Ecclesia, quo vadis? Gedanken am Ende eines Jahres über die Kirche und ihre Herausforderungen

Wo stehen wir? Wo geht es hin? Was sind die drängenden Herausforderungen für die Kirche, wo müssen wir handeln, uns bewegen, uns erneuern? Nach einem ereignisreichen Jahr voller Höhen und Tiefen möchte ich meine Einschätzung teilen und gern auch zur Diskussion stellen.

Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht für mich persönlich und für uns als Kirche insgesamt: Immer wieder neu und je tiefer hineinzufinden in das Christusgeheimnis, das heißt um das immer wieder neue Einüben in ein substanzielles Gebetsleben, um Beziehungsleben mit dem Herrn, um Leben aus dem Wort Gottes und den Sakramenten – persönlich und gemeinschaftlich. Aus diesem konkreten Leben in Jesu Gegenwart folgt die zweite Herausforderung: Die Dinge, die wir tun, möglichst qualitätsvoll, wahrhaftig, freudig, demütig, treu und mit Hingabe zu tun – denn wir tun sie ja zuerst für Ihn und für die Menschen und die Welt, in der wir leben – und nicht zuerst für uns selbst oder damit sie halt auch getan sind oder damit der Betrieb weitergeht.

Die Krise der Kirche ist aus meiner Sicht zuerst eine geistliche Krise: Christus ist da in einer Realpräsenz, die Leben und Welt transformieren und erneuern kann. Und am Ende ist das einzig Wesentliche und so nirgendwo anders als in Kirche zu findende und daher auch das einzig wirklich Anziehende eben dieses: Dass der Herr wirklich da ist. Alles andere, was Kirche tut und wirkt, bezieht sich darauf und hängt davon ab. Aber für viele, vor allem für junge Menschen, scheinen wir als Kirche oft alles andere als erneuert oder in Christus verjüngt oder aus seiner Gegenwart lebend. Offenbar also haben wir hier den größten Wachstumsbedarf, die Gegenwart des Herrn in unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben transparent werden zu lassen. Im Grunde geht es also um unsere Identität als Kinder Gottes, letztlich um Heiligkeit – das heißt um den Willen Gottes für jeden von uns (1 Tim 4,3): dass wir ganz werden, weil erfüllt von Ihm und seiner Gegenwart, als seine Jünger und Jüngerinnen. Das macht jung und anziehend, es weckt Sehnsucht und lässt auch Berufungen wachsen. Aber es macht auch angreifbar und fordert Mut zum Bekenntnis in einer Welt, die das Zeugnis für Jesus ganz offenbar mehr und mehr vergessen machen will; und in einer Gesellschaft, die sich in einigen Grundüberzeugungen Schritt für Schritt weiter entfernt von denen des Offenbarungsglaubens, obgleich sie sich gerne den Schein des Christlichen bewahren will.

Konkreten Handlungsbedarf sehe ich daher in vielen Punkten, hier die wesentlichen Fragen und Probleme aus meiner Sicht:

  • Welche Form der Ausbildung für Priester aber auch für pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen braucht es für heute und morgen, für die Evangelisierung im 21. Jahrhundert – wenn wir allenthalben merken, dass viele klassische Sozialisierungsformen von „Gläubigwerden“ kaum mehr greifen? Was braucht es heute neu? Und wie kommen wir da hin und wie schaffen wir das gemeinsam als Kirche in Deutschland?
  • Ich meine außerdem, dass unsere Priester, aber auch die Haupt- und Ehrenamtlichen in den Pfarreien deutliche Entlastung von immer noch mehr Verwaltungsaufgaben brauchen.
  • Ich glaube auch, wir brauchen neue Formen und neue Räume für das Einüben von Gebetsleben, Räume für das Sprechenlernen über das Evangelium und den eigenen Glauben – und für das diakonische, soziale und ökologische Engagement in unserer Gesellschaft. Vor allem brauchen wir solche Räume und Gemeinschaften vor Ort – und intensiv getragen oder mitgetragen von Laien. Unsere Christgläubigen jeden Alters dahin zu begleiten, dass sie miteinander Kirche sind in der Form von „Gemeinschaft von Gemeinschaften“ und dass sie lernen, auch solche kleineren Glaubensgemeinschaften neben der Feier der Heiligen Messe zu pflegen, sehe ich als drängend an – um gläubigen Eigenstand zu gewinnen, um dem Druck der Säkularisierung begegnen zu können, und um Glaubensgemeinschaft vor Ort zu bewahren.
  • Ich frage mich weiterhin: Wie überwinden wir Polarisierungen oder wie hüten wir uns wenigstens davor, sie nicht bewusst zu verschärfen, weil uns seltsamerweise der innerkirchliche Widerpart oftmals der liebste Feind zu sein scheint – und nicht etwa die Herausforderung durch aggressiven Atheismus, religiöse Gleichgültigkeit, durch Ideologien oder durch Fundamentalismen in anderen Religionen.
  • Zentral damit verbunden scheint mir auch die erneuerte Fähigkeit zur Plausibilisierung von kirchlichen Positionen, generell von Kernthemen des Glaubens (Was heißt: Heil, Erlösung, Gnade, Sünde, Leben, Leid, Tod, Auferstehung….)  und natürlich auch von den so genannten Reizthemen, die sich direkt oder indirekt nahezu immer um Sexualität und/oder das Verhältnis der Geschlechter zueinander drehen. Viele Menschen in- und außerhalb der Kirche glauben ja, wir brauchen eine neue Lehre – gerade im Blick auf das menschliche Leben in Beziehungen und Sexualität. Ich glaube eher, wir müssen erst wieder in die Lage kommen, unsere kirchlich bestehenden Positionen aus unserer biblischen Anthropologie und unserer Tradition her gründlich zu verstehen und sie dann klar, demütig und besonnen zu erklären – und zwar ohne uns dabei schon für moralisch besser zu halten als Menschen, die sich in diesem Menschenbild nicht wiederfinden.
  • Dahinein gehört auch die Frage: Wer oder was ist die Kirche? Meine Überzeugung: Wenn wir Kirche nicht zuerst von Strukturen oder von der Hierarchie oder von Geld oder Einrichtungen oder sozialem Engagement her verstehen, sondern zuerst von Maria her, also vom Urbild von Kirche und ihrem innersten Geheimnis weil vom personalen „Wohnort Gottes in der Welt“ her, dann wird es uns leichter fallen, die Kirche auch zu lieben, uns mit ihr zu identifizieren. Dann werden wir weniger um uns kreisen, sondern viel schlichter in ihr und ihrem Glauben beheimatet sein – und können uns einerseits engagiert der Welt und den anderen zuwenden. Andererseits können wir dann auch konkrete Sünden in jedem von uns und in der Kirche deutlicher benennen.
  • Aus einem solchen Verstehen von Kirche würde sich auch die Frage beantworten lassen, ob es bei dem Vorgetragenen nicht doch wieder um eine Art „Elitechristentum“ geht? Meine Überzeugung dazu: Gott erwählt immer einzelne oder einige für die Vielen. Denn nur wer tief im Eigenen steht, kann weit hinaus gehen und erst recht einladend sein für die Vielen, für alle.
  • Ich denke, wir müssen auch besonders die jungen Menschen aufsuchen, ihnen zuhören – und von und mit ihnen ein Sprechen lernen, dass das Evangelium für sie plausibel macht – als echten, neues Leben bringenden, alternativen Lebensentwurf. Die Statistiken zeigen ja, dass gerade im jungen Erwachsenenalter prozentual die meisten Menschen der Kirche und damit oft auch dem Glauben der Kirche den Rücken kehren.
  • Dazu gehört auch eine glaubwürdige Erneuerung der Sakramentenpastoral, die sich nicht immer noch mehr an das jeweilig herrschende, nicht selten oberflächliche Verstehensniveau anpasst – und dann dazu tendiert, die Sakramente immer noch billiger wegzugeben. Das gilt m. E. besonders im Blick auf Eucharistie, Firmung, Buße – und noch einmal verstärkt für das Ehesakrament. Es ist in der Vorbereitung auf die Sakramente nötig, ein erneuertes, vertieftes Verstehen und persönliche Entschiedenheit ihrer Empfänger anzustreben.
  • Konkreten Handlungsbedarf sehe ich auch in der konsequenten Weiterarbeit in der Missbrauchsthematik. Auch wenn in der Kirche schon sehr viel passiert ist, um solche Taten zu verhindern, brauchen wir dennoch verstärkt die konsequente Orientierung an den Betroffenen, in einer wahrhaftigen Aufarbeitung und in weiteren Anstrengungen im Bereich Prävention und Schutz vor allem von jungen Menschen.
  • Wir brauchen deshalb auch einen neuen Stil von Leitung in unserer Kirche, eine Leitung, die wirklich geistlich ist und sich am Beispiel Jesu orientiert. Wir brauchen Formen und Struktur von Leitung, die Machtmissbrauch möglichst verhindern und nicht begünstigen – und die deutlich machen, dass alle Getauften miteinander Volk Gottes sind.
  • Im Grunde geht es in so vielen Bereichen für uns immer wieder um die persönliche und gemeinschaftliche Überprüfung der Frage: Wie nah sind wir am Herrn, am Evangelium – und braucht es nicht wirklich eine konsequente neue Evangelisierung, eine neue missionarische Anstrengung, die Papst Franziskus von der Kirche wünscht – ein missionarisches Bemühen, das sowohl evangelisierend wie diakonisch an die Ränder von Kirche und Gesellschaft geht, zu den Glaubensfernen wie zu den Marginalisierten und denen in Not? Und eine Kirche, die sich konsequent auch um zentrale Themen für heute kümmert, die der Papst in den Mittelpunkt gestellt hat: die Familie (Amoris laetitia) die Bewahrung der Schöpfung (Laudato si), das Bemühen um die Einheit der Christen.
  • Die jüngsten intensiveren Debatten im deutschen Episkopat drehten sich im Kern um die Frage: Wie gehören Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft zusammen. Ich würde mir wünschen, dass durch die Diskussion die Kostbarkeit der Eucharistie von vielen Gläubigen wieder neu entdeckt werden kann, als „Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens“, wie das II. Vatikanische Konzil sagt. Wenn die Konzilsaussage aber richtig ist, dann ist die Tatsache, dass rund 90 Prozent der Katholikinnen und Katholiken bei uns nicht mehr daran teilnehmen, aus meiner Sicht eine spirituelle Tragödie für Kirche und Welt. Hier lohnt daher jede Bemühung um Erneuerung – eben weil es um die Erschließung der realen Anwesenheit des Herrn geht. Und hier schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt der Überlegungen. Freilich: Dass Er da ist und da bleibt und uns nicht verlässt ist, ist zugleich die größte Hoffnung und Freude die wir haben. Wie gut, dass es immer wieder Weihnachten wird!

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