Papst Franziskus: Die Vaterschaft des heiligen Josef

Bartolomé Esteban Murillo: Heilige Trinität mit Maria (links) und Joseph, 1675 – 1682 in der National Gallery in London

PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS „DOMUS SANCTAE MARTHAE“

Die Vaterschaft des heiligen Josef

Montag, 18. Dezember 2017

 

(aus: L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 3, 19. Januar 2018)

 

An den heiligen Josef – »den Schatten des Vaters«, der Gott geglaubt und ihm gehorcht hat, »ohne ein Wort zu sagen« und ohne sich vom »Klatsch« entmutigen zu lassen, und »sich der Vaterschaft und des Geheimnisses annahm« – soll man sich wenden, so der Rat von Papst Franziskus, wenn »wir vieles nicht verstehen, viele Probleme, viele Ängste haben und vieles für uns dunkel ist«. Und er schlug dieses Gebet vor: Josef, »hilf du uns, der du weißt, was es heißt, im Finstern zu gehen; du, der du weißt, wie man die Stimme Gottes hört; du, der du weißt, wie man in Stille vorangeht«.

Das große Zeugnis Josefs in all seiner Kraft und Aktualität stellte der Papst am 18. Dezember den Gläubigen in Santa Marta vor Augen. Franziskus wiederholte den Anfang des Abschnitts aus dem Evangelium vom Tag nach Matthäus (1,18-24) – »Mit der Geburt Jesu Christi war es so« – und ging davon für seine Betrachtungen aus. »Als Maria aus Ain-Karim vom Haus Elisabets zurückkehrte, begannen die Zeichen der Mutterschaft sichtbar zu werden«, rief er in Erinnerung. Und »Josef merkte es, und er verstand nicht: Denken wir an diesen Mann mit seinen Zweifeln, seinem Schmerz. Er suchte nach Erklärungen. Doch da er Maria so sehr liebte und wusste, dass sie eine Frau Gottes war, fand er keinen Ausweg aus seinen Gedanken.« Eine Haltung, die gewiss »ganz anders war, als das, was die Klatschbasen des Dorfes auf dem Markt machten«, die vielleicht kommentierten: »Da schaut euch die da an, in welchem Zustand sie zurückgekehrt ist!«

Gerade auf den »Schmerz Josefs« konzentrierte der Papst seine Aufmerksamkeit. »In diesem Schmerz, diesem Zweifel, diesen Leiden«, so der Papst, »will Josef Maria jedoch nicht wegschicken, und er beschließt, sie in aller Stille zu entlassen«. Kurz, er entscheide sich dafür, »sie nicht öffentlich anzuklagen, da er wusste. Er kannte sie: ›Dieses Mädchen, ich kenne sie, ich liebe sie, sie ist rein. Ich verstehe das nicht.‹« Doch gerade »mitten in seinem Zweifel, mitten in seinem Schmerz griff der Herr in einem Traum ein«, fuhr Franziskus fort, der hervorhob, dass »ihm in jenem Traum erklärt wird, was geschehen ist. Und Josef gehorchte: er glaubte und gehorchte.« Die Worte des Engels des Herrn, wie sie Matthäus in seinem Evangelium wiedergibt, sind eindeutig: »Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.«

Während Josef diese starke Erfahrung durchmachte, so der Papst, »wurde auf dem Markt geklatscht: jener Klatsch, der dann weitergegangen ist, weiter und weiter bis hin zu jener Gotteslästerung, für mich die hässlichste, die stärkste gegen den Herrn, aus dem Mund der Pharisäer, die Johannes im 6. Kapitel wiedergibt«.

»Josef dagegen kämpfte in seinem Inneren«, erklärte Franziskus. Und »in diesem Kampf« sei da »die Stimme Gottes, die ihm sagt: ›Steh auf!‹« Die Aufforderung »›Steh auf‹ kehrt viele Male in der Bibel zu Beginn einer Sendung wieder«. So sage die Stimme Gottes zu Josef: »Steh auf, nimm Maria, bring sie zu dir nach Hause. Nimm dich dieser Situation an, nimm diese Situation in die Hand und geh weiter.«

»Josef«, so der Papst, »ist nicht zu Freunden gegangen, um Trost zu suchen, er ist nicht zum Psychiater gegangen, damit ihm dieser den Traum interpretiere: nein, er glaubte.« Und «er ist weitergegangen, er hat die Situation in die Hand genommen«. Josef also »musste sich zweier Dinge annehmen, der Vaterschaft und des Geheimnisses«.

Vor allem, so erklärte der Papst, »musste Josef die Vaterschaft annehmen«. »Dieser Abschnitt aus dem Evangelium kommt sofort nach der Genealogie Jesu, mit der das Matthäusevangelium  beginnt: sie beginnt mit dem Vater Abraham und endet beim Vater Josef.« Und »es gibt einen Satz in der Genealogie, den Lukas schreibt: ›Jesus war, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat, etwa dreißig Jahre alt. Er galt als Sohn Josefs.‹« Lukas sage also »nicht: er war der Sohn Josefs‹«; sondern er schreibe praktisch, dass alle gedacht hätten, »er sei der Sohn Josefs«. Das bedeute, dass Josef »die Vaterschaft übernahm, die nicht seine war: sie kam vom Vater«. Und »er hat die Vaterschaft mit dem übernommen, was das bedeutet: nicht nur Maria und dem Kind beizustehen, sondern das Kind auch aufwachsen zu lassen, es einen Beruf zu lehren, es zur Reife des Mannes zu führen«. Josef also »hat die Vaterschaft – die nicht die seine ist, sie kommt Gott zu – übernommen, ohne ein Wort zu verlieren: Im Evangelium gibt es kein Wort, das Josef gesagt hat, der Mann der Stille, des stillen Gehorsams.«

Das Zweite, dessen sich Josef angenommen habe, sei »das Geheimnis: er nimmt die Vaterschaft und das Geheimnis in die Hand«. Es ist dies »das Geheimnis, von dem wir in der ersten Lesung aus dem Buch Jeremia (23,5-8) gehört haben«. »Das große Geheimnis, das dort seinen Anfang nimmt, besteht darin, das Volk zu Gott zurückzuführen«, erklärte Franziskus. In Wirklichkeit »war es nicht das Geheimnis des Auszugs aus der Knechtschaft Ägyptens: das war ein Zurückführen, sondern es ist das Geheimnis der Neu-Schöpfung, die, wie die Liturgie sagt, wunderbarer ist als die Schöpfung«. Und »Josef nimmt dieses Geheimnis in die Hand und hilft durch sein Schweigen, durch seine Arbeit bis zu dem Moment, da Gott ihn zu sich ruft«.

»Von diesem Mann, der sich der Vaterschaft und des Geheimnisses angenommen hat«, so rief der Papst in Erinnerung, »wird gesagt, dass er der Schatten des Vaters war, der Schatten Gottes, des Vaters.« Und »wenn Jesus als Mensch gelernt hat, zu seinem Vater, den er als Gott kannte, ›Papa‹, ›Vater‹, zu sagen, dann hat er das vom Leben gelernt, vom Zeugnis Josefs: von dem Mann, der behütet, von dem Mann, der ihn aufzieht, von dem Mann, der jede Vaterschaft und jedes Geheimnis voranbringt, doch nichts für sich selbst nimmt, gar nichts«.

Josef »ist dort, er schweigt«, unterstrich Franziskus erneut. »Das«, so fügte er hinzu, »ist der große Josef, den Gott braucht, um das Geheimnis der Rück-Führung des Volkes hin zur neuen Schöpfung voranzubringen«. Gerade sein »Beispiel «, so der Papst abschließend, »möge uns viele Dinge lehren, die wir in unseren Reflexionen aufgreifen können. Vor allem aber schenke es uns den Mut, uns an ihn zu werden, wenn wir vieles nicht begreifen, wenn wir viele Probleme haben, viele Ängste, viele dunkle Augenblicke, und ihm einfach zu sagen: ›Hilf du uns, der du weißt, was es heißt, im Finstern zu gehen, du, der du weißt, wie man die Stimme Gottes hört, du, der du weißt, wie man schweigend weitergeht.‹«

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Quelle

 

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