MARIA GRAF-SUTTER — Beschreibungen über mein inneres Leben (04)

1943

O könnte ich sündige Seele Dich, o Jesus, so lieben, wie Du verdienst, geliebt zu werden! Gib mir doch die Gnade Dich vollkommen über alles zu lieben und nie Dein heiligstes Herz zu beleidigen! Jesus wünscht, dass ich oft Ihn empfange in der heiligen Kommunion. Ich, ein armes Weib, was soll ich tun? Was werden die Leute sagen wenn ich bräver sein will als andere. Selten empfängt ein altes Weiblein in unserer Kapelle die heilige Kommunion. Niemand ahnte meine Inneren Kämpfe. Fast unüberwindlich stand vor mir die Menschenfurcht, besonders weil ich zu allem noch hören musste, dass fromme Leute zu fürchten seien. Eine solche Person, die oft zur heiligen Kommunion ging, hielten die Leute für eine Hexe.

„Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich“, so hörte ich in einer Predigt. Das gilt auch für mich. Ich ging, dem Heiland zu folgen, öfter zur heiligen Kommunion. Aber ich fühlte mich immer zu unwürdig. Könnte ich einem Beichtvater alles offenbaren und ihn um Rat fragen! Aber wie kann ich tiefste Geheimnisse diesem Priester, der gegenwärtig mein Beichtvater ist, offenbaren? Einmal fragte ich ihn, ob es recht sei, wenn man dem Gatten die Liebe schenke, wenn er sie fordere, aber nie von ihm diese Liebe verlange, sondern verlange, Gott zu lieben und seine Liebe erbitte. Der Beichtvater sagte nur: „So lebten die Heiligen.“ Nun empfing ich Jesus, so oft ich Gelegenheit hatte, und Jesus half mir mit seiner Gnade und Liebe, die Menschenfurcht zu überwinden. Meine lieben Kinder wollten nicht zurückstehen und gingen mit mir zur heiligen Kommunion.

Seit aber mein Beichtvater zu mir sagte: „So lebten die Heiligen“, kann ich ihm meine seelischen Erfahrungen und Geheimnisse erst recht nicht sagen. Ich fürchte, er könnte mich für bräver halten als ich bin.

Herbst 1943. An einem Freitagmorgen hatte ich folgenden Traum: ich war in einer gewaltigen, großen Kirche. Sie war so groß und weit wie eine riesige hohe Halle. Unzählige Säulen trugen sie und sie war so wunderbar schön. Im riesig hohen Chore war ein solcher Glanz wie die Sonne. Man sah nichts als Licht und es kam vom Tabernakel aus in feurigen Strahlen, sodass ich fast nicht schauen konnte. Rechts ganz oben sah ich in meinem Zimmer den Heiligen Vater in einem Betstuhl knien. Er war ganz weiß gekleidet und betete mit erhobenen Händen. Und ich sah, wie er betend weinte. Zugleich hörte ich vom Tabernakel her eine Stimme sagen: „So sollt ihr beten für den Heiligen Vater, dann wird er befreit werden.“ Ich erwachte von der Stimme und mir war, als habe ich den göttlichen Heiland in seiner ganzen Glorie gesehen, und doch im heiligen Sakramente.

Trotz dem größten Verlangen, Ihn zu empfangen, dürfte und könnte sich ja kein Mensch ihm nahen in einem solchen Strahlenglanze. Wie unendlich groß ist doch seine Liebe zu uns Menschen, dass er sich so in die unscheinbare Hostie verhüllt, um unter uns, bei uns und in uns zu sein! Seither fühlte ich oft ein so tiefes, fast schmerzliches Verlangen nach Jesus im heiligen Sakramente, dass es mir so schwer fällt, die ganze Woche daheim zu bleiben. Doch, mein Jesus, an mir geschehe Dein heiligster Wille! Du allein weisst, wie sehr meine Seele nach Dir verlangt. Könnte ich doch all mein Verlangen jenen geben, die Dich, mein höchstes Gut, im heiligsten Sakramente beleidigen, besonders allen jenen Ärmsten, die Deine grenzenlose, unfassbare Liebe nicht kennen! Führe Du sie alle an Dein von Liebe überströmendes Erlöserherz! Jesus, mein Gott und mein Alles, lieber lass mich in Deiner Liebe sterben, als Dich beleidigen!

Trotzdem ich Freuden erlebte, die ich mit nichts in der Welt vergleichen könnte, sehnte ich mich so sehr nach Ruhe von solchen Erlebnissen. Könnte, ja dürfte ich noch einmal Mutterfreuden und -leiden annehmen und erleben! Als ich nach jener schweren Krankheit mich nochmals untersuchen liess, sagte die Hebamme, ich müsse kein Kind mehr erwarten, durch diese schwere Vergiftung haben diese inneren Organe Schaden gelitten. Ich aber sehnte mich danach, all das Geheimnisvolle, Erlebte abzuschütteln und mich ganz nur der Familie hinzugeben. Ich hatte sieben Knaben geboren, der Älteste und der Jüngste sind im Himmel. Vor der Ehe habe ich gelobt, die Ehe nur einzugehen, um Gott zu dienen und andere glücklich zu machen. Ich sagte meinem Bräutigam, ich werde und wolle Gott über alles lieben und aus Liebe zu Gott wolle ich rein werden; ich wolle nicht die fleischliche Befriedigung suchen, sondern für Gott das Opfer der Entsagung bringen; ich werde Ihm die Liebe schenken, aber für mich sie nicht fordern. In einer religiösen Woche fragte ich den Missionär. Als Antwort erhielt ich die Worte: „Endlich wieder eine Seele, die vielleicht Gott in der Ehe näher steht als eine Klosterfrau, die die Gelübte nicht halten will!“ Ich war glücklich und erkannte die Größe und Liebe Gottes, der seinem Kinde beigestanden ist.

Nun kamen mir stärkste Versuchungen, ich hätte die Ehe nicht richtig gelebt. Es ging hart auf hart. So schwer hatte ich zu kämpfen, um rein zu bleiben und Jesus treu zu sein. Den Rosenkranz immer bei mir tragend flehte ich in so starken Versuchungen um ihren Beistand. Als reine Magd des Herrn will ich Ihm dienen, koste es was es wolle. Ich betete in Zweifel und Bedrängnis. Wenn Jesus gesagt hat, durch Seine heiligen Wunden könne ich alles erlangen, wird Er mir meinen heißen Wunsch erfüllen. Gibt es etwas Schöneres, als Leben schenken, in einem Wesen weiterzuleben? Etwas Größeres kanns ja nicht geben, als vom lieben Gott sein Eigentum aus der heiligen Taufe entgegennehmen zu dürfen. Aber unfassbar ist die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ich diese von Gott mir anvertraute Seele einst Ihm wieder rein zurückgeben kann.

(Fortsetzung folgt!)

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