Papst Franziskus erinnert an Kardinal Capovilla

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Johannes XXIII. & Msgr. Loris Capovilla (Rechts) (Photo: 1961) / Wikimedia Commons – N.N., Public Domain

„Er hat mit Freude das Evangelium bezeugt“

Anlässlich des gestrigen Ablebens von Kardinal Loris Francesco Capovilla (ZENIT berichtete), hat Papst Franziskus den langjährigen Privatsekretär von Papst Johannes XXIII. in einem Kondolenzschreiben als „eifrigen Hüter und stichhaltigen Interpreten“ dessen Erbes beschrieben.

„Ich denke mit Zuneigung an diesen geliebten Bruder, der in seiner langen und fruchtbaren Existenz mit Freude das Evangelium bezeugt und der Kirche folgsam gedient hat“, so schreibt Papst Franziskus in seinem Beileidstelegramm an den Bischof von Bergamo, Francesco Beschi. Kardinal Capovilla war gestern Nachmittag im Alter von 100 Jahren in Bergamo verstorben.

„In seinem bischöflichen Amt, insbesondere in Chieti-Vasto und Loreto, war er immer ein völlig dem Wohl seiner Priester und Gläubigen ergebener Hirte, im Zeichen einer festen Treue zum Kompass des Zweiten Vatikanischen Konzils“, so betont Papst Franziskus weiter. (pdm)

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Quelle (27. Mai 2016)

Johannes XXIII. – ein „Ebenbild der Güte Gottes“

Zum Tod am 26. Mai 2016 von Kardinal Loris Capovilla ein Artikel aus der KIRCHEN-ZEITUNG IM NETZ (Diözese Linz, Österreich) vom 25.9.2015:

Am 14. Oktober wird Loris Capovilla, der Sekretär des Konzilspapstes Johannes XXIII., 100 Jahre alt. Im Interview spricht der älteste Kardinal der Kirche über die Familiensynode, das Konzil und Papst Johannes.

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Loris Capovilla (rechts) als Sekretär an der Seite von Papst Johannes XXIII.

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Loris Kardinal Capovilla pflegt die Erinnerung an den heiliggesprochenen Konzilspapst Johannes XXIII.

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Besuch in Sotto il Monte: Univ.-Prof. Ewald Volgger bei Kardinal Capovilla.

Eminenz, Johannes XXIII. wird als der „gute Papst“ bezeichnet. Warum, das wissen heute viele Menschen nicht mehr. Was sagen Sie ihnen?
Capovilla: Wann immer ich über Papst Johannes XXIII. spreche, ist es mir wichtig, die Bezeichnung „der gute Papst“ zu korrigieren in „der Papst der Güte“. Das war sein Wesen – von seinen Anfängen als Priester in Bergamo bis zu seiner Zeit am päpstlichen Stuhl. Bildung, Wissen und Weisheit von Johannes XXIII. haben dieselbe Anerkennung gefunden wie seine Güte, die nicht zu leugnen war. Amleto Tondini, einst Lateinspezialist im Vatikan, brachte es auf die Formel: „imago ipsa bonitatis“, ein Ebenbild der Güte Gottes.

Über Papst Johannes XXIII. werden sehr viele Anekdoten erzählt. Welche sind denn da Ihre liebsten Geschichten?
Capovilla: Es gibt drei Begebenheiten, die mich seit mehr als fünfzig Jahren begleiten: Als er nach seinem ersten päpstlichen Segen vom Balkon des Petersdoms hereinkam, sagte er mir, er hätte vor lauter Scheinwerfern und Kamerablitzen keinen Menschen am Petersplatz gesehen. Es schien ihm, als ob Christus ihn vom Kreuz angeblickt und gesagt habe: „Du hast Name und Kleidung gewechselt. Vergiss aber nicht: Wenn du nicht wie ich sanftmütig und demütig bleibst, wirst du nichts von den Ereignissen in der Kirche und der Welt sehen.“ Als dann später am selben Tag die Kardinäle und all die anderen Personen gegangen waren, fragte ich ihn, ob ich ihm jemanden rufe solle. „Mein Sohn“, antwortete er, „lass mich erst das Abendgebet zu Ende bringen und den Rosenkranz beten, dann werden wir über alles Weitere sprechen“. Und als ich ihm gegen zehn Uhr am selben Abend eine gute Nacht wünschte, legte er mir seine Hand auf den Kopf und sagte: „Ich habe an meine Eltern und Lehrer gedacht.“ Er begann sein Pontifikat mit dem Versprechen, bescheiden und mit Sanftmut Jesus nachzufolgen, dem innigen Gebet treu zu bleiben und jenen dankbar zu sein, die ihm Leben und Erziehung geschenkt haben.

Johannes XXIII. hat das Zweite Vatikanische Konzil ausgerufen und begonnen, ist dann aber gestorben. Heute wird er oft vereinnahmt: Die einen sagen, unter ihm hätte es weitergehende Reformen gegeben. Andere sagen, er sei konservativ gewesen. Was stimmt?
Capovilla: Es stimmt, Papst Johannes war ein großer Konservativer. Aber es stimmt auch, dass nur diejenigen, die dem Erbe der Tradition treu bleiben, die Schwelle zur Erneuerung überschreiten können. Es geht um Treue und Erneuerung: Treue zur zweitausendjährigen Tradition der Kirche; und Erneuerung, indem die Zeichen der Zeit und die Bedürfnisse der Menschen erkannt werden. Nur wer die Tradition kennt, wird in Reform und Erneuerung auch ihren Sinn bewahren. In den letzten Tagen seines Lebens sagte Papst Johannes: „Es ist nicht das Evangelium, das sich ändert. Wir sind es, die beginnen, es besser zu verstehen, so leuchtet immer wieder neu die Morgenröte eines Neubeginns auf.“

Papst Franziskus wird heute oft mit Johannes XXIII. verglichen. Ist da etwas dran?
Capovilla: Der heilige Augustinus hat geschrieben, dass sich jeder Stern vom anderen durch besondere Merkmale unterscheidet. Es gibt niemals zwei absolut gleiche, wohl jedoch ähnliche Sterne. Gebe Gott, dass Papst Franziskus lange genug leuchten kann.

Wir stehen kurz vor dem Beginn der zweiten Familiensynode. Manche Beobachter haben die Umstände dort mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verglichen. Sehen Sie das ähnlich?
Capovilla: Ich denke, dass diese Erneuerung der Kirche im Sinne des Konzils ist. Es ist ja noch nicht alles geklärt. Wir sind noch nicht in der „Patria beata“, der seligen Heimat, angelangt. Wir wandern noch immer auf der Erde herum.

Sie leben seit 100 Jahren in und mit der Kirche. Angesichts der vielen Probleme der Welt und der Kirche könnte jemand fragen: Was macht Sie sicher, dass Gott noch mit der Welt, mit der Kirche ist?
Capovilla: Gott ist die Liebe. Er kann nicht desinteressiert an seiner Schöpfung sein. Gott ist allwissend und allmächtig. In seiner Hand hält er das Schicksal jedes Einzelnen von uns. Wir sind kleiner als ein Sandkorn in der Unendlichkeit des Universums. Und da wollen wir Gottes Gedanken verstehen? Das können wir nicht. Wir vertrauen. Mit den Augen des Glaubens erkennen wir einen Schimmer von dem, was der Verstand nicht zu sehen vermag. Gott ist da. Er ist bei uns jeden Tag unseres Lebens, auch wenn wir ihn nicht bei uns haben möchten. Wie ein guter Vater verlässt er uns nie.

Buchhinweis: „Ruhig und froh lebe ich weiter: Älter werden mit Johannes XXIII.“ von Hubert Gaisbauer und Ewald Volgger (Wiener Domverlag)

Zur Person

Loris Francesco Capovilla, geboren in Pontelongo bei Padua, war Kaplan, Lehrer, Seelsorger im Gefängnis und in einem Kinderkrankenhaus sowie journalistisch tätig, bevor er 1953 Privatsekretär des Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, wurde. Als dieser 1958 zum Papst gewählt wurde, folgte Capovilla ihm in den Vatikan, wo er den Beginn des Konzils erlebte. Ab 1967 wurde er Bischof von Chieti, übernahm 1971 den Wallfahrtsort Loreto und zog sich 1988 nach Sotto il Monte zurück, wo er die Erinnerung an den 2014 heiliggesprochenen Papst pflegt. Im selben Jahr zeichnete ihn Papst Franziskus mit der Kardinalswürde aus.

„Als Geschöpfe Gottes gemeinsam das Gute suchen“

Vor seinem 100. Geburtstag bekam Kardinal Loris Capovilla Besuch vom Liturgiewissenschaftler Ewald Volgger. Dabei entstand nicht nur das obenstehende Interview, wie der Linzer Uni-Professor erzählt:

Sotto il Monte, das heute den Namenszusatz „Giovanni XXIII“ trägt, ist der Geburtsort von Angelo Giuseppe Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII. Viele Menschen, die hierher in das Zentrum „Tantum aurora est“ auf Besuch kommen, meinen, in Kardinal Capovilla, dem einstigen Sekretär des Papstes, auch heute noch etwas von der gütigen Zuwendung zu den Menschen zu spüren, wie sie Johannes XXIII. bereits in jungen Jahren hat spüren lassen. Dabei machte „Don Angelo“ keinen Unterschied zwischen den Menschen, ob arm oder reich, gläubig oder von anderer Überzeugung, entscheidend war ihm der gute Wille der Menschen.

Empfang

Kardinal Capovilla empfängt nicht mehr an seinem Arbeitstisch. Dem Alter entsprechend winkt er uns, ruhend im Polstersessel, zu sich. Seine Stimme verrät Müdigkeit, er freut sich aber darüber, dass wir da sind, und erkundigt sich nach unseren Anliegen. Ich erzähle ihm, dass ich mich mit Johannes XXIII. in seinen jungen Jahren beschäftigt habe und ihn in einem Aufsatz als Pionier der liturgischen Bewegung vorstellen konnte. Capovilla richtet sich auf, aus seiner Stimme weicht plötzlich jeder Anschein von Schwäche und er bestätigt, wie sehr sich Roncalli für die Einbindung von Frauen in die Liturgie einsetzte, als sonst noch niemand davon sprach. Der Kardinal spricht in einem Atemzug von den Rechten der Frauen, von den Rechten aller Völker für ein Leben in Frieden, und spricht dann über Papst Franziskus, der ja selbst aus einer Emigrantenfamilie stammt, um dann zu bekräftigen, wie wichtig es sei, den Menschen beizustehen, die Hilfe und Schutz suchen. Es spiele keine Rolle, welchen Glauben oder welche Überzeugungen die Menschen prägten. Der Kardinal erzählt von einem Gespräch mit einem Jugendlichen, der beteuerte, dass er ihn als Priester und ehrenwerten Mann bewundere, dass er aber mit dem Glauben an Gott nichts anzufangen wisse. Diesem habe er geantwortet, dass es nicht darauf ankomme, ob wir katholisch oder muslimisch oder was auch immer seien. Es ginge darum zu verstehen, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind, die gemeinsam das Gute suchen und es tun wollen. So begleite Gott die Menschen.

Worauf es ankommt

Capovilla erzählt auch von einem Gespräch mit einem hochstehenden Politiker. Sie seien darin übereingekommen, dass es nicht wichtig sei zu fragen, woher kommst du. Wichtiger sei die Frage: Wohin möchtest du gelangen, wie können wir gemeinsam in die Zukunft gehen und was verbindet uns? Und weiters fügt der inzwischen schon wieder etwas müde gewordene Kardinal hinzu, Papst Johannes XXIII. habe ihn gelehrt, einen guten Gedanken anzunehmen, sei eine angemessene Würdigung des Gesprächspartners. Ich bitte ihn schließlich, für die Kirchenzeitung einige Fragen zu beantworten, was er gerne tut.

Bildquelle: Volgger (3)

Autor:  Ewald Volgger

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Quelle

AM VORABEND DES KONZILS

Pope John XXIII giving the Blessing at the conclusion of the Mass in S' Peter's Basilica on the Opening Day of the Second Vatican Council

Papst Johannes XXIII. beim Schluss-Segen der Messe in der St. Peters-Basilika am Eröffnungstag des II. Vatikanischen Konzils

 Von Prof. Dr. Walter Kirchschläger

Am 25. Dezember 1961 hat Johannes XXIII. mit der Unterzeichnung der Apostolischen Konstitution Humanae salutis das Zweite Vatikanische Konzil einberufen. Am gleichen Tag wird das Dokument in den vier römischen Hauptbasiliken feierlich verlesen. Mit dem vergangenen Weihnachtsfest sind wir also in den unmittelbaren Countdown zum Rückblick auf dieses Konzil und zum Ausblick auf seine Umsetzung heute eingetreten. Es lohnt sich, die Phase vor dem Konzil bis zu dessen Beginn nochmals zu bedenken – den einen zur Auffrischung ihrer Erinnerung, den anderen, um sie auf diese Weise an jener spannenden Zeit der neueren Kirchengeschichte teilhaben zu lassen.1

Countdown zum Konzil

Nach dem Tod von Pius XII. am 9. Oktober 1958 wurde am darauffolgenden 28. Oktober der damalige Patriarch von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, im Alter von 77 Jahren zum Bischof von Rom gewählt. Alles deutete auf einen «Papst des provisorischen Übergangs»2 hin, der mit seinem unkomplizierten und gütigen Wesen wohl eine sachte Entkrampfung nach dem vielfach als rigide empfundenen langen Pontifikat Pius XXII.› (1939–1958) herbeiführen konnte.

Die ersten Spuren des Stichworts «Konzil» finden sich im Januar 1959: «Ohne zuvor daran gedacht zu haben, habe ich in einem ersten Gespräch mit meinem Staatssekretär [Kardinal Domenico Tardini] am 20. Januar 1959 die Worte: Ökumenisches Konzil, Diözesansynode und Neufassung des kirchlichen Gesetzbuches ausgesprochen, ohne je zuvor daran gedacht zu haben und entgegen allen meinen Ahnungen und Vorstellungen über diesen Punkt.»3Wenige Tage später spricht der Bischof von Rom diesen Plan in einer qualifizierten Öffentlichkeit aus: Nach dem Gottesdienst zum Fest Pauli Bekehrung (25. Januar 1959) entwickelt er vor den 17 in St. Paul vor den Mauern anwesenden Kardinälen das Programm seines Pontifikats. Er benennt die Abhaltung einer Diözesansynode für das Erzbistum Rom und die Einberufung eines Ökumenischen Konzils, beides als Voraussetzung für ein «aggiornamento» des Codex Iuris Canonici.4 Die verhaltene Reaktion der Anwesenden sowie der in den nächsten Tagen informierten anderen Kardinäle bringt Johannes XXIII. in keiner Weise von seinem Vorhaben ab.5

Grundsätzlich darf nicht übersehen werden, dass die Idee eines Konzils nicht gänzlich neu war. Kardinal Ernesto Ruffini, Erzbischof von Palermo und rigoroser Vertreter eines antimodernistischen, in der Vormoderne verharrenden Kirchenkurses,6 gilt als Promotor einer solchen Idee bereits in den letzten zehn Jahren des Pontifikats von Pius XII. Ob dabei an die Fortsetzung des 1870 abgebrochenen Ersten Vatikanischen Konzils oder an eine den restaurativen Kirchenkurs bestätigende neue Kirchenversammlung gedacht war, muss wohl offen bleiben.7 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, Kardinal Josef Frings (Erzbischof von Köln) habe auf der Rückfahrt vom Konklave 1958 von der Möglichkeit eines baldigen Konzils gesprochen.8

In welche Richtung das von Johannes XXIII. angestossene Konzilsprojekt gehen werde, war zu diesem frühen Zeitpunkt wohl noch nicht klar.9 Die weitere Zeit bis zum Konzil wird eine Phase des Tauziehens zwischen verschiedenen Vorstellungen über das Konzil, zwischen Beschleunigungsversuchen und der Tendenz zur Verzögerung, auch eine Zeit von Befürchtungen, die Kirche könne noch nicht bereit sein für ein Konzil. Die diesbezüglichen Chroniken bieten eine höchst spannende Lektüre, zugleich legen sie die grossen Spannungen in der Kirche offen: Spannungen zwischen jenen, welche die Kirche in der übernommenen Gestalt und theologischen Ausrichtung bewahren wollten,10 und anderen, die zu einer Öffnung auf die Welt hin drängten.11 In gewisser Weise vereinigte Johannes XXIII. in seiner Person Elemente beider Tendenzen. Die Beschlüsse der Römischen Diözesansynode (24. bis 31. Januar 1960) sprechen eindeutig die Sprache einer antimodernistischen Kirche des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und orientieren sich auch an den tradierten Formen von Kirchenverständnis und kirchlichem Leben. Die anders ausgerichtete, pastorale Orientierung des Konzils wird in der Eröffnungsansprache unverkennbar zum Ausdruck kommen (siehe dazu unten). In der Radiobotschaft vom 11. September 1962 Ecclesia Christi lumen gentiumlegt Johannes XXIII. der Weltöffentlichkeit erstmals seine diesbezügliche Perspektive vor.12

Es gehörte zu den Charismen von Johannes XXIII., sich in der Phase der Vorbereitung des Konzils von den zurückhaltenden Tendenzen nicht irritieren und von den drängenden Versuchen nicht vereinnahmen zu lassen, die verschiedenen Flügel zusammenzuhalten und mit Klugheit, fallweise auch mit Charme und Humor Widerstände einzubinden.13 Sein im Alltag gegenüber seinen Mitarbeitern immer wieder wiederholtes «coraggio, coraggio» und «avanti, avanti»14 sind dafür sprichwörtlich geworden.

Am 16. Mai 1959 errichtet Johannes XXIII. die Vor-vorbereitende Konzilskommission (die so genannte antepraeparatoria) und stellt sie unter den Vorsitz des Kardinalstaatssekretärs. Als Generalsekretär fungiert Mons. Pericle Felici, der spätere Generalsekretär des Konzils.15 Damit ist die Phase der inhaltlichen Vorbereitung der Kirchenversammlung eröffnet. Es folgen die Einholung von Vorschlägen für Beratungsgegenstände auf dem Konzil, die Erarbeitung von entsprechenden Textentwürfen (Schemata), der Aufbau einer inhaltlich und strukturell tauglichen Konzilsorganisation. In diesen Arbeiten wird der Grundstein für die spätere Konzilshermeneutik gelegt.16 Mit der im Motu Proprio Superno Dei nutu17 am 5. Juni 1960 erfolgten Errichtung der Zentralkommission (praeparatoria), der Theologischen Kommission und weiterer Sachkommissionen, darunter das Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, tritt die Konzilsvorbereitung in ein stärker strukturiertes Stadium.18

Die am 25. Dezember 1961 ausgefertigte Apostolische Konstitution Humanae salutis19 wird am gleichen Tag in den vier römischen Hauptbasiliken feierlich verlesen. Am Fest Maria Lichtmess (2. Februar 1962) wird durch den Bischof von Rom nach der Segnung der Kerzen das Eröffnungsdatum des Konzils bekannt gegeben: Es ist der 11.  Oktober 1962,20 damals das Fest der Mutterschaft Mariens (heute: 1.  Januar). Den Wunsch, das Konzil 1962 beginnen zu lassen, hatte Johannes XXIII. bereits 1960 gegenüber seinem Staatssekretär formuliert.21

Über die beabsichtigte Dauer der Kirchenversammlung gab es bis zu ihrem Beginn unterschiedliche Auffassungen und uneinheitliche Äusserungen. Mit immer überzeugenderer Deutlichkeit zeichnete sich bis zu diesem Zeitpunkt allerdings ab, dass die Kirchenversammlung bis Weihnachten 1962 nicht beendet sein würde.22 Bezeichnend für seine diesbezügliche Offenheit ist eine Passage aus der so genannten «Mondscheinrede», die Johannes XXIII. am Abend des ersten Konzilstages gehalten hat: «Das Konzil hat begonnen, und wir wissen nicht, wann es zu Ende sein wird. Sollten wir bis Weihnachten nicht zum Ende kommen, weil es uns vielleicht nicht gelingt, bis zu diesem Tag alles zu sagen und die verschiedenen Themen zu behandeln, wird eine weitere Zusammenkunft nötig sein …»23

Mit dem Motu Proprio Appropinquante Concilio wird am 6. August 1962 (Fest der Verklärung Jesu) die Geschäftsordnung des Konzils erlassen.24 Am 4.  September 1962 folgt ein Apostolisches Breve mit Ernennungen in wichtige Konzilsämter.25 Hier muss ein Blick auf das Konzilspräsidium genügen, das sich aus folgenden Kardinälen zusammensetzt: Tisserant (Kurie), Liénart (Lille), Tappouni (Beirut/Rom), Gilroy (Sydney), Spellman (New York), Pla y Deniel (Toledo), Frings (Köln), Ruffini (Palermo), Caggiano (Buonos Aires), Alfrink (Utrecht). Das Bemühen um Internationalität und um einen Ausgleich der Denkrichtungen ist deutlich erkennbar. Mit der Ernennung von 224 Periti am 28. September 196226 können die Konzilsvorbereitungen als abgeschlossen angesehen werden.

Vor Konzilsbeginn zeichnete sich jedoch eine andere Entwicklung ab, die nicht unberücksichtigt bleiben darf: Schon während seiner Exerzitien vom 26. November 1961 bis 2. Dezember 1961 notiert Johannes XXIII.: «Ich merke in meinem Körper den Anfang irgendeiner Störung. Das ist in meinem Alter wohl ganz natürlich. Ich ertrage sie in Frieden, wenn sie mir auch bisweilen lästig wird, auch weil ich fürchte, sie könnte sich verschlimmern. Es ist nicht gut, darüber zu viel nachzudenken. Aber trotzdem fühle ich mich zu allem bereit.»27Dass dieser vage Hinweis der unpräzisen Einschätzung von Johannes XXIII. entsprach, belegt die Notiz in einem Brief an seinen Bruder Severo Roncalli, den er am Tag nach den Exerzitien schreibt: «um Dir zu sagen, (…) dass es mir aber weiterhin gut geht und dass ich den Weg bei guter Gesundheit wieder aufnehme, auch wenn mir dieses oder jenes kleine Leiden andeutet, dass achtzig Jahre keine sechzig oder fünfzig sind».28 Im von seinem Privatsekretär Loris Capovilla zusammengestellten Lebenslauf im Anhang zum Geistlichen Tagebuch findet sich zum 23. September 1962 der Hinweis: «Erste Anzeichen der Krankheit.»29Kardinal Léon-Joseph Suenens deutet mit einem durch ihn überlieferten Zitat an, welchen Sinn Johannes XXIII. seiner Krankheit zu geben schien: «Jetzt verstehe ich, welchen Beitrag zum Konzil der Herr von mir fordert: mein Leiden.»30

Eröffnung des Konzils

Mit einem feierlichen Gottesdienst und der Eröffnungsansprache Gaudet mater ecclesia wurde am 11.  Oktober 1962 das Konzil eröffnet. Die Atmosphäre war geprägt von Spannung, Erwartungen, vielfältigen Hoffnungen – und Ängsten. Die zahlreichen Eindrücke und Kommentare dazu sind vielfach dokumentiert.31 Zwei bemerkenswerte Gesten legten schon non-verbal das Verhältnis von Johannes XXIII. gegenüber dem Konzil und den versammelten «Mitbrüdern im Bischofsamt» offen. Anders als damals noch üblich trug er beim Einzug zum Konzil nicht die Tiara des Papstes,32 sondern eine Mitra wie alle Bischöfe. Am Eingang der Basilika St. Peter stieg er überdies von der Sedia gestatoria ab und ging mit den Bischöfen durch das Langschiff von St.  Peter zu seinem Platz. Als Bischof von Rom wollte er mit den Bischöfen der Kirche der ganzen Welt das Konzil feiern. Mit der Eröffnungsansprache aus seiner Feder33 gab er dem beginnenden Konzil seine Ausrichtung und seine Prägung. Der Zeitpunkt und Anlass der Rede und die Person des Sprechenden machen es zwingend, von der normierenden hermeneutischen Gewichtung der Ansprache auszugehen. Sie enthält nicht nur «eine der vollendetsten Ausdrucksformen der Konzilsvision von Papst Roncalli»,34 sie gibt das Programm und die Richtung vor, die für die beginnende Kirchenversammlung massgeblich sein wird.

Johannes XXIII. sprach35 vom «aggiornamento» (Nr. 6), von der Verheutigung der Kirche also in eine neue Zeit. Er ermutigte zum «Sprung nach vorwärts» (Nr. 15), den die Kirche in die Gegenwart tun müsse, von einer neuen Sprache, in die das Evangelium zu fassen sei, wenn es im Heute erneut verkündet wird,36und er gab der Kirche ein damals neues Profil, wenn er diese Kirchenversammlung in den Rahmen eines «Lehramtes von vorrangig pastoralem Charakter» (Nr. 15) stellte. Zugleich brandmarkte er die «Unglückspropheten» in den eigenen Reihen, die «zwar voll Eifer, aber nicht gerade mit einem sehr grossen Sinn für Differenzierung und Takt begabt sind. In der jüngsten Vergangenheit bis zur Gegenwart nehmen sie nur Missstände und Fehlentwicklungen zur Kenntnis. Sie sagen, dass unsere Zeit sich im Vergleich zur Vergangenheit nur zum Schlechteren hin entwickle. Sie tun so, als ob sie nichts aus der Geschichte gelernt hätten, die doch eine Lehrmeisterin des Lebens ist» (Nr. 8). Johannes XXIII. beklagte, dass die Haltung dieser Unglückspropheten für ihn im Alltag seines Leitungsamtes «verletzend» (ebd.) sei.37 Zugleich rief er zu einem neuen Pfingsten auf und empfahl der Kirche das «Heilmittel der Barmherzigkeit»38 dort, wo es Menschen nicht gelingt, den Glauben der Kirche in vollem Umfang in ihrem Leben zu verwirklichen. Der damalige Bischof von St. Pölten (Österreich), Dr. Franz Zak, notiert in seine Konzilsnotizen: «Aus der Ansprache des Heiligen Vaters gefiel mir besonders die pastorale Einstellung und das Hervorkehren der Güte und Barmherzigkeit den Irrenden gegenüber.»39

Vieles Wichtige, freilich auch nicht alles, hat das Konzil zu Wege gebracht. Auch seine Texte sind «katholisch» zu interpretieren, in ihrer Gesamtheit also – so wie frau oder man «auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift» zu achten hat, soll die «rechte Ermittlung des Sinnes» der Texte gelingen.40 Zu diesen Kriterien einer umfassenden Interpretation gehören neben der Eröffnungsansprache des Bischofs von Rom auch das Gesamtverhalten des Konzils, seine Arbeitsweise und seine im Laufe der Sitzungsperioden immer deutlicher werdende Ausrichtung auf die Reflexion über eine Kirche, die «in der Welt von heute» lebt. Dann ist z. B. als hermeneutische Wegleitung auch zu beachten, dass das Konzil alle vorgelegten Schemata in der urspünglich vorbereiteten Form verwarf und ihnen in der Überarbeitung oder Neubearbeitung eine neue, dem Gesamtwillen des Konzils entsprechende Ausrichtung gab. Allfällig enthaltene Kompromissformulierungen und aus heutiger Sicht unvollständige und unglückliche Ausdrucksweisen in den Texten können dieser Gesamttendenz und einer entsprechenden Interpretation der Texte nicht entgegenstehen.

Wer die Konzilstexte unter Vernachlässigung des Anliegens eines «aggiornamento» und ohne den Notenschlüssel einer neuen pastoral ausgerichteten Sprache und Handlungsweise der Kirche lesen möchte, handelt sich den Vorwurf ein, den Text gegen seine ursprüngliche Intention und damit fundamentalistisch zu lesen. Und wer verkennt, dass das am Eröffnungstag in das Konzil hineingetragene Anliegen der Verheutigung nicht mit dem Buchstaben und dem Text des Konzils abgeschlossen ist, sondern schon seit biblischer Zeit als eine grundlegende Methode zur Kirche gehört, die auch 50 Jahre nach dem Konzil in ein neues Heute geführt und darin aktualisiert werden muss, setzt sich ebenfalls diesem Vorwurf aus. Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass die nach eigener Beurteilung heute massgebliche Interpretation des Konzils nicht in einem offiziellen Dokument enthalten ist, sondern lediglich in einer Ansprache des Bischofs von Rom an eine beschränkte Öffentlichkeit zum bevorstehenden Weihnachtsfest 2005 ihren Niederschlag findet.41 Nicht erst allmählich, sondern bereits zu Beginn des Konzils haben hingegen die damaligen Bischöfe deutlich und nachhaltig ihr Missfallen gegenüber dem Versuch einer zentralen Konzils«[um]lenkung» zum Ausdruck gebracht:

Die erste Generalkongregation

Der Arbeitsprozess des Konzils sollte mit der Wahl der bereits im Vorfeld des Konzils versandten Schemata beginnen. Im Vorfeld dieses einzigen Traktandums der Ersten Generalkongregation vom 13.  Oktober 1962 erklärte der Generalsekretär des Konzils, dass man ohne Verzögerung die Abstimmung und sodann die Konstitution der Kommissionen vornehmen werde. Glücklicherweise – so muss im Rückblick festgestellt werden – bestand das Procedere in der Eintragung von jeweils 16 Namen in die Listen für die zehn Konzilskommissionen – wobei den Bischöfen die Listen mit den Mitgliedern der vorbereitenden Kommissionen als (wegleitende) Orientierung mitausgehändigt wurden.42 Dieser länger dauernde Vorgang gab Kardinal Achille Liénart (Bischof von Lille, Kardinal seit 1930, selbst Mitglied des Präsidiums und 87-jährig) die Möglichkeit, am Präsidiumstisch Kardinal Eugène Tisserant, der den Vorsitz führte, um das Wort zu ersuchen. Tisserant verweigerte die Redeerlaubnis unter Hinweis auf die Tagesordnung, die keine Diskussion vorsah.

Was dann geschah, kam für alle unerwartet: Kardinal Liénart griff selbst eigenmächtig nach dem Mikrofon und verlas einen Antrag zur Geschäftsordnung: Man möge die Wahl aufschieben, bis die Bischöfe einander etwas kennen gelernt hätten und so auch seitens der Bischofskonferenzen selbst Wahlvorschläge eingebracht werden könnten.43 Die Wortmeldung Lienarts wurde mit anhaltendem Beifall quittiert. Danach wiederholte sich die Situation: Kardinal Josef Frings (Köln), ebenfalls Mitglied des Konzilspräsidiums, sprach ebenso ohne ihm erteiltes Wort vom Präsidiumstisch aus. Er sekundierte Kardinal Liénart und tat dies auch im Namen von Kardinal Julius Döpfner (München-Freising) und Kardinal Franz König (Wien).44

Nach entsprechender Beratung am Präsidiumstisch gab Kardinal Tisserant dem Antrag statt, schloss die Sitzung und vertagte nach 50 Minuten das Konzil bis zum 16. Oktober, um in der 2. Generalkongregation die entsprechenden Kommissionswahlen vorzunehmen. Bis zu diesem Tag blieben die Bischöfe nicht tatenlos. Seitens der Bischofskonferenzen wurden 34 verschiedene Listen vorgelegt. Noch am 13. Oktober 1962 wurde in der Anima «eine mitteleuropäische Liste (Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Österreich, Schweiz, Polen, Skandinavien)» zusammengestellt, wobei der «Austausch mit anderen Gruppen (…) angestrebt» wurde.45 Das Konzil hatte anders begonnen als erwartet.

Das Vorgehen von Kardinal Liénart ist vielfach kommentiert und analysiert worden. Darin bündelt sich das Unbehagen mehrerer Bischöfe gegenüber einer geplanten Blitzaktion der Kommissionsbestellung, die weitgehend eine Perpetuierung der vorbereitenden Kommissionen hätte bringen sollen. Dies wäre für den Fortgang des Konzils entscheidend gewesen.46 So aber kam es anders. Entscheidend dafür war die konkrete Initiative weniger Kardinäle. Sie erweist sich als das Konzil gestaltend und bleibt wegweisend – nicht zuletzt deswegen, weil diese Persönlichkeiten selbst angesichts des versammelten Weltepiskopats ihren Mut zum aufrechten Gang erkennen liessen.47 Wegweisend für das Konzil und darüber hinaus für die Kirche bis in ihr neues Heute bleibt auch die Reaktion von Johannes XXIII. gegenüber Kardinal Liénart: «Sie haben gut daran getan, ganz laut zu sagen, was Sie denken, denn dazu habe ich die Bischöfe zum Konzil einberufen.»48

Erst so konnte es wirklich ein ökumenisches, ein weltumspannendes Konzil werden.

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1 Eine überblicksmässige, tabellarische Darstellung findet sich bei G. Caprile: Die Chronik des Konzils, in: LThK, 2. Auflage, Erg.-Bd. 3. Freiburg 1968, 624–664, hier für die Zeit vor dem Konzil 624–631, sowie jetzt in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Hrsg. v. P. Hünermann / B. J. Hilberath, Bd.  5, 585–594 (zusammengestellt von J. Schmiedl);  eine genauere und kritisch gearbeitete Darstellung siehe: G. Alberigo / K. Wittstadt (Hrsg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils, 5 Bände. Mainz-Leuven 1993–2008, hier Bd. I: Die Katholische Kirche auf dem Weg in ein neues Zeitalter. Mainz 1997; des weiteren siehe O. H. Pesch: Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnisse – Nachgeschichte. Würzburg 1993, bes. 21–77. Sehr aufschlussreich sind überdies die entsprechenden Eintragungen in Johannes XXIII.: Geistliches Tagebuch. Freiburg, 10. Auflage, 1966. Die weitere Fachliteratur ist beinahe uferlos.

2 Siehe dazu  G. Alberigo: Die Ankündigung des Konzils, in: Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. I (wie Anm.  1), 1–60, hier 10. Das Zitat ist eine Selbsteinschätzung von Johannes XXIII., Tagebuch (wie Anm. 1), 326 [zum 10. August 1961]. Vgl. dazu auch W. Kirchschläger: Johannes XXIII. und das Konzil, in: SKZ 168 (2000), 728–732.

3 Johannes XXIII., Tagebuch (wie Anm.  1), 350; G.  Caprile, Chronik (wie Anm. 1) vermerkt schon zuvor die Präsenz des Themas «Konzil» in privaten Gesprächen des Bischofs von Rom, konkret am 30. Oktober, 2. November 1958 und am 9. Januar 1959.

4 Textpassagen, Belege und Diskussion der verschiedenen Fassungen dieser Ansprache «Questa festiva ricorrenza» bei Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. I (wie Anm. 1), 1 und 17 mit Anm. 2 und 28. Siehe zur Konzilsankündigung und den Reaktionen auch A.  Gasser: Der Paukenschlag des Papstes, in: M. Belok / U.  Kropac (Hrsg.): Volk Gottes im Aufbruch. 40  Jahre II. Vatikanisches Konzil. Zürich 2005, 74–100, hier 75–79.

5 Von 74 Kardinälen antworten nur 24 zustimmend, 38 Kardinäle antworten gar nicht. Siehe G. Caprile, Chronik (wie Anm. 1), 624.

6 Bekannt ist die überaus kritische und polemische Intervention Ruffinis gegen die Bibelenzyklika Pius’ XII. Divino afflante Spiritu (1943): Generi letterari e ipotesi di lavoro nei recenti studi bibliche: L’Osservatore Romano 101/24. August (1961), 1.

7 Genaueres bei Alberigo, Ankündigung (wie Anm. 2), 13–14.

8 Diese Notiz findet sich in: Für die Menschen bestellt. Erinnerungen des Alterzbischofs von Köln Josef Kardinal Frings. Köln 1973, 247.

9 Siehe Alberigo, Ankündigung (wie Anm. 2), bes. 5–7. Zusammenfassend: Ders.: Die Fenster öffnen. Das Abenteuer des Zweiten Vatikanischen Konzils. Zürich 2006, hier 19–60.

10 Erinnert sei z. B. an das Monitum des Heiligen Offizium über die Frage der historischen Wahrheit der Evangelien vom 21. Juni 1961, in: AAS 53 (1961), 507, sowie an die Tatsache, dass noch im Wintersemester 1961 von der gleichen Behörde die Professoren Stanislaus Lyonnet und Maximilian Zerwick, beides Neutestamentler am Päpstlichen Bibelinstitut, Lehrverbot erhielten. Die dahinter stehende Agitation (u. a. massgeblich von Kardinal Ruffini) ist dokumentiert bei: J. A. Komonchak: Der Kampf für das Konzil während der Vorbereitung, in: Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. I (wie Anm.  1), 189–401, hier 314–320; A.  Gasser, Paukenschlag (wie Anm. 4), 84–89.

11 Ausführlicher: E. Fouilloux: Die vor-vorbereitende Phase (1959–1960). Der langsame Gang aus der Unbeweglichkeit, in: Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. I (wie Anm. 1), 61–187; Pesch, Konzil (wie Anm. 1), hier 50–69.

12 So urteilt K. Wittstadt: Weichenstellungen für ein «pastorales» Konzil – Papst Johannnes XXIII. unmittelbar vor Konzilsbeginn, in: Ders.: Aus der Dynamik des Geistes. Würzburg 2004, 164–185, bes. 174–180. Siehe die Einschätzung von Johannes XXIII. dazu in Tagebuch (wie Anm. 1), 346 (zum 10.[sic!] September 1962): «… wie sie [«alle Welt, die in Rom zusammenströmt»: ebd.] auch der Radioansprache lebhafte Beachtung schenkte, die heute abend in aller Welt gehört wurde». Deutscher Text der Radiobotschaft in HerKorr 17 (1962/63), 43–46, jetzt auch in: Hünermann, Theologischer Kommentar, Bd. 5 (wie Anm. 1), 476–481.

13 Dass die Vorbereitungen in verschiedene Richtungen liefen, zeigt J. A. Komonchak, Kampf (wie Anm. 10). Der Autor dokumentiert sowohl die Bemühungen für ein «pastorales» Konzil (hinter denen auch Johannes XXIII. stand): Ebd., 202–256; zugleich auch die Arbeit für ein «Lehrkonzil», in das (mit Ausnahmen: siehe Einheitssekretariat) die Vorbereitungsarbeiten der von der Kurie dominierten Kommissionen einzuordnen sind: Ebd., 256–340.

14 Persönliche Erzählung von Loris Capovilla (Privatsekretär von Johannes XXIII.) in den Jahren nach dem Tod von Johannes XXIII. Ein schriftlicher Beleg für die typische Ermutigung «coraggio, coraggio» findet sich in einem Brief des Bischofs von Rom an seinen Bruder Severo Roncalli vom 3. Dezember 1961: Tagebuch (wie Anm. 1), 359–361, Zitat 361.

15 Siehe zu dieser Phase: Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 66.

16 P. Hünermann zeigt differenziert die Genese der Textintention mit allen Irrwegen in dieser Vorkonzilsphase auf: Der Text: Werden – Gestalt – Bedeutung. Eine hermeneutische Reflexion: Ders., Theologischer Kommentar Bd. 1 (wie Anm. 1), 5–101, hier bes. 18–34.

17 AAS 52 (1960), 433–437.

18 Zur Würdigung dieser Vorbereitungstätigkeit siehe Komonchak, Kampf (wie Anm. 10); Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 66–75. Für eine systematische kommentierte Zusammenstellung siehe G. Caprile: Entstehungsgeschichte und Inhalt der vorbereiteten Schemata. Die Vorbereitungsorgane des Konzils und ihre Arbeit, in: LThK2 Erg.-Bd. 3. Freiburg 1968, 665–726.

19 AAS 54 (1962), 7–10.

20 Caprile, Chronik (wie Anm. 1), 628; dazu Motu Proprio Consilium diu vom 2. Februar 1962.

21 Mitteilung von  Kardinal Tardini an die Mitglieder der antepraeparatoria bei deren letzter Sitzung am 8. April 1960. Siehe dazu Komonchak, Kampf (wie Anm. 10), 378–379. J. G. M. Willebrands referiert in seinem Tagebuch am 18. Februar 1961 sogar eine Bemerkung von P. Felici: «… it wouldn’t be against the wishes oft he Holy Father when the Council would be opened by the end of 1961», in: Th. Salemink: «You will be Called Repairer of the Breach.» The Diary of J. G. M. Willebrands 1958–1961. Leuven 2009, 266.

22 Die Vielfalt ist aufgezeigt bei: Komonchak, Kampf (wie Anm. 10), 380–382.

23 Dokumentiert bei A. Riccardi: Die turbulente Eröffnung der Arbeiten, in: Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. 2 (wie Anm. 1): Das Konzil auf dem Weg zu sich selbst. Mainz 2000, 1–81, Zitat 24.

24 AAS 54 (1962), 609–631; vgl. dazu den einführenden Kommentar von H. Jedin: Die Geschäftsordnung des Konzils, in: LThK, zweite Auflage, Erg.-Bd. 3. Freiburg 1968, 610–623.

25 AAS 54 (1962), 687–688. Liste und Einordnung derselben bei K. Wittstadt: Am Vorabend des Konzils, in: Alberigo-Wittstadt, Geschichte Bd. I (wie Anm. 1), 457–560, hier 502 mit Anm. 151 (Liste der Amtsträger).

26 Siehe die Liste in: AAS 54 (1962), 782–784. Zur Rechtsstellung der Periti vgl. can 223 CIC 1917 sowie Art. 9 bis 11 der Geschäftsordnung des Konzils. Eine Einführung zur Bedeutung der Periti für das Konzil siehe bei Wittstadt, Am Vorabend (wie Anm. 25), 503–506.

27 Johannes XXIII., Tagebuch (wie Anm. 1), 343; zu einer diesbezüglich beiläufig scheinenden Bemerkung im Juli 1962 siehe: Gasser, Paukenschlag (wie Anm. 4), 92 mit Anm. 30.

28 Johannes XXIII., Tagebuch (wie Anm. 1), 359.

29 Ebd., 478. Gleiches notiert Caprili, Chronik (wie Anm. 1), 630; siehe dazu auch Wittstadt, Am Vorabend (wie Anm. 25), 499, und Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 93.

30 Suenens zitierte diesen Ausspruch bei seiner Gedenkrede am 28. Oktober 1963 in St. Peter (L’Osservatore Romano 103/28.–29. Oktober [1963], 1) und in seinen Erinnerungen: Souvenirs et Espérances. Brüssel 1991, 89.

31 Siehe dazu u. a.: Riccardi, Eröffnung (wie Anm. 23), 12–30; Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 75–77.

32 Im Jahre 1964 verschenkte Paul VI. die Tiara an die Armen der Welt und schaffte damit diese dreifache Krone als Kopfbedeckung für die Päpste ab.

33 Vgl. dazu seine Eintragung am 10. September 1962: «Es [die Einkehrtage] sind ja Tage der Besinnung vor dem Konzil, und so versteht es sich von selbst, dass ich meine gewohnten Betrachtungen entsprechend ändere. Hier ist alles Vorbereitung der Seele des Papstes auf das Konzil: alles, auch die Vorbereitung auf die Eröffnungsansprache, die alle Welt, die in Rom zusammenströmt, erwartet»: Johannes XXIII., Tagebuch (wie Anm. 1) 346. Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 91–92, berichtet davon, dass Leitideen von Kardinal Suenens für das Konzil in die Radioansprache vom 11. September 1962 und in die Eröffnungsrede eingeflossen seien.

34 Riccardi, Eröffnung (wie Anm. 23) 17.

35 Die komplexe Text- und Übersetzungsgeschichte der Ansprache kann hier nicht diskutiert werden. Siehe dazu grundlegend A. Merloni: L’allocazione Gaudet Mater Ecclesia (11 ottobre 1962). Sinossi critica dell’allocuzione, in: Ders.: Fede, Tradizione, Profezia. Studi su Giovanni XXIII e sul Vaticano II. Brescia 1984, 223–283. Eine Übersetzung des ursprünglichen italienischen Textes durch N. Klein hat Walbert Bühlmann veröffentlicht: Ders.: Johannes XXIII. Der schmerzliche Weg eines Papstes. Mainz 1996, Anhang. Siehe den Text auch auf www.unilu.ch/deu/exegese_neues_testament_25218.html.

36 «Bei aller Einfachheit der Lehre muss (…) eine Sprache gefunden werden, die unsere Zeit erreicht.» So Johannes XXIII. an die Deutschen Bischöfe am 24. November 1962, in: J. Döpfner: Konzilstagebücher, Briefe und Notizen zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Bearbeitet von G. Treffler. München 2006, 292–299, Zitat 298.

37 Ansprache Gaudet mater ecclesia, Nr. 8 (vgl. Anm 35).

38 Ebd., Zwischenüberschrift vor Nr. 16.

39 F. Zak: Konzils-Notizen. Hrsg. v. H. Fasching. St.  Pölten 2005, 9–10.

40 So mit Bezug auf die Interpretation der Bibel: II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum, Art. 12.

41 Am 14. August 2009 liess die Kongregation für die Glaubenslehre über die Apostolische Nuntiatur in Berlin den Initiatorinnen und Initiatoren der «Petition Vaticanum II» (www.petition-vaticanum2.org) die folgende Antwort auf ihre Eingabe zukommen: «Die Glaubenskongregation bestätigt den Empfang Ihrer beiden (oben genannten) Briefe. Die Rede des Heiligen Vaters an die Römische Kurie anlässlich der Überbringung der Weihnachtsglückwünsche (22. Dezember 2005)1 stellt die hermeneutischen Prinzipien für eine korrekte Interpretation der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils dar.»

42 Dazu E. Schillebeeckx: «Holy office (a secretary) distributed a ‹list of the French episcopate›: bogus: all conservative figures!», in: The Council Notes of Edward Schillebeeckx 1962–1963. Hg. v. K. Schelkens. Leuven 2011, 4.

43 Riccardi, Eröffnung (wie Anm. 23), 38 Anm. 82, verweist darauf, dass Kardinal Liénart seit Januar 1962 bei Mons. Felici hinsichtlich der Miteinbeziehung der Bischofskonferenzen in die Vorbereitung der Kommissionswahlen vorstellig geworden war.

44 J. Döpfner erwähnt, dass die diesbezügliche schriftliche Eingabe «von ihm [Frings], Card. König und mir unterzeichnet war», in: Döpfner, Konzilstagebücher (wie Anm.  36), 3.

45 Ebd., 4. Am 15. Oktober trifft sich Döpfner mit Kardinal Giovanni Battista Montini, der am 30. Juni 1963 als Paul VI. die Nachfolge von Johannes XXIII. antreten sollte.: «Sehr bereit, glaubt, nur eine kleine Gruppe von Italienern ziehe mit uns» (ebd.).

46 Siehe z. B. Riccardi, Eröffnung (wie Anm. 23), 31–38, Pesch, Konzil (wie Anm. 1), 89–91.

47 A. Gasser kommentiert zutreffend: «Das war die Geburtsstunde der Selbstbestimmung des Konzils», in: Ders., Paukenschlag (wie Anm. 4), 95. Siehe auch Zak, Konzils-Notizen (wie Anm.  38), 10: «Die 1. Generalkongregation wurde eine kleine Sensation.»

48 Nach Kardinal Liénart referiert bei Riccardi, Eröffnung (wie Anm.  23), 38.

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Quelle

Der heilige Johannes XXIII. am 26. Mai 1962 zum Österreichischen Katholikentag in Salzburg

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BOTSCHAFT VON PAPST
JOHANNES XXIII.
ZUM ÖSTERREICHISCHEN KATHOLIKENTAG*

 

Unserm geliebten Sohn
Franz Kardinal König,
Erzbischof von Wien

Allen zum Österreichischen Katholikentag 1962 in Salzburg versammelten Männern und Frauen sowie der Uns teuren Jugend entbieten Wir von Herzen Gruß und Apostolischen Segen.

In väterlicher Freude weilen Wir im Geiste mitten unter euch und erinnern Uns gern österreichischer Gastlichkeit, da Wir als junger Priester im Jahre 1912 anlässlich des damaligen unvergessenen Inter­nationalen Eucharistischen Kongresses in Wien eure schöne Heimat kennenlernen durften.

Wieviel weltbewegende Ereignisse und Prüfungen jeder Art haben in den verflossenen fünf Dezennien euer Vaterland heimgesucht! Dennoch könnt ihr heute durch Gottes gnadenvolle Führung, mit der ihr in frommem Geist und unermüdlichem Fleiß zusammengewirkt habt, voll Dankbarkeit euch eines ansehnlichen Wohlstands im Innern eures Landes und des Friedens nach außen erfreuen.

Was Uns hierbei besonders am Herzen liegt, ist der Wunsch, dass die erfreulichen sozialen und wirtschaftlichen Erfolge möglichst breiten Schichten eures Volkes im Sinne Unserer Enzyklika »Mater et Magistra« zugute kommen und die geistige Blüte Schritt halte mit dem materiellen Wohlstand. Bleibt dessen eingedenk: einseitiger wirtschaftlicher Aufstieg bleibt unvollkommen und gereicht der Seele ohne Zweifel zum Schaden. Wie alle geschaffenen Dinge nur einen Sinn haben, indem sie Mittel für ein höheres Ziel sind, so fordert eine erhöhte materielle Lebenshaltung vom Menschen eine erhöhte Aufmerksamkeit für die geistigen Werte. Damit aber wird die Zahl derjeniger immer größer werden, die an den Gütern des bürgerlichen und christlichen Gemeinschaftslebens teilhaben und ihren tiefen Sinn erfassen.

Das ist der Grund, warum ihr zum Wahlspruch eures Treffens das Wort wähltet »Löscht den Geist nicht aus!« Geist, der im Pfingstfest, im Heiligen Geist Gottes seinen Ursprung hat. Es ist der gleiche Geist Gottes, der bei der Schöpfung über den Wassern schwebte, der in der sichtbaren Kreatur der Geist des Lebens und der Ordnung ist, von dem der menschliche Geist nur ein Abbild ist, Heiliger Geist, von Christus gesandt, um »das Antlitz der Erde zu erneuern« (Ps 103, 30). Geist der Wahrheit, in dessen Kraft»auch ihr Zeugnis ablegen sollt« (Joh 15, 27), löscht ihn nicht aus!

Dieser heilige Geist Christi belebe eurer Bischöfe und Priester seeleneifriges Wirken und stehe ihnen bei, den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht zu werden, durchglühe euer privates und öffentliches Leben. Von ihm geführt, werden die Eltern sich ihrer Pflichten bewusst, die Schule wird, ihren Aufgaben voll gewachsen, der jungen Generation eine gediegene Formung schenken. Er erleuchte eure Staatsmänner in ihren verantwortungsvollen Aufgaben. Es bedeutet für Uns tiefe Genugtuung, dass eine Reihe der schwebenden konkordatären Fragen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich glücklich gelöst worden ist. Wir geben gern der Hoffnung Ausdruck, dass die noch ausstehenden gewichtigen Probleme in gutem beiderseitigen Einvernehmen eine zufriedenstellende Lösung finden werden. Sauerteig aller Bereiche der aufbauenden Gesellschaft soll der Geist Christi sein: in den hohen Schulen zu fruchtbarer Begegnung zwischen Glauben und Wissen; in der Welt der Industrie und Technik, die immer mehr den Schöpfergeist Gottes als Urgrund gerade ihrer neuesten Errungenschaften erkennen möge; in jeder Stadt, in jedem Dorf, das in Gefahr steht, von der rein irdischen Lebenshaltung unserer schnelllebigen Zeit übersättigt und in der Seele gefährdet zu werden.

So möge denn ein jeder von euch durch ein Leben, das geprägt ist durch den Wandel in der »Gemeinschaft im Heiligen Geist« (2 Kor 13, 13), wie Paulus die Kirche nennt, zum Weckruf und zum Vorbild werden, nicht zuletzt für diejenigen eurer Brüder und Schwestern, die, nicht selten durch unglückliche Umstände, die lebendige Verbindung mit dem fortlebenden Christus verloren haben. So arbeitet freudig zusammen im Geiste katholischer Aktion! »Lebendige Bausteine am lebendigen Gebäude« (1 Petr 2, 5) der Kirche seid ihr! Wirke daher ein jeder von euch mit zur Verwirklichung des großen Anliegens des bevorstehenden Ökumenischen Konzils durch echte innere Erneuerung eurer selbst, durch Vertiefung wahrhaft christlichen Lebens im Geiste Jesu Christi in eurer Familie, in eurer Pfarrei, im Bereich eurer beruflichen Tätigkeit, auf dass die Kirche, gestärkt durch den Geist der Wahrheit ( Joh 15, 26), den Menschen unserer Zeit aufleuchte als mystischer Leib des Herrn, verklärt, rein, heilig (Eph 5, 27).

Als Unterpfand dessen und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens segnen Wir dich, geliebter Sohn, der du mit opferfreudiger Hingabe diesen Katholikentag ermöglicht hast, deine Mitbrüder im bischöflichen Amt, an erster Stelle den verehrten Erzbischof von Salzburg, den gesamten Klerus Österreichs, alle Mitarbeiter in der Vorbereitung und Durchführung dieses großen Treffens, alle in Salzburg versammelten Gläubigen, ihre Familien wie alle Uns teuren Söhne und Töchter Österreichs, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, am 26. Mai 1962

IOANNES PP. XXIII

* AAS  54 (1962) 435;   Discorsi Messaggi Colloqui del Santo Padre Giovanni XXIII, Bd. IV, SS. 1012-1014.

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Quelle

DER HEILIGE JOHANNES XXIII. IN SEINER ENZYKLIKA „PACEM IN TERRIS“, 11.4.1963

Papst-Johannes-XXIII-31-

Die Ordnung im Universum

1. Der Friede auf Erden, nach dem alle Menschen zu allen Zeiten sehnlichst verlangten, kann nur dann begründet und gesichert werden, wenn die von Gott gesetzte Ordnung gewissenhaft beachtet wird.

Aus den Fortschritten der Wissenschaften und den Erfindungen der Technik ersehen wir deutlich, daß in den Lebewesen und in den Naturkräften eine wunderbare Ordnung herrscht, und auch, daß der Mensch gewürdigt wird, die Ordnung zu entdecken und geeignete Werkzeuge anzufertigen, um sich dieser Kräfte zu bemächtigen und sie zu seinem Nutzen zu gebrauchen.

2. Aber der Fortschritt der Wissenschaften und die Erfindungen der Technik offenbaren vor allem die unendliche Größe Gottes, der die Gesamtheit der Dinge und den Menschen selbst erschuf. Er schuf, so sagen Wir, aus dem Nichts die Gesamtheit der Dinge und verschwendete auf sie die Fülle seiner Weisheit und Güte. Daher lobt der Psalmist Gott mit den Worten „Herr, Herr, wie wunderbar ist dein Name auf dem ganzen Erdenrund“ (Ps 8, 2); und an einer anderen Stelle: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr! Mit Weisheit hast du sie alle mit gemacht“ (Ps 104, 24). Den Menschen aber schuf Gott „nach seinem Bild und Gleichnis“ (vgl. Gen 1, 26), ausgestattet mit Verstand und Freiheit, und bestellte ihn zum Herrn aller Dinge, wie der Psalmist es bekennt: „Du hast ihn nur wenig unter die Engel gestellt, mit Ruhm und Ehre ihn gekrönt; du hast ihm Macht verliehen über deiner Hände Werk, alles hast du ihm zu Füßen gelegt“ (Ps 8, 6 f.).

3. Zu der vorzüglichen Ordnung des Universums steht nun aber die Unordnung unter den einzelnen wie unter den Völkern in krassem Widerspruch, wie wenn die Beziehungen, die sie untereinander verbinden, nur mit Gewalt geregelt werden könnten.

Jedoch hat der Schöpfer der Welt die Ordnung ins Innere des Menschen eingeprägt; sein Gewissen tut sie ihm kund und befiehlt ihm unbedingt, sie einzuhalten: „Sie lassen erkennen, daß der Inhalt des Gesetzes ihren Herzen eingeschrieben ist, indem ihnen ihr Gewissen Zeugnis gibt“ (Röm 2, 15). Wie könnte es auch anders sein? Denn was Gott auch immer gemacht hat, das offenbart seine unendliche Weisheit, und zwar um so klarer, je größer die Vollkommenheit ist, deren es sich erfreut (vgl. Ps 18, 8-11).

Die Ordnung in der Natur des Menschen

4. Eine falsche Ansicht gibt jedoch häufig Anlaß zu einem Irrtum. Viele meinen, die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Menschen und dem Staat bestehen, könnten durch dieselben Gesetze geregelt werden, durch welche die vernunftlosen Kräfte und Elemente des Universums gelenkt werden. Diese Gesetze aber, die von ganz anderer Art sind, können selbstverständlich nur dort entnommen werden, wo sie der Schöpfer aller Dinge eingeschrieben hat, nämlich aus der Natur der Menschen.

Durch diese Gesetze werden die Menschen deutlich belehrt, wie sie ihre gegenseitigen Beziehungen im Zusammenleben mit anderen Menschen gestalten sollen; wie die Beziehungen zu regeln sind, die zwischen den Staatsbürgern und den staatlichen Behörden bestehen; ferner, wie die Staaten einander begegnen sollen; schließlich, in welcher Weise die einzelnen Menschen und Staaten und anderseits die Gemeinschaft aller Völker sich gegeneinander zu verhalten haben. Daß diese Gemeinschaft endlich gegründet werde, ist heute ein dringendes Erfordernis des allgemeinen Wohls.

I.

DIE ORDNUNG UNTER DEN MENSCHEN

Jeder Mensch ist seinem Wesen nach Person mit Rechten und Pflichten

5. Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muß das Prinzip zugrunde liegen, daß jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Weil sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise veräußert werden (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Wenn wir die Würde der menschlichen Person nach den Offenbarungswahrheiten betrachten, müssen wir sie noch viel höher einschätzen. Denn die Menschen sind ja durch das Blut Jesu Christi erlöst, durch die himmlische Gnade Kinder und Freunde Gottes geworden und zu Erben der ewigen Herrlichkeit eingesetzt.

Die Rechte

Das Recht auf Leben und Lebensunterhalt

6. Bezüglich der Menschenrechte, die Wir ins Auge fassen wollen, stellen Wir gleich zu Beginn fest, daß der Mensch das Recht auf Leben hat, auf die Unversehrtheit des Leibes sowie auf die geeigneten Mittel zu angemessener Lebensführung. Dazu gehören Nahrung, Kleidung, Wohnung, Erholung, ärztliche Behandlung und die notwendigen Dienste, um die sich der Staat gegenüber den einzelnen kümmern muß. Daraus folgt auch, daß der Mensch ein Recht auf Beistand hat im Falle von Krankheit, Invalidität, Verwitwung, Alter, Arbeitslosigkeit oder wenn er ohne sein Verschulden sonst der zum Leben notwendigen Dinge entbehren muß (vgl. Pius XI., Enz. Divini Redemptoris).

Moralische und kulturelle Rechte

7. Von Natur aus hat der Mensch außerdem das Recht, daß er gebührend geehrt und sein guter Ruf gewahrt wird, daß er frei nach der Wahrheit suchen und unter Wahrung der moralischen Ordnung und des Allgemeinwohls seine Meinung äußern, verbreiten und jedweden Beruf ausüben darf; daß er schließlich der Wahrheit entsprechend über die öffentlichen Ereignisse in Kenntnis gesetzt wird.

Zugleich steht es dem Menschen kraft des Naturrechtes zu, an der geistigen Bildung teilzuhaben, d.h. also auch das Recht, sowohl eine Allgemeinbildung als auch eine Fach- und Berufsausbildung zu empfangen, wie es der Entwicklungsstufe des betreffenden Staatswesens entspricht. Man muß eifrig darauf hinarbeiten, daß Menschen mit entsprechenden geistigen Fähigkeiten zu höheren Studien aufsteigen können, und zwar so, daß sie, wenn möglich, in der menschlichen Gesellschaft zu Aufgaben und Ämtern gelangen, die sowohl ihrer Begabung als auch der Kenntnis entsprechen, die sie sich erworben haben (vgl. Pius XII.,Weihnachtsbotschaft 1942).

Das Recht auf Gottesverehrung

8. Zu den Menschenrechten gehört auch das Recht, Gott der rechten Norm des Gewissens entsprechend zu verehren und seine Religion privat und öffentlich zu bekennen. Denn wie Lactantius treffend sagt, „werden wir mit der Bestimmung geboren, Gott, unserm Schöpfer, den gerechten und schuldigen Gehorsam zu erweisen; ihn allein sollen wir anerkennen, ihm folgen. Durch dieses Band der Frömmigkeit sind wir Gott verpflichtet und verbunden; und daher hat auch die Religion ihren Namen“ (Divinae Institutiones IV, 28, 2). Zur gleichen Sache stellte Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens Leo XIII. nachdrücklich fest: „Diese wahre und der Kinder Gottes würdige Freiheit, welche die Würde der menschlichen Person in vornehmster Weise schützt, ist größer als alle Gewalt und alles Unrecht; sie ist der Kirche immer ein Anliegen und besonders teuer. Diese Art von Freiheit haben die Apostel ständig für sich in Anspruch genommen, die Apologeten in den Schriften unverbrüchlich festgelegt, die Martyrer in unermeßlicher Zahl durch ihr Blut geheiligt“ (Leo XIII., Enz. Libertas praestantissimum).

Das Recht auf freie Wahl des Lebensstandes

9. Darüber hinaus haben die Menschen das unantastbare Recht, jenen Lebensstand zu wählen, den sie für gut halten, d.h. also, entweder eine Familie zu gründen, wobei in dieser Gründung Mann und Frau gleiche Rechte und Pflichten haben, oder das Priestertum oder den Ordensstand zu ergreifen (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Die Familie, die auf der Ehe ruht, die selbstverständlich frei geschlossen, eins und unauflöslich ist, muß als die erste und natürliche Keimzelle der menschlichen Gesellschaft angesehen werden. Daraus folgt, daß für sie sowohl auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet als auch in kultureller und sittlicher Hinsicht möglichst gut gesorgt werden muß. Dies alles dient dazu, die Familie zu festigen und in der Erfüllung ihrer Aufgabe zu unterstützen.

Pflege und Erziehung der Kinder aber sind an erster Stelle das Recht der Eltern (vgl. Pius XI., Enz. Casti connubii).

Rechte in wirtschaftlicher Hinsicht

10. Wenn Wir Uns nun dem Bereich der Wirtschaft zuwenden, so ergibt sich für den Menschen auf Grund des Naturrechtes nicht nur, daß ihm Arbeitsmöglichkeit gegeben werden muß, sondern auch, daß er seine Arbeit frei übernimmt (vgl. Pius XII., Pfingstbotschaft 1941).

Mit diesen Rechten ist ohne Zweifel auch das Recht auf solche Arbeitsbedingungen verbunden, unter denen weder die Körperkräfte geschwächt noch die guten Sitten zugrunde gerichtet werden, noch dem rechten Wachsen und Gedeihen der Jugendlichen Schaden zugefügt wird. Bezüglich der Frauen gilt, daß ihnen solche Arbeitsbedingungen zugestanden werden, die den Bedürfnissen und Pflichten der Ehefrauen und Mütter entsprechen (vgl. Leo XIII., Enz. Rerum Novarum).

Aus der Würde der menschlichen Person entspringt auch das Recht, im Bewußtsein eigener Verantwortung wirtschaftliche Unternehmungen zu betreiben (vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra). Hier muß auch erwähnt werden, daß der Arbeiter Anspruch auf gerechten Lohn hat. Er muß im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Mitteln dem Arbeiter und seiner Familie eine menschenwürdige Lebenshaltung gestatten. Darüber sagt Unser Vorgänger seligen Andenkens Pius XII.: „Der naturgegebenen persönlichen Arbeitspflicht entspricht folgerichtig das naturgegebene persönliche Recht, durch Arbeit für das eigene Leben der Seinen Vorsorge zu treffen. So ist der Befehl der Natur auf das erhabene Ziel der Erhaltung des Menschen hingeordnet“ (vgl. Pius XII., Pfingstbotschaft 1941). Ferner leitet sich aus der Natur des Menschen das Recht auf Privateigentum, auch an Produktivgütern, her. Dieses Recht, wie Wir an anderer Stelle gesagt haben, „schützt in wirksamer Weise die Würde der menschlichen Person und erleichtert die Ausübung der beruflichen Verantwortung in allen Lebensbereichen. Es fördert die Ruhe und Beständigkeit des menschlichen Zusammenlebens in der Familie und fördert den inneren Frieden und die Wohlfahrt des Landes“ (vgl. ebd.).

Schließlich ist es angebracht, zu bemerken, daß das Recht auf Eigentum zugleich eine soziale Funktion einschließt (vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra).

Recht auf Gemeinschaftsbildung

11. Daraus aber, daß die Menschen von Natur aus gemeinschaftsbezogen sind, entsteht das Recht der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Sie können den Gemeinschaftsgründungen die Form geben, die sie für die geeignetere halten, um das Ziel zu erreichen, das sie sich gesteckt haben, und in diesen Gemeinschaften aus eigenem Antrieb und aus eigener Verantwortung handeln und diese zum gewünschten Ziel hinlenken (vgl. Leo XIII., Enz. Rerum Novarum).

In der Enzyklika Mater et magistra haben Wir selbst sehr eindringlich darauf hingewiesen, wie sehr es nottut, daß recht viele Vereinigungen oder Körperschaften, die zwischen Familie und Staat stehen, gegründet werden, die den Zwecken genügen, die der einzelne Mensch nicht wirksam erreichen kann. Diese Vereinigungen und Körperschaften sind als überaus notwendige Instrumente zu betrachten, um die Würde und Freiheit in Hinblick auf die Wahrung ihrer Eigenverantwortlichkeit zu schützen (vgl. Mater et Magistra).

Recht auf Auswanderung und Einwanderung

12. Jedem Menschen muß das Recht zugestanden werden, innerhalb der Grenzen seines Staates seinen Wohnsitz zu behalten oder zu ändern; ja, es muß ihm auch erlaubt sein, sofern gerechte Gründe dazu raten, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1952). Auch dadurch, daß jemand Bürger eines bestimmten Staates ist, hört er in keiner Weise auf, Mitglied der Menschheitsfamilie und Bürger jener universalen Gesellschaft und jener Gemeinschaft aller Menschen zu sein.

Rechte politischen Inhalts

13. Dazu kommt, daß mit der Würde der menschlichen Person das Recht verknüpft ist, am öffentlichen Leben aktiv teilzunehmen und zum Gemeinwohl beizutragen. Dazu sagte Unser Vorgänger Pius XII.: „Weit entfernt, nur Gegenstand und gleichsam ein passives Element des sozialen Lebens zu sein, ist und muß er vielmehr dessen Träger, Grundlage und Ziel sein“ (vgl. Pius XII.,Weihnachtsbotschaft 1944).

Zur menschlichen Person gehört auch der gesetzliche Schutz ihrer Rechte, der wirksam und unparteiisch sein muß in Übereinstimmung mit den wahren Normen der Gerechtigkeit, wie Unser Vorgänger seligen Andenkens Pius XII. mahnt:

„Aus der gottgesetzten Rechtsordnung ergibt sich das unveräußerliche Recht des Menschen auf Rechtssicherheit und damit auf einen greifbaren Rechtsbereich, der gegen jeden Angriff der Willkür geschützt ist“ (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942).

Die Pflichten

Unauflösliche Beziehung zwischen Rechten und Pflichten in derselben Person

14. Die bisher von Uns erwähnten Rechte, die aus der Natur hervorgehen, sind in dem Menschen, dem sie zustehen, mit ebenso vielen Pflichten verbunden. Diese Rechte und Pflichten haben ihren Ursprung, ihre Nahrung und unzerstörbare Kraft vom Naturgesetz, durch das sie verliehen oder geboten sind.

Um dafür einige Beispiele anzuführen: das Recht des Menschen auf Leben hängt mit der Pflicht zusammen, sein Leben zu erhalten; das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein mit der Pflicht ehrenhaft zu leben; das Recht, frei nach der Wahrheit zu forschen, mit der Pflicht, immer tiefer und weiter nach der Wahrheit zu suchen.

Gegenseitige Rechte und Pflichten unter verschiedenen Personen

15. Daraus folgt auch, daß in der menschlichen Gemeinschaft dem natürlichen Recht des einen eine Pflicht der anderen entspricht: die Pflicht nämlich, jenes Recht anzuerkennen und zu achten. Denn jedes Grundrecht des Menschen leitet seine Kraft und Autorität aus dem natürlichen Sittengesetz her; dieses verleiht jenes Recht und legt die entsprechende Pflicht auf. Diejenigen also, die zwar ihre Rechte in Anspruch nehmen, aber ihre Pflichten ganz vergessen oder nicht entsprechend erfüllen, sind denen zu vergleichen, die ein Gebäude mit einer Hand aufbauen und es mit der anderen wieder zerstören.

In wechselseitiger Zusammenarbeit

16. Da die Menschen von Natur aus Gemeinschaftswesen sind, müssen sie miteinander leben und ihr gegenseitiges Wohl anstreben. Das geordnete Zusammenleben erfordert deshalb, daß sie gleicherweise Rechte und Pflichten wechselseitig anerkennen und erfüllen. Daraus ergibt sich auch, daß jeder großmütig seinen Beitrag leisten muß, um jenes soziale Milieu zu schaffen, durch das die Rechte der Bürger immer sorgfältiger und segensreicher gewahrt und ihre Pflichten ebenso erfüllt werden.

Um dafür ein Beispiel anzuführen: Es genügt nicht, den Menschen das Recht auf das Lebensnotwendige zuzugestehen, wenn man nicht auch nach Kräften dahin wirkt, daß ihm auch das, was zum Lebensunterhalt gehört, in genügendem Maße zur Verfügung steht.

Dazu kommt, daß die Gemeinschaft der Menschen nicht nur geordnet, sondern auch möglichst fruchtbar sein muß. Das verlangt dringend, daß sie ihre Rechte und Pflichten gegenseitig anerkennen und erfüllen, daß sie aber darüber hinaus auch alle gemeinschaftlich an den so vielfältigen Unternehmungen teilnehmen, die der heutige Stand der Zivilisation erlaubt, nahelegt oder fordert.

Verantwortungsbewußtsein

17. Außerdem verlangt die Würde der menschlichen Person, daß es dem Menschen möglich gemacht wird, aus eigenem Entschluß und in Freiheit zu handeln. Im Zusammenleben hat er deshalb mit gutem Grund Rechte zu pflegen, Pflichten zu erfüllen und sich aus eigenem Antrieb und Entschluß in den so zahlreichen Werken, die durchzuführen sind, für andere in der Gemeinschaft dienend einzusetzen; und zwar so, daß jeder nach seiner Überzeugung, seinem Urteil und Pflichtbewußtsein handelt und nicht vorwiegend auf Grund von äußerem Zwang und Druck.

Wenn eine Gemeinschaft von Menschen allein auf Gewalt aufgebaut ist, so ist sie nicht menschlich; die einzelnen haben dann keine Freiheit mehr, während sie doch im Gegenteil anzuspornen sind, ihr Leben selber zu entfalten und an ihrer Vervollkommnung zu arbeiten.

Zusammenleben in Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit

18. Das bürgerliche Zusammenleben ist deshalb dann als gut geordnet, fruchtbar und der menschlichen Würde entsprechend anzusehen, wenn es auf der Wahrheit gründet, wie der Apostel Paulus mahnt: „Darum leget ab die Lüge, ein jeder rede die Wahrheit mit seinem Nächsten; denn wir sind Glieder untereinander“ (Eph 4, 25). Das wird dann sicher der Fall sein, wenn jeder seine Rechte und besonders seine Pflichten gegenüber den anderen anerkennt. Überdies wird das Zusammenleben so sein, wie Wir es soeben gezeichnet haben, wenn die Menschen, von der Gerechtigkeit geleitet, sich bemühen, sowohl die Rechte anderer zu achten, als auch die eigenen Pflichten zu erfüllen; wenn sie in solchem Bemühen von der Liebe beseelt sind, daß sie die Nöte der anderen wie ihre eigenen empfinden und die anderen an ihren Gütern teilnehmen lassen, und somit danach streben, daß auf der Welt die höchsten geistigen Werte unter alten verbreitet werden. Aber auch das genügt noch nicht; denn die menschliche Gemeinschaft wächst durch die Freiheit zusammen, und zwar in Formen, die der Würde der Menschen angemessen sind. Da diese von Natur aus vernunftbegabt sind, tragen sie deshalb auch die Verantwortung für ihr Tun.

19. Das Zusammenleben der Menschen ist deshalb, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, als ein vordringlich geistiges Geschehen aufzufassen. In den geistigen Bereich gehören nämlich die Forderungen, daß die Menschen im hellen Licht der Wahrheit ihre Erkenntnisse untereinander austauschen, daß sie ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Pflichten zu erfüllen in den Stand gesetzt werden, daß sie angespornt werden, die geistigen Güter zu erstreben, daß sie aus jeder ehrenhaften Sache, wie immer sie beschaffen sein mag, einen Anlaß zu gemeinsamer rechtschaffener Freude gewinnen, daß sie in unermüdlichem Wollen das Beste, was sie haben, einander mitzuteilen und voneinander zu empfangen suchen. Diese Werte berühren und lenken alles, was sich auf Wissenschaft, Wirtschaft, soziale Einrichtungen, Entwicklung und Ordnung des Staates, Gesetzgebung und schließlich auf alle übrigen Dinge bezieht, die äußerlich das menschliche Zusammenleben ausmachen und in ständigem Fortschritt entwickeln.

Gott, das Fundament der sittlichen Ordnung

20. Die Ordnung jedoch, die im menschlichen Zusammenleben waltet, ist ganz geistiger Art: auf der Wahrheit aufruhend, ist sie nach den Geboten der Gerechtigkeit zu verwirklichen; sie verlangt, durch gegenseitige Liebe beseelt und zur Vollendung geführt zu werden; schließlich ist sie in ungeschmälerter Freiheit zu einer täglich menschenwürdigeren Harmonie zu gestalten.

Aber diese Art von Ordnung, deren Prinzipien sich auf alle erstrecken und absolut und unveränderlich sind, geht ganz vom wahren, und zwar vom persönlichen und die menschliche Natur übersteigenden Gott aus. Denn da Gott die erste Wahrheit aller Dinge und das höchste Gut ist, ist er zugleich die erhabene Quelle, aus der die menschliche Gemeinschaft allein wahrhaft Leben schöpfen kann, um so recht geordnet, fruchtbar und der menschlichen Würde angemessen zu sein (vgl. Pius XII., Weihnachtsbotschaft 1942). Hierher gehört jenes Wort des heiligen Thomas von Aquin: „Daß aber die menschliche Vernunft die Richtschnur des menschlichen Willens ist, an der seine Gutheit gemessen werden muß, das hat sie aus dem ewigen Gesetz, welches die göttliche Vernunft ist … Daraus folgt klar, daß die Gutheit des menschlichen Willens viel mehr vom ewigen Gesetz abhängt als von der menschlichen Vernunft“ (Summa theol. I/II, q. 19, a. 4; vgl. a. 9).

Zeichen der Zeit

21. Unsere Gegenwart ist durch drei Merkmale gekennzeichnet:

Vor allem stellt man den wirtschaftlich-sozialen Aufstieg der Arbeiterklasse fest. Die Arbeiter machten zunächst, vordringlich auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, ihre Rechte geltend; dann taten sie den Schritt zur Wahrung ihrer politischen Interessen; schließlich richteten sie ihren Sinn besonders darauf, in angemessener Weise an den Gütern der Kultur teilzunehmen. Deshalb sind die Arbeiter heutzutage auf der ganzen Welt besonders darauf bedacht, nie nur als Sache ohne Verstand und Freiheit gewertet zu werden, die andere ausbeuten, sondern als Menschen in allen Bereichen menschlicher Gemeinschaft, d.h. auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, im Staat und schließlich auch auf dem Feld der Wissenschaften und der Kultur.

22. An zweiter Stelle steht die allgemein bekannte Tatsache, daß die Frau am öffentlichen Leben teilnimmt, was vielleicht rascher geschieht bei den christlichen Völkern und langsamer, aber in aller Breite, bei den Völkern, welche als Erben anderer Überlieferungen auch andere Lebensformen und Sitten haben. Die Frau, die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewußt wird, ist weit davon entfernt, sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen; sie nimmt vielmehr sowohl im häuslichen Leben wie im Staat jene Rechte und Pflichten in Anspruch, die der Würde der menschlichen Person entsprechen.

23. Schließlich bemerken wir in unseren Tagen, daß die ganze Menschheitsfamilie im sozialen wie im politischen Leben eine völlig neue Gestalt angenommen hat. Da nämlich alle Völker für sich Freiheit beanspruchen oder beanspruchen werden, wird es bald keine Völker mehr geben, die über andere herrschen, noch solche, die unter fremder Herrschaft stehen.

24. Denn die Menschen aller Länder und Völker sind entweder bereits Bürger eines freien Staatswesens oder werden es bald sein. Keine einzige Stammesgemeinschaft will in Zukunft noch unter fremder Herrschaft stehen. Denn in der Gegenwart schwinden die Anschauungen, die so ,viele Jahrhunderte überdauerten, auf Grund derer sich gewisse Menschengruppen für untergeordnet hielten, während andere sich Überlegen dünkten, sei es wegen ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Stellung, sei es wegen des Geschlechtes oder ihres gesellschaftlichen Ranges.

Dagegen verbreitete und behauptete sich weitgehendst die Auffassung, daß alle Menschen in der Würde ihrer Natur unter sich gleich sind. Deshalb wird, wenigstens theoretisch, eine Diskriminierung der Rassen in keiner Weise mehr anerkannt. Und dies ist von größter Bedeutung und größtem Gewicht für die Entwicklung eines menschlichen Zusammenlebens nach den Prinzipien, die Wir erwähnt haben. Sofern in einem Menschen das Bewußtsein seiner Rechte erwacht, muß in ihm auch notwendig das Bewußtsein seiner Pflichten entstehen, so daß, wer bestimmte Rechte hat, zugleich auch die Pflicht hat, sie als Zeichen seiner Würde zu beanspruchen, während die übrigen Menschen die Pflicht haben, diese Rechte anzuerkennen und hochzuschätzen.

25. Wenn so das Grundgefüge der Beziehungen zwischen den Bürgern auf die Rechte und Pflichten abgestellt wird, entdecken die Menschen immer mehr die geistigen Werte, nämlich was Wahrheit, was Gerechtigkeit, was Liebe und was Freiheit ist. So werden sie sich bewußt, Glieder einer solchen Gemeinschaft zu sein. Doch nicht genug! Auf diesem Wege kommen die Menschen dazu, den wahren Gott als die Menschennatur überragendes persönliches Wesen besser zu erkennen. So halten sie schließlich die Beziehungen zu Gott für das Fundament ihres Lebens, das sie sowohl in ihrem Inneren leben als auch gemeinsam mit den übrigen Menschen gestalten.

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Quelle

 

Die Hinzufügung des Namens des hl. Josef in den eucharistischen Gebeten des Missale Romanum

josdeath

KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

Dekret

über die Hinzufügung des Namens des hl. Josef
in den eucharistischen Gebeten II, III, IV des Missale Romanum

 

Indem den Heiligen Joseph von Nazareth die Funktion übertragen wurde, Ziehvater Jesu zu sein, wurde er zum Haupt der Familie des Herrn eingesetzt und erfüllte großzügig die ihm aus der Gnade der Heilsökonomie zugewiesene Mission. Da er vollkommen den Anfängen der menschlichen Heilsgeheimnisse zustimmte, ist er zu einem Musterbeispiel für jene wohlgefällige Demut geworden, die das Christentum für große Ziele bestimmt und zum Zeugen für jene allgemeinen, menschlichen und notwendigen Tugenden, um aufrichtige und authentische Nachfolger Christi zu sein.

Durch diese Tugenden hat sich der Gerechte liebevoll um die Mutter Gottes gekümmert und widmete sich mit freudigem Engagement der Erziehung Jesu Christi. So ist er zum Hüter der wertvollsten Schätze von Gott Vater geworden und wurde so immerwährend durch die Jahrhunderte vom Volk Gottes als Hilfe des mystischen Leibes Christi, der die Kirche ist, verehrt.

In der Katholischen Kirche haben die Gläubigen schon immer eine ununterbrochene Verehrung des Heiligen Joseph gezeigt und ständig und feierlich das Gedächtnis des keuschen Ehemanns der Mutter Gottes und des himmlischen Patrons der ganzen Kirche begangen, ja bis zum dem Punkt, dass der Selige Johannes XXIII. während der Zweiten Vatikanischen Konzils verfügte, dass der Namen des Heiligen Josephs in den antiken Römischen Canon aufgenommen werde. Papst Benedikt XVI. hat dankbar die vielen frommen schriftlichen Wünsche aufgegriffen und approbiert, die von vielerlei Orten herkamen und die nun Papst Franziskus bestätigt hat, indem man die Fülle der Gemeinschaft der Heiligen betrachtet, die einst zusammen mit uns Pilger in der Welt waren und die uns nun zu Christus führen und uns mit ihm vereinen.

Unter Berücksichtigung dieses Sachverhaltes ordnet diese Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung kraft der ihr von Papst Franziskus erteilten Fakultät bereitwillig an, dass der Name des Heiligen Joseph, Bräutigam der Seligen Jungfrau Maria, von nun an in den eucharistischen Gebeten II, III und IV des Missale Romanum, editio typica tertia, nach dem Namen der Seligen Jungfrau Maria in folgender Weise hinzugefügt wird: im eucharistischen Hochgebet II: „ut cum beáta Dei Genetríce Vírgine María, beáto Ioseph, eius Sponso, beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet III: „cum beatíssima Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet IV: „cum beáta Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum Apóstolis“.

Was die in lateinischer Sprache verfassten Texte betrifft, so werden diese Formeln benutzt, die von nun an als „typisch“ deklariert werden. Die Kongregation wird sich im Folgenden selber um die Übersetzungen in die am meisten gebrauchten westlichen Sprachen kümmern; diejenigen Formeln, die in anderen Sprachen abgefasst werden, müssen in Übereinstimmung mit dem Recht von den jeweiligen Bischofskonferenzen erstellt werden und vom Apostolischen Stuhl durch dieses Dikasterium rekognosziert werden.

Ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen.

Aus der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 1. Mai 2013, Heiliger Joseph, der Arbeiter.

Antonio Kard. Cañizares Llovera
Präfekt

 + Arthur Roche
Erzbischof Sekretär


Formulae quae ad nomen Sancti Joseph spectant
in Preces eucharisticas II, III et IV Missalis Romani inserendae,
linguis anglica, hispanica, italica, lusitana, gallica, germanica et polonica exaratae

Probatum

Ex aedibus Congregationis de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, die 1 mensis Maii 2013.

+ Arturus Roche
Archiepiscopus a Secretis

Anglice

In Eucharistic Prayer II:
that with the Blessed Virgin Mary, Mother of God, with blessed Joseph, her Spouse, with the blessed Apostles…“;

In Eucharistic Prayer III:
„with the most Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, with your blessed Apostles and glorious Martyrs…“;

In Eucharistic Prayer IV:
„with the Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, and with your Apostles…“.

Hispanice

En la Plegaria eucarística II:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y…»;

En la Plegaria eucarística III:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y los mártires…»;

En la Plegaria eucarística IV:
«con María, la Virgen Madre de Dios, con su esposo san José, con los apóstoles y los santos…».

Italice

Nella Preghiera eucaristica II:
«insieme con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…»;

Nella Preghiera eucaristica III:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con i tuoi santi apostoli….»;

Nella Preghiera eucaristica IV:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…».

Lusitane

Na Oração Eucarística II:
com a Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística III:
com a Virgem Santa Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística IV:
com a bem-aventurada, Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os Apóstolos…“.

Gallice

Dans la Prière eucharistique II:
« avec la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique III:« auprès de la Verge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu,avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique IV:
« auprès de la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, auprès de saint Joseph, son époux, des Apôtres … ».

Germanice

Eucharistisches Hochgebet II:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, dem seligen Joseph, ihrem Bräutigammit deinen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet III:
mit der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen heiligen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet IV:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen Aposteln…„.

Polonice

II Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Bogurodzicą Dziewicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

III Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

IV Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, z Apostołami…».

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Quelle

DIE HEILIGSPRECHUNG JOHANNES XXIII. UND JOHANNES PAUL II.

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Siehe dazu auch folgende Dokumente: