Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt anlässlich des 125. Geburtstages von Pater Josef Kentenich in Gymnich am 21. November 2010

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, verehrte, liebe Schwestern, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!

„Du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll“ (Mi 5,1), sagt der Prophet im Hinblick auf das Kommen Christi in Bethlehem. „Du, Gymnich, bist keineswegs die geringste Ortschaft unter den Ortschaften des Erftkreises, denn aus dir ging vor 125 Jah­ren Josef Kentenich hervor, der unserer Kirche und unserem Volk zum Segen geworden ist!

Es ist ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung, dass wir diesen großen Christen aus kleinen Verhältnissen in Gymnich am Christkönigsfest feiern dürfen. Wirklich Großes hat der Allmächtige an ihm, an den kleinen Leuten getan. Das ist der Arbeitsstil Gottes.

1. Am 125. Geburtstag von Josef Kentenich, Ihres Gründers der Schönstattfamilie, haben wir uns zur Geburtstagsfeier vor dem Altare Gottes in seiner Heimatkirche versammelt. Wir sehen in ihm nicht nur den Stifter, den Gründer der Schönstattbewegung, sondern ein Landsmann der Gymnicher. Er ist auch ein Rheinländer, und darauf dürfen wir stolz sein.

Das Leben von uns Christen endet ja nicht mit dem Tod – ganz im Gegenteil! Bei den kanonisierten Seligen und Heiligen feiern wir geradezu ihren Todestag als ihren Geburtstag zum Ewigen Leben. Deshalb bedeutet der 125. Geburtstag von Pater Kentenich nicht eine vergangenheitsbezogene Gedächtnisfeier, sondern die gegenwärtige und zukunftsorientierte Begegnung mit diesem großartigen Christen, dem Gründer der Schönstattbewegung.

Das II. Vatikanische Konzil hat unsere geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien aufgefordert, sich an ihrem Ursprungscharisma, an ihren Gründergestalten neu zu orientieren. Das bleibt zu allen Zeiten aktuell, weil alles in der Welt dem Verschleiß, dem Verbrauch, der Abnutzung und dem Altwerden unterworfen ist. Deshalb ist Erneuerung und Neuorientierung eine permanente Aufgabe für uns Christen.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um einerseits Gott zu danken, dass er Pater Kentenich in dieses Leben gerufen und dass er ihn berufen hat, ihm und uns in dieser unwahrscheinlichen Weise zu dienen. Wir schauen aber auch auf diese große Gestalt des Rheinlandes, den Gründer der Schönstattbewegung, um neue Orientierung in neuen Verhältnissen zu suchen und zu finden.

2. Wie alle Gründergestalten hat Josef Kentenich im Leben der Gottesmutter Maria die authentische Auslegung des Christusgeheimnisses gefunden und praktiziert. Und in der Tat, das Marienleben ist das Grundmodell für das Leben nach den Evangelischen Räten inmitten der Kirche für das Heil der Welt. Damals wie heute und morgen ist und bleibt das so. Drei Kennworte prägen das Marienleben, die auch normativ für unser Dasein als Mitglieder der Schönstattbewegung, aber auch für uns als alle Christen sind. Diese drei Wor­te heißen: „Fiat!“, „Magnificat“, „Beata, quae credidisti“, d.h.: „Mir geschehe!“, „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“, „Glückselig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Es geht um die Einwilligung, den Lobpreis und die Beglückwünschung, drei Grundantworten des Marienlebens auf das Christusereignis.

3. Zunächst wenden wir uns dem „Fiat“ zu. Vor dem Fiat steht die Herausforderung und die Zumutung Gottes an Maria: „Du sollst die Mutter des Herrn werden“. – „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34), ist die ratlose Antwort Mariens. Damals wie heute stehen wir wie Maria vor den Heraus­forderungen und Zumutungen Gottes. Wir haben alle unsere zahllosen Fragen: „Wie soll es heute geschehen mit der Weitergabe des Glaubens? Wie soll das geschehen mit dem Weiterleben unserer klösterlichen Ge­meinschaften? Wie soll das geschehen mit unserer Berufung in einer sozial total verwandelten Umwelt? Wie soll das geschehen mit der Unauflöslichkeit der Ehe oder mit der zölibatären Lebensform unserer Priester? Wie soll das geschehen mit der Zukunft unseres Volkes, wenn unsere Kinder zu Hunderttausenden getötet werden? Wie soll das alles geschehen? Jeder von uns könnte diese Fragelitanei beliebig erweitern, und jeder von uns hat ja auch seine speziellen Fragen: „Wie soll das geschehen?“ – Wie damals bei Maria.

Gott ist heute wie damals an seinen Zumutungen und an seinen Herausforderungen für uns erkennbar. Ist das nicht wirklich ein Erweis göttlichen Vertrauens, dass er uns heute in Kirche und Welt so viel zumutet? Ist das nicht ein Zeichen seines Vertrauens, dass er gleichsam seinen Mut in uns hineininvestiert? Denn auch uns gilt die Antwort an Maria: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Hören wir genau hin! Nichts ist unmög­lich! – Glaubst du das? Das ist die kürzeste Zusammenfassung des ganzen Credos. Bei Gott ist nichts unmög­lich! Gott hat seinen am Kreuz gestorbenen Sohn von den Toten wirklich und wahrhaft auferweckt. Ihm ist alles möglich. Dafür stehen das Leben und Sterben von Pater Kentenich. Wir brauchen nicht darüber zu theoretisieren, wir brauchen nur hinzublicken.

Und ist die fast 100-jährige Geschichte der Schönstattbewegung nicht ein schlagender Beweis für die Richtigkeit des Wortes: „Nichts ist unmöglich!“? Dazu sagt Maria: „Fiat“, dazu gibt sie ihr „Ja“ und „Amen“. Ich sage es noch einmal, das ist die kürzeste Glaubensformel, die unsere Welt am radikalsten verändert hat: „Fiat“ – Kleine Ursache, große Wirkung. Mich ergreift es immer, wenn ich in Kevelaer bin, da gibt es ein klei­nes vergilbtes, schäbiges Gebetbuchbildchen. Das lockt jedes Jahres eine Million Pilger an. – Kleine Ursache, große Wirkung. Glauben Sie das? In ihren kleinen Möglichkeiten verbergen sich Gottes unbegrenzte Mög­lichkeiten, denn bei ihm ist ja nichts unmöglich. Wieder die Frage: „Glaubst du das?“ – „Ja, Herr, ich glaube, aber hilf meinem Unglauben“, das wäre eine redliche Antwort. Denn wir brauchen einen Glauben, der nicht nur uns mit unseren Lasten trägt. Wir brauchen vielmehr einen Überschuss an Glauben, mit dem wir unsere glaubenslosen Zeitgenossen, mittragen müssen, wie Maria. Wir brauchen einen unverschämten Glauben, den Gott mit seiner Erfüllung beantworten kann. Darum lautet das erste Kennwort „Fiat“ – „Mir geschehe“.

4. Das zweite Kennwort ist das „Magnifikat“. Maria steht singend vor uns. Ihr Gründer, Pater Kentenich, ist ein Magnifikat-Mensch, der um seine eigene Kleinheit, aber gleichzeitig um die unwahrscheinliche Größe Gottes wusste. Darum war sein Berufslied trotz aller widrigen Umstände nicht das Miserere, sondern das Magnifikat. Es ist schon eigenartig: Maria ist nie dort zu finden, wo ihr Sohn Triumphe feiert: Bei der Verklä­rung auf dem Berg Tabor fehlt Maria; bei der wunderbaren Brotvermehrung, als man ihn zum König machen wollte, fehlt Maria; beim feierlichen Einzug in Jerusalem am Palmsonntag fehlt Maria; bei der Auferstehung am Ostertag fehlt Maria. Sie fehlt immer dort, wo sie sich im Lichte ihres Sohnes hätte sonnen können. Aber Maria ist immer dort zu finden, wo der Herr im Schatten steht: in der Armut der Krippe von Bethlehem; in der Bedrängnis der Flucht nach Ägypten; in der Demütigung durch seine Verwandten, die ihn für besessen hielten; in der Verlassenheit des Kreuzes auf Golgotha. Es war Petrus, nicht Maria, der den Herrn vom Kreuz fernhalten wollte und sich dafür den schärfsten Tadel aus dem Munde Jesu einhandelte, der über die Lippen Jesu gekommen ist: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! …denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23). Dort, wo nichts an Ruhm und Anerkennung zu holen ist, steht Maria bei ihrem Sohn. In einem modernen Hymnus heißt dasselbe so: „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, damit wir darinnen in die Sonne sehen, die uns umfängt!“.

Vielleicht darf ich fragen: „Wo haben wir unseren Standort? Wo ist denn Ihr Platz in der Heilsgeschichte Ihres Lebens?“ Josef Kentenich ist gleichsam ein Platzanweiser, und er führt die Regie. Ich bin der Meinung, nicht nur bei den Mitgliedern der Schönstattbewegung, sondern bei uns allen. Er stellte sich ausnahmslos neben die Mühseligen und Beladenen, neben all diejenigen, die in den Augen dieser Welt nichts gelten, aber mit denen sich Gott gleichsam in Jesus Christus identifiziert, indem er sagt: Was ihr für einen meiner ge­ringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Mt 25,40). Das bleibt heute genauso aktuell wie vor 125 Jahren.

Unsere Kirche sitzt heute permanent auf der Anklagebank, weil sie sich an die Wahrheit Gottes gebunden weiß, für die Unantastbarkeit der ungeborenen Kinder und der alt gewordenen und der krank gewordenen Menschen, ohne Wenn und Aber. Stellen wir uns – wie Pater Kentenich – schützend vor die Wahrheit Gottes oder verkriechen wir uns ängstlich in die Mauselöcher der Feigheit und der Menschenfurcht? Die Menschen lächeln mitunter mitleidig über uns, weil wir noch an Gott glauben können. Gott würde doch unser Leben eingrenzen. Genau das Gegenteil ist der Fall! Unser Leben wird entgrenzt durch Gott. Siedeln wir uns deswe­gen auf Dauer an der Klagemauer dieser Welt an? „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, auf dass wir darinnen die Sonne sehen, die uns umfängt!“ – wie Maria, wie Josef Kentenich. Er war ein Sänger des Magnifikats, und er war kein Fachmann in Sachen Miserere. Das möge in Gegenwart und Zukunft bei in der Schönstattbewegung so bleiben!

5. Das dritte Kennwort Mariens heißt „Beata, quae credidisti“ – „Selig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Maria glaubt im Mangel der Menschen an die Fülle Gottes. Deshalb sagt sie ja bei der Hochzeit zu Kana: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und daraufhin wandelt der Herr das Wasser hinauf in Wein, der das Herz des Menschen erfreut. Und am Gründonnerstag wandelt er dann den Wein hinauf in sein eigenes Blut, das den Ewigkeitsdurst des Menschen stillt. Darum steht Maria unter dem Herzen ihres Sohnes am Kreuz, aus dem Blut und Wasser fließt (vgl. Joh 19,34), wie Johannes sagt. Maria löst diese Bewegung in Kana aus, die sich auf Golgotha vollendet. Sie führt die Menschen zu den vollen Krügen und an das offene Herz des Herrn. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation da. Die Transsubstantiation aber ist zur Kommunion be­stimmt. Was heißt das? – Wasser wird in Wein gewandelt, und der Wein in Christi Blut. Er gibt uns Communio mit Christus, sodass wir seine Blutsverwandten werden mit ihm und mit Maria. „Wir kochen alle nur mit Wasser“, wie man zu sagen pflegt. Aber wie Maria sollen wir das Wasser unserer Tränen, das Wasser unserer Sorgen und Nöte, die Wasser unseres Versagens und unserer Verluste ihm hinhalten. Er vermag alles zu ver­wandeln, und zwar immer höher hinauf: Schuld in Vergebung; Verzweiflung in Hoffnung; Mangel in Fülle.

Gerade in der gegenwärtigen Situation unserer geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien, wo wir ei­gentlich immer nur Rückgänge, Kleiner-werden und Geringer-werden zu registrieren haben, sind wir beru­fen, dagegen anzugehen. Dabei ist Pater Kentenich Ihnen und uns gleichsam eine Vorarbeiter. Es ist uns ge­rade in der heutigen Situation wirksam aufgetragen, Positives aus dem Negativen unseres Lebens zu machen. Das Kreuz war das Handwerkszeug in den Händen von Pater Kentenich. Und das Kreuz ist das Plus geworde­ne Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Und darum war Pater Kentenich ein Plustyp, ein solcher Plus­mensch. Gerade am Kreuz wird alle Sinnlosigkeit in Sinn umqualifiziert, alles Negative ins Positive umgestif­tet, jedes Minus ins Plus verwandelt. Sie sind seine Nachfolger, und darum ist unsere Berufung nie, Minusty­pen zu sein. Dann würden Sie die Berufung von Pater Kentenich verraten. Ihre Berufung ist es, Plusmenschen zu sein. Wir müssen das Minus– wie Maria – dem Herzen des Herrn hinhalten, anstatt nur über das Negative zu schimpfen. Wir wollen vielmehr helfen, es ins Positive zu verwandeln: alle Schwäche in Kraft; alle Resignation in Hoffnung; alle Kritik in Lobpreis. Dann heißt es auch für uns: „Selig bist du, weil du an die verwan­delnde Osterkraft des Kreuzes Christi geglaubt hast“.

Welche riesigen Lebensbereiche warten heute bei uns auf solche Verwandlungen ins Positive! Wir werden deshalb als Christen, namentlich Sie auch als Mitglieder der Schönstattbewegung, in nächster Zukunft nie arbeitslos werden. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation bestimmt, alle Transsubstantiation aber zur Kom­munion, alle Substanz zur Verwandlung, das Verwandelte zur Kommunion. Verwandelte Menschen braucht unsere Umwelt, wie Pater Kentenich. Gerade in Ihrer speziellen Berufung als Schönstätter sind Sie heute in unsere Kirche und Gesellschaft mehr denn je gefragt. Es kann darum mit Ihnen wie mit Maria und wie mit Josef Kentenich kein schlechtes Ende nehmen – im Gegenteil! Zu dieser marianischen Berufung darf man Sie alle beglückwünschen! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

 

Empfang für Joachim Kardinal Meisner – Abschied aus dem Amt nach 25 Jahren

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Quelle

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