‚Dazu lädt Weihnachten ein wie kein Fest sonst auf dieser Welt‘

Erzbischof Gänswein 2

Gedanken zum Fest der Geburt Christi

vom Präfekten des Päpstlichen Hauses,
Erzbischof Georg Gänswein

Das Jahr 2018 wird vielleicht einmal als „annus horribilis“ in die Geschichte eingehen, als das Jahr, in dem es in China mit der Generation eines „Designer-Babys“ erstmals gelungen ist, entscheidend in die Schöpfungsordnung Gottes einzugreifen. Dennoch wird am Heiligabend auch jeder Atheist seine Mails automatisch mit der Jahreszahl 2018 versehen, womit die Jahre seit jenem Tag abgezählt werden, an dem in Bethlehem der Schöpfer des Himmels und der Erde als ein Säugling das Licht der Welt erblickte. Die Geburt Christi ist der Referenzpunkt unserer Geschichte schlechthin.

Es ist ein unfassbares Wunder, was Gott sich da angetan hat, und es ist dennoch – zusammen mit der Ankündigung dieser Geburt durch den Erzengel Gabriel an Maria – der Kern unseres Evangeliums. Der König des Weltalls hat sich auf unsere Natur eingelassen. Ein größerer Liebesakt ist nicht vorstellbar. Deshalb wird dies leider auch von vielen und in vielen anderen Religionen als provokante Zumutung  begriffen bis heute. Weltweit sind Christenverfolgungen ohne diese Herausforderung an den Verstand nicht zu begreifen. Dennoch hat keine Geburt die Welt je so verändert wie die des heiligen Säuglings aus Bethlehem. Und keine hat sie schöner und menschlicher gemacht als dieses Wunder in der Jungfrau Maria, in deren Leib der Erlöser der Welt heranreifte.  Alle Schönheit Roms und Freiburgs verdankt sich diesem Liebesakt und auch der ganze Kosmos der abendländischen Kultur, Kunst und Musik.

Das lässt sich nicht begreifen, das lässt sich nur bestaunen, am besten mit großen Kinderaugen. Und dazu lädt Weihnachten ein wie kein Fest sonst auf dieser Welt. Für mich persönlich ist es auch die Erinnerung an jene Tage, als wir erstmals unter dem kerzengeschmückten Baum vor der Krippe standen mit klopfenden Herzen und jenem Urvertrauen auf den Vater und die Mutter, die uns all dies geschenkt hatten – als Auftakt  jener Geschenke, die sie sonst noch für uns bereitet hatten. Und so müssen wir uns Weihnachten insgesamt vorstellen: als Auftakt Gottes zu einer Welt und einem Leben voller Geschenke, die wir uns nicht hätten erträumen können. Hier haben wir zum ersten Mal erfahren, was es heißt, dass wir nach seinem Ebenbild geschaffen sind, was die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht ausgedrückt hatte. Hier sahen wir diese Ebenbildlichkeit in aller Radikalität vor uns: in einem hilflosen Neugeborenen!

Wer sehen will, was Europa schön und groß und liebenswert gemacht hat und was das „C“ ihrer letzten christlichen Parteien bedeutet, muss deshalb in diese Krippe schauen. Wer begreifen will, warum sich Millionen Menschen aufmachen und in ihrer Not nach Europa flüchten und nicht etwa nach China, muss auf dieses Kind blicken, dem wir die wichtigste Grundierung unserer westlichen Welt verdanken, die so anders gestaltet wurde mit ihren Sozialsystemen, ihrem Freiheitswillen und der unantastbaren Menschenwürde in ihren Verfassungen.

„Allahu akbar!“ heißt dagegen der Gebetsaufruf der islamischen Welt. Das heißt auf Deutsch: „Gott ist der Größte!“ Da würden wir gern mit einstimmen. Aus dem Mund von Terroristen aber ist er inzwischen zum Schreckensruf unserer Städte geworden – wie eben wieder vor dem Straßburger Münster. Das Wimmern des  Christkinds in der Krippe aber flüstert uns das Gegenteil ins Ohr: „Gott ist der Kleinste!“ Er selbst hat es so gewollt. Diese unfassbare Demut des Größten ist auf die kostbarste Weise als Signatur eingeschrieben in jene Welt, die wir lieben und die gegen oft  übermächtig scheinende Gegner mit unserem Zeugnis  verteidigt werden will.

Frohe, friedvolle und gnadenreiche Weihnachten.

Veröffentlicht bei CNA Deutsch mit freundlicher Genehmigung von Erzbischof Georg Gänswein. Der Artikel erscheint ebenfalls in der „Badischen Zeitung“.

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