Kongregation für den Klerus: DER PRIESTERLICHE ZÖLIBAT

 

2.10. Der priesterliche Zölibat

Fester Wille der Kirche

79. Überzeugt von den tiefen theologischen und pastoralen Gründen, welche die Beziehung zwischen Priestertum und Zölibat unterstützen, und erleuchtet vom Zeugnis, das auch heute den spirituellen und evangeliumsgemäßen Wert in so vielen priesterlichen Existenzen bestätigt, hat die Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil und wiederholt bei späteren päpstlichen Lehraussagen den „festen Willen bekräftigt, das Gesetz beizubehalten, das von den Priesterkandidaten im lateinischen Ritus den frei gewählten und dauernden Zölibat verlangt“[354].

Der Zölibat ist nämlich eine freudige Gabe, welche die Kirche erhalten hat und bewahren will, davon überzeugt, dass er für sie selbst und für die Welt ein hohes Gut ist.

Theologisch-spirituelle Begründung des Zölibats

80. Wie jeder Wert des Evangeliums muss auch der Zölibat als Gabe der göttlichen Barmherzigkeit, als das befreiend Neue gelebt werden, als besonderes Zeugnis der Radikalität in der Nachfolge Christi und als Zeichen eschatologischer Realität: „Der Zölibat ist eine Vorwegnahme, die möglich wird durch die Gnade des Herrn, der uns zu sich ,zieht‘, zur Welt der Auferstehung hin; er lädt uns immer von neuem ein, uns selbst zu übersteigen, diese Gegenwart, hin auf die wahre Gegenwart der Zukunft, die heute Gegenwart wird.“[355]

„Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19,10-12).[356] Der Zölibat erweist sich als Entsprechung in der Liebe eines Menschen, der „Vater und Mutter verlässt und Jesus folgt, dem Guten Hirten, in eine apostolische Gemeinschaft, um dem Volk Gottes zu dienen“[357].

Um mit Liebe und Großmut die erhaltene Gabe zu leben, ist es besonders wichtig, dass der Priester schon von der Seminarausbildung an die theologische Dimension und die spirituelle Begründung der kirchlichen Disziplin des Zölibats versteht[358]. Dieser verlangt als Gabe Gottes und als besonderes Charisma die Einhaltung der Keuschheit, also der vollkommenen und dauernden Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen, damit die geweihten Diener Christus mit ungeteiltem Herzen leichter anhangen und sich freier dem Dienst für Gott und für die Menschen widmen können[359]: „Der Zölibat trägt, da er den Menschen zu einer wunderbaren Würde erhöht, wahrhaft zur Vollendung des Menschseins bei.“[360] Bevor noch jemand seinen Willen bekundet, dazu bereit zu sein, manifestiert die kirchliche Disziplin den Willen der Kirche, der seinen tiefsten Grund im engen Band zwischen Zölibat und heiliger Weihe findet, die den Priester mit Jesus Christus, dem Haupt und Bräutigam der Kirche, konfiguriert.[361]

Der Brief an die Epheser stellt die priesterliche Gabe Christi (vgl. 5,25) in einen engen Zusammenhang mit der Heiligung der Kirche (vgl. 5,26), welche mit bräutlicher Liebe geliebt wird. Sakramental eingefügt in dieses Priestertum der exklusiven Liebe Christi zur Kirche, seiner treuen Braut, bringt der Priester mit seinem zölibatären Einsatz solche Liebe zum Ausdruck, die auch fruchtbare Quelle pastoraler Wirksamkeit wird.

Der Zölibat ist also weder ein Einfluss, der von außen auf den priesterlichen Dienst einwirkt, noch kann er einfach als eine vom Gesetz auferlegte Institution betrachtet werden. Denn wer das Weihesakrament empfängt, hat sich bewusst und frei verpflichtet[362], nach mehrjähriger Vorbereitung, gründlicher Reflexion und eifrigem Gebet. Zur festen Überzeugung gelangt, dass ihm Christus diese Gabe gibt für das Wohl der Kirche und für den Dienst an den anderen, übernimmt der Priester den Zölibat für das ganze Leben und bekräftigt diesen seinen Willen gemäss dem schon während der Diakonatsweihe gegebenen Versprechen. [363]

Aus diesen Gründen bestätigt das kirchliche Gesetz einerseits das Charisma des Zölibats und zeigt auf, wie innig es mit dem heiligen Dienst verbunden ist in jener doppelten Dimension der Beziehung zwischen Christus und der Kirche. Andererseits schützt sie die Freiheit dessen, der ihn übernimmt.[364] Der demnach unter einem neuen und hehren Titel[365] Christus geweihte Priester muss sich voll bewusst sein, dass er von Gott eine Gabe erhalten hat, von einem rechtsverbindlich genau festgelegten Band sanktioniert, aus der sich eine moralische Verpflichtung zur Einhaltung ergibt. Diese freiwillig übernommene rechtsverbindliche Verpflichtung hat noch vor dem rechtlichen Aspekt theologischen und moralischen Charakter. Sie ist Zeichen jener bräutlichen Wirklichkeit, die in der sakramentalen Weihe zum Tragen kommt.

Durch die Gabe des Zölibats übernimmt der Priester auch jene geistliche und doch reale Vaterschaft, die eine universale Dimension hat und dann besonders gegenüber der ihm anvertrauten Gemeinde konkretisiert wird.[366] „Sie sind Kinder seines Geistes, Menschen, die der Gute Hirt seiner Sorge anvertraut hat. Es sind viele Menschen, mehr als eine normale menschliche Familie umfassen kann. […] Soll das Herz des Priesters für einen solchen Dienst, für solche Sorge und Liebe verfügbar werden, so muss es frei sein. Der Zölibat ist so Zeichen einer Freiheit, die sich zum Dienst bereit macht. Aufgrund dieses Zeichens ist das hierarchische oder Amtspriestertum nach der Tradition unserer Kirche unmittelbar auf das gemeinsame Priestertum der Gläubigen hingeordnet.“[367]

Das Beispiel Jesu

81. Der Zölibat ist also Sich-selbst-Hingeben „in“ und „mit“ Christus an seine Kirche und Ausdruck despriesterlichen Dienstes an der Kirche „in“ und „mit“ dem Herrn.[368]

Das Vorbild ist der Herr selbst, indem er, entgegen der zu seiner Zeit dominierenden Kultur, sich frei entschieden hat, zölibatär zu leben. In seiner Nachfolge verließen die Jünger „alles“, um die ihnen anvertraute Mission auszuführen (Lk 18,28-30).

Aus diesem Grund wollte die Kirche seit den Zeiten der Apostel die Gabe der dauernden Enthaltsamkeit der Kleriker bewahren, und sie ist dazu übergegangen, die Kandidaten für heilige Weihen unter den Zölibatären auszuwählen (vgl. 2Thess 2,15; 1Kor 7,5; 9,5; 1Tim3,2.12; 5,9; Tit 1,6.8).[369]

Der Zölibat ist eine Gabe, die man von der Barmherzigkeit Gottes empfängt[370], als freie Wahl und dankbare Annahme einer besonderen Berufung der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Er darf nicht verstanden und gelebt werden als bloße Begleiterscheinung des Priestertums.

Schwierigkeiten und Einwände

82. Im aktuellen kulturellen Klima, häufig konditioniert von einer Sicht des Menschen ohne Werte und vor allem unfähig, der menschlichen Sexualität einen vollen, positiven und befreienden Sinn zu geben, stellt man immer wieder die Frage nach der Wichtigkeit und der Bedeutung des priesterlichen Zölibats oder manchmal danach, inwiefern die Angemessenheit seiner engen Verbindung und seines tiefen Einklangs mit dem Amtspriestertum zu bejahen ist.

„In gewisser Hinsicht mag diese beständige Kritik am Zölibat überraschen, in einer Zeit, in der es immer mehr Mode wird, nicht zu heiraten. Aber dieses Nicht-Heiraten ist etwas vollständig und grundlegend anderes als der Zölibat, denn das Nicht-Heiraten ist auf den Willen gegründet, nur für sich selbst zu leben, keine endgültige Bindung zu akzeptieren, das Leben zu jedem Zeitpunkt in vollkommener Autonomie zu leben, jeden Augenblick zu entscheiden, was zu tun ist, was man vom Leben nimmt; es ist daher ein ‚Nein‘ zur Bindung, ein ‚Nein‘ zur Endgültigkeit, es bedeutet, das Leben nur für sich allein zu haben. Der Zölibat dagegen ist genau das Gegenteil: er ist ein endgültiges ‚Ja‘, ein sich von den Händen Gottes Ergreifenlassen, ein sich in die Hände Gottes, in sein ‚Ich‘ Hineinlegen, das heißt es ist ein Akt der Treue und des Vertrauens, ein Akt, der auch Voraussetzung ist für die Treue in der Ehe. Es ist genau das Gegenteil dieses ‚Nein‘, dieser Autonomie, die sich nicht verpflichten will, die keine Bindung eingehen will.“[371]

Der Priester verkündet nicht sich selbst, „im eigenen Menschsein und durch das eigene Menschsein muss jeder Priester sich bewusst sein, dass er einen anderen, Gott selbst, in die Welt trägt. Gott ist der einzige Reichtum, den die Menschen letztendlich in einem Priester finden wollen.“[372] Das priesterliche Vorbild ist das eines Zeugen des Absoluten: die Tatsache, dass der Zölibat heute in vielen Bereichen wenig verstanden und geschätzt wird, darf nicht dazu führen, andere Szenarien zu entwerfen. Vielmehr erfordert es die Neuentdeckung dieser Gabe der Liebe Gottes an die Menschen. Denn der priesterliche Zölibat wird auch von vielen Menschen, die keine Christen sind, bewundert und geschätzt.

Man darf nicht vergessen, dass der Zölibat von der Praxis der Tugend der Keuschheit belebt wird, die nur gelebt werden kann durch die Pflege der Reinheit mit übernatürlicher und menschlicher Reife[373], insofern sie wesentlich ist, um das „Talent“ der Berufung zu entwickeln. Es ist unmöglich, mit einem unreinen Herzen Christus und die anderen zu lieben. Die Tugend der Reinheit macht es möglich, die Aufforderung des Apostels zu leben: „Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,20). Andernfalls werden, wenn diese Tugend fehlt, auch alle anderen Dimensionen beeinträchtigt. Auch wenn es wahr ist, dass es im aktuellen Kontext verschiedene Schwierigkeiten gibt, die heilige Reinheit zu leben, so ist es doch umso wahrer, dass der Herr seine Gnade überreich erweist und die notwendigen Mittel schenkt, um diese Tugend mit Freude und Gelassenheit zu praktizieren.

Um dieser Gabe ein Klima froher Ausgeglichenheit und spirituellen Fortschritts zu sichern und zu bewahren, müssen alle jene Maßnahmen ergriffen werden, die den Priester von möglichen Schwierigkeiten fernhalten.[374]

Es ist daher notwendig, dass sich Priester mit entsprechender Klugheit im Umgang mit Personen verhalten, mit denen vertraut zu sein die Treue zur Gabe gefährden oder bei den Gläubigen Ärgernis hervorrufen könnte.[375] In Einzelfällen muss man sich dem Urteil des Bischofs unterwerfen, der verpflichtet ist, in der Materie genaue Normen zu erlassen.[376]Konsequenterweise muss sich der Priester allen zweideutigen Verhaltens enthalten und darf seine Hauptpflicht nicht vergessen, die darin besteht, von der erlösenden Liebe Christi Zeugnis zu geben. Im Zusammenhang mit diesem Thema haben sich unglücklicherweise Situationen ergeben, die der Kirche und ihrer Glaubwürdigkeit großen Schaden zugefügt haben, auch wenn es in der Welt viel mehr solcher Situationen gibt. Der aktuelle Kontext verlangt von den Priestern eine noch größere Sensibilität und Klugheit in Bezug auf die Beziehung zu Kindern und Schutzbefohlenen.[377] Insbesondere sind Situationen zu vermeiden, die Anlass zu Gerede geben könnten (z.B. Kinder allein ins Pfarrhaus zu lassen oder Minderjährige im Auto mitzunehmen). Was die Beichte angeht, wäre es angebracht, wenn die Minderjährigen normalerweise im Beichtstuhl während der Öffnungszeiten der Kirche beichten oder andernfalls, wenn aus irgendeinem Grund eine andere Lösung notwendig wäre, die entsprechenden Gebote der Klugheit beachtet werden.

Überdies sollen die Priester jene asketischen Regeln befolgen, die von der Erfahrung der Kirche garantiert sind und die von den heutigen Umständen erst recht eingefordert werden. Daher sollen sie klugerweise vermeiden, gewisse Orte zu frequentieren und Vorstellungen beizuwohnen, sich schlechter Lektüre zu widmen oder Internetseiten aufzurufen, was immer die Einhaltung der zölibatären Keuschheit gefährden[378] oder sogar Anlass zu schweren Sünden gegen die christliche Moral sein könnte. Beim Gebrauch von sozialen Kommunikationsmitteln, als Mitarbeiter oder als Nutznießer derselben, sollen sie die nötige Diskretion wahren und alles vermeiden, was der Berufung schaden könnte.

Um in einem Klima ausgeprägter sexueller Permissivität die empfangene Gabe mit Liebe zu bewahren, müssen die Priester auf all jene natürlichen und übernatürlichen Mittel zurückgreifen, an denen die Tradition der Kirche so reich ist. Zum einen die priesterliche Freundschaft, die Pflege guter Beziehungen, die Askese und die Selbstbeherrschung, die Abtötung; es ist auch nützlich, eine Kultur der Schönheit in den verschiedenen Bereichen des Lebens zu fördern, die im Kampf gegen alles, was entwürdigend und schädlich ist, hilft, eine gewisse Leidenschaft für den eigenen apostolischen Dienst zu hegen, eine gewisse Einsamkeit freudig zu akzeptieren, eine weise und fruchtbare Einteilung der Freizeit, damit diese keine unausgefüllte Zeit wird. Ebensowichtig ist die Gemeinschaft mit Christus, eine tiefe eucharistische Spiritualität, die häufige Beichte, die geistliche Leitung, Einkehrtage und Exerzitien, einen Geist der Annahme der Kreuze des täglichen Lebens, das Vertrauen in und die Liebe zur Kirche, die kindliche Verehrung der seligen Jungfrau Maria, ebenso wie die Betrachtung der Beispiele heiliger Priester aller Zeiten.[379]

Schwierigkeiten und Einwände haben im Lauf der Jahrhunderte immer die Entscheidung der lateinischen und mancher orientalischen Kirche begleitet, das Amtspriestertum nur solchen Männern zu übertragen, die von Gott die Gabe der Keuschheit im Zölibat erhalten haben. Die Disziplin der anderen orientalischen Kirchen, die verheiratete Priester zulassen, steht in keinem Widerspruch zur lateinischen Kirche. Immerhin verlangen dieselben orientalischen Kirchen nämlich den Zölibat der Bischöfe. Außerdem gestatten sie nicht die Heirat von Priestern und sie erlauben nicht die Wiederverheiratung von Witwern. Es handelt sich immer und nur um die Weihe bereits verheirateter Männer.

Die Einwände, die manche auch heute vorbringen, werden oft mit einem Vorwand als Argument begründet, wie zum Beispiel der Vorwurf eines fleischlosen Spiritualismus oder der Vorwurf, dass Enthaltsamkeit Misstrauen und Verachtung der Sexualität bedeute, oder man geht von traurigen und schmerzlichen Einzelfällen aus, die verallgemeinert werden. Man vergisst allerdings das Zeugnis, das von der überwiegenden Mehrheit der Priester gegeben wird, die den eigenen Zölibat mit innerer Freiheit leben, mit reichhaltiger aus dem Evangelium geschöpfter Motivation, mit spiritueller Fruchtbarkeit, in einem Horizont überzeugter Treue und voll Freude über die eigene Berufung und Sendung, ganz zu schweigen von den vielen Laien, die glücklich sind, einen fruchtbaren apostolischen Zölibat zu leben.

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Quelle

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