PREDIGT ZUM SCHUTZENGELFEST von Kaplan A. Betschart

Der Heilige Erzengel Gabriel, Byzantinisch

Die Schutzengel beschirmen den einzelnen Menschen, die Schutzengel der Völker, die es nach der Meinung großer Gottesgelehrter gibt, ganze Völker. Zum heutigen Schutzengelsonntag möchte ich Ihnen einen der größten und bedeutendsten Engel der himmlischen Hierarchie vorstellen. Es ist der Erzengel Gabriel, der von Gott einen alles überragenden Auftrag an die ganze Menschheit erhalten hatte.

Nach den Berichten des Alten und Neuen Testaments hat Gabriel dreimal den Menschen den großen Ratschluss des Herrn zu verkünden gehabt: die Heilsbotschaft vom gottmenschlichen Erlöser. In der Genauigkeit der Vorhersage ist eine dreimalige Steigerung zu erkennen: das erste Mal wird der Zeitpunkt im allgemeinen vorhergesagt: Zum Propheten Daniel spricht Gabriel, dass von der Wiederaufrichtung Jerusalems nach der Babylonischen Gefangenschaft bis zum Tod des Erlösers 490 Jahre vergehen werden. Beim zweiten Mal wird der unmittelbare Vorgänger des Messias vorhergesagt: Gabriel verheißt Zacharias, dem Vater Johannes des Täufers, die Geburt eines Sohnes, der vor dem Messias hergehen und ihm ein heiliges Volk bereiten soll.

Danach sang Gabriel wieder sechs Monate lang im Chore der Cherubim, die von den Geheimnissen Gottes das tiefste Wissen haben, das Dreimal-Heilig, bis er sich – göttlichem Geheiße gehorchend –, abermals auf den Weg machte und über Milchstraßen und Lilienfelder zu einer Jungfrau eilte, die leuchtender war als die Strassen des Lichtes am Himmel und reiner als alle blühenden Felder der Erde.

Gabriel hatte bereits mit dem Propheten und mit dem Priester gesprochen. Jetzt sollte er das Geheimnis auch dieser schlichten Jungfrau verkünden. Gott hält auch Maria gegenüber den erhabenen Instanzenweg durch die Engel ein, die uns die göttlichen Aufträge vermitteln. Und für die Engel selber war die Stunde der Verkündigung wie eine Wiedergutmachung am Geschlecht der Frau. Hatte doch einmal ein Engel, ein gefallener zwar, eine Frau ins Verderben geführt. Nun sollte auch die Rettung der Menschheit mit einer Unterredung zwischen einem Engel und einer Frau anfangen. Der Name dieser Jungfrau ist Maria.

Gabriel stand im Himmel auf goldenem Parkett. Vor sechs Monaten hatte er den geheiligten Boden des Tempels betreten. Mit gleicher Ehrfurcht setzte er den Fuß in das ärmliche Gemach dieser unbekannten Jungfrau in Nazareth, die bald das Heiligste, ja den Himmel selber in sich tragen wird.

Die Sprache, die der große Engel mit Maria führt, hat nicht jene freundschaftliche Vertrautheit, womit er zum jungen Daniel geredet hatte: “O Daniel, geliebter Mann”, noch die wuchtige Majestät, womit er sich Zacharias vorgestellt hatte: “Ich bin Gabriel, der vor Gott steht und gesandt bin, zu dir zu reden.” Vor dieser bescheidenen Jungfrau verschweigt der Engel seine Würde und redet mit ihr scheu, wie mit einer Königin, ja seiner Königin:

“Sei gegrüsst, Du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir!”

Dieser gewaltige Erzengel Gabriel ist diesem Mädchen aus dem unbedeutenden Nazareth an strahlenden Gaben der Natur unermesslich überlegen. An Gnade aber überragt sie ihn, den hohen Engel, himmelweit. Sie ist einfach jene, die voll der Gnade ist.

Ihr bringt er die unfassbar hehre und zugleich schwere Botschaft, dass sie einen Sohn vom Heiligen Geist empfangen werde, welcher der Sohn des Allerhöchsten genannt und dessen Reich ohne Ende sein werde. In der gläubigen Unterwerfung Marias macht die Menschheit die ungläubige Auflehnung Evas wieder gut.
Ruhig hörte die Jungfrau der Rede des Engels zu. Dann lösten sich von ihren Lippen die folgenschweren Worte:

“Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort!”

Gabriel hob diese wenigen Worte auf wie unendlich kostbare Diamanten. Er hatte die Botschaft des Himmels auf die Erde gebracht. Nun bringt er die Botschaft der Erde heim zum Himmel. Auch für den Himmel wird Gabriel zum Engel der Verkündigung. Es wurde eine große Stille im Himmel, als er zurückkehrte. Gabriel rief den harrenden Heeren der himmlischen Geister zu, was Maria ihm gesagt hatte: “Es geschehe.”

Es ist dies wahrhaft die bedeutendste Stunde der Weltgeschichte, als sich einer der höchsten aller Geister des Himmels und die Edelste aller Menschen gegenüberstanden, es ist die Stunde, da Gott Mensch wurde im Schosse der allerseligsten Jungfrau Maria.

Es ist derjenige der Erzengel, der sich als Gabriel, der vor Gott steht, bei Zacharias einführt und dessen Name “Vertrauter Gottes” bedeutet – und Maria, deren Lob schon bei den Propheten und auch sonst mehrfach im Alten Testament voraus klingt. Wie unendlich erhaben ist doch diese Heilsbotschaft über alle jene sich so wichtig gebenden Heilsbotschaften der Menschen, die ein Unmaß von Heil und Fortschritt versprachen und statt dessen nur allzu oft ein Unmaß von Unheil und Niedergang einleiteten!

Die Szene der Verkündigung in Nazareth ist so rein und so erhaben und so schön, dass die grössten Künstler aller Zeiten sich an ihr zu den erlesensten Schöpfungen begeistern ließen. Ebenso hoch aber wie diese Heilsbotschaft über alle weltlichen Heilsbotschaften steht, so ragt ihr Verkünder – Gabriel – über das verweltlichte und verniedlichte Bild vom Engel hinaus, dem man leider auch bei Gläubigen viel zu häufig begegnet: das süßliche Bild von den Engeln, das ihre gewaltige Geistesmacht vergisst, und ebenso das Bild von den kleinen putzigen Englein, das dem ungeheuren Ernst des Seins und Wirkens eines Engels nicht gerecht wird. Das eine so wenig wie das andere kann uns in den Abgründen des Lebens, die sich heute vor uns aufgetan haben, eine Hilfe sein.

Die Botschaft des “Vertrauten Gottes”, des Erzengels Gabriel, von der Erlösung durch den Gottmenschen hat nichts von ihrer Würde und Wichtigkeit eingebüßt, ja sie wird nur umso aktueller, je unerlöster die Menschheit unter dem Joch ihrer Schuld schmachtet. Und so ist es nur angemessen, wenn die Christenheit des ganzen Erdenrunds dreimal Tag für Tag sich im Gebet den “Engel des Herrn” vergegenwärtigt, der Maria die Botschaft brachte, durch dieses wunderschöne Gebet, durch das wir der Muttergottes eine große Freude bereiten können, wie der Heiland selbst in einer Vision der hl. Gertrud der Großen anvertraut hat, und sicher auch ihrem Boten, dem heiligen Erzengel Gabriel.

Steht er doch freundlich und gütig neben dem zürnenden und kämpfenden Erzengel Michael, der so recht dem Kampf gegen Luzifer und der Urschuld des Alten Testaments zugeordnet scheint. Gabriel steht da mit seinen Verheißungen des Erbarmens wie ein Vertreter des Neuen Bundes, er, der hehre Gottgesandte, der dreimal in unsere Zeitlichkeit eintrat, um die schwachen Menschen in ihrer selbstverschuldeten Not zu trösten.

Quellenhinweis:

▸ Schaezler K., Engel Gabriel, Neulandverlag München o. J.

▸ Hophan O., Die Engel, Luzern 1956.

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Quelle

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