PAPST FRANZISKUS: „ICH GLAUBE AN DIE AUFERSTEHUNG DER TOTEN“

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute komme ich noch einmal auf das Wort zurück: »Ich glaube an … die Auferstehung der Toten.« Es handelt sich um eine Wahrheit, die nicht einfach und alles andere als selbstverständlich ist, denn solange man in dieser Welt lebt, ist es nicht leicht, die kommenden Wirklichkeiten zu verstehen. Das Evangelium erleuchtet uns jedoch: Unsere Auferstehung ist eng verbunden mit der Auferstehung Jesu. Die Tatsache, dass er auferstanden ist, ist der Beweis, dass es die Auferstehung der Toten gibt. Ich möchte daher über einige Aspekte sprechen, die die Beziehung zwischen der Auferstehung Christi und unserer Auferstehung betreffen. Er ist auferstanden. Und weil er auferstanden ist, werden auch wir auferstehen.

Zunächst enthält die Heilige Schrift selbst einen Weg zum vollen Glauben an die Auferstehung der Toten. Dieser kommt zum Ausdruck als Glaube an Gott, den Schöpfer des ganzen Menschen – Seele und Leib –, und als Glaube an Gott, den Befreier, den Gott, der dem Bund mit seinem Volk treu ist. Der Prophet Ezechiel betrachtet in einer Vision die Gräber der Verbannten, die wieder geöffnet werden, und die ausgetrockneten Gebeine, die wieder zum Leben erwachen durch die Ausgießung eines lebenspendenden Geistes. Diese Vision bringt die Hoffnung auf die kommende »Auferstehung Israels« zum Ausdruck, also auf die Neugeburt des besiegten und gedemütigten Volkes (vgl. „Ez37,1-14).

Im Neuen Testament bringt Jesus diese Offenbarung zur Vollendung und bindet den Glauben an die Auferstehung an seine eigene Person und sagt: »Ich bin die Auferstehung und das Leben« (Joh 11,25). Denn Jesus, der Herr, wird am letzten Tag alle auferwecken, die an ihn geglaubt haben. Jesus ist zu uns gekommen, er ist in allem Mensch geworden wie wir außer in der Sünde; auf diese Weise hat er uns auf seinem Weg der Rückkehr zum Vater mit sich genommen. Das fleischgewordene Wort, er, der für uns gestorben und auferstanden ist, schenkt seinen Jüngern den Heiligen Geist als Unterpfand der vollen Gemeinschaft in seinem herrlichen Reich, das wir wachsam erwarten. Diese Erwartung ist die Quelle und der Grund unserer Hoffnung: einer Hoffnung, die, wenn sie gepflegt und bewahrt wird – unsere Hoffnung, wenn wir sie pflegen und bewahren –, zum Licht wird, das unsere persönliche Geschichte und auch die gemeinschaftliche Geschichte erleuchtet. Denken wir immer daran: Wir sind Jünger dessen, der gekommen ist, der jeden Tag kommt und der am Ende kommen wird. Wenn es uns gelingen würde, uns diese Wirklichkeit besser vor Augen zu halten, wären wir weniger bedrückt vom Alltag, weniger im Vergänglichen verhaftet und eher bereit, mit Barmherzigkeit auf dem Weg des Heils zu wandeln.

Ein weiterer Aspekt: Was bedeutet »auferstehen«? Unserer aller Auferstehung wird am letzten Tag geschehen, am Ende der Welt, durch das Wirken der Allmacht Gottes, der unserem Leib das Leben zurückgeben und ihn wieder mit der Seele vereinigen wird, kraft der Auferstehung Jesu. Das ist die grundlegende Erklärung: Weil Jesus auferstanden ist, werden wir auferstehen. Wir haben die Hoffnung auf die Auferstehung, weil er uns die Tür zu dieser Auferstehung geöffnet hat. Und diese Verwandlung, diese Verklärung unseres Leibes wird in diesem Leben vorbereitet durch die Beziehung zu Jesus in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie. Wir, die wir uns in diesem Leben mit seinem Leib und mit seinem Blut genährt haben, werden auferstehen wie er, mit ihm und durch ihn. Wie Jesus mit seinem Leib auferstanden, aber nicht zu einem irdischen Leben zurückgekehrt ist, so werden wir auferstehen mit unserem Leib, der in einen verherrlichten Leib verwandelt werden wird. Das ist keine Lüge! Das ist wahr. Wir glauben, dass Jesus auferstanden ist, dass Jesus in diesem Augenblick lebt. Glaubt ihr denn, dass Jesus lebendig ist? Und wenn Jesus lebendig ist, meint ihr dann, dass er uns sterben lassen und uns nicht auferwecken wird? Nein! Er wartet auf uns, und weil er auferstanden ist, wird die Kraft seiner Auferstehung uns alle auferwecken.

Ein letztes Element: Bereits in diesem Leben tragen wir einen Anteil an der Auferstehung Christi in uns. Wie es wahr ist, dass Jesus uns am Ende der Zeiten auferwecken wird, so ist es auch wahr, dass wir in gewisser Hinsicht bereits mit ihm auferstanden sind. Das ewige Leben beginnt schon in diesem Augenblick, es beginnt während des ganzen Lebens, das auf den Augenblick der endgültigen Auferstehung ausgerichtet ist. Wir sind nämlich schon durch die Taufe auferstanden, wir sind hineingenommen in den Tod und die Auferstehung Christi und haben teil am neuen Leben, das sein Leben ist. In Erwartung des letzten Tages haben wir daher in uns selbst ein Samenkorn der Auferstehung, als Angeld der vollen Auferstehung, die wir als Erbe erlangen werden. Daher ist auch der Leib eines jeden von uns ein Widerhall der Ewigkeit und muss daher stets in Ehren gehalten werden; und vor allem muss das Leben der Leidenden in Ehren gehalten und geliebt werden, damit sie die Nähe des Reiches Gottes spüren, jenes Zustands des ewigen Lebens, auf den wir zugehen. Dieser Gedanke schenkt uns Hoffnung: Wir sind auf dem Weg zur Auferstehung. Jesus sehen, Jesus begegnen: Das ist unsere Freude! Wir werden alle zusammen sein – nicht hier auf dem Platz, sondern woanders  –, aber freudig mit Jesus. Das ist unsere Bestimmung!

* * *

Von Herzen heiße ich die Brüder und Schwestern deutscher Sprache willkommen. Einen besonderen Gruß richte ich an die Mitglieder und Freunde von Schönstatt anlässlich ihrer Pilgerreise nach Rom. Der gestorbene und auferstandene Christus ist der Grund unserer Hoffnung; er lässt uns nicht im Tod zurück. In der Erwartung seines Reiches wollen wir diese Hoffnung auch den anderen bringen, damit sie Gottes Nähe und Liebe erfahren. Der Herr behüte und segne euch allezeit.

APPELL

»Jetzt möchte ich alle zum Gebet für die Nonnen des griechisch-orthodoxen Klosters der heiligen Thekla in Maalula in Syrien auffordern, die vor zwei Tagen von bewaffneten Männern gewaltsam verschleppt worden sind. Beten wir für diese Nonnen, für diese Schwestern, und für alle Menschen, die wegen des anhaltenden Konflikts entführt worden sind. Fahren wir fort, zu beten und uns gemeinsam für den Frieden einzusetzen. Beten wir zur Gottesmutter. [Ave Maria…]«

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Petersplatz, Mittwoch, 4. Dezember 2013

Predigt H.H. Prof. Dr. Georg May: Die Unver­gäng­lich­keit des auf­er­stan­de­nen Lei­bes

[17. Februar 1991]

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Erlö­sung voll­endet sich im Leibe. Das war die Bot­schaft, die wir am ver­gan­ge­nen Sonn­tag betrach­tet haben. Es geht im Chris­ten­tum nicht nur um das Über­le­ben, um das Wei­ter­le­ben der Seele, son­dern das Chris­ten­tum ist die Bot­schaft vom Wei­ter­le­ben des gan­zen Men­schen. Solange der Leib nicht mit der Seele ver­ei­nigt ist, ist die voll­endete Erlö­sung noch nicht gesche­hen. Auch die in der himm­li­schen Herr­lich­keit leben­den See­len unse­rer Vor­fah­ren war­ten noch auf die Erlö­sung des Lei­bes bei der Auf­er­ste­hung von den Toten. Eine ein­zige Per­son hat schon die völ­lige Voll­endung erfah­ren, näm­lich Maria. Von ihr beken­nen wir, daß sie mit Leib und Seele in die Herr­lich­keit des Him­mels auf­ge­nom­men ist. Ihr ist also schon die letzte Voll­endung zuteil gewor­den, auf die alle ande­ren Men­schen noch war­ten.

Nun ist der Glaube an die Auf­er­ste­hung des Lei­bes alles andere als bequem oder leicht oder ein­fach. Diese Wahr­heit ist so schwer, daß es immer wie­der Ver­su­che gege­ben hat, sie zu leug­nen. Das beginnt schon in apos­to­li­scher Zeit. Im 2. Brief an Timo­theus heißt es: „Ihre Lehre frißt um sich wie ein Krebs­ge­schwür. Zu die­sen Leu­ten gehö­ren auch Hymen­äus und Phi­le­tus, wel­che von der Wahr­heit abge­fal­len sind. Sie behaup­ten näm­lich, die Auf­er­ste­hung sei schon erfolgt. So zer­stö­ren sie bei manch einem den Glau­ben.“ Diese Irr­leh­rer von damals stell­ten die kühne Behaup­tung auf, jetzt schon, in die­ser Erden­zeit, sei die Auf­er­ste­hung erfolgt. Das heißt, sie ver­bo­gen die Lehre des Apos­tels. Sie leug­ne­ten den wirk­li­chen und wah­ren Sinn der Auf­er­ste­hung, die eben eine Auf­er­ste­hung des Flei­sches ist und den Tod des Lei­bes vor­aus­setzt. Sie deu­te­ten sie um wahr­schein­lich auf die Bekeh­rung des Her­zens. Das nann­ten sie dann Auf­er­ste­hung. Aber das ist eine völ­lige Ver­keh­rung des Sin­nes der christ­li­chen Glau­bens­wahr­heit von der Auf­er­ste­hung des Flei­sches.

Die Wahr­heit von der Auf­er­ste­hung der Toten wurde auch von den Sad­du­zäern abge­lehnt. Sie ver­such­ten, sie lächer­lich zu machen, indem sie eine derb-sinn­li­che Vor­stel­lung von der Auf­er­ste­hung kon­stru­ier­ten; des­we­gen die­ses Bei­spiel von der Frau, die wäh­rend ihres irdi­schen Lebens sie­ben Män­ner gehabt hatte. Natür­lich, wenn das Leben so wei­ter­ginge, wie es auf Erden gelebt wurde, dann würde ein Zank ent­ste­hen zwi­schen den sie­ben Män­nern, wem die Frau gehö­ren soll. Aber die Auf­er­ste­hung ist eben eine andere Lebens­form. Es geht nicht wei­ter, wie es auf Erden gegan­gen ist. Es gibt keine Rück­kehr in die zeit­haft-geschicht­li­che Exis­tenz, son­dern die Auf­er­ste­hung ist der Beginn einer neuen, einer ganz ande­ren Leben­form. Nie­mand hat das deut­li­cher aus­ge­spro­chen als der Apos­tel Pau­lus im 1. Korin­ther­brief: „Es könnte einer sagen: Wie ste­hen die Toten auf? Mit was für einem Leibe kom­men sie zum Vor­schein? Du Tor! Was du säst, keimt nicht auf, wenn es nicht zuvor abstirbt. Und wenn du säst, säst du nicht die Pflanze, die erst wer­den soll, son­dern ein blo­ßes Korn, etwa ein Wei­zen- oder ein ande­res Samen­korn.“ Er ver­gleicht also die Auf­er­ste­hung mit dem Vor­gang des Säens. Es wird ein Wei­zen­korn in die Erde gelegt, und es stirbt, d.h. es ent­fal­tet sich, und dar­aus wächst die Pflanze empor. Ähn­lich-unähn­lich ist es auch bei dem Auf­er­ste­hungs­leib. Der Auf­er­ste­hungs­leib ist anders als der irdi­sche. Die rich­tige Kate­go­rie dafür ist die der Ver­wand­lung. Auch das steht beim Apos­tel Pau­lus. „Fleisch und Blut kön­nen das Reich Got­tes nicht erben, so wenig wie die Ver­we­sung erbt die Unver­wes­lich­keit. Wir wer­den zwar nicht alle ent­schla­fen, wohl aber wer­den wir alle ver­wan­delt wer­den.“

Der Auf­er­ste­hungs­leib ist also ein ver­wan­del­ter Leib, und die­ser Auf­er­ste­hungs­leib hat nach dem Apos­tel Pau­lus drei Eigen­schaf­ten. Ein so undurch­dring­li­ches Geheim­nis die Auf­er­ste­hung und der Auf­er­ste­hungs­leib sein mögen, so wis­sen wir doch drei Dinge von ihm, die abso­lut sicher sind, näm­lich

1. der Auf­er­ste­hungs­leib ist unver­gäng­lich,

2. er ist voll Kraft, und

3. er ist vol­ler Herr­lich­keit.

Der Auf­er­ste­hungs­leib ist unver­gäng­lich, unver­wes­lich. So sagt es der Apos­tel Pau­lus: „Gesät wird in Ver­wes­lich­keit, auf­er­weckt in Unver­wes­lich­keit.“ Der Auf­er­ste­hungs­leib ist also nicht mehr der Ver­gäng­lich­keit unter­wor­fen wie der irdi­sche Leib, der ja wegen der Sünde ver­gäng­lich ist. Der Tod ist der Sold der Sünde. Der Auf­er­ste­hungs­leib ist des­we­gen auch nicht mehr von der Todes­angst bedroht. Im Jen­seits wer­den die Men­schen sein wie die Engel, die ein unver­gäng­li­ches Leben haben. Und alle die Müh­sale, die den irdi­schen Leib quä­len, wer­den auf­ge­ho­ben sein. „Es wird nicht mehr Hun­ger und Durst sein“, sagt der Apo­ka­lyp­ti­ker Johan­nes. Sie wer­den nicht mehr von den Son­nen­strah­len und von der Glut bedrängt wer­den, denn das Lamm führt sie zu dem Was­ser, sie haben zu trin­ken, sie wer­den genährt, sie wer­den gewei­det. „Und Gott wird jede Träne abwi­schen von ihren Augen, und der Tod wird für­der nicht sein noch Trauer und Klage und Schmerz, denn siehe, der auf dem Throne sitzt, spricht: Ich mache alles neu.“ Der Auf­er­ste­hungs­leib ist unver­wes­lich, er ist unver­gäng­lich.

Die zweite Eigen­schaft ist: Er ist voll Kraft. „Gesät wird in Hin­fäl­lig­keit, auf­er­weckt in Kraft.“ Kraft ist eine Eigen­schaft, die Gott zukommt. Wenn Gott auf­tritt, dann han­delt er in Kraft. Er ist der Erzeu­ger von Kraft­ta­ten, von Macht­ta­ten. Wäh­rend der irdi­sche Leib schwach ist, Krank­hei­ten aus­ge­lie­fert ist und altert, wird der himm­li­sche Leib, wird der Auf­er­ste­hungs­leib voll von Kraft sein. Er ist durch­wirkt von der all­mäch­ti­gen Glut der Liebe Got­tes, und er ist getra­gen von der himm­li­schen Wahr­heit Got­tes. Des­we­gen ist er voll Kraft.

Und schließ­lich die dritte Eigen­schaft: Er ist vol­ler Herr­lich­keit. „Gesät wird in Häß­lich­keit, auf­er­weckt in Herr­lich­keit.“ Auch das ist natür­lich wie­der ein Wort, das man aus dem grie­chi­schen Urtext erklä­ren muß, denn das Wort Herr­lich­keit im Deut­schen hat im Grie­chi­schen die Ent­spre­chung doxa. Doxaist das Wort, das im Neuen Tes­ta­ment immer für Got­tes Wirk­lich­keit ver­wen­det wird. Wenn also die­ses Wort doxa – Herr­lich­keit jetzt auf den Auf­er­ste­hungs­leib ange­wandt wird, dann ist damit gesagt, daß der Auf­er­ste­hungs­leib teil­hat an der Herr­lich­keit Got­tes, teil­hat an dem ver­herr­lich­ten Leibe Christi, daß er ähn­lich ist wie der Leib, den Chris­tus nach sei­ner Auf­er­ste­hung ange­nom­men hat. Auch das war ja ein ver­klär­ter, ein ver­herr­lich­ter, ein von Got­tes Licht, von Got­tes Glanz durch­wirk­ter Leib. So wird der Auf­er­ste­hungs­leib sein, daß man ihn mit Pau­lus  einen „geis­ti­gen Leib“ nen­nen kann. Gesät wird ein sinn­li­cher Leib, auf­er­weckt ein ver­geis­tig­ter Leib. Wenn es einen sinn­li­chen Leib gibt, so gibt es auch einen geis­ti­gen Leib. Das will sagen: Der Auf­er­ste­hungs­leib ist vom Geiste durch­wirkt. Auf Erden ver­mag sich der irdi­sche Geist, unsere Seele, im Leibe nur unvoll­kom­men aus­zu­drü­cken. Im Jen­seits wird aber der Leib so gear­tet sein, daß sich die Seele in ihm voll­kom­men aus­drückt. Und nicht nur das. Nicht nur der geschaf­fene Geist wird sich im Auf­er­ste­hungs­leibe voll­kom­men aus­drü­cken kön­nen, auch der unge­schaf­fene Geist, also der Hei­lige Geist, wird den Auf­er­ste­hungs­leib durch­wir­ken, so daß er in einem dop­pel­ten Sinne ein geis­ti­ger Leib ist, geis­tig, weil der irdi­sche, geschaf­fene Geist ihn durch­wirkt, und geis­tig, weil der unge­schaf­fene, gött­li­che Geist ihn durch­herrscht.

Diese Wirk­lich­keit, meine lie­ben Chris­ten, läßt sich auch durch Ana­lo­gien aus der Phi­lo­so­phie und der Natur­wis­sen­schaft ver­ständ­lich machen. Die heu­tige Phi­lo­so­phie und Natur­wis­sen­schaft lehrt einen Auf­bau der Wirk­lich­keit in Schich­ten. Die jeweils nied­ri­gere Schicht ist offen für die höhere Schicht, und indem sie die höhere Schicht auf­nimmt, kommt sie zu ihrem eigent­li­chen Wesen, die sie also nicht sich selbst ent­frem­det, son­dern sie ver­wirk­licht durch die Auf­nahme einer höhe­ren Schicht. Wäh­rend aber die Phi­lo­so­phie nur von Schich­ten spricht, die in der Erfah­rung vor­kom­men, wis­sen wir aus dem Glau­ben, daß es auch Schich­ten gibt, die jen­seits der Erfah­rung exis­tie­ren. Und eben diese Schich­ten wer­den den Auf­er­ste­hungs­leib ergrei­fen. Es ist die Wirk­lich­keit Got­tes, die die­sen Leib, der für ihn hin offen ist, ergrei­fen wird. Und es ist auch die Wirk­lich­keit des mensch­li­chen Geis­tes, der ja durch eine Ver­wand­lung hin­durch­geht, der die­sen Leib durch­herr­schen wird. So kann also die Schich­ten­lehre uns hel­fen, ein Ver­ständ­nis zu gewin­nen für die Wirk­lich­keit des Auf­er­ste­hungs­lei­bes.

Von beson­de­rer Schwie­rig­keit für das Den­ken ist natür­lich die Tat­sa­che, daß der Auf­er­ste­hungs­leib mit dem irdi­schen Leib iden­tisch ist. Denn das ist auch ein Glau­bens­satz, daß wir dann nicht einen frem­den Leib haben, son­dern unse­ren eige­nen. Wie kann das gesche­hen, da doch der irdi­sche Leib zer­fällt, zum Staub zurück­kehrt, aus dem er genom­men ist? Ver­mut­lich so, daß aus die­sem Staube durch ver­schie­dene gott­ge­wirkte orga­ni­sche und anor­ga­ni­sche Vor­gänge ein neuer Leib wird. Wie kann das gesche­hen? Wer­den sich nicht bei der Auf­er­ste­hung die Men­schen strei­ten darum, wel­che Mate­rie ihnen zuge­ord­net ist und ihnen zukommt? Diese Fra­gen kann man sich stel­len. Nun, meine lie­ben Freunde, es gibt Ver­ste­hens­hil­fen. Ein­mal muß man sagen, daß schon im irdi­schen Leben ein dau­ern­der Stoff­wech­sel statt­fin­det. Im Leibe des Grei­ses gibt es kei­nen ein­zi­gen Bestand­teil mehr, keine ein­zige Zelle, die iden­tisch wäre mit dem Leibe, den der Greis als Kind hatte. Man nimmt an, daß etwa in sie­ben Jah­ren alle Zel­len im Kör­per aus­ge­wech­selt wer­den. Und doch bleibt der Leib der­selbe. Nie­mand wird sagen, er habe jetzt einen ande­ren Leib als damals, wo er sie­ben Jahre alt war. Es ist der­selbe Leib, der die­sel­ben Gebär­den hat, die­sel­ben Merk­male, und doch ist er ganz und gar aus­ge­tauscht wor­den durch den Stoff­wech­sel. Ähn­lich-unähn­lich kann man sich auch die Wirk­lich­keit des Auf­er­ste­hungs­lei­bes vor­stel­len. Außer­dem ist es gar nicht not­wen­dig, daß alle Bestand­teile des Auf­er­ste­hungs­lei­bes mit dem frü­he­ren irdi­schen Leib über­ein­stim­men. Es würde zur nume­ri­schen Iden­ti­tät genü­gen, wenn bestimmte Bestand­teile dem Auf­er­ste­hungs­leib zuge­schrie­ben wer­den kön­nen. Es gibt auch noch eine andere theo­lo­gi­sche Mei­nung, aber die halte ich für gefähr­lich. Diese Mei­nung sagt, es ist der Geist, der sich den Kör­per baut. Das heißt: Um eine Iden­ti­tät des Auf­er­ste­hungs­lei­bes mit dem irdi­schen Leib zu behaup­ten, genügt es, daß es die­selbe Seele ist, die zwei­mal einen Leib baut, ein­mal den irdi­schen, ein ander­mal den himm­li­schen. Die Seele ist ja die forma cor­po­ris, das Gestalt­ge­setz des Kör­pers, und wenn sie sich nur durch­hält, dann kann man ohne wei­te­res die Iden­ti­tät des Auf­er­ste­hungs­lei­bes mit dem irdi­schen Leib anneh­men.

Diese Lehre halte ich des­we­gen für gefähr­lich, weil sie mir in Schwie­rig­kei­ten zu kom­men scheint mit der Auf­er­ste­hung Jesu. Denn wenn das so wäre, wie diese zweite Mei­nung sagt, dann wäre der irdi­sche Leib Jesu irgendwo auf­find­bar gewe­sen. Er war aber nicht auf­find­bar, er ist ver­wan­delt wor­den. Jesus hat eben die­sen Leib, der am Kreuze ver­blu­tet ist, ver­wan­delt und nicht einen ande­ren Leib ange­nom­men. Des­we­gen kann ich mich mit die­ser zwei­ten Ansicht nicht befreun­den. Die Schwie­rig­kei­ten blei­ben, sie müs­sen blei­ben, meine lie­ben Freunde, weil es sich um ein gött­li­ches, das heißt ein undurch­dring­li­ches Geheim­nis han­delt.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Volta­ire wurde ein­mal von einer Dame gefragt: „Wie stel­len Sie sich die Auf­er­ste­hung vor?“ Da gab Volta­ire die ver­blüf­fende Ant­wort: „Die Auf­er­ste­hung ist die ein­fachste Sache der Welt. Der Gott, der den Leib ein­mal erschaf­fen hat, warum kann er ihn nicht ein zwei­tes Mal erschaf­fen?“ Daß die Auf­er­ste­hung die ein­fachste Sache von der Welt ist, das möchte ich nun nicht gerade beja­hen, aber das Argu­ment, daß der all­mäch­tige Gott, der aus nichts etwas geschaf­fen hat, das, was exis­tiert, auch ver­wan­deln kann, das Argu­ment ist gül­tig. Wie sagte doch der Herr durch sei­nen Engel zu Maria, der Jung­frau von Naza­reth: „Bei Gott ist kein Ding unmög­lich!“

Amen.

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Quelle: Pre­digtreihe: Die Wie­der­kunft des Herrn (Teil 6)

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Siehe ferner: