Papst em. Benedikt XVI. – Gedenkwort für Kardinal Meisner

Erzbischof Gänswein trägt das Grußwort Benedikts XVI. vor

 

Benedikt: „Es hat mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“

Köln-Vatikanstadt (kath.net) kath.net dokumentiert das Grußwort von Papst em. Benedikt XVI. beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, vorgetragen von Erzbischof Georg Gänswein, in voller Länge:

In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten. Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu der Kirche in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich in den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, das war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber umso mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen:
Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Bußsakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, das ihn immer wieder neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt: Dass es die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle. Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu empfangen alle Dimensionen unserer Existenz einfordert, dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche in Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein.

Requiescat in pace!

Benedikt XVI., Papa emeritus

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D: Requiem für Kardinal Meisner – Beisetzung im Dom

Meisners Sarg wird seine Mitra vorangetragen

Mit einem einfühlsamen Brief hat sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. von seinem langjährigen Weggefährten Kardinal Joachim Meisner verabschiedet. Benedikts Privatsekretär und Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, verlas an diesem Samstag das Schreiben des emeritierten Papstes beim Pontifikalrequiem für den verstorbenen Alterzbischof von Köln. Dabei konnte Erzbischof Gänswein seine Rührung nicht unterdrücken.

Ein „leidenschaftlicher Hirte und Seelorger“

Er habe die Todesnachricht, die er telefonisch erhalten habe, zunächst nicht glauben wollen, so die Worte Benedikts XVI. Noch am Tag zuvor hätten sie miteinander gesprochen. „Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür“, zitierte Gänswein aus dem Schreiben Benedikts, „dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Theophilius in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu den Kirchen in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass sein letzter Besuch einem Bekenner des Glaubens in einem jener Länder gegolten hat.“

Die gelöste Heiterkeit, innere Freude und die Zuversicht, zu der der heimgegangene Kardinal zuletzt gefunden habe, hätten ihn besonders beeindruckt, so Benedikt XVI. „Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und das in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.“ Tiefe Freude habe dem Geistlichen die wachsende Bereitschaft auch junger Leute zu eucharistischer Anbetung und die Art, wie sie die Gnade des Beichtsakraments erlebten, bereitet. Die Anbetung sei auch 2005 beim Weltjugendtag in Köln – auch „gegen die Meinung so mancher Experten“ aus Pastoral und Theologie – ein zentrales Anliegen Meisners gewesen, betonte der emeritierte Papst. „So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.“

„Als an seinem letzten Morgen“, las Erzbischof Gänswein sichtlich bewegt weiter, „Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben. Im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm.“

„Unerschrockener Einsatz“  für den Glauben

Papst Franziskus wiederum hat den „unerschrockenen Einsatz“ des verstorbenen Kardinals für Kirche und Glauben gewürdigt. Im Rahmen der Exequien im Kölner Dom verlas der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, ein entsprechendes Schreiben des Papstes. Darin würdigte Franziskus auch die Anstrengungen, mit denen der Kardinal gleichermaßen für Ost und West gewirkt habe.

Streitbar und kompromisslos

Mit Kardinal Meisner ist nur zwei Wochen nach Altbundeskanzler Kohl ein weiterer großer Deutscher und Europäer zu Grabe getragen worden. Nicht alle waren mit seiner oft kompromisslos anmutenden Haltung einverstanden – doch gerade sein aufrechtes Einstehen für Glaubenswahrheiten rang so manchem seiner Gegner doch großen Respekt ab. Dem wortgewaltigen Kardinal war es egal, wenn er deswegen aneckte; und das bewies der frühere Bischof des geteilten Berlins und Erzbischof von Köln bis zum Schluss, als er als einer von vier Kardinälen einen Zweifel-Brief an Papst Franziskus schickte.

Ein bewegtes Leben zwischen Ost und West

Am 25. Dezember 1933 wurde der spätere Erzbischof und Kardinal in Breslau als zweiter von vier Brüdern in die Familie eines Einzelhändlers geboren, dieser kam im Krieg um. Im Jahr 1945 gelingt der verbliebenen Familie die Flucht nach Thüringen. In Erfurt wird Meisner im Jahr 1962 zum Priester geweiht, ein gutes Jahrzehnt später erhält er am 17. Mai 1975 ebendort seine Bischofsweihe und ist als Weihbischof von Erfurt/Meinigen tätig. In diese Zeit fällt eine Episode, die Meisner sein Leben lang vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten hoch angerechnet wurde: In konspirativer und mutiger Aktion weihte er in seinem von der Stasi observierten Haus tschechoslowakische Geheimbischöfe. Papst Johannes Paul II. vertraut ihm ab dem 17. Mai 1980 das Bistum Berlin an, am 5. Januar 1983 erhebt er ihn zum Kardinal. Im Februar 1989, nur kurz vor dem Fall der Mauer, vertraut der Papst ihm mit dem Erzbistum Köln einen der wichtigsten Bischofssitze Europas an. Dort wird Kardinal Meisner bis zur Annahme seines Rücktrittsgesuches gut 2 Monate nach Erreichen seines 80. Geburtstages tätig sein. Am 5. Juli 2017 ereilt ihn während eines Urlaubes in Bad Füssing der Tod.

Prägende Persönlichkeit

Wie stark Kardinal Meisner den deutschen Katholizismus, aber auch den gesellschaftlichen und europäischen Diskurs geprägt hat, lässt sich an der illustren Gästeliste zu seiner Beerdigung ablesen. Aus Rom sind Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Georg Gänswein angereist. Aus Prag kam Kardinal Dominik Duka, aus Meisners ehemaligen Bistum Berlin kam Erzbischof Heiner Koch. Ebenso anwesend waren der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof em. Robert Zollitsch von Freiburg, sowie der Münchner Alterzbischof Kardinal Wetter. Die Politik war unter anderen vertreten durch Nordrhein-Westfalens neu gewählten CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet.

„Delikate Mission in Berlin“

Meisners Nachfolger im Erzbistum Köln, Kardinal Woelki, leitete die Exequien. Konzelebranten waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sowie der Apostolische Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic. Die Predigt hielt der langjährige Freund Meisners, Kardinal Peter Erdö aus Esztergom-Budapest und Primas von Ungarn. In seiner Ansprache erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Meisner, der damals noch in Erfurt tätig war. „Später hörte ich, dass er zum Bischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war. Eine Diözese, die in Ost- und Westberlin gleichzeitig zuständig war, ein Bischof, der seinen pastoralen Dienst sogar in beiden Teilen der Stadt ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Bischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Position hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.“

Auch Erdö würdigte Meisners unermüdlichen Einsatz für den Glauben und die Weltkirche, insbesondere im Ostteil Europas. Immer hätten ihm vor allem die Armen und Bedürftigen am Herzen gelegen, so Kardinal Erdö. „Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese Köln ausgewirkt. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder und Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war.“

Bestattung in der Bischofsgruft

Die musikalische Begleitung des Pontifikalrequiems oblag den Kölner Dommusikern. Nach dem Gottesdienst im Kölner Dom wurde Meisners Sarg in die Bischofsgruft verbracht. Dort wird er seine letzte Ruhestätte unter zehn seiner hier beigesetzten Vorgängern finden, unter ihnen auch der beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung getretene und weit über Köln hinaus bekannte Kardinal Josef Frings (1887-1978). Damit sind in der Gruft noch fünf Grabstätten unbesetzt.

(rv/dr/erzbistum köln 15.07.2017 cs)

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Eine Tragödie für die Kirche: der Verlust des Bußsakraments

„Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament.“ Vortrag von Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, zum Thema „Umkehr und Mission.“

Ein Beitrag von Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen zum Abschluß des Priesterjahres in der Basilika St. Paul vor den Mauern (Rom, 9. Juni 2010).
[© Romano Siciliani]

Liebe Mitbrüder! Ich werde mit Ihnen jetzt nicht eine neue Buß- und Missionstheologie zu entfalten suchen. Aber ich möchte mich zusammen mit Ihnen vom Evangelium selbst zur Umkehr führen lassen, um dann, vom Heiligen Geist gesendet, den Menschen die Botschaft Christi zu überbringen. 
Auf diesem Weg möchte ich jetzt zusammen mit Ihnen 15 gedankliche Schritte vorangehen. 

1. Wir müssen wieder – wie mein Vorgänger als Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, zu sagen pflegte – eine „Geh-hin-Kirche“ werden. Das geht nicht auf Befehl. Dazu bewegt uns der Heilige Geist. Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament. Für uns Priester hatte das einen ungeheuren inneren Profilverlust zur Folge. Wenn mich gläubige Christen fragen: „Wie können wir unseren Priestern helfen?“, dann antworte ich ihnen immer: „Gehen Sie zu ihnen beichten!“. Dort, wo der Priester nicht mehr Beichtvater ist, wird er zum religiösen Sozialarbeiter. Ihm fehlt dann die Erfahrung großer pastoraler Erfolge, wo er mitwirken darf, dass ein Sünder auch durch seine Hilfe den Beichtstuhl wieder als Geheiligter verlässt. Im Beichtstuhl darf der Priester in die Herzen vieler Menschen schauen und bekommt von daher Impulse, Ermutigungen und Anregungen für die eigene Christusnachfolge. 

2. Vor den Toren von Damaskus stürzt ein kleiner kranker Mann, der heilige Paulus, geblendet zu Boden. Im 2. Korintherbrief zitiert er selbst den Eindruck seiner Gegner über seine Person, er sei körperlich matt und rhetorisch schwach (vgl. 2 Kor 10, 10). Den Städten Kleinasiens und Europas aber wird in den nächsten Jahren durch diesen kleinen kranken Mann das Evangelium verkündet werden. Die Wunder Gottes geschehen nie im Rampenlicht der Weltgeschichte. Sie ereignen sich immer im Abseits, eben vor den Toren der Stadt, eben in der Verborgenheit des Beichtstuhles. Das darf für uns alle ein großer Trost sein, die wir mit großen Aufgaben betraut sind, aber gleichzeitig um unsere oftmals kleinen Möglichkeiten wissen. Es gehört zur Strategie Gottes, mit kleinen Ursachen große Wirkungen hervorzurufen. Paulus vor den Toren von Damaskus geschlagen, wird zum Eroberer der Städte Kleinasiens und Europas. Seine Sendung ist die Sammlung der Berufenen in die Kirche, in die Ecclesia Gottes, hinein. Obwohl sie – von außen gesehen – nur ein kleines bedrängtes Häufchen ist, von innen angefochten, vergleicht Paulus sie mit dem Leib Christi, ja, er identifiziert sie sogar mit dem Leib Christi, der eben die Kirche ist. Diese Möglichkeit aus den Händen des Herrn zu empfangen, heißt in unserer menschlichen Erfahrung „Bekehrung“. Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda“, und darin sind der Priester und der Bischof ein „semper reformandus“, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barmherzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet. 

3. Darum genügt es nicht, dass wir in unserer pastoralen Arbeit nur Korrekturen an den Strukturen unserer Kirche vornehmen wollen, um sie augenscheinlich attraktiver zu machen. Das reicht nicht! Was Not tut, ist eine Bekehrung des Herzens, meines Herzens. Nur ein bekehrter Paulus konnte die Welt verändern, nicht aber ein Ingenieur kirchlicher Strukturen. Der Priester ist durch die Aufnahme in die Lebensweise Jesu so von ihm bewohnt, dass Jesus im Priester für andere berührbar wird. Bei Johannes 14, 23 lesen wir: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23). Das ist nicht nur ein schönes Bild! Wenn das Herz des Priesters Gott liebt und die Gnade hat, so kommt der dreieinige Gott persönlich und schlägt seine Wohnung im Herzen des Priesters auf. Gewiss, Gott ist allgegenwärtig. Gott wohnt überall. Die ganze Welt ist wie eine große Kirche Gottes, aber das Herz des Priesters ist wie ein Tabernakel in der Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller und besonderer Weise. 

4. Das größte Hindernis, Christus durch uns berührbar werden zu lassen, ist die Sünde. Sie verhindert die Gegenwart des Herrn in unserem Dasein, und darum ist nichts notwendiger für uns als die Bekehrung, und zwar auch um der Mission willen. Es geht dabei – bringen wir es auf einen Punkt – um das Bußsakrament. Ein Priester, der nicht häufig auf beiden Seiten des Beichtgitters anzutreffen ist, leidet auf Dauer Schaden an seiner Seele und an seiner Mission. Hier liegt sicher eine wesentliche Ursache für die vielfältigen Krisen, in die das Priestertum in den letzten 50 Jahren geraten ist. Das ist ja die besondere Gnade des Priestertums, dass der Priester auf beiden Seiten des Beichtgitters zu Hause sein kann: als Bekennender und als Vergebender. Wo sich der Priester vom Beichtstuhl entfernt, dort gerät er in eine schwerwiegende Identitätskrise. Das Bußsakrament ist der bevorzugte Ort für die Vertiefung der Identität des Priesters, der dazu berufen ist, sich selbst und die Gläubigen zurück zu binden an die Fülle Christi. 
Im hohepriesterlichen Gebet spricht Jesus zu seinem und unserem Vater über diese Identität: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17, 15-17). Es geht im Bußsakrament um die Wahrheit in uns. Wie kommt es, dass wir der Wahrheit nicht gern ins Gesicht schauen? 

Jesus beim Mahl mit den Sündern, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

5. Wir müssen uns daher fragen lassen: Haben wir denn noch nicht die Freude erfahren, einen Fehler zu erkennen, ihn einzugestehen und den von uns Beleidigten aufzusuchen? – „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15, 18). – Kennen wir nicht die Freude, dann zu sehen, wie der Andere die Arme gleich dem Vater des verlorenen Sohnes ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15, 20). Können wir denn nicht die Freude des Vaters darüber erahnen, dass er uns wieder gefunden hat: „Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk15, 24)? Da dieses Fest jedes Mal, wenn wir zurückkehren, im Himmel begangen wird, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir – ich spreche in Menschenweise – so geizig gegenüber Gott und den Heiligen des Himmels und lassen ihnen so selten die Freude, ein Fest zu feiern, weil wir uns vom Herrn, vom Vater, ans Herz drücken ließen? 

6. Wir lieben diese ausdrückliche Vergebung oft nicht. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er vergibt. Gott ist die Liebe! Er ist Schenken in Person! Er verschenkt die Gnade der Vergebung. Aber am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis der Liebe überwindet: die Sünde. Die größte Gnade ist die Begnadigung, und die kostbarste Gabe ist die „Vergabung“, die Vergebung. Gäbe es keine Sünder, die der Verzeihung mehr bedürfen als des täglichen Brotes, wir würden die Tiefe des göttlichen Herzens gar nicht kennen. Der Herr betont es ausdrücklich: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte die es nicht nötig haben umzukehren“ ( Lk 15, 7). Wie kommt es – fragen wir nochmals -, dass ein Sakrament, das so große Freude im Himmel hervorruft, so viel Abneigung auf Erden weckt? Das liegt an unserem Stolz, der ständigen Neigung unseres Herzens sich zu verschanzen, sich selbst zu genügen, sich zu isolieren, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Was ziehen wir eigentlich vor, Sünder zu sein, denen Gott verzeiht, oder scheinbar ohne Sünde zu sein, d.h. in der Illusion der Selbstgerechtigkeit zu leben – ohne die Offenbarung der Liebe Gottes? Reicht es wirklich, zufrieden zu sein mit sich selbst? Was sind wir denn ohne Gott? Nur eine kindliche Demut, wie sie die Heiligen haben, lässt uns fröhlich den Vergleich zwischen unserer Unwürdigkeit und der Herrlichkeit Gottes ertragen. 

7. Es ist nicht der Sinn der Beichte, dass wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken. Die Beichte schenkt uns vielmehr Zugang in ein Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Gott sagt in uns: „Du hast doch nur gesündigt, weil du nicht glauben kannst, dass ich dich genug liebe, dass mir genug an dir liegt, dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist, dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zustimmung bezeugt, um dir alles zu verzeihen, was du in die Beichte hineinbringst. Wissen wir um eine solche Verzeihung, um eine solche Liebe, dann werden wir geradezu überflutet sein von Freude und Dankbarkeit, sodass uns dann auch allmählich die Lust zum Sündigen vergeht und die Beichte zu einem regelmäßigen Ereignis der Freude in unserem Leben wird. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher zu gestalten, sich erneut sagen zu lassen und wirksam zu erfahren – denn Beichte ist ja nicht nur Zuspruch von außen –, dass Gott uns liebt; beichten heißt, wieder anfangen, daran zu glauben und zugleich entdecken, dass wir bisher niemals tief genug daran geglaubt haben, und dass man hierfür um Verzeihung bitten muss. Vor Jesus fühlt man sich als Sünder, man entdeckt sich als Sünder, der nicht seinen Erwartungen entspricht. Beichten heißt, sich vom Herrn auf sein göttliches Niveau heben zu lassen. 

8. Der verlorene Sohn verlässt das väterliche Haus, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr an die Liebe des Vaters, die ihm genügen würde, und daher verlangt er sein Erbteil, um seine Angelegenheit ganz allein zu ordnen. Als er sich entschließt, zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir unvollkommene Reue! Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts mehr als der Gedanke, der Sohn könnte eines Tages heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm nicht einmal die Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren, von ihr erfüllt zu werden. Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seine Unverschämtheit und seine Ungerechtigkeit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, dem Vater gegenüber offen und vertrauend, wird er wieder lebendig: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ ( Lk 15, 32), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn. 

Der Beichtstuhl des heiligen Pfarrers von Ars. [© Romano Siciliani]

9. Der ältere Sohn, der Gerechte, hat eine ähnliche Wandlung erfahren – so möchten wir das Gleichnis hoffnungsvoll weiterdenken. Der Fall dieses Sohnes ist aber sehr viel schwieriger. Man darf nicht sagen, dass Gott die Sünder mehr liebt als die Gerechten! Eine Mutter liebt das kranke Kind, dem sie ihre besondere Sorge zuwendet, nicht mehr als die gesunden Kinder, die sie allein spielen lässt, denen sie ihre – nicht weniger tiefe – Liebe aber auf andere Weise bekundet. Soweit die Menschen sich weigern, ihre Sünden anzuerkennen und zu bekennen, soweit sie stolze Sünder sind, zieht Gott ihnen die demütigen Sünder vor. Mit allen hat er Geduld. Auch mit dem daheim gebliebenen Sohn hat der Vater Geduld. Er bittet ihn, und er redet ihm gut zu: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“ ( Lk 15, 31). Die Verzeihung der Hartherzigkeit des Älteren wird dabei noch nicht einmal ausgesprochen, sondern ist impliziert. Wie groß muss die Beschämung des älteren Sohnes vor solcher Milde sein. Alles hatte er vorhergesehen, nur nicht diese demütige Zärtlichkeit des Vaters. Plötzlich findet er sich entwaffnet, verwirrt, teilnehmend an der allgemeinen Freude. Und er fragt sich, wie er nur daran denken konnte, absichtlich fern zu bleiben, wie er es nur einen Augenblick lang habe vorziehen können, ganz allein unglücklich zu sein, während alle einander liebten und einander verziehen. Glücklicherweise ist der Vater da und erwischt ihn rechtzeitig. Zum Glück ist der Vater nicht wie er! Zum Glück ist der Vater viel besser als sie alle zusammen! Gott allein kann die Sünden vergeben. Er allein vermag diese Geste der Gnade, der Freude und des Überflusses der Liebe zu vollziehen. Darum ist das Bußsakrament die Quelle permanenter Erneuerung und Revitalisierung unseres priesterlichen Seins. 

10. Für mich wird darum die geistliche Reife für den Empfang des Weihesakramentes eines Priesteramtskandidaten darin deutlich, dass er regelmäßig, und zwar mindestens im Rhythmus von einem Monat, das Bußsakrament empfängt. Denn im Bußsakrament begegne ich dem barmherzigen Vater mit den kostbarsten Gaben, die er zu vergeben hat, nämlich die Vergabung, die Vergebung und die Begnadigung. Wenn aber einer durch seine mangelnde Beichtpraxis dem Vater sagt: „Behalte deine kostbaren Gaben für dich! Ich brauche dich und deine Gaben nicht!“, dann hört er auf, Sohn zu sein, indem er ihm sein Vatersein aufkündigt, weil er ihm seine kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt. Und wenn man nicht mehr Sohn des himmlischen Vaters ist, kann man nicht Priester werden, denn der Priester ist durch die Taufe zunächst einmal Sohn des Vaters, und dann ist er durch die Priesterweihe mit Christus Sohn mit dem Sohn. Dann erst kann er den Menschen wirklich Bruder sein. 

11. Der Umstieg von der Umkehr in die Mission kann sich zunächst darin zeigen, dass ich von der einen Seite des Beichtgitters auf die andere wechsele, von der Seite des Pönitenten auf die Seite des Beichtvaters. Der Verlust des Bußsakramentes ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Kirche und im Leben des Priesters. Und die so genannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So ist Gott. Er wartet auf uns lebenslang. Ich kenne aus meiner 35-jährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, – bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war, wie man so sagt, der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wird der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen umzusteigen in die persönliche Not eines Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich ausbluten, d.h. aussprechen kann. Und es kann sich nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst einmal, nicht zu reden, sondern zu hören. Wie viel innere Anregung für seine eigene Christusnachfolge erfährt und erhält der Beichtvater gerade in seiner Tätigkeit bei der Spendung des Bußsakramentes, wenn er spürt und erfährt, wie weit ihm einfache katholische Männer, Frauen und Kinder in der Christusnachfolge voraus sind. 

12. Wenn uns dieser wesentliche Bereich des priesterlichen Dienstes weitgehend verloren geht, sinken wir Priester leicht auf eine Beamtenmentalität oder auf das Niveau einer reinen Pastoraltechnik herab. Unsere Verortung diesseits und jenseits des Beichtgitters bringt uns durch unser Zeugnis dazu, Christus für die Menschen berührbar werden zu lassen. Um es zunächst an einem Negativbeispiel deutlich zu machen: Wer mit radioaktiver Materie in Berührung kommt, wird selbst radioaktiv verseucht. Wenn ein solcher nun einen anderen berührt, dann wird er ebenfalls von seiner Radioaktivität negativ angesteckt. Nun aber das Beispiel positiv: Wer mit Christus in Berührung kommt, der wird christoaktiv. Und wenn der Priester dann als ein solcher Christoaktiver mit anderen Menschen in Berührung kommt, dann werden sie selbstverständlich von seiner Christoaktivität angesteckt. Das ist Mission, wie sie von Anfang an im Christentum präsent war. Die Menschen drängten sich um die Person Jesu herum, um ihn zu berühren, und wenn es nur der Saum seines Gewandes war. Und selbst, wenn es dieser nur von hinten war, dann wurden sie gesund: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ ( Lk 6, 19). 

13. Uns laufen die Menschen oft davon, sie drängen sich nicht mehr um uns, um mit uns in Berührung zu kommen. Im Gegenteil, sie laufen uns davon. Damit das nicht geschieht, müssen wir uns konkret fragen: Was berühren die Menschen denn, wenn sie mit mir in Berührung kommen? – Jesus Christus in seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen, oder irgendwelche theologischen Privatmeinungen oder Gejammer über die Zustände in der Kirche und der Welt? Berühren sie bei uns Jesus Christus? Wenn das der Fall ist, dann kommen die Menschen. Sie sprechen untereinander von einem solchen Priester. Sie bringen es in solche Ausdrücke wie „Mit dem kann man reden. Der versteht mich. Der kann einem wirklich helfen“. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Menschen nach solchen Priestern Sehnsucht haben, in denen sie authentisch Christus begegnen, der sie frei macht von allen Verstrickungen und sie an seine Person bindet. 

Jesus vergibt der Ehebrecherin, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

14. Damit wir recht verzeihen können, brauchen wir viel Liebe. Die einzige Verzeihung, die wir recht gewähren könnten, ist jene, die wir von Gott empfangen haben. Nur wenn man den barmherzigen Vater erfahren hat, wird man barmherziger Bruder der Menschen. Wer nicht verzeiht, der liebt nicht. Wer wenig verzeiht, der liebt auch wenig. Wer viel verzeiht, der liebt viel. Wenn man den Beichtstuhl als Ausgangspunkt unserer Mission verlässt, von welcher Seite des Beichtstuhls auch immer, aber besonders von der Seite des Pönitenten, dann möchte man am liebsten alle umarmen, sie um Verzeihung bitten. Ich selbst habe so beglückend Gottes verzeihende Liebe erfahren, dass ich nur dringend bitten kann: „Nimm auch du seine Verzeihung an! Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich nun Überfluss habe. Vergib mir, dass ich sie dir so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und in die Bruderliebe hinein, in die Vereinigung mit Gott und mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde ausgeschlossen hatte. Wir können und müssen alle Menschen lieben, wenn Gott uns aufs Neue zu lieben gelehrt hat. Wäre es nicht so, dann wäre es ein Zeichen dafür, dass wir falsch gebeichtet haben und daher nochmals beichten müssten. 
Der wohl größte Beichtvater unserer Kirche ist der heilige Pfarrer von Ars. Ihm verdanken wir das Priesterjahr und damit unsere jetzige Zusammenkunft als Priester und Bischöfe mit dem Heiligen Vater hier in Rom. Mit diesem heiligen Pfarrer habe ich über das Geheimnis der heiligen Beichte nachgedacht. Denn sein täglicher Dienst der Versöhnung im Beichtstuhl in Ars ließ ihn zum großen Weltmissionar werden. Man sagt, er habe als Beichtvater die Französische Revolution geistlich überwunden. Was mir im geistlichen Dialog mit Jean-Marie Vianney aufgegangen ist, das habe ich hier verkündet. Dabei hat er mich noch an etwas ganz Wichtiges erinnert: 

15. Wir lieben alle, wir verzeihen allen! Hüten wir uns indessen, einen zu vergessen! Ein Wesen existiert nämlich, das uns enttäuscht und belastet, ein Wesen, mit dem wir ständig unzufrieden sind. Und das sind wir selbst. Wir haben uns oft so satt. Wir sind unserer Mittelmäßigkeit überdrüssig und müde unserer eigenen Monotonie. Wir leben in einem Zustand der Kälte und sogar einer unglaublichen Gleichgültigkeit gegenüber diesem nächsten Nächsten, den Gott uns anvertraut, damit wir ihn von seiner Vergebung berühren lassen. Und das sind wir selbst. Es heißt doch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (vgl. Lev 19, 18). Wir sollen also auch uns lieben, wie wir unseren Nächsten zu lieben suchen. Dann müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschungen unseres Ehrgeizes. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit, die Nachsicht und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir den Überdruss an uns selbst los werden, der uns überall hin begleitet und uns oft nicht einmal beschämt. Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung im Hinblick auch auf uns selbst zu ändern, ohne Gott selbst zu uns Recht zu geben, wenn er uns liebt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns, mit unseren Menschenbrüdern und -schwestern und mit der ganzen Welt. Sie macht uns zu authentischen Missionaren. Glaubt ihr das, liebe Brüder? – Probiert es aus – heute noch! 

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Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt zum Hohen Pfingstfest 2013 im Hohen Dom zu Köln am 19. Mai 2013

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Der Heilige Geist ist der Lebensatem Gottes, der den Sohn Gottes mit seinem
himmlischen Vater verbindet. Man empfängt ihn als Christ, indem man in die
Atemnähe des Sohnes herantritt, wenn man sich gleichsam von Jesus Christus
beatmen lässt. Je näher am Herrn, desto näher an der Quelle des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist wohnt im Worte Christi. Nicht im Weggehen vom Wort begegne
ich dem Geist, sondern im Zugehen auf sein Wort. Das Wort Christi ist die Stätte
des Heiligen Geistes. Jesus ist die Gegenwart des Geistes Gottes. Je näher wir an
ihn herantreten, desto realer treten wir in den Geist, und je realer tritt der Geist in
uns ein. Der Geist Gottes wird nicht ansichtig im Weggehen vom Sohne Gottes, von
Christus, sondern im Herantreten an den Sohn. In der Atemnähe Jesu empfange
ich den Heiligen Geist. Die Kirche Christi ist gleichsam die Atemnähe des Herrn in
unserer Welt. Heute ist das besonders spürbar in der Feier des Pfingstfestes, das
auch Fest des Heiligen Geistes genannt wird.

1. Der Heilige Geist offenbart sich am Pfingsttag im Sturm, der über den
Aposteln spürbar wird. Das ganze Haus in Jerusalem wurde vom Sturm des Heiligen
Geistes am Pfingsttag erfüllt. Sturm ist intensiver Atem. Sturm ist vor allen
Dingen ein Ausdruck für Macht, in der alten Welt immer für die Macht Gottes, der
die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Der
Sturm ist aber auch Ausdruck für das Element Luft, das diese Erde von allen anderen
Gestirnen unterscheidet und sie damit ausdrücklich zum Stern des Lebens
werden lässt. Nur wo Luft ist, haben Lungen einen Sinn. Und wo Luft ist, kann geatmet
werden. Und nur dort, wo geatmet werden kann, ist Leben möglich. Was
dieses geheimnisvolle Element der Luft für das biologische Leben bedeutet, das ist
der Heilige Geist für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann das Menschsein
in seiner Würde bestehen, kann Humanität gedeihen, kann menschlicher Geist
sich wirklich entfalten und selbst kreativ werden.
Heute muss leider viel von Umweltverschmutzung und Umweltvergiftung
gesprochen werden. Es gibt aber auch eine geistige Umweltvergiftung, in der die
Herzen der Menschen nicht mehr atmen können. Kinder, Jugendliche und Erwachsene
leben heute auch unter den Einflusssphären des unheiligen Geistes, etwa was
alles in Internet, in Funk und Fernsehen, in Film und Theater, in Schule und Freizeit
auf Menschen heute einwirken kann. Das ist ja nicht immer alles gut und hilfreich.
Wenn der gesellschaftliche Konsens heute in Westeuropa davon ausgeht,
dass die Naturwissenschaft Gott im Labor nicht nachgewiesen hat und es ihn darum
nicht gibt, dann werden Räume für die Götter und Götzen frei, die mit ihrem
unseligen Geist die Herzen der Menschen umnebeln. Unsere Berufung als Jünger
Jesu besteht darin, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu mühen und in der
Gemeinschaft der Glaubenden, in Familie, Gemeinde und wo auch immer, heilige
Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen.

2. Der Heilige Geist ist der Geist der Furchtlosigkeit. Der Heilige Geist überwindet
immer die Furcht der Menschen. Die Jünger hatten sich in Jerusalem hinter
verschlossenen Türen vor den Juden versteckt, weil sie ihren Herrn gekreuzigt
hatten und sie selbst verhaftet und hingerichtet werden konnten. Jetzt aber verkünden
sie furchtlos die Frohe Botschaft vom Gekreuzigten und von seiner Auferstehung,
weil sie sich nun in den Händen des Stärkeren wissen. Der Heilige Geist
überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte
Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe ist und als
die Liebe Gottes Ausdruck seiner göttlichen Allmacht darstellt. Deswegen ist
Furchtlosigkeit immer das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der
allmächtigen Liebe Gottes stellt. Darum kann auch der Glaube, wo er gesund ist,
sich furchtlos und tapfer den Mächten und Gewalten dieser Welt entgegenstellen,
weil er sich von dem geführt und gehütet weiß, der als der Stärkere den Starken
überwunden hat. Es ist nicht so, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig
beiseite gewischt hat, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit
aufstünde. Ganz im Gegenteil! Wo das geschieht, da muss der Mensch wieder
das Fürchten und Gruseln lernen. In einer solchen Umwelt lernt man das Heulen
und Zähneknirschen, wie die Heilige Schrift die Gottferne umschreibt. Wo der
Geist Gottes aber weht, dort ist die Liebe Gottes. Und „Furcht gibt es in der Liebe
nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,18), schreibt
Johannes in seinem ersten Brief. Die Geschichte der Heiligen ist eine Geschichte
des Heiligen Geistes und damit auch eine Darstellung christlicher Furchtlosigkeit
in allen Jahrhunderten, unter allen möglichen und unmöglichen Situation. Das ist
der Sieg, der die Welt überwindet: unser Osterglaube. Er verleiht uns Mut und
Furchtlosigkeit. Gott lebt, Christus ist auferstanden! Vor wem sollten wir uns dann
noch fürchten? Das ist die Botschaft des Heiligen Geistes am Pfingstfest.

3. Der Heilige Geist stellt sich uns in brennenden Feuerzungen über den
Aposteln in Jerusalem dar. Christus ist eigentlich der wahre Prometheus, der das
Feuer vom Himmel geholt hat. Dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der
Titan, der Gott beiseiteschiebt, sondern der Sohn des lebendigen Gottes selbst
hervor, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft
verbrennt. So wird das Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer
neuen Welt. Christentum ist wie Feuer. Es gibt ein außerbiblisches Herrenwort,
das heißt: „Wer mir nahe ist, ist nahe dem Feuer“. Das Christentum ist keine langweilige,
farblose oder laue Angelegenheit. Das Evangelium ist kein frommer Wortschwall,
mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen könnten, um immer noch dabei
zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die sich
zur Leidenschaft Jesu Christi stellt und von ihr her die Welt erneuert. Darum sagt
der Apostel Paulus ausdrücklich: „Lasst euch vom Geist entflammen!“ (Röm
12,11), oder „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Die großen Feuerpropheten
des Alten Bundes sind schon pfingstliche Gestalten vor dem eigentlichen
Pfingsten. Ein geistlicher Mensch ist immer ein feuriger Mensch. In seiner Umgebung
können die Funken sprühen, und die Funken können überspringen. Feuer
steckt an.

Am Pfingstfest hat keiner das Recht, kein Optimist zu sein. Heute hat niemand
das Recht, mit seiner Freude zurückzuhalten. Wem könnten wir denn glauben
machen, dass Gott sich uns geschenkt hat, dass wir Gott in unseren Herzen, in
unseren Händen und auf unseren Lippen tragen, wenn wir darüber nicht begeistert
wären? Gott ist so nahe zu uns gekommen, wie sollte er da nicht unsere leidenschaftliche
Liebe erweckt haben? Dieser Gott wird schlecht verkündet, wenn er
von uns nicht leidenschaftlich verkündet wird. Uns alle beauftragt Gott heute, ihn
zu verkünden. Uns alle schickt er heute hinaus, wie einst die Apostel aus dem
Abendmahlsaal, wo sie sich eingeschlossen hielten. Und er jagt uns gleichsam vor
die Tür auf die Straße, damit wir unsere Welt erschüttern durch unsere große und
unglaubliche Neuigkeit: Wir sind keine Waisen mehr! Gott ist wirklich zu uns wiedergekommen!
Auch wir werden nun bewohnt, bevölkert und durchdrungen von
seinem Geist der Stärke und der Weisheit, von seinem Geist der Freude und des
Glaubens. Der Glaube sagt uns ausdrücklich: Der Geist Gottes ist die einzige Wirklichkeit,
die zählt. Alles Übrige ist Schatten. Öffnen wir unser Leben dem Schöpfergeist
Gottes, und er wird durch uns das Angesicht der Erde erneuern. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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Geistliches Testament von Joachim Kardinal Meisner

Köln, den 25. März 2011

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Seelsorge und Caritas, 
liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Köln, 
liebe Freunde und Verwandte!

Wie alle Menschen kenne ich nicht den Tag und die Stunde meines Todes und auch nicht die Art und Weise, wo und wie ich sterben werde. Darum möchte ich jetzt schon ein letztes Wort an Sie alle niederschrei
ben, das dann zu gegebener Zeit verlesen wird. Es soll hauptsächlich ein letztes Wort in dieser Welt vor Ihnen an Jesus Christus sein.

Herr Jesus Christus, 
du bist das Wort, durch das alles geworden ist. Ich danke dir, dass du 
mich gewollt hast und ich deshalb geworden bin. Dein Wort hat mich im Leben begleitet und mich in deine Not um die Welt und den Menschen geführt. Deshalb wurde ich Priester und Bischof, geprägt und 
geweiht von deinen Wundmalen. Es gehört zu den staunenswertesten Gaben meines Lebens, dass du mich bei deinem Kreuz verwendest und mich deiner Leiden gewürdigt hast. Durch deine Leidenschaft für die Welt sind dein Herz, deine Hände und deine Füße durchbohrt worden. Aus Liebe zu den Menschen hast du mich mit deinem Kreuz berührt. Du hast mich dein Priester und dein Bischof werden lassen. Darum will ich mich besonders im Sterben im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus rühmen, durch das Freude in die Welt gekommen ist. 

Im Stundengebet der Kirche bezeuge und bekenne ich mit unseren Priestern ausdrücklich:

„Christus, göttlicher Herr,
dich liebt, wer nur Kraft hat zu lieben:
unbewusst, wer dich nicht kennt; 
sehnsuchtsvoll, wer um dich weiß.

Christus, du bist meine Hoffnung

mein Friede, mein Glück, all mein Leben: 
Christus, dir neigt sich mein Geist; 
Christus, dich bete ich an.

Christus, an dir halt‘ ich fest 
mit der ganzen Kraft meiner Seele: 
dich Herr, lieb‘ ich allein – 
suche dich, folge dir nach.“

In dieser Freude versuchte ich, Ihnen allen im Erzbistum Köln zu dienen. Unsere Bischofsstadt Köln trägt den Ehrentitel „Sancta Colonia Dei Gratia Romanae Ecclesiae Fidelis Filia“ (Heiliges Köln, von Gottes Gnaden der Römischen Kirche getreue Tochter). Ich habe in meinem bischöflichen Dienst versucht, dieser Auszeichnung zu entsprechen. Christus hat das Petrusamt in die Kirche eingestiftet, um den vielen Völkern in den verschiedenen Zeiten Orientierung und Halt zu geben. Das ist meine letzte Bitte an Sie alle um Ihres Heiles willen: Stehen 
Sie zu unserem Heiligen Vater. Er ist der Petrus von heute. Folgen Sie seiner Wegweisung. Hören Sie auf sein Wort. Petrus will nichts für sich, sondern alles fiir den Herrn und für seine Schwestern und Brüder.

Sie wissen alle, die Spanne meines Lebens umfasste drei gesellschaftli
che Systeme: das zwöljährige Hitlerreich, die vierundvierzigjährige Herrschaft des Kommunismus und schon jetzt über zwanzig Jahre die freiheitliche Demokratie. In allen drei Lebensepochen hat mir der 
Dienst des Papstes immer Orientierung, Ermutigung und Beistand geschenkt. Haltet immer zum Papst, und ihr werdet Christus nie verlieren!

 

Nicht die Gnade, die der Apostel Johannes empfangen, begehre ich, nicht die Vergebung, mit der du dem Petrus verziehen, die nur, die du am Kreuz dem Schächer gewährt hast, die erflehe ich: „Heute noch 
wirst du mit mir im Paradies sein“ (Mk 15,43).

 

Joachim Kardinal Meisner 


Erzbischof von Köln

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„Einen Fürsprecher auf Erden verloren, aber einen im Himmel gewonnen”

Kardinal Meisner, Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2015 / © ACN

Nachruf von Karin Maria Fenbert,
Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland,
zum Tod von Joachim Kardinal Meisner

Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ hat der Tod Joachim Kardinal Meisners tief getroffen. Wir trauern um einen hochgeschätzten Freund unseres Werkes.

Kardinal Meisner verband eine lebenslange und intensive Freundschaft mit dem Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten OPraem. Beiden war die Sorge um die verfolgte und notleidende Kirche hinter dem Eisernen Vorhang und weltweit ein Herzensanliegen. Beide verband die Treue und Liebe zum Papst, insbesondere zum heiligen Johannes Paul II. Mit ihm arbeiteten sie intensiv zusammen – verschieden in der Position, geeint in der Mission. Beide verband die Liebe zur Wahrheit des Evangeliums und zum klaren, eindeutigen Wort. Daran nahmen die einen Anstoß, den anderen gab es Orientierung im Meer der Meinungen und Parolen. Auch deshalb wird uns Kardinal Meisner sehr fehlen, gerade jetzt.

Als gebürtiger Schlesier teilte Kardinal Meisner das Los von Millionen heimatvertriebenen Deutschen. Ein Los, das unseren Gründer Pater Werenfried vor genau 70 Jahren bewog, mit einer gigantischen Hilfsaktion den leiblichen wie geistlichen Hunger der Entwurzelten zu stillen. Einer von ihnen war Joachim Meisner, wie er selbst wiederholt erzählte: Als 14-Jähriger hörte er in der thüringischen Diaspora zum ersten Mal vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten. Die Unterstützung eines Niederländers für die ehemaligen deutschen Feinde nach dem noch nicht vernarbten Krieg rührte ihn derart, dass er das Foto des Gründers von „Kirche in Not“ ausschnitt und an die Wand seines kärglichen Mansardenzimmers hing, neben das der Bischöfe Alojzije Stepinac und József Mindszenty – beide Märtyrer der kommunistischen Kirchenverfolgung hinter dem Eisernen Vorhang. In der Rückschau bekannte Meisner einmal: „Das großartige Werk ,Kirche in Not‘ ist nicht zuerst unter die großen Hilfswerke der katholischen Kirche in Europa zu zählen, sondern es gehört zu den geistlichen Bewegungen, die in der Kirche nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges aufgebrochen sind.“

Als aus dem jungen Heimatvertrieben Meisner ein Priester und Bischof in der Diktatur der DDR geworden war, sind er und der „Speckpater“ sich häufig begegnet. Gemeinsam versuchten sie der verfolgten Kirche im Kommunismus und in vielen anderen Regionen der Welt zu helfen – so diskret wie möglich, aber so konkret wie nötig.

Als Mauer und Stacheldraht fielen, war Kardinal Meisner bereits Erzbischof von Köln. Über die Freude an der wiedergewonnenen Freiheit mischte sich die Sorge um Gottesvergessenheit, moralische Beliebigkeit und einen menschenvergessenen Materialismus. Diese Einsicht, zusammen mit der Sorge um die Neuevangelisierung Europas, war ein weiteres einigendes Band zwischen Kardinal Meisner, Papst Johannes Paul II. und dem Gründer unseres Werkes. Dieses Band übersteht den Tod. Als Pater Werenfried im Jahr 2003 starb, war es Kardinal Meisner, der unserem Werk wertvolle Impulse gab, um das Charisma des Ursprungs weiterzutragen.

So zelebrierte der Erzbischof in seiner Kölner Kathedrale Jahr für Jahr bis zu seiner Emeritierung 2014 einen Gedenkgottesdienst für den Gründer von „Kirche in Not“ und erinnerte die anwesenden Wohltäter in mitreißenden Predigten an das Erbe Pater Werenfrieds. In einer dieser Predigten sagte er: „Gottes Werkzeuge sind oft arm und verachtet. Kaum jemand kennt ihren Namen. Aber sie wirken große Dinge, wenn sie glauben. Wir sind mit der Gnade Gottes einem solchen Giganten des Reiches Gottes in Pater Werenfried auf die Spur gekommen.“ Nun dürfen wir auch von Kardinal Meisner sagen: Ein ganz Großer der Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus ist heimgekehrt in das Vaterhaus.

Ein gern gesehener, regelmäßiger Teilnehmer war Kardinal Meisner auch bei den Kongressen „Treffpunkt Weltkirche“, die „Kirche in Not“ seit 2004 veranstaltet. Seine klare Analyse der Zeichen der Zeit, seine unverkürzte, lehramtstreue Verkündigung und seine zugewandte, offene Art haben ihn dort wie auch bei anderen Gelegenheiten die Herzen vieler Menschen gewinnen lassen.

2016 war Kardinal Meisner zum letzten Mal bei „Kirche in Not“ zu Gast. Auf einem Begegnungstag in Köln sprach er über die Bedeutung der Marienerscheinungen von Fatima für den Fall der Mauer – auch dies ein Thema, dass ihn als ehemaligen Bischof des geteilten Berlin mit dem Papst aus Polen und dem „Speckpater“ aus den Niederlanden verband. Dass er jetzt im Fatima-Jahr verstorben ist, sei ihm persönliche Erfüllung der Verheißung, der er ein Leben lang geglaubt hat.

Joachim Kardinal Meisner hatte sich nach dem Tode unseres Gründers einen Kugelschreiber als „Erbstück“ erbeten. Mit ihm hatte er „Kirche in Not“ ins Stammbuch geschrieben: „Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. … Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung.“

Diesem Erbe wissen wir uns verpflichtet. Mit Joachim Kardinal Meisner haben wir einen großen irdischen Fürsprecher verloren, aber einen Fürsprecher im Himmel gewonnen. Wir werden seiner im Gebet und bei der Feier der heiligen Messe gedenken. Der „treue Knecht“ (vgl. Mt 25,23) möge teilhaben an der nie endenden Freude Seines Herrn!

(Quelle: KiN)

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner – Predigt im Fatima-Heiligtum in Zakopane / Polen am 13. August 2006

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Als die Muttergottes vor 89 Jahren ihren Fuß auf den äußersten Westrand Europas, auf Fatima in Portugal, gesetzt hat, da hatte sie dieses herrliche Stückchen Erde Zakopane im Südosten Mitteleuropas schon mit im Blick, sodass dann hier dieses herrliche Fatima-Heiligtum entstehen konnte. Hier im Fatima-Heiligtum von Zakopane sind Kultur und Natur, Gottesdienst und Schöpfungsherrlichkeit zu einer unvergleichlichen Symbiose zusammengewachsen. „Selig bist du, Zakopane, weil du geglaubt hast!“, dürfen wir hier sagen, wie Elisabeth in ihrem Hause zu Maria. Auch von hier aus wurde, wie von allen Fatima-Heiligtümern der Welt, dem Reich des Bösen Einhalt geboten. Die Fatima-Heiligtümer sind der Wüstenort, an dem die apokalyptische Frau mit ihrem Kind vor dem Drachen geflüchtet ist. Und gerade von hier aus wurde der Teufel, der alte Drache, besiegt. Wir sind berufen, in den Fatima-Heiligtümern bei Maria in die Schule zu gehen, um den Willen Gottes für unser Leben zu erlernen. Maria steht nicht haushoch über uns, sondern sie lebt geschwisterlich neben uns. Sie hilft uns, den Willen Gottes zu erkennen und zu befolgen. Denn wir haben – wie Maria – nur ein einziges Leben. Darum gibt es Leben, Liebe und Glaube nicht auf Probe, sondern hier ist sofort Ernstfall. Im Vollzug unseres Lebens gibt es keine verantwortungsfreie Zeit der Fahrschule wie im Verkehrswesen, sondern hier fängt man gleich als vollverantwortlicher Verkehrsteilnehmer an. Hier dürfen wir uns keine Fehlstarts leisten. Maria war zwar ohne Erbsünde, aber sonst hatte sie ein ganz normales menschliches Leben zu bewältigen wie wir auch.

2. Immer wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitwelt, die Mitmenschen, die Angehörigen und die Familie freuen sich, dass ein neuer Mensch zur Welt gekommen ist. Und am Ende unseres Lebens sollte es genau umgekehrt sein: Dann sollte der sich freuen dürfen, der nun zum himmlischen Vater nach Hause gehen darf, und unsere Angehörigen, unsere Mitmenschen, sollten ein wenig weinen dürfen, weil wir ihnen dann fehlen werden. Im Leben der Gottesmutter Maria war es jedenfalls so. Wer einmal vor dem unvergleichlich schönen Marienaltar in der Marienkirche auf dem Marktplatz in Krakau gestanden ist, der wird den Anblick der Mutter Christi nicht mehr vergessen können, die sterbend mit einem österlichen Lächeln auf dem Antlitz in die Arme der weinenden Apostel sinkt. Und wenn wir fragen: „Warum war das denn so stimmig im Leben der Muttergottes?“, dann müssen wir darauf antworten: „Weil sie dort nicht fehlte, wo sie nötig war!“.

3. Maria fehlte nicht in der Kammer von Nazareth, am Ort schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung vor dem lebendigen Gott. Immer sind die Engel Gottes mit den Ratschlüssen Gottes unterwegs, um uns den Willen Gottes erkennen zu lassen. Aber wir sind nicht im Haus. Wir sind außerhalb von uns selbst. Deshalb werden die Engel Gottes die Ratschlüsse Gottes für uns nicht los. Es ist gar nicht auszudenken, wenn Maria damals nicht in der Kammer von Nazareth gegenwärtig gewesen wäre. Dann wäre der Engel mit der Botschaft Gottes umsonst gekommen, dann hätte es keine Menschwerdung Gottes und keine Erlösung gegeben, dann wäre alles bei der alten Sünde geblieben. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war: gegenwärtig vor dem Angesichte Gottes und verfügbar für den Willen Gottes. Sie fehlte dort nicht, wo sie nötig war. Und hier sind wir berufen, ihr geschwisterlich ähnlich zu werden. Auch in unserem Leben muss es das Haus von Nazareth geben, den Ort unserer Gegenwart vor dem Angesichte des lebendigen Gottes, den Raum schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung. Auch heute noch sind die Engel Gottes permanent unterwegs, um uns ihre Botschaften zu überbringen. Aber sie sind dabei oft erfolglos, weil wir zuweilen dort fehlen, wo wir nötig sind, weil wir nicht zu Hause sind. Darum ist ja die Welt oft so ratlos im privaten wie im öffentlichen Leben, in den Familien wie in der Gesellschaft. Maria konnte sich bei den Kindern von Fatima bemerkbar machen, weil sie gegenwärtig waren: im Raum der Verfügbarkeit vor dem Angesichte des lebendigen Gottes. Die seligen Kinder von Fatima sind uns dazu eine liebevolle Einladung.

4. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria: im Lebensraum mitten unter den Menschen. Dafür steht im Neuen Testament der Hochzeitssaal der Brautleute von Kana in Galiläa. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte! Denn dann hätte es von einem bestimmten Zeitpunkt an bei dieser Hochzeit keinen Wein mehr gegeben, sondern höchstens Saft. Und mit Saft kann man keine Hochzeiten feiern. Maria aber war dabei, und zwar mit ihren guten Augen. Mit ihnen entdeckte sie schon den Mangel hinter der glänzenden Fassade einer Hochzeitsgesellschaft, bevor es der Öffentlichkeit bekannt wurde. Und dann ging sie zu den Personen, bei denen Abhilfe zu erhoffen war. Sie ging mit der bittenden Feststellung zu ihrem Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und sie wandte sich an die Tischdiener und sagte ihnen: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Dann ließ der Herr aus dem Mangel die Fülle werden, aus der mangelnden Qualität die höchste Qualität, sodass der Speisemeister den Brautleuten den Vorwurf machte: „Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten“ (Joh 2,10). Christus ist der Mensch der Fülle. Die 6 steinernen Wasserkrüge, die voll des besten Weines waren, konnte niemand mehr austrinken. So wie bei der wunderbaren Brotvermehrung mit 5 Broten Fünftausend satt wurden und die übrigen Stücke noch in 12 Körben eingesammelt werden mussten, weil sie niemand mehr aufessen konnte. Christus ist kein Hungerkünstler der Liebe, sondern der Mensch der Fülle Gottes. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war, eben bei den armen Brautleuten von Kana in Galiläa. Das gilt aber auch für uns, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind: mitten unter den Menschen mit den guten Augen Mariens, die hinter den glänzenden Fassaden den Mangel, die Hilflosigkeit und ihre Not in den Blick bekommen. Dann heißt es auch für uns, dorthin zu gehen, wo die Möglichkeiten der Abhilfe gegeben sind. Da ist zunächst immer der Herr, zu dem Maria ging und sagte: „Sie haben keinen Wein mehr“. Zu ihm gehen wir in unseren Gebeten, in denen wir dem Herrn sagen, was unseren Mitmenschen und vielleicht auch uns selbst fehlt. Dann sollten wir – ebenfalls wie Maria – zu Mitmenschen gehen, die der Herr für seine Hilfsaktionen mit einbeziehen möchte. „Was er euch sagt, das tut!“. Dass wir auch dort nicht fehlen – wie Maria – wo wir nötig sind: im Lebensraum mitten unter den Menschen.

5. Und dass wir schließlich auch dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria – im pfingstlichen Abendmahlssaal zu Jerusalem, d.h. inmitten der Kirche Gottes. Nach der Himmelfahrt des Herrn hatten sich die Apostel aus Angst vor den Juden und den Hohenpriestern versteckt. Maria sammelt nun die Zerstreuten aus ihren Verstecken und führt sie zusammen unter das gleiche Dach, an den gleichen Tisch und in den gleichen Raum, nämlich in den Abendmahlssaal zu Jerusalem. Hier leitet sie mit den versammelten Jüngern die erste Pfingstnovene, an deren Ende dann das Kommen des Heiligen Geistes geschenkt wird und damit die Geburtsstunde der Kirche schlägt. Die Kirche nennt den Teufel den „Diabolos“, den „Durcheinanderwerfer“, der das Gesammelte zerstreut und das Vereinte auseinanderreißt. Maria aber ist die große Gegenkraft: Sie steht gegen den Diabolos als „Sammlerin“, d.h. als „Zusammenfügerin“, als diejenige, die das Zerstreute sammelt und das Auseinandergerissene wieder zusammenfügt. Sie bringt die Apostel zusammen, sodass der Urgemeinde dann der Heilige Geiste geschenkt werden kann. Der Kirche wird damit die Seele eingehaucht. Ein Glück, dass Maria damals nicht fehlte, wo sie nötig war! Und das ist auch für jeden von uns wichtig. Jeder lebt in einer Pfarrgemeinde. Und da gibt es auch Kräfte, die das Gesammelte zerstreuen, und Mächte, die das Zusammengefügte auseinanderreißen möchten. Dann sind wir aufgerufen, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind. Wir sind aufgerufen, unseren Schwestern und Brüdern, die nicht mehr am Leben unserer Pfarrgemeinden teilnehmen, die an den Rand geraten sind, nachzugehen – wie Maria den Aposteln –, sie zu suchen, sie zu sammeln, sie zusammenzuführen und mit ihnen zu beten, damit uns der Heilige Geist geschenkt werde. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: im Lebensraum unserer Pfarrgemeinden, unserer Ordenskonvente, unserer Kirche.

6. Wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitmenschen freuen sich, dass ein Mensch geboren worden ist. Das liegt bei uns mehr oder weniger weit zurück. Aber das andere Geschehen, nämlich dass wir uns dann freuen dürfen, aber unsere Mitmenschen, die wir verlassen, dann ein wenig weinen sollten, das liegt noch vor uns. Wie weit, das weiß niemand von uns. Das müssen wir auch gar nicht wissen, wenn wir nur jetzt dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: in der Kammer von Nazareth, d.h. im Lebensraum vor Gottes Angesicht in schweigender Anbetung und glühender Verfügbarkeit, im Hochzeitssaal von Kana in Galiläa, d.h. im Lebensraum mitten unter den Menschen, um ihre Not zu erkennen und um uns ihrer anzunehmen, und schließlich im Abendmahlssaal von Jerusalem, d.h. mitten im Leben unserer Pfarrgemeinden, dass wir dort mithelfen, das Zerstreute zu sammeln und das Auseinandergerissene zusammenzufügen. Dann dürfen wir wie Maria auf dem Marienaltar in der Marienkirche von Krakau heimgehen und mit dem österlichen Lächeln auf dem Angesicht in die Arme unserer weinenden Angehörigen sinken. Maria lächelt, die anderen weinen. Wir werden lächeln, die anderen werden weinen. Warum? – Weil sie und wir dort nie fehlten, wo sie und wir nötig waren. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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