Begegnung mit den Behörden: „Die Wunden heilen und Brücken bauen“

Begegnung Mit Behörden, Kolumbien, 7. September 2017

Papstrede bei der Begegnung im Präsidentenpalast „Casa de Nariño“ — Volltext

Papst Franziskus begab sich um 9.00 Uhr (Lokalzeit; 16.00 Uhr MESZ) von der Apostolischen Nuntiatur mit dem Wagen zum Präsidentenpalast „Casa de Nariño“. Bei seiner Ankunft wurde der Papst vom Präsidenten, Juan Manuel Santos Calderón, empfangen. Nachdem die militärischen Ehren abgehalten und die Hymnen gespielt worden waren, betrat der Heilige Vater die „Plaza de Armas“.

In seiner Ansprache verwies Papst Franziskus auf die Reisen seiner Vorgänger und erklärte, wie diese, den Glauben mit dem kolumbianischen Volk teilen zu wollen. Glaube und Hoffnung seien grundlegend, um Schwierigkeiten zu überwinden. Kolumbien bezeichnete der Papst als ein in vielerlei Hinsicht gesegnetes Land. Besonders hob er die Vielfalt der Natur hervor, die es zu schützen gelte.

Mit Blick auf die Geschichte des Landes betonte der Papst, wie bedeutsam es sei, den Frieden, den Weg der Versöhung und die Würde des Menschen ins Zentrum politischen, sozialen und gesellschaftlichen Handelns zu stellen. Der Papst stellte fest, dass viel Zeit mit Hass und Rache vergangen sei.

Ausdrücklich forderte Papst Franziskus, die am Rande der Gesellschaft Lebenden, die von ihr ausgeschlossenen Menschen, die Armen, ethnische Minderheiten und die Frauen in die Gesellschaft einzubinden. „Wir alle sind nötig, um die Gesellschaft zu schaffen und zu formen.“

Wir übernehmen in der offiziellen Übersetzung die Worte von Papst Franziskus.

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Herr Präsident,
verehrte Mitglieder der Regierung der Republik und des Diplomatischen Corps,
sehr geehrte Verantwortungsträger und Vertreter des öffentlichen Lebens,
meine Damen und Herren,

herzlich grüße ich den Präsidenten Kolumbiens, Herrn Dr. Juan Manuel Santos, und danke ihm für seine liebenswürdige Einladung, dieses Land in einem besonders bedeutsamen Moment seiner Geschichte zu besuchen. Ich grüße die Mitglieder der Regierung der Republik und des Diplomatischen Corps. Und Sie, verehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, bitte ich, dem ganzen kolumbianischen Volk meine herzlichen Grüße auszurichten, gleich in diesen ersten Augenblicken meiner Apostolischen Reise.

Mit meinem Besuch in Kolumbien folge ich den Spuren meiner Vorgänger, des seligen Paul VI. und des heiligen Johannes Paul II. Wie sie, bewegt mich das Verlangen, mit meinen kolumbianischen Brüdern und Schwestern das Geschenk des Glaubens zu teilen, der so stark in diesen Regionen verwurzelt ist, wie auch die Hoffnung, die im Herzen aller schlägt. Nur so, mit Glauben und Hoffnung, können die zahlreichen Schwierigkeiten auf dem Weg überwunden und ein Land aufgebaut werden, dass Heimat und Zuhause für alle Kolumbianer ist.

Kolumbien ist ein in vieler Hinsicht gesegnetes Land. Seine üppige Natur erlaubt nicht nur die Bewunderung seiner Schönheit, sondern lädt auch zu Umsicht und Respekt hinsichtlich seiner Biodiversität ein. Kolumbien steht an zweiter Stelle in der Welt, was die Biodiversität betrifft. Und wenn man es durchstreift, kann man kosten und sehen, wie gut der Herr ist (vgl. Ps 34,9), der euch eine so immense Vielfalt an Flora und Fauna geschenkt hat in seinen Regenwäldern und in den Trockengebieten, im Chocó, an den Cali-Klippen oder in Gebirgszügen wie denen von Macarena und an vielen anderen Orten. Gleichfalls überschwänglich ist seine Kultur; und was das Wichtigste ist, dass Kolumbien reich an der menschlichen Wärme seiner Bevölkerung ist, Männer und Frauen mit einem gastfreundlichen und gutherzigen Geist; standhafte und mutige Menschen, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden.

Diese Begegnung gibt mir Gelegenheit, meine Hochachtung für die Anstrengungen zum Ausdruck zu bringen, die in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, um der bewaffneten Gewalt ein Ende zu bereiten und Wege der Versöhnung zu finden. Im letzten Jahr ist man gewiss in besonderer Weise vorangekommen; die gemachten Schritte haben Hoffnung wachsen lassen in der Überzeugung, dass die Suche nach dem Frieden eine immer offene Sache ist, eine Aufgabe, die keine Ruhepause zulässt und den Einsatz aller erfordert. Diese Arbeit verlangt von uns, in der Anstrengung nicht nachzulassen, die Einheit der Nation aufzubauen. Sie trägt uns auf, trotz der Hindernisse, der Unterschiede und der verschiedenen Ansätze bezüglich der Art und Weise, ein friedliches Zusammenleben zu erlangen, weiter darum zu ringen, dass eine »Kultur der Begegnung« gefördert wird. Diese verlangt, dass der Mensch, seine höchste Würde und die Achtung des Gemeinwohls ins Zentrum allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Handelns gestellt werden. Möge diese Anstrengung uns von der Versuchung fernhalten, nach Vergeltung und bloß kurzfristigen Sonderinteressen zu streben. Wir haben soeben singen gehört: „Den Weg zu gehen braucht seine Zeit“. Das ist „auf lange Sicht“. Je schwerer der Weg ist, der zum Frieden und zur Verständigung führt, umso mehr Beharrlichkeit müssen wir einsetzen, um den anderen anzuerkennen, die Wunden zu heilen, Brücken zu bauen, Beziehungen zu knüpfen und einander zu helfen (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 67).

Der Wahlspruch dieses Landes lautet: »Freiheit und Ordnung«. Diesen beiden Worte enthalten eine ganze Lehre. Die Bürgerinnen und Bürger müssen in ihrer Freiheit geachtet und durch eine stabile Ordnung geschützt werden. Es gilt nicht das Gesetz des Stärkeren, sondern die Stärke des von allen gebilligten Gesetzes, welche das friedliche Zusammenleben leitet. Man braucht gerechte Gesetze, die diese Harmonie garantieren können und die Konflikte überwinden helfen, die dieses Land jahrzehntelang zerrissen haben. Diese Gesetze erwachsen nicht aus der praktischen Erfordernis, die Gesellschaft zu ordnen, sondern aus dem Anliegen, die strukturellen Ursachen für die Armut zu beseitigen, die Ausschließung und Gewalt erzeugen. Nur so wird man von einer Krankheit genesen, die die Gesellschaft anfällig und unwürdig macht und sie immer an die Schwelle neuer Krisen führt. Vergessen wir nicht, dass die Ungleichverteilung der Einkünfte die Wurzel der sozialen Übel ist (vgl. ebd, 202).

In dieser Weise ermutige ich Sie, den Blick auf all jene zu richten, die heute von der Gesellschaft ausgeschlossen und an den Rand gedrängt werden, jene, die für die Mehrheit nicht zählen und zurückgesetzt sowie in die Ecke gedrängt werden. Wir alle sind nötig, um die Gesellschaft zu schaffen und zu formen. Das macht man nicht nur mit einigen, die „reines Blut“ haben, sondern mit allen. Und hierin wurzelt die Größe und die Schönheit eines Landes, dass in ihm alle in Betracht kommen und alle wichtig sind. – Wie diese Kinder hier, die mit ihrer Spontaneität diese Zeremonie sehr viel menschlicher gemacht haben. Wir alle sind wichtig. – In der Verschiedenheit liegt der Reichtum. Ich denke an die erste Reise von Petrus Claver von Cartagena nach Bogotá mit der Durchquerung des Río Magdalena: Sein Staunen ist das unsere. Damals wie heute haftet unser Blick auf den verschiedenen Ethnien und Bewohnern der entferntesten Gebiete, den Campesinos. Wir schauen auf die Schwächsten, auf diejenigen, die ausgebeutet und geschunden werden, jene, die keine Stimme haben, weil man sie ihnen geraubt oder nicht gegeben bzw. nicht zuerkannt hat. Wir richten den Blick auch auf die Frau, ihren Beitrag, ihr Talent, ihr Muttersein mit den zahlreichen Aufgaben. Kolumbien braucht die Teilnahme aller, um sich mit Hoffnung der Zukunft zu öffnen.

In Treue zu ihrer Sendung engagiert sich die Kirche für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl. Sie ist sich bewusst, dass die Prinzipien des Evangeliums eine bedeutsame Dimension des sozialen Gefüges Kolumbiens darstellen und daher viel zum Wachstum des Landes beitragen können. Insbesondere der heilige Respekt vor dem menschlichen Leben, vor allem dem schwächsten und wehrlosen, ist ein Eckstein für den Aufbau einer gewaltfreien Gesellschaft. Überdies müssen wir die gesellschaftliche Bedeutung der Familie hervorheben, wie sie von Gott als Frucht der Liebe der Ehegatten ersonnen ist, der »Ort, wo man lernt, in der Verschiedenheit zusammenzuleben und anderen zu gehören« (ebd., 66). Und bitte hören Sie auf die Armen und die Leidenden! Schauen Sie sie an und lassen Sie sich in jedem Moment von ihren von Schmerz zerfurchten Gesichtern und ihren flehenden Händen anfragen. An ihnen lernt man wirklich Lektionen des Lebens der Menschlichkeit und der Würde. Denn die in Ketten schmachten, verstehen ja die Worte dessen, der am Kreuze starb, wie es in Ihrer Nationalhymne heißt.

Meine Damen und Herren, Sie haben eine schöne und edle Mission vor sich, die zugleich eine schwierige Aufgabe ist. Im Herzen eines jeden Kolumbianers klingen die Worte des großen Landsmanns Gabriel García Márquez nach: »Und dennoch ist angesichts von Unterdrückung, Plünderung und Verlassenheit unsere Antwort – das Leben. Weder Sintfluten noch Seuchen, weder Hungersnöte noch Umstürze, nicht einmal die ewigen, Jahrhunderte und Aberjahrhunderte dauernden Kriege vermochten die beharrlichen Vorzüge des Lebens gegenüber dem Tod zu verringern. Ein Vorzug, der sich verstärkt und beschleunigt.« Sie ist also möglich, fährt Gabo fort: »Die neue und mitreißende Utopie eines Lebens, bei dem niemand – bis zur Art des Todes – über einen anderen entscheiden darf, eines Lebens, in dem Liebe wirklich wahr und Glück möglich ist und in dem die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen endlich und für immer eine zweite Chance auf Erden bekommen« (Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1982).

Es ist viel Zeit mit Hass und Rache vergangen … Die Einsamkeit, immer in Konfrontation zu leben, währt schon Jahrzehnte und riecht alt wie hundert Jahre. Wir wollen nicht, dass irgendeine Form der Gewalt jemals mehr ein Leben einschränke oder auslösche. Ich wollte selbst hierher kommen, um Ihnen zu sagen, dass Sie nicht allein sind und dass wir viele sind, die Sie bei diesem Schritt begleiten. Diese Reise will ein Anreiz für Sie sein, ein Beitrag, der jedem den Weg hin zur Versöhnung und zum Frieden ein wenig ebnet.

Sie sind in meine Gebete hineingenommen. Ich bete für Sie und für die Gegenwart und Zukunft Kolumbiens.

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Quelle

Papst an Kolumbiens Bischöfe: Keine „Kaste von Funktionären“

Papst Franziskus spricht zu Kolumbiens Bischöfen

Papst Franziskus hat die Bischöfe Kolumbiens dazu aufgerufen, Hirten zu sein und nicht Funktionäre, sich nicht den Machthabenden anzubiedern, auf geheime Vorhaben zu verzichten und dem Land zu helfen, „mutig den ersten Schritt auf dem Weg zum endgültigen Frieden zu tun“. In einer langen und artikulierten Rede äußerte sich der Papst vor den 130 Bischöfen Kolumbiens in Bogota; es war das erste Mal bei einer Reise von Franziskus, dass die Ansprache an den Episkopat eins zu eins öffentlich übertragen wurde.

Franziskus machte das Motto seiner Kolumbienreise, „Tun wir den ersten Schritt“, zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Der erste Schritt, das sei jener Gottes auf den Menschen zu. Diesen ersten Schritt müssten die Bischöfe „mit heiliger Furcht und Ergriffenheit“ behüten, keinesfalls dürfe der Weg hin zur Logik einer weltlichen Macht führen.

„Gott geht uns voraus; wir sind die Reben, nicht der Weinstock. Deshalb bringt nicht die Stimme dessen zum Schweigen, der uns gerufen hat. Glaubt nicht, dass die Summe eurer armseligen Tugenden oder die Schmeicheleien der jeweiligen Mächtigen den Erfolg der euch von Gott anvertrauten Aufgabe garantieren. Im Gegenteil: Bettelt im Gebet, damit ihr denen etwas schenken könnt, die sich immerfort an euer Herz als Hirte wenden.“

Um ihre Identität als „Sakrament des ersten Schrittes Gottes greifbar zu machen“, sei es Aufgabe der Bischöfe, ständig aus sich selbst „herauszugehen“. Franziskus nannte dies geradezu eine „Bedingung für die Ausübung des apostolischen Dienstes“: die „Bereitschaft, sich Jesus zu nähern und alles hinter uns zu lassen, was wir waren“.

Bischöfe sind keine „Kaste von Funktionären“

„Passt euch nicht dem Maßstab derer an, die gerne möchten, ihr wärt bloß eine Kaste von Funktionären, die sich dem Diktat der Gegenwart beugen. Heftet hingegen euren Blick auf die Ewigkeit dessen, der euch erwählt hat, und seid bereit, das endgültige Urteil aus seinem Mund zu hören.“

Franziskus würdigte die Kirche Kolumbiens als besonders vielfältig. Unterschiedliche pastorale Sensibilitäten und regionale Eigenheiten seien bereichernd. Zugleich mahnte der Papst die kolumbianischen Bischöfe zu Einheit und Transparenz. „Bemüht euch ständig um die Bewahrung der Gemeinschaft unter euch. Werdet nicht müde, sie durch den offenen und brüderlichen Dialog aufzubauen, und meidet heimliche Projekte wie die Pest.“

Kolumbien braucht seine Bischöfe

Kolumbien brauche seine Bischöfe besonders für die Arbeit am Frieden, fuhr der Papst sinngemäß fort. Die Bischöfe sollten „ohne Angst das verwundete Fleisch eurer Geschichte und eures Volkes“ berühren – „in Demut, ohne Geltungssucht und mit ungeteiltem Herzen, frei von Kompromissen und Unterwürfigkeiten“. Gott allein sei der Herr, „wir Bischöfe dürfen keinem anderen Zweck dienen“.

Und Franziskus nannte eine Reihe von Herausforderungen für Kolumbien: der Weg zum endgültigen Frieden, Versöhnung, Ablehnung der Gewalt, „Überwindung der Ungleichheiten, welche die Wurzel vielen Leidens ist“, Verzicht auf Korruption, Festigung der Demokratie, „wofür Armut und Ungleichheit überwunden werden müssen“. Zum Meistern all dieser Herausforderungen brauche Kolumbien seine Bischöfe, sagte der Papst; Bischöfe, denen das Gewissen ihrer Gläubigen ein Anliegen ist.

„Ihr seid weder Fachleute noch Politiker, ihr seid Hirten. Christus ist das Wort der Versöhnung, das in unsere Herzen eingeschrieben ist. Ihr habt die Kraft, es nicht nur von den Kanzeln, in kirchlichen Dokumenten oder in Zeitschriftenartikeln verkünden zu können, sondern noch mehr in den Herzen der Menschen, im verborgenen Heiligtum ihrer Gewissen, in der glühenden Hoffnung, dass es sie dazu führt, die Stimme des Himmels zu hören, die sagt: Friede.“

Bischöfe sollen auf konkreten Menschen schauen und nicht auf ihre Idee von Menschen

Ebenso bat der Papst die Bischöfe, „steht auf den konkreten Menschen zu blicken“ und nicht „einem Begriff vom Menschen“ zu dienen. Menschen seien gebildet aus Fleisch und Knochen, aber auch aus „Geschichte, Glaube, Hoffnung, Empfindungen, Enttäuschungen, Frustrierungen, Schmerzen, Wunden“. Franziskus rief die Bischöfe dazu auf, für die Bildung von Laien zu sorgen, die kolumbianische Familie zu stärken, die Jugendlichen wertzuschätzen und ihren Fragen großherzige Räume zu öffnen. Überdies sollten sie ihren Priestern Väter sein und darauf achten, ob diese wirklich Jesus nachfolgten oder eher auf wirtschaftliches Auskommen, Doppelleben oder Karriere aus seien. Auch die Ordensleute sollten die Bischöfe nicht vernachlässigen, die in ihrer Lebensform eine „Ohrfeige für jede Form von Weltlichkeit“ seien.

Am Ende seiner Rede ging Franziskus – eher überraschend an dieser Stelle – auf den Schatz ein, den das Amazonasgebiet und die dort beheimateten Indigenen für Kolumbien und die Kirche darstellen. Er forderte die Bischöfe dazu auf, „die Kirche in Amazonien nicht sich selbst zu überlassen“ und würdigte die „arkane Weisheit“ der Indigenen, von der es zu lernen gelte. „Ich frage mich, ob wir noch fähig sind, von ihnen die Unantastbarkeit des Lebens und die Achtung der Natur zu lernen sowie das Bewusstsein, dass die instrumentelle Vernunft nicht genügt, um das Leben des Menschen zu erfüllen und auf die tiefe Suche, die ihn anfragt, zu antworten.“

(rv 07.09.2017 gs)

Papstreise nach Kolumbien: Ein Fest des Friedens

Logo der Papstreise

Im Vatikan wurde am Freitag das Programm der Papstreise nach Kolumbien von 6. bis 11. September vorgestellt. „Gehen wir den ersten Schritt!“ – Schon das Motto setzt das Thema Frieden im Land deutlich ins Zentrum. Der Vatikan betont, es handle sich um eine Pastoralreise, der Papst wolle den Glauben der Menschen feiern und fördern. In der aktuellen sozialen und politischen Lage des Landes, welche auch die Kirche betrifft, ist aber das Thema Frieden an allen Tagen der Reise und bei allen Stationen präsent.

Vier Tage wird Papst Franziskus unterwegs sein, des Zeitunterschiedes von sieben Stunden wegen wird er vor Mitternacht europäischer Zeit in Bogotá, der Hauptstadt des Landes, eintreffen. Es ist das 29. Land, in das er als Papst kommen wird, ein Land aber, das er schon kennt. Als Priester und später als Bischof hat er es mehrmals besucht. Für Kolumbien wiederum ist es der dritte Besuch eines Papstes nach 1968 und 1986.

Alle vier Besuchstage haben ein eigenes Motto. Tag Eins, den der Papst ganz in Bogotá verbringen wird, stellt „Handwerker des Friedens, Schutz des Lebens“ über die Programmpunkte. An diesem Donnerstag wird der Papst vom Staatspräsidenten Juan Manuel Santos empfangen, er begegnet den Vertretern von Staat und Gesellschaft und betet in der Kathedrale der Stadt.

Tag Eins ist auch der „Bischofstag“, zunächst trifft er die Bischöfe des Landes und hält eine Ansprache, dann trifft er die Leitung des Lateinamerikanischen Bischofsrates Celam, auch dazu wird er sprechen. Nachmittags – europäischer Zeit nachts – feiert der Papst eine Messe im Parco Simón Bolivar.

Jeden Abend wird es zum Abschluss des Tages an der Nuntiatur in Bogotá, wo der Papst unterkommt, zu kleineren Begegnungen kommen, wie wir sie schon vom Weltjugendtag im vergangenen Jahr kennen. Besondere Gruppen werden den Papst begrüßen, mit ihm beten und seinen Segen empfangen.

Tag Zwei steht unter dem Motto „Versöhnen wir uns mit Gott, mit dem Nächsten und mit der Natur“: Es greift deutlich die Situation Kolumbiens nach dem Friedensschluss zwischen Regierung und Farc-Rebellen auf. Der Papst fährt nach Villavicencio, etwa 80 km von der Hauptstadt entfernt. Dort wird er zunächst bei einer Messe zwei Kolumbianer selig sprechen, und zwar den Bischof Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und den Priester María Ramírez Ramos. Jaramillo wurde von marxistischen Guerillia-Kämpfern 1989 getötet, während Ramirez zu Beginn des Bürgerkrieges 1948 umgebracht worden war.

Nachmittags (Ortszeit) nimmt der Papst dann am großen nationalen Versöhnungstreffen in der Stadt teil, danach betet er am „Kreuz der Versöhnung“, bevor es wieder nach Bogotá zurück geht.

Tag Drei steht unter dem Motto „Jüngerschaft“ und führt den Papst nach Medellin. Erstes Ereignis an diesem Tag ist die Feier der Messe, danach besucht der Papst den „Hogar San José“, das Sankt-Josefs-Heim für Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind oder von ihren Eltern verlassen wurden. Abschließend trifft der Papst im La Macarena, einem ehemaligen Stierkampfstadion, eine Gruppe von 12.000 Menschen, von Priestern und Ordensleuten und ihren Familien.

Tag Vier hat die Würde des Menschen und die Menschenrechte zur Überschrift. Diesen letzten Tag verbringt der Papst in Cartagena. Zunächst segnet er die Grundsteine für zwei Häuser für Obdachlose und für das Werk „Talitha Kum“ für Mädchen aus armen, afrokolumbianischen Familien. Danach wird er den heiligen Peter Claver besuchen, einen Jesuiten, der sich im 17. Jahrhundert in der Stadt für die dort angelandeten afrikanischen Sklaven gekümmert hat. Dort wird der Papst auch seine jesuitischen Mitbrüder aus dem Land treffen, anschließend wird er mit den Gläubigen wie jeden Sonntag öffentlich das Angelus beten.

Nach einem Besuch im Wallfahrtsort Peter Claver segnet der Papst die „Jungfrau der Bucht“, eine Statue, die nach einer schweren Beschädigung durch einen Blitz wieder aufgebaut wurde. Abschließend feiert der Papst auch in dieser Stadt die heilige Messe. Von Catagena geht es dann direkt zurück nach Rom, wo Papst Franziskus am Montag gegen Mittag erwartet wird.

Viel Strecke und viel Höhe

Es wird keine einfache Reise: Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, in die der Papst jeden Abend zurückkehrt, auch wenn er zu Besuch in anderen Städten war, liegt über 2.600 Meter hoch, Medellin immerhin noch 1.500 Meter. Cartagena hingegen liegt direkt am Meer und damit auf Meereshöre, Villavicencio auf knapp 500 Metern. Das bedeutet natürlich auch große Unterschiede in Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Insgesamt zwölf Mal wird der Papst das Wort ergreifen, auf dem Programm stehen fünf Ansprachen, vier Predigten, zwei Grußansprachen und natürlich die Worte zum Angelusgebet. Naturgemäß wird der Papst Spanisch sprechen.

 

(rv 01.09.2017 ord)

Kolumbien will Frieden: „Zeitpunkt für Papstbesuch ist ideal“

Im Einsatz für den Frieden: Hochkommissiar Sergio Jaramillo (2. vl)

Wenn Papst Franziskus im September in das um Frieden ringende Kolumbien kommt, dann könnte der Zeitpunkt dafür nicht besser gewählt sein. Das sagt der Mann, der in Kolumbien auf Regierungsseite das Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen ausverhandelt hat. Hochkommissar Sergio Jaramillo äußerte sich vor Journalisten deutschsprachiger Medien, die auf Einladung des bischöflichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat vor der Papstreise Kolumbien besuchten. „Ich habe das Gefühl, dass es die Absicht des Vatikans und besonders des Papstes ist, in diesem einmaligen historischen Moment eine Friedensbotschaft abzusetzen, die über das Abkommen mit den FARC und die aktuelle politische Debatte hinausgeht“, sagte Jaramillo. „Mein Eindruck ist, der Papst will in diesem kritischen Moment des Lebens in Kolumbien zu einem tiefen Nachdenken über das einladen, was der Friede für alle ist.“

Abkommen nach fünf Jahrzehnten Gewalt

Das Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), der ältesten und größten Rebellenorganisation Lateinamerikas, war vergangenen August nach vierjährigen Verhandlungen in Havanna zustande gekommen. Es zog einen Schlussstrich unter mehr als 50 Jahre bewaffneten Konflikt mit den FARC und wird nun nach und nach umgesetzt, auch wenn die Bevölkerung bei einem Referendum im September das Friedensabkommen mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt hatte. Die katholische Kirche in Kolumbien, die großen Rückhalt in allen Teilen der Gesellschaft genießt, setzte sich auf beiden Seiten stark für die Friedensverhandlungen ein. Als es allerdings zum Referendum über das Abkommen kam, riet die Kirche ihren Gläubigen nicht zum „Ja“, sondern zu einer „Gewissensentscheidung“. Heute wäre es hilfreich, wenn die Kirche wieder mit einem eindeutigen „Ja“ für den Friedenskurs einstünde, sagt der Regierungsmann Jaramillo.

„Einerseits scheint mir, die Kirche hat eine extrem wichtige Rolle bei der Herstellung des Friedens in den Weiten des Landes gespielt. Jetzt mit dem Friedensprozess bewährt sich diese langjährige Arbeit. Beim Verhandlungsprozess selbst war die Kirche immer sehr gut informiert und zeigte viel Interesse. Dann aber wurde sie wegen der politischen Verwirrung nach der Volksabstimmung zögerlicher, so scheint mir. Und ich glaube, dass jetzt mit dem Papstbesuch ein guter Moment ist, dass die Kirche in Kolumbien sich wieder zu Gehör bringt und uns alle zum Frieden ermutigt.“

Papstbesuch soll auch Kirche zum Weitermachen ermutigen

Was die Umsetzung des Friedensabkommens betrifft, hat die Regierung – Jaramillo zufolge – die größere Verantwortung und auch größere Verpflichtungen als die Rebellen, „weil sie es ist, die es letztlich umsetzen muss“. Die Rebellen haben Ende Juni infolge des Abkommens alle Waffen abgegeben. Ihre Anliegen, darunter ganz zentral der Zugang zu Boden und lebenswürdige Bedingungen für Kleinbauern, wollen sie nun mit politischen Mitteln durchsetzen: Aus der FARC soll eine (Links-)Partei werden, so sieht es das Abkommen vor.

Viele Ex-Rebellen sind allerdings enttäuscht vom bisherigen Gang der Umsetzung und beschuldigen die Regierung, ihren Verpflichtungen nicht nachzukommen. Jaramillo weist das zurück, zugleich räumt er ein, die Umsetzung gehe langsam vonstatten und sei von einer Reihe anderer Probleme überlagert. „Die Herausforderungen sind sehr groß, wir brauchen nicht naiv zu sein. Was in Kolumbien vorging, war ja nicht nur ein Konflikt zwischen der Regierung und den FARC. Es gibt auch die Koka-Plantagen, den illegalen Raubbau von Mineralien, eine Reihe von Interessen, die der Umsetzung des Abkommens entgegenstehen.“ Es werde lange dauern, sagt der Hochkommissar, der übrigens in Heidelberg studierte, und verweist auf das Beispiel der deutschen Wiedervereinigung.

Ungewöhnliche Gesten für den Frieden aus dem Vatikan

Papst Franziskus hatte die Friedensverhandlungen für Kolumbien aufmerksam verfolgt, freilich ohne sich von Rom aus groß einzumischen. Dennoch markierte er sein Interesse an einem Abkommen mit ungewöhnlichen Gesten. Zum einen versprach er einen Besuch im Fall des Abschlusses eines Friedensvertrags, zum anderen empfing er im Dezember 2016 in Rom den amtierenden Premier Manuel Santos zusammen mit dessen Vorgänger Álvaro Uribe. Die beiden Politiker verfolgen sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit den FARC-Rebellen, der Konservative Uribe zeigte eine Politik der harten Hand. Sein ursprünglicher politischer Ziehsohn Santos schwenkte nach seiner Wahl zum Präsidenten radikal um und leitete die letztlich erfolgreichen Verhandlungen mit den Rebellen ein. Jaramillo sagt, er denke nicht, dass die Doppelaudienz beim Papst irgendwelche Auswirkungen auf Kolumbien hatte. „Uribe hat seine Position nicht geändert. Nicht einmal der Papst konnte da etwas erreichen. Warten wir ab, wie sich das jetzt auf den kommenden Wahlprozess auswirkt.“

Die nächste Wahl in Kolumbien findet im Frühjahr 2018 statt, ihr Ausgang ist ebenso offen wie das Schicksal des Friedensprozesses: Rund die Hälfte der Kolumbianer sehen das Abkommen mit den FARC-Rebellen kritisch, einige verdienen gut am Bürgerkrieg, andere können ihnen angetanes Unrecht einfach nicht verzeihen. Der Friedens-Hochkommissar der Regierung Santos ist dennoch zuversichtlich. „Der Prozess ist weit fortgeschritten“, sagt Sergio Jaramillo. „Ich glaube nicht, dass eine Rückkehr zum Status quo möglich wäre.“

Papst Franziskus besucht Kolumbien von 6. bis 11. September. Das Motto der Pasptreise lautet „Demos el primer paso“ – zu Deutsch: „Tun wir den ersten Schritt.“

(rv 08.08.2017 gs)

Kolumbien: „Nuestra Señora de Chiquinquirá“ für Papstbesuch in Bogotà

Chiquinquirá, Basilika / Wikimedia Commons – Docfon, CC BY-SA 3.0

Reise von Papst Franziskus vom 6. bis 11. September 2017

Papst Franziskus wird vom 6. bis 11. September 2017 Kolumbien bereisen und die Städte Bogotá, Villavicencio, Medellín und Cartagena besuchen.

Boyacá wird der Papst nicht aufsuchen. Dort befindet sich aber das Heiligtum mit dem Bild „Nuestra Señora de Chiquinquirá“. Die 1,25 Meter auf 1,39 Meter große und eine Tonne schwere Ikone wird daher nach Bogotá gebracht.

Der Dominikanerorden, der die 430 Jahre alte Ikone betreut, wird sie am 1. September mit einer Prozession zum Helikopter begleiten, der sie mit einem 40-minütigen Flug zum Flughafen „El Dorado“ bringen wird. Von dort wird die Ikone zur Gemeinde „Santa Viviana“ transportiert. Mit einer Prozession gelangt sie am folgenden Tag zur Kathedrale der Hauptstadt. Papst Franziskus wird Bogotà am 7. September besuchen.

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REISEPROGRAMM

Mittwoch, 6. September

– 11.00 Uhr: Abreise vom Flughafen Rom/Fiumicino

– 16.30 Uhr (Ortszeit): Ankunft in Bogotá; Begrüßungszeremonie.

Donnerstag, 7. September

– 09.00 Uhr: Begegnung mit den Behörden auf dem „Plaza de Armas“ vom „Casa de Nariño“ in Bogotá | Erste Ansprache

– 09.30 Uhr: Höflichkeitsbesuch beim Staatspräsidenten im „Casa de Nariño“

– 10.20 Uhr: Besuch der Kathedrale

– 10.50 Uhr: Segnung der Gläubigen vom Balkon des Kardinalspalastes

– 11.00 Uhr: Treffen mit den Bischöfen im Kardinalspalast | Zweite Sprache

– 15:00 Uhr: Begegnung mit dem Vorstand des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) in der Apostolischen Nuntiatur | Dritte Ansprache

– 16.30 Uhr: Messe im „Parque Simon Bolivar“ | Erste Predigt

Freitag 8. September

– 07.50 Uhr: Abflug nach Villavicencio

– 08.30 Uhr: Landung in Villavicencio

– 09.30 Uhr: Messe in Villavicencio | Zweite Predigt

– 15.40 Uhr: Gebetstreffen für die nationale Aussöhnung im „Parque Las Malocas“ | Vierte Ansprache

– 17.20 Uhr: Besuch am Kreuz der Versöhnung im „Parque de los Fundadores“

– 18:00 Uhr: Rückflug nach Bogotá

– 18.45 Uhr: Ankunft in Bogotá

Samstag, 9. September

– 08.20 Uhr: Abflug nach Rionegro; Helikoptertransfer nach Medellín

– 10.15 Uhr: Messe auf dem Flughafengelände von Medellín | Dritte Predigt

– 15:00 Uhr: Treffen im „Hogar San José“

– 16:00 Uhr: Treffen mit Priestern, Ordensleuten, Gottgeweihten und Seminaristen in der Sportarena „La Macarena“ | Fünfte und letzte Ansprache

Helikoptertransfer nach Rionegro

– 17.30 Uhr: Rückflug nach Bogotá

– 18.25 Uhr: Ankunft in Bogotá

Sonntag 10. September

– 08.30 Uhr: Abflug nach Cartagena de Indias

– 10.00 Uhr: Ankunft in Cartagena

– 10.30 Uhr: Segnung der Grundsteine von Häusern für die Obdachlose

– 12.00 Uhr: Angelus vor der Kirche des heiligen Pedro Claver, mit Besuch des Heiligtums

– 15.45 Uhr: Helikoptertransfer zum Hafengelände von Contecar

– 16.30 Uhr: Messe auf dem Hafengelände von Contecar | Vierte Predigt

– 18:30 Uhr: Helikoptertransfer zum Flughafen von Cartagena

– 18.45 Uhr: Abschiedszeremonie

– 19:00 Uhr: Rückflug nach Rom-Ciampino

Montag, 11. September

– 12.40 Uhr: Ankunft in Rom-Ciampino.

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Quelle