Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 3 und Schluss

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hickson: Könnten Sie die folgenden eigenen Worte von Buttiglione kommentieren? „Der Papst sagt nicht, dass Gott glücklich ist mit der Tatsache, dass Geschiedene und Wiederverheiratete weiterhin Geschlechtsverkehr miteinander haben. Das Gewissen erkennt an, dass es nicht mit dem Gesetz vereinbar ist. Das Gewissen weiß jedoch auch, dass es einen Bekehrungs-Weg begonnen hat. Man schläft immer noch mit einer Frau, die nicht die eigene Frau ist, hat aber aufgehört, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu gehen, hat einen Job gefunden und kümmert sich um seine Kinder. Er hat das Recht zu denken, dass Gott mit ihm zufrieden ist, zumindest teilweise. „[Hervorhebung hinzugefügt]. 

Seifert: Gewiss kann Gott glücklich darüber sein, dass ein Mann „aufgehört hat, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu verkehren, einen Job gefunden hat und sich um seine Kinder kümmert“, aber er kann nie glücklich mit ihm sein darüber, daß er „immer noch mit einer Frau schläft, die nicht seine Frau ist“ oder dem zuzustimmen, dass die fortgesetzte Begehung dessen, was Christus selber Ehebruch nennt, die „großzügigste Antwort“ ist, die ein Ehebrecher Gott in seiner Situation geben kann. Damit, dies zu verlangen, würde man a) entweder das Dogma leugnen, dass Gott nichts Unmögliches befiehlt, oder b) das Dogma leugnen, dass Gott niemals will, dass wir sündigen, oder beides.

Hickson: Hat nicht auch Martin Luther gelehrt, dass der Mensch manchmal sündigen muss? Würden Sie diese Meinung angesichts Buttiglione’s eigenen Worten diskutieren?

Seifert: Ja, ich glaube, dass es in Buttigliones Verteidigung von AL eine große Gefahr gibt, in die lutherische Ketzerei des simul iustus et peccator in dem Sinne zu fallen, dass Gnade allein uns rechtfertigt und dass wir in der heiligmachenden Gnade verbleiben können, während wir Todsünden begehen. Und die jüngste Feier des Lutherfestes im Vatikan, die Erklärung hochrangiger Prälaten, dass „Luther recht hatte“ und eine „Gabe des Heiligen Geistes“ an die katholische Kirche war, das Gerücht, dass über eine katholisch-lutherische Gemeinschafts-„Messe“ diskutiert wird, die Platzierung von Luthers Statue im Vatikan usw. sind beunruhigende Anzeichen dafür, dass nicht nur Buttiglione anfängt, mit einigen von Luthers Irrtümern zu flirten. Diese Häresie ist eng mit der Lehre Luthers verbunden, dass Gnade kein Prinzip ist, das uns moralisch wirklich verwandelt und uns erlaubt, „vollkommen zu werden, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist“, was Christus und die Heilige Schrift uns sagen, dass dies Gottes Wille ist. Dieser Irrtum hängt auch mit Luthers Ablehnung der Verehrung, Heiligsprechung und Anrufung der Heiligen zusammen, die für uns in Gebeten und in der Liturgie, in Messen zu ihren Ehren usw. Fürbitte leisten. Ich behaupte natürlich nicht, dass mein Freund Rocco diese Fehler vertritt, aber einige seiner Bemerkungen, zum Beispiel, die Geschichte der christlichen Prostituierten von Nero als in einer Situation interpretierend, in der sie nicht frei war, sich zu weigern, Sex mit Nero zu haben, und dass ihre Zustimmung, sexuelle Beziehungen mit Nero zu haben, ihr erlaubt habe, viele Christen zu retten (Buttiglione nannte sie sogar eine Heilige aus diesem Grund), geben zumindest den Eindruck, dass Buttiglione mit einigen Ansichten Luthers über Freiheit und Gnade kokettiert. Oder dass er sie sogar akzeptiert. Dasselbe gilt für seine Beschreibung von Situationen, in denen niemand erwarten kann, dass Ehebrecher sich entscheiden können, entweder in Abstinenz zusammenzuleben oder sich zu trennen, und somit „sündigen müssen“.

Hickson: Könnten Sie uns auch den Teil der Debatte mit Buttiglione vorstellen, in welchem Sie sich mit der Frage befassen, ob geschiedene und „wiederverheiratete“ Paare angesichts des vorgeschriebenen Unterscheidungsprozesses immerhin weniger schuldig wären, weil sie vielleicht ein fehlerhaft gebildetes subjektives Gewissen haben könnten?

Seifert: Eine Person, die unter unüberwindlicher Unwissenheit oder einem unschuldig missbildeten Gewissen leidet, glaubt oder „fühlt“, dass ihr Ehebruch in Ordnung ist, kann natürlich weniger schuldig sein als jemand, der direkt gegen die Stimme seines Gewissens handelt. Aber wir dürfen niemals vergessen, dass die Ungerechtigkeit des Ehebruchs Teil des Naturgesetzes ist, das in das Herz eines jeden Menschen geschrieben ist, wie der Apostel Paulus sagt, so dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass jemand überhaupt keine Kenntnis von der Sünde des Ehebruchs oder homosexueller Aktivität hat. Der Heide Cicero nennt den Menschen, der leugnet, dass Ehebruch immer und überall eine schwere Sünde ist einen „Verrückten“. Aber vor allem müssen wir verstehen, dass ethische Wertblindheit oft an sich sündhaft ist oder die Folge von Sünde ist, weil wir durch wiederholte Sünde für die Stimme des Gewissens abgestumpf worden sind oder weil wir einen faulen Kompromiss machen zwischen unserem Stolz und der Begehrlichkeit auf der einen Seite und unserem begrenzten Willen, das Gute zu tun, auf der anderen Seite, so dass wir die Sündhaftigkeit der Handlungen nicht klar sehen, sobald das Sittengesetz es uns nicht erlaubt, unsere Leidenschaften oder Neigungen auszuleben. (Dietrich von Hildebrand hat diese und viele andere Formen von „schuldigen Formen moralischer Wertblindheit“ und Deformation des Gewissens in einem bewundernswerten Buch analysiert, das leider noch nicht in englischer Sprache veröffentlicht wurde, aber  von der neu gegründeten Dietrich-von-Hildebrand-Presse als Morality and Ethical Value Knowledge angekündigt ist). Wenn man allgemein den Hang dazu hat, auf das einzugehen, was uns subjektiv befriedigt, aber immer noch nicht bewusst und offen sündigen will, wird unser moralisches Urteil leicht verdunkelt, entweder in teilweiser moralischer Wertblindheit oder in Blindheit der Subsumtion, d.h. einer Nicht-Einordnung unseres Verhaltens in die Kategorie „Ehebruch“. In diesen und vielen anderen Fällen moralischer Wertblindheit sind wir voll verantwortlich für die Deformation unseres Gewissens, und daher macht uns die Abwesenheit vom Bewusstsein, dass wir eine Todsünde begehen, nicht unschuldig, weil wir für unsere Blindheit selbst schuldig sind.

Hickson: Wie könnte es also „mildernde Faktoren“ geben, die eine Beziehung eines geschiedenen und „wiederverheirateten“ Paares sündenlos machen würden?

Seifert: Selbst wenn es mildernde Faktoren geben könnte, die eine Beziehung von geschiedenen und wiederverheirateten Paaren völlig sündenfrei machen würden, müssen wir beachten:

(1) Sobald ein ehebrecherisches Paar mit einem Priester spricht, der „unterscheiden“ soll, hat dieser Priester die Pflicht, ihnen zu sagen, dass ihre Beziehung objektiv sündig ist; in diesem Moment hören sie jedoch auf, Ehebruch „völlig unschuldig“ zu begehen;

(2) Solange sie fortfahren, das zu tun, was objektiv schwer sündig ist, scheint es für sie oder für einen Priester unmöglich zu beurteilen, dass ihre Beziehung „sündlos“ ist, was eine Fähigkeit voraussetzen würde, in die Tiefe einer Seele zu schauen, was wir niemals in Bezug auf uns selbst und noch weniger bei anderen Menschen haben;

(3) Es ist unvernünftig zu erwarten, dass ein Priester dies nach einigen Minuten im Beichtstuhl beurteilen kann;

(4) Es ist nicht zu tolerieren und würde privaten und öffentlichen Skandal hervorrufen, wenn Priester anfangen würden, zwei Gruppen von Sündern zu schaffen: jene Ehebrecher und Homosexuellen, die unschuldig sind und die Sakramente empfangen können und diejenigen, die es besser wissen und ausgeschlossen werden müssen;

(5) In der Praxis führt der versagende Versuch, diese „guten“ und „schlechten“ schweren Sünder zu trennen, unweigerlich dazu, jeden Ehebrecher und Homosexuellen zu den Sakramenten zuzulassen, und viele Sakrilegien werden begangen werden;

(6) Wie Familiaris Consortio lehrt, hat der würdige Empfang des Sakraments der Beichte oder der Eucharistie objektive und nicht nur subjektive Bedingungen. Es erfordert, dass ein Paar nicht objektiv in ehebrecherischen Beziehungen lebt, und nicht nur, dass der Sünder „nicht fühlt, dass dies sündig ist“ oder sogar nicht nur, dass der Sünder nicht persönlich die „heiligmachende Gnade“ verliert (weil Gott, der in sein Herz sieht, weiß, dass er nicht tödlich sündigt).

Hickson: Sollte diese ganze Debatte nur unter Fachleuten und nicht öffentlich geführt werden?

Seifert: Da die Frage der würdigen Aufnahme und Austeilung der Sakramente für jeden Priester und Gläubigen von entscheidender Bedeutung ist – davon kann ihre ewige Rettung abhängen –, ist die Behauptung, dass diese Angelegenheit nicht öffentlich diskutiert werden sollte, absurd. Darüber hinaus ist Amoris Laetitia veröffentlicht und seine sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Interpretationen sind veröffentlicht. Daher sollte die Debatte öffentlich geführt werden.

Hickson: Sollten wir alle in dieser Situation schweigen, um Frieden und Einheit in der katholischen Kirche zu bewahren?

Ich denke, ich habe diese Frage bereits beantwortet, aber ich möchte noch einmal betonen, dass die Wahrheit nicht nur Vorrang vor Einheit und Frieden hat, sondern die Voraussetzung für echte Einheit und Frieden ist. Ich könnte hier Blaise Pascal zitieren, den großen französischen Philosophen, den Papst Franziskus anscheinend selig sprechen will und der dies in seiner wunderbaren französischen Sprache ausgedrückt hat, die etwas weniger schön ins Englische übersetzt (werden kann) lautet:

„Es ist ebenso ein Verbrechen, den Frieden zu stören, wenn die Wahrheit vorherrscht, wie den Frieden zu bewahren, wenn die Wahrheit verletzt wird. Es gibt also eine Zeit, in der Frieden gerechtfertigt ist und eine andere Zeit, in der er nicht gerechtfertigt werden kann. Denn es steht geschrieben, dass es eine Zeit für Frieden und Zeit für einen Krieg gibt, und es ist das Gesetz der Wahrheit, das die beiden unterscheidet. Aber es gibt zu keiner Zeit eine Zeit für die Wahrheit und eine Zeit für einen Irrtum, denn es steht geschrieben, dass Gottes Wahrheit für immer bleiben wird. Darum hat Christus gesagt, dass Er gekommen ist, um Frieden zu bringen und gleichzeitig, dass Er gekommen ist, um das Schwert zu bringen. Aber Er sagt nicht, dass Er gekommen ist, um sowohl die Wahrheit als auch die Falschheit zu bringen. „- (Blaise Pascal, 19. Juni 1623 – 19. August 1662)

Hickson: Was würden Sie den Menschen sagen, die jetzt behaupten, dass diejenigen, die sich in Bezug auf einige seiner öffentlichen Äußerungen (auch wenn sie nicht ausdrücklich lehramtlich sind, aber doch Einfluss auf katholische Gläubige haben), gegen Papst Franziskus stellen, die Absicht haben, die Katholische Kirche zu spalten?

Seifert: Es ist natürlich möglich, dass einige Kritiker der Kirche eine solche Absicht haben, aber es ist sicherlich absolut falsch und wäre eine Verleumdung, wenn man dies von den vier Dubia-Kardinälen, von Pater Weinandy, von Bischof Athanasius Schneider, von Prof. Claudio Pierantoni, Prof. Carlos Casanova und vielen anderen Personen, die ihre kritische Stimme erhoben oder die Correctio filialis unterzeichnet haben, sagen würde. (Selbst wenn mein Erzbischof von Granada solcherweise dachte, sagte oder schrieb, wäre es falsch mich betreffend, könnte ich hinzufügen, der ich bereit wäre, für die „Einheit der Kirche in der Wahrheit“ zu sterben und absolut keine Absicht hege, die Einheit der Kirche aufzubrechen). John-Henry Westen (Herausgeber von LifeSiteNews) hat kürzlich in einer ausgezeichneten Rede in Rom am 28. Oktober in einer Konferenz über Humanae Vitae, die von der „Stimme für die Familie“ gesponsert wird, darauf hingewiesen, dass (1) der Papst selbst uns ermahnte, ihn frei zu kritisieren und uns nicht darum zu kümmern, was der „Papst denken würde“ und (2) dass diejenigen die wahren Freunde des Papstes und der Kirche sind, die wachsam sind und den Papst nicht durch Schmeicheleien und Bewunderung loben, von denen der Nachfolger des heiligen Petrus, der dazu bestimmt ist, der Fels zu sein, überhaupt keine braucht.

Das Gegenteil zu behaupten, dass jeder, der ein vom Papst gesprochenes Wort kritisiert, „die Absicht hat, die katholische Kirche aufzubrechen“ oder einfach die Einheit der Kirche zerbricht, würde urteilen, dass der Apostel Paulus die Absicht hatte, die Einheit der katholischen Kirche zu zerstören, als er den ersten Papst, der von Christus selbst eingesetzt wurde, während des ersten Konzils der Apostel offen und scharf kritisiert hat.

Hickson: Was halten Sie von Kardinal Müllers Vorwort zu Rocco Buttigliones neuem Buch „Freundliche Antworten an die Kritiker von Amoris Laetitia“?

Ich kann diese Frage nicht gründlich beantworten, solange ich den vollständigen Text des neuen Buches und des Vorworts von Kardinal Müller nicht gelesen habe, von dem ich nur einige Fragmente gelesen habe, die mich ziemlich verwirrt haben. Sein Lob von Buttigliones neuem Buch über Amoris Laetitia hat mich sehr erstaunt: (1) Erstens, weil Kardinal Müller kürzlich ein Buch auf Spanisch veröffentlichte, in dem er bekräftigte, dass kein Papst oder Konzil die sakramentale Disziplin der Kirche ändern könne, was, wie FC 84 sagt, auf der Heiligen Schrift selber gegründet ist. Weil er dies schrieb, nannte der Erzbischof von Madrid Kardinal Müller’s Buch anti-päpstlich und verbot ihm, es in der Katholischen Universität und im Seminar San Dámaso in Madrid zu präsentieren. Der Kardinal stellte es an einer anderen katholischen Universität in Madrid vor und sagte, dass AL nichts von der Lehre und der sakramentalen Disziplin, die in FC 84 zum Ausdruck kommt, was laut Müller untrennbar von der ewigen kirchlichen Lehre sei, ändere oder eine Änderung beabsichtige. Don Livio Melina, ein ehemaliger Schüler von mir im Johannes-Paul-II.-Institut für Ehe und Familie und bis vor kurzem Präsident des Johannes-Paul-II.-Instituts für Ehe und Familie in Rom, gab die gleiche Interpretation. Unser Erzbischof von Granada, Don Francisco Javier Martínez, sandte die Erklärung von Melina an alle Kleriker von Granada, offensichtlich in Übereinstimmung damit (aber später änderte er dies und vertrat die Buenos-Aires-Interpretation von AL und hielt mich zuerst davon ab, seine Seminaristen zu unterrichten, und dann habe ich – von meinem Vorsitzenden des IAP-IFES gewaltsam in den Ruhestand versetzt – meinen zweiten Artikel über AL veröffentlicht). Ich dachte von Anfang an, dass das Urteil von Kardinal Müller in Bezug auf die ewige Kirchenlehre richtig war, aber nicht als Interpretation von AL. Über diese rein hermeneutische Frage habe ich mit Buttiglione eingewilligt, der von Anfang an sah, dass AL etwas ganz anderes als FC sagt, aber versucht hat, dies als rein pastoral und „komplementär“ zu erklären: Papst Johannes Paul II. hätte eben auf der „objektiven Seite“ gesprochen. Ehebruch sei schwer „disordered“ (moralisch tadelnswert), während AL Laetitia die klassischen subjektiven Bedingungen der Todsünde und Zurechenbarkeit berücksichtigt. So haben beide Päpste recht, obwohl sie gegensätzliche pastorale Entscheidungen der Kirche vorschlagen. Johannes Paul II. verbietet geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken (außerhalb der Kirche) den Zugang zu den Sakramenten, außer wenn sie in völliger Abstinenz leben, weil er nur von der objektiven Sündhaftigkeit des Ehebruchs spricht; Papst Franziskus lässt ihre sakramentale Absolution und Eucharistie zu, auch wenn sie keine Absicht haben, ihr Leben zu ändern, weil er darum bittet, den möglichen Zustand der Gnade bei solchen „guten Ehebrechern und Homosexuellen“ zu erkennen und anzuerkennen.

Nun entnehme ich aus den veröffentlichten Fragmenten seines Vorwortes, die mir zugänglich sind, dass Kardinal Müller:

(1) völlig auf die Buttiglione-Buenos Aires-Interpretation des Textes von AL umgestellt hat, der „hermeneutisch korrekt“ ist (darin bin ich jetzt mit beiden einverstanden; sie interpretieren AL textuell korrekt).

(2) Daß er nun auch Buttiglione dankt und AL wie Buttiglione rundum verteidigt, indem er nicht nur den Zugang zu den Sakramenten von Paaren akzeptiert, von denen er einige Monate zuvor sagte, kein Konzil oder Papst könne sie ermächtigen, die Sakramente zu empfangen, weil das von FC gelehrte Verbot zur ewigen kirchlichen Lehre gehört oder die logische Folge davon ist. So scheint Kardinal Müller nun auch seiner früheren starken Lehrbehauptung zu widersprechen, nämlich dass die von Papst Johannes Paul II. bekräftigte sakramentale Disziplin – dass niemand, der in objektivem Widerspruch zur kirchlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe steht, zu den Sakramenten zugelassen werden kann, dass dies Teil und ewige logische Konsequenz der Lehren über Christus und der Kirche ist.

(3) Drittens scheint Kardinal Müller auch zu leugnen, dass es in AL (a) eine Spur von teleologischer Ethik und Situationsethik gibt. So beantwortet er meine Frage: „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? “ [3] negativ. Daher scheint Kardinal Müller die Behauptung zu bestreiten, „das Gewissen kann mehr tun als (nur) erkennen, dass eine gegebene Situation nicht objektiv den Gesamtanforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, während, wenn auch nicht vollständig, das objektive Ideal „[nämlich weiter in Ehebruch oder in homosexuellen Beziehungen zu leben] logischerweise impliziert, dass Gott uns zustimmen kann, dass wir in manchen Situationen eine an sich böse Handlung wie Ehebruch begehen, und folglich gibt es an sich keine falschen Handlungen mehr in jedweder Lage. Im Gegensatz zu Kardinal Müller’s Ansicht, dass AL böswillige Handlungen nicht leugnet noch behauptet, dass die Fortführung einer objektiv schwer sündigen Handlung Gottes Willen für uns entsprechen kann, hat Pater Spadaro, befreundeter und autorisierter Interpreter von AL, kürzlich Papst Franziskus und AL die Ansicht zugeschrieben, dass Franziskus „jede allgemeine Regel negiert, die eine Klasse menschlicher Handlungen moralisch falsch machen würde“ (was bedeutet, dass man leugnet, dass jedwede menschliche Handlung als eine Klasse ungeachtet der Umstände und Konsequenzen intrinsisch falsch ist). Daher kann ich angesichts dieses Umschwungs von Kardinal Müller’s Position, dessen zweiter und dritter Punkt ich für falsch halte, nur meine völlige Verwirrung über die Aussagen von Kardinal Müller bekennen und hoffe, dass die Lektüre des vollständigen Textes etwas Licht auf das Rätsel bringt, dass er seine Autorität mit Buttiglione verband.

ENDE

* Paragraph 303 von Amoris Laetitia lautet wie folgt: „Natürlich sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um die Entwicklung eines aufgeklärten Bewusstseins zu fördern, das durch die verantwortungsvolle und ernste Unterscheidung des eigenen Pastors geformt und geleitet wird und zu einem immer größeren Vertrauen in Gottes Gnade zu ermutigen. Doch das Gewissen kann mehr als nur erkennen, dass eine gegebene Situation den Gesamtanforderungen des Evangeliums objektiv nicht entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, wenn auch noch nicht zur Gänze das objektive Ideal. „

Aus „Amoris Laetitia“ (deutsche Version) zitiert:

303. Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen. Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen.

[1] „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? „Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

[2] „Amoris Laetitia. Freude, Traurigkeit und Hoffnungen „. Aemaet Bd. 5, Nr. 2 (2016) 160-249, http://aemaet.de urn: nbn: de: 0288-2015080654.

[3] Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

Ein Kommentar zu “Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 3 und Schluss

  1. Pingback: Warum „Amoris laetitia“ orthodox verstanden werden kann und muss | POSchenker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s