Der heilige Johannes XXIII. am 26. Mai 1962 zum Österreichischen Katholikentag in Salzburg

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BOTSCHAFT VON PAPST
JOHANNES XXIII.
ZUM ÖSTERREICHISCHEN KATHOLIKENTAG*

 

Unserm geliebten Sohn
Franz Kardinal König,
Erzbischof von Wien

Allen zum Österreichischen Katholikentag 1962 in Salzburg versammelten Männern und Frauen sowie der Uns teuren Jugend entbieten Wir von Herzen Gruß und Apostolischen Segen.

In väterlicher Freude weilen Wir im Geiste mitten unter euch und erinnern Uns gern österreichischer Gastlichkeit, da Wir als junger Priester im Jahre 1912 anlässlich des damaligen unvergessenen Inter­nationalen Eucharistischen Kongresses in Wien eure schöne Heimat kennenlernen durften.

Wieviel weltbewegende Ereignisse und Prüfungen jeder Art haben in den verflossenen fünf Dezennien euer Vaterland heimgesucht! Dennoch könnt ihr heute durch Gottes gnadenvolle Führung, mit der ihr in frommem Geist und unermüdlichem Fleiß zusammengewirkt habt, voll Dankbarkeit euch eines ansehnlichen Wohlstands im Innern eures Landes und des Friedens nach außen erfreuen.

Was Uns hierbei besonders am Herzen liegt, ist der Wunsch, dass die erfreulichen sozialen und wirtschaftlichen Erfolge möglichst breiten Schichten eures Volkes im Sinne Unserer Enzyklika »Mater et Magistra« zugute kommen und die geistige Blüte Schritt halte mit dem materiellen Wohlstand. Bleibt dessen eingedenk: einseitiger wirtschaftlicher Aufstieg bleibt unvollkommen und gereicht der Seele ohne Zweifel zum Schaden. Wie alle geschaffenen Dinge nur einen Sinn haben, indem sie Mittel für ein höheres Ziel sind, so fordert eine erhöhte materielle Lebenshaltung vom Menschen eine erhöhte Aufmerksamkeit für die geistigen Werte. Damit aber wird die Zahl derjeniger immer größer werden, die an den Gütern des bürgerlichen und christlichen Gemeinschaftslebens teilhaben und ihren tiefen Sinn erfassen.

Das ist der Grund, warum ihr zum Wahlspruch eures Treffens das Wort wähltet »Löscht den Geist nicht aus!« Geist, der im Pfingstfest, im Heiligen Geist Gottes seinen Ursprung hat. Es ist der gleiche Geist Gottes, der bei der Schöpfung über den Wassern schwebte, der in der sichtbaren Kreatur der Geist des Lebens und der Ordnung ist, von dem der menschliche Geist nur ein Abbild ist, Heiliger Geist, von Christus gesandt, um »das Antlitz der Erde zu erneuern« (Ps 103, 30). Geist der Wahrheit, in dessen Kraft»auch ihr Zeugnis ablegen sollt« (Joh 15, 27), löscht ihn nicht aus!

Dieser heilige Geist Christi belebe eurer Bischöfe und Priester seeleneifriges Wirken und stehe ihnen bei, den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht zu werden, durchglühe euer privates und öffentliches Leben. Von ihm geführt, werden die Eltern sich ihrer Pflichten bewusst, die Schule wird, ihren Aufgaben voll gewachsen, der jungen Generation eine gediegene Formung schenken. Er erleuchte eure Staatsmänner in ihren verantwortungsvollen Aufgaben. Es bedeutet für Uns tiefe Genugtuung, dass eine Reihe der schwebenden konkordatären Fragen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich glücklich gelöst worden ist. Wir geben gern der Hoffnung Ausdruck, dass die noch ausstehenden gewichtigen Probleme in gutem beiderseitigen Einvernehmen eine zufriedenstellende Lösung finden werden. Sauerteig aller Bereiche der aufbauenden Gesellschaft soll der Geist Christi sein: in den hohen Schulen zu fruchtbarer Begegnung zwischen Glauben und Wissen; in der Welt der Industrie und Technik, die immer mehr den Schöpfergeist Gottes als Urgrund gerade ihrer neuesten Errungenschaften erkennen möge; in jeder Stadt, in jedem Dorf, das in Gefahr steht, von der rein irdischen Lebenshaltung unserer schnelllebigen Zeit übersättigt und in der Seele gefährdet zu werden.

So möge denn ein jeder von euch durch ein Leben, das geprägt ist durch den Wandel in der »Gemeinschaft im Heiligen Geist« (2 Kor 13, 13), wie Paulus die Kirche nennt, zum Weckruf und zum Vorbild werden, nicht zuletzt für diejenigen eurer Brüder und Schwestern, die, nicht selten durch unglückliche Umstände, die lebendige Verbindung mit dem fortlebenden Christus verloren haben. So arbeitet freudig zusammen im Geiste katholischer Aktion! »Lebendige Bausteine am lebendigen Gebäude« (1 Petr 2, 5) der Kirche seid ihr! Wirke daher ein jeder von euch mit zur Verwirklichung des großen Anliegens des bevorstehenden Ökumenischen Konzils durch echte innere Erneuerung eurer selbst, durch Vertiefung wahrhaft christlichen Lebens im Geiste Jesu Christi in eurer Familie, in eurer Pfarrei, im Bereich eurer beruflichen Tätigkeit, auf dass die Kirche, gestärkt durch den Geist der Wahrheit ( Joh 15, 26), den Menschen unserer Zeit aufleuchte als mystischer Leib des Herrn, verklärt, rein, heilig (Eph 5, 27).

Als Unterpfand dessen und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens segnen Wir dich, geliebter Sohn, der du mit opferfreudiger Hingabe diesen Katholikentag ermöglicht hast, deine Mitbrüder im bischöflichen Amt, an erster Stelle den verehrten Erzbischof von Salzburg, den gesamten Klerus Österreichs, alle Mitarbeiter in der Vorbereitung und Durchführung dieses großen Treffens, alle in Salzburg versammelten Gläubigen, ihre Familien wie alle Uns teuren Söhne und Töchter Österreichs, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, am 26. Mai 1962

IOANNES PP. XXIII

* AAS  54 (1962) 435;   Discorsi Messaggi Colloqui del Santo Padre Giovanni XXIII, Bd. IV, SS. 1012-1014.

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Quelle

DER HEILIGE JOHANNES XXIII. IN SEINER ENZYKLIKA „PACEM IN TERRIS“, 11.4.1963

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Die Ordnung im Universum

1. Der Friede auf Erden, nach dem alle Menschen zu allen Zeiten sehnlichst verlangten, kann nur dann begründet und gesichert werden, wenn die von Gott gesetzte Ordnung gewissenhaft beachtet wird.

Aus den Fortschritten der Wissenschaften und den Erfindungen der Technik ersehen wir deutlich, daß in den Lebewesen und in den Naturkräften eine wunderbare Ordnung herrscht, und auch, daß der Mensch gewürdigt wird, die Ordnung zu entdecken und geeignete Werkzeuge anzufertigen, um sich dieser Kräfte zu bemächtigen und sie zu seinem Nutzen zu gebrauchen.

2. Aber der Fortschritt der Wissenschaften und die Erfindungen der Technik offenbaren vor allem die unendliche Größe Gottes, der die Gesamtheit der Dinge und den Menschen selbst erschuf. Er schuf, so sagen Wir, aus dem Nichts die Gesamtheit der Dinge und verschwendete auf sie die Fülle seiner Weisheit und Güte. Daher lobt der Psalmist Gott mit den Worten „Herr, Herr, wie wunderbar ist dein Name auf dem ganzen Erdenrund“ (Ps 8, 2); und an einer anderen Stelle: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr! Mit Weisheit hast du sie alle mit gemacht“ (Ps 104, 24). Den Menschen aber schuf Gott „nach seinem Bild und Gleichnis“ (vgl. Gen 1, 26), ausgestattet mit Verstand und Freiheit, und bestellte ihn zum Herrn aller Dinge, wie der Psalmist es bekennt: „Du hast ihn nur wenig unter die Engel gestellt, mit Ruhm und Ehre ihn gekrönt; du hast ihm Macht verliehen über deiner Hände Werk, alles hast du ihm zu Füßen gelegt“ (Ps 8, 6 f.).

3. Zu der vorzüglichen Ordnung des Universums steht nun aber die Unordnung unter den einzelnen wie unter den Völkern in krassem Widerspruch, wie wenn die Beziehungen, die sie untereinander verbinden, nur mit Gewalt geregelt werden könnten.

Jedoch hat der Schöpfer der Welt die Ordnung ins Innere des Menschen eingeprägt; sein Gewissen tut sie ihm kund und befiehlt ihm unbedingt, sie einzuhalten: „Sie lassen erkennen, daß der Inhalt des Gesetzes ihren Herzen eingeschrieben ist, indem ihnen ihr Gewissen Zeugnis gibt“ (Röm 2, 15). Wie könnte es auch anders sein? Denn was Gott auch immer gemacht hat, das offenbart seine unendliche Weisheit, und zwar um so klarer, je größer die Vollkommenheit ist, deren es sich erfreut (vgl. Ps 18, 8-11).

Die Ordnung in der Natur des Menschen

4. Eine falsche Ansicht gibt jedoch häufig Anlaß zu einem Irrtum. Viele meinen, die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Menschen und dem Staat bestehen, könnten durch dieselben Gesetze geregelt werden, durch welche die vernunftlosen Kräfte und Elemente des Universums gelenkt werden. Diese Gesetze aber, die von ganz anderer Art sind, können selbstverständlich nur dort entnommen werden, wo sie der Schöpfer aller Dinge eingeschrieben hat, nämlich aus der Natur der Menschen.

Durch diese Gesetze werden die Menschen deutlich belehrt, wie sie ihre gegenseitigen Beziehungen im Zusammenleben mit anderen Menschen gestalten sollen; wie die Beziehungen zu regeln sind, die zwischen den Staatsbürgern und den staatlichen Behörden bestehen; ferner, wie die Staaten einander begegnen sollen; schließlich, in welcher Weise die einzelnen Menschen und Staaten und anderseits die Gemeinschaft aller Völker sich gegeneinander zu verhalten haben. Daß diese Gemeinschaft endlich gegründet werde, ist heute ein dringendes Erfordernis des allgemeinen Wohls.

I.

DIE ORDNUNG UNTER DEN MENSCHEN

Jeder Mensch ist seinem Wesen nach Person mit Rechten und Pflichten

5. Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muß das Prinzip zugrunde liegen, daß jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Weil sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise veräußert werden (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Wenn wir die Würde der menschlichen Person nach den Offenbarungswahrheiten betrachten, müssen wir sie noch viel höher einschätzen. Denn die Menschen sind ja durch das Blut Jesu Christi erlöst, durch die himmlische Gnade Kinder und Freunde Gottes geworden und zu Erben der ewigen Herrlichkeit eingesetzt.

Die Rechte

Das Recht auf Leben und Lebensunterhalt

6. Bezüglich der Menschenrechte, die Wir ins Auge fassen wollen, stellen Wir gleich zu Beginn fest, daß der Mensch das Recht auf Leben hat, auf die Unversehrtheit des Leibes sowie auf die geeigneten Mittel zu angemessener Lebensführung. Dazu gehören Nahrung, Kleidung, Wohnung, Erholung, ärztliche Behandlung und die notwendigen Dienste, um die sich der Staat gegenüber den einzelnen kümmern muß. Daraus folgt auch, daß der Mensch ein Recht auf Beistand hat im Falle von Krankheit, Invalidität, Verwitwung, Alter, Arbeitslosigkeit oder wenn er ohne sein Verschulden sonst der zum Leben notwendigen Dinge entbehren muß (vgl. Pius XI., Enz. Divini Redemptoris).

Moralische und kulturelle Rechte

7. Von Natur aus hat der Mensch außerdem das Recht, daß er gebührend geehrt und sein guter Ruf gewahrt wird, daß er frei nach der Wahrheit suchen und unter Wahrung der moralischen Ordnung und des Allgemeinwohls seine Meinung äußern, verbreiten und jedweden Beruf ausüben darf; daß er schließlich der Wahrheit entsprechend über die öffentlichen Ereignisse in Kenntnis gesetzt wird.

Zugleich steht es dem Menschen kraft des Naturrechtes zu, an der geistigen Bildung teilzuhaben, d.h. also auch das Recht, sowohl eine Allgemeinbildung als auch eine Fach- und Berufsausbildung zu empfangen, wie es der Entwicklungsstufe des betreffenden Staatswesens entspricht. Man muß eifrig darauf hinarbeiten, daß Menschen mit entsprechenden geistigen Fähigkeiten zu höheren Studien aufsteigen können, und zwar so, daß sie, wenn möglich, in der menschlichen Gesellschaft zu Aufgaben und Ämtern gelangen, die sowohl ihrer Begabung als auch der Kenntnis entsprechen, die sie sich erworben haben (vgl. Pius XII.,Weihnachtsbotschaft 1942).

Das Recht auf Gottesverehrung

8. Zu den Menschenrechten gehört auch das Recht, Gott der rechten Norm des Gewissens entsprechend zu verehren und seine Religion privat und öffentlich zu bekennen. Denn wie Lactantius treffend sagt, „werden wir mit der Bestimmung geboren, Gott, unserm Schöpfer, den gerechten und schuldigen Gehorsam zu erweisen; ihn allein sollen wir anerkennen, ihm folgen. Durch dieses Band der Frömmigkeit sind wir Gott verpflichtet und verbunden; und daher hat auch die Religion ihren Namen“ (Divinae Institutiones IV, 28, 2). Zur gleichen Sache stellte Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens Leo XIII. nachdrücklich fest: „Diese wahre und der Kinder Gottes würdige Freiheit, welche die Würde der menschlichen Person in vornehmster Weise schützt, ist größer als alle Gewalt und alles Unrecht; sie ist der Kirche immer ein Anliegen und besonders teuer. Diese Art von Freiheit haben die Apostel ständig für sich in Anspruch genommen, die Apologeten in den Schriften unverbrüchlich festgelegt, die Martyrer in unermeßlicher Zahl durch ihr Blut geheiligt“ (Leo XIII., Enz. Libertas praestantissimum).

Das Recht auf freie Wahl des Lebensstandes

9. Darüber hinaus haben die Menschen das unantastbare Recht, jenen Lebensstand zu wählen, den sie für gut halten, d.h. also, entweder eine Familie zu gründen, wobei in dieser Gründung Mann und Frau gleiche Rechte und Pflichten haben, oder das Priestertum oder den Ordensstand zu ergreifen (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Die Familie, die auf der Ehe ruht, die selbstverständlich frei geschlossen, eins und unauflöslich ist, muß als die erste und natürliche Keimzelle der menschlichen Gesellschaft angesehen werden. Daraus folgt, daß für sie sowohl auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet als auch in kultureller und sittlicher Hinsicht möglichst gut gesorgt werden muß. Dies alles dient dazu, die Familie zu festigen und in der Erfüllung ihrer Aufgabe zu unterstützen.

Pflege und Erziehung der Kinder aber sind an erster Stelle das Recht der Eltern (vgl. Pius XI., Enz. Casti connubii).

Rechte in wirtschaftlicher Hinsicht

10. Wenn Wir Uns nun dem Bereich der Wirtschaft zuwenden, so ergibt sich für den Menschen auf Grund des Naturrechtes nicht nur, daß ihm Arbeitsmöglichkeit gegeben werden muß, sondern auch, daß er seine Arbeit frei übernimmt (vgl. Pius XII., Pfingstbotschaft 1941).

Mit diesen Rechten ist ohne Zweifel auch das Recht auf solche Arbeitsbedingungen verbunden, unter denen weder die Körperkräfte geschwächt noch die guten Sitten zugrunde gerichtet werden, noch dem rechten Wachsen und Gedeihen der Jugendlichen Schaden zugefügt wird. Bezüglich der Frauen gilt, daß ihnen solche Arbeitsbedingungen zugestanden werden, die den Bedürfnissen und Pflichten der Ehefrauen und Mütter entsprechen (vgl. Leo XIII., Enz. Rerum Novarum).

Aus der Würde der menschlichen Person entspringt auch das Recht, im Bewußtsein eigener Verantwortung wirtschaftliche Unternehmungen zu betreiben (vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra). Hier muß auch erwähnt werden, daß der Arbeiter Anspruch auf gerechten Lohn hat. Er muß im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Mitteln dem Arbeiter und seiner Familie eine menschenwürdige Lebenshaltung gestatten. Darüber sagt Unser Vorgänger seligen Andenkens Pius XII.: „Der naturgegebenen persönlichen Arbeitspflicht entspricht folgerichtig das naturgegebene persönliche Recht, durch Arbeit für das eigene Leben der Seinen Vorsorge zu treffen. So ist der Befehl der Natur auf das erhabene Ziel der Erhaltung des Menschen hingeordnet“ (vgl. Pius XII., Pfingstbotschaft 1941). Ferner leitet sich aus der Natur des Menschen das Recht auf Privateigentum, auch an Produktivgütern, her. Dieses Recht, wie Wir an anderer Stelle gesagt haben, „schützt in wirksamer Weise die Würde der menschlichen Person und erleichtert die Ausübung der beruflichen Verantwortung in allen Lebensbereichen. Es fördert die Ruhe und Beständigkeit des menschlichen Zusammenlebens in der Familie und fördert den inneren Frieden und die Wohlfahrt des Landes“ (vgl. ebd.).

Schließlich ist es angebracht, zu bemerken, daß das Recht auf Eigentum zugleich eine soziale Funktion einschließt (vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra).

Recht auf Gemeinschaftsbildung

11. Daraus aber, daß die Menschen von Natur aus gemeinschaftsbezogen sind, entsteht das Recht der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Sie können den Gemeinschaftsgründungen die Form geben, die sie für die geeignetere halten, um das Ziel zu erreichen, das sie sich gesteckt haben, und in diesen Gemeinschaften aus eigenem Antrieb und aus eigener Verantwortung handeln und diese zum gewünschten Ziel hinlenken (vgl. Leo XIII., Enz. Rerum Novarum).

In der Enzyklika Mater et magistra haben Wir selbst sehr eindringlich darauf hingewiesen, wie sehr es nottut, daß recht viele Vereinigungen oder Körperschaften, die zwischen Familie und Staat stehen, gegründet werden, die den Zwecken genügen, die der einzelne Mensch nicht wirksam erreichen kann. Diese Vereinigungen und Körperschaften sind als überaus notwendige Instrumente zu betrachten, um die Würde und Freiheit in Hinblick auf die Wahrung ihrer Eigenverantwortlichkeit zu schützen (vgl. Mater et Magistra).

Recht auf Auswanderung und Einwanderung

12. Jedem Menschen muß das Recht zugestanden werden, innerhalb der Grenzen seines Staates seinen Wohnsitz zu behalten oder zu ändern; ja, es muß ihm auch erlaubt sein, sofern gerechte Gründe dazu raten, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1952). Auch dadurch, daß jemand Bürger eines bestimmten Staates ist, hört er in keiner Weise auf, Mitglied der Menschheitsfamilie und Bürger jener universalen Gesellschaft und jener Gemeinschaft aller Menschen zu sein.

Rechte politischen Inhalts

13. Dazu kommt, daß mit der Würde der menschlichen Person das Recht verknüpft ist, am öffentlichen Leben aktiv teilzunehmen und zum Gemeinwohl beizutragen. Dazu sagte Unser Vorgänger Pius XII.: „Weit entfernt, nur Gegenstand und gleichsam ein passives Element des sozialen Lebens zu sein, ist und muß er vielmehr dessen Träger, Grundlage und Ziel sein“ (vgl. Pius XII.,Weihnachtsbotschaft 1944).

Zur menschlichen Person gehört auch der gesetzliche Schutz ihrer Rechte, der wirksam und unparteiisch sein muß in Übereinstimmung mit den wahren Normen der Gerechtigkeit, wie Unser Vorgänger seligen Andenkens Pius XII. mahnt:

„Aus der gottgesetzten Rechtsordnung ergibt sich das unveräußerliche Recht des Menschen auf Rechtssicherheit und damit auf einen greifbaren Rechtsbereich, der gegen jeden Angriff der Willkür geschützt ist“ (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Die Pflichten

Unauflösliche Beziehung zwischen Rechten und Pflichten in derselben Person

14. Die bisher von Uns erwähnten Rechte, die aus der Natur hervorgehen, sind in dem Menschen, dem sie zustehen, mit ebenso vielen Pflichten verbunden. Diese Rechte und Pflichten haben ihren Ursprung, ihre Nahrung und unzerstörbare Kraft vom Naturgesetz, durch das sie verliehen oder geboten sind.

Um dafür einige Beispiele anzuführen: das Recht des Menschen auf Leben hängt mit der Pflicht zusammen, sein Leben zu erhalten; das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein mit der Pflicht ehrenhaft zu leben; das Recht, frei nach der Wahrheit zu forschen, mit der Pflicht, immer tiefer und weiter nach der Wahrheit zu suchen.

Gegenseitige Rechte und Pflichten unter verschiedenen Personen

15. Daraus folgt auch, daß in der menschlichen Gemeinschaft dem natürlichen Recht des einen eine Pflicht der anderen entspricht: die Pflicht nämlich, jenes Recht anzuerkennen und zu achten. Denn jedes Grundrecht des Menschen leitet seine Kraft und Autorität aus dem natürlichen Sittengesetz her; dieses verleiht jenes Recht und legt die entsprechende Pflicht auf. Diejenigen also, die zwar ihre Rechte in Anspruch nehmen, aber ihre Pflichten ganz vergessen oder nicht entsprechend erfüllen, sind denen zu vergleichen, die ein Gebäude mit einer Hand aufbauen und es mit der anderen wieder zerstören.

In wechselseitiger Zusammenarbeit

16. Da die Menschen von Natur aus Gemeinschaftswesen sind, müssen sie miteinander leben und ihr gegenseitiges Wohl anstreben. Das geordnete Zusammenleben erfordert deshalb, daß sie gleicherweise Rechte und Pflichten wechselseitig anerkennen und erfüllen. Daraus ergibt sich auch, daß jeder großmütig seinen Beitrag leisten muß, um jenes soziale Milieu zu schaffen, durch das die Rechte der Bürger immer sorgfältiger und segensreicher gewahrt und ihre Pflichten ebenso erfüllt werden.

Um dafür ein Beispiel anzuführen: Es genügt nicht, den Menschen das Recht auf das Lebensnotwendige zuzugestehen, wenn man nicht auch nach Kräften dahin wirkt, daß ihm auch das, was zum Lebensunterhalt gehört, in genügendem Maße zur Verfügung steht.

Dazu kommt, daß die Gemeinschaft der Menschen nicht nur geordnet, sondern auch möglichst fruchtbar sein muß. Das verlangt dringend, daß sie ihre Rechte und Pflichten gegenseitig anerkennen und erfüllen, daß sie aber darüber hinaus auch alle gemeinschaftlich an den so vielfältigen Unternehmungen teilnehmen, die der heutige Stand der Zivilisation erlaubt, nahelegt oder fordert.

Verantwortungsbewußtsein

17. Außerdem verlangt die Würde der menschlichen Person, daß es dem Menschen möglich gemacht wird, aus eigenem Entschluß und in Freiheit zu handeln. Im Zusammenleben hat er deshalb mit gutem Grund Rechte zu pflegen, Pflichten zu erfüllen und sich aus eigenem Antrieb und Entschluß in den so zahlreichen Werken, die durchzuführen sind, für andere in der Gemeinschaft dienend einzusetzen; und zwar so, daß jeder nach seiner Überzeugung, seinem Urteil und Pflichtbewußtsein handelt und nicht vorwiegend auf Grund von äußerem Zwang und Druck.

Wenn eine Gemeinschaft von Menschen allein auf Gewalt aufgebaut ist, so ist sie nicht menschlich; die einzelnen haben dann keine Freiheit mehr, während sie doch im Gegenteil anzuspornen sind, ihr Leben selber zu entfalten und an ihrer Vervollkommnung zu arbeiten.

Zusammenleben in Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit

18. Das bürgerliche Zusammenleben ist deshalb dann als gut geordnet, fruchtbar und der menschlichen Würde entsprechend anzusehen, wenn es auf der Wahrheit gründet, wie der Apostel Paulus mahnt: „Darum leget ab die Lüge, ein jeder rede die Wahrheit mit seinem Nächsten; denn wir sind Glieder untereinander“ (Eph 4, 25). Das wird dann sicher der Fall sein, wenn jeder seine Rechte und besonders seine Pflichten gegenüber den anderen anerkennt. Überdies wird das Zusammenleben so sein, wie Wir es soeben gezeichnet haben, wenn die Menschen, von der Gerechtigkeit geleitet, sich bemühen, sowohl die Rechte anderer zu achten, als auch die eigenen Pflichten zu erfüllen; wenn sie in solchem Bemühen von der Liebe beseelt sind, daß sie die Nöte der anderen wie ihre eigenen empfinden und die anderen an ihren Gütern teilnehmen lassen, und somit danach streben, daß auf der Welt die höchsten geistigen Werte unter alten verbreitet werden. Aber auch das genügt noch nicht; denn die menschliche Gemeinschaft wächst durch die Freiheit zusammen, und zwar in Formen, die der Würde der Menschen angemessen sind. Da diese von Natur aus vernunftbegabt sind, tragen sie deshalb auch die Verantwortung für ihr Tun.

19. Das Zusammenleben der Menschen ist deshalb, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, als ein vordringlich geistiges Geschehen aufzufassen. In den geistigen Bereich gehören nämlich die Forderungen, daß die Menschen im hellen Licht der Wahrheit ihre Erkenntnisse untereinander austauschen, daß sie ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Pflichten zu erfüllen in den Stand gesetzt werden, daß sie angespornt werden, die geistigen Güter zu erstreben, daß sie aus jeder ehrenhaften Sache, wie immer sie beschaffen sein mag, einen Anlaß zu gemeinsamer rechtschaffener Freude gewinnen, daß sie in unermüdlichem Wollen das Beste, was sie haben, einander mitzuteilen und voneinander zu empfangen suchen. Diese Werte berühren und lenken alles, was sich auf Wissenschaft, Wirtschaft, soziale Einrichtungen, Entwicklung und Ordnung des Staates, Gesetzgebung und schließlich auf alle übrigen Dinge bezieht, die äußerlich das menschliche Zusammenleben ausmachen und in ständigem Fortschritt entwickeln.

Gott, das Fundament der sittlichen Ordnung

20. Die Ordnung jedoch, die im menschlichen Zusammenleben waltet, ist ganz geistiger Art: auf der Wahrheit aufruhend, ist sie nach den Geboten der Gerechtigkeit zu verwirklichen; sie verlangt, durch gegenseitige Liebe beseelt und zur Vollendung geführt zu werden; schließlich ist sie in ungeschmälerter Freiheit zu einer täglich menschenwürdigeren Harmonie zu gestalten.

Aber diese Art von Ordnung, deren Prinzipien sich auf alle erstrecken und absolut und unveränderlich sind, geht ganz vom wahren, und zwar vom persönlichen und die menschliche Natur übersteigenden Gott aus. Denn da Gott die erste Wahrheit aller Dinge und das höchste Gut ist, ist er zugleich die erhabene Quelle, aus der die menschliche Gemeinschaft allein wahrhaft Leben schöpfen kann, um so recht geordnet, fruchtbar und der menschlichen Würde angemessen zu sein (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942). Hierher gehört jenes Wort des heiligen Thomas von Aquin: „Daß aber die menschliche Vernunft die Richtschnur des menschlichen Willens ist, an der seine Gutheit gemessen werden muß, das hat sie aus dem ewigen Gesetz, welches die göttliche Vernunft ist … Daraus folgt klar, daß die Gutheit des menschlichen Willens viel mehr vom ewigen Gesetz abhängt als von der menschlichen Vernunft“ (Summa theol. I/II, q. 19, a. 4; vgl. a. 9).

Zeichen der Zeit

21. Unsere Gegenwart ist durch drei Merkmale gekennzeichnet:

Vor allem stellt man den wirtschaftlich-sozialen Aufstieg der Arbeiterklasse fest. Die Arbeiter machten zunächst, vordringlich auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, ihre Rechte geltend; dann taten sie den Schritt zur Wahrung ihrer politischen Interessen; schließlich richteten sie ihren Sinn besonders darauf, in angemessener Weise an den Gütern der Kultur teilzunehmen. Deshalb sind die Arbeiter heutzutage auf der ganzen Welt besonders darauf bedacht, nie nur als Sache ohne Verstand und Freiheit gewertet zu werden, die andere ausbeuten, sondern als Menschen in allen Bereichen menschlicher Gemeinschaft, d.h. auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, im Staat und schließlich auch auf dem Feld der Wissenschaften und der Kultur.

22. An zweiter Stelle steht die allgemein bekannte Tatsache, daß die Frau am öffentlichen Leben teilnimmt, was vielleicht rascher geschieht bei den christlichen Völkern und langsamer, aber in aller Breite, bei den Völkern, welche als Erben anderer Überlieferungen auch andere Lebensformen und Sitten haben. Die Frau, die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewußt wird, ist weit davon entfernt, sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen; sie nimmt vielmehr sowohl im häuslichen Leben wie im Staat jene Rechte und Pflichten in Anspruch, die der Würde der menschlichen Person entsprechen.

23. Schließlich bemerken wir in unseren Tagen, daß die ganze Menschheitsfamilie im sozialen wie im politischen Leben eine völlig neue Gestalt angenommen hat. Da nämlich alle Völker für sich Freiheit beanspruchen oder beanspruchen werden, wird es bald keine Völker mehr geben, die über andere herrschen, noch solche, die unter fremder Herrschaft stehen.

24. Denn die Menschen aller Länder und Völker sind entweder bereits Bürger eines freien Staatswesens oder werden es bald sein. Keine einzige Stammesgemeinschaft will in Zukunft noch unter fremder Herrschaft stehen. Denn in der Gegenwart schwinden die Anschauungen, die so ,viele Jahrhunderte überdauerten, auf Grund derer sich gewisse Menschengruppen für untergeordnet hielten, während andere sich Überlegen dünkten, sei es wegen ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Stellung, sei es wegen des Geschlechtes oder ihres gesellschaftlichen Ranges.

Dagegen verbreitete und behauptete sich weitgehendst die Auffassung, daß alle Menschen in der Würde ihrer Natur unter sich gleich sind. Deshalb wird, wenigstens theoretisch, eine Diskriminierung der Rassen in keiner Weise mehr anerkannt. Und dies ist von größter Bedeutung und größtem Gewicht für die Entwicklung eines menschlichen Zusammenlebens nach den Prinzipien, die Wir erwähnt haben. Sofern in einem Menschen das Bewußtsein seiner Rechte erwacht, muß in ihm auch notwendig das Bewußtsein seiner Pflichten entstehen, so daß, wer bestimmte Rechte hat, zugleich auch die Pflicht hat, sie als Zeichen seiner Würde zu beanspruchen, während die übrigen Menschen die Pflicht haben, diese Rechte anzuerkennen und hochzuschätzen.

25. Wenn so das Grundgefüge der Beziehungen zwischen den Bürgern auf die Rechte und Pflichten abgestellt wird, entdecken die Menschen immer mehr die geistigen Werte, nämlich was Wahrheit, was Gerechtigkeit, was Liebe und was Freiheit ist. So werden sie sich bewußt, Glieder einer solchen Gemeinschaft zu sein. Doch nicht genug! Auf diesem Wege kommen die Menschen dazu, den wahren Gott als die Menschennatur überragendes persönliches Wesen besser zu erkennen. So halten sie schließlich die Beziehungen zu Gott für das Fundament ihres Lebens, das sie sowohl in ihrem Inneren leben als auch gemeinsam mit den übrigen Menschen gestalten.

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Quelle

 

Die Hinzufügung des Namens des hl. Josef in den eucharistischen Gebeten des Missale Romanum

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KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

Dekret

über die Hinzufügung des Namens des hl. Josef
in den eucharistischen Gebeten II, III, IV des Missale Romanum

 

Indem den Heiligen Joseph von Nazareth die Funktion übertragen wurde, Ziehvater Jesu zu sein, wurde er zum Haupt der Familie des Herrn eingesetzt und erfüllte großzügig die ihm aus der Gnade der Heilsökonomie zugewiesene Mission. Da er vollkommen den Anfängen der menschlichen Heilsgeheimnisse zustimmte, ist er zu einem Musterbeispiel für jene wohlgefällige Demut geworden, die das Christentum für große Ziele bestimmt und zum Zeugen für jene allgemeinen, menschlichen und notwendigen Tugenden, um aufrichtige und authentische Nachfolger Christi zu sein.

Durch diese Tugenden hat sich der Gerechte liebevoll um die Mutter Gottes gekümmert und widmete sich mit freudigem Engagement der Erziehung Jesu Christi. So ist er zum Hüter der wertvollsten Schätze von Gott Vater geworden und wurde so immerwährend durch die Jahrhunderte vom Volk Gottes als Hilfe des mystischen Leibes Christi, der die Kirche ist, verehrt.

In der Katholischen Kirche haben die Gläubigen schon immer eine ununterbrochene Verehrung des Heiligen Joseph gezeigt und ständig und feierlich das Gedächtnis des keuschen Ehemanns der Mutter Gottes und des himmlischen Patrons der ganzen Kirche begangen, ja bis zum dem Punkt, dass der Selige Johannes XXIII. während der Zweiten Vatikanischen Konzils verfügte, dass der Namen des Heiligen Josephs in den antiken Römischen Canon aufgenommen werde. Papst Benedikt XVI. hat dankbar die vielen frommen schriftlichen Wünsche aufgegriffen und approbiert, die von vielerlei Orten herkamen und die nun Papst Franziskus bestätigt hat, indem man die Fülle der Gemeinschaft der Heiligen betrachtet, die einst zusammen mit uns Pilger in der Welt waren und die uns nun zu Christus führen und uns mit ihm vereinen.

Unter Berücksichtigung dieses Sachverhaltes ordnet diese Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung kraft der ihr von Papst Franziskus erteilten Fakultät bereitwillig an, dass der Name des Heiligen Joseph, Bräutigam der Seligen Jungfrau Maria, von nun an in den eucharistischen Gebeten II, III und IV des Missale Romanum, editio typica tertia, nach dem Namen der Seligen Jungfrau Maria in folgender Weise hinzugefügt wird: im eucharistischen Hochgebet II: „ut cum beáta Dei Genetríce Vírgine María, beáto Ioseph, eius Sponso, beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet III: „cum beatíssima Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet IV: „cum beáta Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum Apóstolis“.

Was die in lateinischer Sprache verfassten Texte betrifft, so werden diese Formeln benutzt, die von nun an als „typisch“ deklariert werden. Die Kongregation wird sich im Folgenden selber um die Übersetzungen in die am meisten gebrauchten westlichen Sprachen kümmern; diejenigen Formeln, die in anderen Sprachen abgefasst werden, müssen in Übereinstimmung mit dem Recht von den jeweiligen Bischofskonferenzen erstellt werden und vom Apostolischen Stuhl durch dieses Dikasterium rekognosziert werden.

Ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen.

Aus der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 1. Mai 2013, Heiliger Joseph, der Arbeiter.

Antonio Kard. Cañizares Llovera
Präfekt

 + Arthur Roche
Erzbischof Sekretär


Formulae quae ad nomen Sancti Joseph spectant
in Preces eucharisticas II, III et IV Missalis Romani inserendae,
linguis anglica, hispanica, italica, lusitana, gallica, germanica et polonica exaratae

Probatum

Ex aedibus Congregationis de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, die 1 mensis Maii 2013.

+ Arturus Roche
Archiepiscopus a Secretis

Anglice

In Eucharistic Prayer II:
that with the Blessed Virgin Mary, Mother of God, with blessed Joseph, her Spouse, with the blessed Apostles…“;

In Eucharistic Prayer III:
„with the most Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, with your blessed Apostles and glorious Martyrs…“;

In Eucharistic Prayer IV:
„with the Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, and with your Apostles…“.

Hispanice

En la Plegaria eucarística II:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y…»;

En la Plegaria eucarística III:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y los mártires…»;

En la Plegaria eucarística IV:
«con María, la Virgen Madre de Dios, con su esposo san José, con los apóstoles y los santos…».

Italice

Nella Preghiera eucaristica II:
«insieme con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…»;

Nella Preghiera eucaristica III:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con i tuoi santi apostoli….»;

Nella Preghiera eucaristica IV:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…».

Lusitane

Na Oração Eucarística II:
com a Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística III:
com a Virgem Santa Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística IV:
com a bem-aventurada, Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os Apóstolos…“.

Gallice

Dans la Prière eucharistique II:
« avec la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique III:« auprès de la Verge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu,avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique IV:
« auprès de la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, auprès de saint Joseph, son époux, des Apôtres … ».

Germanice

Eucharistisches Hochgebet II:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, dem seligen Joseph, ihrem Bräutigammit deinen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet III:
mit der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen heiligen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet IV:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen Aposteln…„.

Polonice

II Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Bogurodzicą Dziewicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

III Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

IV Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, z Apostołami…».

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Quelle

DIE HEILIGSPRECHUNG JOHANNES XXIII. UND JOHANNES PAUL II.

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Siehe dazu auch folgende Dokumente:

Johannes XXIII. und Johannes Paul II: zwei heilige Päpste, zwei marianische Heilige

(Nachträglich – zur Dokumentation:)

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Johannes Paul II. und Johannes XXIII.

Worte des Prälaten des Opus Dei, Mons. Javier Echevarría,
vor der Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ist ein großes kirchliches Ereignis und ein Zeichen der Hoffnung für die Welt, denn wo Heiligkeit blüht, haben Krisen nicht das letzte Wort.

Wenn es Heiligkeit gibt, existiert ein festes Fundament, auf dem sich Zukunft aufbauen lässt. Im Christentum, und ganz besonders in den Heiligen, finden wir Antworten auf die tiefsten Probleme des Menschen und der Gesellschaft, die ihren Ursprung häufig darin haben, dass sie sich von Gott entfernt haben.

Ein starkes Motiv für unsere Dankbarkeit gegenüber Gott liegt darin, dass wir sehen konnten, wie während der letzten Jahrzehnte (in denen so viel von wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, sozialen, religiösen “Krisen” gesprochen wurde) die Kirche von der Heiligkeit geführt wurde, das heißt, durch heilige Menschen: zwei der drei schon verstorbenen Päpste (Johannes XXIII. und Johannes Paul II.) werden diesen Sonntag [27.4.2014] heilig gesprochen werden, und der Seligsprechungsprozess für den dritten (Paul VI.) ist bereits sehr weit fortgeschritten.

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Johannes XXIII. bei seinem Besuch in Loreto

Johannes XXIII. ist vor allem jener Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat. Als Nachfolger Petri hat er die Kirche mit fester und väterlicher Hand zu dieser außerordentlichen Glaubenserfahrung und zur persönlichen sowie gemeinschaftlichen Erneuerung geführt, die dieses kirchliche Ereignis war und ist: es ging darum, zum Herzen des Menschen unserer Zeit zu sprechen, wie es die Konstitution Gaudium et Spes unterstrich. Papst Roncalli trug dazu bei, die Berufung zur Heiligkeit direkt in den Ursprung des Christseins zu legen. Wir können ihn heute als Fürsprecher anrufen, um den Herrn zu bitten, dass Er diese durch das 2. Vatikanum verkündete Wahrheit tief in das Gewissen jeder Christin und jedes Christen einsenkt: dass die Heiligkeit von jedem Christen erreicht werden kann und nicht ein Lebensziel für einige wenige Privilegierte darstellt.

Für die Menschheit ist Johannes XXIII. auch der Papst des Friedens, denn in einem sehr heiklen historischen Augenblick zweifelte er – nach dem Beispiel seiner Vorgänger – nicht daran, welche die geeigneten Mittel sind, um den Krieg zu verhindern, indem er seine moralische und religiöse Autorität in die Ausarbeitung einer universellen Lehre über die Voraussetzungen des Friedens und über die Würde des Menschen einbrachte.

Johannes Paul II. liebte als Priester Gott und die nach dem Bild Gottes in Christus geschaffenen Menschen. Angetrieben von der Nächstenliebe rief er die ganze Kirche zu einer “Neuevangelisierung” auf und hob dabei die Rolle hervor, die den Laien bei dieser Aufgabe zukommt, Gott im Leben der Menschen und der Völker zu vergegenwärtigen. Während der Jahre seines Pontifikates sind wir tiefer und mit neuem Licht in die Güte und Barmherzigkeit Gottes eingedrungen. Seine Worte, seine Gesten, seine Schriften, seine persönliche Hingabe – ob als Gesunder oder Kranker – waren die Wege, deren sich der Heilige Geist bediente, um sehr viele Menschen an die Quelle der Gnade heranzuführen und auch dafür, dass Tausende Jugendliche auf den Ruf Christi zum Priestertum, zum Ordensleben, zur Ehe und zum apostolischen Zölibat im Laienstand mit Zustimmung antworteten.

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Johannes Paul II. in Fatima

Der polnische Papst führte uns vom zweiten ins dritte Jahrtausend, er hinterließ uns ein eindrucksvolles Erbe über die Würde der menschlichen Person, über den Wert des Lebens und der Familie, über den Dienst an den Armen und Notleidenden, über die Förderung der Rechte der Arbeiter, über die menschliche Liebe und die Würde der Frau, und über so viele andere für die Entwicklung einer Existenz in Würde entscheidende Aspekte. Seine Schriften und seine Ansprachen bilden insgesamt ein Lehrgebäude von großer Bedeutung für die Zukunft. Ich bin überzeugt, dass seine gesellschaftliche und menschliche Botschaft – die aus einer tiefen Gott gegebenen geistlichen Antwort hervorgeht – im Laufe der Zeit noch eine riesige Bedeutung erlangen wird.

Die Heiligsprechung dieser zwei großen Hirten erfolgt an den Pforten des Monats Mai, dem Monat Mariens. Die zärtliche und tiefe Liebe zur Jungfrau Maria ist diesen zwei neuen Heiligen gemeinsam. Johannes XXIII. suchte häufig Zuflucht bei der “universellen Mutterschaft” der Jungfrau, “der gemeinsamen Mutter, Haupt aller Menschen, der Geschwister Christi, des Erstgeborenen selbst” (12. Oktober 1961). In Johannes Paul II. stellte das Bewusstsein der Nähe und der Fürsprache unserer Mutter einen beständigen Anziehungspol auf seinem eigenen spirituellen und menschlichen Weg dar, und er lud die anderen dazu ein, die “marianische Dimension” der Jünger Christi zu entdecken. Die Kindschaft der Heiligsten Jungfrau gegenüber, – sagte er – ist “ein Geschenk, das Christus selbst jedem Menschen persönlich macht” (vgl. Redemptoris Mater, Nr. 45).

Die Heiligste Jungfrau nimmt einen hervorragenden Platz im geistlichen Leben eines jeden Gläubigen ein, aber auch bei der Errichtung der Kirche selbst. Daher erinnere ich im Zusammenhang mit den Heiligsprechungen am Sonntag gerne an die Worte des hl. Josefmaria Escrivá de Balaguer: “Es ist kaum möglich, die Gottesmutter wirklich zu verehren, ohne sich den übrigen Gliedern des mystischen Leibes enger verbunden zu fühlen, enger verbunden auch mit dem sichtbaren Haupt dieses Leibes, dem Papst. Deshalb wiederhole ich gern: omnes cum Petro ad Iesum per Mariam, alle mit Petrus zu Jesus durch Maria!” (Christus begegnen, Nr. 139). Es macht mir Freude, dass es Papst Franziskus, gleichfalls ein marianischer Papst, ist, der den Entschluss zu diesen zwei Heiligsprechungen gefasst hat. Alle drei haben bewiesen, dass der Inhalt der Liebe nicht nur menschlich ist, sondern dass es darum geht, den anderen Christus zu geben, was die heilige Maria zum Dienst an der ganzen Menschheit vollführte.

In Kürze werden wir uns daran gewöhnen, uns an diese zwei Hirten als dem heiligen Johannes XXIII. und dem hl. Johannes Paul II. zu wenden. Indem Papst Franziskus, der Stellvertreter Christi, sie heiligspricht, hilft er uns zu sehen, dass für Gott Angelo Roncalli und Karol Wojtyla vor allem zwei heilige Menschen sind: Heiligkeit als fundamentaler Faktor im Leben eines jeden Mannes, einer jeden Frau. Der heilige Johannes XXIII. und der heilige Johannes Paul II. waren zwei Priester von großer Herzlichkeit, von brennender Liebe zu Gott und zu allen menschlichen Geschöpfen. Heilige aus einem Guss, geeint durch eine zärtliche Liebe zu Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter.

+Javier Echevarría

Prälat des Opus Dei

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Quelle

Siehe dazu auch:

JOHANNES XXIII.: GOTTVERTRAUEN UND MENSCHENLIEBE (2)

gottvertrauen-und-menschenliebe-072470151(Fortsetzung des 1. Teils)

5. Selbstbewusstsein durch Gehorsam

Wenn in dem gesamten Kapitel die spirituellen Leitlinien Roncallis skizziert werden sollen, so steht der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes immer an erster Stelle. Doch dieser Gehorsam macht Roncalli nicht willenlos und ängstlich, sondern kraftvoll und selbstbewusst. Die Sicherheit des Gehorsams öffnete ihm die Kraft zur Gestaltung. Wer wie Roncalli einen sicheren Zielpunkt hat, dem braucht vor nichts bange zu sein. Für ihn ist es das Paradies,  »das mich erwartet«¹⁸⁴, so sicher und selbstbewusst kann Roncalli das als Papst sagen. Da redet keiner, der unsicher und zögerlich ist, das spricht ein Wissender: »Ich bin zur Seligkeit des Himmels berufen«¹⁸⁵, konnte schon  der junge Seminarist Roncalli von sich sagen.  Vor einem solchen »In omnibus respice finem« brauchte es ihn nicht über die Widrigkeiten und Aufgeregtheiten des Alltags schaudern, sondern er konnte mit erhobenem Haupt die Notwendigkeiten bewerten. Wenn hier Wolfgang Seibel von »charismatischer Sicherheit  des Glaubens«¹⁸⁶  spricht, meint das  vor allem das Charisma, das von einer solchen Sicherheit des Glaubens ausstrahlt.

Und diese Sicherheit ist frappant. Wie sagte er bei seinen Exerzitien zur Vorbereitung auf die Bischofsweihe: »Ich habe nicht nach diesem neuen Amt getrachtet und es mir auch nicht gewünscht. Doch der Herr hat mich mit  so offensichtlichen Zeichen seines Willens dazu auserwählt, dass jede Weigerung eine schwere Schuld bedeuten würde.«¹⁸⁷ Und als Antwort  zu den Glückwünschen  zu seinem 80. Geburtstag: »Dem Lob und den Wünschen der Menschen ziehe ich die Barmherzigkeit des Herrn vor, der mich für eine derartig große Aufgabe auserwählt hat, dass ich bete, er möge mich bis an das Ende  meines Lebens stützen.«¹⁸⁸

Eine solche, fast überbordende Sicherheit schuf eine Selbstsicherheit und ein Selbstbewusstsein, das Roncalli auch gelassen eine so schwierige Aufgabe wie die eines Papstes tragen lassen konnte. Aber es war kein Selbstbewusstsein gleichsam aus sich selbst heraus, sondern ein durch den Gehorsam gegenüber dem Plan Gottes  geschenktes. Indem er sich vor Gott zu einem Nichts  machte¹⁸⁹, wurde er mit einer Kraft versehen, die »charismatische Sicherheit« signalisierte. Demut vor Gott, nicht vor den Menschen. Einen charakteristischen Satz hierzu schreibt schon der junge Seminarist: »Der Mensch ist nie so groß, als wenn er kniet.«¹⁹⁰

Roncalli baut nicht auf seine Kraft, sondern auf Gottes Kraft, lässt sich von ihr inspirieren, lässt sich von ihr Kraft zuweisen: »Denn ich habe keinerlei Vertrauen  zu  mir  selbst,  aber  volles  Vertrauen  in  den  Herrn  Jesus.«¹⁹¹ In der Konsequenz heißt der Satz aber, nur volles Vertrauen in Gott zu haben, bedeutet volles Zu- trauen zu sich selbst haben zu können. Hannah Arendt bemerkt zum Roncalli des Geistlichen Tagesbuches, »denn allen ›Gewissenserforschungen‹ zum Trotz hatte er keinerlei Neigung zur Selbstkritik.«¹⁹²  Ist das Vertrauen und Zutrauen da, dann ist kein Platz zur Selbstkritik und zu Selbstzweifeln. So schreibt er 1957 an seine Nichte Giuseppina: »Aus Deinen Worten entnehme ich, dass Du gegen innere und äußere Schwierigkeiten anzukämpfen hast. Lass Dich nicht betrüben: keine zu hohe Selbsteinschätzung und Misstrauen sich selbst gegenüber, bereit sein, demütig die Schwäche, sobald man sie bemerkt, auf sich zu nehmen; aber halte Dich nie dabei auf, über Dich nachzugrübeln: Ein Akt tiefer Demut hilft uns immer weiter. Und außerdem großes, unendliches, liebevolles Vertrauen auf den Herrn und dann unverzüglich die gute  Arbeit unbeschwert wieder aufnehmen.«¹⁹³ Vom »aber halte Dich nie dabei auf, über Dich nachzugrübeln«, ist es nicht weit zum bekannten  Ausspruch  Johannes XXIII.: »Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!«¹⁹⁴ Aber auch hier gilt für Roncalli, dass ihm diese Leichtigkeit keine Legitimation für ein Nichtstun oder ein schlampiges Tun gewährte, im Gegenteil, es zwang ihn vielmehr, die ihm gestellte Arbeit zu verrichten, aber eben ohne Verbissenheit: »Alle Unternehmungen, an denen ich in diesem Jahr mitwirkte (schreibt der Bischofssekretär Roncalli 1912, Ko.), sollen, soweit mein großer oder kleiner Beitrag reicht, so geprägt sein: alles für den Herrn und im Herrn. Viel Begeisterung, aber keinerlei Sorgen um den größeren oder kleineren Erfolg. Ich werde mich an die Aufgabe machen, als wenn alles von mir abhinge und als ob ich selbst überhaupt ohne Bedeutung wäre.«¹⁹⁵

Eine solche selbstbewusste Gelassenheit musste nicht nur Auswirkungen auf die Einschätzung der eigenen Arbeit und Aufgabe nach sich ziehen, sondern legt auch die Wege für die Zusammenarbeit mit anderen. Man braucht sich nicht mehr so wichtig zu nehmen, um alles selbst machen zu müssen: »Um besser voranzu-kommen und meiner Arbeit und meinem ganzen Programm gute Entfaltung zu sichern, will ich mich an die Regel des hl. Gregor halten, d.h.: ich werde andere arbeiten lassen und nicht alles selber erledigen wollen! ›Die Untergebenen sollen die Dinge von geringerer Wichtigkeit erledigen, die Leitenden sollen das Ganze durchdenken, damit das Auge, das die künftigen Schritte dirigiert, nicht durch Sorge um den Staub getrübt wird‹.«¹⁹⁶ Hier sind  schon Leitlinien einer  Management- und Selbstmanagementkonzeption grundgelegt, die einem unbedingten Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes entspringen. In dieser scheinbar widersprüchlichen Dialektik liegt die Sicherheit und das Selbstbewusstsein Roncallis begründet. Nichts von sich aus, sondern alles von Gott. »Versteht, um Jesus zu lieben, muss man schwach sein, ohne Wünsche und ohne Tugenden, denn dann erst kann seine verzehrende und verwandelnde  Liebe an uns wirken.«¹⁹⁷ Oder wie es Hannah Arendt treffend formulierte: »Es war ohne Zweifel diese ›Armut im Geiste‹, die ihn ›vor Ängsten und lästigen Konflikten‹ bewahrte und ihm ›Kraft zu dem Wagemut des Einfachen‹ gab.«¹⁹⁸

6. Freiheit durch Gehorsam

Wir konnten schon des Öfteren aufzeigen, dass die radikale Unterordnung Roncallis unter die Kirche seinen Gehorsam in Christus widerspiegelte. »Der Gehorsam aber erzeugt den Frieden, der gewiss nicht als Befreiung von eigener Verantwortung zu verstehen ist, sondern im Gegenteil als Freiheit zu unbeschränktem Engagement. Nicht von ungefähr schreibt er 1928 aus Sofia: ›Es ist nichts Heroisches in all dem, was mir widerfahren ist und was ich geglaubt habe, tun zu müssen. Wenn man erst einmal auf alles verzichtet hat, wirklich auf alles, dann wird aller Wagemut die einfachste und natürlichste Sache der Welt‹.«¹⁹⁹

Wer also für sich selbst nichts erstrebt, hat mutig die Freiheit, das zu tun und zu fordern, was Gottes Plan für einen vorsieht. Rücksichten auf Zweitrangiges braucht es nicht. Wer wie Roncalli eine solche Freiheit empfindet, braucht sich nicht hinter starren Formeln oder starren Strukturen zu verstecken, sondern kann seinen – Gottes Weg – gehen. Vorschriften sind zum Wohle der Menschen da, nicht umgekehrt: »Eines Tages teilte man Roncalli mit, in einem Krankenhaus (während seiner Zeit in Sofia, Ko.) liege eine orthodoxe Frau im Sterben, und es finde sich kein Priester ihrer Kirche, der ihr die Sakramente spenden könne. Der Ordensmann bat Roncalli um die Erlaubnis, Beichte zu hören. Dieser antwortete: ›Danach darfst du mich nicht fragen; denn du weißt sehr wohl, dass ich sie dir nicht geben kann. Jetzt aber schnell, geh und lass  sie bei dir beichten, damit sie in Frieden sterben kann!‹«²⁰⁰

Auch und gerade eine Institution wie die Kirche braucht klare Vorschriften, um die Botschaft Christi authentisch weitergeben zu können, aber sie braucht auch die Freiheit des weiten und liebenden Blicks, um nicht zu erstarren. So resümierte Roncalli anlässlich des Todes Pius’ XII., also wenige Tage vor der eigenen Wahl zum Papst: »Wir sind hier auf Erden, nicht um ein Museum zu bewachen, sondern um einen blühenden Garten voller Leben zu kultivieren, dem eine herrliche Zukunft vorherbestimmt ist.«²⁰¹  Hier zeigt sich die wahre  Größe und Freiheit eines Christenmenschen, eine Freiheit, die erst befähigt und ermöglicht wird durch die Treue und den Gehorsam gegenüber dem Auftrag Christi, verifiziert in seiner Kirche.

Und trotzdem ist es erstaunlich: Roncalli war keiner, der die Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen suchte als selbsternanntes »Schwert Gottes«, es gab für ihn nicht das kämpferische Entweder-oder, sondern es gab nur den einen Weg, eben den Weg Gottes, der sich schon seinen Weg bahnen wird, wenn man ihm seine Zeit lässt. Deutlich begegnet uns hier wieder der Blick des Historikers!  Selbstredend hat das alles nichts mit einem Relativismus zu tun, viel aber mit der Freiheit, zwischen Irrtum und Irrendem unterscheiden zu können, also mit der Güte und Gelassenheit, Menschen jeweiliger Provenienz begegnen zu können, und der Sicherheit, dass sich die Wahrheit letztlich selbst ihren Weg bahnt. Nur so ist die Dialektik im Handeln Roncallis erklärbar, wenn er auf der einen Seite sagt: »Wenn ihr seht, dass das Verlangen nach irgend etwas euch ein wenig Kummer und sich zu sehr bemerkbar macht, dann gebt es auf und vertraut euch einfach dem Willen Gottes  an«²⁰², aber auf der anderen Seite gegen alle Widerstände  die Möglichkeit eines solchen großes Reformprojekts wie das eines Konzils nahezu alleine erkämpft. Er kannte eben seine Grenzen, aber auch die grenzensprengende Macht und Freiheit, die in der Gewissheit Gottes gründet. So fühlte er sich bei seinen Bemühungen um das Konzil tatsächlich nicht alleine, sondern erkannte klar die Gewissheit, Gottes Weg gehen zu müssen, trotz mannigfaltigen Vorbehalten und Kritik  gerade aus  den  eigenen Reihen.²⁰³ So gesehen wusste Roncalli, dass seine Grenzen nicht die Grenzen Gottes waren. Die Klugheit, das zu erkennen, befähigte ihn zur Freiheit, die eigenen Grenzen überwinden zu können. Und auch hier half ihm sein »In omnibus respice finem.« So zum Beispiel, als er einem jungen Priester den Rat gab: »Mein lieber Sohn, mach dir doch nicht so viele Sorgen. Du kannst versichert sein, dass dich Jesus beim Jüngsten Gericht nicht fragen wird: Und wie bist du mit dem Heiligen Offizium ausgekommen?«²⁰⁴ Ein solcher Blickwinkel gibt die Chance, Grenzen und festgefahrene Strukturen zu überwinden. »Daher muss ich mich mit dem Gedanken an den Tod vertraut machen, und zwar so, dass mein Leben dadurch noch fröhlicher, noch beweglicher und arbeitsamer  wird.«²⁰⁵ Noch beweglicher zu werden, heißt dann auch, ausgetretene Pfade zu  verlassen, wenn man die Notwendigkeit wahrnimmt und sei es, eine solch große Aufgabe wie ein Reformkonzil zu wagen. Nicht nur bei den großen Fragen ermöglichte ihm eine solche Haltung andere Weg einzuschlagen, sondern auch in den Modalitäten der Umsetzung, gerade auch beim Konzil: »In nicht seltenen Fällen erhob Johannes XXIII. dabei Prälaten in einflussreiche Positionen, von denen er wissen musste, dass sie den Plänen, die er in seinem Pontifikat zu verwirklichen suchte, keine aktive Unterstützung zollen würden. Er hat die sich daraus ergebenden Hemmnisse und sogar scheinbare Widersprüche in seiner eigenen Haltung nicht nur in Kauf genommen und für unvermeidlich angesehen, sondern in gewisser Weise bejaht. (…) In seinen Entscheidungen ging der Papst über alle taktischen Erwägungen weit hinaus. Gerade in wichtigen Fragen verzichtete er bisweilen offenbar bewusst auf eigene Führung und ließ die Zeit ihr Werk tun. Wenn es ihm auf etwas wirklich ankam, war er jedoch unerschütterlich. Die Kurie bekam er niemals ganz in die Hand, wollte er wohl auch gar nicht; maßgebliche Initiativen entwickelte er unabhängig von ihr.«²⁰⁶

Man sollte sich also nicht täuschen und Geduld und Vertrauen in Gottes Bahn mit Führungsschwäche, gar mit Orientierungslosigkeit gleichsetzen. »Wer alles Heil von einer straffen Führung, von der perfekten Organisation und von klaren und scharfen Definitionen erwartet, konnte diesem geduldigen und gläubigen Optimismus kein Verständnis entgegenbringen und musste meinen, dem Papst sei die Führung entglitten. Er selbst täuschte sich auch nicht darüber, wie leicht seine zielbewusste Geduld missverstanden werden konnte. So sagte er einmal: ›Oft ist diese Demut Schweigen; oft mag diese Milde wie Schwäche erscheinen. In Wirklichkeit ist es Charakterstärke und eine hohe Würde im Leben; es ist Zeichen eines sicheren Wertes‹.«²⁰⁷

Wer ein solch sicheres Fundament hat, braucht keine Vorschriften, um zu führen. So sah es Roncalli schon als junger Seminardirektor in Bergamo in seinem Verhältnis zu den Studenten:  »keine strenge Maßnahmen, keine fordernde Autorität,  keine  Polizeimethoden. Sie müssen Vertrauen fühlen, keine Zügel.«²⁰⁸ Sich die Freiheit für eine solche Führung zu geben, »ist die Frucht des charismatischen, gläubigen Gehorsams, aus dem  Johannes XXIII. lebte.«²⁰⁹ »Man  soll immer die Würde dessen respektieren, der vor einem steht, und vor allem die Freiheit eines jeden Menschen. Gott selbst hält es so!«²¹⁰

Es ist doch erstaunlich, dass ein Mann der Kirche wie Roncalli, der zudem noch den Gehorsam an so zentraler Stelle nicht nur seines Bischofsspruches platziert, immer wieder so intensiv von der Freiheit des Menschen und von der Respek- tierung dieser Freiheit reden konnte. Und doch ist es so, dass gerade er, der selbst die Freiheit aus dem Gehorsam erfahren hatte, fähig wurde, sowohl für sich die Freiheit anzunehmen, scheinbare, von Menschen gemachte Grenzen, zu über- springen, als auch für andere die Freiheit als Zentraltopos menschlichen Lebens anzuerkennen. Mit seinem Amtsverständnis als Bischof brachte er das mit dem Bild eines Vaters in Einklang, »der seine Söhne gewähren lässt (und sicherlich auch seine Töchter, Ko.), der sich nicht aufdrängt, wohl aber darüber wacht, dass die Freiheit für die notwendigen Auseinandersetzungen geschaffen und gewahrt wird.«²¹¹

»Voluntas Dei pax nostra« – Der Wille Gottes ist unser Friede, dieser Leitspruch sollte als Leitlinie Angelo Roncallis gekennzeichnet werden. Die Unterwerfung unter diesen Willen Gottes schuf bei Roncalli keine enge, gar ängstliche Verzagtheit oder Unmündigkeit, sondern diese Unterordnung gab ihm die Kraft und die Sicherheit, mutig verkrustete Strukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Und das sowohl für sein eigenes (Glaubens-)Leben, als auch für die Verantwortungsbereiche, die ihm übertragen wurden. Er spürte die Last solch neuer Wege, doch er wusste auch, dass es nicht seine Wege waren, die er ging, sondern die Wege Gottes. Im tiefen Gottvertrauen konnte er das Psalmwort sagen: »Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.«²¹²

IV. Soweit möglich: Umsetzungen

Roncalli gab sich nicht nur und hatte nicht nur Leitlinien, auch und gerade für sein spirituelles Leben, sondern er kämpfte regelrecht mit sich, diese Leitlinien zur Umsetzungen zu bringen. Und er versuchte das nicht nur, sondern er begleitete seine Bemühungen reflektierend in seinem »Geistlichen Tagebuch« und lässt seine Leser – nach Erlaubnis zur Veröffentlichung – an seinen Fort- und Rückschritten, an seinen Hoffnungen und Frustrationen teilnehmen. Dabei ist es gerade das Tagebuch, das er als Medium der Vergewisserung vor allem bei den jährlichen Exerzitien zum Festhalten seiner Vorsätze und retrospektiv zur Überprüfung seiner Erfolge und Misserfolge nutzt, für Roncalli die entscheidende Möglichkeit »dran« zu bleiben bei den Umsetzungsbemühungen seiner Leitlinien. Er baut sich mit dem Tagebuch eine äußerst moderne Form des »reporting« auf, wissend, dass eine Sache sich leicht verflüchtigt, wenn sie keinen reflektierbaren Ort hat. Sein »Giornale dell’Anima«, wie es im italienischen Original heißt, beginnt Roncalli schon im Jahre 1895, als er kaum 14 Jahre alt war, und es endet im Jahre 1962, als Roncalli als Papst schon 81 Jahre erreicht hatte, wenige Monate vor seinem Tod. Solchermaßen begleitet das »Tagebuch der Seele« Roncalli fast 70 Jahre, also praktisch sein gesamtes Leben. Das Giornale ist aber kein Buch, das Roncalli von vorn herein für die Nachwelt schreiben wollte, sondern er nimmt es sich meistens im jährlichen Rhythmus immer wieder vor, um Rückschau zu halten und nach den geistlichen Übungen seine Schlüsse und Bemühungen für das nächste Jahr zu ziehen. Und immer wieder verzeichnet Roncalli sein Ungenügen mit seinen Fortschritten, und immer wieder hadert er mit seinen zu geringen Erfolgen bei den Umsetzungsbemühungen. Aber er gibt nicht auf, und er gibt nicht auf bis ins hohe Alter, bis zu seinem Tod. So gesehen war Roncalli sich bewusst, dass seine Leitlinien, die für ihn handlungsleitend sicher und fest waren, in der täglichen Anwendung aber einen immerwährenden Kampf bedeuteten: Ein Kampf mit den Widerständen des Alltags, mit den eigenen Begrenztheiten. Aber gerade diese Auseinandersetzung macht es für den Leser des Tagesbuches so spannend, zu sehen und nachzuvollziehen, wie es Roncalli gelingt, sich immer wieder auf der Grundlage seiner  Leitlinien neu auszurichten, ob im Knabenalter oder als Papst. Hier schreibt eben keiner, der für die Nachwelt »Eindruck schinden« wollte, sondern jemand, der weiß, dass die Gnade des Glaubens einer kontinuierlichen, permanenten und konsequenten Reflexion bedarf, um als Handlungsanleitung nicht im Alltag zu versickern, sondern gerade im Alltag Anwendung zu finden.

Wenn hier von Umsetzungen gesprochen wird, dann in dem Sinn, dass Roncalli sich aufgrund seines Wissens um die täglichen Anfechtungen eine Art Lebenslernprogramm verordnete, das in seinem Sinne nur ein geistliches Lebenslernprogramm sein konnte. Dieses Lebenslernprogramm umfasst die großen Linien der eigenen Heiligung bis hin zu den scheinbar unwichtigen Fragen der täglichen Lebensgestaltung, ja sogar bis zur Frage der Nahrungsaufnahme, aber immer »inquantum possum« – soweit ich es vermag, wie Roncalli 1924 in seinem Tagebuch vermerkt. Und wir werden sehen, dass gerade das »inquantum possum« so kennzeichnend für das Lebenslernprogramm ist: die Stetigkeit, auch angesichts der Misserfolge nicht nachzulassen, aber auch das völlige Fehlen einer »Prinzipienreiterei«, ja eben das Biegen, nicht das Brechen.

Und genau deshalb ist dieses Lebenslernprogramm für die Menschen unserer heutigen Zeit so interessant: Da kämpft ein Zeitgenosse um sein geistliches Leben, ja um seine Heiligung, und lässt über sein Journal Menschen daran teilnehmen, aber es geht bei ihm ohne (abschreckende) Genialität. Da zeigt sich einer ohne gleich als »Heiliger« identifiziert werden zu können, da bemüht sich einer, der in seiner Alltäglichkeit beispielgebend sein kann. Es scheint, als wäre er nur dann wirklich konsequent, wenn es darum geht, seine Inkonsequenz immer wieder konsequent von Neuem anzugehen. Das schafft für Menschen unserer Zeit Nähe und Verständnis, deshalb ist das Lebenslernprogramm Roncallis so lebensdienlich für die Menschen unserer Zeit.

1. Lebenslernprogramm: Einfachheit

Wenn gesagt wurde, Roncalli ginge Genialität ab, so bezieht sich das auf asketische oder theologisch-intellektuelle Leistungen. Er war weder ein exzellenter Theologe noch ein verklärter weltentsagender Asket. Roncalli war scheinbar die gelebte Alltäglichkeit, letztlich ein Mensch wie du und ich.

Doch diesem alltäglichen Menschen wohnte eine Fähigkeit inne – wenn man so will: seine Genialität –, alle Dinge, Probleme, Notwendigkeiten komplexitäts-reduzierend auf ihren Kern bis in ihre letzte Vereinfachung hinein zurückzuführen. Diese Komplexitätsreduktion ist es auch, die ihn bei Zeitgenossen (und das bezieht sich durchaus auch auf Repräsentanten der Kurie) als naiv und einfältig erschienen ließ. Doch es wäre nicht Roncalli, wenn er nicht mit diesen Eindrücken fast kokettierend spielen würde, so wie bei seiner Ernennung für den wichtigen Posten eines Nuntius in Paris, als er gesagt haben soll: »Wenn die Pferde  nicht mehr können, nimmt man Esel.«²¹³

Doch darf man sich nicht täuschen lassen: Die Einfachheit Roncallis hat nichts mit Einfältigkeit zu tun. Denn seine Einfachheit ist ein bewusster Prozess und eine bewusste Entscheidung, immer wieder – auch und gerade in seinem Tagebuch – reflektiert. Für ihn heißt diese Einfachheit die Rückführung auf einen Fixpunkt: »Tu autem, o homo Dei – du aber Mann Gottes, habe Mut, wirf alle Sorgen und dein ganzes Vertrauen auf den Herrn und  lass Dich führen wie ein Kind«²¹⁴  Dieses Führenlassen wie ein Kind ist seine Reduktion als Grundlage für sein Lebenslernprogramm. Ein solches Führenlassen ist für Roncalli so einfach und konsequent, dass es von außen als naiv, wenn nicht gar als dumm erscheint. Wie anders ist es zu deuten, wenn er von sich lapidar sagt: »Man denkt und sagt, ich sei ein Trottel«²¹⁵. Mit diesem latenten Vorwurf wird Roncalli sein ganzes Leben konfrontiert sein – die Kurie wird den Papst Johannes XXIII. nicht viel anders gesehen haben.

Doch wenn man den Satz Roncallis vom Führenlassen noch einmal genauer liest, dann sieht man, dass eine solche Vereinfachung nichts mit dummer Naivität zu tun hat, sondern ganz im Gegenteil mit Mut: »Habe Mut«, sagt Roncalli. Zu solch einem Akt des Vertrauens muss man sich trauen, es ist ein Schritt des Mutes deshalb, weil er von den üblichen Gewissheiten ins Ungewisse führt, mit der Gefahr, von seinen Mitmenschen belächelt zu werden, wie es eben auch Roncalli ergangen ist.

Eine der interessantesten Eintragungen in sein Tagebuch – ich erwähnte es in anderem Zusammenhang schon einmal – nimmt Johannes XXIII. am 13. August 1961 vor, einem schicksalsschweren Tag mit dem Bau der Berliner Mauer, der ein gewaltiger Schritt hin vom Kalten Krieg zum offenen Krieg hätte werden können. Johannes hält in diesen Tagen seine geistliche Einkehr in Castel Gandolfo und muss von diesen Ereignissen schwer getroffen und als Papst schwer angefragt worden sein, hier richtig zu reagieren. Doch: kein direktes Wort zu dieser möglichen Kriegsprovokation, sondern Meditationen über Einfachheit und Klugheit allgemein. Johannes bemüht sich hier, sich den Mut herauszunehmen, nicht aufgescheucht und kopflos zu reagieren, sondern klug, das heißt, alle Vorgänge (und eben auch den Bau der Mauer) darauf zu reduzieren, wie der Wille Gottes in allem zu sehen und zu begreifen ist, um so die richtigen Handlungsschritte setzen zu können.

Johannes wählt für seine Überlegungen an einem solch schweren Tag die Überschrift: »Vorschläge für ein gutes Apostolat.« Und fährt dann weiter: »Alle mit Achtung, Klugheit und evangelischer Einfachheit behandeln. Man glaubt gewöhnlich und hält es für richtig, dass selbst die alltägliche Redeweise des Papstes voll von Geheimnissen und Tiefsinn sei. Dem Beispiel Jesu ist aber viel näher eine gewinnende Einfachheit, die Hand in Hand geht mit der Klugheit der Weisen und Heiligen, denen Gott beisteht. Die Einfachheit mag bei den Überklugen wenn nicht gerade Verachtung, so aber doch geringeres Ansehen finden. Darauf kommt es nicht an, nach den Überklugen soll man sich nicht richten, auch wenn sie einen durch ihr Urteil oder ihr Benehmen demütigend behandeln: alles wendet sich zu ihrem Schaden und ihrer Verwirrung. Der ›Rechtschaffene, Schlichte und Gottesfürchtige‹ ist immer der Würdigere und  Stärkere. Natürlich immer unterstützt durch weise und liebenswürdige Klugheit. Derjenige ist einfach, der sich nicht schämt, das Evangelium zu bekennen, auch vor Menschen, die es als eine Schwäche und Kinderei ansehen, es zu bekennen in seinem vollen Umfang, wo auch immer und in Gegenwart aller; derjenige ist einfach, der sich von niemand täuschen oder beeinflussen lässt, der die Seelenruhe nicht verliert, ganz gleich, wie die anderen sich gegen ihn benehmen. (…) Klug ist, wer in jeder Sache das Wesentliche erkennt und sich vom Nebensächlichen nicht hinhalten lässt; wer seine Kräfte zusammenhält und sie alle auf ein glückliches Ziel hinordnet; klug ist, wer von Beginn an bei all diesem den guten Ausgang allein von Gott erhofft, auf den er vertraut; und der auch, wenn er im Ganzen oder zum Teil erfolglos blieb, weiß, dass er recht gehandelt hat, und alles dem Willen der größeren Ehre Gottes anheimstellt.«²¹⁶

Roncalli setzte in seinem Lebensprogramm die Einfachheit zentral, eine Einfachheit, die Maß nimmt an der bedingungslosen Erfüllung des Willens Gottes in allen Bereichen. An seinen Reflexionen an einem solch entscheidungsschweren Tag sieht man deutlich, dass er bis in die Zeit als Papst hinein mit sich kämpfen muss- te, sich immer sein Koordinatensystem der Einfachheit zu vergegenwärtigen. Es fällt ihm nicht »einfach« zu, sondern er muss es sich Tag für Tag erkämpfen, und doch merkt er Tag für Tag, dass sich seine Mühe lohnt. So notiert er 1952: »Je älter ich werde, desto mehr konstatiere ich die Würde und die überwältigende Schönheit der Einfachheit sowohl im Denken wie im Tun und Reden. Es läutert sich die Tendenz heraus, alles zu vereinfachen, das verwickelt ist: alles auf die höchstmögliche Ursprünglichkeit und Klarheit zurückzuführen, ohne mich von Lappalien und künstlichen Winkelzügen in Gedanken und Worten gefangen nehmen zu lassen.  ›Simplicem esse cum prudentia – mit Klugheit einfach sein‹. Dieser Wahlspruch stammt vom heiligen Johannes Chrysostomus. Welch eine Lehre in zwei Sätzen!«²¹⁷ Und man kann hinzufügen: Welch ein Kondensat des Lebenslernprogramms Roncallis!

Es ist klug, einfach zu sein – doch eine solche Klugheit hat ihren Urgrund nicht innerweltlich, sondern im Akt der Einfachheit spiegelt sich die Wahrheit Gottes wider. Das Lexikon für Theologie und Kirche sagt das so: »Die Einfachheit des Lebens, in welcher der geschaffene Geist auf übernatürliche Weise an der Einfachheit teilnimmt, besteht darin, dass er, von den Einflüssen der Geschöpfe losgelöst, befähigt wird, Gott unmittelbar in sich selbst zu erkennen und alles in ihm und durch ihn zu erkennen und zu lieben. (…) Im Lichte der Gnade und unter dem Eindruck der vorbildlichen Einfachheit des Herrn in Leben und Lehre (Gleichnisse!)  gewinnt der Christ die Weisheit einer gott- und heilsbezogenen Schau der Wirklichkeit und die Gewissenslauterkeit, die ihn instand setzen, die Einfachheit Gottes in seinem Leben zu spiegeln, niemals ›aus der Einfachheit herauszufallen, die in Christus ist‹ (2 Kor 11,3), und durch eine alles beherrschende Liebe, welche die Fülle der sittlichen Wertantworten nicht ersetzt, sondern überformt, zu einer vollkommenen Einfachheit zu gelangen, in der alles Wertvolle mit Danksagung gebraucht, opfernd Gott dargeboten und so in die Lebensgemeinschaft mit dem Herrn hineingenommen wird.«²¹⁸

Die Einfachheit ist also nicht nur eine innerweltliche Lebenspraxis, sondern in der Einfachheit spiegelt sich auch die Wahrheit wider, nicht nur nach Seneca »simplex veri sigilium«, sondern im christlichen Sinne die Wahrheit Gottes. Diese Wahrheit Gottes – so das Lebenslernprogramm Roncallis – kann durch die Kondensierung auf ihren einfachen Urgrund gesehen werden, so dass daraus entsprechend gehandelt werden kann. Das Sich-fallen-Lassen in den Willen Gottes war Roncallis Methode, um den Zustand der Einfachheit in sich aufnehmen zu können. »Darauf kommt es an, dass ich mich von Anfang an unerschütterlich in Gottes Willen  füge«²¹⁹, notiert schon der 17-jährige als Maßgabe für sein Leben, und dieser Maßgabe wird er – immer wieder reflektierend und immer aufs Neue beginnend – ein Leben lang treu bleiben und den Nachgeborenen als sein Manifest eines Lebens und Glaubenslernprogramms weitergeben.

Doch es ist nicht nur klug, die Einfachheit des Lebens und des Glaubens zu praktizieren, klug zum Zwecke der Erkenntnis und klug zum Zwecke des Handelns, sondern die Rückführung zur Einfachheit schafft auch eine Offenheit für neues Erkennen und neues Handeln. Nur wenn ich die Vielfalt des Lebens auf seinen einfachsten Kern reduziere, kann ich von diesem Ursprung aus die Vielfalt der Wege erkennen. Das macht offen für neue Möglichkeiten und neue Lösungen. Man gibt sich durch die Strategie der Vereinfachung eine Offenheit, ohne zum Spielball der Anforderungen zu werden, da der feste Grund ja vorhanden ist. »Damit gewinnt das geistliche Leben Roncallis eine Elastizität und eine persönliche Prägung, die – ohne eine engagierte Treue zu verkleinern – in der Anpassung an die konkreten Möglichkeiten bei der Suche der Vollkommenheit auch die Freiheit hochhält.«²²⁰

Also auch hier begegnet uns das, was schon für den Gehorsam Roncallis galt: Gehorsam führt eben nicht in die Unfreiheit, sondern in die Freiheit, gegründet in der unabänderlichen Sicherheit Gottes. Ganz ähnlich ist es mit der Einfachheit, die sich Roncalli als Lebenslernprogramm verordnet hat, die nicht zur dumpfen Einfalt führt, sondern in eine Freiheit und Offenheit, die weiß, dass Gottes Wille der Urgrund jeglicher Komplexitätsreduktion darstellt. Von dort aus gesehen ist vieles möglich, ist vieles auch für Roncalli möglich: »Ich betrachte mich in allem als gehorsam und stelle fest, dass diese meine Haltung im ›Großen und Kleinen‹ meiner Kleinheit so viel Kraft kühner Einfachheit verleiht, dass sie, ganz im Geiste des Evangeliums, allgemeinen Respekt verlangt und erhält und überdies für viele Anlass zur Erbauung ist.«²²¹

Die »Kraft kühner Einfachheit« sieht also Roncalli aus seinem Lebenslernprogramm entsprießen, die »Kraft kühner Einfachheit«, die ihm den Mut und die Offenheit gibt, neue Wege zu gehen. Für Franz Michel Willam ist hierin auch die Bereitschaft Johannes’ XXIII. zu sehen, mit dem Konzil eine Aufgabe anzugehen, die ihm niemand zugetraut hätte: »Der Weg zur Aggiornamento-Idee des Zweiten Vatikanischen Konzils, den der junge Angelo Roncalli einschlug, lässt erkennen, dass ihm nicht bloß Frömmigkeit, sondern auch eine schöpferische Denkkraft hohen Grades eignete. Die Einfachheit seiner Sprache ist aber nicht die erste, sondern die ›zweite Einfachheit‹. Sie kommt, wie er selbst einmal sagt, auf dem Wege zustande, dass man komplizierte Dinge zuerst durchzudenken und dann möglichst einfach darzustellen  sich bemüht.«²²²

Die Rückführung auf die Einfachheit des Gehorsams, Gottes Willen immer und überall zu befolgen, ist zentraler Baustein im Lebenslernprogramm Roncallis. Sie macht frei und offen, und gibt Mut, neue und unerwartete Wege zu gehen. Für Michel de Kerdreux, der das Leben Roncallis in einer Wechselsicht zu Thomas von Kempen und Therese von Lisieux beschreibt, heißt das: »Das außergewöhnlich Außerordentliche an diesem Leben liegt  gerade in seiner äußersten Einfachheit.«²²³

2. Lebenslernprogramm: Integration des Kreuzes

Die Einfachheit für sich als Lebenslernprogramm auszuwählen, heißt beileibe nicht, dass ein Leben nach solchen Vorhaben einfach ist, ganz im Gegenteil: Das Leben ist oftmals hart genug, um an der Einfachheit, sein Leben in Gottes Hand zu wissen, mehr als zweifeln zu können. Und natürlich musste auch Roncalli diese Erfahrung machen. Er wusste um die dunklen Seiten des Lebens, er wusste um das Gefühl der Verlassenheit, auch und gerade um die Verlassenheit von Gottes Nähe und Geborgenheit, die feste Urgründe seiner Reduktion in die Einfachheit waren. Doch Roncalli blendete diese dunklen Seiten, sein Kreuz, nicht aus, unterdrückte das Kreuz nicht, sondern integrierte es in sein Lebenslernprogramm, akzeptierte es als Teil seines Lebens. Gerade dieser Schritt zeigt Roncalli als einen Menschen, der nicht weltfremd, gleichsam als ein Alles-ist-doch-gut-Mensch scheinbar unbehelligt durch das Leben geht, sondern Roncalli ist mit seinem Lebenslernprogramm gerade deshalb so glaubwürdig, weil er die Realität des Menschen wahrnimmt und annimmt und die Tragödie des Mensch-Seins dem Willen Gottes unterordnet, der letztlich alles zum Besten ordnet. Die Einfachheit Roncallis liegt in diesem radikalen Vertrauen auf das »letztlich«.

Dass auch Roncalli sein Kreuz zu tragen hatte, nimmt man dem immer freundlich Lächelnden nur schwer ab. Auch Roncalli sieht das so: »Wer mich von außen beurteilt, hält mich für einen ruhigen und  beständigen Arbeiter.«²²⁴ Doch seine Realität sieht anders aus: Gerade in den langen Jahren auf dem Balkan fühlt er sich oft verlassen und gedemütigt. »In den vergangenen Monaten hat mir der Herr manches auferlegt, meine Geduld zu prüfen: die mühevollen Verhandlungen über die Gründung des bulgarischen Seminars; die über fünf Jahre währende Ungewissheit, welche definitiven Aufgaben mit diesem meinem Amt verbunden sein sollen; die Ängste und die Schwierigkeiten, nicht noch mehr tun zu können, die Notwendigkeit, das Leben geradezu eines Eremiten führen zu müssen, was meiner Neigung zur Sorge für die Seelen widerstrebte; innere Unzufriedenheit, was immer noch an menschlichen Schwächen in meiner Natur ist, wenn ich es auch bisher in Zucht zu halten vermochte.«²²⁵ »Ich schaue zurück in die Bitternis meines Herzens.«²²⁶  Doch seine  Bitternis bezieht er  nicht nur auf sich, er sieht auch  das Kreuz der Anderen: »Wenn ich an das denke, was neben und um mich herum vorgeht, halte ich oft von allein auf Kalvaria inne. Dort spreche ich mit dem sterbenden Jesus und seiner Mutter und kehre dann von Kalvaria zurück zum Tabernakel, zu Jesus im Sakrament.«²²⁷

Roncalli kennt das »Kreuz des Alltags«, das Kreuz des Scheiterns und das Kreuz des Todes. Und er reagiert menschlich, das heißt, auch er zittert vor Furcht und hat Angst: »Ich zittere bei dem Gedanken, Schmerzen ertragen zu müssen, Verantwortung, Streitigkeiten, die über meine armen Kräfte gehen, aber ich vertraue auf den Herrn, ohne jeden Anspruch auf Erfolg, auf sichtbare und besondere Verdienste.«²²⁸ »Der Gedanke an ein Martyrium ängstigt mich. Ich fürchte um meine Festigkeit gegenüber körperlichen  Schmerzen.«²²⁹ Roncalli fürchtet sich nicht nur,  sondern reagiert auch zunächst entsprechend – er zieht sich zurück: »Als der Heilige Vater mich hierher schickte (in die Türkei als Apostolischer Delegat, Ko.), hob er Kardinal Sincero gegenüber ausdrücklich hervor, welchen Eindruck mein zehn Jahre langes Schweigen auf ihn gemacht habe, dass ich in Bulgarien blieb, ohne mich jemals zu beklagen oder den Wunsch nach etwas anderem auszudrücken.«²³⁰

Hier zeigt sich schon ein wichtiger Schritt gegen die Furcht und die Resignation gegenüber Widerständen: Roncalli zieht sich eben nicht definitiv verängstigt zu- rück, sondern er bleibt ruhig und akzeptiert seinen Zustand, auch wieder im siche- ren Wissen, dass letztlich Gott es zum Besten richtet. Er beklagt weder sein Kreuz permanent, noch verschweigt er es, sondern er lässt es für sich und sein Leben zu: »Ich muss und will mich daran gewöhnen, dieses Kreuz (wieder ist sein Balkan- einsatz gemeint, Ko.) mit mehr Geduld und Ruhe und innerer Gelassenheit zu tragen, als ich es bisher fertiggebracht habe.«²³¹ Er weiß um das Kreuz, und will es annehmen als Teil des Lebens, ja für ihn ist die Integration des Kreuzes zentraler Topos seines Lebenslernprogramms: »Zu leiden verstehen! Das ist die große Lebenskunst.«²³² So kann er für sich  das positive Fazit ziehen: »Ich bin wie ein Vogel,  der in einem Dornenbusch singt.«²³³ Er sieht zwar seinen Dornbusch, doch am Singen kann dieser ihn nicht hindern.

Welche Schritte zum Erlernen einer Integration des Kreuzes legt sich Roncalli zur Einübung auf? Es ist für ihn eine rationale Überlegung, sozusagen sein Schlussstein in seinem spirituellen Lebenslernprogramm: Wenn der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes seine Quelle für einen Frieden im umfassenden Sinne ist, dann verlangt die Akzeptanz des Kreuzes die letzte Stufe des Gehorsams. Das ist, was Edith Stein mit »Kreuzeswissenschaft« meint: Das Sich-fallen-Lassen in die Liebe Gottes, der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, führt logischer- weise und als rationaler Akt im letzten Schritt zum Bejahen des Kreuzes. Edith Stein spricht von der »frohen Botschaft des Kreuzes«. Die Akzeptanz des Kreuzes macht frei, um weiter singen zu können. So kann Roncalli 1947 schreiben: »die ständige Übung des Gehorsams gibt mir Mut und vertreibt alle Furcht. Es liegt dem Herrn daran, mir zu helfen. Ich preise ihn und danke ihm: ›Sein Lob ist stets in meinem Munde‹.«²³⁴ Gerade seine langen Jahre auf dem Balkan waren  für  Roncalli Lehrjahre, sein Kreuz zu akzeptieren und über diesen Schritt seinen Seelenfrieden und eine intensive Gottesnähe zu erreichen: »Bei der Einkehr vergangenen Jahres in Roustchouk (1939 in Bulgarien, Ko.) führten mich die Umstände zu einer  Vertiefung meiner Liebe zum Kreuz und zum Leiden mit Jesus, meinem Herrn und König. Durch die Gnade des Herrn war diese tiefe Besinnung nicht vergeblich. Seit damals nehme ich alle Ereignisse meines Lebens ruhiger hin, gleicherweise bereit zu den  verschiedenartigsten Dingen, Erfolgen  und Niederlagen.«²³⁵ Roncalli lernt mit dem Kreuz umzugehen, er übt es gleichsam ein. Natürlich ist auch hier sein Tagebuch ein unentbehrliches Hilfsmittel, das seine Entschlüsse bei den Exerzitien aufnimmt und es ihm im Jahresrhythmus der Exerzitien wieder fast unbarmherzig zur Reflexion vorlegt. »Beim Durchlesen der Niederschriften aus früheren Einkehrtagen habe ich Motive und Anregungen für den ›Weg zum immer mehr nahenden Ende‹ gefunden.«²³⁶

Schon früh ist das eben Angedeutete ein Anliegen Roncallis und somit ein wichtiger Teil seines Lebenslernprogramms: die Einübung und die Annahme des Kreuzes des Sterbens und des Todes. Viele Stellen im Tagebuch weisen Roncalli als einen Menschen aus, der nicht im Mindesten zweifelt, sie weisen aber auch einen Menschen aus, der sich fürchtet vor dem Sterben, ja Angst davor hat: »Ich zittere bei dem Gedanken, Schmerzen ertragen zu müssen.«²³⁷ Auch hier zeigt sich Roncalli als menschlich, hofft er doch, die umfassende Liebe Gottes im ewigen Leben erfahren zu dürfen, lässt das aber keineswegs einfließen in ein sehnsüchtiges »heiligengemäßes« Jenseitsverlangen, sondern hat real Angst vor dem Sterben. Aber es wäre nicht Roncalli, wenn er es – das Sterben lernen – nicht in sein Lebenslernprogramm mit integrieren würde und wenn er hier nicht ebenso den »menschlichen Faktor« mit berücksichtigen würde, das »Inquantum possum«. In Bezug auf sein Kreuz heißt das: »Ganz einfache Übungen«²³⁸. »Man braucht  nicht oft davon sprechen und den anderen damit lästig werden, aber immer daran denken, denn wenn das ›indicium mortis – das Gesetz des Todes‹ einem vertraut wurde, so ist es gut, es hilft die Eitelkeit auszutilgen und allem den Sinn von Maß und Ruhe zu  geben.«²³⁹ Wenn man sich wie Roncalli  den Psalm 121 klar macht: »Du nimmst mich Herr bei der Hand und führst mich nach deinem Willen«, dann ist es auch klar, dass das größte Vertrauen das Vertrauen in das Behütetsein im Sterben ist. »›In omnibus respice finem – Bei allem schau auf das Ende.‹ Das Ende nähert sich mir in dem Maße, wie die Tage meines Lebens aufeinander folgen. Ich muss mich mehr mit dem Gedanken beschäftigen, schnell und gut zu sterben als mir Träume von einem hohen Alter auszuspinnen (Roncalli ist hier 70 Jahre alt, Ko.). Aber ohne Traurigkeit, ohne viel davon zu sprechen. ›Der Wille Gottes ist unser Friede.‹ Das soll allezeit gelten, im Leben und  mehr noch im Tod.«²⁴⁰

Das ist der Zentralsatz für Roncalli und für die Grundlegung seines Lebenslernprogramms: Der Wille Gottes ist unser Friede. Und der Gehorsam gegenüber diesem Willen die Voraussetzung – gerade für die Annahme des Kreuzes: »Semper in cruce, oboedientia duce – im Kreuz allezeit, der Gehorsam gibt Geleit.«²⁴¹ Die Integration des Kreuzes in sein Lebenslernprogramm ist für Roncalli also in erster Linie eine Sache des Gehorsams. Wenn der Wille Gottes den Weg vorgibt, den ein Mensch zu gehen hat, dann braucht über den Weg nicht gezweifelt werden, nur einfach in Gehorsam und Geduld weiterzugehen, sich nicht von der Resignation übermannen zu lassen – inquantum possum –, das ist das Geheimnis Roncallis für ein Leben im umfassenden Frieden.

3. Lebenslernprogramm: Eigene Heiligung als Weltauftrag

Wenn wir in diesem Kapitel nach den Umsetzungen der Spiritualität Johannes XXIII. fragen, dann steht für ihn sicherlich an erster Stelle die Intention seiner eigenen Heiligung. Das gesamte Geistliche Tagebuch  ist von diesem Wunsch durchdrungen, die Verwirklichung seiner Berufung hat für ihn oberste Priorität. Für einen Priester seiner Zeit scheint klar: Die Entsagung dieser Welt ist Jahrhunderte lang notwendige Tradition und Voraussetzung dafür, die eigene Heiligung zu ermöglichen. Der Welt den Rücken zu zeigen, scheint der einzige Weg zu sein, auf Gott zuzugehen.

Doch die Grundlegungen seiner Spiritualität lassen Roncalli nicht haltmachen bei dieser Verinnerlichung und Weltentsagung: Roncalli ist als gläubiger Mensch auch Historiker, der für sich weiß, dass die Geschichte dieser Welt und der Menschen auch eine Geschichte der Einwirkung Gottes in und mit dieser Welt ist, diese  Welt also keine gottlose, also abwendungsbedürftige Ansammlung von Menschen ist, sondern die Welt eine Geschichte Gottes mit den Menschen impliziert, die dem Auftrag Gottes verpflichtet sind, Gottes Wirken in dieser Welt zu ermöglichen. Somit ist es für Roncalli von seinem Gottesverständnis, aber auch von seinem davon abgeleiteten Weltverständnis her unmöglich, bei der eigenen Heiligung stehenzubleiben, sondern zu seiner eigenen Heiligung gehört christushaft der Weltauftrag dazu. Eigene Heiligung und öffentlicher Auftrag gehören für ihn wesenhaft zusammen. Somit gibt Roncalli »Zeugnis für den Glauben als eine von Christus in die Geschichte eingebrachte wirkende Kraft.«²⁴²

Und für Roncalli ist auch klar, dass ein befreiender Glaube an Jesus Christus nicht heißen kann: »ich habe meinen Glauben, alles andere geht mich nichts an.« Jeder hat die Pflicht – und das zeigt Roncalli im Geistlichen Tagebuch immer wieder –, von diesem Glaube Kunde zu geben, ganz nach dem Petrusbrief mit seiner Aufforderung: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.« (1 Petr 3,15) Mit dieser Kunde ist es aber nicht getan. Denn nicht nur eine öffentliche Rede über den Glauben ist gefordert, sondern damit einhergehen muss die praktizierte Weltverantwortung des je Einzelnen. Denn: Wo sonst kann der Glaube eingelöst werden als in den menschlichen Beziehungen dieser Welt, wo sonst kann sichtbar werden, dass Gottes Geist wirkt als in dieser Welt?

Doch diese »Weltaktivität« ist für Roncalli keine blanke Diesseitigkeit, sondern es gilt für ihn immer: Nur getragen vom Gottesglauben ist es möglich, für die Aktivitäten die richtigen Maßstäbe zu finden und anzulegen. Und diese Grundlegung für das Handeln darf nicht verschleiert werden. Von daher muss man auch seine Kritik der Arbeiterpriester vor allem in Frankreich verstehen, mit denen er in seiner Zeit als Nuntius in Paris zu tun hatte. Es ging ihm auch dort um die Sichtbarmachung der inneren Sendung für das äußere Tun. So hatte er es bei seinem Bergamasker Bischof Radini-Tedeschi erlebt, und so wollte er es für sich umsetzen. Von daher ist es auch zu verstehen, dass er als Papst die Erlaubnis gab, sein Tagebuch, sein immer wieder reflektierendes Bemühen, öffentlich zu machen, sozusagen der Welt mitzuteilen, dass der Glaube in jedem einzelnen Menschen entstehen, aber im öffentlichen Miteinander gelebt werden muss. Solches Denken und Handeln ist gerade kein Rückzug aus dieser Welt, ist gerade kein Aufsuchen der Wärmeherde der weltabgewandten Versenkung, sondern solches Denken und Handeln löst die Verantwortung ein, die jedem Christen mit der gelebten Nächstenliebe anheimgegeben ist.

Ist der Blick so nach innen und außen geschärft, dann ist es auch möglich, die Zeichen der Zeit zu erkennen. So sagt Johannes XXIII. bei der Generalaudienz im März 1960: »Wichtig ist es, immer in Bewegung zu bleiben und nicht in den Spuren alter Gewohnheiten auszuruhen; wichtig ist, immer auf der Suche nach neuen Kontaktmöglichkeiten Ausschau zu halten, unaufhörlich auf der Höhe berechtigter Forderungen der Zeit zu bleiben, in der zu leben wir berufen worden sind, damit Christus auf jegliche Weise  verkündet  und erkannt werde.«²⁴³ Denn für ihn galt: »Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes.«²⁴⁴ Das ist eine zentrale Aussage   für Johannes XXIII. So kann Wolfgang Seibel sagen: »Er war der erste Papst, der ein grundsätzliches Ja zur modernen Welt als Ganzes gesprochen hat, und zwar auch zu jenen Formen und Werten, die ursprünglich in der Absage an die Kirche und ihre Lehre entstanden sind.«²⁴⁵ Eine solche Einstellung  konnte für Roncalli nur gelten, weil er eben nicht nur seine eigene Heiligung im Blick hatte, sondern auch immer ihre öffentliche und weltorientierte Einlösung. So konnte er die Zeichen der Zeit erkennen, konnte aber auch den Mut finden, »sich der veränderten Zeit anzupassen.«²⁴⁶ Deutlich formuliert Roncalli,  was er  unter Anpassung  versteht, in einer Ansprache vor der Arbeitsgemeinschaft »Studi cristiani« in Assisi am 29. August 1957: »Im Heiligen Geiste ist der Kirche eine ewige Jugendfrische eigen, eine Jugendfrische, die sie dazu befähigt, die Bedürfnisse der Menschheit aller Jahrhunderte zu erfassen und für jedes einzelne Zeitalter eine ihm angepasste – adatto – Sprache zu finden.«²⁴⁷  Und von dieser Kraft,  sich der veränderten Zeit anzupassen, war es nicht mehr weit, die Kirche der veränderten Zeit anzupassen, sprich: den Mut zum Zweiten Vatikanischen Konzil zu haben. In dieser Grundlage der eigenen Heiligung als Weltauftrag liegt die Intention des Aggiornamento, liegt die Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils insgesamt. Gleich bei seiner Ansprache zur Eröffnung des Konzils am 11. Oktober 1962 macht Johannes XXIII. das deutlich: »Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz (d.i. die Kirche, Ko.) nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert.«²⁴⁸

Johannes XXIII. verlangt von den Bischöfen, dass starke Impulse vom Konzil ausgehen, wie die Botschaft Christi ausgelegt werden kann, »wie unsere Zeit es verlangt.«²⁴⁹ So kann nur jemand reden, der in der Gewissheit seines Glaubens »furchtlos« auf die Menschen und die Welt zugeht, um am Aufbau des Reiches Gottes schon in dieser Welt mitzuwirken, wohl wissend, dass es in der Spannung von »schon jetzt« und »noch nicht« nicht erzwungen werden kann. Das meint eigene Heiligung als Weltauftrag.

Und für Johannes XXIII. geht diese eigene Heiligung als Weltauftrag bis zur Schwelle des Todes weiter, auch das eigene Sterben war für ihn eine »öffentliche Tugend«: »In der Treue zur Tradition verfällt er jedoch nicht deren Versuchung zur Privatisierung des Heils. Frömmigkeit und Dienst, die innere Haltung und das  äußere Handeln bleiben als zwei untrennbare Momente ein und derselben Berufung miteinander verwoben – bis dahin, dass das Sterben, der ins Letzte und Innerste gehende Schritt, bei Johannes XXIII. zur ›großen theologischen, pastoralen und evangelischen Predigt über den christlichen Glauben als öffentliche Tugend geworden ist, die er im Angesicht der Menschheit gehalten hat‹.«²⁵⁰

Wenn man so will, war Johannes XXIII. der erste öffentliche Papst, der die Öffentlichkeit, das heißt die Welt und die Menschen in ihrer Aufrichtigkeit akzeptierte, weil er »in der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse (…) einen verborgenen  Plan der göttlichen Vorsehung«²⁵¹ sah. Und was ziemt einem  Christen dann mehr, als in einem öffentlichen Handeln am göttlichen Heilsplan mitzuwirken?

4. Lebenslernprogramm: Von einer Stunde zur andern

Kaum ein Text eines Papstes hat so große Verbreitung bei so vielen Menschen gefunden wie der »Dekalog für jeden Tag« von Johannes XXIII. In unterschiedlicher Form ist dieser Ratgeber fester Bestandteil der helfenden Literatur.

Bei Johannes XXIII. ist dieser Dekalog aber so nicht existent, er ist eine Zusammenstellung aus seinem »Geistlichen Tagebuch«. Aber trotzdem oder gerade deswegen ist es bemerkenswert, dass solch eine Essenz des spirituell fundierten Denkens und Handelns Roncallis nahezu ins Volksbewusstsein gelangte. Das »nur für heute« ist Teil seines Lebenslernprogramms und anscheinend hilfreich für Menschen. Eine Version dieses Dekalogs sieht folgendermaßen aus:

»Die zehn guten Vorsätze aus dem Geistlichen Tagebuch von Johannes XXIII.

Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
Nur für heute werde ich die größte Sorge für mein Auftreten pflegen. Ich werde niemanden kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern. Nur mich selbst.
Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin.
Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass sich die Umstände an mich und meine Wünsche anpassen.
Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, so ist die Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen. Und ich werde es niemandem erzählen.
Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe es zu tun. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.
Nur für heute will ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: Vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.
Nur für heute werde ich fest glauben – selbst, wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten –, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.
Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben,mich an allem zu freuen, was schön ist, und an die Güte zu glauben.«²⁵²

Wahrscheinlich ist dieser Dekalog deshalb so beliebt, weil er die Menschen nicht überfordert – inquantum possum – und er keine Geniestreiche von ihnen erwartet. Aus der Alltäglichkeit heraus werden kleine Schritte – Step by Step – vorgeschlagen, die »nur für heute« zu behandeln sind. In diesem Dekalog fließt aber auch zusammen, dass die Ratschläge nicht nur innerweltlich orientiert sind, sondern Platz lassen, um von der göttlichen Fügung geführt zu werden. Diese Gelassenheit, die sich damit Bahn brechen kann, ermöglicht es, immer wieder, Tag für Tag, Stunde für Stunde, neu zu beginnen, ohne ins resignative Verzweifeln zu verfallen. Ohne die Gelassenheit, die in der Nähe Gottes wurzelt, wären diese Vorschläge nicht zu verstehen. Ähnlich der Weisheitsliteratur der biblischen Bücher nimmt Roncallis Lebenslernprogramm »Von einer Stunde zur andern« Maß an den alltäglichen Notwendigkeiten der Menschen, stellt sozusagen das Gefäß zur Verfügung, das bereit gehalten und kultiviert werden muss, um mit etwas Größerem gefüllt werden zu können. Roncalli hat sich von seinen Jugendtagen an immer wieder diesem Programm unterzogen, für ihn ein Werkzeug, sein Ziel einer Heiligung seines Lebens und seiner Existenz nicht aus dem Auge zu verlieren.

Roncallis Lebenslernprogramm »Von einer Stunde zur andern« impliziert einen Menschen, der einerseits von der Schwachheit, aber andererseits von der großen Hoffnungssehnsucht geprägt ist: Von der Schwachheit, immer wieder scheitern zu müssen, trotz oder gerade wegen des ehrlichen Bemühens, und von der großen  Hoffnungssehnsucht, vom Traum eines heilen Lebens und einer heilen Welt nicht lassen zu können und zu wollen. Ein schwaches Wesen mit großer Hoffnung, so sieht Roncalli den Menschen, so sieht Roncalli letztlich sich selbst. Und deshalb versucht er, sich zu bemühen, Tag für Tag sich nicht zu viel vorzunehmen, weil er um die Gefahr des Scheiterns weiß, aber auch nicht aufzugeben, weil er den Weg zu seiner Hoffnung kennt.

In einem Brief aus Sofia schreibt der Bischof Roncalli: »Mache keine Pläne: sondern nimm einfach die hin, die dir die Vorsehung  Tag für Tag bestimmt.«²⁵³ Tag für Tag seine Pflicht zu tun, heißt für Roncalli, Platz für die Vorsehung zu lassen. Wenn man so will, ist das modernes Managementdenken: Man muss sich ein Ziel geben, aber die einzelnen Schritte hierauf dürfen nicht so einengen, dass man die neuen Möglichkeiten nicht mehr sieht. Roncalli zieht dieses sein Lebensprinzip von Jugendbeinen an bis zu seinem Tod als Papst konsequent durch. Hier ist er konsequent, er ist sich nicht zu schade, im Tagebuch immer wieder zu vermerken, dass er seinen Vorsätzen mal wieder nicht gerecht wurde. Doch immer wieder sagt er sich selber, dass das nicht so schlimm ist (»dann soll es mich auch nicht betrüben«²⁵⁴), wichtiger sei für ihn,  Gott zu lieben und wieder »Tag für Tag« neu  anzufangen.²⁵⁵

Tag für Tag heißt für Roncalli nicht nur, von einem Tag zum andern zu leben, sondern dieses Prinzip gibt ihm auch die Chance, ganz präsent im Hier und Jetzt zu sein: »Um mich nicht zu sehr zu belasten und mich ohne Nutzen zu verwirren, darf ich nur eines tun, was mir mein geistlicher Vater auferlegt: Nicht wie der hl. Stanislaus Kostka von einem Tag zum andern zu leben, sondern wie der hl. Johannes Berchmans von einer Stunde zur anderen. Die Handlung, die ich eben jetzt zu tun habe, und nichts anderes: darauf muss ich meine ganze Sorgfalt verwenden, hier an dieser Stelle muss ich die Vollkommenheit üben.«²⁵⁶

Ganz präsent im Hier und Jetzt zu sein, ist das eine, das ihm sein Lebenslernprogramm ermöglicht, ganz offen und nicht ängstlich auf die Zukunft hin zu sein, das andere: »Daher soll mir die Vergangenheit eine gute Lehre für die Zukunft sein. Denken wir nicht von einem Tag zum andern, sondern von Stunden zu Stunde. Ich will mich von Gott in Liebe und Selbstaufopferung leiten lassen.«²⁵⁷  Die Entscheidung, im Hier und Jetzt präsent zu sein, ermöglicht es Roncalli, die Wirklichkeit und die Anforderungen des Hier und Jetzt zu erkennen und den Forderungen des Augenblicks gerecht zu werden. Gerade als Papst nutzt ihm dieser Leitgedanke und er notiert ihn auch im schon skizzierten schicksalsschwangeren und kriegsmöglichen August 1961: »Es ist nicht nötig, Phantasie und Sorge auf Zukunftsgebäude zu verwenden. Der Stellvertreter Christi weiß, was Christus von ihm will; es ist nicht nötig, dass er ihm mit Ratschlägen zuvorkommt oder ihm fertige Pläne vorlegt. Eine fundamentale Regel für das Verhalten des Papstes ist die, sich stets mit dem gegenwärtigen Zustand zu begnügen und sich nicht mit der Zukunft zu beschweren; die soll er vom Herrn erwarten, ohne darüber Berechnungen anzu- stellen und menschliche Vorsorge zu treffen.«²⁵⁸

Es ist schön, nachzuvollziehen, wie Roncalli sein ganzes Leben über kämpft, sich dieses Prinzip von einer »Stunde zur anderen« gleichsam über die Kraft suggestiver Einrede als geistliches Lebensprinzip wirksam werden zu lassen. Ob als Papst oder schon als Jugendlicher, immer schreibt er sich ins Tagebuch, »Stunde für Stunde« zu nutzen, um dem Heute gerecht zu werden und der Vorsehung ihren Weg zu ermöglichen. Als 21-jähriger notiert er: »es ist das Prinzip der geistigen Anwesenheit bei allem Tun, das ›age, quod agis – Was du tust, tue es ganz‹ im Angesicht Gottes. Um aber damit Erfolg zu haben, muss man dieses Prinzip schon vom frühen  Morgen an ins Werk setzen.«²⁵⁹

Für Roncalli war sein Prinzip klar: Lebe von Stunde zu Stunde, dann ist dir die Wahrnehmung der Wirklichkeit möglich, dann kann die Vorsehung sich ihren Weg bahnen und vor der Zukunft muss dir nicht bange sein. Das ist die Grundlage für sein spirituelles Lebensprinzip.

Wie versucht nun Roncalli dies im Alltag umzusetzen? Sicher: Zuerst steht die permanente Verschriftlichung seiner Bemühungen, seines Versagens und seiner Neuanfänge. Roncalli muss sich dieser therapeutischen Form seiner Selbstbildung bewusst gewesen sein, wie sonst hätte er sein Leben lang weiter machen können, diesen Selbstratgeber zu nutzen. In diesem Selbstratgeber sind auch immer wieder seine »Werkzeuge« verzeichnet, mit denen Roncalli sich »Stunde zu Stunde« auf die richtige Spur bringt, sozusagen seine »Einübungen«: Nicht überraschen wird, dass für einen Kleriker hier das tägliche Gebet steht, für ihn ist das der Rosenkranz. Doch so einfach war das auch für ihn nicht immer. So vermerkt er als Papst 1961: »Den Rosenkranz, den ich seit Anfang 1958 vollständig zu beten mir vorgenommen habe, ist zu einer ruhigen Übung der Betrachtung und Konzentration geworden, die meinen Geist offenhält für das weite Feld meines obersten Lehr- und Hirtenamtes in der Kirche als gemeinsamer Vater aller Gläubigen.«²⁶⁰ Also erst  fünf  Jahre vor seinem Tod gelingt es Roncalli, sich auf das verlässliche Rosenkranzbeten zu verpflichten. Und es ist gerade eines der Gebete der Kirche, die wenig »intellektuell«, dafür umso mehr meditativ sind. Hier will und kann Roncalli zur Ruhe kommen. Also, das Gebet gibt ihm die Struktur für den Tag. Dazu gehört für Roncalli, dass er sich »jeden Morgen ein(en) Leitgedanken für den  ganzen Tag«²⁶¹ gibt. Auch hier ist wieder die für Roncalli so typische positive Einrede. Psychologisch gesehen bedeutet das – und auch hier ist Roncalli ein moderner Vorreiter des Selbstmanagements –, dass Worte, die man sich immer wieder über den Tag einsagt, allmählich ihre intendierte Wirkung nach sich ziehen.

Geben Gebet und Leitgedanke das spirituelle Geländer für Roncalli, so weiß er, dass auch diese Vorgaben in einer alltäglichen Struktur geerdet werden müssen. Auf vielen Seiten seines Tagebuches mahnt er sich so zum Beispiel, zu einer verlässlichen Uhrzeit (5:30 Uhr) aufzustehen und möglichst um 23:00 Uhr ins Bett zu gehen. Er merkt – durch den kontinuierlichen Verweis auf diese Absicht –, dass ein Nachlassen in dieser alltäglichen Ordnung auch ein Nachlassen in seiner spirituellen Intention nach sich ziehen könnte. Eine andere »Veralltäglichung« seiner haltgebenden Struktur ist – man staunt, wenn man sich das Bild des rundlichen Roncalli vergegenwärtigt – das Essen und Trinken. »Ich muss also (so schreibt er in seiner Zeit als Sekretär von Bischof Radini-Tedeschi, Ko.) sehr darauf achten, langsam zu essen und nichts hinunterzuschlingen. Ganz allgemein muss ich weniger essen und am Abend nur ganz wenig. Dasselbe lässt sich über das Trinken sagen. Der Geist der Selbstüberwindung muss sich vor allem beim Essen zeigen.«²⁶²

Generell gilt für Roncalli und sein spirituelles Programm, dass er die äußere Ordnung zur Ermöglichung der inneren Ordnung braucht. Immer wieder ver- pflichtet er sich im Tagebuch, diese äußere Ordnung einhalten zu müssen – aber immer mit einem »inquantum possum«. Dieses »inquantum possum« ist ihm zentral wichtig. Wie oft mahnt er sich: »nichts im Übermaß«²⁶³ und »ganz  einfache Übungen.«²⁶⁴ Er fürchtet sich fast, wenn er sich zu viel  vorgenommen hat: »O mein Jesus, es ist viel, was ich mir da vornehme, und ich weiß doch, wie schwach ich bin, da ich voller Eigenliebe stecke. Aber der Wille ist da und kommt  aus dem  Herzen. Hilf mir, hilf mir.«²⁶⁵

Da er um sein »inquantum possum« weiß und sich vor dem Übermaß fürchtet, legt er ihm schon als Jugendlicher einen Riegel vor: »Man sollte es kaum für möglich halten, je mehr Vorsätze man fasst,  um so weniger hält man sie.«²⁶⁶

Das klingt erfahrungsgesättigt, doch dies hat der 17-jährige Roncalli geschrieben und diese Intention sein Leben lang wiederholt. Roncalli weiß also um seine Schwäche, versucht seine Vorsätze auf Wesentliches zu konzentrieren und sich eine äußere Struktur zu geben, so dass er diese seine Essentials auch einhalten kann. Er will sein Ziel der Heiligung seines Lebens keinesfalls aufgeben, will der Vorsehung ihren Platz lassen, aber trotzdem seiner gestellten Aufgabe planvoll gerecht werden. Diese Dialektik zwischen planen und Platz lassen, zwischen dem Planen als Menschenwerk und dem Plan Gottes, ist Roncalli ständig als Mahnung und Auftrag präsent.

Doch wie schafft es Roncalli das tägliche Planen und Arbeiten nicht richtungslos werden zu lassen? Zuerst: Er strebt kein Amt und keine Aufgabe an. Er lässt sich rufen und weiß sich sicher, damit dem Ruf Gottes zu folgen, zumal der jeweilige Ruf ja von der Kirche erfolgt. Wurde ihm eine Aufgabe zugewiesen, so weiß er sich sicher, sich daran orientieren zu können: »Ich werde gern weitere Aufgaben über- nehmen, jedoch nur, ›inquantum possum – soweit ich es vermag‹ und soweit ich sie mit meiner Hauptaufgabe, wegen der ich nach Rom beordert worden bin (1924 im Dienst der Propaganda Fide, Ko.), vereinbaren kann und sie  auch nutzen.«²⁶⁷ Wenn die Hauptaufgabe dem Ruf Gottes entspricht, so müssen die Teilaufgaben eben der Hauptaufgabe gerecht werden oder Roncalli nimmt sie nicht an – so einfach ist das für ihn und im Übrigen wieder ein Musterbeispiel für modernes (Selbst-)Management.

 

Wir konnten für Roncalli identifizieren, dass seinem Lebensprinzip »Von einer Stunde zur andern« die Dialektik vom Planen des Menschen und dem Plan Gottes zugrunde liegt. Roncalli fühlt sich in diesem Spannungsfeld sehr einfachen Leitsätzen verpflichtet, die von der äußeren Ordnung des Tages und der inneren Konzentration auf die Hauptaufgabe geprägt sind. Planen ja, aber planen quasi zur strukturellen Ermöglichung des Planes Gottes. Doch Roncalli bleibt beim Prospektiven nicht stehen, sondern er weiß: Die Einlösung der Leitsätze bedarf der kontinuierlichen Reflexion. So schreibt er seine Vor- und Leitsätze nicht nur ins Tagebuch, sondern er holt das Tagebuch bei jährlichen Exerzitien immer wieder hervor und liest nach, was er sich vorgenommen hatte, so schon 1910: »Ein Jahr der Gnade war auch dieses verflossene Jahr. Ich aber habe wenig Fortschritte in der Vervollkommnung gemacht, und das bedrückt und demütigt mich. Dennoch will ich den Mut nicht verlieren. Ich lese Wort für Wort wieder durch, was ich im vorigen Jahr niedergeschrieben und versprochen habe.«²⁶⁸  Auch an anderen Stellen bemerkt er,  es sei  »demütigend«²⁶⁹ für ihn, die Vorsätze im Tagebuch nochmals lesen zu müssen, doch er lässt nicht davon ab, weil er weiß, dass nur dieser Stachel ihn immer wieder voranbringt, nach dem Motto, das er nicht nur für seinen diplomatischen Dienst für wichtig ansah: »Gutta cavat lapidem – steter Tropfen höhlt den Stein.«²⁷⁰

Die Reflexion bezieht sich aber nicht nur auf den großen Zeitraum eines Jahres. Täglich legt er sein »Partikularexamen«²⁷¹ ab, natürlich begleitet von der Wochen- beichte. Und immer wieder rührt sich bei ihm der Wunsch, solche Examina an einem  »abgelegenen Ort«²⁷² durchzuführen,  weil sich hier der Geist  auf das Wesentliche konzentriere. Es sind immer wieder scheinbare Äußerlichkeiten, die für Roncalli von Bedeutung sind, die er versucht einzuhalten, die er versucht immer wieder in Angriff zu nehmen. Es scheint so, als müsse das »Gefäß« seiner äußeren Ordnung stimmen, damit der göttliche Inhalt, der Plan Gottes hineinfließen kann. Nicht den Inhalt will Roncalli prädefinieren, sondern diesem Inhalt die Möglichkeit eröffnen, in ihm zur Geltung zu kommen. Daher das Lebenslernprogramm »Von einer Stunde zur andern«, weil für Roncalli das menschliche Planen nicht weiter zu gehen braucht als bis zur nächsten Stunde.

Das Lebenslernprogramm Roncallis ist somit in einer außerordentlichen Weise gekennzeichnet von einer großen Menschenfreundlichkeit. Nichts Großes wird verlangt, kleine Schritte – für jeden gehbar – sind vonnöten, um Großes zu erfahren.  Roncallis Botschaft ist eine Schule der Geduld wider die Resignation. Es geht darum, Platz zu schaffen für den göttlichen Willen. Das bedarf keiner mystischen Versenkung, auch keiner asketischen Reife, sondern eines bewussten Hineinlebens  und Hineinhörens in den Tag. Das ist die spirituelle Botschaft Roncallis.

V. Gott und dem Menschen dienen: Konkretionen

Welches Vermächtnis hat Johannes XXIII. den Menschen und seiner Kirche hinter- lassen? Sicherlich wäre Johannes nur als Papst des Übergangs von Pius XII. zu Paul VI. im Gedächtnis der Menschen geblieben, wenn er nicht das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hätte. Doch mit diesem kühnen Schritt und der darin enthaltenen grundlegenden Ausrichtung kann die Zuschreibung »Papst des Übergangs« auch so verstanden werden, dass mit ihm die Kirche in ersten, tastenden Schritten den Übergang in die Moderne vollzogen hat. In welche Richtung gingen diese Schritte, die Johannes XXIII. für seine Kirche als notwendig ansah?

Die erste wichtige Botschaft Johannes’ XXIII. für seine Kirche, aber auch für alle Menschen war und ist das Vertrauen. Vertrauen, grundgelegt in seiner Spiritualität, hieß für ihn nicht, überall zuerst das Böse und das Unheil zu sehen, sondern er sah in der Welt den Willen zum Guten und die Sehnsucht der Menschen nach Heil. Vertrauen hieß für Johannes XXIII. auch, Vertrauen in Entwicklungen zu haben, ob diese persönlicher, gesellschaftlicher oder kirchlicher Natur sind. Wir erinnern uns an das Gewährenlassen, das er für sich und die Kirche sehen konnte, weil er ein tiefes Vertrauen in die Fürsorge Gottes für die Menschen und die Welt hatte.

Die zweite wichtige Botschaft: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, ihm also eine einzigartige Würde zukommen lassen. So konnte für Johannes XXIII., und mithin für seine Kirche gelten: Der Mensch ist der Weg hin zu Gott und damit für Kirche maßgebend.

Und schließlich: Kirche ist nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt. Alle Menschen in dieser Welt sind der Kirche anvertraut, nicht nur die katholischen. Die Sehnsucht der Menschen nach Heil führt, nach Johannes XXIII., die Menschen zu Gott hin, aber die Wege können verschieden sein. Deshalb gab es für ihn keine Absonderung: hier die Kirche und ganz weit weg die Welt.

1. Für eine menschendienliche Kirche

Für Johannes XXIII. galt: Gottesdienst braucht Menschendienst, und Menschendienst braucht Gottesdienst. Das Bild einer dienenden Kirche stand für ihn also im Mittelpunkt seiner Auffassung von Kirche. »In den Ansprachen und Dokumenten seines Pontifikats ist von den Rechten der Kirche kaum und von den Privilegien gar nicht die Rede. Für Johannes XXIII. war die Kirche nicht eine Institution, die irdische Ansprüche zu stellen hat, sondern die heilige Gemeinschaft, der die Pflicht aufgegeben ist, in der  Nachfolge ihres Herrn den Menschen zu dienen.«²⁷³

Um aber erst zu dieser Einsicht über das Wesen der Kirche kommen zu können, braucht es Voraussetzungen, die für Johannes wichtig waren: Die Menschen sind keine amorphe Masse, sondern jeder einzelne Mensch zählt. So ruft er als Bischof von Venedig seinen Priestern zu: »Wie schön ist doch das 10. Kapitel des hl. Johannes! Welch zarte, welch tief in den Geist eindringende Sprache! Der gute Hirte, so heißt es im Evangelium, kennt seine Schafe. Er ruft sie eines nach dem andern und zeigt ihnen den rechten Weg (…) All das ist ein Symbol und voller Poesie; zugleich ist es aber auch ein Hinweis und eine Belehrung  für den Bischof.«²⁷⁴

Man muss also den einzelnen Menschen sehen, um mit ihm gehen zu können, um für ihn letztlich Hirte sein zu können. »Der Hirte ruft die Schafe bei ihrem eigenen Namen«²⁷⁵.

Eine weitere Voraussetzung, um Kirche als dienende Kirche sehen zu können, erschöpft sich allerdings nicht allein darin, den einzelnen Menschen zu sehen, son- dern auch zu akzeptieren, dass zur Würde dieses Menschen die Freiheit seines Gewissens gehört. Mit den Worten Johannes’ XXIII.: »Man soll immer die Würde dessen respektieren, der vor einem steht, und vor allem die Freiheit eines jeden Menschen. Gott selbst hält es so!«²⁷⁶

Diese beiden Voraussetzungen: die Würde jedes Einzelnen und die Würdigung der Freiheit seines Gewissens ermöglichen ein neues Bild von Kirche. Das »Heil- mittel der Barmherzigkeit« solle dabei an die Stelle der alten Strenge treten. Die neue Sicht der Kirche muss eine pastorale Sicht der Kirche sein. Patriarch Roncalli 1957: »Das Amt des Bischofs wird jedoch zutreffender charakterisiert, wenn man ihn nicht als Vater und Herr, sondern als Vater und  Hirten bezeichnet.«²⁷⁷

Doch ein solches ist leicht gesagt. Aber es wäre nicht Johannes XXIII., sähe er nicht gleich die Umsetzung: »Er hatte es häufig erleben können, wie päpstliche Entscheidungen praktisch ohne Wirkung blieben, weil ihnen jene innere Auseinandersetzung nicht vorausgegangen war und weil sie deshalb nicht getroffen hatten, was die Zeiten erfordern. Deshalb sollten Meinungsverschiedenheiten offen ausgetragen werden, und er war nie im Zweifel, wie die Entscheidung fallen würde. In dieser bewundernswerten Geduld glich er – ein Bild, das er gelegentlich gebrauchte – dem Vater, der seine Söhne gewähren lässt, der sich nicht aufdrängt, wohl aber darüber wacht, dass die Freiheit für die notwendigen geistigen Auseinandersetzungen geschaffen und  gewahrt wird.«²⁷⁸

Und wie sagte er dies den Menschen: »Beschäftigt euch nicht damit, die negativen Seiten des Lebens zu sehr herauszustellen. (…) Auf den geheimnisvollen, aber sicheren Eingriff der göttlichen Gnade vertrauen, das ist die erste Aufgabe dessen, der das Böse bekämpfen will. (…) Denn Gott hat uns gerufen, die Gewissen zu erleuchten, nicht zu verwirren oder zu zwingen, (…) die Brüder zu heilen, und nicht, ihnen Gewalt anzutun.«²⁷⁹

Eine menschendienliche Kirche will also eine Wegbereiterin sein, die die Menschen befähigt, ihren Weg in der Welt und ihren Weg zu Gott zu gehen. Mit »mütterlicher Sorge«²⁸⁰ muss die  Kirche daher zu  den Menschen gehen, um mit ihnen ihren Weg zu gehen. Das ist der Auftrag, den Johannes XXIII. für seine Kirche sieht, und sein Vermächtnis. So geht Roncalli wenige Wochen nach seiner Wahl zum Papst nahezu demonstrativ aus dem Vatikan heraus in seine Bischofsstadt Rom und besucht dort am 2. Weihnachtsfeiertag das Gefängnis und die Gefangenen. Die Geh-hin-Kirche nimmt unter Johannes XXIII. wieder ihren neuen Anfang.

2. »Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes«

Diese Überschrift ist ein Zitat Johannes XXIII. aus einem seiner letzten Schreiben »Magnifici eventus« an die slawischen Bischöfe vom 11. Mai 1963 und es belegt seine Sicht der Gegenwart sowie den Stellenwert, den er der Welt, die sich im Hier und Heute zeigt, beimisst. Da ist nichts Ablehnendes oder gar Diabolisches,  sondern Roncalli ist überzeugt: Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes. Ein kolossaler Satz, ein großes Ja zur Welt und zu den Menschen dieser Welt, ein großes Ja, weil durch und in der Stimme der Menschen Gottes Stimme durch- klingt. Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes, heißt nicht, dass alles in der Welt, so wie es ist, Gottes Stimme widerspiegelt, sondern es kann nur heißen, dass in allem eine Botschaft Gottes innewohnt, ob im Guten zur Nachahmung oder im Schlechten zur Veränderung. Wenn die Stimme der Zeit Gottes Stimme ist, dann gilt es, die »Zeichen der Zeit« zu erkennen und zu beurteilen. Dieser Auftrag, die »Zeichen der Zeit« zu erkennen, wird erstmalig wieder in der Apostolischen Kons- titution »Humanae salutis« erwähnt, mit der Papst Johannes Weihnachten 1961 das Zweite Vatikanische Konzil für Oktober 1962 einberuft. Er setzt sich ab von den »verzagten Seelen, die nichts anderes sehen als Finsternis, die auf dem Antlitz der Erde lastet (…). Im Gegenteil machen wir uns die Mahnung Jesu zu eigen, die Zeichen der Zeit beurteilen zu können (Mt 16,3), und meinen, mitten in derartiger Finsternis nicht wenige Anzeichen zu bemerken, die uns hoffen lassen für das Geschick der Kirche und der Menschheit.«

Und will jemand die Zeichen der Zeit erkennen, so muss er in einen Dialog mit den Menschen treten, denn sonst bleiben ihm die Stimme der Zeit und mithin die Stimme Gottes verborgen. Johannes XXIII. sieht dies genau in dieser Weise. Deshalb gibt er als Vorgabe für seine letzte Enzyklika »Pacem in terris« Folgendes mit auf den Weg: »Ich kann nicht der einen oder anderen Seite bösen Willen zuschreiben. Wenn ich es tue, dann wird es keinen Dialog geben, und alle Türen werden sich schließen.«²⁸¹ Für Wolfgang  Seibel hat Johannes XXIII. damit die »Kirche zum Gespräch geöffnet. Er hat sie aus der Haltung der bloßen Verteidigung herausgeführt.«²⁸²

Will man es also ernst nehmen mit seinem Hirtenamt und den Menschen in ihren Nöten und Sehnsüchten wirklich beistehen, dann muss man den Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten beistehen und sich den werteprägenden Instanzen des Lebens besonders zuwenden. Für Johannes XXIII. war die Dimension der Öffentlichkeit eine solch prägende Instanz. Werteerziehung und ganze Lebensentwürfe werden von öffentlichen Darbringungen geprägt, ja präformiert. Will man den Menschen beistehen, dann muss hier ein Hebel sein, um wahre Hilfe anzu- bieten. Diese »Kultur der Öffentlichkeit« sieht Papst Johannes als zentral für seinen Hirtendienst und er setzt wenige Wochen nach seiner Wahl zum Papst am 22. Februar 1959 mit dem Motu Proprio »Boni Pastoris« eine Kommission für Film, Rundfunk und Fernsehen ein. Und auch hier keine Verurteilungen, sondern eine »Kultur der Öffentlichkeit«: »Es ist ja bekannt, wie viel der Film, der Rundfunk oder das Fernsehen beizutragen vermögen zur Verbreitung einer höheren Kultur der Menschheit, einer echten Kunst und vor allem der Wahrheit.« Dass ein Papst so in dieser Art und Weise spricht, mag schon erstaunen, doch wird man bald erkennen müssen, dass Johannes XXIII. so hat sprechen müssen, ist seine Spiritualität doch so in der Sicherheit Gottes grundgelegt, dass er die Welt erst einmal als Ermög- lichung für die Menschen hin zu Gott sehen muss. Damit vollzieht er einen be- wussten Schritt heraus aus dem Wärmeherd der Kirche hin in die Vielschichtigkeit der Welt, weil er nur so die Menschen findet, die auf der Suche nach Gott sind.

Und diese Menschen will er mit der Sprache der Zeit ansprechen, will sie dadurch ernstnehmen und einen wirklichen Dialog ermöglichen. »Zu seinem Testament, wichtiger als alle privaten Äußerungen, wird seine letzte Enzyklika mit dem Titel ›Pacem in Terris‹ vom 11. April 1963; nicht wie üblich in kurialer, sondern in moderner Sprache; nicht wie bisher nur an die Bischöfe, den Klerus und die katholischen Laien gerichtet, sondern ausdrücklich ›an alle Menschen guten Willens‹.«²⁸³

Das ist das Vermächtnis von Johannes XXIII.: Wenn ihr Hirten sein wollt, dann müsst ihr raus in die Welt und zu den Menschen, geht nicht mit Ängsten und schlechten Erwartungen, sondern nehmt die gute und befreiende Botschaft Jesu Christi und bringt sie den Menschen – und zwar allen Menschen –, denn sie brau- chen sie. Wenige Tage vor seinem Tod notiert sein Sekretär Loris Capovilla diese Worte Johannes’ XXIII.: »In Gegenwart meiner Mitarbeiter kommt es mir (Johannes XXIII., Ko.) spontan in den Sinn, den Akt des Glaubens zu erneuern. So ziemt es sich für uns Priester, denn zum Wohl der ganzen Welt haben wir es mit den höchs- ten Dingen zu tun, und deshalb müssen wir uns vom Willen Gottes leiten lassen. Mehr denn je, bestimmt mehr als in den letzten Jahrhunderten, sind wir heute darauf ausgerichtet, dem Menschen als solchem zu dienen, nicht bloß den Katholiken, darauf, in erster Linie und überall die Rechte der menschlichen Person und nicht nur diejenigen der katholischen Kirche zu verteidigen. Die heutige Situation, die Herausforderung der letzten 50 Jahre und ein tieferes Glaubensverständnis haben uns mit neuen Realitäten konfrontiert, wie ich es in meiner Rede zur Konzilseröffnung sagte. Nicht das Evangelium ist es, das sich verändert; nein, wir sind es, die gerade anfangen, es besser zu verstehen. Wer ein recht langes Leben gehabt hat, wer sich am Anfang dieses Jahrhunderts den neuen Aufgaben einer sozialen Tätigkeit gegenübersah, die den ganzen Menschen beansprucht, wer wie ich zwanzig Jahre im Orient und acht in Frankreich verbracht hat und auf diese Weise ver- schiedene Kulturen miteinander vergleichen konnte, der weiß, dass der Augenblick gekommen ist, die Zeichen der Zeit  zu erkennen, die von ihnen gebotenen Möglichkeiten zu ergreifen und in die Zukunft zu blicken.«²⁸⁴

Dieses »nicht bloß den Katholiken« ist entscheidend für Johannes XXIII. Die Kir- che ist für alle Menschen da, denn alle Menschen sind Geschöpfe Gottes. Und sind Menschen auf Abwegen, so gilt die Einladung zum dialogischen Gespräch. Insofern hat die Kirche kein Eigeninteresse, sondern Kirche ist gestiftet durch die Beauftragung Jesu Christi, um, von diesem Grund der Hoffnung inspiriert, diese Hoffnung allen Menschen zuteilwerden zu lassen. Das ist ein pastoraler Dienst um des Heils der Menschen willen, und das ist ein Dienst für die Einheit, eine Einheit, gesellschaftlich gesprochen, für die Integration als Voraussetzung für das Gemein- wohl, und eine Einheit, kirchlich gesprochen, für die Ökumene.

Für Hans Küng ist Johannes XXIII. »der erste ökumenische Papst. Ja, er wurde eine Hoffnungsgestalt für die ganze Menschheit. Gleichsam über Nacht hatte er die Kirche aus ihrer vom Vorgänger geübten Reserve gegenüber den ökumenischen Bestrebungen  herausgerissen und sie ökumenisch orientiert.«²⁸⁵

Und wie schaffte dies Johannes XXIII.? Nun, nicht durch theologische oder diplomatische Einbringungen, sondern durch Einbringung seiner selbst. Dazu der evangelische Theologe Karl Barth: »Jetzt kann ich vom Stuhle Petri – anders als zu Zeiten des  herrscherlichen Pius – die ›Stimme des guten Hirten‹ hören.«²⁸⁶ Der »gute Hirte« ist für alle da, nicht »bloß für die Katholiken«.

»So gut wie niemals sprach Johannes XXIII. von den Protestanten als ›Protestanten‹, sondern immer von den getrennten christlichen Brüdern, wobei der Ton auf dem Begriff ›Brüder‹ lag. Auch mied er es, von der kirchlichen Wiedervereinigung zu reden. Er umschrieb das Ziel als die Wiederherstellung der Einheit der Kirche Christi.«²⁸⁷

Und er sprach nicht nur davon, sondern auch hier traf er erste Festlegungen. So schuf er am 5. Juni 1960 ein »Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen« als eine vorbereitende Konzilskommission und ernannte Kardinal Bea zu dessen Präsidenten. Dies war das erste Mal, dass der Heilige Stuhl ein Amt errichtete, das ausschließlich ökumenische Fragen behandeln sollte. Ist das als solches schon ein starkes Zeichen, so verfügte Johannes XXIII. auch noch, dass zu seinem Toten- requiem auch Vertreter der orthodoxen Kirchen eingeladen wurden, die dann auch tatsächlich teilnahmen. Ein Vorgang, der seit dem Bruch Roms mit der Orthodoxie im Jahre 1054 einmalig war.

3. Sich in Gott fallen lassen

Worin lag nun das »Charisma des Glaubens«, das Karl Barth bei Johannes XXIII. sah?²⁸⁸

Im Zentrum seiner Spiritualität stand das Vertrauen, das Vertrauen in Gott, das bedingungslose Vertrauen in Gott, von dem er wusste, dass er ihn in allen Situationen des Lebens trägt. Dieses Vertrauen in Gott schuf ein Sich-trauen, um sich selbst zu trauen und den Menschen zu vertrauen. Durch dieses Vertrauen in die Führung Gottes brauchte er keine Ängste mehr zu haben, sich zu blamieren oder Falsches zu tun. Er wusste sich an der Hand Gottes. Von dort her war für ihn alles möglich. Und diese Spiritualität ließ dieses Charisma entstehen, weil Johannes XXIII. über alle Widrigkeiten hinweg – und in der Wahrnehmung seiner öffentlichen Verantwortung – seinen eigenen Weg mit Gott und den Menschen gehen konnte – gelegen oder ungelegen. Es war keine Spiritualität  des Außergewöhnlichen, einer Spiritualität, die einer Genialität bedurfte, einer asketischen oder theologischen, sondern die Spiritualität Johannes’ XXIII. war eine Spiritualität für jeden. Und dafür brauchte es nur eine einzige Entscheidung. Mit Hermann Hesse könnte man sagen: »sich fallen lassen«²⁸⁹, sich in Gott fallen zu lassen, auf nichts zu hoffen, außer auf ihn; zu wissen und zu hoffen, Gott fängt mich auf, egal was passiert. Das macht frei, das macht frei von Angst, das macht frei, sich selbst zu vertrauen und das macht frei, auch den Menschen zu vertrauen. Wie sagt es Johannes XXIII.: »Das Geheimnis von all dem liegt darin, sich von Gott tragen zu lassen und seiner- seits Gott zu tragen.«²⁹⁰

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ÜBER DEN AUTOR
PROF. DR. KLAUS KOZIOL ist Autor zahlreicher Publikationen zu gesellschaftlichen und ethischen Themen. Zuletzt erschien im Patmos Verlag sein Buch »Lebe einfach«.

ÜBER DAS BUCH
1958 als Übergangspapst gewählt, 1963 als einer der größten Päpste des 20. Jahrhunderts gestorben: Angelo Giuseppe Roncalli – Johannes XXIII. Weniger als 90 Tage nach seiner Wahl kündigte er überraschend ein Ökumenisches Konzil an und initiierte damit einen nie erwarteten Aufbruch in der katholischen Kirche. Woher nahm Johannes XXIII. den Mut und die Zuversicht? Was prägte sein Denken und Handeln, seine Spiritualität, sein tiefes Interesse an den Menschen? Im Jahr des Konzilsjubiläums zeichnet Klaus Koziol ein faszinierendes Portrait dieses Papstes, der noch heute zahllosen Menschen als »der gute Papst« in Erinnerung ist und ihnen Orientierung für ihr Leben geben kann.

JOHANNES XXIII.: GOTTVERTRAUEN UND MENSCHENLIEBE

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III. Der Wille Gottes ist unser Friede: Leitlinien

1. Leben aus dem Gehorsam

Dieses »Voluntas Dei pax nostra« ist ein Satz des heiligen Gregor von Nazianz, den Roncalli immer wieder zitiert¹²⁰ und in dem er das »Geheimnis seines Lebens« zusammengefasst sieht.¹²¹ Hier fließt zusammen, was in der Roncalli’schen Interpretation des Wahlspruchs des Caesar Baronius begann und sich mit der Übernahme in seinem Bischofswahlspruch manifestierte: oboedientia et pax. Der Wille Gottes, umgesetzt in unserem Gehorsam, führt zum umfassenden Frieden.

Schon der junge Roncalli wies in seinem Bergamasker-Vortrag von 1907 auf den Wahlspruch von Baronius hin: Pax et oboedientia. Doch in diesem Vortrag vollzieht Roncalli gleichsam eine programmatische Wende und eignet sich diesen Leitspruch an: Ohne es extra zu erwähnen, dreht er den Spruch um und spricht nicht mehr von pax et oboedientia, sondern von oboedientia et pax. Er selbst geht nirgends auf diese Umstellung ein, doch er behält die Reihenfolge nun immer bei, da sie auch in seinen »Grundtenor« passt. Er wollte wohl damit zeigen, dass der Gehorsam an erster Stelle zu stehen habe und aus einem solchen Gehorsam erst der Friede entstehen kann. Diese Dialektik durchzieht das gesamte Denken und Handeln Roncallis. Der Gehorsam auf der einen Seite, der frei, fähig und mutig macht, um auf der anderen Seite die unbedingte Fülle des Lebens sehen und offen die richtigen Schritte tun zu können. Der Gehorsam bei und für Roncalli bleibt also nicht in sich selber verschlungen, sondern ist ein »Mittel zum Zweck«, um zum Seelenfrieden und dadurch zur Tatkraft zu kommen.

Doch Gehorsam wem gegenüber? Sicher stellt er sich gut christlich unter die Vorsehung: »und habe mich in völliger Zustimmung zu ihren Anordnungen ganz von ihr führen lassen.« ¹²² »Jesus, der Stifter der heiligen Kirche – er regelt mit Weisheit, Kraft und unaussprechlicher Güte alle Ereignisse nach seinem Wohlgefallen und zum Besten seiner Auserwählten, die zusammen seine geliebte, mystische Braut darstellen.« ¹²³ In überbordender Fülle verweist Roncalli immer wieder auf die unbedingte Hingabe, Gottes Willen zu tun. ¹²⁴ Doch woran erkennt man Gottes Willen? Da kommt Roncalli wieder seine historische Ausrichtung zugute. In der Kirche mit ihrer 2000-jährigen Tradition wird der Wille Gottes sichtbar und zeigt sich in der jeweiligen Gegenwart im Lehramt. Oder in den Worten Roncallis: »Wir sind alle ein wenig wie Kinder, die jemand brauchen, der ihnen mit lebendiger Stimme die schöne und vorbereitete Lehre präsentiert.« ¹²⁵ Gerade wegen der Anfechtungen, die auch ihm nicht fremd sind – seine peinvolle lange Zeit auf dem Balkan gibt beredt Auskunft – ist das Geistliche Tagebuch eine immerwährende Selbstaufforderung, den Gehorsam einzuüben. Es gilt für ihn: »mich immer bereit zuhalten als einer, der seinen Vorgesetzten vollständig zur Verfügung steht, ohne jemals auch nur das geringste zu tun, was sie in Bezug auf mich in eine bestimmte Richtung lenken könnte.« ¹²⁶ Diese unbedingte Unterwerfung unter die Autorität der Kirche gab ihm den Seelenfrieden, um am jeweiligen Ort seine Pflicht tun zu können, ohne permanent über eine Situation zu lamentieren, oder eine »Verbesserung« anstreben zu wollen. »Er ließ alles an sich herankommen und erfüllte dann seine Aufgabe als die von Gott auferlegte Pflicht.« ¹²⁷ Und so sieht man: Roncalli braucht die Sicherheit eines Geländers, um engagiert voranschreiten zu können, und dieses Geländer ist der Gehorsam gegenüber der Kirche, komme was da mag. Aber – und das ist wichtig – das Geländer ist nicht das Ziel: »Einzig wirklicher Adressat des Gehorsams ist Christus, den Roncalli in dem ihm selbst betreffenden Willen des Papstes erkennt. Der Gehorsam aber erzeugt den Frieden, der gewiss nicht als Befreiung von eigener Verantwortung zu verstehen ist, sondern im Gegenteil als Freiheit zu unbeschränktem Engagement.« ¹²⁸ Dieser Gehorsam macht also den Weg frei: »Das Bewusstsein, dass der Herr mit uns ist und dass er mit seiner mächtigen Hilfe und seiner Eingebung die tägliche Sorge unseres seelsorgerlichen Dienstes stützt, gibt uns reichen inneren Frieden und große Sicherheit.« ¹²⁹

Diesen Frieden aus dem Gehorsam nutzte er, um den »leeren Sack«, wie er sich selbst sah, bereitzuhalten für den Heiligen Geist. ¹³⁰ Bereit zu sein für den göttlichen Auftrag, lässt weltliches Streben und Sorgen zurücktreten oder ganz vergessen. Kaum zu zählen sind die Stellen im Geistlichen Tagebuch (und nicht nur dort), in denen Roncalli sich versichert, einem Karrierestreben abhold und vor der Zukunft nicht bange zu sein. Besonders eindringlich ist seine Eintragung von 1928: »Ich werde nie etwas unternehmen, weder direkt noch indirekt, um eine Veränderung in meiner Situation herbeizuführen, werde stets nur von einem Tag zum anderen leben. Mögen die anderen tun und sagen, was sie wollen, sich vordrängen, ich werde mich um meine Zukunft nicht beunruhigen.« ¹³¹ So kann schon der junge Roncalli 1898 im Tagebuch schreiben: »Ich werde den Dingen ihren Lauf lassen. Man wird schon erfahren, was an den Vorwürfen wahr und was falsch ist.« ¹³² Und als Papst fährt er fort: »Mich mit dem täglichen Apostolat zufriedengeben und keine Zeit an Zukunftsprognosen verlieren. (…) Es ist nicht nötig, Phantasie und Sorge auf Zukunftsgebäude zu verwenden. Der Stellvertreter Christi weiß, was Christus von ihm will; es ist nicht nötig, dass er ihm mit Ratschlägen zuvorkommt oder ihm fertige Pläne vorlegt. Eine fundamentale Regel für das Verhalten des Papstes ist die, sich stets mit dem gegenwärtigen Zustand zu begnügen und sich nicht mit der Zukunft zu beschweren; die soll er vom Herrn erwarten, ohne darüber Berechnungen anzustellen und menschliche Vorsorge zu treffen.« ¹³³ Man sieht, der Gehorsam engt Roncalli nicht ein, sondern er ermöglicht ihm: »Immer frohen Mut, Frieden, heiteren Sinn und Freiheit des Geistes in allem bewahren.« ¹³⁴ Das schreibt ein junger Kleriker Anfang des 20. Jahrhunderts: die »Freiheit des Geistes in allem bewahren«! Das kann nur jemand schreiben, der von einer unerschütterlichen Gewissheit geprägt ist, Gottes Willen zu tun, im Gehorsam Gottes Willen zu tun. Und dieser Gehorsam schafft Friede und Kraft, daher Oboedientia et pax, Gehorsam und Friede, besser: Friede durch Gehorsam. So gesehen hat Hannah Arendt in ihrem Essay über den Roncalli-Papst recht, wenn sie sagt: »Mitten in unserem Jahrhundert hatte dieser Mann es fertiggebracht, alles, was je als Glaubensartikel angeboten worden war, wortwörtlich zu glauben, ohne alle symbolischen Fisimatenten.« ¹³⁵

2. Gelassenheit durch Gehorsam

Wenn hier als ein Erfolg des Gehorsams bei Roncalli die Gelassenheit charakterisiert werden soll, dann nicht im Sinne eines eigentlich schon Resigniert-Seins oder eines Zufrieden-Seins mit seinem kleinen Seelenfrieden. Die Gelassenheit Roncallis ist eine dynamische, eine, die eben nur aus der Gewissheit entstehen kann, dass Gottes Vorsehung schon die richtige Bahn weist. Die Dialektik der dynamischen Gelassenheit kommt gut im folgenden Vorsatz Roncallis zur Geltung: »Tun, was man tut; die Dinge geschehen lassen; veranlassen, dass die Dinge geschehen.« ¹³⁶ Also in dem Augenblick, in dem man lebt, bewusst und verantwortlich leben, schauen, dass man die richtigen Dinge tut, aber dann auch im Gottvertrauen hoffen, dass die Dinge, indem man sie gewähren lässt, ihren richtigen Lauf nehmen. Aber das ist keine Gleichgültigkeit, diese Gelassenheit ist Entschiedenheit, eine Entschiedenheit, die dem Menschen traut, weil sie Gott vertraut. Doch diese Gelassenheit gibt es nicht zum »Nulltarif«: »Die müssen wir haben, die Geduld, die bittere Wurzeln hat, aber süße Früchte.« ¹³⁷ Diese »bitteren Wurzeln« sind eben die zahllosen Demütigungen, die Roncalli im Laufe seiner langen Diplomatenlaufbahn ertragen musste. Er weiß, wovon er spricht.

Wie »programmiert« sich Roncalli selbst auf diese im Gehorsam gegründete Gelassenheit? Wenn man die gesamten Schriften, Briefe und Aufzeichnungen Roncallis liest, hat man den Eindruck, dass kein anderes Element seiner Selbstkultivierung eine größere Rolle spielt als sein Einübungsprogramm in Gelassenheit. Er kann sich ja die Gelassenheit »leisten«, weil er die zweitausendjährige Geschichte hinter sich weiß, und sein Gehorsam gegenüber der Botschaft Jesu, konkretisiert in den Prinzipien der Kirche, ihm den weiten Raum gibt, um Prozessen, Misslichkeiten oder Möglichkeit gelassen begegnen, diese aber auch gelassen forcieren zu können. Es ist ein Lebenslernprogramm, ein Einrede-Programm für ihn, die notwendige Geduld und Gelassenheit erst einmal für sich zu lernen. Aber hierauf ist später noch genauer einzugehen.

Das Provozierendste für Roncalli scheint in dieser Beziehung zu sein – er rekurriert immer wieder hierauf – »in den Tag hinein zu leben«: »Der Herr wird denen entgegenkommen, die verstehen in den Tag hinein zu leben, immer ihre Pflicht tun, mit Ruhe, Würde und Geduld, ohne sich den Kopf heiß zu machen wegen der Dinge, die morgen oder in Zukunft geschehen können.« ¹³⁸ In den Tag hinein zu leben – in der Tat ein provozierendes Programm: Doch es ist kein Sich-treiben-Lassen, sondern wie der heilige Joseph seine Pflicht zu tun, dort wo man hingestellt wird, aber mit Ruhe. Das kann nur jemand sagen, dem die Dialektik des Gehorsams zum Maßstab wird: Gehorsam, um über den Aufgeregtheiten des Tages zu stehen, Ruhe, weil man sicher sein kann, dass die Aufgabe, vor der man steht, seine Aufgabe ist, die Gott einem gegeben hat, Würde, weil man weiß, an einer großen Aufgabe beteiligt sein zu dürfen, Geduld, weil man aus der Geschichte die Erfahrung gewonnen hat, dass Entwicklungen Zeit brauchen und sich die Entwicklungen sowieso nur gut entwickeln, wenn sie »gottgefällig« sind. Hat man diese Sicherheit, dann braucht man sich nicht den Kopf heiß zu machen über zukünftige Dinge, dann kann man das gelassene Wissen haben, dass Gott einem auf seinem Weg entgegenkommt, Gott, der die Brücke von der anderen Seite fertig baut, die man von der einen Seite begonnen hat zu bauen. Roncalli weiß, dass ein solches Denken auf das Ziel hin auch ein dornenreicher Weg sein kann und vielleicht auch sein muss: »Wann immer die Ereignisse dem Wohl der Kirche entgegenzustehen scheinen, muss ich völlige Ruhe bewahren, was mir im Übrigen nicht erspart, mit Seufzen und Flehen zu sprechen: Dein Wille geschehe im Himmel, also auch auf Erden!« ¹³⁹ Noch als alter Mann (1951) kann er von sich nicht sagen, dass ihm diese gelassene Ruhe leicht fiele, ganz im Gegenteil, er muss sich immer wieder dazu ermuntern (so in einem Brief an seinen Neffen Battista): »Dein Brief hat mich die letzte Nacht mehrere Male wach gemacht: Und ich habe mir wiederum, wie immer, gesagt, dass man die Dinge nehmen und sie möglichst einfach machen muss. Das heißt also Schweigen, viel Geduld und Ruhe vor allem mit sich selbst.« ¹⁴⁰ Roncalli hat also nicht nur sein Fundament im Gehorsam gefunden, er kann auch konkret auf dieses Fundament aufbauen, und ein wichtiger Baustein hierbei ist die gelassene Ruhe. Roncalli tut auch täglich etwas dafür (so niedergelegt in seinen Aufzeichnungen zu seinen Exerzitien 1924 in Rom): »Vor allem will ich mich bemühen, nichts aufzuschieben, was dringend erledigt werden muss. Bei allem will ich mir jene Ruhe und Gesetztheit bewahren – und sie auch den anderen mitteilen –, die vonnöten ist, wenn etwas gut gelingen soll. Ich kümmere mich nicht darum, wenn andere es eilig haben. Wer die Dinge übereilt, auch die kirchlichen, kommt nie weit.« ¹⁴¹

Dasselbe Selbstkultivierungsprogramm, dem sich Roncalli unterzieht, will er anderen »mitteilen« (warum sonst hätte er sein »Geistliches Tagebuch« veröffentlicht?), er will es anderen nicht aufzwingen. Er sieht dieses Programm als Angebot, das erst er selbst sich aneignen und vorleben muss. Was bedeutet dieses Programm in seiner Beziehung zu anderen Menschen? Er ist erst vor kurzem Bischof geworden, als er obigen Vorsatz notiert, ein Bischof, zu dessen Aufgaben eben auch Zurechtweisung gehört. Aber gerade hier zeigt sich seine geduldige und ruhige Gelassenheit: »Liebenswürdigkeit, Ruhe und menschliche Geduld. Ich muss immer das Wort beherzigen: ›Sermo mollis frangit iram – Ein gütiges Wort bricht den Zorn.‹ Wie viel Verdruss entsteht doch aus Grobheit, Zorn und Unduldsamkeit!« ¹⁴² Er weiß selbstverständlich, dass er als Bischof auch zurechtweisen muss, doch weiß er auch, dass das, was für die Zeit gilt, auch für Menschen gilt: »Bisogna lasciare il tempo al tempo!« – man muss der Zeit ihre Zeit lassen. Und wenn man weiß, welche Bedeutung die Zeit hat, wie kann man dann mit Gewalt und Aggressivität etwas erreichen? Dann eher ein »gütiges Wort«, oder: »Eine Liebkosung ist besser als ein Peitschenhieb von wem auch immer.« ¹⁴³ Roncalli weiß, dass ein solches Vorgehen oft auf Unverständnis stößt, deshalb spricht er von »unerschrockener Milde«, auch von »unerschütterlicher Geduld, mit väterlichem und unermüdlichem Eifer für das Wohl der Seelen.« ¹⁴⁴ Gerade wenn er mit seinem »Kurs der Gelassenheit« solches Unverständnis erfährt, ist er doch auch in der Versuchung: »An gewissen Tagen und unter bestimmten Umständen bin ich versucht, mit Strenge vorzugehen. Doch dann ziehe ich das Schweigen vor, in der Zuversicht, dass dies für ihre Erziehung beredter und nützlicher ist.« ¹⁴⁵

Wie man sieht, macht es sich Roncalli nicht leicht, er wird immer wieder angefragt und er fragt sich immer wieder selbst an: »Ist das eine Schwäche von mir? Ich muss und ich will auch weiterhin dieses leichte Kreuz in Frieden tragen, das zu dem schmerzlich drückenden Gefühl meiner Unzulänglichkeit hinzukommt, und lasse den Herrn machen, der die Herzen erforscht und zur Innigkeit seiner Liebe an sich zieht.« ¹⁴⁶ Da ist er, der Grund für seine Gelassenheit: dem Herrn die Möglichkeit zu geben, sein Werk zu vollbringen, das nicht nach Menschenzeit und Menschenwille funktioniert, sondern nach Gotteszeit und Gotteswille verläuft. Wer dies weiß und dem vertraut, der kann gelassen sein und wie Roncalli mit Don Bosco sagen: »Was das Urteil der Welt angeht: ›Fröhlich sein Gutes tun‹ und die Spatzen pfeifen lassen.« ¹⁴⁷

Man glaube nicht, diese Gelassenheit Roncallis wäre eine Gelassenheit ohne Engagement. Wer weiß, was er will, der kann sich Zeit lassen, kann gewähren lassen. Und anders herum: Wer gewähren lässt, muss einen Standpunkt haben. Das ist Roncalli nicht nur bewusst, er handelt auch danach. So erscheint folgerichtig 1953 bei einem Vortrag Roncallis beim Eucharistischen Kongress in Turin zum ersten Mal die auf Augustinus zurückgehende Unterscheidung: »Bekämpft den Irrtum, liebt die Irrenden!« Hier ist er, der klare Standpunkt, aber auch die Gelassenheit, ja die Liebe zu den Irrenden. Für Roncalli ist die Unterscheidung so zentral, dass er diese Spur gleich zum Beginn seines Pontifikats wieder aufnimmt und in seiner Enzyklika »Pacem in terris« expliziert. Ausdrücklich sagt hier Johannes XXIII., es sei »durchaus angemessen, bestimmte Bewegungen, die sich mit wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Fragen oder mit der Politik befassen, zu unterscheiden von falschen philosophischen Lehrmeinungen über das Wesen, den Ursprung und das Ziel der Welt und des Menschen, auch wenn diese Bewegungen aus solchen Lehrmeinungen entstanden und von ihnen angeregt sind. Während die in ein System gefasste und endgültig niedergelegte Weltanschauung nicht mehr geändert werden kann, unterliegen diese Bewegungen dort, wo sie sich mit den je und je wandelnden Verhältnissen befassen, doch notwendigerweise diesen Veränderungen. Wer könnte übrigens leugnen, dass in solchen Bewegungen, soweit sie sich den Gesetzen der geordneten Vernunft anpassen und die gerechten Forderungen der menschlichen Person berücksichtigen, etwas Gutes und Anerkennenswertes sich finden kann?« ¹⁴⁸

So gibt die im Gehorsam erst ermöglichte Gelassenheit die Fähigkeit, sich die Weite der Gedanken leisten zu können. Kleinkrämerisches und rechthaberisches Denken und Handeln erhalten so einen potenten Widerpart, der auch in der täglichen Praxis tragen kann. Und da gilt es – gerade für einen Bischof – zu unterscheiden, ob seine handlungsleitende Linie noch stimmig ist, oder ob die Anfragen von außen nur eigensüchtiger Natur sind. Die Gelassenheit heißt eben dann auch, unterscheiden zu können, was berechtigte Anfrage und was Querulantentum oder Profilierung darstellt. Auch hier hat Roncalli Erfahrungen (geschrieben 1957 als Bischof von Venedig): »Ich möchte euch, gleichsam ins Ohr geflüstert, etwas sagen, was ich hier in Venedig schon gelegentlich wiederholte oder manchem Bischof als Aufforderung zu gütigem Ertragen und geduldiger Nachsicht anvertraute; es geht darum, dass jede Diözese sich damit abfinden muss, mindestens ein Dutzend seltsamer, unzufriedener, den Vorgesetzten misstrauender Typen zu haben, die ihrem Ordinarius die Bitternis einer manchmal auch schonungslosen Kritik zu spüren geben.« ¹⁴⁹

Die im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes grundgelegte Gelassenheit war für Roncalli sicherlich zur Disziplinierung seiner eigenen Ängste nötig, jedoch ist diese spirituelle Programmierung für Roncalli auch eine Anleitung, andere Menschen einzuschätzen und das Gute in ihren Absichten reifen lassen zu können. Dabei hielt er eine Wendung zum Guten, eine Veränderbarkeit des Menschen im Generellen für möglich, doch das bedürfe Zeit, die gelassen werden müsse: »Alles Gute, so erklärte er einmal einem Besucher, müsse wachsen und reifen; man würde einen solchen Wachstumsprozess nur stören, wollte man zu häufig eingreifen.« ¹⁵⁰ Das machte ihn auch offen für die Menschen, offen für die Menschen in ihren je individuellen Problemlagen. »Er gab überall einen Vorschuss des Vertrauens. Er glaubte an die Wandlungsfähigkeit der Menschen, weil ›in der Natur des Menschen nie die Fähigkeit verlorengeht, sich vom Irrtum frei zu machen und den Weg zur Wahrheit zu suchen‹.« ¹⁵¹

Doch diese im Gehorsam ruhende Gelassenheit bezog Roncalli nicht nur auf Personen und Konstellationen, sie war ihm auch Wegweiser im eigenen Sterben. So waren seine Worte nach dem Empfang des Viaticums die Quintessenz seiner in Gehorsam gelebten Spiritualität: »Macht Euch nicht so viele Sorgen um uns. Man sagt, ich habe einen Tumor. Gut denn. Unsere Koffer sind gepackt. Wir sind bereit, absolut bereit, zu gehen, wenn das Gottes Wille ist.« ¹⁵²

3. Mut durch Gehorsam

Aus dem Gehorsam gegenüber dem Auftrag Jesu schöpfte Roncalli die Kraft für sein Leben, dieser Gehorsam ist ihm gleichsam das Geländer, an dem er durch das Leben geht, wie wir es weiter oben schon ausgeführt hatten. Hier hat er Halt, um Situationen und Problemlagen zu bestehen, hier hat er Halt, um sich selbst zu konditionieren. Und immer wieder ist es für Roncalli notwendig, seine Angst zu bekennen und gegen diese Angst anzugehen, aber auch sich Mut zuzusprechen und mutig voranzuschreiten. So schreibt er: »Das dritte Jahr in meinem Amt als Nuntius in Frankreich geht zu Ende. Das Wissen um meine Nichtigkeit ist mir ein treuer Begleiter: es macht mein Gottvertrauen zur Selbstverständlichkeit, und die ständige Übung des Gehorsams gibt mir Mut und vertreibt alle Furcht.« ¹⁵³ Der Mut entsteht für Roncalli aus der Übung des Gehorsams. Er weiß dann, worauf er sich verlassen kann, auf welchem Boden er steht, und hat solchermaßen festen Boden unter den Füßen und den entsprechenden Mut zu handeln. Die Übung des Gehorsams hin zum Mut heißt für Roncalli Einübung in Demut, Sanftmut und Gleichmut. Demut heißt für Roncalli, den Platz anzunehmen, an den Gott ihn gestellt hat, Demut heißt für ihn, nicht zu klagen »darüber, dass du von ihnen (den Vorgesetzten, Ko.) wenig geschätzt wirst, sondern bemühe dich, immer mehr Gefallen daran zu finden, ›für nichts geachtet zu werden.‹« ¹⁵⁴ Seine Bischofsweihe 1925 ist für Roncalli solch eine Situation, sich vor dem Kommenden zu fürchten. »Ich habe nicht nach diesem neuen Amt getrachtet und es mir auch nicht gewünscht. Doch der Herr hat mich mit so offensichtlichen Zeichen seines Willens dazu auserwählt, dass jede Weigerung eine schwere Schuld bedeuten würde. Er ist also verpflichtet, meine Armseligkeit zu verhüllen und meine Unzulänglichkeit auszugleichen. Das stärkt mich und gibt mir Ruhe und Sicherheit. (…) Welch ein Erschrecken für mich, der ich mich so armselig und voller Fehler in so vielen Dingen fühle. Und welch ein Anlass, immer demütig zu sein, demütig, demütig!« ¹⁵⁵Demut ist ein ungemein schillernder Vorsatz, bei dem es sicherlich kaum einen Priester gibt, der nicht von sich sagen würde, er wolle demütig sein. Bei Roncalli ist aber diese Demut »geerdet« im Gehorsam, und es ist für ihn – wie Hannah Arendt schreibt – »Sanftmut und Demut nicht dasselbe wie Schwäche und Nachgiebigkeit« ¹⁵⁶ , es ist eine Demut, die zum Mut führt. »Oft ist diese Demut Schweigen; oft mag diese Milde wie Schwäche erscheinen. In Wirklichkeit ist es Charakterstärke und eine hohe Würde im Leben; es ist Zeichen eines sicheren Wertes.« ¹⁵⁷ Der Mut, Gott zu dienen, ist also stärker als mögliche Anfechtungen, ist auch mit einem resignierten Gewähren-lassen nicht gleichzusetzen, ist nicht passiv, sondern aktiv.

Roncalli weiß, dass die sanftmütige Demut, Entscheidungen impliziert: »Einerseits sollte der Hirte vor allem ein guter, guter Hirte sein. Andererseits ohne ›Wolf‹ zu sein, riskiert er, wie der Mietling überflüssig und unwirksam zu werden, wenn er schläft.« ¹⁵⁸ Wer den Mut hat, etwas zu riskieren, muss auch den Mut haben zu scheitern, braucht aber auch den Mut, nach Niederlagen nicht ausweglos zu resignieren. Schon als junger Sekretär des Bischofs ist Roncalli über sich selbst, über die wenig nachvollziehbaren Fortschritte seiner gewünschten persönlichen Entwicklung enttäuscht. »Ein Jahr der Gnade war auch dieses verflossene Jahr. Ich aber habe wenig Fortschritte in der Vervollkommnung gemacht, und das bedrückt und demütigt mich. Dennoch will ich den Mut nicht verlieren. (…) Ich fange wieder von vorne an.« ¹⁵⁹ Dieses »Dennoch – ich fange wieder von vorne an« kennzeichnet den Mut Roncallis, einen Mut, den er nur aufbringen konnte, weil er sicher war, Gottes Plan verwirklichen und diesem Auftrag treu bleiben zu müssen. Es ist eben kein grund- und ortloser Mut, sondern »allezeit Mut in Domine Jesu.« ¹⁶⁰

Man kann Mut haben zum Mut, wenn er auf Christus als festem Fundament gründet und auf Christus hin geschieht: »alles für den Herrn und im Herrn. Viel Begeisterung, aber keinerlei Sorgen um den größeren oder kleineren Erfolg. Ich werde mich an die Aufgaben machen, als wenn alles von mir abhinge und als ob ich selbst überhaupt ohne Bedeutung wäre.« ¹⁶¹ Man sieht an diesem Satz Roncallis aus dem Jahre 1912, dass der Mut und die Kraft zum kraftvollen Engagement sowie die Gelassenheit erst möglich werden im »alles für den Herrn und im Herrn.« Ein solcher Mut lässt Roncalli die Welt von der guten Seite her sehen, gibt ihm die Chance, die Welt und die Menschen optimistisch zu sehen – und andere daran teilhaft werden zu lassen, wie bei seiner Ansprache am 31. März 1963 beim Besuch römischer Pfarreien: »Man hört gelegentlich, der Papst sei zu optimistisch, er sehe nur das Positive und hebe allein die bessere Seite der Dinge hervor. So ist es in der Tat. Er ist davon überzeugt, dass diese Haltung im Plan der Vorsehung liegt, weil sie auch die Haltung unseres Herrn Jesus Christus ist. Denn er hat auf wunderbare Weise nur positive und aufbauende Lehren um sich verbreitet, Lehren, die den Menschen Freude und Frieden bringen.« Für Wolfgang Seibel, der dies zitiert, wird aus solchen Haltungen »die Methode verständlich, mit der Johannes XXIII. seine Ziele zu erreichen suchte. Auf Grund des aus seinem tiefen Glauben hervorquellenden Optimismus wollte er das Böse durch das Gute überwinden. Er war zutiefst davon überzeugt, dass man das Böse nicht ändert, wenn man es nur anprangert, dass man keinen Irrtum durch bloße Verurteilung aus der Welt schafft und dass sich auch eine Spaltung nicht beheben lässt, wenn man nur das Trennende betont.« ¹⁶²

Roncallis Absage an den Pessimismus wird auch dadurch deutlich, dass er den Mut hat, das Konzil einzuberufen, es als alter Mann einzuberufen, der damit rechnen musste, es nicht selbst zu Ende bringen zu können. Und wenn er bei seiner Rede zur Eröffnung des Konzils von »Unglückspropheten« spricht, dann ist das genau gegen den Pessimismus gemünzt, »der noch nie zu etwas Gutem genützt hat und wird es auch in Zukunft nicht.« ¹⁶³ »Wir müssen diesen Unheilspropheten widersprechen, die immer nur Unheil voraussagen, als ob der Untergang der Welt unmittelbar bevorstünde.« ¹⁶⁴

Um Mut geht es in diesem Kapitel, um Mut, den Roncalli aus seinem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes schöpft. Wer diesen Gehorsam lebt, dem ist die Kraft gegeben, mutig zu leben: »Der wahre Christ, der einem einzigen Herrn dient, ist auf dem rechten Weg und fürchtet sich vor nichts. Er hat keine Sorgen (…) Der christliche Glaube heißt Heiterkeit, innere Ruhe, Hingabe an Gott.« ¹⁶⁵ Das gehört zur Spiritualität Roncallis: das unbedingte Sich-fallen-Lassen in die bergende Sicherheit Gottes und daraus die Kraft erhalten, den Auftrag Christi für diese Welt angehen zu können. Keine Aufgabe ist zu groß, keine Probleme sind zu verwirrend. Roncalli war, wie Wolfgang Seibel es sieht, »auch zu sehr überzeugt davon, dass er nur den Willen Gottes tat, als dass er jemals an der Lebenskraft seiner Ziele hätte zweifeln oder gar in Verwirrung hätte geraten können. In der Weihnachtsbotschaft 1960 beschrieb er diese Haltung einer gläubigen Zuversicht im Blick auf den Bericht vom Sturm auf dem See (Mt 14,22–32), den er ›eine der schönsten Seiten des Neuen Testament‹ nannte: ›Der demütige Nachfolger des heiligen Petrus empfindet bis jetzt keine Versuchung, zu erschrecken. Wir fühlen uns im Glauben stark, und an der Seite Jesu können wir nicht bloß den kleinen See in Galiläa, sondern alle Meere der Welt überqueren. Das Wort Jesu genügt zur Rettung und zum Sieg‹.« ¹⁶⁶

4. Klugheit durch Gehorsam

Wenn hier darauf rekurriert werden soll, dass bei Roncalli der Gehorsam gegenüber den Geboten Christi und der Führung der Kirche nicht zum dumpfen, willenlosen Jasagertum verkommt, sondern der Friede und die Gelassenheit, die aus der Sicherheit dieses Gehorsams entstehen, mutiges Handeln ermöglichen, so gilt es jetzt auf einen weiteren Aspekt aufmerksam zu machen. Ein solcher Mut kann nicht grundlos sein, sondern er speist sich klar aus der Klugheit eines gehorsamen Sich-Einlassens auf die Botschaft Christi. Was heißt nun Klugheit für Roncalli? »Klug ist, wer (…) sich ein gutes und auch edles und großes Ziel gesteckt hat, es niemals aus den Augen verliert, alle Hindernisse schließlich überwindet und es vollendet; klug ist, wer in jeder Sache das Wesentliche erkennt und sich vom Nebensächlichen nicht hinhalten lässt; wer seine Kräfte fest zusammenhält und sie alle auf ein glückliches Ziel hinordnet; klug ist, wer von Beginn an bei all diesem den guten Ausgang allein von Gott erhofft, auf den er vertraut; und der auch, wenn er im Ganzen oder zum Teil erfolglos blieb, weiß, dass er recht gehandelt hat, und alles dem Willen der größeren Ehre Gottes anheimstellt.« ¹⁶⁷

Es ist Papst Johannes XXIII., der hier spricht, und dem es bei den Exerzitien aus Anlass seines 80. Geburtstages so wichtig ist, das in sein Tagebuch zu notieren.

Für Roncalli ist die Voraussetzung für Klugheit zu allererst, dass – wie bei so vielen Notwendigkeiten – die Sicherheit des Fundamentes stimmt, und das heißt, nie das Gefühl haben zu müssen, allein zu sein. Schreibt das Obige der 80-jährige, so das Folgende der 16-jährige:

»Ich werde immer daran denken, dass ich niemals allein bin, auch wenn ich es dem Anschein nach bin: dass mich Gott, Maria und mein Schutzengel sehen, dass ich immer ein Kleriker bin.« ¹⁶⁸ Klug ist also derjenige, der »in jeder Sache das Wesentliche erkennt«, und das ist die Gewissheit, sich nicht alleine an Aufgaben machen zu müssen, ja »dass die göttliche Vorsehung es zur gegebenen Zeit – wie in der Vergangenheit – auch in der Zukunft mir nicht an dem Nötigen fehlen lassen wird.« ¹⁶⁹ Klugheit heißt, der Vorsehung vertrauen, aber auch bewusste Konditionierung, überall Spuren der göttlichen Führung und Vorsehung zu entdecken, selbst im Schlechten und Bösen nach dem göttlichen Heilsplan zu suchen. Für Roncalli schafft das die Klarheit, die es zur Klugheit braucht.

Zu solcher Klarheit zählt auch, dass man sich seine Erfahrungen und seine Sinne nicht durch mystische Verzückungen beeinträchtigen lässt. Roncalli scheint solchen Anfechtungen gegenüber völlig immun gewesen zu sein, man ist fast geneigt zu sagen, er brauchte solches nicht, um sich der Gegenwart Gottes zu vergegenwärtigen. Seine gottesergebene Klugheit zeigte ihm schon die Klarheit und Sicherheit, die aus der Nähe Gottes entspringt.

Wenn klar ist, was an oberster Stelle steht, und das war für Roncalli seine unabdingbare Einbindung in den Heilsplan Gottes, dann gehörte es für ihn zur Klugheit, »nicht die zweitrangigen Dinge wichtigen vorziehen.« ¹⁷⁰ Man hat ja den großen Plan – den Heilsplan Gottes – vor Augen, um sich nicht in unwichtigen Dingen verlieren zu müssen. Und dann gehört es auch zur Klugheit, die großen Linien dieses großen Plans zu sehen und nicht an Nebensächlichkeiten hängen zu bleiben: »Ich muss mich nicht in Details und nebensächlichen Kleinigkeiten verlieren.« ¹⁷¹

Ein solches Wissen hat Konsequenzen für die gesamte Lebensführung. Für Roncalli hieß das zwar, »mein Tagewerk immer klar überblicken und vollkommene Ordnung halten« ¹⁷² , aber die große Richtung seines Lebensentwurfes ist eben nicht sein Entwurf, sondern Gottes Wille, für den man sich am besten öffnet, indem man »in den Tag hinein lebt« ¹⁷³, zwar »seine Pflicht tut« ¹⁷⁴ , aber sich nicht »wegen der Dinge, die morgen oder in Zukunft geschehen können«, anfängt ¹⁷⁵ , »den Kopf heiß zu machen« ¹⁷⁶ .

Für Roncalli hieß das, keine Zukunftspläne für sich zu machen, diese wurden schon längst erstellt; klug ist, wer das sehen und dankbar annehmen kann. Und wer weiß, dass ein großer Plan für ihn existiert, muss klug genug sein, ein berufliches Vorwärtsstreben auch als unnütz sein zu lassen, da es in Richtungen führen kann, die nicht dem göttlichen Heilsplan entsprechen könnten. »Ich werde nie etwas unternehmen, weder direkt noch indirekt, um eine Veränderung in meiner Situation herbeizuführen, werde stets nur von einem Tag zum anderen leben. Mögen die andern tun und sagen, was sie wollen, sich vordrängen, ich werde mich wegen meiner Zukunft nicht beunruhigen.« ¹⁷⁷ Und weiter Roncalli: »Ich muss mir folgendes einprägen: Da Gott mich liebt, darf es für mich nichts geben, was mit Ehrgeiz zu tun hat. Es ist also unnütz, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche. Ich bin ein Sklave: ohne den Willen des Herrn vermag ich mich nicht zu rühren. Gott kennt meine Talente und weiß, was ich alles zu seiner Ehre, zum Wohl der Kirche und für das Heil der Seelen beizutragen oder nicht beizutragen vermag. Es ist daher nicht notwendig, dass ich ihm bzw. meinen Vorgesetzten Ratschläge erteile.« ¹⁷⁸

Hier kommen zwei entscheidende Grundprämissen in der Spiritualität Roncallis zusammen: Die Gewissheit der Geborgenheit im Heilsplan Gottes und das Wissen um die daraus entspringende Kraft und Klugheit, nur für bestimmte Dinge beitragen zu können und für andere nicht – »soweit ich es vermag« ¹⁷⁹ . Ein solches »inquantum possum« kann für Roncalli nur aus der Klugheit eines im Gehorsam gegründeten Vertrauens in den göttlichen Auftrag für jeden Einzelnen entstehen. Wenn jeder seinen Platz im göttlichen Plan hat, dann ist es widersinnig und unklug, einen anscheinend »besseren« Platz suchen zu wollen. Und der Indikator, um feststellen zu können, ob ein Platz der richtige für einen ist oder nicht, ist für Roncalli das »inquantum possum«, was heißt, dass man bei keinem Scheuen der Verantwortung selbst feststellen muss, ob eine Last zu schwer ist oder nicht. Wie Roncalli diese Forderung für sich selbst auslegte, zeigt sich sowohl im jahrzehntelangen Dulden seiner Randexistenz auf dem Balkan als auch in seiner Bereitschaft und Tatkraft, das Petrusamt zu übernehmen.

Ein solches »Sich-fordern«, aber nicht »Überfordern« ist kennzeichnend für die Klugheit und Spiritualität Roncallis. Was für ihn selbst galt, versuchte er auch auf andere anzuwenden: Man kann seine Unzulänglichkeiten nicht hic et nunc verbessern, sondern nur Stufe um Stufe, oder wie Roncalli es sagt: »Besser verstehen, viel vergessen, ein wenig verbessern«. ¹⁸⁰ Alles fließt hier zusammen im »flectar, non frangar – biegen, nicht brechen«: »Unsere Altvorderen hatten in Zeiten des Kampfes, von denen auch ich den letzten Widerhall hörte, als Motto: ›Frangar, non flectar‹. Ich ziehe das umgekehrte Motto vor: ›Flectar, non frangar‹, vor allem, wenn es sich um praktische Dinge handelt. Und ich glaube, dass ich auf meiner Seite die ganze Tradition der Kirche habe.« ¹⁸¹ Und zeugt es nicht von größter Klugheit, wenn er 1955 als Patriarch von Venedig den Grundsatz von Kardinal Gusmini notiert: »Man soll kein bischöfliches Dekret erlassen, wenn nicht die Sicherheit besteht, dass es auch befolgt wird.« ¹⁸² Roncalli konnte solches nur sagen, weil er wusste, dass zwar Vieles von ihm abhing, aber doch nicht das Entscheidende. Er konnte Fehler begehen oder auch versagen, aber er konnte dennoch sicher sein, dass Gottes Plan gültig und entscheidend bleibt. Vor diesem Hintergrund und in der Treue zur Botschaft Jesu, konnte Roncalli in Klugheit seine Schritte wählen.

Gerade als Papst bedurfte er solcher Sicherheit und Klugheit für die übergroßen Aufgaben. Und gerade hier bewährte sich seine Sicherheit und Klugheit. So war er fest überzeugt, dass die Idee des Konzils nicht seine Idee war, sondern nur von Gott stammen konnte. Gerade dieses Wissen ermöglichte es ihm, gegen alle Widerstände ein solches Reformwerk anzugehen.

Und wenn alles nicht weiterhalf? Der Tag des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961 mag ein solcher Tag für Johannes XXIII. gewesen sein, an dem er eine tiefe Ohnmacht spüren musste. Und was notiert er an diesem Tag? »Ruhig bleiben bei allem, was geschehen mag«, und einige Zeilen weiter: »In omnibus respice finem – sieh in allem auf das Ende.« ¹⁸³ Für Roncalli galt, wer solches im Blick hat, kann nicht falsch handeln, ist gefeit gegen die Aufgeregtheiten und Irrationalitäten der Zeit: sich seiner göttlichen Berufung über allem klar sein und in allem bewusst sein, dass der Lebensweg durch das Tor des Todes zur wahren Erkenntnis und Vollendung des Heilsplans Gottes führt.

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(Fortsetzung)

ÜBER DEN AUTOR
PROF. DR. KLAUS KOZIOL ist Autor zahlreicher Publikationen zu gesellschaftlichen und ethischen Themen. Zuletzt erschien im Patmos Verlag sein Buch »Lebe einfach«.

ÜBER DAS BUCH
1958 als Übergangspapst gewählt, 1963 als einer der größten Päpste des 20. Jahrhunderts gestorben: Angelo Giuseppe Roncalli – Johannes XXIII. Weniger als 90 Tage nach seiner Wahl kündigte er überraschend ein Ökumenisches Konzil an und initiierte damit einen nie erwarteten Aufbruch in der katholischen Kirche. Woher nahm Johannes XXIII. den Mut und die Zuversicht? Was prägte sein Denken und Handeln, seine Spiritualität, sein tiefes Interesse an den Menschen? Im Jahr des Konzilsjubiläums zeichnet Klaus Koziol ein faszinierendes Portrait dieses Papstes, der noch heute zahllosen Menschen als »der gute Papst« in Erinnerung ist und ihnen Orientierung für ihr Leben geben kann.

Die Fehlurteile und Irrwege der „Sedis“ und „Semi-Sedis“ (1)

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(„Sedis“ sind Sedisvakantisten und „Semi-Sedis“ kann man diejenigen „Traditionalisten“ nennen, die einzelne oder alle Päpste [seit dem II. Vatikanischen Konzil] zwar als solche „anerkennen“, sie und ihr Tun aber in Vielem, in Wesentlichem verurteilen.)

 

Die Ökumene – der Ökumenismus

wird von ihnen als häretische Neuerung gesehen. Diese Neuerung verstoße insbesondere gegen die Enzyklika von Papst Pius XI. „Mortalium animos“ von 1928.

Nun ist es aber so, dass Pius XI. nicht die vom II. Vatikanum dekretierte Ökumene verurteilt hat, nicht verurteilt haben konnte, weil er unter Anderem ausdrücklich geschrieben hat:

Derartige Versuche [es werde sich bei aller Verschiedenheit der Völker bezüglich der religiösen Ansichten doch ohne Schwierigkeit eine brüderliche Übereinstimmung im Bekenntnis gewisser Wahrheiten als gemeinsamer Grundlage des religiösen Lebens erreichen lassen.] können von den Katholiken in keiner Weise gebilligt werden. Sie gehen ja von der falschen Meinung jener aus, die da glauben, alle Religionen seien gleich gut und lobenswert, weil alle, wenn auch in verschiedenen Formen, doch gleichermaßen dem uns angeborenen und natürlichen Sinn Ausdruck geben, durch den wir nach Gott verlangen und uns seiner Oberherrschaft gehorsam unterwerfen. Die Vertreter solcher Ansichten sind nun nicht nur in Irrtum und Selbsttäuschung befangen, sondern sie lehnen auch die wahre Religion ab, indem sie ihren Begriff verfälschen. Auf diese Weise kommen sie Schritt für Schritt zum Naturalismus und Atheismus. Daraus ergibt sich dann ganz klar die Folgerung, daß jeder, der solchen Ansichten und Bemühungen beipflichtet, den Boden der von Gott geoffenbarten Religion vollständig verläßt.

Und er verurteilte natürlich zurecht die sogenannten „Panchristen“:

Wie sollte man sich also einen Bund der Christenheit denken, dessen Mitglieder auch auf dem Gebiete der Glaubenswahrheiten ihre eigenen Gedanken und Meinungen beibehalten können, selbst wenn diese sich gegenseitig widersprechen? Und wie können, so fragen Wir, Menschen, die ganz gegenteilige Meinungen vertreten, ein und demselben Bund der Gläubigen angehören?

Die Päpste seit Johannes XXIII. haben jedoch klar gemacht, dass die von ihnen angestrebte Ökumene dem von Pius XI. verurteilten „Ökumene-Bild“ in keiner Weise entspricht. Was sie darunter verstehen, ist im Konzils-Dekret „Unitatis redintegratio“ und in der Enzyklika „Ut unum sint“ und in der Erklärung „Dominus Jesus“ der Kongregation für die Glaubenslehre, sowie im „Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus“ enthalten!

Der Ökumenismus ist die Schlüssel-Änderung in der Pastoral der katholischen Kirche.  Wer diesen/diese nicht akzeptiert, kann all die übrigen Neuerungen, die mit dem II. Vatikanum und in der Folge davon eingeführt worden sind, nicht verstehen und nicht überzeugt akzeptieren.

Dabei geht es nicht um irgendeinen Ökumenismus sondern um einen Ökumenismus in der Wahrheit und in der Liebe, keinesfalls jedoch  einen Ökumenismus um den Preis der Wahrheit (UR 11;  UUS 18; 36). Ziel ist die sichtbare Einheit der Kirche im Glauben, den Sakramenten, besonders der gemeinsamen Feier der Eucharistie, und in der kirchlichen Leitung (UR 2; UUS 9).

DAS ENDE DES KATHOLISCHEN GLAUBENS? – MITNICHTEN!

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„Pierre“ hat mit diesem Kommentar auf dieses E-Buch aufmerksam gemacht:

Das Ende des katholischen Glaubens
oder Der dritte Sündenfall
(Kindle Edition)

von Manfred Potthoff (Autor)

[Zusammenfassung:]

Das Christentum in seinem Endstadium. In der katholischen Kirchenorganisation, Führungskonfession der Christenheit, ist der katholische Glaube theoretisch und praktisch abgeschafft, was diese Darstellung nachweist. Erhalten sind entleerte Formen und Formeln, die jedoch nach einfachen Berechnungen in etwa 20 Jahren nicht mehr existieren werden, da dann auch der äußere Kirchenapparat mangels Mitglieder nicht mehr existieren wird. Dieses Buch weist präzise nach, wer diese Entwicklung in der Kirche gewollt und in fünfzig Jahren planmäßig durchgesetzt hat und wie die ehemals gläubigen Massen in einem der größten Täuschungsmanöver der Weltgeschichte irregeführt wurden. Damit fällt die einzige Kraft, die den Menschen der Gegenwart angesichts der inneren und äußeren und sich bereits ankündigenden Verwerfungen in der Welt und bereits in der eigenen Gesellschaft Halt und Lebensstütze verleihen konnte. Dieses Buch weist sämtliche Tatsachen faktenbelegt und für jeden verstehbar nach. Dass es sich wie ein Kriminalfall liest, ist kein Zufall. Es ergibt sich aus den Geschehnissen selbst. Denn der Verfasser versteht sich allein als Berichterstatter, und das reicht völlig aus.

Weitere wichtige Textteile aus dem Buch kann man hier einsehen!

 

MEINE STELLUNGNAHME DAZU:

Gerade anhand eines solchen Elaborats sollte es jedem wahren katholischen Christen einleuchten, dass die damit als Sammlung und Zusammenstellung von behaupteten glaubenswidrigen und glaubenszerstörerischen Vorgängen und Entwicklungen in der katholischen Kirche in Wirklichkeit solche nicht sein können; denn wer den Untergang der katholischen Kirche prophezeit, ist in jedem Falle zum Vornhinein ein falscher Prophet.

Und die aneinandergereihten diesbezüglichen destrukiven Vorkommnisse auf höchster, entscheidender Stufe der Kirche sind es eben bei genauem, nüchternem, unvoreingenommenem Hinsehen nicht.

Wer das Geschehen in der Kirche CHRISTI, des SOHNES GOTTES, des ERLÖSERS und RETTERS, nicht im LICHTE des HEILIGEN GEISTES beurteilt, wer der EINSICHT entbehrt, dass man nicht GEGEN die STELLVERTRETER CHRISTI katholisch urteilen kann, der hat keine Chance, die WAHRHEIT zu erkennen und ihr zu dienen.

JESUS CHRISTUS hat Seine Kirche auf den FELSEN PETRUS gebaut und durch die ganze bisherige Geschichte hindurch auf diesem Felsen aufrechterhalten und weitergebaut und ihr Seinen sicheren Beistand bis zum Ende der Welt zugesagt. Zu keiner Zeit gab es einen Papst, der – selbst bei menschlichen Mängeln und Fehlern – nicht DEN WILLEN CHRISTI ausgeführt hätte in LEHRE und LEITUNG.

Der profillose „Berichterstatter“ „Manfred Potthoff“ täuscht sich gewaltig. Was er prophezeit, wird nicht nur nicht eintreten, sondern das Gegenteil wird geschehen. Die Kirche Christi, die katholische, ist im Begriffe weltweit neu zu erblühen und dabei gewaltige Menschenmengen zu erfassen, die bisher in Finsternis und Todesschatten „schmachteten“, und zwar gerade dank der neuen Art der Weltmissionierung, dank aller päpstlich verordneten und angewandten pastoralen Änderungen und Neuerungen!

Die Päpste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus stimmen in allem Wichtigen und Entscheidenden überein. Sie sind die autoritativen Vollzieher/Umsetzer des II. Vatikanischen Konzils. Mit ihren LEHRSCHREIBEN bekennen sie sich EINES SINNES UND GEISTES, und ganz und gar klar TREU zum überlieferten katholischen GLAUBEN!

Wer das Gegenteil behauptet, wer sie Häresien, häretischer und apostatischer Akte zeiht, hat ihre Glaubenszeugnisse und Erklärungen/Rechtfertigungen nicht studiert, bzw. sieht sie in falschem Vorurteils-(Selbst-)Täuschungs-Licht.

Also: Hände weg von solchen Machwerken von Unerleuchteten, Irrenden und Irreführenden!

Paul O. Schenker

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PS: Unbestritten ist, dass es (u.a. auch schwere) Missstände gibt in der weltweiten Kirche. Aber diese gehen nicht von den Päpsten aus, sondern von solchen Kirchenmitgliedern, Klerikern und Laien, die sich nicht an das halten, was die Päpste lehren und anordnen, und diese können und sollen durchaus kritisiert werden, aber sachlich und mit Kompetenz!

7 PÄPSTE führen die KIRCHE CHRISTI ins Dritte Jahrtausend nach Christus

der-Petrus-Papst

Papst PIUS XII. (Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli)

Papst JOHANNES XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli)

Papst PAUL VI. (Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini)

Papst JOHANNES PAUL I. (Albino Luciani)

Papst JOHANNES PAUL II. (Karol Józef Wojtyla)

Papst BENEDIKT XVI. (Joseph Aloisius Ratzinger)

Papst FRANZISKUS (Jorge Mario Bergoglio)