetischen Schriftsteller Frankreichs im vorigen Jahrhundert. Es sind nicht bloß 528 Briefe der Seelen­leitung an Priesterkandidaten und Ordensleuten von ihm erhalten, sondern auch Abhandlungen über das Gebet und das geistliche Leben insgesamt, dazu auch ein Kommentar zu einzelnen Kapiteln des Johannes-Evangeliums.

Bei allem unermüdlichen Einsatz war immer das Unbefleckte Herz Mariae das große Leitbild, an das sich P. Libermann richtete. Man kann wirklich mit Recht sagen: Was die beiden jüdischen Brüder Ratisbonne für die Bekehrung der Juden gewirkt haben, das wirkte P. Franz Maria Paul Libermann für die Bekehrung der Neger. Und wie die beiden Brüder Ratisbonne ihr Apostolat und ihr ganzes priesterliches Leben und Wirken nach ihrer Konversion ganz und gar unter den Schutz Mariens gestellt haben, so hat es auch P. Libermann getan.

Nach den ungemein segensreich und tatenvoll verlaufenen zwölf Priesterjahren im Leben P. Libermanns hätte man meinen können, dieses Priesterleben stehe erst an seinem Anfang. Gott hatte anders darüber beschlossen. Er sandte ihm eine langwierige, schwere Krankheit. Gegen Ende Januar 1852 traten dabei äußerst beun­ruhigende Symptome auf. P. Libermanns Bruder, der Arzt Dr. Samson Libermann, war sofort auf die erste Nachricht von der schweren Erkrankung seines geliebten Bruders von Straßburg nach Paris ans Krankenlager geeilt. Aber er konnte nicht mehr helfen, sondern konnte sich nur noch an dem gottergebenen Leiden seines Bruders erbauen. Am Fest Mariae Lichtmeß, 2. Februar 1852, trat der Tod ein, während die Kommunität, zur Vesper des Festes in der Hauskapelle versammelt, gerade im Magnificat der Gottesmutter deutlich vernehmbar die Worte sang: ». . . et exaltavit humiles«. Die Weissagung Mariens in ihrem Magnificat, daß Gott den Stolzen widersteht, die Demütigen aber erhöht, ist sicher bei Franz Maria Paul Libermann am Ende seiner Erdenpilgerfahrt in Erfüllung gegangen.

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1) Vgl. Kardinal Joh. B. Pitra OSB, Leben des ehrwürdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann (Stuttgart 1893); L. Dohmen, Der ehrwürdige Franz Maria Libermann (Speyer 1947); David August Rosenthal, Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert, III. Bd., 1. Teil, S. 83 —125.

2) H. Barré, Spiritualité mariale du Venerable F. M. P. Libermann, in: H. du Manoir Maria, Band III (Paris 1954), p. 379 — 401.

3)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 11 — 16.

4)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 45 — 46.

5)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 42 — 43.

6)  vgl. D. M. Montagna: Maria, in: Dizionario degli Istituti di perfezione, V/925.

7)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 210.

8)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 287 — 288.

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Quelle: [Univ-Prof. Prälat Dr.] Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1,41) – Die selige Edith Steiin und andere Judenkonvertiten vor und nach ihr. Salzburg 1986.