Im Wortlaut: Päpstlicher Hausprediger bei der Karfreitagsliturgie

Pater Raniero Cantalamessa, Prediger des päpstlichen Hauses

Wir dokumentieren hier in einer Arbeitsübersetzung die Predigt von P. Raniero Cantalamessa, ofmcap, bei der Karfreitagsliturgie 2020 mit Papst Franziskus in der Petersbasilika.

„Gedanken des Heils und nicht des Unheils“

Predigt zum Karfreitag 2020 im Petersdom

 

Der heilige Gregor der Große sagte, dass die Schrift „mit ihren Lesern wächst“, cum legentibus crescit. Sie enthüllt immer neue Bedeutungen, je nachdem, welche Fragen die Menschen beim Lesen im Herzen haben. Und in diesem Jahr lesen wir den Passionsbericht mit einer Frage – eher mit einem Schrei in unseren Herzen, der sich über die ganze Erde erhebt. Wir müssen die Antwort suchen, die das Wort Gottes uns gibt.

Die Lesung des Evangeliums, die wir gerade gehört haben, ist der Bericht über das objektiv größte Böse, das auf der Erde begangen wurde. Wir können es aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten: entweder von vorne oder von hinten, d.h. entweder von seinen Ursachen oder von seinen Auswirkungen. Wenn wir bei den historischen Ursachen des Todes Christi stehen bleiben, werden wir verwirrt und jeder wird versucht sein, wie Pilatus zu sagen: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Mannes“ (Mt 27,24). Das Kreuz wird besser durch seine Auswirkungen als durch seine Wurzeln verstanden. Und was waren die Auswirkungen des Todes Christi? Gerecht gemacht durch den Glauben an ihn, Versöhnung und Frieden mit Gott und Erfüllung mit der Hoffnung auf ewiges Leben! (siehe Röm 53,1-5).

Aber es gibt eine Wirkung, die wir in der gegenwärtigen Situation besonders gut erfassen können. Das Kreuz Christi hat die Bedeutung des Schmerzes und des menschlichen Leidens verändert – jede Art von Leiden, physisch und moralisch. Es ist nicht länger eine Strafe, ein Fluch. Es wurde an seiner Wurzel erlöst, als der Sohn Gottes es auf sich nahm. Was ist der sicherste Beweis dafür, dass das Getränk, das uns jemand anbietet, nicht vergiftet ist? Es ist der Beweis, wenn diese Person vor uns aus demselben Kelch trinkt. Das ist es, was Gott getan hat: Am Kreuz trank er vor der ganzen Welt aus dem Kelch des Schmerzes bis auf den letzten Tropfen. Auf diese Weise zeigte er uns, dass er nicht vergiftet ist, sondern dass sich am Boden eine Perle befindet.

Und zwar nicht nur der Schmerz derer, die glauben, sondern jeder menschliche Schmerz. Er starb für alle Menschen: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“, sagte er (Joh 12,32). Alle, nicht nur einige! Der heilige Johannes Paul II. schrieb nach dem Attentat vom Krankenhausbett aus: „Leiden bedeutet, besonders empfänglich zu werden, besonders offen für das Wirken der heilbringenden Kräfte Gottes, die der Menschheit in Christus angeboten werden“ (Joh 12,32). Dank des Kreuzes Christi ist das Leiden auf seine Weise auch zu einer Art „universellem Sakrament des Heils“ für die Menschheit geworden.

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Welches Licht wirft all dies auf die dramatische Situation, in der sich die Menschheit jetzt befindet? Auch hier müssen wir mehr auf die Auswirkungen als auf die Ursachen schauen – nicht nur auf die negativen, von denen wir täglich in herzzerreißenden Berichten hören, sondern auch auf die positiven, die wir nur durch eine genauere Beobachtung erfassen können.

Die Pandemie des Coronavirus hat uns schlagartig von der größten Gefahr befreit, der Einzelpersonen und die Menschheit seit jeher ausgesetzt sind: dem Allmachtswahn. Ein jüdischer Rabbiner hat geschrieben, dass wir in diesem Jahr die Gelegenheit haben, einen ganz besonderen Osterexodus zu feiern, nämlich „aus dem Exil des Bewusstseins“ . Es bedurfte lediglich des kleinsten und formlosesten Elements der Natur, eines Virus, um uns daran zu erinnern, dass wir sterblich sind, dass militärische Macht und Technologie nicht ausreichen, um uns zu retten. Wie ein Psalm in der Bibel sagt: „Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.“ (Ps 49,21). Wie wahr das ist!

Während er in der St. Paul’s Cathedral in London Fresken malte, war der Künstler James Thornhill an einem bestimmten Punkt so begeistert von seinem Werk, dass er zurücktrat, um es besser zu sehen, und sich nicht bewusst war, dass er kurz davor war vom Gerüst zu fallen. Ein entsetzter Assistent begriff, dass ein Schreien die Katastrophe nur noch beschleunigt hätte. Ohne nachzudenken, tauchte er einen Pinsel in Farbe und schleuderte ihn in die Mitte des Freskos. Der Meister sprang entsetzt nach vorne. Sein Werk war beschädigt, aber er war gerettet.

Das macht Gott manchmal mit uns: Er stört unsere Projekte und unsere Ruhe, um uns vor dem Abgrund zu retten, den wir nicht sehen. Aber wir müssen uns davor hüten, uns täuschen zu lassen. Gott ist nicht derjenige, der den Pinsel auf das funkelnde Fresko unserer technologischen Gesellschaft geschleudert hat. Gott ist unser Verbündeter, nicht der Verbündete des Virus! Er selbst sagt in der Bibel: „Denn ich,…… habe Gedanken des Heils und nicht des Unheils; “ (Jer 29,11).

Wären diese Geißeln Strafen Gottes, ließe sich nicht erklären, warum sie gleichermaßen Gute und Böse treffen und warum die Armen gewöhnlich am meisten an den Folgen leiden. Sind sie größere Sünder als die anderen?

Der, der über den Tod des Lazarus geweint hat, weint heute über die Geißel, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Ja, Gott „leidet“, wie jeder Vater und jede Mutter. Wenn wir das eines Tages herausfinden, werden wir uns für alle Anschuldigungen schämen, die wir im Leben gegen ihn erhoben haben. Gott nimmt an unserem Schmerz Anteil, um ihn zu überwinden. „Da er überaus gut ist – schrieb der heilige Augustinus – würde Gott in seinen Werken kein Böses zulassen, es sei denn, er ist in seiner Allmacht und Güte in der Lage, aus dem Bösen das Gute hervorzubringen“.

Hat Gott der Vater möglicherweise den Tod seines Sohnes gewollt, um Gutes daraus zu ziehen? Nein, er hat der menschlichen Freiheit einfach ihren Lauf gelassen, damit sie jedoch Seinen Zwecken und nicht denen der Menschen dient. Dies gilt auch für Naturkatastrophen wie Erdbeben und Seuchen. Sie werden von ihm nicht herbeigeführt. Er hat der Natur auch eine Art von Freiheit gegeben, die sich natürlich qualitativ von der des Menschen unterscheidet, aber dennoch eine Form der Freiheit, sich nach ihren eigenen Gesetzen zu entwickeln. Er hat nicht eine vorprogrammierte Welt geschaffen, in der alles geplant ist. Es ist das, was einige „Zufall“ nennen, aber die Bibel nennt es stattdessen „die Weisheit Gottes“.

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Die andere positive Frucht der gegenwärtigen Gesundheitskrise ist das Gefühl der Solidarität. Wann haben sich die Menschen aller Nationen im Gedächtnis der Menschheit jemals so vereint, so gleichberechtigt, so wenig im Konflikt gefühlt wie in diesem Moment des Schmerzes? Noch nie so sehr wie jetzt haben wir die Wahrheit der Worte eines unserer großen Dichter erfahren: „Friede, ihr Völker! Zu tief ist das Geheimnis der niedergeworfenen Erde“. Wir haben vergessen, Mauern zu bauen. Das Virus kennt keine Grenzen. In einem Augenblick hat es alle Barrieren und Unterscheidungen von Rasse, Nation, Religion, Reichtum und

Macht. Wir sollten nicht zu alten Zeiten zurückkehren, wenn dieser Moment vorüber ist. Wie der Heilige Vater uns ermahnt hat, sollten wir diese Gelegenheit nicht verpassen. Lassen wir nicht zu, dass so viel Schmerz, so viele Tote und so viel heroisches Engagement der im Gesundheitswesen Tätigen vergeblich gewesen sind. Die Rückkehr zur alten Situation ist die „Rezession“, die wir am meisten fürchten sollten.

Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. (Jes 2,4)

 

Dies ist der Augenblick, etwas von der Prophezeiung des Jesaja in die Tat umzusetzen, auf dessen Erfüllung die Menschheit schon lange gewartet hat. Sagen wir „Genug!“ zu dem tragischen Wettrüsten. Sagt es mit aller Kraft, ihr jungen Leute, denn es geht vor allem um euer Schicksal. Widmen wir die unbegrenzten Mittel, die für Waffen eingesetzt werden, den Zielen, die heute am notwendigsten und dringendsten sind: Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Armutsbekämpfung, Bewahrung der Schöpfung. Überlassen wir der nächsten Generation eine Welt, die, wenn nötig, ärmer an Gütern und Geld, aber reicher an Menschlichkeit ist.

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Das Wort Gottes sagt uns, dass das erste, was wir in Zeiten wie diesen tun sollten, ist, zu Gott zu schreien. Er selbst ist es, der den Menschen die Worte in den Mund legt, um zu ihm zu schreien, manchmal harte Worte der Klage und fast schon der Anklage: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! 27 Steh auf, uns zur Hilfe! In deiner Huld erlöse uns!! “ (Ps 44, 24, 27). „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ (Ps 44, 24, 27). (Mk 4,38).

Möchte Gott vielleicht gebeten werden, damit er seine Wohltaten gewähren kann? Kann unser Gebet Gott vielleicht dazu bringen, seine Pläne zu ändern? Nein, aber es gibt Dinge, die Gott beschlossen hat, uns als Frucht seiner Gnade und unseres Gebets zu gewähren, fast so, als ob er mit seinen Geschöpfen die Anerkennung für den empfangenen Nutzen teilen würde. Gott ist derjenige, der uns dazu veranlasst, es zu tun: „Sucht und ihr werdet finden; sagt Jesus, klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Mt 7,7).

Als die Israeliten in der Wüste von Giftschlangen gebissen wurden, befahl Gott Moses, eine Schlange aus Bronze an einem Pfahl zu erhöhen, und wer auch immer sie ansah, wurde gerettet. Jesus machte sich dieses Symbol zu eigen, als er Nikodemus sagte: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ (Joh 3,14-15). Auch wir sind in diesem Augenblick von einer unsichtbaren, giftigen „Schlange“ gebissen worden. Lasst uns auf denjenigen blicken, der für uns am Kreuz „emporgehoben“ wurde. Lasst uns ihn in unserem eigenen Namen und im Namen der ganzen Menschheit anbeten. Wer ihn im Glauben anschaut, stirbt nicht. Und wenn dieser Mensch stirbt, dann um ins ewige Leben einzugehen.

„Nach drei Tagen werde ich auferstehen“, hatte Jesus vorhergesagt (vgl. Mt 9,31). Auch wir werden nach diesen Tagen, die hoffentlich kurz sein werden, auferstehen und aus den Gräbern unserer Häuser herauskommen. Aber nicht, um wie Lazarus in das frühere Leben zurückzukehren, sondern in ein neues Leben, wie Jesus. Ein geschwisterlicheres, menschlicheres, christlicheres Leben!

(vatican news)

Papst würdigt Priester, die Corona-Kranken beistehen

Nichts war wie sonst an diesem Gründonnerstagabend im Vatikan. Schon dass Papst Franziskus die feierliche Abendmahls-Messe in St. Peter feierte und nicht, wie in den letzten Jahren, in einer Haftanstalt oder einem Flüchtlingszentrum, war außergewöhnlich.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Aber das war nicht die einzige, der Corona-Krise geschuldete Änderung. An der nur etwa einstündigen Messe konnten keine Gläubigen von außerhalb teilnehmen; Franziskus verzichtete auch auf die traditionelle Fußwaschung. Bereits vor zwei Wochen hatte der Vatikan entsprechende Richtlinien für Bischöfe weltweit erlassen, um eine Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern. Die Chrisam-Messe am Morgen des Gründonnerstags war ausgefallen: „Hoffentlich können wir sie noch vor Pfingsten halten“, sagte der Papst mit einem Stoßseufzer.

Mit dem Gründonnerstag beginnt das sogenannte österliche Triduum, also das Gedächtnis von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu. Die entsprechenden liturgischen Feiern des Papstes finden alle in der Apsis des leeren Petersdoms statt. Das Setting ist schon vom Palmsonntag her vertraut; es wird bestimmt von einem in der Apsis aufgestellten, mittelalterlichen Pestkreuz und der Marien-Ikone Salus Populi Romani.

Franziskus (fast) allein zu Haus
Franziskus (fast) allein zu Haus

Die Glocken verstummen

Außer dem Chor, der „Sixtinischen Kapelle“, feierten nur wenige Personen mit dem Papst, unter ihnen der für den Petersdom zuständige Kardinal Angelo Comastri. In den Bänken wurde auf Abstand geachtet. Die Liturgie war auf das Wesentliche verknappt, aber dennoch (oder gerade darum) feierlich. Während des Gloria läuteten die Glocken; bis zur Osternacht werden sie forthin schweigen. Eine Stille, die an das Leiden Jesu vor 2.000 Jahren erinnert.

In seiner ohne vorbereiteten Redetext gehaltenen Predigt ging Franziskus vom Tagesevangelium nach Johannes aus; es schildert die Fußwaschung, die Jesus beim Letzten Abendmahl an den Jüngern vornahm (Joh 13,1-15). „Diese Geste“, sagte der Papst über die Fußwaschung: „allen dienen, um ins Himmelreich zu kommen. Jesus lässt Petrus verstehen, dass wir zulassen müssen, dass der Herr uns dient, damit wir ins Himmelreich kommen. Ein Geheimnis, das schwer zu verstehen ist…“

Neben dem Papst: die Marienikone Salus Populi Romani
Neben dem Papst: die Marienikone Salus Populi Romani

„An Corona verstorbene Priester sind Heilige von nebenan“

Seine Gedanken gälten an diesem Gründonnerstag vor allem den Priestern, fuhr der Papst fort. „Heute will ich den Priestern nahe sein… Wir sind gesalbt vom Herrn. Gesalbt, um die Eucharistie zu feiern. Und gesalbt, um zu dienen… Ich denke an Priester, die ihr Leben dem Herrn hingeben. Priester, die Diener sind. In diesen Tagen sind mehr als sechzig Priester hier in Italien gestorben, weil sie sich in der Corona-Krise um die Kranken, die Ärzte und Helfer gekümmert haben. Sie sind die Heiligen von nebenan. Priester, die dienend ihr Leben gegeben haben.“

Tatsächlich sind nach der Zählung einer Zeitung sogar schon hundert Priester in allen Teilen Italiens dem Corona-Virus erlegen. Zu Beginn der Krise hatte Franziskus Priester aufgefordert, die Kommunion zu Infizierten zu bringen; dem waren viele Geistliche gefolgt. Vor allem im norditalienischen Bistum Bergamo, einem Hotspot der Corona-Infektionen, sind Dutzende von Priestern dem Virus erlegen.

Wenn ein Priester sogar die Namen der Hunde in seinem Dorf kennt

Der Papst (der bei anderen Gelegenheiten auch gerne mal Priester-Bashing betreibt) fand am Gründonnerstagabend noch weitere würdigende Worte für Priester. „Priester, die weit reisen, um das Evangelium zu verbreiten, und in der Ferne sterben… Keiner kennt ihre Namen. Anonyme Priester. Und dann die Pfarrer, die die Leute kennen. Ein Priester hat mir mal gesagt: Ich kenne die Namen aller Leute hier im Dorf – sogar die Namen der Hunde hier! Eifrige Priester – heute trage ich euch im Herzen.“

Franziskus warf aber auch einen Seitenblick auf Priester, die in Sachen Missbrauch „verleumdet“ würden oder sich angesichts der Skandale gar nicht mehr auf die Straße trauten. „Auch das gibt es heute oft. Sie können gar nicht auf die Straße gehen, weil man ihnen hässliche Dinge sagt, wegen der Skandale… Und sie machen dennoch weiter.“

An Priester denken, die in der Krise sind

Auch an „sündhafte“ Priester (zu denen er sich auch selbst rechnete) sowie an „Priester in der Krise“ dachte der Papst. „Heute seid ihr alle, Brüder Priester, mit mir am Altar. Ich sage euch nur eines: Seid nicht so dickköpfig wie Petrus! Lasst euch die Füße waschen! Der Herr ist euer Diener – er ist euch nahe und gibt euch Kraft.“

Franziskus drängte die Priester, „große Vergeber“ zu sein: „Das ist das Maß, mit dem auch wir selbst einst gemessen werden… Habt keine Angst davor, zu vergeben! Manchmal haben wir Zweifel – dann schaut auf Christus und seid mutig! Vergebt alles, riskiert dabei auch etwas… Wenn ihr einmal keine sakramentale Vergebung aussprechen könnt, dann gebt wenigstens einen Trost weiter… Ich danke Gott für euch, Priester. Jesus liebt euch! Er bittet nur darum, dass ihr euch von ihm die Füße waschen lasst.“

(vatican news)

Die Papstpredigt zum Palmsonntag

Vatican News dokumentiert an dieser Stelle die Papstpredigt zum Palmsonntag in der offiziellen deutschen Übersetzung. Diesen und alle anderen Texte des Papstes können Sie im Orignial und den verschiedenen Übersetzungen auf http://www.vatican.va einsehen.

Jesus »entäußerte sich und wurde wie ein Sklave« (Phil 2,7). Lassen wir uns von diesen Worten des Apostels Paulus in die heiligen Tage einführen, wo Jesus in den Lesungen der Heiligen Schrift wiederholt als Knecht bezeichnet wird: am Gründonnerstag ist er der Diener, der den Jüngern die Füße wäscht; am Karfreitag wird als der leidende und siegreiche Gottesknecht dargestellt (vgl. Jes 52,13); und bereits morgen hören wir die Prophezeiung Jesajas über ihn: »Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze« (Jes 42,1). Gott hat uns gerettet, indem er uns dient. Wir denken im Allgemeinen, dass wir es sind, die Gott dienen. Nein, er ist es, der uns unentgeltlich gedient hat, weil er uns zuerst geliebt hat. Es ist schwierig zu lieben, wenn man selbst keine Liebe erfährt. Und noch schwieriger ist es zu dienen, wenn wir uns nicht von Gott bedienen lassen.

Aber – eine Frage – in welcher Weise hat der Herr uns gedient? Indem er sein Leben für uns gibt. Wir sind ihm lieb und er hat einen teuren Preis für uns gezahlt. Die heilige Angela von Foligno bezeugte, dass Jesus ihr folgende Worte sagte: »Ich habe dich nicht zum Spaß geliebt.« Seine Liebe brachte ihn dazu, sich für uns zu opfern, all unser Böses auf sich zu nehmen. Es fehlen einem die Worte: Gott hat uns gerettet, indem er zuließ, dass unser Böses sich gegen seinen Sohn richtete. Keine Gegenwehr, nur mit Demut, mit Geduld und mit dem Gehorsam des Dieners, allein mit der Kraft der Liebe. Und der Vater hat den Dienst Jesu mitgetragen: Er beseitigte das Böse nicht, das über seinen Sohn hereinbrach, sondern stütze ihn im Leiden, damit unser Böses allein mit dem Guten überwunden wird, damit es durch und durch von der Liebe durchdrungen wird. Durch und durch.

Der Herr hat uns gedient, selbst als er die für einen Liebenden schmerzlichsten Situationen erleben musste: Verrat und Verlassenheit.

Der Verrat. Jesus erlebte den Verrat des Jüngers, der ihn verkaufte, und des Jüngers, der ihn verleugnete. Er wurde von den Menschen verraten, die ihm zuerst zujubelten und dann schrien: »Ans Kreuz mit ihm!« (Mt 27,22). Er wurde verraten von der religiösen Institution, die ihn zu Unrecht verurteilte, und von der politischen Institution, die ihre Hände in Unschuld wusch. Denken wir an die kleinen oder großen Situationen des Verrats, die wir erleben mussten. Es ist schrecklich, wenn man entdeckt, dass das Vertrauen, das man in jemanden gesetzt hat, missbraucht wird. Eine solche Enttäuschung geht einem so zu Herzen, dass das Leben keinen Sinn mehr zu haben scheint. Dies kommt daher, weil wir geboren werden, um geliebt zu werden und um zu lieben, und am schmerzlichsten ist es, von denen verraten zu werden, die versprochen haben, uns loyal und nahe zu sein. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie schmerzhaft das für Gott war, für ihn, der die Liebe ist.

Blicken wir in unser eigenes Leben. Wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind, werden wir unsere Untreue sehen. Wie viel Unaufrichtigkeit, Heuchelei und Doppelzüngigkeit da doch ist! Wie viele gute Absichten wir verraten haben! Wie viele gebrochene Versprechen! Wie viele Vorsätze haben wir aufgegeben! Der Herr kennt unsere Herzen besser als wir selbst, er weiß, wie schwach und unbeständig wir sind, wie oft wir fallen, wie schwer es uns fällt, wieder aufzustehen, und wie schwierig es ist, manche Wunden zu heilen. Und was hat er getan, um uns zu helfen, um uns zu dienen? Das, was er durch den Propheten gesagt hatte: »Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben« (Hos 14,5). Er heilte uns dadurch, dass er unsere Untreue auf sich nahm, dass er unseren Verrat hinwegnahm, damit wir uns nicht von Versagensängsten entmutigen lassen, sondern zum Gekreuzigten aufblicken können, uns von ihm umarmen lassen und sagen können: „Schau, meine Treulosigkeit dort, du, Jesus, hast sie mir genommen. Du kommst mir mit offenen Armen entgegen, du dienst mir mit deiner Liebe, du unterstützt mich weiterhin … So gehe ich weiter!“

Die Verlassenheit. Am Kreuz sagt Jesus im Evangelium des heutigen Tages nur einen Satz: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27,46). Das ist ein starkes Wort. Jesus hatte die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass die Seinen geflohen waren und ihn im Stich gelassen hatten. Der Vater aber war bei ihm geblieben. Nun, in abgrundtiefer Einsamkeit, nennt er ihn zum ersten Mal mit der allgemeinen Bezeichnung „Gott“. Und er ruft ihm mit »lauter Stimme« dieses „Warum?“, dieses herzzerreißende „Warum?“ zu: „Warum hast auch du mich verlassen?“ Dies sind eigentlich Worte eines Psalms (vgl. 22,2). Sie sagen uns, dass Jesus auch seine äußerste Trostlosigkeit ins Gebet gebracht hat. Aber die Tatsache bleibt, dass er dies erlebt hat: Er erlebte die größte Verlassenheit, welche die Evangelien bezeugen und mit seinen ursprünglichen Worten wiedergeben.

Warum all das? Noch einmal für uns, um uns zu dienen. Damit wir dann, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, wenn wir uns in einer Sackgasse befinden, ohne Licht und ohne Ausweg, und wenn es scheint, dass selbst Gott nicht antwortet, uns daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Jesus erlebte die totale Verlassenheit, die ihm an sich ganz fremd ist, um mit uns vollkommen solidarisch zu sein. Das hat er für mich getan, für dich, für uns alle; er hat es getan, um uns zu sagen: „Hab keine Angst, du bist nicht allein. Ich habe all deine Trostlosigkeit erlebt, um immer an deiner Seite zu sein.“ So weit also ging Jesus in seinem Dienst, dass er in den Abgrund unserer schrecklichsten Leiden hinabstieg, bis hin zu Verrat und Verlassenheit. Heute, in dieser dramatischen Situation der Pandemie, angesichts so vieler Gewissheiten, die zerbröckeln, angesichts so vieler enttäuschter Erwartungen, in diesem Gefühl bedrückender Verlassenheit, sagt Jesus zu einem jeden: „Nur Mut! Öffne dein Herz meiner Liebe. Du wirst den Trost Gottes spüren, der dir beisteht.“

Liebe Brüder und Schwestern, was können wir, die wir vor Gott stehen, tun, der uns bis zur Erfahrung von Verrat und Verlassenheit gedient hat? Wir sollen das nicht verraten, wofür wir geschaffen wurden, und das nicht aufgeben, was zählt. Wir sind auf der Welt, um Gott und unsere Mitmenschen zu lieben. Das bleibt, alles andere vergeht. Das Drama, das wir in diesen Tagen gerade durchleben, drängt uns, die ernsten Dinge ernst zu nehmen und uns nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren; wiederzuentdecken, dass das Leben zu nichts dient, wenn man nicht dient. Denn das Leben wird an der Liebe gemessen. So stehen wir in diesen heiligen Tagen zu Hause vor dem Gekreuzigten – Schaut, blickt auf den Gekreuzigten! –, an dem sichtbar wird, wie sehr Gott uns geliebt hat. Mit dem Blick auf den Gekreuzigten bitten wir den Gottessohn, dessen Dienst bis zur Hingabe seines Lebens geht, um die Gnade, dass wir leben, um zu dienen. Versuchen wir, mit denen Kontakt zu halten, die leiden, die allein sind und bedürftig. Denken wir nicht nur an das, was uns fehlt, denken wir auch an das Gute, das wir tun können.

Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze. Der Vater, der Jesus auf seinem Leidesweg gestützt hat, ermutigt auch uns in unserem Dienst. Sicherlich, zu lieben, beten, vergeben und sich um andere zu kümmern, in der Familie wie auch in der Gesellschaft, kann einiges kosten. Es mag wie ein Kreuzweg erscheinen. Aber der Weg des Dienens ist der Weg des Sieges, der uns erlöst hat und uns erlöst, der unser Leben rettet. Ich möchte dies besonders den jungen Menschen sagen, an diesem Tag, der ihnen seit 35 Jahren gewidmet ist. Liebe Freunde, schaut auf die wahren Helden, die in diesen Tagen zum Vorschein kommen. Es sind nicht diejenigen, die Ruhm, Geld und Erfolg haben, sondern diejenigen, die in Selbsthingabe anderen dienen. Fühlt euch berufen, euer Leben einzusetzen. Habt keine Angst, es für Gott und die anderen zu geben, ihr werdet dabei gewinnen! Denn das Leben ist ein Geschenk, das einem zuteilwird, wenn man sich selbst hingibt; und die größte Freude besteht darin, Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. So, wie Jesus es für uns getan hat.

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Papst Franziskus ruft zu weltweitem Waffenstillstand auf

Papst Franziskus beim Angelus

Angesichts der Corona-Pandemie ruft Papst Franziskus zu einem weltweiten Waffenstillstand auf. Bei seinem Angelusgebet am Sonntag schloss er sich einem entsprechenden Appell von UNO-Generalsekretär António Guterres an.

Er rufe alle Kämpfenden auf, „kriegerische Handlungen einzustellen“, sagte der Papst bei dem Gebet, das wegen der Corona-Krise ohne Teilnehmer von außen im Vatikan stattfand. Franziskus warb auch für die „Schaffung von humanitären Korridoren und die Öffnung diplomatischer Kanäle“. Es gelte, sich jetzt vor allem um die Menschen zu kümmern, die „besonders gefährdet“ seien.

„Möge uns unser gemeinsamer Kampf gegen die Pandemie erkennen lassen, wie notwendig es ist, unsere geschwisterlichen Bande als Mitglieder der einen Menschheitsfamilie zu stärken! Und möge er die Verantwortlichen der Nationen und die anderen beteiligten Parteien zu einem erneuerten Einsatz für die Überwindung der Rivalitäten anregen.“

Franziskus beim Angelus

Franziskus beim Angelus

„Konflikte werden nicht durch Kriege gelöst“

Guterres hatte vor wenigen Tagen in New York ein Ende aller Kampfhandlungen gefordert. „Beendet das Übel namens Krieg und bekämpft die Krankheit, die unsere Welt verwüstet“, sagte er in einer Video-Botschaft. „Das ist, was unsere Menschheitsfamilie braucht, jetzt mehr denn je.“ Der UNO-Generalsekretär bot die Hilfe der Vereinten Nationen an, um Feuerpausen auszuhandeln. Diese seien notwendig für humanitäre Hilfe und für neue diplomatische Initiativen.

Konflikte würden „nicht durch Kriege gelöst“, mahnte der Papst. „Gegensätze und Kontraste müssen durch Dialog und die konstruktive Suche nach dem Frieden ausgeräumt werden.“ Im Lauf der Geschichte haben sich Päpste vor allem in Heiligen Jahren um einen weltweiten Waffenstillstand bemüht. Der heilige Papst Johannes Paul II. rief zum Heiligen Jahr 2000 zu einer Einstellung aller Kampfhandlungen auf.

Appell für Häftlinge

Noch einen weiteren Appell lancierte Papst Franziskus zum Abschluss seines Angelusgebetes an diesem Sonntag. Er sei besorgt über die Überfüllung von Gefängnissen in vielen Teilen der Welt, sagte er unter Berufung auf eine Warnung der UNO-Menschenrechtsbeauftragten Michelle Bachelet. Angesichts der Corona-Krise könne das zu einer Tragödie führen; er bitte daher die Verantwortlichen, alles zu tun, um einer möglichen Ausbreitung von COVID-19 in Haftanstalten entgegenzuwirken.

Franziskus erinnerte auch an andere Personengruppen, die durch ein erzwungenes Zusammenleben besonders der Gefahr einer Covid-19-Erkrankung ausgesetzt seien, etwa in Pflegeheimen oder Kasernen.

(vatican news – kri/sk)

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Andacht und Sondersegen zur Zeit der Epidemie

 

ANDACHT UND SONDERSEGEN
ZUR ZEIT DER EPIDEMIE

UNTER VORSITZ DES HEILIGEN VATERS

PAPST FRANZISKUS

Vorplatz des Petersdoms
Freitag, 27. März 2020

[Multimedia]


 

»Am Abend dieses Tages« (Mk 4.35). So beginnt das eben gehörte Evangelium. Seit Wochen scheint es, als sei es Abend geworden. Tiefe Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Straßen und Städte gelegt; sie hat sich unseres Lebens bemächtigt und alles mit einer ohrenbetäubenden Stille und einer trostlosen Leere erfüllt, die alles im Vorbeigehen lähmt: Es liegt in der Luft, man bemerkt es an den Gesten, die Blicke sagen es. Wir sind verängstigt und fühlen uns verloren. Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot … befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: »Wir gehen zugrunde« (vgl. V. 38), so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen.

Leicht finden wir uns selbst in dieser Geschichte wieder. Schwieriger ist es da schon, das Verhalten Jesu zu verstehen. Während die Jünger natürlich alarmiert und verzweifelt sind, befindet er sich am Heck, in dem Teil des Bootes, der zuerst untergeht. Und was macht er? Trotz aller Aufregung schläft er friedlich, ganz im Vertrauen auf den Vater – es ist das einzige Mal im Evangelium, dass wir Jesus schlafen sehen. Als er dann aufgeweckt wird und Wind und Wasser beruhigt hat, wendet er sich vorwurfsvoll an die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (V. 40).

Versuchen wir zu verstehen. Worin besteht der Glaubensmangel der Jünger, der im Kontrast steht zum Vertrauen Jesu? Sie hatten nicht aufgehört, an ihn zu glauben, sie flehen ihn ja an. Aber schauen wir, wie sie ihn anrufen: »Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (V. 38). Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert, dass er sich nicht um sie kümmert. Im zwischenmenschlichen Bereich, in unseren Familien, ist es eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: „Bin ich dir egal?“ Das ist ein Satz, der schmerzt und unser Herz in Wallung bringt. Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er. In der Tat, als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger.

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, „wegzupacken“ und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar „heilbringenden“ Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

Mit dem Sturm sind auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser „Ego“ in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene (gesegnete) gemeinsame Zugehörigkeit offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle Brüder und Schwestern sind.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: „Wach auf, Herr!“

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, du appellierst an uns, du appellierst an den Glauben. Nicht nur an den Glauben, dass es dich gibt, sondern an den Glauben, der uns vertrauensvoll zu dir kommen lässt. In dieser Fastenzeit erklingt dein eindringlicher Aufruf: »Kehrt um« (Mk 1,15); »kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen« (Joël 2,12). Du rufst uns auf, diese Zeit der Prüfung als eine Zeit der Entscheidung zu nutzen. Es ist nicht die Zeit deines Urteils, sondern unseres Urteils: die Zeit zu entscheiden, was wirklich zählt und was vergänglich ist, die Zeit, das Notwendige von dem zu unterscheiden, was nicht notwendig ist. Es ist die Zeit, den Kurs des Lebens wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten. Und dabei können wir auf das Beispiel so vieler Weggefährten schauen, die in Situationen der Angst mit der Hingabe ihres Lebens reagiert haben. Es ist das Wirken des Heiligen Geistes, das in mutige und großzügige Hingabe gegossen und geformt wird. Es ist das Leben aus dem Heiligen Geist, das in der Lage ist, zu befreien, wertzuschätzen und zu zeigen, wie unser Leben von gewöhnlichen Menschen – die gewöhnlich vergessen werden – gestaltet und erhalten wird, die weder in den Schlagzeilen der Zeitungen und Zeitschriften noch sonst im Rampenlicht der neuesten Show stehen, die aber heute zweifellos eine bedeutende Seite unserer Geschichte schreiben: Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskräfte, Transporteure, Ordnungskräfte, ehrenamtliche Helfer, Priester, Ordensleute und viele, ja viele andere, die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet. Angesichts des Leidens, an dem die wahre Entwicklung unserer Völker gemessen wird, entdecken und erleben wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21). Wie viele Menschen üben sich jeden Tag in Geduld und flößen Hoffnung ein und sind darauf bedacht, keine Panik zu verbreiten, sondern Mitverantwortung zu fördern. Wie viele Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer zeigen unseren Kindern mit kleinen und alltäglichen Gesten, wie sie einer Krise begegnen und sie durchstehen können, indem sie ihre Gewohnheiten anpassen, den Blick aufrichten und zum Gebet anregen. Wie viele Menschen beten für das Wohl aller, spenden und setzen sich dafür ein. Gebet und stiller Dienst – das sind unsere siegreichen Waffen.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Der Anfang des Glaubens ist das Wissen, dass wir erlösungsbedürftig sind. Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde.

Der Herr fordert uns heraus, und inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken und zu aktivieren, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben. Der Herr erwacht, um unseren Osterglauben zu wecken und wiederzubeleben. Wir haben einen Anker: durch sein Kreuz sind wir gerettet. Wir haben ein Ruder: durch sein Kreuz wurden wir freigekauft. Wir haben Hoffnung: durch sein Kreuz sind wir geheilt und umarmt worden, damit nichts und niemand uns von seiner erlösenden Liebe trennen kann. Inmitten der Isolation, in der wir unter einem Mangel an Zuneigung und Begegnungen leiden und den Mangel an vielen Dingen erleben, lasst uns erneut die Botschaft hören, die uns rettet: Er ist auferstanden und lebt unter uns. Der Herr ruft uns von seinem Kreuz aus auf, das Leben, das uns erwartet, wieder zu entdecken, auf die zu schauen, die uns brauchen, und die Gnade, die in uns wohnt, zu stärken, zu erkennen und zu ermutigen. Löschen wir die kleine Flamme nicht aus (vgl. Jes 42,3), die niemals erlischt, und tun wir alles, dass sie die Hoffnung wieder entfacht.

Das eigene Kreuz anzunehmen bedeutet, den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen. Durch sein Kreuz sind wir gerettet, damit wir die Hoffnung annehmen und zulassen, dass sie alle möglichen Maßnahmen und Wege stärkt und unterstützt, die uns helfen können, uns selbst und andere zu beschützen. Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Liebe Brüder und Schwestern, von diesem Ort aus, der vom felsenfesten Glauben Petri erzählt, möchte ich heute Abend euch alle dem Herrn anvertrauen und die Muttergottes um ihre Fürsprache bitten, die das Heil des Volkes Gottes und der Meerstern auf stürmischer See ist. Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab. Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost. Du möchtest, dass wir keine Angst haben; doch unser Glaube ist schwach und wir fürchten uns. Du aber, Herr, überlass uns nicht den Stürmen. Sag zu uns noch einmal: »Fürchtet euch nicht« (Mt 28,5). Und wir werfen zusammen mit Petrus „alle unsere Sorge auf dich, denn du kümmerst dich um uns“ (vgl. 1 Petr 5,7).

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Franziskus betet auf leerem Petersplatz für Ende der Corona-Pandemie

Papst Franziskus, allein zum Gebet auf dem Petersplatz

Papst Franziskus hat die Menschheit angesichts der globalen Corona-Pandemie zu Nächstenliebe und dem Erkennen der wirklichen Prioritäten im Leben aufgerufen. Es sei nicht die Zeit des Urteils Gottes, „sondern unseres Urteils“, sagte Franziskus bei einem eigens anberaumten Gebet auf dem menschenleeren Petersplatz im Regen. Am Ende des Gebets spendete der Papst den außerordentlichen Segen „Urbi et Orbi“.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Der traditionsreiche Segen für „Rom und den Erdkreis“, so der Name, hat für gewöhnlich zu Ostern, zu Weihnachten und nach einer Papstwahl einen festen Platz in den Feierlichkeiten in Rom. An diesem Abend kam er in einer ungewohnten Form zum Zug. Franziskus spendete den „Urbi et Orbi“ als eucharistischen Segen, mit dem Allerheiligsten in der Monstranz, vom Eingang der Petersbasilika der Stadt Rom zu. Mit dem Segen war ein Ablass verbunden, und zwar auch für all jene, die nicht die Möglichkeit hatten, per Fernsehen oder Internet der Feier zu folgen, wie Kardinalvikar Angelo Comastri kurz vor dem Segen erklärte.

„Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“

In seiner langen Predigt lud Franziskus dazu ein, für sich zu entscheiden, „was wirklich zählt und was vergänglich ist“. Es sei „die Zeit, den Kurs des Lebens wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten“, so der Papst. Er beklagte, dass viele sich in der Vergangenheit ganz von materiellen Dingen und Eigensucht hätten leiten lassen. „Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört“, so der Papst. „Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“, sagte Franziskus mit den Worten des Evangeliums (Mk 4, 35-41), das die Jünger in Seenot zeigt, wie sie den schlafenden Jesus wecken, damit er ihnen hilft.

„Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab“

Der Papst mahnte die von der Seuche betroffene Menschheit dazu, „den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag“. Konkret rief Franziskus dazu auf, „neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen“. Er würdigte jene, die sich für eine Überwindung der Krise einsetzten. Ausdrücklich nannte er Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuer, Transporteure, Ehrenamtliche Helfer und Geistliche. Es seien viele, „die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet“.

Neuerlich erflehte der Papst Gottes Trost und Beistand in der Not der Pandemie. „Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab“, rief er am Ende der Predigt. „Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost.“

Zwei Ikonen, die sich in Seuchen bewährt haben

Zum Gebet des Papstes waren zwei altehrwürdige Ikonen aus dem religiösen Leben Roms auf den Petersplatz gebracht worden: das Marienbildnis Salus Populi Romani („Heil des römischen Volkes“) sowie das Pest-Kruzifix aus der Kirche San Marcello. Vor beiden hielt Franziskus im Gebet inne; die Füße der Christusfigur auf dem Kruzifix küsste er in Verehrung. Beide Bildnisse hatte der Papst bereits vor knapp zwei Wochen in einer Art Wallfahrt durch das menschenleere Rom aufgesucht, um dort ein Ende der Seuche zu erflehen.

Eucharistische Anbetung

Nach dem Verehren der beiden Ikonen hielt der Papst eine eucharistische Anbetung vor dem Allerheiligsten in einer Monstranz, die in der Vorhalle von Sankt Peter auf einem eigens für diese Feier aufgerichteten Altar ruhte. Hinter dem Altar stand das zentrale Portal des Petersdoms offen und ließ ganz hinten den Baldachin erkennen, unter dem das Grab des Heiligen Petrus liegt.

Eine Orgel sowie eine Auswahl des päpstlichen Männerchors, der Cappella Sistina, begleiteten das Gebet. Die Anbetung des Allerheiligsten erfolgte wie gewöhnlich still. Auf dem riesigen, leeren Petersplatz assistierten dem Papst beim Gebet nur wenige Männer, darunter Zeremonienmeister Guido Marini.

Ostern in Rom: ohne Volk

Den nächsten regulären Segen „Orbi et Orbi“ wird Papst Franziskus am Ostersonntag spenden. Wie der Vatikan an diesem Freitag bekanntgab, finden sämtliche Papstliturgien der Kar- und Ostertage ohne Volk im Petersdom statt, wo Franziskus sie am Kathedra-Altar feiern wird. Den Kreuzweg am Karfreitag, der sonst am Kolosseum mit Zehntausenden Gläubigen stattfindet, wird er 2020 auf den Stufen zum Petersdom halten.

(vatican news)

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Eine in der Kirchengeschichte einzigartige Handlung: In der Corona-Krise will der Papst Kranken und Sterbenden beistehen. Deshalb hat er sich für eine besondere Zeremonie auf dem Petersplatz entschieden – auch wenn die nicht jeder sofort versteht.

Von Burkhard Jürgens (KNA) |  Vatikanstadt – 27.03.2020

Am Freitag (heute!) will Papst Franziskus eine ganz besondere Antwort auf die Corona-Pandemie geben: ein Gebet und Segen von den Stufen des Petersdoms herab. „Wir werden das Wort Gottes hören, unser Bittgebet erheben, das Allerheiligste verehren, mit dem ich zum Abschluss den Segen Urbi et orbi erteile“, kündigte Franziskus an. Damit verbunden ist die Möglichkeit eines Ablasses. Wie die Zeremonie ablaufen soll, wussten zunächst nicht mal enge Mitarbeiter.

Es ist eine in der Kirchengeschichte einzigartige Handlung und ein heikler Moment für den Vatikan. Denn die Botschaft der Bilder vom Papst über einem leeren Petersplatz kann gegensätzlicher kaum ausfallen: als einsamer, verzweifelter Beschwörungsgestus oder als besondere Standhaftigkeit gegen Angst und Tod.

Der Segen Urbi et orbi, „der Stadt und dem Erdkreis“, wird sonst nur zu Ostern und Weihnachten gespendet, außerdem unmittelbar nach einer Papstwahl. Auf feierliche Weise ruft er Petrus und Paulus als Fürsprecher an – und mit ihnen eine zweitausendjährige Tradition von Glauben und Hoffen. Urbi et orbi ist der Segen aller katholischen Segen, die absolute Pontifikalklasse.

Im Mittelpunkt der eucharistischen Anbetung steht dann die Hostie, die in der Eucharistiefeier gewandelt wurde und zwar weiter wie Brot aussieht, aber nach katholischer Lehre der Leib Christi ist. Ob als Kommunion gereicht oder in der Monstranz gezeigt, sie stellt das Kostbarste dar, was die Kirche besitzt. Nur so erklärt sich, dass der Kaplan der Pariser Feuerwehr in die brennende Kathedrale Notre-Dame ging, um den Kelch mit den Hostien zu bergen.

Papst Franziskus erteilt den traditionellen Segen "Urbi et Orbi" an Ostern 2017

Sonst nur an Weihnachten, Ostern und zur Papstwahl: Papst Franziskus erteilt den traditionellen Segen „Urbi et orbi“. Bild: © picture alliance / AP Photo / Gregorio Borgia

Das Allerheiligste und der Apostolische Segen – stärkere Mittel hat kein Papst. Dabei geht es nicht um magische Gefahrenabwehr. Theologisch bedeuten Sakrament und Segen die Zusage an einen Menschen, dass er heil und glücklich leben soll, allen äußeren Umständen zum Trotz.

Aus diesem Grund erweiterte der Papst auch die Bedingungen für den Empfang des Bußsakraments. Die Versöhnung eines Gläubigen mit Gott – und zugleich mit seinem Gewissen und der Kirche – soll im Corona-Notstand auch ohne Einzelbeichte möglich sein. Nach einem Vatikan-Dekret vom 19. März genügt im Extremfall schon der aufrichtige Wunsch des reuigen Sünders nach Aussöhnung mit Gott. Alternativ können Priester, etwa in Krankenhäusern, den vom Tode Bedrohten kollektiv die Generalabsolution erteilen.

Bei Sterbenden lässt die Kirche besondere Sorge walten. Nach Möglichkeit soll jeder Mensch die Welt in Frieden verlassen dürfen. Deshalb gehört zu den katholischen Abschiedsriten neben der sakramentalen Versöhnung, einer stärkenden Salbung und der Kommunion auch der Ablass, also die Tilgung jener irdischen und jenseitigen Konsequenzen, die man durch seine Sünden verursacht hat.

Die Idee des Ablasses ruht auf der Annahme, dass der Schatz des Guten, den das Wirken Jesu und aller Gläubigen angesammelt hat, die Folgen jeder bösen Tat eines Menschen aufwiegt. Das Konzept ist auch innerkirchlich umstritten und in vielen Ländern außer Gebrauch gekommen; aber im Grunde ist der Ablass ein Zeichen der Solidarität aller mit dem Einzelnen.

Ostermesse auf dem mit Blumen geschmückten Petersplatz

Der Kontrast zur Ostermesse im letzten Jahr wird sehr deutlich sein: Wie jedes Jahr hatten auch 2019 niederländische Blumenhändler den Petersplatz in ein Blumenmeer verwandelt.

Der Ablass in der Sterbestunde ist an Formen gebunden, die sich in Isolierstationen nicht einhalten lassen. Viele Corona-Patienten werden ohne geistliche Begleitung sterben. Deshalb hat der Vatikan die Ablassbedingungen für die Kranken bereits denkbar weit heruntergesetzt.

Offenbar wollte Franziskus es aber nicht dabei bewenden lassen. Als Jesuit mit Sinn fürs Sinnenhafte sucht er das fassbare Zeichen, Monstranz und Segen. Hier kommt der mit dem Urbi et orbi verbundene Ablass ins Spiel. Der Papst macht die Versöhnung, die viele Priester unter diesen Umständen nicht geben können, zur Chefsache. Für alle, die die Kirche als Mittlerin zwischen Gott und Mensch begreifen, eine großartige Geste.

Am Freitagabend, bei Sonnenuntergang, wird der Papst so im Schatten der Basilika vor dem Allerheiligsten beten; ein Erinnern an das Leiden und Sterben Jesu, zugleich eine Vergewisserung der realen Gegenwart dessen, der die Tiefe des Todes ausgelotet und seine Macht gebrochen hat. Der Segen mit dem Sakrament ist ein Zuspruch für die Todkranken, dass sie ohne Angst vor alter Schuld vor ihren Schöpfer treten dürfen.

Der Petersplatz wird menschenleer sein. Die weltlich-nüchterne Begründung wird lauten, dass Versammlungen derzeit untersagt sind. In den Augen des Papstes, der einsam segnend auf den Stufen steht, sind die Plätze nur freigehalten für die Kranken und Sterbenden.

Von Burkhard Jürgens (KNA)