MARIA GRAF-SUTTER — Beschreibungen über mein inneres Leben (02)

(Fortsetzung von hier!)

1941

Es kam der Herz-Jesu-Freitag Januar 1941. Trotz der unerklärlichen Schmerzen im Leibe, die mir einige Tage Beschwerden machten, zog es mich so sehr hin zur Kirche. Eine tiefe Sehnsucht überkam mich, zu Jesus zu gehen, in seinem Herzen von all den Sorgen und Schwierigkeiten auszuruhen. Er sagte ja: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“ Es kam der heilige Augenblick, wo Jesus zu mir ärmsten Menschen gekommen. Ich empfing die heilige Kommunion und sagte gleich zum Heiland: „Du kannst mich gesund machen. Mach mich gesund! Ich begehre die Gesundheit nicht für mich, sondern dass ich meine Pflichten als Gattin und Mutter treu erfüllen kann. Wenn du willst, kannst du mich heilen, hast ja die blutkranke Frau auch gesund gemacht. Schenk uns wieder ein Kind, dann bin ich vom Heimweh zum Verstorbenen geheilt! Ich schenke mich dir ganz, mache mit mir was Du willst, nur lass nicht zu, dass ich Dich beleidige!“ So mit diesen Worten habe ich gebetet. Jetzt kann ich nicht in Worten sagen, wie´s mir geschah. Mich habe ich ganz vergessen. Da stand Jesus lebensgroß vor mir und sagte so lieb: „Gib mir Seelen!“ Ich konnte nur staunend sagen: „Wie kann ich Dir Seelen geben, ich, ja selber ein sündiger Mensch?“ Jesus sagte mit einem Blick von unendlicher Liebe: „Durch meine hl. Wunden kannst du alles erlangen.“ Ich sah nichts als Jesus vor mir ganz nahe und seine hl. Wunden waren wie rote Glut ganz durchleuchtet. Den Frieden und das Glück kann ich nicht beschreiben. Als auf einmal alle Leute aufstanden beim letzten Evangelium, sah ich nur noch meine Umgebung, stand auf wie die andern und musste mich recken und streckten. Vorher hätte ich’s nicht tun können ohne Schmerzen. Aber ich dachte nur, das ruhig Knien hat mir gut getan. Ich fühlte keine Schmerzen mehr.

Nachher nahm ich bei einer Verwandten das Morgenessen ein, weil ich nicht getraute, sofort den weiten Heimweg zu machen. Aber ich fühlte mich so leicht und wohl, dachte aber, wenn ich den weiten Heimweg zurückgelegt habe, kommen die Schmerzen wieder. Ich hab mir vorgenommen, nach dem Essen bei der Verwandten einen Arzt aufzusuchen. Weil ich mich wohl fühlte, habe ich es bleiben lassen. Ich war auf dem Heimweg ganz in das soeben Erlebte versunken. Auf einmal dachte ich, ich müsste doch die Schmerzen spüren. Ein Gedanke durchfuhr mich: Ich bin geheilt, so plötzlich geheilt. Mein Gott, was hast Du an mir ärmsten Menschen getan! Ich kann über solches Erleben nie schreiben. Man findet keine Worte. Aber es ist so etwas Großes, fast schwer, es zu erleben. Kein Mensch kann ahnen, was für Gefühle das sind. Ich glaube, ich habe an diesem Tag meine Arbeiten ganz ohne Gedanken getan. Ich war immer noch beim Erlebten. Der Herr des Himmels und der Erde neigt sich zu einer seiner ärmsten Sünderin, um mir so große Wohltaten zu erweisen. O könnte ich doch so leben, dass ich meinen Herrn und Gott nie mehr beleidige! Es war mir, als müsste ich wieder zu Ihm zurück, um Ihm zu danken. Eine nie gekannte Sehnsucht und ein so großes Verlangen, Jesus im hl. Sakramente wieder zu empfangen, glühte in mir, und ich konnte den Sonntag kaum erwarten. Ich betete und sagte zu Jesus: wie kann ich arme Sünderin Dir Seelen retten?

Bald kam der ersehnte Herz-Jesu-Freitag im Februar. Meine Seele sehnte sich nach meinem Heiland. Und doch war mir, als hielt Furcht mich zurück. Am Morgen des Herz-Jesu- Freitags lag eine solche Masse Schnee, dass ich daheim bleiben musste. Aber im Geist war ich in der Kirche bei ihm. Plötzlich war ich in ein so feuriges Licht getaucht, als ob ein Blitz durch mich gefahren sei. Ich sah auf einer breiten Straße so viele Menschen in einem solchen Aufputz gemalter Lippen und mit so kurzen hoffärtigen Kleidern angetan. An meiner Seite stand unser HH Pfarrer und weinte und sagte: „Gegen solche Sünden komme ich nicht mehr auf.“ Aus dem Lichte, das so stark war, dass mich die Augen schmerzten, sagte eine Stimme: „Hier sollst du einstehen!“ Ich betete ein Gebet, das ich noch nie gehört habe, die Hände übereinander an die heiße Brust gedrückt. Ich dachte, ich sei gestorben und in einem so hellen Raum. Plötzlich erwacht dachte ich über dieses nach und ich war sicher, dass diese Menschen der Hölle zu gingen. Ein tiefes Erbarmen mit diesen Ärmsten stieg meinem Herzen auf und ich wusste, ich muss dieses Gebet täglich beten für die Bekehrung der Sünder.

Ich wusste, es ist mein letztes Kind gewesen. Beten für die Bekehrung der Sünder ist meine neue Berufung. Morgens und abends betete ich, was ich vernommen habe. Es lautete:

„Mein himmlischer Vater, ich opfere Dir das heiligste Herz Jesu auf vereinigt mit meinem Herzen, zu Deiner Ehre und Verherrlichung, zum Danke für all Deine Gnaden und Wohltaten, zur Sühne für meine und der ganzen Welt Sünden und für die Bekehrung der Sünder. Mein Jesus, Verzeihung und Erbarmen. Durch die Verdienste Deiner heiligen Wunden bekehre die Sünder und heile die Wunden unserer Seele. Ehre sei dem Vater …

Mein himmlischer Vater, ich opfere Dir das heiligste Herz Jesu auf, vereinigt mit meinem Herzen, für den Heiligen Vater und alle Deine Auserwählten, für die ganze katholische Kirche und all die Irr- und Ungläubigen, dass bald ein Hirt und eine Herde sein werde. O mein Jesus, Verzeihung und Erbarmen. Durch die Verdienste Deiner heiligen Wunden segne und beschütze den Heiligen Vater und alle Bischöfe und Priester.
Sende, o Jesus, genug hl. Gute Arbeiter in Deinen Weinberg, dass durch sie alle Irr- und Ungläubigen den Weg zu Deinem heiligsten Erlöserherzen finden. Ehre sei dem Vater …

Mein himmlischer Vater, ich opfere Dir das heiligste Herz Jesu auf, vereinigt mit meinem Herzen, für alle Seelen, die heute aus diesem Leben scheiden müssen. O mein Jesus, durch die Verdienste Deiner heiligen Wunden lass doch alle Seelen, die heute aus diesem Leben scheiden müssen, bei Dir im Paradiese sein. Erzeige allen Deine unendliche Liebe und Barmherzigkeit. Ehre sei dem Vater …

Mein himmlischer Vater, ich opfere Dir das heiligste Herz Jesu auf, vereinigt mit meinem Herzen, für alle armen Seelen im Fegefeuer, besonders für jene für die ich zu beten schuldig bin. O mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit. Durch die Verdienste Deiner heiligen Wunden erlöse alle armen Seelen im Fegefeuer, besonders die bedürftigsten. Ehre sei dem Vater …

Mein himmlischer Vater, ich opfere Dir das heiligste Herz Jesu auf, vereinigt mit meinem Herzen, für meinen Gatten und meine lieben Kinder, für alle meine Verwandten, Wohltäter, Freunde und Feinde.

O mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit. Durch die Verdienste Deiner heiligen Wunden segne und beschütze all die Meinen. Göttliches Herz Jesu, lass nicht zu, dass wir Dich beleidigen durch die Sünde. Segne und beschütze an Leib und Seele meine Eltern und Geschwister, Verwandte und Wohltäter, Freunde und Feinde und alle die Kranken. Ehre sei dem Vater …“

So soll ich, so darf ich beten mit innerer Freude und Zuversicht: denn mein Heiland hat ja gesagt: „Durch meine heiligen Wunden kannst du alles erlangen.“ Eine so tiefe Sehnsucht nach Jesus im heiligen Sakrament kam über mich, dass ich trotz Winter und weitem Weg jede Gelegenheit aufsuchte, dem heiligen Messopfer beizuwohnen.

So vergingen 2-3 Monate. Dann nach und nach ist mir das viele Beten verleidet, weil ich oft denken musste: es kann nicht sein, dass ein gewöhnlicher Mensch solches erfahre, wegen meinem armseligen Beten bekehre sich niemand. Und doch war das Erlebte so tief in meiner Seele, dass ich es keinem Menschen sagen kann. Wäre es doch Täuschung! Es ist so schwer, es allein zu tragen. Mir war, als sage jemand in meinem Herzen: „Zeige dich dem Priester!“ In tiefer Bedrängnis ging ich zu unserem hochwürdigen Pfarrer Locher. Aber es war ein Stammeln, ich konnte nicht alles sagen. Nun zu allem noch die Angst, er glaube mir nicht, er selber halte es auch für eine Täuschung. Denn wer wollte glauben, dass ein Weib, das daheim die Hände voll zu tun hat mit Hausfrau- und Mutterpflichten, solch Großes erfahren habe?

Es kam der Herz-Jesu-Freitag im Juni. Und ich erwartete ganz sicher, dass Jesus mir zu erkennen gebe, ob es Wahrheit sei. Ich ging zur heiligen Kommunion. Aber meine Hoffnung, etwas zu erleben, erfüllte sich nicht. Ich spürte nur eine Leere im Herzen. Mir war, als könne ich Jesus nicht mehr lieben, als sei alles tot. Ich kam in Kampf und Zweifel. Könnte ich doch alles ungeschehen machen! Ich betete dieses Gebet nur noch aus Angst, Gott könnte mich strafen. Ich ließ es bleiben. Ich glaubte, ich sei krank, es waren vielleicht Trugbilder des Teufels. Doch es ist ja Gott gewesen. Es waren Ölbergstunden. Schließlich bemühte ich mich, all das Erlebte auf die Seite zu tun und einfach meine Pflichten zu erfüllen. Dann muss doch Gott mit mir zufrieden sein. Ich will leben und wohnen wie andere Frauen.

Es kam der Herz-Jesu-Freitag im Juli es war Heuwetter und ich dachte, ich ginge gerne die heiligen Sakramente empfangen, doch sei es streng, den weiten Weg in der Morgenfrühe zu machen. In meiner Gleichgültigkeit dachte ich: wenn ich erwache am Morgen, gehe ich zu den heiligen Sakramenten. Könnte ich doch alles sagen, aber meine Seele war wie zugeschnürt. Ich erwachte zu spät und war doch enttäuscht. Ich wollte versuchen zu beten. Da kam das Unfassbare. Auf einmal stand Jesus wieder vor mir an meinem Bett, ganz lebendig, lebensgroß, so ernst und traurig. Seine rechte Hand zeigte auf sein Herz, das wie mit einem rauen Gegenstand im Querschnitt aufgerissen war, wie eine neue große Wunde. Und es war bis an den Rand der Wunde voll Blut. Es war ganz ein menschliches Herz, ohne Verklärung. Bei jedem Herzschlag spritzten viele Tropfen Blut aus seiner Wunde. Seine heiligsten Augen sehen mich an in unsagbar tiefem Leid und doch wie ein Meer von Liebe. Und er sagte: „Meine Wunden sind neu. An so vielen Seelen geht mein heiliges Blut verloren.“ Ich weiß nicht, wie mir geschah. Ich kann auch nicht sagen, ist es Traum oder Wirklichkeit. Aber es bleibt mir so lebendig in meiner Seele. Mein Leben lang werde ich daran denken. O hätte ich Zeit, meinen Leichtsinn, meine Sünden, mein ganzes Elend zu beweinen! O unermessliche Gottesliebe! Ich hab ihn so sehr beleidigt und Jesus klagt mir elenden Sünderin sein Leid. Nun bin ich sicher: Jesus will, dass ich bete für die Bekehrung der Sünder. O könnte ich doch so leben, dass ich meinen Jesus nie mehr beleidige! Jetzt wusste ich, dass Jesus es wirklich und wahrhaftig ist. Und weil ich aufhörte zu beten, geht Sein heiliges Blut an so vielen Seelen verloren, wie Blutstropfen aus Seinem hl. Herzen spritzte. Dies ist so wahr und ich werde es in meinem Leben nie vergessen. – Das war am Herz-Jesu-Freitag 1941 im Juli.

Das genannte Gebet zu beten, war immer jeden Tag das Erste und nie mehr habe ich es bleiben lassen. Aber wieder kamen Zeiten der Zweifel und ich hatte zu kämpfen gegen Gleichgültigkeit und Lauheit. Aber jetzt kann ich und darf ich zu Jesus sagen: „Gib mir ärmsten Menschen einen Beweis, dass Du mein Gebet erhörst! Gib ihn mir um der Verdienste Deiner heiligen Wunden willen! Du hast ja gesagt, durch Deine heiligen Wunden kann ich alles erlangen.“

(Fortsetzung folgt!)

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