Die Förderung der wahren Religionseinheit

Papst Pius XI. 1922

Enzyklika Papst Pius XI.  – entnommen der Schweizerischen Kirchenzeitung Nr. 3 und 4, 1928

Ehrwürdige Brüder! Gruß und Apostolischen Segen!

Die Menschenherzen sind vielleicht noch nie von einem so lebehaften Verlangen erfüllt gewesen wie in unseren Tagen, zum gemeinsamen Beten der menschlichen Gesellschaft die brüderlichen Bande zu verstärken und zu erweitern, durch die wir untereinander verbunden sind dank unseres gemeinsamen Ursprungs und der gleichen Natur. Denn da die Völker die Gaben des Friedens noch nicht voll genießen und vielmehr da und dort alte und neue Gegensätze in Bürgerkriegen und Aufständen sich Luft machen; da andererseits die vielen Zwistigkeiten, die das Wohlergehen und die Ruhe der Völker bedrohen, in den meisten Fällen nicht ohne die einträchtige und zielbewusste Arbeit der Regierungen beigelegt werden können, denen die Interessen der Staaten anvertraut sind, so ist zu verstehen, dass weite Kreise eine engere Verbindung zwischen den Nationen anstreben, gestützt auf die Brüderlichkeit und die nunmehr allgemein anerkannte Einheit des Menschengeschlechtes.

Manche suchen eine solche Einigung auch bezüglich der von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzten neutestamentlichen Gesetzesordnung herbeizuführen. Sie gehen dabei aus von der Überzeugung, dass Menschen ohne Religiosität eine große Seltenheit sind und scheinen hieraus die Hoffnung zu schöpfen, dass die Völker, obwohl in Sachen der Religion verschiedener Meinung, doch ohne Schwierigkeit im Bekenntnis einiger weniger Lehren sich einigen könnten, auf einer gemeinsamen Basis des religiösen Lebens. Zu diesem Behufe veranstalten sie Kongresse, Vereinigungen, Konferenzen und laden dazu wahllos einen weiten Kreis von Personen zur Diskussion ein: Heiden aller Schattierungen, Christen und selbst unglückliche Apostaten und verstockte Leugner der Gottheit Jesu Christi und seiner göttlichen Sendung. Solche Versuche können sicherlich nicht die Apporbation von Katholiken finden, da sie auf der irrigen Lehre beruhen, dass alle Religionen mehr oder minder gleich lobenswürdig und gut seien, da sie in zwar verschiedener Weise, nur der Ausdruck des allen angeborenen Gefühls seien, durch das wir zu Gott emporgehoben und zur ehrfurchtsvollen Anerkennung seiner Oberhoheit bewogen werden. Die Anhänger einer solchen Theorie sind aber nicht nur in Täuschung und Irrtum befangen, sondern weisen die wahre Religion zurück, verfälschen deren Begriff und verfallen unversehens dem Naturalismus und dem Atheismus. Daraus folgt offenbar, dass alle, die solchen Theorien und Versuchen ihre unbedingte Zustimmung geben, sich gänzlich von der von Gott geoffenbarten Religion lossagen.

Bei diesem Unternehmen zur Förderung der Einheit zwischen den Christen lassen sich manche durch gewisse Scheinargumente täuschen. Ist es denn nicht recht — so wiederholt man immer wieder –, ja ist es nicht geradezu eine Pflicht, dass alle, die den Namen Christi tragen, sich gegenseitiger Verketzerung enthalten und endlich einmal unter sich die Bande der Liebe knüpfen? Und wie kann sich der Liebe Christi rühmen, wer nicht aus allen Kräften den Wunsch dessen zu erfüllen trachtet, der den Vater bat, dass seine Jünger „eins“ (Joh. 17, 21) seien? Und wollte nicht auch der selbe Jesus Christus, dass seine Jünger sich vor den anderen Menschen unterschieden und auszeichneten eben durch dasselbe Merkmal gegenseitiger Liebe: „Daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet“ (Joh. 13, 35)? Gäbe doch Gott, sagt man weiter, dass alle Christen „eins“ wären; sie wären dann viel besser imstande, die Pest der Gottlosigkeit zu bezwingen, die alle Tage mehr herumschleicht und sich verbreitet und das Evangelium zu entkräften droht.

Solche und ähnliche Argumente führen die sogenannten Panchristen an. Sie bilden nicht etwa nur einige kleine und seltene Gruppen, sondern sie sind viemehr zu ganzen Heerscharen angewachsen, die in weitverbreiteten Vereinen organisiert sind und zumeist unter der Leitung akatholischer Führer stehen, auch wenn sie in Glaubensfragen verschiedener Meinung sind. Und dieses Unterfangen wird mit einer solchen Geschäftigkeit gefördert, dass es an verschiedenen Orten zahlreiche Anhänger findet und sogar viele Katholiken mit der lockenden Hoffnung gewinnt, es werde gelingen, eine Einigung herbeizuführen, die den Wünschen der heiligen Mutterkirche selbst zu entsprechen scheint, der gewiss nichts so sehr am Herzen liegt als die Rückkehr ihrer irrenden Kinder in ihren Schoß. Aber unter diesen verführerischen Schmeicheleien und gleisnerischen Worten verbirgt sich ein schwerer, die Fundamente des katholischen Glaubens unterminierender Irrtum.

Es ist für Uns eine Amts- und Gewissenspflicht, dafür zu sorgen, dass die Herde Christi nicht durch gefährliche Illusionen verführt werde, und deshalb machen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, auf diese große Gefahr aufmerksam, da Wir der Überzeugung leben, dass durch Euer schriftliches und mündliches Wort die Grundsätze und die Schlüsse, die Wir im folgenden darlegen werden, leichter ins Volk gelangen und von ihm verstanden werden. So werden die Katholiken wissen, wie sie die Frage einer körperlichen Einigung aller Christen zu einem Bunde zu beurteilen und wie sie sich zu ihr zu stellen haben.

Gott, Schöpfer des Universums, erschuf uns, damit wir ihn erkennen und ihm dienen. Daraus folgt, dass er das volle Recht auf unseren Dienst hat. Freilich hätte Gott für die Regierung der Menschen bloß das Naturgesetz, das er mit der Schöpfung selbst eingeschrieben hat in unser Herz, vorschreiben und mit seiner ordentlichen Vorsehung den Fortschritt dieses Gesetzes leiten können. Er hat aber tatsächlich vorgezogen, uns positive Gesetze aufzuerlegen und im Laufe der Jahrhunderte, von der Erschaffnung des Menschengeschlechtes bis zur Ankunft und zur Predigt Jesu Christi, wollte er selbst den Menschen die Pflichten lehren, die die vernünftigen Geschöpfe ihrem Schöpfer schulden: Da Gott vor Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu den Vätern gesprochen, hat er zuletzt in diesen Tagen durch den Sohn zu uns geredet“ (Hebr. 1 1). Es ist deswegen klar, dass es keine wahre Religion geben kann, außer der, welche auf dem geoffenbarten Wort Gottes sich aufbaut. Die Offenbarung, die von Anfang an gegeben und unter dem Alten Bund fortgesetzt wurde, hat Jesus Christus durch den Neuen Bund vollendet. Hat aber Gott gesprochen — und die Geschichte bezeugt, dass er tatsächlich gesprochen hat –, dann ist es klasre Pflicht des Menschen, dem sich offenbarenden Gott bedingungslos zu glauben und seinem Befehl sich zu unterwerfen. Damit wir aber dies tun könnlten, hat der eingeborene Sohn Gottes auf Erden seine Kirche gegründet. Alle, die sich noch als Christen bekennen, müssen doch annehmen dass Christus irgendeine Kirche, und zwar eine einzige Kirche gegründet hat. Fragt man aber dann, wie diese Kirche beschaffen sein müsse, so gehen die Meinungen auseinander. Recht viele beispielsweise leugnen, dass die Kirche Chisti sichtbar sein müsse, insofern nämlich die Körperschaft der Gläubigen als eine erscheinen und alle Gläbigen in derselben Lehre und unter demselben Lehramt und Hirtenamt geeint sein müssten. Sie verstehen unter der Sichtbarkeit der Kirche nichts weiter, als einen, die verschiedenen Gemeinschaften umschließenden Verband, wenn auch diese Gemeinschaften verschiedene, widersprechende Lehren vertreten. Christus der Herr hat aber seine Kirche als eine vollkommene Gesellschaft gegründet, die ihrer Natur nach sinnlich wahrnehmbar ist, damit sie in der Zukunft das Werk der Erlösung des Menschengeschlechts fortsetze, unter der Leitung eines einzigen Oberhauptes (Mt. 16, 18 ff.; Luc. 22, 32; Joh. 21, 15-17) durch das lebendige Lehrwort (Marc, 16, 15), durch die Spendung der hl. Sakramente, diesen Quellen der göttlichen Gnade (Joh. 3, 5, 6, 48-59; 20, 22 ff., cf. Mc. 18, 18 usw.) Deswegen verglicht auch Christus seine Kirche mit einer Herde (Joh. 10, 16), mit einem Hause (Mt. 16, 18), einem Reiche (Mt. 13). Diese Kirche, so wunderbar eingerichtet, konnte nach dem Tode ihres Stifters und der Apostel absolut nicht aufhören zu existieren, denn ihr war die Aufgabe anvertraut, alle Menschen aller Zeiten und der ganzen Welt zur ewigen Seligkeit zu führen: „Gehet hin und lehret alle Völker“ (Mr. 18, 19). Sollte der Kirche die Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe ausgehen, da ihr doch stets Christus selbst zur Seite steht, der ihr feierlich versprach: Siehe, ich bin bei euch bid ans Ende der Zeiten“ (Mt. 28, 20)?

Die Kirche Christi muss also nicht nur heute, morgen und immer existieren, sondern sie muss existieren gerade so wie sie zur apostolischen Zeit existierte, will man nicht die Absurdität aufstellen, dass Christus seinen Willen nicht durchsetzen konnte oder er habe geirrt, als er verkündete, dass die Pforten der Hölle seine Kirche niemals überwältigen werden (Mt. 16, 18). Hier bietet sich Gelegenheit, eine falsche Ansicht zu klären und zurückzuweisen, von der die ganze vorliegende Frage abzuhängen scheint und von der die vielfältige Aktion der Akatholiken zur Einigung der Kirchen ausgeht.

Die Förderer dieser Aktion hören fast nicht auf, die Worte zu zitieren: „Dass alle eins seien.“ „Es wird ein Schafstall und ein Hirt werden.“ (Joh. 17, 21; 10, 16.) Aber sie geben diesen Worten den Sinn eines bloßen Wunsches und einer Bitte des Heilandes, die noch nicht erfüllt seien. Sie behaupten, dass die Einheit des Glaubens und der Leitung, dieses Merkmal der wahren und einzigen Kirche Christi, niemals eigentlich bestanden habe und auch heutzutage nicht vorhanden sei. Sie könne gewünscht werden und könne vielleicht in der Zukunft einmal bei gutem Willen der Gläubigen erreicht werden, aber sie bleibe vorläufig ein reines Ideal. Sie sagen, die Kirche sei an sich und ihrer Natur nach geteilt, sie bestehe aus sehr vielen Kirchen oder einzelnen Kommunitäten, die bisher voneinander geschieden, in einigen Punkten der Doktrin übereinstimmen, in den übrigen sich widersprechen. Jeder dieser Kirchen käme die gleichen Rechte zu. die Kirche sei höchstens einige gewesen in der apostolischen Zeit und bis zu den ersten allgemeinen Konzilien. Deshalb, folgern sie weiter, müssten die alten Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten, die bis in unsere Tage die christliche Familie entzweit hätten, ausgeschieden werden, und aus den übriggebleibenden Lehrpunkten müsse eine gemeinsame Glaubensnorm gebildet werden, in welchem Bekenntnis sich dann alle wiederfinden und sich als Brüder fühlen könnten. Nur so, durch einen gemeinsamen Bund geeint, würden die vielen Kirchen und Gemeinschaften imstande sein, kraftvoll und mit Erfolg den Fortschritten des Unglaubens Einhalt zu bieten.

So spricht man sich, verehrte Brüder, gemeiniglich aus. Es gibt zwar auch solche, die zugeben und bejahen, dass der Protestantismus gewisse Glaubenslehren und äußere Kultriten allzu unbedacht preisgegeben habe, die sicher annehmbar und nützlich seien und die die römische Kirche beibehalten habe. Aber sofort fügen sie hinzu, dass diese Kirche auch den alten Christenglauben verderbt habe, indem sie manche Lehren hinzugefügt und zu glauben vorgestellt habe, die dem Christentum nicht nur fremd, sondern entgegengesetzt seien, so vor allem dem Juridiktionsprimat des heiligen Petrus und seiner Nachfolger auf dem römischen Stuhl. Unter ihnen finden sich auch einige wenige, die dem römischen Papste einen Ehrenprimat und eine mäßige Jurisdiktionsgewalt zugestehen, aber nicht kraft göttlichen Rechts, sondern durch eine Art Zustimmung von seiten der Gläubigen. Einige wünschen sogar den römischen Papst zum Vorsitzenden ihrer, sagen wir einmal, bunt zusammengewürfelten Versammlungen zu erheben. Und wenn leicht Akatholiken zu finden sind, die aus vollem Munde die christliche Gemeinschaft predigen, so findet sich auch nicht einer, dem es in den Sinn käme, sich der Autorität des Statthalters Jesu Christi zu unterwerfen und seinem Lehrwort sein Ohr zu leihen. Inzwischen erklären sie sich gern bereit, mit der römischen Kirche zu unterhandeln, aber auf leichem Fuß, mit gleichem Rechte. Aber es ist wohl nicht zweifelhaft, dass, wäre es ihnen vergönnt, so zu unterhandeln, sie es mit der Absicht täten, zu einem Abkommen zu gelangen, das ihnen erlauben würde, die Meinungen beizubehalten, die jetzt noch der Grund sind, warum sie außerhalb der einzigen Hürde Jesu Christi herumirren.

Es ist klar, dass der Hl. Stuhl unter solchen Umständen in keiner Weise an diesen Konferenzen teilnehmen kann. Ebensowenig können die Katholiken einem solchen Unternehmen beitreten oder ihm ihre Beihilfe leihen. Täten sie es, so würden sie eine falsche christliche Religion anerkennen, ganz verschieden von der einen Kirche Jesu Christi. Sollen Wir denn dulden, dass die Wahrheit und zwar die von Gott geoffenbarte Wahrheit, zu einem Verhandlungsgegenstand gemacht wird? Es wäre ein schuldbeladenes Unterfangen. Hier handelt es sich gerade darum, die geoffenbarte Wahrheit zu verteidigen.

Jesus Christus sandte seine Apostel in die ganze Welt, um sein Evangelium allen Völkern zu verkünden, und damit sie sich nie irrten, gab er ihnen den Heiligen Geist zum Lehrer aller Wahrheit (Joh. 16, 13). Ist etwa diese apostolische Lehre versiegt oder kann diese Lehre in der Kirche einmal verdunkelt worden sein, da sie doch von Gott selbst geleitet und bewahrt wird? Und wenn unser Erlöser klar sagte, dass das Evangelium nicht nur für das apostolische Zeitalter, sondern für alle zukünftigen Zeiten bestimmt sei, konnte dann der Glaubensgegenstand im Lauf der Zeit so dunkel und unsicher werden, dass heute alle sich widerstreitenden Meinungen toleriert werden müssten? Wäre das wahr, so müsste man gleicherweise sagen, die Herabkunft des Hl. Geistes auf die Apostel, sein nimmerwhrendes Bleiben bei der Kirche und ebenso die Predigt des Heilandes hätten schon seit vielen Jahrhunderten ihre Kraft und Nützlichkeit verloren. So etwas zu behaupten ist aber eine Blasphemie. Weiter: der eingeborene Sohn Gottes hat seinen Gesandten nicht nur den Auftrag gegeben, alle Nationen zu lehren, sondern er hat auch alle Menschen verpflichtet, der verkündeten Wahrheit zu glauben und „den von Gott vorherbestimmten Zeugen“ (act. 10 41); und er gab seinem Gebote die Sanktion: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird selig werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Marc. 16, 16). Dieses doppelte Gebot Christi, die Wahrheit zu lehren und sie zu glauben, um selig zu werden, wäre durchaus unverständlich, wenn die Kirche die evangelische Lehre nicht klar und unversehrt vorlegen würde und wenn sie nicht von jeder Gefahr des Lehrirrtums bewahrt bliebe. Deshalb entfernt sich jener weit von der Wahrheit, der zwar die Existenz einer Wahrheitshinterlage in dieser Welt annimmt, dann aber wieder der Meinung ist, diese Wahrheit müsse mit so schwerer Arbeit gesucht werden, mit einem so langen Studium und Disputieren, dass kaum ein Menschenleben ausreicht, sie zu finden und zu besitzen. Wie wenn der gütige Gott durch den Mund seiner Propheten und seines eingeborenen Sohnes selbst gesprochen hätte, damit nur wenige und erst im vorgerückten Alter die von ihm geoffenbarte Wahrheit kennenlernten, und nicht vielmehr, um eine Sittenlehre aufzuerlegen, die dem Menschen während seines ganzen Lebens ein Leitstern sein soll.

Die Panchristen mögen bei ihren Bestrebungen zur Vereinigung der Kirchen von der edlen Absicht geleitet sein, die Liebe unter den Christen zu fördern. Aber wie kann es denn eine Liebe auf Kosten des Glaubens geben? Wir wissen doch alle, dass gerade Johannes, der Apostel der Liebe, dessen Evangelium wie eine Offenbarung der Geheimnisse des heiligsten Herzens Jesu erscheint, und der den Seinen ständig das neue Gebot „Liebet einander“ einzuschärfen pflegte, dass gerade er streng verbot, zu denen Beziehungen zu unterhalten, die die Lehre Christi nicht ganz und unversehrt bekannten: „Kommt jemand zu euch und bringt diese Lehre nicht mit, so nehmt ihn nicht in euer Haus auf und bietet ihm keinen Gruß.“ (2. Joh. 11.) Weil also die Liebe auf dem Fundament eines unversehrten und aufrichtigen Glaubens ruht, so müssen die Jünger Christi vor allem durch das Band der Glaubenseinheit untereinander verbunden sein. Wie kann man sich deshalb einen christlichen Bund auch nur denken, dessen Mitglieder, auch wenn es sich um den Glaubensgegenstand handelt, jedes seine eigene Ansicht behalten könnte, selbst wenn sie der Ansicht der anderen widerspricht? Wir fragen: wie können Menschen, die entgegengesetzter Überzeugung sind, ein und demselben Glaubensbund angehören? Wenn die einen beispielsweise die heilige Tradition als eine wahre und echte Glaubensquelle halten, die anderen diese Wahrheit leugnen? Oder die kirchliche Hierarchie der Bischöfe, Priester und Diakone als von Gott eingesetzt erachten und die anderen, die behaupten, diese Hierarchie sei nach den Bedürfnissen der Zeit und des Ortes erst allmählich eingeführt worden? Die im heiligsten Altarssakrament den infolge der wunderbaren Wandlung von Brot und Wein, Transsubstatiation genannt, wirklich gegenwärtigen Christus anbeten, und jene, nach deren Auffassung Christus nur durch den Glauben oder das Zeichen und in der Kraft des Sakramentes zugegen ist? Wie, die in der Eucharistie das Wesen eines Sakramentes und zugleich eines Opfers anerkennen, und wieder jene, welche in ihr bloß eine Erinnerung an das Abendmahl des Herrn und sein Gedächtnis sehen? Wie diejenigen, die für gut und heilsam halten, die mit Christus herrschenden Heiligen und vor allem die Gottesmutter Maria anzurufen und ihre Bilder zu verehren, und jene, die diesen Kult verwerfen, weil der Ehre des „einen Mittlers zwischen Gott und den Menschen“ (vgl. I Tim. 2, 5) Jesus Christus widerstreitend? Es ist Uns unerfindlich, wie in einem solchen Wirrwarr der Meinungen der Weg zur Einheit der Kirche gebahnt werden könnte, da diese Einheit nicht anderes als aus dem Einen Lehramt, der Einen Glaubensregel und dem Einen Christusglauben entstehen kann. Das aber wissen Wir, dass von einer solchen Meinungsverschiedenheit der Schritt gar leicht gemacht wird zur Vernachlässigung der Religion, zum Indifferentismus und zum sogenannten Modernismus, dessen bedauernswerte Opfer die Glaubenswahrheit nicht für absolut, sondern für relativ halten: sie richte sich nach den jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und des Ortes und nach den verschiedenen Geistesströmungen, da diese Wahrheit ja nicht in einer unveränderlichen Offenbarung beschlossen sei, sondern sich dem Menschenleben anpasse.

In Glaubensfragen ist ferner eine Unterscheidung zwischen sogenannten „fundamentalen“ und „nicht fundamentalen“ Glaubenspunkten keineswegs angängig, als ob die einen von allen angenommen werden müssten, wührend die Annahme der anderen dem freien Ermessen der Gläubigen anheimgestellt wäre. Die übernatürliche Tugend des Glaubens hat nämlich die Autorität des sich offenbarenden Gottes zur Formalursache, die keine solche Unterscheidung zulässt. Deshalb nehmen die wahren Jünger Christi mit dem gleichen Glauben, den sie dem Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit zollen, auch den Glaubenssatz von der unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter an, und sie bringen der Menschwerdung des Herrn denselben Glauben entgegen wie der Unfehlbarkeit des Papstes, sowie sie vom (1.) Vatikanischen Konzil definiert wurde. Mögen diese Wahrheiten auch zu verschiedenen Zeiten, selbst erst in jüngster Zeit, feierlich festgesetzt und definiert worden sein, so sind sie doch alle gleich fest und gläubig anzunehmen. Denn hat nicht Gott sie alle geoffenbart? Das kirchliche Lehramt, das durch göttlichen Ratschlsus hier auf Erden gegründet wurde, damit die geoffenbarten Wahrheiten stets unverändert bewahrt blieben und leicht und sicher zur Kenntnis der Menschen kommen könnten, wird zwar vom Papste und den mit ihm in Verbindung stehenden Bischöfen tagtäglich ausgeübt. Wenn es aber vonnöten ist, den Irrtümern und Angriffen der Irrgläubigen wirksamer entgegenzutreten oder gewisse Lehrpunkte den Gläubigen klarer und tiefer eingeprägt werden müssen, dann ist es Pflicht des kirchlichen Lehramtes, in feierlicher Form zu einer Definition einer bestimmten Lehre zu schreiten. Durch diese außerordentliche Ausübung des Lehramtes wird nichts Neues erfunden und nichts Neues der Summe von Wahrheiten hinzugefügt, die in dem von Gott der Kirche anvertrauten Offenbarungsschatze wenigstens einschließlich enthalten sind. Dadurch werden vielmehr bloß Wahrheiten klargelegt, die bisher vielleicht vielen noch dunkel erscheinen konnten oder Wahrheiten zu glauben vorgelegt, die vorher von manchen angestritten wurden.

So ist es klar, ehrwürdige Brüder, warum der Apostolische Stuhl niemals den Seinen erlaubte, an den Tagungen von Akatholiken teilzunehmen. Man darf nämlich die Vereinigung der Christen auf keine andere Weise fördern als durch Förderung der Rückkehr der Dissidenten zur Einen, wahren Kirche Christi, von der diese Unglücklichen einst abgefallen sind. Zur Einen, wahren Kirche Christi, sagen Wir, die allen sichtbar dasteht und die nach dem Willen ihres Stifters immer bleiben wird, wie er sie zum allgemeinen Heil gestiftet hat. Christi mystische Braut ist im Lauf der Zeiten nie befleckt worden und kann es nicht werden. Dafür gab schon Cyprian Zeugnis: „Die Braut Christi“, so schreibt er, „kann nicht entehrt werden. Unversehrt ist sie und rein. Sie kennt nur ein Haus, nur eines Gemaches Heiligkeit bewahrt sie in keuscher Zucht.“ (Über die Einheit der katholischen Kirche 6, 11.) Und dieser heilige Blutzeuge wundert sich mit Recht sehr darüber, wie man glauben könne, „diese Einheit, die ihr Fundament in der göttlichen Unveränderlichkeit hat und mit den himmlischen Geheimnissen zusammenhängt, könne in der Kirche selbst zerrissen und durch den Zwist uneiniger Menschen zerschlagen werden“. (1.c.) Denn da der mystische Leib Christi, die Kirche, einer ist (1. Kor. 12, 12), zusammengefügt und zusammengehalten (Eph. 4, 16) wie ein physischer Leib, so ist es eine große Torheit zu sagen, dieser mystische Leib könne aus zerrissenen und voneinander getrennten Gliedern bestehen. Wer also mit diesem mystsichen Leib nicht verbunden ist, ist auch nicht sein Glied und steht mit dem Haupt Christi nicht in Verbindung. In dieser Einen Kirche Christi ist und verbleibt niemand, außer er unterwerfe sich gehorsam der Autorität des Petrus und seiner rechtmäßigen Nachfolger und anerkenne dadurch ihre Gewalt. Haben denn nicht die Vorfahren derer, die in die Irrtümer des Photius und der Reformatoren verstrickt sind, dem römischen Bischofe als dem obersten Hirten der Seelen gehuldigt? Die Söhne haben leider das väterliche Haus verlassen; es ging aber deswegen nicht zugrunde und verfiel nicht, da es ja stets unter Gottes Schutz stand. Die verlorenen Söhne mögen also zurückkehren zum gemeinsamen Vater, und er wird sie, uneingedenk des dem Apostolischen Stuhle einst angetanen Unrechts, voll Liebe umarmen. Wünschen sie, wie sie immer sagen, mit Uns und den Unsrigen sich wieder zu vereinigen, warum kehren sie nicht eilends zur Kirche zurück, „der Mutter und Lehrerin aller Christgläubigen“? (4. Laterankonzil c. 5.) Hören mögen sie, was Lactantius sagt: „Nur … die katholische Kirche“, so ruft er aus, „bewahrt den wahren Kult. Sie ist die Quelle der Wahrheit, sie die Heimstätte des Glaubens, sie der Tempel Gottes. Wer nicht in sie eintritt oder wer sie verlässt, bleibt ferne der Hoffnung auf Leben und Heil. Niemand versuche, halsstarrig sich selbst zu täuschen. Es handelt sich um Leben und Heil: wer es nicht sorgsam und eifrig betreut, der verliert es und dem wird es erlöschen.“ (Divin. Instit. 4, 30, 11-12.)

So mögen denn die getrennten Söhne zu diesem, hier in der Stadt (Rom) erreichteten Apostolischen Stuhle sich wenden, den die Apostelfürsten Petrus und Paulus mit ihrem Blute geheiligt haben, der da ist „die Wurzel und Mutter der katholischen Kirche “ (S. Cypr. Ep. 48 ad Cornelium, 3) Nicht in der Meinung und Hoffnung, die Kirche des lebendigen Gottes, „die Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3,15) werde die Reinheit des Glaubens preisgeben und ihre Irrtümer dulden, sondern vielmehr, um sich ihrem Lehramt und ihrer Leitung anzuvertrauen. Möchte Uns doch glücken, was so viele Unserer Vorgänger vergeblich angestrebt haben, dass Wir die Söhne, deren unglückselige Trennung Wir betrauern, in väterlicher Liebe umarmen könnten. Möchte unser göttlicher Erlöser, „der da will, dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim. 2, 4), Unsere inständigen Bitten erhören und alle Irrenden zurückrufen zur Einheit der Kirche. In dieser so wichtigen Angelegenheit nehmen Wir Unsere Zuflucht zur allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter der göttlichen Gnade, der Siegerin über alle Irrlehren, der Hilfe der Christen und fordern zu ihrer Anrufung auf, damit sie Uns bald durch ihre Fürbitte den heißersehnten Tag schenke, an dem alle die Stimme ihres göttlichen Slohnes hören werden, „bewahrend die Einheit des Geistes im Verbande des Friedens“ (Eph. 4, 3).

Ihr wisst, ehrwürdige Brüder, wie sehr Wir Uns darnach sehnen, und ebenso möge es Unseren Söhnen zum Bewusstsein kommen, nicht nur den Katholiken, sondern auch den von uns getrennten Kindern. Erflehen sie in demütigem Gebete himmlische Erleuchtung, so werden sie zweifellos die Eine, wahre Kirche Christi erkennen und in sie eintreten, in vollkommener Liebe mit Uns vereint. In solcher Erwartung erteilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gnade und als Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens Euch, ehrwürdigen Brüdern, Eurem Klerus und Volk von Herzen den apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 6. Januar, dem Feste der Erscheinung Christi, unseres Herrn, im Jahre 1928 und im sechsten Unseres Pontifikats.

Pius XI.

Abschrift aus DZM Nr. 3, Juli 1967, von mir [POS]

Siehe auch:

Vatican: Pius XI Encyclicals: Mortalium Animos

2 Kommentare zu “Die Förderung der wahren Religionseinheit

  1. DEO gratias !

    Das sind aufbauende, glaubensstärkende Worte eines wahren Heiligen Vaters der einzigen Kirche unseres HERRN wie wir sie seit 1958 nicht mehr hörten.

  2. Der wichtigste Satz in diesem Dokument ist:

    Zitat
    Die Kirche Christi muss also nicht nur heute, morgen und immer existieren, sondern sie muss existieren gerade so wie sie zur apostolischen Zeit existierte, will man nicht die Absurdität aufstellen, dass Christus seinen Willen nicht durchsetzen konnte oder er habe geirrt, als er verkündete, dass die Pforten der Hölle seine Kirche niemals überwältigen werden (Mt. 16, 18).

    Aber auch …

    Zur Einen, wahren Kirche Christi, sagen Wir, die allen sichtbar dasteht und die nach dem Willen ihres Stifters immer bleiben wird, wie er sie zum allgemeinen Heil gestiftet hat.

    Der Wille Christi ist nach wie vor klar durchgesetzt in der röm. kath. Kirche mit Papst und es wird ohne Zweifel bis an das Ende der Menschheit so sein. Trotzdem hat diese einzig wahre Kirche einen gewissen Wandel erlebt seit sie existiert. Vieles wurde festgehalten (z.B. Dogma) und vereinheitlicht und erweitert formuliert (z.B. die hl. Messe usw.) und es gab immer wieder heftige Widerstände und Widersprüche. Christus hat sich nicht geirrt, wenn die Kirche über die Jahrhunderte auch Krisen, Mängel und Fehler begangen hat. Das darf auch nicht mit dem mangelnden Willen oder Durchsetzung gleichgesetzt werden und es wird in keiner Weise die Gültigkeit beeinträchtigen.

    Wichtig ist für einen echten Katholiken nur, dass diese von Gott gestiftete, sichtbare, röm.-kath. Kirche bis an das Ende existieren wird. Was mit anderen von Menschen gegründeten Sekten geschieht, ist nicht Gegenstand des obigen Dokumentes, noch der Voraussagen. Diese anderen Gruppierungen werden auch nie eucharistische Wunder auch als Zeichen der Verbundenheit erhalten (das hat nichts mit einem theologischen Einverständnis zu allen kirchlichen Entscheidungen zu tun).

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