Die Tagespost: „Ernsthafte: Gefahr“

Bei einer Tagung in Rom herrschte geladene Atmosphäre.

Von Guido Horst

Ist die katholische Kirche an dem Punkt, dass sie ihren obersten Repräsentanten auf Erden, den Nachfolger Petri, öffentlich korrigieren muss? Wenige Tage, bevor Franziskus sein fünftes großes Lehrschreiben – diesmal über den Ruf zur Heiligkeit – veröffentlicht hat, fand in Rom eine Tagung statt, deren Redner und etwa vierhundert Teilnehmer diese Frage wohl eindeutig mit Ja beantworten würden. Auf der einen Seite ein Papst, der zu den hehrsten Idealen des christlichen Lebens aufruft – und auf der anderen Seite ein lautstarker Teil des gläubigen Gottesvolks, der demselben Papst vorhält, seine Autorität missbraucht zu haben. Es geht um „Amoris laetitia“.

Aber nicht nur. Die völlige Neuausrichtung des Institutes Johannes Paul II. für Ehe und Familie sowie der vatikanischen Akademie für das Leben gehören ebenso zu den Steinen des Anstoßes wie die Irritationen, die Franziskus etwa mit seinen Scalfari-Interviews, mit der derzeitigen China-Politik des Vatikans oder zweideutigen Äußerungen auslöst. Seine sehr unpräzise Antwort auf die Frage nach der Kommunionzulassung eines nicht-katholischen, aber getauften Ehepartners beim Besuch einer lutherischen Gemeinde Roms im November 2015 („Sprecht mit dem Herrn und geht voran. Ich wage nicht mehr zu sagen“) hat jetzt angesichts des Streits in der Deutschen Bischofskonferenz über diese Frage wieder hohe Aktualität erhalten.

Die Frage, wie groß nun dieser „lautstarke Teil“ des gegen Franziskus protestierenden Gottesvolks ist, lässt sich in Zeiten des Internets nicht leicht beantworten. Zu der Veranstaltung im römischen Tagungszentrum „The Church Village“ am vergangenen Samstagnachmittag eingeladen hatte ein Kreis der Freunde des verstorbenen Kardinals Carlo Caffarra, die in Italien sehr wahrgenommenen (papstkritischen) Blogger Sandro Magister und Marco Tosatti bewarben das Treffen auf ihren Seiten. Ein Echo auf deren Aussendungen kommt dann meist verstärkt aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Frankreich, Spanien und Deutschland zurück – und schon hat das katholische Rom ein „Thema“.

Viele der Tagungsteilnehmer kamen aus der italienischen Lebensschutzbewegung, unter den Referenten waren die Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke. Sonstige Bischöfe oder gar Kardinäle aus dem Vatikan waren natürlich nicht zu sehen. Den Auftakt des Treffens bildete die Videoaufzeichnung eines Interviews mit Kardinal Caffarra über die bleibende Bedeutung von „Humanae vitae“. Aber auch der vierte Kardinal des „dubia“-Briefs an den Papst, Kardinal Joachim Meisner, war in gewisser Weise präsent, weil Burke sich zu Beginn seiner Vortrags auf den Kölner Mitbruder bezog und erzählte, wie ihm Meisner nach dem einleitenden Vortrag von Kardinal Walter Kasper beim Konsistorium im Februar 2014 zu Beginn des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie gesagt habe: „Alles das führt ins Schisma“.

Eine Tagung also im Geist der vier „dubia“-Kardinäle – aber inzwischen hat sich die Stimmung deutlich verschärft. Kardinal Burke legte in seinem Vortrag über die Korrektur eines Papstes, der seine Vollmacht missbraucht habe, dar, dass man diesem keinen Prozess machen könne, aber die Situation entsprechend des Naturrechts, des Evangeliums und der kanonischen Tradition in zwei Schritten bereinigen müsse. Als er vom ersten Schritt, der an den römischen Papst direkt gerichteten Aufforderung, den Fehler zu korrigieren, zum zweiten Schritt, der öffentlichen Verurteilung der päpstlichen Häresie, überleitete, explodierte in dem fensterlosen Kellersaal der mit den Händen zu greifende Unmut: eine Gruppe von Frauen – meist jung, einige mit Rosenkränzen in den Händen, keine Nonnen, aber dank züchtiger schwarz-weißer Kleidung einer geistlichen Gemeinschaft zuordenbar – fing an zu schreien: „Macht es“, „Wir kommen in die Hölle“, „Wir stehen hinter euch“, „Er ist häretisch“. Nach einer Pause fuhr Burke fort und zitierte schließlich den heiligen Paulus: Und wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel etwas anderes als das verkünden würden, was euch verkündet worden ist, „anathema sit“. Tobender Applaus.

Bereits vorher hatte Kardinal Brandmüller einen Vortrag über den Glaubenssinn des gläubigen Gottesvolks gehalten – einen Text, den diese Zeitung in ihrer letzten Ausgabe im Wortlaut veröffentlicht hat. Die Botschaft war eindeutig: Wenn ein Irrtum in der Kirche grassiert – früher der Arianismus, heute die Konsequenzen von „Amoris laetitia“ –, der Papst aber nicht antwortet – wie auf die „dubia“ –, ist das gläubige Volk gefordert. Und zwar das gläubige Volk, das das Neue Testament „Heilige“ nennt, nicht aber Verbände oder Gremien, die Umfragen beantworten.

Die Tagung, die sich als Motto den Satz „Nur ein Blinder kann leugnen, dass es in der Kirche eine große Verwirrung gibt“ aus den letzten Lebensmonaten Kardinal Caffarras gewählt hatte unter dem Titel „Kirche, wohin gehst Du?“ stand, endete mit einer Erklärung, die im Wesentlichen die Argumentation der fünf „dubia“ wiedergab. Angesichts einander widersprechender Auslegungen von „Amoris laetitia“ breite sich unter den Gläubigen weltweit wachsende Ratlosigkeit und Verwirrung aus.

„Die dringende Bitte von nahezu einer Million von Gläubigen, von mehr als 250 Gelehrten, ja von Kardinälen um eine klärende Antwort des Heiligen Vaters auf diese Fragen ist bis heute nicht erhört worden.“ Und in dieser so entstandenen „ernsten Gefahr“ für den Glauben und die Einheit der Kirche „wissen wir, getaufte und gefirmte Glieder des Volkes Gottes, uns zum Bekenntnis unseres katholischen Glaubens aufgerufen“. In sechs Punkten werden nochmals die Argumente der Kritiker von „Amoris laetitia“ und des „dubia“-Briefs zusammengefasst, um mit dem Satz zu schließen: „In dieser Zuversicht bekennen wir unseren Glauben vor dem Obersten Hirten und Lehrer der Kirche samt den Bischöfen und bitten sie, uns im Glauben zu stärken.“

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Quelle

3 Kommentare zu “Die Tagespost: „Ernsthafte: Gefahr“

  1. Das wurde schon oft versucht, denken Sie an Johannes XXIII mit seinem Konzil, denken Sie an Paul VI mit Humanae Vitae oder denken Sie an Johannes Paul II mit seinem Befehl die Hilfe für Frauen in Not einzustellen.

    Alle Versuche sind gescheitert.

    Die römisch-katholische Kirche ist eine absolut verfasste Monarchie (C. I. C. Canon 331) und der Alleinherrscher der Kirche kann nur freiwillig (das wird Franziskus wohl zu vermeiden wissen, immerhin gehört er der Gesellschaft Jesu an) oder durch den Tod von seinem Amt entbunden werden.

  2. „Glaubensbekenntnis“ in Kellernische!

    Eine nichtssagende Veranstaltung, ohne jedes Ergebnis. Fazit: Kein Resultat, nur leere Worte. Keine Konsequenz, nur Unterhaltung. Wo ist der Anspruch, Nachfolger der heiligen Apostel zu sein? Ein erbärmliches Desaster, sonst nichts. Es ist nur Hilflosigkeit zu erkennen, denn jetzt wälzen sie ihre Verantwortung auf das gläubige Volk ab.

    Längst ist bekannt, dass Raymond Kardinal Burke den Kampf nicht mehr zu Ende führen wird. Seine angekündigte ohnehin kindische Korrektur von Amoris Laetitia ließ er endgültig fallen. Sie stehlen sich allesamt vom Kampfplatz!

    Das kann nicht anders sein, denn alle, die sich dieser neuen Religion, dieser dämonischen Sekte zugehörig und verpflichtet fühlen, angefangen von den sog. vier Dubia-Kardinälen bis zu den Kasachstanbischöfen, allen voran des immer wieder vom Wesentlichen ablenkenden Bischof Athanasius Schneider bis hin zum Bruderschaftsverräter Bernard Fellay werden diese es niemals fertig bringen, sich als wahre Bekenner des Glaubens zu erweisen. Ihre Abhängigkeit, ihre Unfreiheit und Knechtschaft läßt dies nicht zu.

    Angeblich war das Vorlegen von „Dubia“, also Zweifel an den Papst zu richten, immer schon ein gängiges Verfahren. Das stimmt so nicht. Wenn es dies gab, dann nur, um eine Sache, eine Lehre, besser und anschaulicher hervorzuheben, um letzte Unklarheiten zu beseitigen, niemals aber in Zusammenhang mit verkündeten Häresien.

    Als völlig normal sehen es die Kardinäle, Dubia an den Papst zu richten und übersehen, daß sich es im Bergoglio-Fall nicht um eine Fragestellung handeln kann, um Unklarheiten zu beseitigen, sondern es nur um eine klare öffentliche Verurteilung der Ketzer und Häretiker in Rom handeln kann! In Glaubensfragen gibt es keine Zweifel anzumelden. Der Glaube ist über jeden Zweifel erhaben.

    Ein Glaubensbekenntnis also in der Versenkung, nicht aber eine Aburteilung und Überführung der Glaubenszerstörer!
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    NB.: @Gast auf Erden, GOTT wird nichts versuchen, ER wird sie urplötzlich alle zum Scheitern verurteilen. Die Sektenhäupter brauchen ihres Amtes nicht entbunden werden, denn sie haben ein solches nie besessen.

  3. Zitat
    Bereits vorher hatte Kardinal Brandmüller einen Vortrag über den Glaubenssinn des gläubigen Gottesvolks gehalten. (…) Wenn ein Irrtum in der Kirche grassiert – früher der Arianismus, heute die Konsequenzen von „Amoris laetitia“ –, der Papst aber nicht antwortet – wie auf die „dubia“ –, ist das gläubige Volk gefordert. Und zwar das gläubige Volk, das das Neue Testament „Heilige“ nennt, nicht aber Verbände oder Gremien, die Umfragen beantworten.

    Ich bin nicht der Ansicht, dass das gläubige Volk nun gefordert ist. Das müssen die hierarchisch Verantwortlichen (Papst, Bischöfe und Kardinäle) untereinander ausmachen. Zu anderen Gelegenheit hat man auch nicht das Volk befragt und auf das Lehramt der Kirche verwiesen. Angesichts der säkularen, weltlichen Einstellung der Weltengemeinschaft würde das auch nichts nützen. Die Mehrheiten würden nicht zu Gunsten der Tradition laufen, sondern eher zu Gunsten von pastoralen Lösungen nach der Art von „Amoris laetitia“. Das Volk unterstützt die Verantwortlichen im Gebet und der Rest ist Vorsehung und Zulassung Gottes.

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