Opus Dei: Brief des Prälaten (Juli 2016)

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„Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude“, sagt Bischof Echevarria in seinem Brief, indem er einen Ausdruck des Heiligen Vaters wiederholt. Und er lädt uns dazu ein, dass geistige Werk der Barmherzigkeit „die Trauernden zu trösten“ in die Tat umzusetzen.

Ihr Lieben: Jesus möge meine Töchter und Söhne beschützen!

Im Laufe dieser Monate bemühen wir uns, die Werke der Barmherzigkeit in die Mitte unseres Lebens zu stellen. Wir wollen heute eins dieser Werke betrachten, auf das sich Jesus Christus ausdrücklich bezieht, wenn er den christlichen Weg der Seligpreisungen beschreibt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“[1]

Es handelt sich um ein Werk der Barmherzigkeit, das – wie die Vergebung von Beleidigungen – uns Gott ähnlicher macht, uns ihn nachahmen lässt. Schon im Alten Testament hatte Gott angekündigt: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“[2] Beim letzten Abendmahl verspricht Jesus diesen Trost auf vollkommene Weise, indem er den Heiligen Geist verspricht, die göttliche Person, der als personifizierte Liebe die Aufgabe zukommt, die Christen in ihren Schmerzen zu trösten und die Bedrückten in allen Schwierigkeiten zu stärken.

Meine Kinder, wenn wir uns die Lage der Welt vor Augen führen, stellen wir fest, dass viele Menschen weinen und leiden. Die vom Krieg ausgelösten Dramen verursachen große Katastrophen, die uns nicht gleichgültig lassen können; das Aufkommen der Migranten und himmelschreiende Ungerechtigkeiten verursachen viele Tränen. Ich denke besonders an jene, die leiden, weil sie ihren Glauben unter Einsatz ihres Lebens verteidigen.

Wenn ich Eure Briefe lese oder mich mit Euch unterhalte, teile ich von ganzem Herzen Eure Freuden und auch Eure Leiden und Schmerzen. Wie viele Familien leiden sehr, weil ein Familienmitglied sich von Gott entfernt hat oder weil sie einen Kranken leiden sehen und seine Schmerzen nicht lindern können. Wir leben mitten in der Welt und daher ist es nur logisch, dass die heutigen Dramen – die Geißel der Drogen, die Krise der Familie, die Kälte des Individualismus, die Wirtschaftskrise – uns ganz unmittelbar berühren.

Angesichts dieser Wirklichkeit dürfen wir nicht traurig werden. Wir können sicher sein: Wenn wir mit dem Herzen Jesu vereint bleiben, werden wir getröstet, nicht erst im ewigen Leben. Schon hier auf der Erde bietet uns der Herr den Trost durch seine Nähe. Wie ein liebevoller Vater lässt er uns niemals alleine. Wie uns immer der hl. Josefmaria gelehrt hat, liegt die Wurzel der übernatürlichen Freude der Christen im Bewusstsein unserer Gotteskindschaft. „Die Sicherheit der Kinder Gottes zu wissen, dass wir nie alleine sind, weil er immer bei uns ist, schenkt mir ungeheuren Trost. Rührt Euch nicht diese zärtliche Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die ihre Geschöpfe niemals im Stich lässt?“[3]

In den ersten Zeiten des Christentums war das Beispiel unserer Vorfahren, der ersten getauften Gläubigen, einer der Gründe für die Bekehrung der heidnischen Welt. Sie verloren nicht die übernatürliche Freude angesichts der Strafen und Verfolgungen, die sie aus Liebe zu Christus erlitten. In der Apostelgeschichte wird ausdrücklich erzählt, wie die Apostel, nachdem sie wegen der Verkündigung des Evangeliums ausgepeitscht worden waren, „vom Hohen Rat weggingen und sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“[4].

Auch heute muss die übernatürliche und menschliche Freude derer, die Christus nachfolgen, selbst inmitten der größten Widerwärtigkeiten, wie ein Magnet sein, der jene anzuziehen vermag, die in Traurigkeit oder Verzweiflung eingetaucht leben, weil sie nicht wissen, wie sehr sie Gott liebt. „Der Christ lebt in der Freude und im Staunen über die Auferstehung Jesu Christi. Wie wir im ersten Brief des heiligen Petrus lesen (1, 3-9), kann niemand uns die Freude darüber, was Gott in uns gewirkt hat, nehmen, auch wenn wir durch Prüfungen bedrängt werden … Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude: die Freude des Evangeliums, die Freude, durch Jesus erwählt zu sein, durch Jesus gerettet zu sein, durch Jesus erneuert zu sein. Die Freude, aus der Hoffnung, dass Jesus uns erwartet, die Freude – selbst in den Kreuzen und in den Leiden dieses Lebens –, die sich auf andere Weise ausdrückt: sie ist der Frieden aus der Sicherheit, dass Jesus uns begleitet, dass er an unserer Seite ist. Im Chris­ten wächst diese Freude mit dem Vertrauen auf Gott.“[5]

Auf der Grundlage der göttlichen Tugenden des Glaubens und der Hoffnung versteht man die Sicherheit, mit der unser Vater zum Ausdruck brachte, dass „die Freude ein christliches Gut ist, das wir solange besitzen, wie wir kämpfen, denn sie ist Frucht des Friedens …“[6] und „hat ihre Wurzeln in Kreuzform“[7].

Ein Christ, der sich als Kind Gottes weiß, dürfte sich nicht von Traurigkeit einschüchtern lassen. Er kann zwar an Leib und Seele leiden. Aber selbst dann verleiht ihm das in ihm durch das Handeln des Heiligen Geistes hervorgerufene Bewusstsein seiner Gotteskindschaft neue Kräfte, um semper in laetitia! voranzukommen. Der hl. Josefmaria erteilte den folgenden Ratschlag: „Solange wir beharrlich kämpfen, schreiten wir auf unserem Weg fort, und wir heiligen uns. Die Heiligen mussten ausnahmslos hart kämpfen. Unsere Fehler dürfen uns nicht in Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fallen lassen. Denn die Traurigkeit kann vom Stolz oder von der Müdigkeit verursacht werden. In beiden Fällen findet jedoch derjenige, der sich an den Guten Hirten wendet und mit Klarheit redet, das passende Heilmittel. Es gibt immer eine Lösung, selbst wenn jemand eine überaus schwere Verfehlung begangen hätte![8]

Das sichere Mittel, um die Traurigkeit zu meiden oder um sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, besteht darin, vor dem Tabernakel Jesus das Herz zu öffnen, und ebenso demjenigen, der als Jesu Werkzeug auf den unwegsamen Wegen des geistlichen Lebens Orientierung bietet. Wir sollen uns den Ratschlag des hl. Josefmaria stets vor Augen führen und ihn in die Tat umsetzen: „Erhebt das Herz zu Gott, wenn sich der harte Augenblick des Tages einstellt, wenn sich die Traurigkeit in unser Herz einschleichen will, wenn wir die Last der Arbeit spüren. Dann sollen wir sagen: miserere mei Domine, quoniam ad te clamavi tota die: laetifica animam servi tui, quoniam ad te Domine anima meam levavi (Psalm 86 (85) 3–4): Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr! Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; denn ich erhebe meine Seele zu dir.[9]

Was für eine wunderbare Arbeit verrichten die Christen, wenn sie Menschen trösten, die sich wegen einer kleinen oder großen Widrigkeit, die ihnen den Frieden raubt, quälen! Über die Gebete hinaus, die sie für sie sprechen, tut es not, eine herzliche Annahme zu fördern. Denn viele Menschen suchen lediglich jemanden, der ihnen geduldig zuhört, wenn sie von ihrem Leiden erzählen. Wie vielen traurigen Gesichtern begegnen wir auf unserem irdischen Weg, weil niemand diese Menschen gelehrt hat, sich dem Herrn zu überlassen! Mit wie viel brüderlichem Trost sollen wir sie annehmen! „Wie viele Tränen werden vergossen in jedem Augenblick in der Welt – eine verschieden von der anderen –, und zusammen bilden sie gleichsam einen Ozean der Trübsal, der nach Erbarmen, Mitleid und Tröstung ruft. Die bittersten sind die, welche von der menschlichen Bosheit verursacht werden: die Tränen dessen, dem ein geliebter Mensch gewaltsam entrissen wurde; Tränen von Großeltern, von Müttern und Vätern, von Kindern (…). Wir brauchen Barmherzigkeit, wir brauchen den Trost, der vom Herrn kommt. Wir alle brauchen ihn; das ist unsere Armut, aber auch unsere Größe: den Trost Gottes zu erflehen, der mit seiner zärtlichen Liebe kommt, um die Tränen von unserem Gesicht abzuwischen“[10]

So verfuhr der Herr in seinem Leben inmitten der Menschen. Von seiner Barmherzigkeit bewegt, hielt er auf seinem Weg, um die Witwe von Naim zu trösten, die den Tod ihres einzigen Sohnes beweinte. Auf dieselbe Art und Weise verhielt er sich gegenüber Marta und Maria in Bethanien, die wegen des Tods ihres Bruders Lazarus betrübt waren. Ebenfalls weinte er über das Schicksal, das die Stadt Jerusalem ereilen sollte.[11] Zu Beginn seiner Passion litt er am Ölberg so sehr, dass er Blut schwitzte und zuließ, das ein Engel – eine Kreatur – ihm Trost spendete (vgl. Lk 22, 39-46). Kann es einen größeren Beweis für sein Menschsein geben, als dass er den Trost zulässt, die Kraft, die uns jemand anderes gibt, um unsere Niedergeschlagenheit, unsere Schwäche, unsere Verzagtheit zu überwinden?[12]

Wir wollen den Schritten Jesu folgen und diejenigen trösten, die des Trostes bedürfen. Dies gehört zum innersten Kern der christlichen Geisteshaltung. Mit folgendem, später von vielen Generationen wiederholtem Gebet wandte sich Franz von Assisi an den Herrn: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen. Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen. Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen. Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen. Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen. Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen. Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen. Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen“[13].

Am 22. des Monats werden wir Maria Magdalena gedenken. Vor wenigen Tagen hat der Papst ihren liturgischen Gedenktag zum Fest erhoben. Ihre Tränen aus Reue haben sämtliche Verfehlungen ihres vergangenen Lebens gelöscht. Sie erlaubten ihr, sich später dem Herrn in seinem Leiden anzuschließen wie sonst keine andere der heiligen Frauen – selbstverständlich mit Ausnahme der Gottesmutter. Wenden wir uns an die Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, in allen unseren Nöten. Sie ist Trösterin der Betrübten, Zuflucht der Sünder, Hilfe der Christen. Sie hört nicht auf, uns zu beschützen. „Mutter! – Rufe es laut, laut. – Sie hört dich, sieht dich vielleicht bedroht, und sie – deine heilige Mutter – bietet dir mit der Gnade ihres Sohnes ihre mütterliche Hilfe, ihre liebende Zärtlichkeit an: dann bist du gestärkt zu neuem Kampfe“[14].

Beten wir weiter für den Papst und seine Anliegen. Wir wollen ihn auf seiner apostolischen Reise nach Polen aus Anlass des Weltjugendtages in Krakau geistlich begleiten.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Aix-en-Provence


[1]Mt 5.4

[2]Is 66, 13

[3]Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, 143

[4]Apg 5, 41

[5]Papst Franziskus, Homilie in Santa Marta, 23.5. 2016

[6]Im Feuer der Schmiede, 105

[7]Im Feuer der Schmiede, 28

[8]Hl. Josefmaria, Brief 28.3.1955, Nr. 25.

[9]Hl. Josefmaria, Brief 9.1.1932, Nr. 15.

[10]Papst Franziskus, Gebetswache „um die Tränen zu trocknen“, 5.5.2016.

[11]Vgl. Lk 7, 11-13; Joh 11, 17 ff.; Lk 19, 41-44.

[12]Hl. Josefmaria, Brief 29.9.1957, Nr. 34.

[13]Dem hl. Franz von Assisi zugeschriebenes Friedensgebet.

[14]Hl. Josefmaria, Der Weg, 516.

„Sauerteig für eine gerechtere und solidarische Gesellschaft“

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Außerordentliche Generalaudienz, 30. Juni 2016

Zusammenfassung der außerordentlichen
Generalaudienz von Donnerstag, dem 30. Juni 2016

In seiner Katechese während der heutigen Sonderaudienz im Rahmen des Jubiläumsjahres erinnerte Papst Franziskus daran, dass die Barmherzigkeit kein abstraktes Wort, sondern einen Lebensstil bezeichne. Alle seien heute zu einer Gewissenprüfung aufgefordert. Jedem werde besondere Aufmerksamkeit abverlangt, das Leiden und die Not des Nächsten zu bemerken. Heuchelei und Gleichgültigkeit hingegen ließen die Seele unempfindlich und das Leben steril werden. Die barmherzigen Werke bezeichnete der Papst als konkrete Zeugnisse des Glaubens. Im Angesicht des materiellen oder spirituellen Leids sei jeder aufgerufen, die Not zu erleichtern. In unserer globalisierten Welt sei Phantasie erforderlich, um für die vielfältigen Probleme eine Lösung zu finden. Im Leid und in der Not unserer Mitmenschen sei Jesus.

Papst Franziskus erinnerte während der Audienz an seine Reise nach Armenien und sprach nochmals seinen Dank aus. Er kündigte bereits seine beiden nächsten Reisen in den Kaukasus an, nach Georgien und nach Aserbaidschan. Beide Länder hätten antike christliche Wurzeln, die mit der Reise gewürdigt werden sollten, so Papst Franziskus. Beide Reisen stünden außerdem im Zeichen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Als Christen sei wir aufgerufen, unser brüderliches Bündnis zu stärken.

Papst Franziskus ermutigte abschließend die jungen Menschen, dem Glauben Raum in ihrem Leben zu geben, die Kranken, mit ihrem Leid den anderen die Möglichkeit zu geben, der Liebe Jesu zu begegnen, und die Jungverheirateten, Erzieher und Glaubensbeispiele für ihre Kinder zu sein.

Die heutige Audienz war die letzte Sonderaudienz vor der Sommerpause. Im Juli werden auch die Generalaudienzen am Mittwoch entfallen.

Wir übernehmen im Folgenden die offizielle deutsche Zusammenfassung der Katechese.  Der Volltext ist hier in einer eigenen Übersetzung abrufbar.

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Liebe Brüder und Schwestern,

man kann viel über Barmherzigkeit sprechen; wichtiger ist es, die Barmherzigkeit zu leben. In Anlehnung an ein Wort aus dem Jakobusbrief (vgl. 2,17) können wir sagen: Die Barmherzigkeit für sich allein ist tot, wenn sie nicht Werke vorzuweisen hat. Was die Barmherzigkeit lebendig macht, ist die fortwährende Dynamik des Zugehens auf die Menschen, die sich in geistlicher oder materieller Not befinden. Die Barmherzigkeit hat Augen, um hinzusehen; Ohren, um zuzuhören; Hände, um wieder aufzurichten. Der Alltag gibt uns vielfältige Gelegenheiten, die Bedürfnisse der Armen und Leid Tragenden mit Händen zu greifen. Es bedarf der Aufmerksamkeit unsererseits, um zu erkennen, was den Mitmenschen Not tut. Wer im eigenen Leben die Barmherzigkeit des Vaters erfahren hat, kann nicht gefühllos gegenüber den Nöten der Geschwister sein. In unserer globalisierten Welt gibt es viele Formen materieller und spiritueller Not, die uns einladen, nach neuen Weisen der Hilfe zu suchen.

Der Heilige Vater hat zudem über seine Reise nach Armenien gesprochen. Papst Franziskus dankt den Verantwortlichen und dem ganzen armenischen Volk für die Gastfreundschaft, mit der er als Bruder im Glauben und Pilger des Friedens empfangen wurde. Armenien ist das erste Volk, welches im vierten Jahrhundert das Christentum als Religion angenommen hat; und diesen Glauben hat es im Laufe seiner Geschichte immer wieder mit dem Martyrium bezeugt. Der Besuch des Heiligen Vaters will ein Zeichen sein – genauso wie seine geplante Reise nach Georgien und Aserbaidschan im September –, die Gemeinschaft unter den Christen zu stärken, damit sie im Zeugnis für Christus Sauerteig für eine gerechtere und solidarische Gesellschaft sind. Dies geschehe in einem Geist des Dialogs mit den anderen Kulturen und Religionen, um Hoffnung zu stiften und neue Wege des Friedens zu eröffnen.

[Für die deutschsprachigen Pilger wurden folgende Grußworte auf Italienisch verlesen:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Die Sommerzeit gibt vielen von euch eine Gelegenheit des Urlaubs und der Erholung. Vergessen wir nicht in dieser Zeit unsere menschlichen Beziehungen zu pflegen und die Barmherzigkeit zu leben. Damit erfahren auch wir Momente der Stärkung und der Ermunterung. Der Heilige Geist begleite euch auf euren Wegen!

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle

Weltweite Spendenkampagne nach Aufruf von Papst Franziskus

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„Mit ,Kirche in Not‘ Werke der Barmherzigkeit tun“

Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hat eine Kampagne gestartet, um Menschen auf der ganzen Welt zu Taten der Barmherzigkeit anzuspornen. Unter dem Leitwort „Be God‘s Mercy“ („Sei Gottes Barmherzigkeit“) ruft das Hilfswerk zu Solidarität mit notleidenden Christen auf. Die Kampagne läuft bis 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franziskus. Am Namenstag des Papstes sollen ihm erste Ergebnisse präsentiert werden.

Auslöser für die Kampagne war eine Videobotschaft von Franziskus. Dieser hatte beim Besuch einer Delegation von „Kirche in Not“ die Arbeit des Hilfswerks gewürdigt. Ausdrücklich erteilte er den Auftrag, das Werk des Gründers von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, fortzusetzen, „der zu seiner Zeit die Vision hatte, auf der ganzen Welt diese Zeichen der Nähe, der Annäherung, der Güte, der Liebe und der Barmherzigkeit zu setzen“. Alle Gläubigen lud der Papst ein, „mit ,Kirche in Not‘ auf der ganzen Welt Werke der Barmherzigkeit zu tun, und zwar bleibende Werke der Barmherzigkeit.“ Auch zum Auftakt der Kampagne gewährte der Papst Verantwortlichen des Hilfswerks eine Audienz. „Ich danke Ihnen für das, was Sie tun! Diese Kampagne muss auch in Zukunft weitergehen, damit die Barmherzigkeit die Welt verändert“, sagte Franziskus.

Bei einer Pressekonferenz am Sitz von Radio Vatikan erläuterte der Präsident der päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, Mauro Kardinal Piacenza, die Worte des Papstes seien eine „Enthusiasmus-Spritze“ für die Arbeit des Hilfswerks. Es ist mittlerweile in über 140 Ländern weltweit tätig. „,Kirche in Not‘ muss immer bereit sein, dort einzugreifen, wo die Kirche leidet“, sagte Piacenza. Auch gelte es, „das pastorale Profil“ des Hilfswerks nicht zu vergessen. Denn diese geistliche Ausrichtung verbinde, „die Menschen, die Hilfe bekommen, mit denen, die Hilfe geben“.

Der Generalsekretär von „Kirche in Not“, Philipp Ozores, berichtete, der Papst habe ihm bei der Audienz erzählt, dass er selbst die Unterstützung des Hilfswerks erfahren habe: während seines Promotionsstudiums und in seiner Arbeit als Erzbischof von Buenos Aires. „Die Ermutigung von Papst Franziskus gibt uns Rückenwind, Menschen auf der ganzen Welt zu motivieren, Werke der Barmherzigkeit zu tun.“

Die Kampagne ziele in vier Richtungen: den „Ruf zur Barmherzigkeit“ so vieler Menschen weltweit zu hören und ihre Nöte zu stillen, „Orte der Barmherzigkeit“ zu schaffen, zum Beispiel Krankenhäuser, Rehabilitationszentren, Wohnungen und vor allem Kirchen und Kapellen; „Apostel der Barmherzigkeit“, also Priester, Ordensleute, Laienmitarbeiter, in ihrem Dienst zu unterstützen und schließlich „Früchte der Barmherzigkeit“ aufzuzeigen, zum Beispiel die Versöhnungsarbeit der Kirche in Krisengebieten.

Papst Franziskus selbst ist der erste Spender der Kampagne. Kürzlich vertraute er einer Delegation von „Kirche in Not“ eine Spende für die irakischen Christen an. Sie kommt dem Unterhalt der St.-Josef-Klinik im Flüchtlingslager Erbil zugute. Dort werden 3000 Flüchtlinge kostenlos versorgt. Es ist eines der über 6000 Projekte, die „Kirche in Not“ pro Jahr unterstützt und dem die Spenden aus der Barmherzigkeitskampagne zufließen werden.

Ein weiteres Projekt, das auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, hilft der christlichen Minderheit in Pakistan. Im März 2015 wurden zwei Kirchen in der Hauptstadt Lahore durch islamistische Anschläge zerstört. „Kirche in Not“ hilft beim Wiederaufbau. Außerdem fördert es den Neubau des Priesterseminars der Diözese. Der Erzbischof von Lahore, Sebastian Francis Shaw, betonte: „,Kirche in Not‘ ist ein herausragendes Beispiel der Barmherzigkeit.“ Besonders schätze er die unmittelbare und effiziente Hilfe. „Wir tragen die Wohltäter von ,Kirche in Not‘ immer in unseren Herzen, auch wenn wir tausende Kilometer getrennt sind.“

Das Video mit der Botschaft des Papstes finden Sie unter www.kirche-in-not.de/werke-der-barmherzigkeit.

Um weiterhin Hunger und Durst der Menschen nach Zuwendung und Barmherzigkeit stillen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden –   online unter www.spendenhut.de oder an folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Barmherzigkeit

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Quelle

Niemals die Augen schließen vor der Behinderung

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Eucharistiefeier auf dem Petersplatz
anlässlich des Jubiläums der Kranken

Homilie von Papst Franziskus am 12. Juni

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat am Sonntag, 12. Juni, eine fortwährende Diskriminierung von Menschen mit Behinderung angeprangert und ihre Inklusion gefordert. Zu der Messe anlässlich des Heiligen Jahres waren über 20.000 Menschen mit Behinderung sowie Kranke auf den Petersplatz gekommen. Unter den Behinderten befanden sich Tausende Down-Syndrom-Träger mit ihren Betreuern. Die Feier war der Höhepunkt eines mehrtägigen Events in der Ewigen Stadt. Oft herrsche die Einstellung, die Betroffenen seien im »vergoldeten Gehege« oder in »Reservaten der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates« besser aufgehoben, weil sie dort den »Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens« nicht störten, so der Papst. Im Folgenden seine Predigt im Wortlaut:

»Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,19-20). Der Apostel Paulus gebraucht sehr starke Worte, um das Geheimnis des christlichen Lebens auszudrücken: Alles ist in der österlichen Dynamik von Tod und Auferstehung zusammengefasst, die man in der Taufe empfangen hat. Mit dem Eintauchen ins Wasser ist nämlich jeder mit Christus gleichsam gestorben und begraben (vgl. Röm 6,3-4), während er, wenn er wieder daraus auftaucht, das neue Leben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt. Dieser Zustand der Wiedergeburt bezieht das gesamte Leben in all seinen Aspekten ein: Auch Krankheit, Leiden und Tod sind in Christus eingefügt und finden in ihm ihren letzten Sinn. Heute, an dem Tag, der dem Jubiläum derer gewidmet ist, welche die Zeichen der Krankheit und der Behinderung tragen, hat dieses Wort des Lebens in unserer Versammlung eine besondere Resonanz.

In Wirklichkeit sind wir alle früher oder später aufgerufen, uns mit unseren Gebrechlichkeiten und Krankheiten sowie mit denen anderer auseinanderzusetzen, manchmal sogar mit ihnen zu »kollidieren«. Und wie viele verschiedene Gesichter nehmen diese so typisch und dramatisch menschlichen Erfahrungen an! In jedem Fall stellen sie in zugespitzter und drängenderer Weise die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es kann sich auch eine zynische Einstellung in unsere Seele einschleichen, als könne alles gelöst werden, indem man es geduldig erträgt oder indem man sich allein auf die eigenen Kräfte verlässt. Im Gegensatz dazu setzt man andere Male sein ganzes Vertrauen auf die Entdeckungen der Wissenschaft und denkt, dass es sicher irgendwo auf der Welt eine Medizin gibt, die imstande ist, die Krankheit zu heilen. Leider ist es nicht so, und selbst wenn es diese Medizin gäbe, wäre sie nur ganz wenigen Menschen zugänglich.

Die von der Sünde verletzte menschliche Natur trägt die Wirklichkeit der Einschränkung in sich eingeschrieben. Wir kennen den Einwand, der vor allem in diesen Zeiten angesichts eines durch starke physische Einschränkungen gezeichneten Lebens erhoben wird. Man meint, ein kranker oder behinderter Mensch könne nicht glücklich sein, weil er nicht imstande ist, den von der Genuss- und Unterhaltungskultur aufoktroyierten Lebensstil zu verwirklichen. In der Zeit, in der eine gewisse Pflege des Körpers zum Massenmythos und daher zum Geschäft geworden ist, muss das, was unvollkommen ist, verschleiert werden, weil es das Glück und die Unbeschwertheit der Privilegierten gefährdet und das herrschende Modell in Schwierigkeiten bringt. Diese Menschen hält man besser im Abseits; man versteckt sie in irgendeinem – vielleicht vergoldeten – »Gehege« oder in den »Reservaten« der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates, damit sie den Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens nicht stören. In einigen Fällen wird sogar die Meinung vertreten, es sei besser, sich baldmöglichst von ihnen zu befreien, weil sie in einer Krisenzeit zu einer unhaltbaren wirtschaftlichen Last werden. Doch in welcher Selbsttäuschung lebt in Wirklichkeit der Mensch von heute, wenn er vor Krankheit und Behinderung die Augen schließt! Er versteht nicht den wahren Sinn des Lebens, der auch die Annahme von Leid und Begrenzung verlangt. Die Welt wird nicht besser, wenn sie nur aus augenscheinlich »perfekten« – um nicht zu sagen perfekt aufgemachten – Menschen besteht, sondern wenn die Solidarität unter den Menschen, die gegenseitige Annahme und die Achtung zunehmen. Wie wahr sind die Worte des Apostels Paulus: »Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen« (1 Kor 1,27)!

Auch das Evangelium von diesem Sonntag (vgl. Lk 7,36-8.3) verweist auf eine besondere Situation der Schwäche. Die Sünderin wird verurteilt und ausgegrenzt, während Jesus sie annimmt und verteidigt: »Sie hat viel Liebe gezeigt« (vgl. V. 47). Das ist die Schlussfolgerung Jesu, der auf das Leiden und die Tränen dieser Frau achtet. Seine Zärtlichkeit ist ein Zeichen der Liebe, die Gott denen vorbehält, die leiden und ausgeschlossen sind. Es gibt nicht nur das physische Leiden; heute ist eine der häufigsten Pathologien auch jene, die den Geist ergreift. Es ist ein Leiden, welches das Gemüt einbezieht und es traurig stimmt, weil ihm die Liebe fehlt. Die Pathologie der Traurigkeit. Wenn man in den wichtigen Beziehungen enttäuscht oder verraten wird, dann entdeckt man, dass man verwundbar, schwach und wehrlos ist. Dann wird die Versuchung, sich in sich selbst zu verschließen, sehr stark, und man läuft Gefahr, die Gelegenheit des Lebens zu verpassen: trotz allem zu lieben – trotz allem zu lieben!

Das Glück, das jeder sich wünscht, kann im Übrigen in vielen Formen seinen Ausdruck finden und kann nur erreicht werden, wenn wir fähig sind zu lieben. Das ist der Weg. Es ist immer eine Frage der Liebe; einen anderen Weg gibt es nicht. Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben. Wie viele behinderte und leidende Menschen öffnen sich wieder dem Leben, sobald sie entdecken, dass sie geliebt werden! Und wie viel Liebe kann aus einem Herzen entspringen, auch nur für ein Lächeln! Die Therapie des Lächelns. Dann kann uns die Gebrechlichkeit selbst zum Trost und zur Stütze werden in unserer Einsamkeit. Jesus hat uns in seinem Leiden bis zur Vollendung geliebt (vgl. Joh 13,1); am Kreuz hat er die Liebe offenbart, die sich rückhaltlos verschenkt. Was könnten wir Gott vorwerfen wegen unserer Krankheiten und Leiden, das nicht bereits in das Antlitz seines gekreuzigten Sohnes eingeprägt ist? Zu seinem körperlichen Schmerz gesellen sich die Verspottung, die Ausgrenzung und die herablassende Bemitleidung, während er mit der Barmherzigkeit antwortet, die alle annimmt und ihnen vergibt: »Durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes 53,5; 1 Petr 2,24). Jesus ist der Arzt, der mit der Arznei der Liebe heilt, denn er nimmt unser Leiden auf sich und erlöst es. Wir wissen, dass Gott unsere Krankheiten verstehen kann, denn er selbst hat sie persönlich erlebt (vgl. Hebr 4,15).

Die Weise, wie wir die Krankheit und die Behinderung leben, ist ein Anzeichen für die Liebe, die zu geben wir bereit sind. Die Weise, wie wir uns mit dem Leiden und der Einschränkung auseinandersetzen, ist ein Maßstab für unsere Freiheit, den Erfahrungen des Lebens Sinn zu ver­leihen, auch wenn sie uns widersinnig und unverdient erscheinen. Lassen wir uns daher von diesen Bedrängnissen nicht verwirren (vgl. 1 Thess 3,3). Wir wissen, dass wir in der Schwachheit stark werden (vgl. 2 Kor 12,10) und die Gnade empfangen können, das, was in uns an den Leiden Christi noch fehlt, für die Kirche, seinen Leib, zu ergänzen (vgl. Kol 1,24) – ein Leib, der nach dem Bild des auferstandenen Herrn die Wundmale als Zeichen seines harten Kampfes behält, doch es sind Wundmale, die von der Liebe für immer verklärt sind.

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Quelle: Osservatore Romano 24/2016

„Ich werde dir das Herz ändern“

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Außerordentliche Generalaudienz, 18. Juni 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Außerordentliche Generalaudienz von Samstag,
dem 18. Juni 2016 — Volltext

Bei herrlichem Wetter fand heute Vormittag um 10 Uhr auf dem Petersplatz die siebte außerordentliche Generalaudienz zum Jubiläum der Barmherzigkeit statt.

Die Schlüsselwörter der Katechese von Papst Franziskus waren „Umkehr“ und „Vergebung der Sünden“. Diese beiden Aspekte – so der Papst – bezeichnen die Barmherzigkeit Gottes, „der sich liebevoll um uns sorgt.“

Die Grundfrage aber sei, worin die Umkehr bestehe. Die Antwort – so Jorge Bergoglio – gebe die ganze Bibel, insbesondere die Propheten: eine „Rückkehr zum Herrn“ durch die Bitte um Vergebung und eine Änderung des Lebensstils.

In der Verkündigung Jesu bekomme dieser Ruf zum Umkehr aber eine neue Dimension. Jesus bestehe noch mehr auf die innere Dimension der Bekehrung: sie beziehe den gesamten Menschen ein – Herz und Geist – und schaffe einen neuen Menschen. „Das Herz wird verwandelt und der Mensch erneuert“, erklärte der Papst.

Ein klares Zeichen der Echtheit der Umkehr bestehe darin – so fuhr Jorge Bergoglio fort -, dass wir die Not der Brüder erkennen und bereit seien, ihnen entgegen zu kommen.

Eines sollte man nie aus den Augen verlieren: wenn wir die Notwendigkeit einer Veränderung spüren, die unser gesamtes Menschsein mit einbeziehe, werde Jesus neben uns stehen und sagen: „Komm, komm zu mir. Die Arbeit mache ich: Ich werde dir das Herz ändern. Ich werde dein Leben ändern. Ich werde dich glücklich machen.“

Wir dokumentieren im Folgenden den Volltext der heutigen Katechese in einer eigenen Übersetzung.

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Barmherzigkeit und Umkehr (vgl. Lk 24,45-48)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Nach seiner Auferstehung erschien Jesus den Jüngern mehrmals, bevor er in die Herrlichkeit des Vaters einging. Der soeben gehörte Text aus dem Evangelium (Lk 24,45-48) berichtet von einer dieser Erscheinungen, bei der der Herr auf den wesentlichen Inhalt der von den Aposteln in der Welt zu leistenden Verkündigung hinweist. Wir können diese mit zwei Worten zusammenfassen: „Umkehr“ und „Vergebung der Sünden“. Diese beiden Aspekte bezeichnen die Barmherzigkeit Gottes, der sich liebevoll um uns sorgt. Heute ziehen wir die Umkehr in Betracht.

Worin besteht die Umkehr? Sie begegnet uns in der gesamten Bibel und insbesondere in der Predigt der Propheten, die das Volk ständig zur “Rückkehr zum Herrn” durch die Bitte um Vergebung und eine Änderung des Lebensstils aufrufen. Den Propheten zufolge impliziert die Umkehr einen Richtungswechsel und eine erneute Hinwendung zum Herrn auf der Grundlage der Gewissheit, dass er uns liebt und seine Liebe stets treu ist. Die Rückkehr zum Herrn.

Jesus machte die Umkehr zur ersten Aussage seiner Predigt: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Mit dieser Verkündigung zeigt er sich dem Volk und bittet darum, sein Wort als das letzte und endgültige aufzunehmen, das der Vater an die Menschheit richtete (vgl. Mk 12,1-11). Im Vergleich zur Predigt der Propheten besteht Jesus noch mehr auf die innere Dimension der Umkehr. Tatsächlich bezieht diese den gesamten Menschen ein – Herz und Geist – und schafft eine neue Kreatur: einen neuen Menschen. Das Herz wird verwandelt und der Mensch erneuert.

Wenn Jesus zur Umkehr aufruft, erhebt er sich nicht zum Richter der Menschen, sondern ist uns nah und teilt unser Menschsein und somit die Straße, das Haus und den Tisch … Die Barmherzigkeit gegenüber jenen, die ihr Leben ändern mussten, zeigte sich in seiner liebevollen Gegenwart und bezog jeden in seine Heilsgeschichte ein. Jesus überzeugte die Menschen liebevoll und mit dieser Haltung berührte er das Herz der Menschen in der Tiefe. Diese wiederum fühlten sich von der Liebe Gottes angezogen und dazu veranlasst, ihr Leben zu ändern. Beispielsweise vollzogen sich die Umkehr des Matthäus (vgl. Mt 9,9-13) und Zachäus (vgl. Lk 19, 1-10) gerade auf diese Weisen, denn sie fühlten sich von Jesus geliebt und durch ihn vom Vater. Die wahre Umkehr erfolgt, wenn wir das Geschenk der Gnade annehmen; und ein klares Zeichen dessen Echtheit besteht darin, dass wir die Not der Brüder erkennen und bereit sind, ihnen entgegen zu kommen.

Liebe Brüder und Schwestern, wie oft verspüren auch wir die Notwendigkeit einer Veränderung, die unser gesamtes Menschsein mit einbezieht! Wie oft sagen wir uns: „Ich muss mich ändern, so kann ich nicht weitermachen … Auf diesem Weg bringt mein Leben keine Früchte hervor. Dieses Leben wird sinnlos sein und mich nicht glücklich machen“. Wie oft kommen uns diese Gedanken, wie oft! … Jesus steht neben uns mit ausgestreckter Hand und sagt: „Komm, komm zu mir. Die Arbeit mache ich: Ich werde dir das Herz ändern. Ich werde dein Leben ändern. Ich werde dich glücklich machen“. Aber glauben wir wirklich daran? Glauben wir daran oder nicht? Was denkt ihr: Glaubt ihr daran oder nicht? Weniger Applaus und lauter: Glaubt ihr oder glaubt ihr nicht? [die Menschen: „Ja!“] So ist es. Jesus ist bei uns und lädt uns dazu ein, unser Leben zu ändern. Er ist es, der mit dem Heiligen Geist in uns diese Unruhe aussät, das Leben zu ändern und ein wenig besser zu werden. Folgen wir daher dieser Einladung des Herrn, ohne Widerstand zu leisten, denn nur, wenn wir uns für seine Barmherzigkeit öffnen, finden wir das wahre Leben und die wahre Freude. Wir müssen nur die Türe aufmachen und er macht den Rest. Er tut alles, doch wir sind es, die das Herz weit aufmachen müssen, damit er uns heilen und vorwärtsgehen lassen kann. Ich versichere euch, dass wir glücklicher sein werden. Danke.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Der Papst ruft alle zu Werken der Barmherzigkeit auf

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Logo Kirche in Not-Irak

Papst Franziskus ruft alle Menschen auf der Welt dazu auf, dass sie Werke der Barmherzigkeit tun. Das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hat an diesem Freitag ihre internationale Spendenkampagne „Be God´s mercy“ – „Sei Gottes Barmherzigkeit“ eröffnet. Diese Aktion findet im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit statt.

Papst Franziskus hat zu dieser Kampagne in einer Videobotschaft dazu auch erklärt, warum Werke der Barmherzigkeit so wichtig sind. „Wir, Männer und Frauen, brauchen die Barmherzigkeit Gottes, aber wir brauchen auch unsere gegenseitige Barmherzigkeit; wir bedürfen, dass wir einander die Hand reichen, dass wir einander streicheln , dass wir uns gegenseitig umsorgen, und nicht, dass so viele Kriege begangen werden.“

Papst Franziskus selbst ist der erste Spender dieser Kampagne. Er vertraute einer Delegation von Kirche in Not, die vor kurzem nach Erbil, in das irakische Kurdistan gereist ist, eine Spende an, die für die irakischen Christen bestimmt war und die vom Bischof von Carpi, Francesco Cavina, übermittelt wurde. „Ich vertraue Kirche in Not diese Aufgabe an…auch beauftrage ich sie, in dem Geist fortzufahren, den sie von Pater Werenfried van Straaten geerbt haben, der zu seiner Zeit die Vision hatte, auf der ganzen Welt diese Zeichen der Nähe, der Annäherung, der Güte, der Liebe und der Barmherzigkeit zu setzen.“ Die Spende vom Papst wird dem Krankenhaus St. Joseph Charity von Erbil zugutekommen, indem rund 2.800 Flüchtlinge jeglicher Religion kostenlos medizinisch versorgt werden.

Gefängnispastoral, Rehabilitationszentren, Hilfsgruppen für von Gewalt betroffenen Frauen, und Hilfe für Flüchtlinge sind nur einige der Projekte, die unterstützt werden. Diese Projekte sind an Orte wie Sambia, Slowakei oder Libanon. Die Werke der Barmherzigkeit sollen diejenigen, die es besonders nötig haben, gerade im Heiligen Jahr unterstützen. „So lade ich Sie alle ein, mit Kirche in Not auf der ganzen Welt Werke der Barmherzigkeit zu tun, und zwar bleibende Werke der Barmherzigkeit; Strukturen für so viele Nöte, die es heute auf der Welt gibt. Ich danke Ihnen für alles, was Sie tun. Und haben Sie keine Angst vor der Barmherzigkeit: Die Barmherzigkeit ist die Zärtlichkeit Gottes.“ Die Kampagne endet am 4. Oktober, am Tag des Heiligen Franziskus, in Rom. Dort wird das Hilfswerk dem Papst die ersten „Früchte“ der Kampagne präsentieren.

(rv 17.06.2016 pdy)

Botschaft von Papst Franziskus zum XXXI. Weltjugendtag 2016

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Unter Jugendlichen fühlt sich Papst Franziskus immer wohl. Auf unserem Bild ein Selfie mit Teilnehmern am Weltkongress von »Scholas Occurrentes«.

»Selig die Barmherzigen;
denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7)

Liebe junge Freunde,

wir haben die letzte Etappe auf unserem Pilgerweg nach Krakau erreicht, wo wir im Monat Juli des kommenden Jahres gemeinsam den XXXI. Weltjugendtag feiern werden. Auf unserem langen und anspruchsvollen Weg werden wir von den Worten Jesu aus der »Bergpredigt« geführt. Wir haben diese Strecke im Jahr 2014 begonnen, indem wir gemeinsam über die erste Seligpreisung nachgedacht haben: »Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 5,3). Für das Jahr 2015 war das Thema »Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen« (Mt 5,8). Im kommenden Jahr wollen wir uns von den Worten inspirieren lassen: »Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7).

Das Jubiläum der Barmherzigkeit

1. Mit diesem Thema fügt sich der WJT in Krakau 2016 in das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ein, sodass es ein richtiges Jubiläum der Jugendlichen auf Weltebene wird. Es ist nicht das erste Mal, dass ein internationales Jugendtreffen mit einem Jubiläumsjahr zusammenfällt. Es war in der Tat während des Heiligen Jahres der Erlösung (1983/1984), dass der heilige Johannes Paul II. zum ersten Mal die Jugendlichen der ganzen Welt für den Palmsonntag zusammenrief. Danach war es während des Großen Jubiläums des Jahres 2000, dass sich über zwei Millionen Jugendliche aus etwa 165 Ländern in Rom zum XV. Weltjugendtag versammelt haben. Wie es in diesen beiden vorausgehenden Fällen geschah, so bin ich gewiss, dass das Jubiläum der Jugendlichen in Krakau eines der bedeutendsten Momente dieses Heiligen Jahres sein wird!

Einige von euch werden sich vielleicht fragen: Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem Jubiläumsjahr, das in der Kirche gefeiert wird? Der biblische Text in Levitikus 25 hilft uns verstehen, was für das Volk Israel ein »Jubeljahr« bedeutete. Alle fünfzig Jahre hörten die Hebräer das Horn ertönen (jobel), das sie zusammenrief (jobil), um ein heiliges Jahr als eine Zeit der Versöhnung (jobal) für alle zu feiern. In dieser Zeit sollte man auf der Grundlage der Unentgeltlichkeit ein gutes Verhältnis zu Gott, dem Nächsten und der Schöpfung wiederfinden. Deswegen wurden unter anderem der Erlass der Schulden, eine besondere Hilfe für die in Elend Geratenen, die Besserung der Beziehungen unter den Personen und die Befreiung der Sklaven gefördert.

Jesus Christus ist gekommen, um eine immer währende Gnadenzeit des Herrn zu verkünden und zu verwirklichen, indem er den Armen die gute Nachricht, den Gefangenen die Entlassung, den Blinden das Augenlicht und den Zerschlagenen die Freiheit bringt (vgl. Lk 4,18-19). In Ihm, aber besonders in seinem Ostergeheimnis, findet der tiefste Sinn des Jubiläums seine vollkommene Erfüllung. Wenn die Kirche im Namen Christi ein Jubeljahr einberuft, dann sind wir alle eingeladen, eine außerordentliche Gnadenzeit zu leben. Die Kirche selbst ist aufgerufen, Zeichen der Gegenwart und Nähe Gottes im Überfluss anzubieten, in den Herzen die Fähigkeit zu wecken, auf das Wesentliche zu blicken. Dieses Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist im Besonderen »die Zeit für die Kirche, den Sinn des Auftrags wieder neu zu entdecken, den der Herr ihr am Ostertag anvertraut hat: Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit des Vaters zu sein« (Predigt bei der Ersten Vesper vom Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit, 11. April 2015).

Barmherzig wie der Vater

2. Das Motto dieses außerordentlichen Jubiläums lautet: »Barmherzig wie der Vater« (vgl. Misericordiae Vultus, 13), und mit ihm wird das Thema des kommenden WJT angestimmt. Versuchen wir daher besser zu verstehen, was die göttliche Barmherzigkeit bedeutet.

Das Alte Testament gebraucht verschiedene Begriffe, um von der Barmherzigkeit zu sprechen; die bedeutungsvollsten sind hesed und rahamim. Der erste Begriff, auf Gott angewandt, drückt seine unermüdliche Treue zum Bund mit seinem Volk aus, das er liebt und dem er immer wieder verzeiht. Der zweite, rahamim, kann als »Eingeweide« übersetzt werden und weist besonders auf den Mutterschoß hin; er lässt uns die Liebe Gottes zu seinem Volk verstehen, die wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist. So stellt es der Prophet Jesaja dar: »Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht« (Jes 49,15). Eine solche Liebe bringt mit sich, dass man in sich Raum für den anderen schafft, mit dem Nächsten fühlt, leidet und sich freut.

Im biblischen Konzept der Barmherzigkeit ist auch die Konkretheit einer Liebe eingeschlossen, die treu und unentgeltlich ist und verzeihen kann. In der folgenden Stelle bei Hosea haben wir ein sehr schönes Beispiel für die Liebe Gottes, die mit der Liebe eines Vaters zu seinem Kind verglichen wird: »Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. […] Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen« (Hos 11,1-4). Trotz der verfehlten Haltung des Kindes, die eine Bestrafung verdienen würde, ist die Liebe des Vaters treu und vergibt immer einem Kind, das Reue zeigt. Wie wir sehen, ist in der Barmherzigkeit immer die Vergebung mit eingeschlossen; sie »ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit, durch die Er seine Liebe als die Liebe eines Vaters und einer Mutter offenbart, denen ihr Kind zutiefst am Herzen liegt. […] Sie kommt aus dem Innersten und ist tiefgehend, natürlich, bewegt von Zärtlichkeit und Mitleid, von Nachsicht und Vergebung« (Misericordiae Vultus, 6).

Im Neuen Testament hören wir von der göttlichen Barmherzigkeit (eleos) als Zusammenfassung des Werkes, zu dessen Verwirklichung Christus im Namen des Vaters in die Welt gekommen ist (vgl. Mt 9,13). Die Barmherzigkeit unseres Herrn offenbart sich vor allem, wenn Er sich dem menschlichen Elend zuwendet und sein Mitleid gegenüber demjenigen zeigt, der des Verständnisses, der Heilung und der Verzeihung bedarf. In Jesus spricht alles von Barmherzigkeit. Ja, Er selber ist die Barmherzigkeit.

Im 15. Kapitel des Lukasevangeliums finden wir drei Gleichnisse über die Barmherzigkeit: das vom verlorenen Schaf, das vom verlorenen Geldstück und jenes, das als das Gleichnis »vom verlorenen Sohn« bekannt ist. In diesen drei Gleichnissen beeindruckt uns die Freude Gottes, die Freude, die Er empfindet, wenn er einen Sünder wiederfindet und ihm vergibt. Ja, die Freude Gottes ist das Vergeben! Hier finden wir die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. »Jeder von uns ist jenes verlorene Schaf, jenes verlorene Geldstück; jeder von uns ist jener Sohn, der seine Freiheit vergeudet hat, falschen Götzen, Blendwerken des Glücks, gefolgt ist und alles verloren hat. Doch Gott vergisst uns nicht, der Vater verlässt uns nie. Er ist ein geduldiger Vater, er erwartet uns immer! Er respektiert unsere Freiheit, doch er bleibt immer treu. Und wenn wir zu ihm zurückkehren, nimmt er uns in seinem Haus wie Kinder auf, da er niemals aufhört, auch nicht einen Augenblick, uns voll Liebe zu erwarten. Und sein Herz feiert ein Fest für jedes Kind, das zurückkehrt. Es feiert ein Fest, weil es eine Freude ist. Gott hat diese Freude, wenn einer von uns Sündern zu ihm geht und um seine Vergebung bittet« (Angelus, 15. September 2013).

Die Barmherzigkeit Gottes ist sehr konkret und wir alle sind gerufen, diese Erfahrung in eigener Person zu machen. Als ich siebzehn Jahre alt war und einmal mit meinen Freunden ausgehen sollte, habe ich beschlossen, zuerst eine Kirche zu besuchen. Dort habe ich einen Priester getroffen, der mir ein besonderes Vertrauen eingeflößt hat, sodass ich den Wunsch verspürte, mein Herz in der Beichte zu öffnen. Diese Begegnung hat mein Leben verändert! Ich habe entdeckt, dass, wenn wir das Herz in Demut und Aufrichtigkeit öffnen, wir sehr konkret die Barmherzigkeit Gottes betrachten können. Ich hatte die Gewissheit, dass in der Person jenes Priesters Gott auf mich schon wartete, noch bevor ich den ersten Schritt tat, um die Kirche zu besuchen. Wir suchen ihn zwar, aber Er ist es, der uns immer zuvorkommt; er sucht uns immer und er findet uns zuerst. Es mag sein, dass einer von euch eine Last auf dem Herzen hat und denkt: Ich habe das gemacht, ich habe jenes gemacht … Fürchtet euch nicht! Er wartet auf euch! Er ist Vater: Er wartet immer auf uns! Wie schön ist es, im Sakrament der Versöhnung auf die barmherzige Umarmung des Vaters zu treffen, den Beichtstuhl als Ort der Barmherzigkeit zu entdecken, sich von dieser barmherzigen Liebe des Herrn berühren zu lassen, der uns immer verzeiht!

Und du, lieber junger Freund, liebe junge Freundin, hast du jemals diesen Blick unendlicher Liebe auf dir ruhen gespürt, die trotz aller deiner Sünden, Grenzen und deines Versagens dir weiter vertraut und deine Existenz voll Hoffnung betrachtet? Bist du dir deines Wertes vor Gott bewusst, der dir aus Liebe alles gegeben hat? Wie uns der heilige Paulus lehrt: »Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). Verstehen wir aber wirklich die Kraft dieser Worte?

Ich weiß, wie lieb euch allen das Kreuz der WJT ist – ein Geschenk des heiligen Johannes Paul II. –, das seit 1984 alle eure Welttreffen begleitet. Wie viele Veränderungen, wie viele wahre und wirkliche Bekehrungen sind im Leben von so vielen Jugendlichen durch die Begegnung mit diesem nackten Kreuz hervorgegangen! Vielleicht habt ihr euch die Frage gestellt: Woher kommt die außergewöhnliche Kraft dieses Kreuzes? Die Antwort ist diese: Das Kreuz ist das beredteste Zeichen von Gottes Barmherzigkeit! Es bezeugt uns, dass das Maß der Liebe Gottes zur Menschheit ein Lieben ohne Maß ist! Im Kreuz können wir die Barmherzigkeit Gottes berühren und uns von seiner Barmherzigkeit selbst berühren lassen! An dieser Stelle möchte ich an die Episode von den zwei Verbrechern erinnern, die neben Christus gekreuzigt worden waren. Einer von ihnen war überheblich, hat sich nicht als Sünder bekannt, hat den Herrn verhöhnt. Der andere hingegen bekennt, gefehlt zu haben, wendet sich an den Herrn und sagt zu ihm: »Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst«. Jesus schaut ihn mit unendlicher Barmherzigkeit an und antwortet ihm: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein« (vgl. Lk 23,32.39-43). Mit welchem von beiden identifizieren wir uns? Mit dem, der überheblich ist und seine Vergehen nicht anerkennt? Oder mit dem anderen, der zugibt, der göttlichen Barmherzigkeit zu bedürfen, und sie von ganzem Herzen erfleht? Im Herrn, der für uns sein Leben am Kreuz hingegeben hat, werden wir immer eine bedingungslose Liebe finden, die unser Leben als ein Gut betrachtet und uns immer wieder die Möglichkeit gibt, neu zu beginnen.

Die außergewöhnliche Freude, Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes zu sein

3. Das Wort Gottes lehrt uns: »Geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35). Gerade deswegen preist die fünfte Seligpreisung die Barmherzigen selig. Wir wissen, dass der Herr uns zuerst geliebt hat. Aber wir werden nur dann wirklich selig und glücklich sein, wenn wir in die göttliche Logik des Geschenks, der unentgeltlichen Liebe eingehen, wenn wir entdecken, dass Gott uns unendlich geliebt hat, um uns fähig zu machen, wie Er zu lieben ohne Maß. Wie der heilige Johannes sagt: »Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe. […] Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben« (1 Joh 4,7-11).

Nachdem ich euch ganz kurzgefasst erklärt habe, wie der Herr seine Barmherzigkeit uns gegenüber ausübt, möchte ich euch nun vorschlagen, wie wir konkret Werkzeuge eben dieser Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten sein können.

Da kommt mir das Beispiel des seligen Pier Giorgio Frassati in den Sinn. Er sagte: »Jesus besucht mich jeden Morgen in der Kommunion, ich vergelte es ihm in der mir möglichen ärmlichen Weise, indem ich die Armen besuche«. Pier Giorgio war ein junger Mann, der verstanden hatte, was es heißt, ein barmherziges Herz zu haben, das empfindsam ist gegenüber den am meisten Notleidenden. Ihnen gab er weit mehr als nur materielle Dinge; er gab sich selbst, er widmete Zeit, Worte und die Fähigkeit zuzuhören. Er diente den Armen mit großer Einfühlsamkeit, ohne sich jemals zur Schau zu stellen. Er lebte wirklich das Evangelium, das sagt: »Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten« (Mt 6,3-4). Denkt nur, am Tag vor seinem Tod, als er schwer krank war, gab er Anweisungen, wie seinen bedürftigen Freunden geholfen werden sollte. Bei seiner Beerdigung waren seine Familienangehörigen und Freunde verblüfft wegen der Anwesenheit so vieler ihnen unbekannter Armer, um die sich der junge Pier Giorgio gekümmert und denen er geholfen hatte.

Ich verbinde immer gerne die Seligpreisungen mit dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums, wo Jesus uns die Werke der Barmherzigkeit vorstellt und sagt, dass wir einst nach ihnen gerichtet werden. Deswegen lade ich euch ein, die Werke der leiblichen Barmherzigkeit neu zu entdecken: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote begraben. Und vergessen wir nicht die geistigen Werke der Barmherzigkeit: Zweifelnden recht raten, Unwissende lehren, Sünder zurechtweisen, Betrübte trösten, Beleidigungen verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene zu Gott beten. Wie ihr seht, ist die Barmherzigkeit weder ein »Alles-Gutheißen« noch reine Gefühlsseligkeit. Hier bewahrheitet sich die Echtheit unseres Jüngerseins Christi, unsere Glaubwürdigkeit als Christen in der heutigen Welt.

Euch jungen Freunden, die ihr sehr konkret seid, möchte ich gerne für die ersten sieben Monate des Jahres 2016 vorschlagen, ein leibliches und ein geistiges Werk der Barmherzigkeit auszuwählen, das jeden Monat in die Tat umgesetzt wird. Lasst euch vom Gebet der heiligen Faustyna inspirieren, die eine demütige Apostelin der göttlichen Barmherzigkeit unserer Zeit ist:

»Hilf mir, o Herr, […]

dass meine Augen barmherzig schauen,

damit ich niemals nach äußerem Anschein verdächtige und richte, sondern wahrnehme, was schön ist in den Seelen meiner Nächsten, und ihnen zu Hilfe komme […]

dass mein Gehör barmherzig wird, damit ich mich den Bedürfnissen meiner Nächsten zuneige, dass meine Ohren nicht gleichgültig bleiben für Leid und Klage der Nächsten […]

dass meine Zunge barmherzig wird, dass ich niemals über meine Nächsten abfällig rede, sondern für jeden ein Wort des Trostes und der Vergebung habe […]

dass meine Hände barmherzig und voll guter Taten sind […]

dass meine Füße barmherzig sind, dass sie meinen Nächsten immer zu Hilfe eilen und die eigene Mattheit und Müdigkeit beherrschen […]

dass mein Herz barmherzig ist, auf dass ich alle Leiden der Nächsten empfinde« (Tagebuch, Nr. 163).

Die Botschaft der göttlichen Barmherzigkeit stellt somit ein sehr konkretes und herausforderndes Lebensprogramm dar, weil es Werke einbezieht. Eines der offensichtlichsten Werke der Barmherzigkeit, aber vielleicht auch eines das am schwierigsten durchzuführen ist, besteht darin, dem zu verzeihen, der mich beleidigt hat, der mir Böses getan hat, eben denen, die wir als unsere Feinde ansehen. »Wie schwer ist es anscheinend, immer und immer wieder zu verzeihen! Und doch ist die Vergebung das Instrument, das in unsere schwachen Hände gelegt wurde, um den Frieden des Herzens zu finden. Groll, Wut, Gewalt und Rache hinter uns zu lassen, ist die notwendige Voraussetzung für ein geglücktes Leben« (Misericordiae Vultus, 9).

Ich begegne so vielen jungen Menschen, die sagen, dass sie diese so geteilte Welt leid sind, in der Anhänger verschiedener Parteien zusammenstoßen, in der es so viele Kriege gibt und es sogar Leute gibt, die die eigene Religion als Rechtfertigung für die Gewalt benutzen. Wir müssen den Herrn bitten, er möge uns die Gnade schenken, mit dem barmherzig zu sein, der uns Böses tut. So wie Jesus, der am Kreuz für jene gebetet hat, die ihn gekreuzigt hatten: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lk 23,34). Der einzige Weg, um das Böse zu besiegen, ist die Barmherzigkeit. Die Gerechtigkeit ist notwendig, ja sehr, aber sie alleine genügt nicht. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit müssen zusammen gehen. Wie möchte ich, dass wir uns alle in einem gemeinsamen, aus der Tiefe unserer Herzen kommenden Gebet vereinten, um zu bitten, dass der Herr Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt habe!

Krakau wartet auf uns!

4. Es fehlen noch wenige Monate bis zu unserem Treffen in Polen. Krakau, die Stadt des heiligen Johannes Paul II. und der heiligen Faustyna Kowalska, wartet mit offenen Armen und Herzen auf uns. Ich glaube, dass die göttliche Vorsehung uns geführt hat, gerade dort das Jubiläum der Jugend zu feiern, wo diese beiden großen Apostel der Barmherzigkeit unserer Tage gelebt haben. Johannes Paul II. hatte erfasst, dass dies die Zeit der Barmherzigkeit sei. Zu Beginn seines Pontifikats hat er die Enzyklika Dives in Misericordia geschrieben. Im Heiligen Jahr 2000 hat er Schwester Faustyna heilig gesprochen und auch das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit für den zweiten Sonntag nach Ostern eingesetzt. Und im Jahr 2002 hat er persönlich in Krakau das Heiligtum des Barmherzigen Jesus eingeweiht, indem er die Welt der göttlichen Barmherzigkeit anvertraut hat mit dem Wunsch, dass diese Botschaft alle Einwohner der Erde erreiche und die Herzen mit Hoffnung erfülle: »Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden!« (Predigt bei der Weihe des Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau, 17. August 2002).

Liebe junge Freunde, der Barmherzige Jesus, der auf dem vom Volk Gottes im ihm geweihten Heiligtum in Krakau verehrten Bild dargestellt ist, erwartet euch. Er verlässt sich auf euch und rechnet mit euch! Er hat jedem und jeder von euch so viele wichtige Dinge zu sagen… Habt keine Angst, seine von unendlicher Liebe zu euch erfüllten Augen anzuschauen, und lasst euch von seinem barmherzigen Blick treffen, der bereit ist, jede eurer Sünden zu verzeihen; es ist ein Blick, der euer Leben zu verwandeln und die Wunden eurer Seele zu heilen vermag, ein Blick, der den tiefen Durst stillt, der sich in euren jungen Herzen befindet: der Durst nach Liebe, nach Frieden, nach Freude und wahrem Glück. Kommt zu Ihm und habt keine Angst! Kommt und sagt Ihm aus tiefstem Herzen: »Jesus, ich vertraue auf Dich!«. Lasst euch von seiner grenzenlosen Barmherzigkeit berühren, damit auch ihr durch die Werke, die Worte und das Gebet zu Aposteln der Barmherzigkeit werdet in unserer von Egoismus, Hass und so großer Verzweiflung verwundeten Welt.

Tragt die Flamme der barmherzigen Liebe Christi – von der der heilige Johannes Paul II. gesprochen hat – in das Umfeld eures alltäglichen Lebens und bis an die Grenzen der Erde. Auf dieser Sendung begleite ich euch mit meinen Wünschen und meinen Gebeten. Ich empfehle euch alle auf dieser letzten Wegstrecke der geistlichen Vorbereitung auf den kommenden WJT in Krakau der Jungfrau Maria, der Mutter der Barmherzigkeit, und segne euch alle von Herzen.

Aus dem Vatikan, am 15. August 2015 am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

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Quelle: Osservatore Romano 23/2016

Papst Franziskus an Kranke: Lieben trotz allem ist die Chance des Lebens

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Papst Franziskus segnet ein krankes Kind in den Armen seiner Mutter

Lieben trotz allem, trotz Beeinträchtigung, Leid, Schmerz: das ist die Chance des Lebens. Das hat Papst Franziskus den tausenden Kranken und ihren Begleitern gesagt, die zum Jubiläum der Barmherzigkeit an diesem Sonntag mit ihm die Heilige Messe auf dem Petersplatz feierten. Diese Chance, trotz allem zu lieben, eröffne Jesus. Nach seinem Vorbild könne die Liebe – und nur die Liebe – aus einem leidenden Menschen einen glücklichen Menschen machen, sagte Franziskus in seiner Predigt. Zugleich wies er die verbreitete Ansicht als „zynisch“ zurück, alle mit Krankheit verbundenen Schwierigkeiten könnten gelöst werden, „indem man es geduldig erträgt“, indem man sich allein auf die eigenen Kräfte verlässt oder sein ganzes Hoffen auf die moderne Medizin setzt.

„Das Glück, das jeder sich wünscht, kann in vielen Formen seinen Ausdruck finden und kann nur erreicht werden, wenn wir fähig sind zu lieben. Es ist immer eine Frage der Liebe; einen anderen Weg gibt es nicht. Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben. Wie viele behinderte und leidende Menschen öffnen sich wieder dem Leben, sobald sie entdecken, dass sie geliebt werden! Und wie viel Liebe kann aus einem Herzen entspringen, auch nur für ein Lächeln!“

Jesus selbst sei „der Arzt, der mit der Arznei der Liebe heilt, denn er nimmt unser Leiden auf sich und erlöst es“, fuhr der Papst fort. Das Gegenteil davon sei ein Umgang mit kranken Menschen, der diese am liebsten aus dem Gesichtskreis verbannen würde, weil der Anblick von Leid das eigene Wohlbefinden beeinträchtige. „Man meint, ein kranker oder behinderter Mensch könne nicht glücklich sein, weil er nicht imstande ist, den von der Genuss- und Unterhaltungskultur aufoktroyierten Lebensstil zu verwirklichen“, so der Papst. Wellness und Körperpflege seien heutzutage „zum Massenmythos“ und zum Geschäft geworden. Aus diesem Grund müsse „das, was unvollkommen ist, verschleiert werden, weil es das Glück und die Unbeschwertheit der Privilegierten gefährdet und das herrschende Modell in Schwierigkeiten bringt“.

Doch die Augen vor Krankheit und Behinderung zu verschließen, sei nichts anderes als „Selbsttäuschung“, so der Papst. Wer so etwas tue, „versteht nicht den wahren Sinn des Lebens, der auch die Annahme von Leid und Begrenzung verlangt. Die Welt wird nicht besser, wenn sie nur aus augenscheinlich „perfekten“ Menschen besteht, sondern wenn die Solidarität unter den Menschen, die gegenseitige Annahme und die Achtung zunehmen.“

Christen wissen demgegenüber, dass sie „in der Schwachheit stark“ werden. „Die Weise, wie wir die Krankheit und die Behinderung leben, ist ein Anzeichen für die Liebe, die zu geben wir bereit sind. Die Weise, wie wir uns mit dem Leiden und der Einschränkung auseinandersetzen, ist ein Maßstab für unsere Freiheit, den Erfahrungen des Lebens Sinn zu verleihen auch wenn sie uns widersinnig und unverdient erscheinen.“

Auf dem Petersplatz waren Tausende Menschen mit Krankheit und Behinderung zugegen, um mit dem Papst die Messe zu feiern. Die Gaben zum Alter brachten unter anderem eine Familie mit drei Buben, der mittlere davon mit Down-Syndrom und eine blinde und taubstumme Frau; eine Mutter trug zum Abschluss der Gabenprozession ihr behindertes Kind im Arm zum Altar. Die zweite Lesung wurde von einer blinden Frau auf Englisch in Braille-Schrift gelesen. In einer einmaligen Aktion wurde das Evangelium (von der Sünderin, die Jesus mit ihren Tränen die Füße wäscht und mit ihren Haaren trocknet) auf dem Petersplatz diesmal auch szenisch dargestellt, damit möglichst viele Menschen es nachvollziehen konnten.

(rv 12.06.2016 gs)

Papstpredigt an Priester: Volltext

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Einzug des Papstes zur Messe mit Priestern

Papst Franziskus hat am Freitag eine Messe für Priester auf dem Petersplatz gefeiert. Hier finden Sie seine Predigt im offiziellen Wortlaut; spontane Hinzufügungen des Papstes zum Text haben wir in eigener Übersetzung eingefügt.

Da wir das Jubiläum der Priester am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu feiern, sind wir aufgerufen, uns auf das Herz bzw. die Innerlichkeit zu konzentrieren, auf die kräftigsten Wurzeln des Lebens, auf den Kern der Gefühle – in einem Wort: auf die Mitte der Person. Und heute richten wir den Blick auf zwei Herzen: auf das Herz des Guten Hirten und auf unser Hirtenherz.

Das Herz des Guten Hirten ist nicht nur das Herz, das Erbarmen mit uns hat, sondern es ist die Barmherzigkeit selbst. Dort erstrahlt die Liebe des Vaters; dort habe ich das sichere Gefühl, angenommen und verstanden zu werden, wie ich bin; dort genieße ich die Gewissheit, mit allen meinen Grenzen und Sünden doch erwählt und geliebt zu sein. Indem ich auf dieses Herz blicke, erneuere ich meine erste Liebe: die Erinnerung an den Moment, als der Herr mich im Innersten angerührt und mich berufen hat, ihm nachzufolgen, die Freude, auf sein Wort hin die Netze des Lebens ausgeworfen zu haben (vgl. Lk 5,5).

Das Herz des Guten Hirten sagt uns, dass seine Liebe keine Grenzen kennt, dass es nicht müde wird und niemals aufgibt. Dort sehen wir seine ständige, uneingeschränkte Selbsthingabe; dort finden wir die Quelle der treuen und sanften Liebe, die frei lässt und frei macht; dort entdecken wir jedes Mal neu, dass Jesus uns liebt » bis zur Vollendung « (Joh 13,1) – er bleibt nicht vorher stehen, sondern bis zur Vollendung! –, ohne sich jemals aufzudrängen.

Das Herz des Guten Hirten streckt sich uns entgegen, es ist auf den „gepolt“, der am weitesten entfernt ist; hartnäckig zeigt die Nadel seines Kompasses dorthin, dort offenbart es eine besondere Schwäche der Liebe, denn es möchte alle erreichen und niemanden verlieren.

Vor dem Herzen Jesu kommt die grundlegende Frage unseres Priesterlebens auf: Wohin ist mein Herz ausgerichtet? Eine Frage, die wir Priester uns ganz oft stellen müssen, jeden Tag, jede Woche: Wohin ist mein Herz ausgerichtet? Der Dienst ist oft angefüllt mit vielerlei Initiativen, die ihn an viele Fronten stellen: von der Katechese zur Liturgie, zum karitativen Einsatz, zu den pastoralen und sogar zu den administrativen Verpflichtungen. Inmitten so vieler Aktivitäten bleibt die Frage: Wo ist mein Herz verankert – da fällt mir dieses schöne Gebet der Liturgie ein: fixa sunt gaudia… , worauf zielt es ab, welches ist der Schatz, den es sucht? Denn – sagt Jesus – »wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz« (Mt 6,21).

Wir haben Schwächen, auch Sünden. Aber wir gehen an die Wurzeln unserer Schwächen, unserer Sünden – wo ist der Schatz, der uns vom Herrn entfernt?

Die unersetzlichen Schätze des Herzens Jesu sind zwei, Jesus hat nur zwei Schätze: der Vater und wir. Seine Tage verliefen zwischen dem Gebet zum Vater und der Begegnung mit den Menschen. Begegnung mit den Menschen – nicht Abstand. Auch das Herz des Hirten Christi kennt nur zwei Richtungen: den Herrn und die Menschen. Das Herz des Priesters ist ein von der Liebe des Herrn durchbohrtes Herz. Deshalb schaut er nicht mehr auf sich selbst (er sollte nicht mehr auf sich selbst schauen), sondern ist Gott und den Mitmenschen zugewandt. Es ist kein „wankendes Herz“ mehr, das sich vom Reiz des Augenblicks anziehen lässt oder das hin- und herzieht auf der Suche nach Zustimmung und kleinen Befriedigungen. Es ist sündhaft… Es ist stattdessen ein Herz, das im Herrn gefestigt, vom Heiligen Geist gefesselt und für die Mitmenschen offen und verfügbar ist. Und hier löst es das Problem seiner Sünden.

Um unserem Herz zu helfen, von der Liebe Jesu, des Guten Hirten, zu brennen, können wir uns üben, uns drei Handlungen zu Eigen zu machen, welche die Lesungen von heute uns vorschlagen: suchen, einbeziehen und uns freuen.

Suchen. Der Prophet Ezechiel hat uns daran erinnert, dass Gott selber seine Schafe sucht (34,11.16). Er »geht dem verlorenen nach«, sagt das Evangelium (Lk 15,4), ohne sich von den Gefahren erschrecken zu lassen; ohne Zögern dringt er wagemutig in Gebiete außerhalb des Weidelands und in Zonen außerhalb der Arbeitszeiten vor. Und er lässt sich keine Überstunden bezahlen! Er schiebt die Suche nicht auf. Er denkt nicht: „Heute habe ich meine Pflicht bereits erledigt, ich werde mich morgen darum kümmern“, sondern er macht sich sofort an die Arbeit. Sein Herz ist unruhig, bis er das eine verlorene Schaf wiederfindet. Und wenn er es gefunden hat, vergisst er die Mühe und lädt es ganz zufrieden auf seine Schultern. Er muss rausgehen, um es zu suchen, mit ihm zu sprechen, es zu überreden. Manchmal muss er auch vor dem Tabernakel bleiben und mit dem Herrn um dieses Schaf ringen.

Das ist das suchende Herz: Es ist ein Herz, das Zeiten und Räume nicht „privatisiert“ – wehe den Hirten, die ihren Dienst privatisieren! –, nicht eifersüchtig über seine legitime Ruhe wacht und niemals den Anspruch erhebt, nicht gestört zu werden. Der Hirt nach dem Herzen Gottes verteidigt nicht die eigenen Bequemlichkeiten, ist nicht besorgt, den eigenen guten Ruf zu schützen – möge man ihn ruhig verleumden wie Jesus! –, ja, ohne jede Furcht vor Kritik ist es bereit zum Risiko, nur um seinen Herrn nachzuahmen. „Selig wenn sie euch verfolgen“ usw.

Der Hirt, der Jesus gemäß ist, besitzt ein Herz, das frei ist, die eigenen Dinge loszulassen. Es lebt nicht, indem es sein Eigentum und seine Dienststunden „abrechnet“: Es ist kein Buchhalter des Geistes, sondern ein barmherziger Samariter auf der Suche nach den Bedürftigen. Er ist ein Hirte, nicht ein Inspekteur der Herde, und widmet sich seiner Sendung nicht fünfzig- oder sechzigprozentig, sondern mit seinem ganzen Sein. Wenn er auf die Suche geht, findet er, und er findet, weil er riskiert. Wenn der Hirte nichts riskiert, findet er auch nichts… Er bleibt nach Enttäuschungen nicht stehen und gibt in Mühen nicht auf. Er ist tatsächlich hartnäckig im Guten, gesalbt von der göttlichen Hartnäckigkeit, dass niemand verlorengehen soll. Deshalb hält er nicht nur die Türen offen, sondern geht hinaus auf die Suche nach denen, die nicht mehr durch die Tür eintreten wollen. Wie jeder gute Christ und als Vorbild für jeden Christen geht er ständig aus sich selbst heraus. Der Schwerpunkt seines Herzens befindet sich außerhalb seiner selbst: Es ist dezentriert, nur auf Jesus zentriert – nicht von seinem Ich angezogen, sondern von dem Du Gottes und vom Wir der Menschen.

Einbeziehen. Christus liebt und kennt seine Schafe, für sie gibt er sein Leben hin und keines ist ihm fremd (vgl. Joh 10.11-14). Seine Herde ist seine Familie und sein Leben. Er ist kein von den Schafen gefürchteter Vorgesetzter, sondern der Hirt, der mit ihnen geht und sie beim Namen ruft (vgl. Joh 10, 3-4). Und er möchte die Schafe versammeln, die noch nicht bei ihm wohnen (vgl. Joh 10,16).

So ist auch der Priester Christi: Er ist gesalbt für das Volk, nicht um sich für seine eigenen Pläne zu entscheiden, sondern um den konkreten Menschen nahe zu sein, die Gott ihm durch die Kirche anvertraut hat. Niemand ist aus seinem Herzen, aus seinem Gebet und aus seinem Lächeln ausgeschlossen. Mit liebevollem Blick und einem Vaterherzen nimmt er auf und bezieht ein; und wenn er zurechtweisen muss, dann stets, um in die Nähe zu holen. Niemanden verachtet er, sondern für alle ist er bereit, sich die Hände schmutzig zu machen. Der gute Hirte hat keine Handschuhe an! Als Diener der Communio, die er zelebriert und die er lebt, erwartet er nicht den Gruß und die Komplimente der anderen, sondern reicht als Erster die Hand und verwirft Tratsch, Urteile und Gift. Geduldig hört er die Probleme an und begleitet die Schritte der Menschen, indem er mit großherzigem Mitgefühl die göttliche Vergebung spendet. Er schimpft den nicht aus, der den Weg verlässt oder verliert, sondern ist immer bereit, wieder einzugliedern und Streit zu schlichten. Ein Mann, der andere einzubeziehen weiß.

Sich freuen. Gott ist » voll Freude« (Lk 15,5): Seine Freude hat ihren Grund in der Vergebung; in dem Leben, das neu ersteht; in dem Sohn, der wieder die Luft des Elternhauses atmet. Die Freude Jesu, des Guten Hirten, ist keine Freude über sich, sondern eine Freude über die anderen und mit den anderen, die wahre Freude der Liebe. Das ist auch die Freude des Priesters. Er wird verwandelt durch die Barmherzigkeit, die er gegenleistungsfrei erweist. Gegenleistungsfrei! Im Gebet entdeckt er den Trost Gottes und erfährt, dass nichts stärker ist als seine Liebe. Darum ist er innerlich ausgeglichen und ist glücklich, ein Kanal der Barmherzigkeit zu sein und den Menschen dem Herzen Gottes nahezubringen. Traurigkeit ist für ihn nicht normal, sondern vorübergehend; Härte ist ihm fremd, denn er ist ein Hirte gemäß dem milden Herzen Gottes.

Liebe Priester, in der Eucharistiefeier finden wir jeden Tag diese unsere Identität des Hirten wieder. Jedes Mal können wir uns seine Worte: »Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« wirklich zu eigen machen. Das ist der Sinn unseres Lebens, das sind die Worte, mit denen wir in gewisser Weise täglich unsere Weiheversprechen erneuern können. Ich danke euch für euer „Ja“, und für so viele verborgene „Jas“ jeden Tag, die nur der Herr kennt, und für eure Bereitschaft, das Leben vereint mit Jesus hinzugeben: Hier liegt die reine Quelle unserer Freude.

(rv 03.06.2016 sk)

Franziskus: „Suchen, Einbeziehen und Sich Freuen“

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Papstmesse mit und für Priester

Suchen, Einbeziehen, sich freuen: so zeichnen sich Priester aus. Papst Franziskus predigte an diesem Freitag abschließend zur Priesterversammlung anlässlich des Heiligen Jahres, nach den Meditationen von diesem Donnerstag noch einmal eine kurze und bezeichnende Skizze des Priesteramtes. Der Papst feierte die Schlussmesse zum Priestertreffen anlässlich des Heiligen Jahres auf dem Petersplatz. Er forderte sie auf, noch einmal in sich zu gehen und sich auf das eigene Herz, den Kern der Gefühle und die Mitte der Person zu konzentrieren.

Inmitten all der Aktivitäten eines Priesters, von der Katechese, der Liturgie, zum karitativen Einsatz, zu den pastoralen und sogar zu den administrativen Verpflichtungen, müsse sich dieser immer wieder fragen: Wo ist mein Herz verankert? Eine Frage, die sich auch auf das Hochfest bezieht, das die Kirche an diesem Freitag feiert: Das Heiligste Herz Jesu. „Jesus hat nur zwei Schätze: den Vater und uns“, so der Papst. „Seine Tage verliefen zwischen dem Gebet zum Vater und der Begegnung mit den Menschen. Begegnung mit den Menschen – nicht Abstand. Auch das Herz des Hirten Christi kennt nur zwei Richtungen: den Herrn und die Menschen. Das Herz des Priesters ist ein von der Liebe des Herrn durchbohrtes Herz. Deshalb schaut er nicht mehr auf sich selbst (er sollte nicht mehr auf sich selbst schauen), sondern ist Gott und den Mitmenschen zugewandt.“

Franziskus ging von drei Handlungen aus, die er den Priestern mit auf den Weg geben wollte: Suchen, Einbeziehen und Sich Freuen.

Suchen:

Der Prophet Ezechiel habe daran erinnert, dass Gott selber seine Schafe suche. Unermüdlich, ohne sich „Überstunden bezahlen zu lassen“, wie Franziskus salopp sagte, suche Gott nach seinen Schafen und sein Herz sei erst ruhig, wenn er sie gefunden habe. „Das ist das suchende Herz: Es ist ein Herz, das Zeiten und Räume nicht „privatisiert“ – wehe den Hirten, die ihren Dienst privatisieren! –, nicht eifersüchtig über seine legitime Ruhe wacht und niemals den Anspruch erhebt, nicht gestört zu werden … Der Hirt, der Jesus gemäß ist, besitzt ein Herz, das frei ist, die eigenen Dinge loszulassen…Er ist ein Hirte, nicht ein Inspekteur der Herde, und widmet sich seiner Sendung nicht fünfzig- oder sechzigprozentig, sondern mit seinem ganzen Sein. Wenn er auf die Suche geht, findet er, und er findet, weil er riskiert. Wenn der Hirte nichts riskiert, findet er auch nichts…“

Einbeziehen:

Christus liebe und kenne seine Schafe, für sie gebe er sein Leben hin und keines sei ihm fremd. So ist auch der Priester Christi: „Niemanden verachtet er, sondern für alle ist er bereit, sich die Hände schmutzig zu machen. Der gute Hirte hat keine Handschuhe an! Als Diener der Communio, der Gemeinschaft, die er zelebriert und die er lebt, erwartet er nicht den Gruß und die Komplimente der anderen, sondern reicht als Erster die Hand und verwirft Tratsch, Urteile und Gift. Geduldig hört er die Probleme an und begleitet die Schritte der Menschen, indem er mit großherzigem Mitgefühl die göttliche Vergebung spendet. Er schimpft den nicht aus, der den Weg verlässt oder verliert, sondern ist immer bereit, wieder einzugliedern und Streit zu schlichten. Ein Mann, der andere einzubeziehen weiß.“

Sich freuen:

Gott ist „voll Freude“ (Lk 15,5), so Franziskus. Die Freude Jesu, des Guten Hirten, sei keine Freude über sich, sondern eine Freude über die anderen und mit den anderen, die wahre Freude der Liebe. Das sei auch die Freude des Priesters.

„Er wird verwandelt durch die Barmherzigkeit, die er gegenleistungsfrei erweist. Gegenleistungsfrei! Im Gebet entdeckt er den Trost Gottes und erfährt, dass nichts stärker ist als seine Liebe. Darum ist er innerlich ausgeglichen und ist glücklich, ein Kanal der Barmherzigkeit zu sein und den Menschen dem Herzen Gottes nahezubringen. Traurigkeit ist für ihn nicht normal, sondern vorübergehend; Härte ist ihm fremd, denn er ist ein Hirte gemäß dem milden Herzen Gottes.“

Mit diesen Worten schloss Papst Franziskus seine Predigt. Mit der Messe auf dem Petersplatz endete die dreitägige Versammlung zum Heiligen Jahr der Priester in Rom. Rund 6.000 Priester und Seminaristen waren am Mittwoch nach Rom gekommen, um die Heilige Pforte zu durchschreiten, mit dem Papst Exerzitien zu feiern, zu beichten und zu beten und Kraft zu tanken.

(rv 03.06.2016 cz)