Erneuerung aus dem Geist der Mystik

Mystik braucht Stille und Einsamkeit. Das griechisch-orthodoxe Kloster des heiligen Georg in der Wüste von Judäa liegt am Weg des Pilgerprojektes «Zu Fuss nach Jerusalem».

Mystiker und Mystikerinnen sind Menschen, die in einer aussergewöhnlichen Unmittelbarkeit von Gott angerührt werden. Sie haben nicht nur eine persönliche Beziehung zu Gott, sondern erleben seine Gegenwart auch in der Tiefe ihrer Seele. Dieses Wirken Gottes ist Geschenk, nicht verfügbar. Es kann schmerzhaft oder auch sehr freudig erlebt werden. Auf jeden Fall gestaltet es den Menschen von innen her um. Gottes Gegenwart durchwirkt die ganze Person und gestaltet sie Gott gleich. Dabei ist entscheidend, dass sich der Mensch für Gottes Gegenwart bewusst offen hält. Wenn er eine grössere innere Berührung wahrnimmt, braucht er dieser Begegnung Raum und Zeit zu geben. Nur so kann sie sich entfalten. Daher suchen Mystikerinnen und Mystiker immer die Einsamkeit und die Stille. Nur sie erlauben, wirklich nach innen zu hören. So ist das mystische Erleben immer ein Zusammenspiel von Gott und Mensch, ist immer ein Bundesgeschehen, von zwei Bejahungen getragen.

Mystikerinnen und Mystiker suchen immer die Einsamkeit und die Stille.

Bruder Klaus muss schon sehr früh in seinem Leben eine Ahnung von Gottes Berührung gehabt haben. Mitten im Alltag zog er sich immer wieder zurück und suchte die Stille. Er wird herausgerufen aus dem Alltagsgeschehen und schneidet sich selbst ein Stück heraus. Bis es zur grossen Entwurzelung aus seiner Familie und dem öffentlichen Leben kommt. Simone Weil sagt: «Wer sich selbst entwurzelt, sucht tiefere Wirklichkeit.» Immer mehr hat Bruder Klaus die Wirklichkeit Gottes gesucht. Aus Gottes Wirklichkeit hat er einen neuen Blick auf die Wirklichkeit seiner Familie und seiner Gesellschaft erhalten. So ist er zum grossen Ratgeber, Seelsorger und Friedensstifter geworden.

Das mystische Erleben ist immer ein Zusammenspiel von Gott und Mensch, ist immer ein Bundesgeschehen.

Kleine Unterbrechungen im Alltag mit einem Hören nach innen können in jedem Menschen zu mehr Wirklichkeit führen. Kleine und grössere Einsamkeiten, fern von Unterhaltung und Berieselung, von geselligen Anlässen und freundlichen Banden, sind Voraussetzung, damit Gott sich einem Menschen unmittelbar schenken kann. Meister Eckhart meint sogar einmal: «Wer sich ganz für Gott leer gemacht hat, bei dem kann Gott nicht anders, als bei ihm einzutreten.» Der Rückzug des Menschen in Einsamkeit und Stille mag im ersten Augenblick asozial erscheinen. Er führt aber in eine Auseinandersetzung mit sich selbst und öffnet für Gottes Gegenwart. Der innere Raum, der sich bis zur mystischen Erfahrung öffnen kann, ist Ort der Reinigung im Feuer Gottes. Wer sie durchlebt, wird ausgebrannt und erlebt ein «Burn-out» im positiven Sinn: Alles Oberflächliche und Unnötige, aber auch alles Dunkle und Böse wird im göttlichen Feuer vernichtet. So stirbt der innere Schweinehund. Der Mensch
erlebt dies als psychischen und geistigen Tod. Es ist auch ein soziales Absterben. Um diese Radikalität bittet jeder, der mit den Worten von Bruder Klaus betet: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.»

Ein «Burn-out» im positiven Sinn: Alles Oberflächliche und Unnötige, aber auch alles Dunkle und Böse, wird im göttlichen Feuer vernichtet.

Wer aber wirklich in Gott hinein stirbt, wird ganz von Gottes Wirklichkeit erfüllt. Er erlebt Auferstehung am eigenen Leib und wird in Christus, den neuen Menschen, hineingenommen. Das göttliche Feuer der Liebe kann durch ihn wirken. Er predigt nicht mehr sich selbst mit all den eigenen Ungereimtheiten, so gut und ideal sie auch im ersten Augenblick scheinen mögen. Der Mystiker ist transparent und leer für Gott geworden. Gottes Geist spricht dann aus ihm. Die Reinigung des Innern schenkt dem Menschen Ausstrahlung. Die Einsamkeit und Stille erlaubt, einen Standpunkt ausserhalb der Alltagswelt einzunehmen. So nimmt er das Leben wie aus der Vogelperspektive wahr und blickt weiter. Die Bibel spricht hier von der Erhöhung zur Rechten Gottes. Erkenntnis, Weisheit und Rat vermag der aus Geist Geborene zu verbreiten.

Bruder Klaus hat dieses mystische Paradox in wunderbarer Weise gelebt, indem er in den Ranft hinabgestiegen ist: Erniedrigung und Erhöhung, Rückzug in Einsamkeit und Wirken in der Welt für den Frieden. Bruder Klaus zu verehren, in den Ranft zu pilgern und aus seiner Spiritualität zu leben heisst, in diese Logik einzuschwingen. Arbeit für den Frieden im Gesellschaftlichen setzt eben immer auch inneren Frieden voraus. Das ist kein leichter Weg. Er braucht Zeit und Geduld, Innerlichkeit und waches Aushalten des Alltagslebens, wie es ist.

Wer sich auf den Geist der Mystik einlässt, beginnt nämlich an Gottes Abwesenheit in der Welt zu leiden. Die punktuellen und kurzen Erfahrungen von Gottes unmittelbarer Gegenwart sind zwar überwältigend. Doch der Schmerz daran, dass so wenige Menschen Gott in der Welt einen Ort schenken, wird empfunden. Der Mystiker oder die Mystikerin zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er sich mit den Streitigkeiten und Ungerechtigkeiten, den Halbwahrheiten und Verzerrungen im Alltag, kurz: mit dem Alltagswahnsinn nicht abfindet. Er gewöhnt sich nicht an das vom Bösen durchseuchte Leben, wie die meisten Menschen. Sein Inneres hat Gottes Wirklichkeit gekostet, das Gute, Wahre und Schöne. Voll Sehnsucht streckt er sich danach aus. Eine Sprengkraft aus dem Innern entsteht.

Die Abwesenheit Gottes wird aber nicht nur in der Welt erlebt. Auch in der Kirche und in den religiösen Traditionen hat sich viel Allzumenschliches eingeschlichen. Dafür öffnen sich die Augen für den, der auf den Seelengrund absteigt. Oft verdrängt übertriebenes rechtliches oder doktrinäres Denken das Geheimnis der Gegenwart Gottes. Mystiker leiden daher besonders an veräusserlichter Religion. Ritualismus, Halbwissen und Verdrehen der Glaubenssubstanz führen ihn aber nicht aus der Kirche heraus. Das ist zu billig und hilft niemandem. Vielmehr sucht er die Erneuerung des Glaubens von innen her. In den letzten Jahrhunderten wurde in unseren Breitengraden gelernt, dass im Namen Gottes weder Krieg geführt noch Gewalt ausgeübt werden darf. Doch haben wir auch begriffen, dass die Kirche von innen gereinigt werden muss? Es braucht ein Bemühen, aus dem Geist der Mystik die religiöse Tradition neu zu leben. Nur wenn Gefässe für die unmittelbare und tiefe Gegenwart Gottes lebendig gehalten werden, wird das Christentum zum Frieden beitragen. Den Islam und andere Religionen zu kritisieren genügt bei weitem nicht. Es braucht in der Kirche ein Bemühen, aus dem Geist der Mystik die religiöse Tradition neu zu beleben.

Zugang zu mehr Wirklichkeit entsteht aus gelebter Frömmigkeit, Spiritualität und Mystik, die die sognannte linke und rechte Kirchenpolitik unterlaufen. Die Erneuerung kommt aus einem Standpunkt ausserhalb, der gefunden wird an der Quelle des Evangeliums. In Einsamkeit und Stille kann die geistliche Lektüre die Frohbotschaft neu erschliessen. Nicht Apologie und Selbstbehauptung der eigenen Glaubenswahrheit hilft weiter, sondern ein Sich-neu-Ergreifen-lassen von Gott und seinem Geist. Der Geist Christi aber weht, wo er will.

Christian Rutishauser

 

P. Dr. Christian M. Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten, 2001 – 2012 Bildungsleiter im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Exerzitien- und Kontemplationsleiter. Lehraufträge für Jüdische Studien; kirchliche Gremienarbeit für die Beziehung mit dem Judentum;
Pilgerprojekt 2011 «Zu Fuss nach Jerusalem» (Buch im Patmos-Verlag erschienen).

 

Rundbrief des Bruder-Klausen-Bundes

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