Johannes Paul II.: Zur Kirche in Europa: Die „Trübung der Hoffnung“

Pope John Paul II delivers his speech in Vatican city on Monday, 13. January 2003, during a meeting with the diplomatic corps. Amid the prospect of a US-led war against Iraq, the 82-year-old pope told: ''War is never inevitable. It is always a defeat for mankind'. On the Middle East, the Pontiff said, Israelis and Palestinians should live 'side by side, equally free and sovereign, respecting each other'. Fotograf: MAURIZIO BRAMBATTI dpa

Aus dem Nachsynodalen Schreiben „Ecclesia in Europa“:

Die Trübung der Hoffnung

7. Dieses Wort richtet sich heute auch an die Kirchen in Europa, die oft durch eine Trübung der Hoffnung auf die Probe gestellt sind. Die Zeit, in der wir leben, vermittelt mit den ihr eigenen Herausforderungen in der Tat den Anschein des Verlorenseins. Viele Männer und Frauen scheinen desorientiert, unsicher und ohne Hoffnung zu sein, und nicht wenige Christen teilen diesen Gemütszustand. Zahlreiche besorgniserregende Zeichen zeigen sich zu Beginn des dritten Jahrtausends bedrohlich am Horizont des europäischen Kontinents, der »zwar sehr reich ist an außerordentlichen Glaubenszeugnissen und sich im Rahmen eines zweifellos freieren und einmütigeren Zusammenlebens befindet, trotzdem aber die ganze Zerrüttung spürt, die die ältere und jüngere Geschichte im tiefsten Inneren seiner Völker verursacht hat, was oft zu Enttäuschungen führt« .14

Unter den vielen, auch anläßlich der Synode ausführlich erwähnten Aspekten 15 möchte ich den Verlust des christlichen Gedächtnisses und Erbes anführen, der begleitet ist von einer Art praktischem Agnostizismus und religiöser Gleichgültigkeit, weshalb viele Europäer den Eindruck erwecken, als lebten sie ohne geistigen Hintergrund und wie Erben, welche die ihnen von der Geschichte übergebene Erbschaft verschleudert haben. Daher ist es nicht allzu verwunderlich, wenn versucht wird, Europa ein Gesicht zu geben, indem man unter Ausschluß seines religiösen Erbes und besonders seiner tief christlichen Seele das Fundament legt für die Rechte der Völker, die Europa bilden, ohne sie auf den Stamm aufzupfropfen, der vom Lebenssaft des Christentums durchströmt wird.

Auf dem europäischen Kontinent fehlt es gewiß nicht an namhaften Symbolen für die Präsenz des Christentums, doch mit der langsam voranschreitenden Überhandnahme des Säkularismus laufen sie Gefahr, zu einem bloßen Relikt der Vergangenheit zu werden. Vielen gelingt es nicht mehr, die Botschaft des Evangeliums in die Alltagserfahrung einzubeziehen. In einem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld, wo dem christlichen Lebensentwurf ständig Trotz und Bedrohung begegnen, wird es immer schwieriger, seinen Glauben an Jesus zu leben. In vielen öffentlichen Bereichen ist es einfacher, sich als Agnostiker denn als Gläubigen zu bezeichnen; man hat den Eindruck, daß sich Nichtglauben von selbst versteht, während Glauben einer gesellschaftlichen Legitimation bedarf, die weder selbstverständlich ist, noch vorausgesetzt wird.

8. Mit diesem Verlust des christlichen Gedächtnisses geht eine Art Zukunftsangst einher. Das gemeinhin verbreitete Bild von der Zukunft stellt sich oft als blaß und ungewiß heraus. Man hat eher Angst vor der Zukunft, als daß man sie herbeiwünschte. Besorgniserregende Anzeichen dafür sind unter anderem die innere Leere, die viele Menschen peinigt, und der Verlust des Lebenssinnes. Zu den Zeichen und Auswirkungen dieser Existenzangst sind insbesondere der dramatische Geburtenrückgang und die Abnahme der Priester- und Ordensberufe zu zählen sowie die Schwierigkeit, wenn nicht sogar die Weigerung, endgültige Lebensentscheidungen auch bezüglich der Ehe zu treffen.

Wir erleben eine verbreitete Zersplitterung des Daseins; es überwiegt ein Gefühl der Vereinsamung; Spaltungen und Gegensätze nehmen zu. Unter anderen Symptomen dieses Zustandes erfährt das heutige Europa das ernste Phänomen einer Krise der Familie und des Schwindens einer Konzeption von Familie überhaupt, die Fortdauer oder das Wiederaufflammen ethnischer Konflikte, das Wiederaufleben gewisser rassistischer Verhaltensweisen, die interreligiösen Spannungen, die Egozentrik, die Einzelne und Gruppen in sich verschließt, die Zunahme einer allgemeinen sittlichen Gleichgültigkeit und einer krampfhaften Sorge um die eigenen Interessen und Privilegien. In den Augen vieler läuft die zunehmende Globalisierung Gefahr, statt zu einer größeren Einheit der Menschheit zu führen, einer Logik zu folgen, die die Schwächsten ausgrenzt und die Zahl der Armen auf der Erde vermehrt.

Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Individualismus ist eine zunehmende Schwächung der Solidarität zwischen den Menschen festzustellen: Während die Hilfseinrichtungen lobenswerte Arbeit leisten, beobachtet man ein Abnehmen des Solidaritätsgefühls, so daß sich viele Menschen, auch wenn es ihnen nicht am materiell Notwendigen fehlt, immer einsamer und sich selbst überlassen fühlen, ohne das Netz einer gefühlsmäßigen Unterstützung.

9. Der Verlust der Hoffnung hat seinen Grund in dem Versuch, eine Anthropologie ohne Gott und ohne Christus durchzusetzen. Diese Denkart hat dazu geführt, den Menschen »als absoluten Mittelpunkt allen Seins zu betrachten, indem man ihn fälschlicherweise den Platz Gottes einnehmen ließ und dabei vergaß, daß nicht der Mensch Gott erschafft, sondern Gott den Menschen erschafft.

Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt. […] Es wundert daher nicht, daß in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist« .16 Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer »schweigenden Apostasie » seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe.

Vor diesem Horizont nehmen die auch in letzter Zeit wieder auftauchenden Versuche Gestalt an, die europäische Kultur losgekoppelt vom Beitrag des Christentums zu präsentieren, das ihre historische Entwicklung und ihre universale Verbreitung geprägt hat. Wir sehen uns dem Erscheinen einer neuen, großenteils von den Massenmedien beeinflußten Kultur gegenüber, deren Merkmale und Inhalte oft im Gegensatz zum Evangelium und zur Würde der menschlichen Person stehen. Zu dieser Kultur gehört auch ein immer weiter verbreiteter religiöser Agnostizismus, verbunden mit einem tieferen moralischen und rechtlichen Relativismus, der seine Wurzeln im Verlust der Wahrheit vom Menschen als Fundament der unveräußerlichen Rechte eines jeden hat. Die Zeichen eines Schwindens der Hoffnung äußern sich mitunter durch erschreckende Formen dessen, was man als eine »Kultur des Todes« bezeichnen kann.17

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Quelle  (Hervorhebungen von mir)

2 Kommentare zu “Johannes Paul II.: Zur Kirche in Europa: Die „Trübung der Hoffnung“

  1. In dem kurzen oben zitierten Abschnitt gibt Johannes Paul II. vor, den Verlust des Christentums zu beklagen, weiter unten im gleichen Schreiben unter Nr. 32 versichert er aber seinen Brüdern und Schwestern der östlichen Schismatiker und Häretiker, daß er sie nicht missionieren will.

    JOHANNES PAUL II., ECCLESIA IN EUROPA, Nr. 32, 28. Juni 2003: „Gleichzeitig möchte ich die Bischöfe und die Brüder und Schwestern der orthodoxen Kirchen erneut dessen versichern, daß – unter Beibehaltung der Pflicht zur Achtung der Wahrheit, der Freiheit und der Würde jedes Menschen – die Neuevangelisierung in keiner Weise mit Proselytismus zu verwechseln ist.
    http://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/apost_exhortations/documents/hf_jp-ii_exh_20030628_ecclesia-in-europa.html

    Die Tatsache, daß Häretiker sich oft und gern widersprechen oder hinter Zweideutigkeiten verstecken, lehrt uns Papst Pius VI. in „Auctorem fidei“ über die Verurteilung der Synode von Pistoia vom 27. August 1794. Das erklärt die absurde geschwätzige Länge der Dokumente der V2-Kirche. Natürlich liest diese kaum jemand durch. Die harten Häresien werden auf diese Art verschleiert. Es lassen sich ganze Passagen zitieren, die scheinbar rechtgläubig sind. So sind wir alle getäuscht worden.

  2. @Ci-devant

    Zitat aus: „Ecclesia in America„:

    Die Herausforderung durch die Sekten

    Der Proselytismus, den die Sekten und neuen religiösen Gruppierungen in vielen Teilen Amerikas betreiben, ist ein ernsthaftes Hindernis für die Evangelisierung. Der Begriff „Proselytismus“ ist mit einer negativen Bedeutung behaftet, wenn damit zum Ausdruck gebracht wird, daß man auf eine Weise um Anhänger wirbt, die die Freiheit derer nicht beachtet, an die sich eine bestimmte religiöse Propaganda richtet (280). Die Kirche in Amerika verachtet den Proselytismus der Sekten aus eben diesem Grund, und ihre Evangelisierungstätigkeit schließt die Anwendung von Methoden dieser Art aus. Will man den Menschen das Evangelium Christi in seinem ganzen Umfang nahe bringen, muß die Evangelisierung das Heiligtum des Gewissens eines jeden Einzelnen respektieren, wo sich der entscheidende und absolut persönliche Dialog zwischen Gnade und menschlicher Freiheit entwickelt.

    Das muß man sich besonders im Hinblick auf die christlichen Brüder und Schwestern von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vor Augen halten, die von der katholischen Kirche getrennt und vor langer Zeit in bestimmten Gegenden Amerikas ansässig geworden sind. Die Bande wahrer, wenn auch unvollkommener Gemeinschaft, die gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils (281) zwischen diesen Gemeinschaften und der katholischen Kirche bestehen, müssen ihre Haltung und die ihrer Mitglieder hinsichtlich dieser Gemeinschaften erleuchten (282). Aber deswegen darf diese Haltung dennoch nicht die feste Überzeugung in Zweifel stellen, daß sich nur in der katholischen Kirche die Fülle der von Jesus Christus gestifteten Mittel zur Erlangung des Heils befindet (283).

    Den proselytistischen Vorstößen der Sekten und neuen religiösen Gruppierungen in Amerika darf man nicht gleichgültig zusehen. Sie fordern der Kirche auf diesem Kontinent ein vertieftes Studium ab, welches in jedem Land, aber auch auf internationalem Niveau verwirklicht werden muß, um die Gründe herauszufinden, warum nicht wenige Katholiken aus der Kirche austreten. Im Lichte der daraus resultierenden Schlußfolgerungen wird es wohl angebracht sein, eine Revision der bisher angewandten Seelsorgemethoden vorzunehmen, so daß jede Teilkirche der Religiosität ihrer Gläubigen mehr persönliche Aufmerksamkeit schenkt, die Strukturen der Gemeinschaft und der Mission konsolidiert, und sich der bei der Evangelisierung sich bietenden Möglichkeiten bedient, die eine geläuterte Volksfrömmigkeit hervorbringen, damit durch das Gebet und die Meditation des Wortes Gottes der Glaube aller Katholiken an Jesus Christus lebendiger werde (284). Niemandem bleibt die Dringlichkeit einer angemessenen Evangelisierungsaktion bezüglich jener Bereiche des Volkes Gottes verborgen, die dem Proselytismus der Sekten am meisten ausgesetzt sind, wie die Emigranten, die Menschen in den Randzonen der Städte oder in jenen ländlichen Siedlungen, denen die organisierte Gegenwart eines Priesters abgeht und die von daher durch eine diffuse religiöse Unwissenheit geprägt sind, aber auch die Familien einfacherer Bevölkerungsschichten, die unter diversen materiellen Schwierigkeiten leiden.

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