Vatikan: Ältestes Kruzifix wird zum Denkmal des Jubiläums

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Das älteste Kruzifix in St. Peter

Wenn am 20. November das Heilige Jahr zu Ende gehen wird, soll im Petersdom zur „Erinnerung“ an dieses außerordentliche Jubiläumsjahr das älteste Kruzifix von St. Peter für alle Gläubigen wieder sichtbar angebracht werden. Das kündigte an diesem Freitag der Erzpriester der vatikanischen Basilika an, Kardinal Angelo Comastri. Er stellte der Presse das frisch restaurierte Kruzifix vor. 15 Monate lang haben die Arbeiten gedauert, rund 60.000 Euro hat das Ganze gekostet, so Kardinal Comastri.

„Es handelt sich um ein hölzernes Kruzifix, der aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von Dante Alighieri, und ist bei weitem das älteste Kreuz dieser Größe, das wir hier im Petersdom haben“, so der Erzpriester von St. Peter. Doch in den vergangenen achtzig Jahren war es an einer „ungünstigen“ Stelle platziert, abseits von der Öffentlichkeit. Davor stand ein Aufzug, den nur die Päpste und ihre Begleiter benützten und immer noch exklusiv verwenden. Das Kruzifix ist über 2,15 Meter groß und ist aus dem Stamm eines Nussbaumes erstellt worden. Doch trotz verschiedener Restaurierungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte befand es sich in einem ziemlich schlechten Zustand, wie die Restauratorin Lorenza D’Alessandro erläutert. „Wir mussten jede einzelne Schicht mit speziellen Lasergeräten entfernen“, sagt sie bei der Vorstellung des „neuen“ Kruzifixes. Die Arbeiten fanden im Kapitelsaal der Sakristei von St. Peter statt, wo das frisch restaurierte Kreuz auch der Presse vorgestellt wurde.

„Das Kruzifix wird dann erstmals am 6. November zum Anlass des Gottesdienstes mit dem Papst für das Jubiläumsjahr der Gefängnisinsassen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Gerade für die Gefängnisinsassen als Pilger in St. Peter wird das ein besonderes Zeichen der Hoffnung und eine Botschaft der Barmherzigkeit sein“, so Kardinal Comastri. Übrigens, Franziskus selber hat das Kreuz noch nicht gesehen und wird es wie die Pilger erst am 6. November sehen.

Danach soll es als „Denkmal für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in der Sakramentskapelle – also unmittelbar neben dem Grabmal des heiligen Papstes Johannes Paul II. – aufgestellt werden. „Der Pilger, der in jene Seitenkapelle zum Beten kommt, wird dann als erstes den Anblick des Gekreuzigten sehen“, fügt der Erzpriester an.

(rv 28.10.2016 mg)

Es gibt keinen verlorenen Menschen

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Rembrandt; Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (um 1666/1669); Öl auf Leinwand; St. Petersburg, Eremitage.

Ansprache von Papst Franziskus
beim Angelusgebet am 11. September

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

In der heutigen Liturgie hören wir das 15. Kapitel des Lukasevangeliums, das als das Kapitel der Barmherzigkeit angesehen wird und drei Gleichnisse enthält, mit denen Jesus auf die Empörung der Schriftgelehrten und Pharisäer antwortet. Sie kritisieren sein Verhalten und sagen: »Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen« (V. 2). Mit diesen drei Erzählungen gibt Jesus uns zu verstehen, dass Gott, der Vater, der Erste ist, der gegen­über den Sündern eine einladende und barmherzige Haltung einnimmt. Das ist Gottes Haltung. Im ersten Gleichnis wird Gott als Hirte vorgestellt, der die neunundneunzig Schafe zurücklässt, um sich auf die Suche nach dem einen verlorenen zu machen. Im zweiten wird er mit einer Frau verglichen, die ein Geldstück verloren hat und es sucht, bis sie es findet. Im dritten Gleichnis wird Gott als Vater vorgestellt, der den Sohn aufnimmt, der in die Ferne gegangen war; die Gestalt des Vaters zeigt das Herz Gottes, des barmherzigen Gottes, das in Jesus offenbar wird.

Ein diesen Gleichnissen gemeinsames Element ist jenes, das in den Verben zum Ausdruck kommt, die eine gemeinsame Freude, das Feiern eines Festes bezeichnen. Nicht von Trauer ist die Rede. Man freut sich, man feiert ein Fest. Der Hirt ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: »Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war« (V. 6); die Frau ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen und sagt: »Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte« (V. 9); der Vater sagt zum anderen Sohn: »Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden« (V. 32). In den ersten beiden Gleichnissen liegt der Akzent auf einer Freude, die so groß ist, dass sie mit »Freunden und Nachbarn« geteilt werden muss. Im dritten Gleichnis liegt er auf dem Fest, das vom Herzen des barmherzigen Vaters ausgeht und sich auf sein ganzes Haus ausweitet. Dieses Fest Gottes für jene, die reuig zu ihm zurückkehren, steht mehr denn je mit dem Jubeljahr in Einklang, das wir leben, wie der Begriff »Jubel« selbst besagt.

Mit diesen drei Gleichnissen stellt uns Jesus das wahre Antlitz Gottes vor: das Antlitz eines Vaters mit offenen Armen, der die Sünder voll Zärtlichkeit und Mitleid behandelt. Das Gleichnis, das am meisten bewegt – es bewegt alle –, weil es die unendliche Liebe Gottes offenbart, ist das Gleichnis vom Vater, der den wiedergefundenen Sohn an sich drückt und umarmt. Und was beeindruckt, ist nicht so sehr die traurige Geschichte eines jungen Mannes, der in den Verfall stürzt, sondern es sind dessen entscheidende Worte: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen« (V. 18).

Der Weg der Rückkehr nach Hause ist der Weg der Hoffnung und des neuen Lebens. Gott wartet immer darauf, dass wir uns erneut auf den Weg machen, er erwartet uns geduldig, er sieht uns, wenn wir noch weit weg sind, er läuft uns entgegen, er umarmt uns, er küsst uns, er vergibt uns. So ist Gott! So ist unser Vater! Und seine Vergebung löscht das Vergangene aus und lässt uns neu in der Liebe geboren werden. Er vergisst das Vergangene: das ist die Schwäche Gottes. Wenn er uns umarmt und vergibt, verliert er das Gedächtnis, er erinnert sich nicht! Er vergisst das Vergangene. Wenn wir Sünder umkehren und uns wieder von Gott finden lassen, erwarten uns weder Tadel noch Härten, da Gott rettet, voll Freude in seinem Haus aufnimmt und ein Fest feiert. Jesus selbst sagt es so im heutigen Evangelium: »Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren« (Lk 15,7). Und ich frage euch: Habt ihr je daran gedacht, dass jedes Mal, wenn wir zur Beichte gehen, im Himmel Freude herrscht und ein Fest gefeiert wird? Habt ihr daran gedacht? Das ist schön.

Das schenkt uns große Hoffnung, da es keine Sünde gibt, in die wir gefallen sind, aus der wir uns mit Gottes Gnade nicht wieder aufrichten können; es gibt keinen unwiederbringlich verlorenen Menschen, keiner ist unwiederbringlich verloren! Denn Gott hört nie auf, unser Wohl zu wollen, auch wenn wir sündigen! Und die Jungfrau Maria, Zuflucht der Sünder, lasse in unseren Herzen das Vertrauen aufkeimen, das im Herzen des verlorenen Sohnes entbrannte: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt« (V. 18). Auf diesem Weg können wir Gott Freude schenken, und seine Freude kann zu seinem und zu unserem Fest werden.


Die Sorge Jesu für die Menschen

Vatikanstadt. In der Generalaudienz am Mittwoch, 14. September, forderte Papst Franziskus die Gläubigen auf, dem Herrn nachzufolgen und von ihm zu lernen. Ein Mitarbeiter der deutschsprachigen Abteilung des Staatssekretariats trug folgende Zusammenfassung vor:

Liebe Brüder und Schwestern, ein besonderer Ausdruck der Güte Gottes ist die Sorge Jesu für die Menschen, die schwere Mühsal zu tragen haben. Er lädt sie ein, ihm zu folgen, damit sie bei ihm Ruhe finden (vgl. Mt 11,28ff). Mit der Aufforderung »Kommt alle zu mir« wendet sich Jesus an die Niedergeschlagenen, die Armen und Kleinen, die nichts haben außer ihr Vertrauen in Gottes Hilfe und Barmherzigkeit. Wer sich zum Herrn bekehrt und ihm nachfolgt, erhält die Verheißung, dass er Trost und Stärke für sein ganzes Leben findet. »Nehmt mein Joch auf euch« verweist auf das enge Band zwischen Gott und seinem Volk, auf die Unterwerfung unter den Willen Gottes und sein Gesetz. Jesus spricht von seinem Joch: Er ist die Erfüllung des Gesetzes, durch seine Person erkennen wir Gottes Willen und durch ihn treten wir in Gemeinschaft mit Gott. Die dritte Aufforderung »Lernt von mir« besagt, den Weg der Nachahmung Jesu zu gehen. Der Herr ist ein Lehrer, der sich selbst demütig und klein gemacht hat. Weil er das Leiden und die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat, weil er als Erster das Joch getragen hat, ist sein Joch für uns leicht. Jesus enttäuscht unsere Hoffnung nicht. Wir müssen jedoch lernen, von seiner Barmherzigkeit zu leben, um selber zu einem Werkzeug der Barmherzigkeit zu werden.

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Quelle: Osservatore Romano 37/2016

Siehe auch:

In voller Länge: Die Papstrede in Assisi

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Das Kirchlein in der Kirche: Portiuncula in Assisi

 

Wir dokumentieren hier in voller Länge und offizieller Übersetzung die Ansprache von Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi vom 4. August 2016.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

ich möchte heute gerne zu allererst an die Worte erinnern, die der heilige Franziskus nach einer alten Überlieferung genau hier vor dem ganzen Volk und den Bischöfen gesprochen hat: „Ich will euch alle ins Paradies schicken!“ Was konnte der Poverello [wörtlich: der kleine Arme, ein in Italien gebräuchlicher Übername für den Heiligen] von Assisi Schöneres verlangen als das Geschenk des Heiles, des ewigen Lebens mit Gott und der Freude ohne Ende, die Jesus uns mit seinem Tod und seiner Auferstehung erworben hat?

Und außerdem, was ist denn das Paradies, wenn nicht jenes Geheimnis der Liebe, die uns für immer mit Gott verbindet, damit wir ihn ohne Ende betrachten können? Die Kirche bekennt von jeher diesen Glauben, wenn sie sagt, dass sie an die Gemeinschaft der Heiligen glaubt. Wir sind mit unserem Leben aus dem Glauben nie allein; die Heiligen und die Seligen leisten uns Gesellschaft wie auch unsere Lieben, die in Einfachheit und Freude den Glauben gelebt und in ihrem Leben bezeugt haben. Es gibt eine unsichtbare, aber deshalb nicht weniger wirkliche Verbindung, die uns „ein Leib“ sein lässt kraft der einen Taufe, die wir empfangen haben, beseelt von dem „einen Geist“ (vgl. Eph 4,4). Vielleicht hatte der heilige Franziskus, als er von Papst Honorius III. die Gabe des Ablasses für diejenigen erbat, die zur Portiuncula kamen, diese Worte Jesu an seine Jünger im Sinn: » Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: „Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten“? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin « (Joh 14,2-3).

Die Vergebung ist sicherlich der Hauptweg, dem man folgen muss, um an jenen Platz im Paradies zu gelangen. Und hier bei der Portiuncula spricht alles von Vergebung! Welch großes Geschenk hat uns der Herr gemacht, als er uns das Vergeben lehrte, um uns die Barmherzigkeit des Vaters mit Händen greifen zu lassen! Wir haben gerade das Gleichnis gehört, mit dem Jesus uns anwies, zu vergeben (vgl. Mt 18,21-35). Warum sollten wir einem Menschen vergeben, der uns Böses angetan hat? Weil zuerst einmal uns vergeben worden ist, und unendlich viel mehr. Das Gleichnis sagt uns genau das: Wie Gott uns vergibt, so müssen auch wir dem vergeben, der uns Böses antut. Gerade so wie in dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, im Vaterunser, wenn wir sagen: » Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben « (Mt 6,12). Die Schulden sind unsere Sünden vor Gott, und unsere Schuldner sind die, denen auch wir vergeben müssen.

Jeder von uns könnte jener Diener des Gleichnisses sein, der eine große Schuld zu begleichen hat, die aber so groß ist, dass er es niemals schaffen könnte. Wenn wir im Beichtstuhl vor dem Priester niederknien, tun auch wir nichts anderes, als dieselbe Geste des Dieners zu wiederholen: „Herr, hab Geduld mit mir.“ Wir wissen nämlich genau, dass wir voller Fehler sind und oft in dieselben Sünden zurückfallen. Und doch wird Gott nicht müde, uns immer seine Vergebung anzubieten, jedes Mal, wenn wir darum bitten. Es ist eine volle, allumfassende Vergebung, mit der er uns die Gewissheit gibt, dass er, obwohl wir in dieselben Sünden zurückfallen können, Erbarmen mit uns hat und nicht aufhört, uns zu lieben. Wie der Herr aus dem Gleichnis, so erbarmt sich Gott, das heißt es überkommt ihn ein Gefühl des Mitleids verbunden mit zärtlicher Liebe: Es ist ein Ausdruck, um seine Barmherzigkeit uns gegenüber zu bezeichnen. Unser Vater erbarmt sich nämlich immer, wenn wir Reue empfinden, und er lässt uns mit ruhigem und ungetrübtem Herzen nach Hause zurückkehren, weil er uns sagt, dass er uns alles erlassen und alles vergeben hat. Die Vergebung Gottes kennt keine Grenzen; sie überschreitet all unsere Vorstellungen und erreicht jeden, der zutiefst in seinem Herzen zugibt, dass er einen Fehler begangen hat, und zu Gott zurückkehren möchte. Gott schaut auf das Herz, das um Vergebung bittet.

Das Problem entsteht leider, wenn wir anfangen, uns mit einem Mitmenschen zu vergleichen, der uns ein kleines Unrecht zugefügt hat. Die Reaktion, die wir im Gleichnis gehört haben, ist sehr aussagekräftig: » Er packte ihn, würgte ihn und rief: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ « (Mt 18,28). In dieser Szene begegnen wir dem ganzen Drama unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn wir den anderen etwas schulden, beanspruchen wir Barmherzigkeit; wenn wir dagegen eine Schuldforderung haben, rufen wir nach Gerechtigkeit! Das ist nicht die Reaktion des Jüngers Christi und das kann nicht der Stil christlichen Lebens sein. Jesus lehrt uns, zu vergeben und es ohne Grenzen zu tun: » Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal « (V. 22). Kurzum, was er uns vorschlägt, ist die Liebe des Vaters, nicht unsere Forderung nach Gerechtigkeit. Bei ihr stehenzubleiben, würde uns nämlich nicht als Jünger Christi qualifizieren, die unter dem Kreuz einzig dank der Liebe des Gottessohnes Barmherzigkeit empfangen haben. Vergessen wir also nicht die harten Worte, mit denen das Gleichnis schließt: » Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt « (V. 35).

Liebe Brüder und Schwestern, die Vergebung, für die der heilige Franziskus sich zum „Kanal“ gemacht hat, fährt hier an der Portiuncula noch nach acht Jahrhunderten weiter fort, „Paradies zu erzeugen“. In diesem heiligen Jahr der Barmherzigkeit wird noch deutlicher, wie der Weg der Vergebung die Kirche und die Welt wirklich erneuern kann. Die Barmherzigkeit in der Welt von heute zu bezeugen, ist eine Aufgabe, der sich keiner von uns entziehen kann. Die Welt braucht Vergebung; zu viele Menschen leben eingeschlossen im Groll und hegen Hass, weil sie unfähig sind zu vergeben. Und so verderben sie ihr eigenes Leben und das anderer, anstatt die Freude der Unbeschwertheit und des Friedens zu finden. Bitten wir den heiligen Franziskus, dass er Fürbitte für und einlege, damit wir nie aufgeben, demütige Zeichen der Vergebung und Werkzeuge der Barmherzigkeit zu sein.

(rv 04.08.2016 gs)

Opus Dei: Brief des Prälaten (Juli 2016)

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„Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude“, sagt Bischof Echevarria in seinem Brief, indem er einen Ausdruck des Heiligen Vaters wiederholt. Und er lädt uns dazu ein, dass geistige Werk der Barmherzigkeit „die Trauernden zu trösten“ in die Tat umzusetzen.

Ihr Lieben: Jesus möge meine Töchter und Söhne beschützen!

Im Laufe dieser Monate bemühen wir uns, die Werke der Barmherzigkeit in die Mitte unseres Lebens zu stellen. Wir wollen heute eins dieser Werke betrachten, auf das sich Jesus Christus ausdrücklich bezieht, wenn er den christlichen Weg der Seligpreisungen beschreibt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“[1]

Es handelt sich um ein Werk der Barmherzigkeit, das – wie die Vergebung von Beleidigungen – uns Gott ähnlicher macht, uns ihn nachahmen lässt. Schon im Alten Testament hatte Gott angekündigt: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“[2] Beim letzten Abendmahl verspricht Jesus diesen Trost auf vollkommene Weise, indem er den Heiligen Geist verspricht, die göttliche Person, der als personifizierte Liebe die Aufgabe zukommt, die Christen in ihren Schmerzen zu trösten und die Bedrückten in allen Schwierigkeiten zu stärken.

Meine Kinder, wenn wir uns die Lage der Welt vor Augen führen, stellen wir fest, dass viele Menschen weinen und leiden. Die vom Krieg ausgelösten Dramen verursachen große Katastrophen, die uns nicht gleichgültig lassen können; das Aufkommen der Migranten und himmelschreiende Ungerechtigkeiten verursachen viele Tränen. Ich denke besonders an jene, die leiden, weil sie ihren Glauben unter Einsatz ihres Lebens verteidigen.

Wenn ich Eure Briefe lese oder mich mit Euch unterhalte, teile ich von ganzem Herzen Eure Freuden und auch Eure Leiden und Schmerzen. Wie viele Familien leiden sehr, weil ein Familienmitglied sich von Gott entfernt hat oder weil sie einen Kranken leiden sehen und seine Schmerzen nicht lindern können. Wir leben mitten in der Welt und daher ist es nur logisch, dass die heutigen Dramen – die Geißel der Drogen, die Krise der Familie, die Kälte des Individualismus, die Wirtschaftskrise – uns ganz unmittelbar berühren.

Angesichts dieser Wirklichkeit dürfen wir nicht traurig werden. Wir können sicher sein: Wenn wir mit dem Herzen Jesu vereint bleiben, werden wir getröstet, nicht erst im ewigen Leben. Schon hier auf der Erde bietet uns der Herr den Trost durch seine Nähe. Wie ein liebevoller Vater lässt er uns niemals alleine. Wie uns immer der hl. Josefmaria gelehrt hat, liegt die Wurzel der übernatürlichen Freude der Christen im Bewusstsein unserer Gotteskindschaft. „Die Sicherheit der Kinder Gottes zu wissen, dass wir nie alleine sind, weil er immer bei uns ist, schenkt mir ungeheuren Trost. Rührt Euch nicht diese zärtliche Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die ihre Geschöpfe niemals im Stich lässt?“[3]

In den ersten Zeiten des Christentums war das Beispiel unserer Vorfahren, der ersten getauften Gläubigen, einer der Gründe für die Bekehrung der heidnischen Welt. Sie verloren nicht die übernatürliche Freude angesichts der Strafen und Verfolgungen, die sie aus Liebe zu Christus erlitten. In der Apostelgeschichte wird ausdrücklich erzählt, wie die Apostel, nachdem sie wegen der Verkündigung des Evangeliums ausgepeitscht worden waren, „vom Hohen Rat weggingen und sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“[4].

Auch heute muss die übernatürliche und menschliche Freude derer, die Christus nachfolgen, selbst inmitten der größten Widerwärtigkeiten, wie ein Magnet sein, der jene anzuziehen vermag, die in Traurigkeit oder Verzweiflung eingetaucht leben, weil sie nicht wissen, wie sehr sie Gott liebt. „Der Christ lebt in der Freude und im Staunen über die Auferstehung Jesu Christi. Wie wir im ersten Brief des heiligen Petrus lesen (1, 3-9), kann niemand uns die Freude darüber, was Gott in uns gewirkt hat, nehmen, auch wenn wir durch Prüfungen bedrängt werden … Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude: die Freude des Evangeliums, die Freude, durch Jesus erwählt zu sein, durch Jesus gerettet zu sein, durch Jesus erneuert zu sein. Die Freude, aus der Hoffnung, dass Jesus uns erwartet, die Freude – selbst in den Kreuzen und in den Leiden dieses Lebens –, die sich auf andere Weise ausdrückt: sie ist der Frieden aus der Sicherheit, dass Jesus uns begleitet, dass er an unserer Seite ist. Im Chris­ten wächst diese Freude mit dem Vertrauen auf Gott.“[5]

Auf der Grundlage der göttlichen Tugenden des Glaubens und der Hoffnung versteht man die Sicherheit, mit der unser Vater zum Ausdruck brachte, dass „die Freude ein christliches Gut ist, das wir solange besitzen, wie wir kämpfen, denn sie ist Frucht des Friedens …“[6] und „hat ihre Wurzeln in Kreuzform“[7].

Ein Christ, der sich als Kind Gottes weiß, dürfte sich nicht von Traurigkeit einschüchtern lassen. Er kann zwar an Leib und Seele leiden. Aber selbst dann verleiht ihm das in ihm durch das Handeln des Heiligen Geistes hervorgerufene Bewusstsein seiner Gotteskindschaft neue Kräfte, um semper in laetitia! voranzukommen. Der hl. Josefmaria erteilte den folgenden Ratschlag: „Solange wir beharrlich kämpfen, schreiten wir auf unserem Weg fort, und wir heiligen uns. Die Heiligen mussten ausnahmslos hart kämpfen. Unsere Fehler dürfen uns nicht in Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fallen lassen. Denn die Traurigkeit kann vom Stolz oder von der Müdigkeit verursacht werden. In beiden Fällen findet jedoch derjenige, der sich an den Guten Hirten wendet und mit Klarheit redet, das passende Heilmittel. Es gibt immer eine Lösung, selbst wenn jemand eine überaus schwere Verfehlung begangen hätte![8]

Das sichere Mittel, um die Traurigkeit zu meiden oder um sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, besteht darin, vor dem Tabernakel Jesus das Herz zu öffnen, und ebenso demjenigen, der als Jesu Werkzeug auf den unwegsamen Wegen des geistlichen Lebens Orientierung bietet. Wir sollen uns den Ratschlag des hl. Josefmaria stets vor Augen führen und ihn in die Tat umsetzen: „Erhebt das Herz zu Gott, wenn sich der harte Augenblick des Tages einstellt, wenn sich die Traurigkeit in unser Herz einschleichen will, wenn wir die Last der Arbeit spüren. Dann sollen wir sagen: miserere mei Domine, quoniam ad te clamavi tota die: laetifica animam servi tui, quoniam ad te Domine anima meam levavi (Psalm 86 (85) 3–4): Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr! Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; denn ich erhebe meine Seele zu dir.[9]

Was für eine wunderbare Arbeit verrichten die Christen, wenn sie Menschen trösten, die sich wegen einer kleinen oder großen Widrigkeit, die ihnen den Frieden raubt, quälen! Über die Gebete hinaus, die sie für sie sprechen, tut es not, eine herzliche Annahme zu fördern. Denn viele Menschen suchen lediglich jemanden, der ihnen geduldig zuhört, wenn sie von ihrem Leiden erzählen. Wie vielen traurigen Gesichtern begegnen wir auf unserem irdischen Weg, weil niemand diese Menschen gelehrt hat, sich dem Herrn zu überlassen! Mit wie viel brüderlichem Trost sollen wir sie annehmen! „Wie viele Tränen werden vergossen in jedem Augenblick in der Welt – eine verschieden von der anderen –, und zusammen bilden sie gleichsam einen Ozean der Trübsal, der nach Erbarmen, Mitleid und Tröstung ruft. Die bittersten sind die, welche von der menschlichen Bosheit verursacht werden: die Tränen dessen, dem ein geliebter Mensch gewaltsam entrissen wurde; Tränen von Großeltern, von Müttern und Vätern, von Kindern (…). Wir brauchen Barmherzigkeit, wir brauchen den Trost, der vom Herrn kommt. Wir alle brauchen ihn; das ist unsere Armut, aber auch unsere Größe: den Trost Gottes zu erflehen, der mit seiner zärtlichen Liebe kommt, um die Tränen von unserem Gesicht abzuwischen“[10]

So verfuhr der Herr in seinem Leben inmitten der Menschen. Von seiner Barmherzigkeit bewegt, hielt er auf seinem Weg, um die Witwe von Naim zu trösten, die den Tod ihres einzigen Sohnes beweinte. Auf dieselbe Art und Weise verhielt er sich gegenüber Marta und Maria in Bethanien, die wegen des Tods ihres Bruders Lazarus betrübt waren. Ebenfalls weinte er über das Schicksal, das die Stadt Jerusalem ereilen sollte.[11] Zu Beginn seiner Passion litt er am Ölberg so sehr, dass er Blut schwitzte und zuließ, das ein Engel – eine Kreatur – ihm Trost spendete (vgl. Lk 22, 39-46). Kann es einen größeren Beweis für sein Menschsein geben, als dass er den Trost zulässt, die Kraft, die uns jemand anderes gibt, um unsere Niedergeschlagenheit, unsere Schwäche, unsere Verzagtheit zu überwinden?[12]

Wir wollen den Schritten Jesu folgen und diejenigen trösten, die des Trostes bedürfen. Dies gehört zum innersten Kern der christlichen Geisteshaltung. Mit folgendem, später von vielen Generationen wiederholtem Gebet wandte sich Franz von Assisi an den Herrn: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen. Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen. Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen. Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen. Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen. Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen. Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen. Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen“[13].

Am 22. des Monats werden wir Maria Magdalena gedenken. Vor wenigen Tagen hat der Papst ihren liturgischen Gedenktag zum Fest erhoben. Ihre Tränen aus Reue haben sämtliche Verfehlungen ihres vergangenen Lebens gelöscht. Sie erlaubten ihr, sich später dem Herrn in seinem Leiden anzuschließen wie sonst keine andere der heiligen Frauen – selbstverständlich mit Ausnahme der Gottesmutter. Wenden wir uns an die Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, in allen unseren Nöten. Sie ist Trösterin der Betrübten, Zuflucht der Sünder, Hilfe der Christen. Sie hört nicht auf, uns zu beschützen. „Mutter! – Rufe es laut, laut. – Sie hört dich, sieht dich vielleicht bedroht, und sie – deine heilige Mutter – bietet dir mit der Gnade ihres Sohnes ihre mütterliche Hilfe, ihre liebende Zärtlichkeit an: dann bist du gestärkt zu neuem Kampfe“[14].

Beten wir weiter für den Papst und seine Anliegen. Wir wollen ihn auf seiner apostolischen Reise nach Polen aus Anlass des Weltjugendtages in Krakau geistlich begleiten.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Aix-en-Provence


[1]Mt 5.4

[2]Is 66, 13

[3]Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, 143

[4]Apg 5, 41

[5]Papst Franziskus, Homilie in Santa Marta, 23.5. 2016

[6]Im Feuer der Schmiede, 105

[7]Im Feuer der Schmiede, 28

[8]Hl. Josefmaria, Brief 28.3.1955, Nr. 25.

[9]Hl. Josefmaria, Brief 9.1.1932, Nr. 15.

[10]Papst Franziskus, Gebetswache „um die Tränen zu trocknen“, 5.5.2016.

[11]Vgl. Lk 7, 11-13; Joh 11, 17 ff.; Lk 19, 41-44.

[12]Hl. Josefmaria, Brief 29.9.1957, Nr. 34.

[13]Dem hl. Franz von Assisi zugeschriebenes Friedensgebet.

[14]Hl. Josefmaria, Der Weg, 516.

„Sauerteig für eine gerechtere und solidarische Gesellschaft“

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Außerordentliche Generalaudienz, 30. Juni 2016

Zusammenfassung der außerordentlichen
Generalaudienz von Donnerstag, dem 30. Juni 2016

In seiner Katechese während der heutigen Sonderaudienz im Rahmen des Jubiläumsjahres erinnerte Papst Franziskus daran, dass die Barmherzigkeit kein abstraktes Wort, sondern einen Lebensstil bezeichne. Alle seien heute zu einer Gewissenprüfung aufgefordert. Jedem werde besondere Aufmerksamkeit abverlangt, das Leiden und die Not des Nächsten zu bemerken. Heuchelei und Gleichgültigkeit hingegen ließen die Seele unempfindlich und das Leben steril werden. Die barmherzigen Werke bezeichnete der Papst als konkrete Zeugnisse des Glaubens. Im Angesicht des materiellen oder spirituellen Leids sei jeder aufgerufen, die Not zu erleichtern. In unserer globalisierten Welt sei Phantasie erforderlich, um für die vielfältigen Probleme eine Lösung zu finden. Im Leid und in der Not unserer Mitmenschen sei Jesus.

Papst Franziskus erinnerte während der Audienz an seine Reise nach Armenien und sprach nochmals seinen Dank aus. Er kündigte bereits seine beiden nächsten Reisen in den Kaukasus an, nach Georgien und nach Aserbaidschan. Beide Länder hätten antike christliche Wurzeln, die mit der Reise gewürdigt werden sollten, so Papst Franziskus. Beide Reisen stünden außerdem im Zeichen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Als Christen sei wir aufgerufen, unser brüderliches Bündnis zu stärken.

Papst Franziskus ermutigte abschließend die jungen Menschen, dem Glauben Raum in ihrem Leben zu geben, die Kranken, mit ihrem Leid den anderen die Möglichkeit zu geben, der Liebe Jesu zu begegnen, und die Jungverheirateten, Erzieher und Glaubensbeispiele für ihre Kinder zu sein.

Die heutige Audienz war die letzte Sonderaudienz vor der Sommerpause. Im Juli werden auch die Generalaudienzen am Mittwoch entfallen.

Wir übernehmen im Folgenden die offizielle deutsche Zusammenfassung der Katechese.  Der Volltext ist hier in einer eigenen Übersetzung abrufbar.

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Liebe Brüder und Schwestern,

man kann viel über Barmherzigkeit sprechen; wichtiger ist es, die Barmherzigkeit zu leben. In Anlehnung an ein Wort aus dem Jakobusbrief (vgl. 2,17) können wir sagen: Die Barmherzigkeit für sich allein ist tot, wenn sie nicht Werke vorzuweisen hat. Was die Barmherzigkeit lebendig macht, ist die fortwährende Dynamik des Zugehens auf die Menschen, die sich in geistlicher oder materieller Not befinden. Die Barmherzigkeit hat Augen, um hinzusehen; Ohren, um zuzuhören; Hände, um wieder aufzurichten. Der Alltag gibt uns vielfältige Gelegenheiten, die Bedürfnisse der Armen und Leid Tragenden mit Händen zu greifen. Es bedarf der Aufmerksamkeit unsererseits, um zu erkennen, was den Mitmenschen Not tut. Wer im eigenen Leben die Barmherzigkeit des Vaters erfahren hat, kann nicht gefühllos gegenüber den Nöten der Geschwister sein. In unserer globalisierten Welt gibt es viele Formen materieller und spiritueller Not, die uns einladen, nach neuen Weisen der Hilfe zu suchen.

Der Heilige Vater hat zudem über seine Reise nach Armenien gesprochen. Papst Franziskus dankt den Verantwortlichen und dem ganzen armenischen Volk für die Gastfreundschaft, mit der er als Bruder im Glauben und Pilger des Friedens empfangen wurde. Armenien ist das erste Volk, welches im vierten Jahrhundert das Christentum als Religion angenommen hat; und diesen Glauben hat es im Laufe seiner Geschichte immer wieder mit dem Martyrium bezeugt. Der Besuch des Heiligen Vaters will ein Zeichen sein – genauso wie seine geplante Reise nach Georgien und Aserbaidschan im September –, die Gemeinschaft unter den Christen zu stärken, damit sie im Zeugnis für Christus Sauerteig für eine gerechtere und solidarische Gesellschaft sind. Dies geschehe in einem Geist des Dialogs mit den anderen Kulturen und Religionen, um Hoffnung zu stiften und neue Wege des Friedens zu eröffnen.

[Für die deutschsprachigen Pilger wurden folgende Grußworte auf Italienisch verlesen:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Die Sommerzeit gibt vielen von euch eine Gelegenheit des Urlaubs und der Erholung. Vergessen wir nicht in dieser Zeit unsere menschlichen Beziehungen zu pflegen und die Barmherzigkeit zu leben. Damit erfahren auch wir Momente der Stärkung und der Ermunterung. Der Heilige Geist begleite euch auf euren Wegen!

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle

Weltweite Spendenkampagne nach Aufruf von Papst Franziskus

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„Mit ,Kirche in Not‘ Werke der Barmherzigkeit tun“

Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hat eine Kampagne gestartet, um Menschen auf der ganzen Welt zu Taten der Barmherzigkeit anzuspornen. Unter dem Leitwort „Be God‘s Mercy“ („Sei Gottes Barmherzigkeit“) ruft das Hilfswerk zu Solidarität mit notleidenden Christen auf. Die Kampagne läuft bis 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franziskus. Am Namenstag des Papstes sollen ihm erste Ergebnisse präsentiert werden.

Auslöser für die Kampagne war eine Videobotschaft von Franziskus. Dieser hatte beim Besuch einer Delegation von „Kirche in Not“ die Arbeit des Hilfswerks gewürdigt. Ausdrücklich erteilte er den Auftrag, das Werk des Gründers von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, fortzusetzen, „der zu seiner Zeit die Vision hatte, auf der ganzen Welt diese Zeichen der Nähe, der Annäherung, der Güte, der Liebe und der Barmherzigkeit zu setzen“. Alle Gläubigen lud der Papst ein, „mit ,Kirche in Not‘ auf der ganzen Welt Werke der Barmherzigkeit zu tun, und zwar bleibende Werke der Barmherzigkeit.“ Auch zum Auftakt der Kampagne gewährte der Papst Verantwortlichen des Hilfswerks eine Audienz. „Ich danke Ihnen für das, was Sie tun! Diese Kampagne muss auch in Zukunft weitergehen, damit die Barmherzigkeit die Welt verändert“, sagte Franziskus.

Bei einer Pressekonferenz am Sitz von Radio Vatikan erläuterte der Präsident der päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, Mauro Kardinal Piacenza, die Worte des Papstes seien eine „Enthusiasmus-Spritze“ für die Arbeit des Hilfswerks. Es ist mittlerweile in über 140 Ländern weltweit tätig. „,Kirche in Not‘ muss immer bereit sein, dort einzugreifen, wo die Kirche leidet“, sagte Piacenza. Auch gelte es, „das pastorale Profil“ des Hilfswerks nicht zu vergessen. Denn diese geistliche Ausrichtung verbinde, „die Menschen, die Hilfe bekommen, mit denen, die Hilfe geben“.

Der Generalsekretär von „Kirche in Not“, Philipp Ozores, berichtete, der Papst habe ihm bei der Audienz erzählt, dass er selbst die Unterstützung des Hilfswerks erfahren habe: während seines Promotionsstudiums und in seiner Arbeit als Erzbischof von Buenos Aires. „Die Ermutigung von Papst Franziskus gibt uns Rückenwind, Menschen auf der ganzen Welt zu motivieren, Werke der Barmherzigkeit zu tun.“

Die Kampagne ziele in vier Richtungen: den „Ruf zur Barmherzigkeit“ so vieler Menschen weltweit zu hören und ihre Nöte zu stillen, „Orte der Barmherzigkeit“ zu schaffen, zum Beispiel Krankenhäuser, Rehabilitationszentren, Wohnungen und vor allem Kirchen und Kapellen; „Apostel der Barmherzigkeit“, also Priester, Ordensleute, Laienmitarbeiter, in ihrem Dienst zu unterstützen und schließlich „Früchte der Barmherzigkeit“ aufzuzeigen, zum Beispiel die Versöhnungsarbeit der Kirche in Krisengebieten.

Papst Franziskus selbst ist der erste Spender der Kampagne. Kürzlich vertraute er einer Delegation von „Kirche in Not“ eine Spende für die irakischen Christen an. Sie kommt dem Unterhalt der St.-Josef-Klinik im Flüchtlingslager Erbil zugute. Dort werden 3000 Flüchtlinge kostenlos versorgt. Es ist eines der über 6000 Projekte, die „Kirche in Not“ pro Jahr unterstützt und dem die Spenden aus der Barmherzigkeitskampagne zufließen werden.

Ein weiteres Projekt, das auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, hilft der christlichen Minderheit in Pakistan. Im März 2015 wurden zwei Kirchen in der Hauptstadt Lahore durch islamistische Anschläge zerstört. „Kirche in Not“ hilft beim Wiederaufbau. Außerdem fördert es den Neubau des Priesterseminars der Diözese. Der Erzbischof von Lahore, Sebastian Francis Shaw, betonte: „,Kirche in Not‘ ist ein herausragendes Beispiel der Barmherzigkeit.“ Besonders schätze er die unmittelbare und effiziente Hilfe. „Wir tragen die Wohltäter von ,Kirche in Not‘ immer in unseren Herzen, auch wenn wir tausende Kilometer getrennt sind.“

Das Video mit der Botschaft des Papstes finden Sie unter www.kirche-in-not.de/werke-der-barmherzigkeit.

Um weiterhin Hunger und Durst der Menschen nach Zuwendung und Barmherzigkeit stillen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden –   online unter www.spendenhut.de oder an folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Barmherzigkeit

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Quelle

Niemals die Augen schließen vor der Behinderung

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Eucharistiefeier auf dem Petersplatz
anlässlich des Jubiläums der Kranken

Homilie von Papst Franziskus am 12. Juni

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat am Sonntag, 12. Juni, eine fortwährende Diskriminierung von Menschen mit Behinderung angeprangert und ihre Inklusion gefordert. Zu der Messe anlässlich des Heiligen Jahres waren über 20.000 Menschen mit Behinderung sowie Kranke auf den Petersplatz gekommen. Unter den Behinderten befanden sich Tausende Down-Syndrom-Träger mit ihren Betreuern. Die Feier war der Höhepunkt eines mehrtägigen Events in der Ewigen Stadt. Oft herrsche die Einstellung, die Betroffenen seien im »vergoldeten Gehege« oder in »Reservaten der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates« besser aufgehoben, weil sie dort den »Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens« nicht störten, so der Papst. Im Folgenden seine Predigt im Wortlaut:

»Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,19-20). Der Apostel Paulus gebraucht sehr starke Worte, um das Geheimnis des christlichen Lebens auszudrücken: Alles ist in der österlichen Dynamik von Tod und Auferstehung zusammengefasst, die man in der Taufe empfangen hat. Mit dem Eintauchen ins Wasser ist nämlich jeder mit Christus gleichsam gestorben und begraben (vgl. Röm 6,3-4), während er, wenn er wieder daraus auftaucht, das neue Leben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt. Dieser Zustand der Wiedergeburt bezieht das gesamte Leben in all seinen Aspekten ein: Auch Krankheit, Leiden und Tod sind in Christus eingefügt und finden in ihm ihren letzten Sinn. Heute, an dem Tag, der dem Jubiläum derer gewidmet ist, welche die Zeichen der Krankheit und der Behinderung tragen, hat dieses Wort des Lebens in unserer Versammlung eine besondere Resonanz.

In Wirklichkeit sind wir alle früher oder später aufgerufen, uns mit unseren Gebrechlichkeiten und Krankheiten sowie mit denen anderer auseinanderzusetzen, manchmal sogar mit ihnen zu »kollidieren«. Und wie viele verschiedene Gesichter nehmen diese so typisch und dramatisch menschlichen Erfahrungen an! In jedem Fall stellen sie in zugespitzter und drängenderer Weise die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es kann sich auch eine zynische Einstellung in unsere Seele einschleichen, als könne alles gelöst werden, indem man es geduldig erträgt oder indem man sich allein auf die eigenen Kräfte verlässt. Im Gegensatz dazu setzt man andere Male sein ganzes Vertrauen auf die Entdeckungen der Wissenschaft und denkt, dass es sicher irgendwo auf der Welt eine Medizin gibt, die imstande ist, die Krankheit zu heilen. Leider ist es nicht so, und selbst wenn es diese Medizin gäbe, wäre sie nur ganz wenigen Menschen zugänglich.

Die von der Sünde verletzte menschliche Natur trägt die Wirklichkeit der Einschränkung in sich eingeschrieben. Wir kennen den Einwand, der vor allem in diesen Zeiten angesichts eines durch starke physische Einschränkungen gezeichneten Lebens erhoben wird. Man meint, ein kranker oder behinderter Mensch könne nicht glücklich sein, weil er nicht imstande ist, den von der Genuss- und Unterhaltungskultur aufoktroyierten Lebensstil zu verwirklichen. In der Zeit, in der eine gewisse Pflege des Körpers zum Massenmythos und daher zum Geschäft geworden ist, muss das, was unvollkommen ist, verschleiert werden, weil es das Glück und die Unbeschwertheit der Privilegierten gefährdet und das herrschende Modell in Schwierigkeiten bringt. Diese Menschen hält man besser im Abseits; man versteckt sie in irgendeinem – vielleicht vergoldeten – »Gehege« oder in den »Reservaten« der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates, damit sie den Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens nicht stören. In einigen Fällen wird sogar die Meinung vertreten, es sei besser, sich baldmöglichst von ihnen zu befreien, weil sie in einer Krisenzeit zu einer unhaltbaren wirtschaftlichen Last werden. Doch in welcher Selbsttäuschung lebt in Wirklichkeit der Mensch von heute, wenn er vor Krankheit und Behinderung die Augen schließt! Er versteht nicht den wahren Sinn des Lebens, der auch die Annahme von Leid und Begrenzung verlangt. Die Welt wird nicht besser, wenn sie nur aus augenscheinlich »perfekten« – um nicht zu sagen perfekt aufgemachten – Menschen besteht, sondern wenn die Solidarität unter den Menschen, die gegenseitige Annahme und die Achtung zunehmen. Wie wahr sind die Worte des Apostels Paulus: »Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen« (1 Kor 1,27)!

Auch das Evangelium von diesem Sonntag (vgl. Lk 7,36-8.3) verweist auf eine besondere Situation der Schwäche. Die Sünderin wird verurteilt und ausgegrenzt, während Jesus sie annimmt und verteidigt: »Sie hat viel Liebe gezeigt« (vgl. V. 47). Das ist die Schlussfolgerung Jesu, der auf das Leiden und die Tränen dieser Frau achtet. Seine Zärtlichkeit ist ein Zeichen der Liebe, die Gott denen vorbehält, die leiden und ausgeschlossen sind. Es gibt nicht nur das physische Leiden; heute ist eine der häufigsten Pathologien auch jene, die den Geist ergreift. Es ist ein Leiden, welches das Gemüt einbezieht und es traurig stimmt, weil ihm die Liebe fehlt. Die Pathologie der Traurigkeit. Wenn man in den wichtigen Beziehungen enttäuscht oder verraten wird, dann entdeckt man, dass man verwundbar, schwach und wehrlos ist. Dann wird die Versuchung, sich in sich selbst zu verschließen, sehr stark, und man läuft Gefahr, die Gelegenheit des Lebens zu verpassen: trotz allem zu lieben – trotz allem zu lieben!

Das Glück, das jeder sich wünscht, kann im Übrigen in vielen Formen seinen Ausdruck finden und kann nur erreicht werden, wenn wir fähig sind zu lieben. Das ist der Weg. Es ist immer eine Frage der Liebe; einen anderen Weg gibt es nicht. Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben. Wie viele behinderte und leidende Menschen öffnen sich wieder dem Leben, sobald sie entdecken, dass sie geliebt werden! Und wie viel Liebe kann aus einem Herzen entspringen, auch nur für ein Lächeln! Die Therapie des Lächelns. Dann kann uns die Gebrechlichkeit selbst zum Trost und zur Stütze werden in unserer Einsamkeit. Jesus hat uns in seinem Leiden bis zur Vollendung geliebt (vgl. Joh 13,1); am Kreuz hat er die Liebe offenbart, die sich rückhaltlos verschenkt. Was könnten wir Gott vorwerfen wegen unserer Krankheiten und Leiden, das nicht bereits in das Antlitz seines gekreuzigten Sohnes eingeprägt ist? Zu seinem körperlichen Schmerz gesellen sich die Verspottung, die Ausgrenzung und die herablassende Bemitleidung, während er mit der Barmherzigkeit antwortet, die alle annimmt und ihnen vergibt: »Durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes 53,5; 1 Petr 2,24). Jesus ist der Arzt, der mit der Arznei der Liebe heilt, denn er nimmt unser Leiden auf sich und erlöst es. Wir wissen, dass Gott unsere Krankheiten verstehen kann, denn er selbst hat sie persönlich erlebt (vgl. Hebr 4,15).

Die Weise, wie wir die Krankheit und die Behinderung leben, ist ein Anzeichen für die Liebe, die zu geben wir bereit sind. Die Weise, wie wir uns mit dem Leiden und der Einschränkung auseinandersetzen, ist ein Maßstab für unsere Freiheit, den Erfahrungen des Lebens Sinn zu ver­leihen, auch wenn sie uns widersinnig und unverdient erscheinen. Lassen wir uns daher von diesen Bedrängnissen nicht verwirren (vgl. 1 Thess 3,3). Wir wissen, dass wir in der Schwachheit stark werden (vgl. 2 Kor 12,10) und die Gnade empfangen können, das, was in uns an den Leiden Christi noch fehlt, für die Kirche, seinen Leib, zu ergänzen (vgl. Kol 1,24) – ein Leib, der nach dem Bild des auferstandenen Herrn die Wundmale als Zeichen seines harten Kampfes behält, doch es sind Wundmale, die von der Liebe für immer verklärt sind.

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Quelle: Osservatore Romano 24/2016