MARIA GRAF-SUTTER — Beschreibungen über mein inneres Leben

 

Maria Graf-Sutter, Appenzell – Sonnenhalb

Unvergesslich bleibt mir ein Erlebnis, das ich im Alter von fast 14 Jahren erleben musste. Mein HH. Religionslehrer musste von Zeit zu Zeit eine Frau versehen, die in unserer Nähe wohnte, aber schon jahrelang nicht mehr laufen konnte. Die Frau war überall bekannt als ein böses Weib. Als ich nun zu ihr kam und sagte, dass der HH. Kaplan sie versehen wolle, sie soll morgen bereit sein, sagte sie ganz entrüstet: Kommt der schwarze Kog schon wieder. Ich stand da vor ihrem Fenster wie betäubt und konnte es nicht fassen, dass ein Mensch, ein Katholik, so sprechen konnte, wenn ein Priester mit dem Allerheiligsten einkehren will. Ich sprang heim und sagte es den Eltern und meinte, man soll doch dem Priester sagen, dass dieses Weib sicher die hl. Sakramente unwürdig empfange. Der Vater hat’s ihm gesagt. Und der Priester gab zur Antwort, es sei ja traurig, aber er werde und müsse seine Pflicht tun; solange ein Mensch lebe, sei es noch möglich, dass er die Gnade der Bekehrung erlangen könne.

Am Abend, als ich zur Ruhe ging, ist mir das Erlebte wieder so deutlich vor der Seele gestanden. Ich musste denken, wie groß und weit und tief ist doch die Liebe Jesu zu uns, dass er es zulässt, dass er von den Menschen verraten wird. Ich nahm das Herz-Jesu-Bild, das neben meinem Bette stand, zu mir und betrachtete es lange, lange. Und eine sonst niegekannte Liebe und ein Mitleid kamen in mein Herz. Und ich weiß es nicht, wie es kam. Ich sagte unter Tränen zu Jesus, weil er so beleidigt werde, so wolle ich ihn immer und über alles lieben und nie ihn beleidigen durch die Sünden. Jeden Abend nahm ich dieses Herz-Jesu-Bild zu mir und immer größer wurde die Liebe zu dem heiligsten Erlöserherzen. Immer, wenn ich diesen Priester wieder sah, musste ich an jenes Ereignis denken. Ich fühlte mich so sehr zu diesem Priester hingezogen und wusste nicht, warum. Ich dachte mir: ein Priester, der, trotzdem es ihm sicher schwer fällt, seine Pflicht zu tun, und dennoch solch elendem Menschen seine Liebe und Gottes Liebe bringen will, müsste sicher ein guter Seelenführer werden. Nach einiger Zeit wählte ich ihn zu meinem Beichtvater; denn er war ein großer Marienverehrer und ich habe mich ganz meiner himmlischen Mutter geweiht, weil es mich so sehr freute, dass ich am Vorabend von Maria Himmelfahrt geboren, am Feste ihrer Himmelfahrt in der heiligen Taufe ein Gotteskind geworden bin. Zwar stellten mir meine Jugendgespielinnen mit giftigen Reden nach, besonders als mein Beichtvater mir sagte, ich soll zur heiligen Kommunion gehen, so oft ich Gelegenheit habe. Es gingen damals an meinem Heimatort in unserer Kapelle, wo jede Woche eine hl. Messe gelesen wurde, nur etwa 2-3 ältere Jungfrauen zur öfteren Kommunion. Nun, als ich meinem Beichtvater gehorchte, war ich bald eine zu fromme Person; und sogar sicher sein wollten sie, dass ich ins Kloster gehe. So hatte ich lange und schwer zu kämpfen mit der Menschenfurcht. Bin ich einmal wieder gleichgültig der heiligen Kommunion ferngeblieben, war´s mir nachher, die Kämpfe gehen wieder von neuem an. Ich nahm dann oft und immer öfter Zuflucht zu meiner himmlischen Mutter, und sie führte mich unter der Leitung meines Beichtvater immer mehr zu Jesus.

So eilten meine Jugendjahre dahin und ich sollte bald mich für meinen Lebenslauf entscheiden und betete immer zu meiner himmlischen Mutter um eine gute Standeswahl. Jedes Mal freute ich mich besonders auf die Herz-Jesu-Freitage, trotzdem ich einen 1 1/2 Stunden weiten Weg hatte.

Unvergesslich bleibt mir ein Primiztag in Appenzell. Da sagte der Primizprediger, dass ein guter Priester immer aus der Opferschale einer guten, frommen Mutter hervorgehen soll. Selbst einen Heiligen Vater können wir uns nicht denken ohne die Opferliebe einer opferstarken Mutter. Sie sei die Opferschale, der der liebe Gott sich bediene, um die Priester in seinen Weinberg zu senden. Und die Worte, die der hl. Vater Pius X. ausgesprochen hat: „Gebt mir wahrhaft christliche Mütter und ich will die sinkende Welt retten“, richtete er heute an die Pfarrgemeinde. Mir aber war, als gelten diese Worte nur mir allein. Wie ganz anders, wie hoch und heilig ist also der Beruf, Mutter zu werden. So ganz anders, als ich nachdem, was ich von den Jugendgespielinnen gehört, mir vorgestellt habe.

Es kam dann der heilige Augenblick, wodurch die Worte dieses Neupriesters Jesus vom Himmel auf den Altar herabgekommen ist. Und während dieser heiligen Wandlung sagte ich einfach zu Jesus, er solle mir zu erkennen geben, was ich tun soll, wohin er mich stellen will. Ganz deutlich, wie eine Antwort, vernahm ich, dass auch ich den Mutterberuf wählen soll. Ich war so ganz sicher, dass Jesus es mir gesagt hat, und mein Herz war voll Freude. Aber ich musste immer wieder denken: lebe ich denn so rein und brav, dass Gott mich so als seine Magd annimmt. Wie rein und keusch muss ein solches Mutterherz herangewachsen sein, an denen Gott Menschen für seinen höchsten Dienst, ja als seine Stellvertreter, Engel im Fleische, heranbilden will. Mein Gott, wie gut bist du, dass du mir einen sicheren Führer gegeben an meinem Beichtvater! Nun will ich erst recht auf ihn hören und ihm folgen. Und rein zu bleiben, ist aufs neue mein Vorsatz. Nun habe ich angefangen, jeden Tag zu beten, dass der liebe Gott jenen Jüngling, den er mir zum Vater meiner Kinder bestimme, rein und brav erhalten wolle. Dann später habe ich Gott und meine himmlische Mutter gebeten, mir den Jüngling, der für mich zum Ehestand bestimmt sei, zu erkennen zu geben.

Als einige Zeit später mir der junge Mann begegnete, wusste ich, er ist es; entweder der oder keiner. Wenn er auf Besuch kam und heimging, betete ich jedes Mal auf meinem Zimmer den Rosenkranz, dass meine und seine himmlische Mutter ihn mir rein bewahre und in den Versuchungen ihm beistehe. Einmal fühlte ich, dass er schwer kämpfte, rein zu bleiben. Ich sagte ihm: ich gehe alle drei Wochen zu den heiligen Sakramenten und öfter zur heiligen Kommunion. So solle er es auch machen und an jenem Sonntag zu mir kommen, an dem wir morgens unseren Herrn und Gott empfangen haben. Auch versicherte ich ihm, dass er, wenn er nicht brav und rein bleibe, nicht derjenige sei, den Gott mir zum Lebensgefährten bestimmt habe. Immer aber, Tag und Nacht, war der Rosenkranz mein Begleiter und ist es auch heute und immer.

Am 19. März 1929 sind wir das erste Mal gemeinsam zum heiligen Josef nach Schlatt gepilgert und haben am Abend im Kreise meiner Eltern und Geschwister Verlobung gefeiert. Ich war glückliche Braut, weil ich sicher war: ich bin auf Gotteswegen.

Am 3. Juni 1929 jubelten unsere Herzen und dankten Gott für seine Liebe und Güte. Wir durften das große, ja größte Glück erleben und rein und unberührt an den Traualtar vor Gott hintreten. Als nachher mein lieber Gatte meine Hände in die seine nahm und mir so von Herzen dankte, dass ich ihn, wie er sagte, so glücklich gemacht habe durch meine Standhaftigkeit, meinte er, ich soll sagen, was ich wünsche, er wolle mir alles geben. Ich sagte: „unser Glück haben wir von Gott, erfleht von der himmlischen Mutter. Nun wollen wir Gott dienen und die erste Woche heiligen mit beten.“

Ich bekannte ihm schon vor der Heirat, dass ich Gott über alles liebe. Er stehe über ihm und mir, immer will ich Gott dienen als seine reine Magd und nie die sinnliche Freude suchen. Als Magd des Herrn wolle ich ihm in allem, was Gott gefalle, gehorchen. Es war, als habe unser Herr Pfarrer unser Inneres erkannt. Aber vor der Hochzeit sagte er, es sei ihm eine große Freude, uns am Traualtar unserer schönen Pfarrkirche zusammenzugeben.

Nach 14 Monaten haben wir das erste Kind von Gott anvertraut bekommen. Ich habe es, als es zur heiligen Taufe getragen wurde, ganz Gott aufgeopfert und meiner himmlischen Mutter, der ich es schon lange aufgeopfert habe, geweiht. Durch mein eigenes Erleben, was die Gottesmutter in heiligster Jungfräulichkeit an Mutterfreuden erlebte, bin ich ihr in jedem Kinde, das Gott uns anvertraute, nähergekommen. Und die Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes habe ich erst mit der Zeit recht verstanden. Und so ist mir dieses Gebet immer lieber geworden, besonders wenn Sorgen des Leibes oder der Seele mich bedrückten, was auch uns nicht erspart blieb.

Als unser viertes Söhnchen in der Wiege lag, wurde das erstgeborene kränker und wir mussten es in Spitalpflege nach St. Gallen geben. Geduldig, wie ein Engel, nach Aussage der Krankenschwestern, hat es Schweres gelitten und zwei Operationen durchmachen müssen. Kurz bevor es das fünfte Altersjahr erreichte, hat Gott es zu sich in den Himmel genommen. In tiefster Trauer beweinten wir unser Kind, das doch unser Erstlingsopfer gewesen, und konnten nicht verstehen, warum es Gott uns genommen. Wir hatten es doch für ihn erziehen wollen und haben große Kosten nicht gescheut und alles getan, dass es uns am Leben bleibe. Mir ist es so leer, als habe ich mein Herz hergeben müssen. Und oft kommen mir Gedanken, ich möchte mit ihm aus dieser Welt gehen. Aber unser einziger Trost sind die drei gesunden Buben, die mir durch viele Arbeit das Leid tragen halfen. Und doch, welcher Trost ist es zu wissen, dass ein unschuldiges Kind in die Herrlichkeit Gottes eingehen darf! Ich glaube, ich könnte solches nicht tragen, wenn ich noch zu all der Trauer im Zweifel sein müsste, wie eine Seele eines größeren Kindes das Gericht, das nach dem Tode kommt, bestanden habe. Von jetzt an bete ich täglich, dass Gottes nie zulassen wolle, dass eines von denen, die er mir anvertraut, ihn beleidige durch die Sünde. Wochen und Monate lang zehrte in mir das Heimweh nach unserem Kinde.

„Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten“, so sagte einmal meinem Beichtvater. Und ich durfte es erfahren. Nach langer Zeit der Trauer des Schmerzes fühlte ich, dass Gott mir wieder eine Seele anvertraute. Ich fühlte kein Heimweh mehr, meine neue Aufgabe erfüllte mein Herz mit Freude. Noch größer und tiefer sind die Mutterfreuden, nachdem man auch den Kelch der Leiden kosten musste.

Als nach zwei Jahren der sechste Knabe uns geboren wurde, ging ich ganz auf in der Arbeit und hab ob der leiblichen Sorgen das Beten vernachlässigt. Besonders fühlte ich, dass der Vater sich zu sehr in die täglichen Arbeiten und Sorgen vertieft hatte. Aus lauter Sorgen wünschte er, dass der Kindersegen ausbleibe. Schwer, so schwer ist es für die Gattin und Mutter, wenn sie vor die Wahl gestellt wird, entweder Gott treu zu bleiben und so dem Wunsch des Gatten nicht nachkommen dürfen, oder aus Furcht, er könnte verbotene Wege allein gehen, ihm mehr zu gehorchen als Gott. In solchen Kämpfen sehnt sich die Seele wieder nach dem Frieden in Gott. Wie kann ich noch beten: „dein Wille geschehe“, ohne zu erröten? Den Rosenkranz, den ich vor lauter irdischen Sorgen auf die Seite gelegt, musste ich trotz der vielen Arbeit wieder zur Hand nehmen. Er ist in den Stürmen der Jugend der Retter gewesen. Maria, die reinste Mutter, stehe uns bei! Bitte bei deinem Sohne um Gnade und Barmherzigkeit! Wie könnten wir noch erwarten, dass der himmlische Vater für uns sorge, wenn wir Ihn vergessen!

Gott hat sich meiner erbarmt und mich als seine Magd wieder angenommen. Nach inneren Kämpfen fühlte ich größte Freude, und dieses Kind will ich besonders Gott weihen. Ich habe es mit seiner Gnade und Hilfe voll Freude aus seiner Hand genommen.

Der 21. März 1940 war jener Tag, an dem mir das siebente Knäblein geboren wurde. Kann nur sagen, mit welcher Freude und Liebe ich dieses Kind begrüßte. Denn mir war, als habe ich es erkämpft, als habe es Gott mir anvertraut, dass ich seine Güte und Liebe erkenne. Sofort verlangte ich, es in die Arme zu nehmen, und habe es Gott aufgeopfert. Wie Maria ihr göttliches Kind habe ich es ohne Vorbehalt Gott übergeben. Mutterberuf, heiliger Beruf! Ich bat Gott, er möge mich immer wieder als seine geringste Magd annehmen und noch mehr solche Mutterfreuden erleben lassen. Plötzlich hörte ich, wie neben mir, so deutlich die Worte: „Das ist dein letztes Kind.“

Ich war allein in der Kammer mit meinem Kinde. Es war die ganze Familie mit der Wärterin am Mittagessen. Wer mag nur das gesagt haben? Es war so deutlich, ich hörte es immer wieder, es kann nicht anders sein, es war eine Stimme von oben. O wäre es doch eine Täuschung! Will Gott mich strafen, dass ich ihm nicht immer recht gedient? Jetzt meinte ich, es gebe nichts Schöneres, als so im Mutterberuf Magd des Herrn zu sein. Ich durfte nicht mehr an diese Worte denken. Aber noch tiefer habe ich dieses Kind in mein Herz geschlossen.

Nach fünf Wochen tiefsten Mutterglückes träumte mir am Freitagmorgen: das erste Kind sei vom Himmel gekommen und hat mein Liebstes mir von der Brust genommen und hat gesagt, es habe es so unaussprechlich schön im Himmel.

Den ganzen Tag mochte ich kaum essen, so bange war mir seit diesem Erlebnis. Es war nicht wie sonst ein Traum. Und immer wieder die Worte: das ist dein letztes Kind! Am anderen Tag verweigerte mein Kind seine Nahrung und wir schickten zum Arzt. Am Sonntagabend hat das Liebste in meinen Armen seine unschuldige Seele ausgehaucht. „Mein Gott, was willst du von mir?“ Zuerst heisst es: das ist ein letztes Kind, und nun nimmst es mir? Oh habe ich so schwer gesündigt? Bin ich nicht wert, noch einmal dir eine Seele zu erziehen? Aus inniger Liebe habe ich, so oft ich ihm die Brust gereicht, zur himmlischen Mutter eine Ave Maria gebetet, dass es heilig und rein bleibe vor Gott. Nun hat er es wie das erste in der Taufunschuld in den Himmel genommen. Die ganze Nacht habe ich geweint und so schwer wurde es mir zu sagen: „Herr, dein Wille geschehe!“ Andere wollten mich trösten und sagten ich bekomme sicher wieder eines, dann sei der Schmerz vergessen. O könnte ich hoffen! Aber keinem Mensch kann ich das Geheimnisvolle sagen. Nur in meinem tiefsten Herzen tönt es: das ist dein letztes Kind. – Ein Jahr in Hoffen und Bangen, in Ringen und Beten ging vorbei. Ich suchte Trost bei meinem Erlöser. Jetzt kann ich wieder öfter zu Jesus, zu den heiligen Sakramenten gehen.

(Fortsetzung)

_______

Aus der 190-seitigen (Schreibmaschinen-)Niederschrift gezeichnet von Bonaventura Meyer vom 9. Oktober 1956 — und am 28. Dezember 1956 von Frau Maria Graf-Sutter, Appenzell (Sonnenhalb), von der ich [POS] persönlich eine Kopie vom damaligen Spiritual des Klosters Leiden Christi, Alfred Bischof, erhalten habe.
(Maria Graf-Sutter ist 1964 gestorben.)

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