Dichtung und Wahrheit

Titian, Pope Paul III.

Selbst Gelehrte sind zu großen Missverständnissen verleitet worden: Vor 475 Jahren wurde die Römische Inquisition gegründet. Von Georg Blüml

Am 21. Juli 1542 veröffentlichte Papst Paul III. die Apostolische Konstitution „Licet ab initio“ und rief damit die Römische Inquisition ins Leben. Im Schatten des Reformationsjahres feiert damit auch eine Organisation ihren 475. Geburtstag, die – seit den Tagen der Aufklärung, in welchen das Mittelalter zum „finsteren“ erklärt wurde und ehe noch die Gräuel des Nationalsozialismus? ins Licht der Geschichte traten – die ultimative Negativfolie institutioneller Unterdrückung darstellte. Hartnäckig hält sich das tief im Allgemeinwissen verankerte Gerank aus vor allem im 19. Jahrhundert entstandenen Mythen und Legenden. Das trotzige und nie gesprochene „Und sie bewegt sich doch!“ des von der Inquisition in die Knie gezwungenen Astronomen Galileo Galilei hallt daraus ebenso wider wie Dostojewskis Erzählung vom Großinquisitor, der dem wiedergekehrten Jesus entgegnet, dass dieser kein Recht habe, die von der Kirche aufgerichtete Ordnung zu stören. Bis heute ist die Tätigkeit der „Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis“ (Kongregation der Römischen und allgemeinen Inquisition) so skandalumwoben, dass ein sachlicher Blick darauf kaum möglich erscheint. Dabei geht es um eine Frage, die heute ebenso aktuell ist wie vor 500 Jahren: Wer bestimmt – wenn das Monopol des Wissens und der Meinung gefallen ist – was richtig und was falsch ist?

Am Anfang stand eine mediale Revolution, die nur mit der Erfindung des Internet zu vergleichen ist. In der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte ein Mainzer Goldschmied namens Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Bis dahin zirkulierte das nur mühsam handschriftlich zu vervielfältigende Wissen in überschaubaren Gelehrtenkreisen. Und in diesen hatte die Kirche die unanfechtbare Diskurs- und Deutungshoheit. Zwar waren immer wieder von der Lehre abweichende Meinungen aufgekommen, doch diese waren an das Charisma des Predigers gebunden und mit der Beseitigung von dessen Person rasch zu unterdrücken, zumindest aber unter Kontrolle zu halten gewesen. Durch Gutenbergs Erfindung aber verbreiteten sich Meinungen plötzlich rasend schnell und das vormals seltene Medium Buch wurde zum Massenartikel. Publiziert wurde neben der Heiligen Schrift zunächst vor allem Fachliteratur in lateinischer Sprache, auch Kalender und Ablassbriefe. Mit der einhergehenden Alphabetisierung breiterer Bevölkerungsschichten stieg die Nachfrage nach Übersetzungen – nicht zuletzt der Bibel.

Die heiligen Schriften in den Händen gemeiner Leute? Wie wäre es dem Volk möglich, das Wort Gottes ohne kundige Anleitung richtig, also im Sinne der kirchlichen Lehre auszulegen? Die Skepsis der Theologen gegenüber derartigen Veröffentlichungen in der Volkssprache führt exemplarisch das Zensuredikt des Mainzer Erzbischofs von 1485 vor Augen: „Die göttliche Buchdruckerkunst“, so heißt es dort, „macht aller Welt den Gebrauch von Büchern zur Belehrung und Erbauung zugänglich. Viele aber missbrauchen diese Kunst aus Ruhmessucht und Geldgier, so dass sie die Menschheit verderben, statt sie aufzuklären.“ In Sorge um die Bewahrung der Reinheit der Überlieferung klagt der Erzbischof über die mangelnde Qualität der kursierenden Übersetzungen, die so sinnentstellend seien, „dass selbst Gelehrte zu großen Missverständnissen verführt sind“. Auch wird generell bezweifelt, „dass die deutsche Sprache fähig ist, das genau wiederzugeben, was jene ausgezeichneten griechischen und lateinischen Autoren mit der sorgfältigsten Genauigkeit des Ausdrucks“ geschrieben hätten. Und schließlich: „Wer aber gibt den ungebildeten Männern und Frauen, welchen die heiligen Bücher in die Hände fallen, die Fähigkeit, den richtigen Sinn herauszufinden?“ Kaum anders argumentierte dreißig Jahre später das von Leo X. einberufene, fünfte Laterankonzil, auf dem bestimmt wurde, dass kein Buch ohne Genehmigung des Ortsbischofs oder seines Vertreters gedruckt werden dürfe. Dabei verkannte die Kirche aber, dass sich nicht nur die mediale Situation grundsätzlich verändert hatte, sondern auch die politische. Nur ein halbes Jahr nach dem Schluss des wenig reformfreudigen Konzils schlug Luther seine Thesen zum Disput vor – just zu einer Zeit, in der sich zahlreiche deutsche Reichsfürsten von der zentralen Kaisermacht lösen wollten. Und zur Beförderung dieser Autonomiebestrebungen schien der neue Glaube das geeignete Vehikel zu sein. Gegen seine Fürsten konnte der Kaiser den Vollzug der gegen den Reformator verhängten Reichsacht nicht durchsetzen. Vergeblich mühte sich Rom bei Kaiser Karl V. auch um die Durchsetzung der Bestimmungen des Laterankonzils – im Windschatten von dessen Kriegen gegen Franzosen und Türken waren und blieben Luthers Gedanken in der Welt und wurden durch den Buchdruck vervielfältigt. Hunderttausendfach. Nahezu jeder, der lesen konnte, las Luther. Die Ideen der Reformation verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Dazu kamen antipäpstliche Flugblätter. Modern gesprochen: die Römische Kirche sah sich einem medialen Shitstorm von antiklerikalen Hetz- und Hassschriften ausgesetzt.

Rom war von dem von Luther ausgelösten Flächenbrand zunächst völlig überrascht und sah sich mit einer – aufgrund seiner auch medial befeuerten Dimension – völlig neuen Art von religiösem Widerspruch konfrontiert. Wie sollte man dieser Herausforderung begegnen? Weder kirchlicher Druck noch politische Einflussnahme hatten etwas bewirkt. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts hatte in der Kurie noch die Hoffnung überwogen, mit den Mitteln von Überzeugung und Logik zur Einheit der Christen zurückzufinden. Nachdem aber mit dem Regensburger Religionsgespräch 1541 der letzte Versuch einer gütlichen Einigung zwischen Katholiken und Protestanten gescheitert war, setzte sich unter den Kardinälen die Auffassung durch, dass nur ein entschiedenes Vorgehen gegen jegliche Form der Irrlehre ein weiteres Ausgreifen des Protestantismus verhindern könne. Treibende Kraft hierbei war der wegen seiner doktrinellen Integrität und seines frommen Lebens bekannte Giampietro Carafa. Der Kardinal war zuvor in diplomatischen Missionen unter anderem in England und Spanien tätig gewesen, mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam persönlich bekannt und hatte den Theatinerorden mitbegründet. Vor allem aber hatte er die dringende Notwendigkeit einer Kirchenreform erkannt. Und eben diesen Kardinal berief Papst Paul III. an die Spitze einer sechsköpfigen Kardinalskommission – die älteste Kongregation der päpstlichen Kurie, das spätere heilige Offizium, aus der die heutige Glaubenskongregation hervorging. Carafa widmete sich unnachgiebig dem Kampf gegen den Protestantismus und scheute sich auch nicht, kryptolutherische Tendenzen bei seinen Amtsbrüdern zu untersuchen. Nach seiner Wahl zum Papst bekämpfte er als Paul IV. den Handel mit kirchlichen Ämtern, erlegte den Bischöfen die Pflicht auf, in ihrer Diözese zu residieren, stellte die monastische Disziplin wieder her und darf durchaus als Erneuerer der Kirche gelten. Darüber blieb aber die Bekämpfung der Irrlehren ein Hauptthema dieses Papstes. Selbst über die theoretische Möglichkeit eines häretischen Papstes sinnierte Paul IV. und verschärfte abermals die päpstliche Bücherzensur durch die Einführung des „Index Librorum Prohibitorum“ – ein Verzeichnis verbotener Bücher. Penibel wurden Schriften daraufhin durchforscht, ob darin nicht häretisches Gedankengut enthalten sein könnte. Im Laufe der Jahrzehnte entstand so eine Liste mit Tausenden von als gefährlich eingestuften Autoren – Luther selbstverständlich, Kant, Voltaire und Marx, aber auch Werke von Heine, Dumas und Simone de Beauvoir.

Anders als etwa bei der spanischen Inquisition – die als staatliche Behörde ganz unter der Kontrolle des Königshauses stand und neben der Häresie auch Homosexualität und Bigamie als Majestätsverbrechen verfolgte und ihre Ketzerverbrennungen als pompöses Schauspiel inszenierte – war das Ziel der römischen Inquisition nur in den seltensten Fällen die physische Vernichtung der Angeklagten. Dies zeigt sich auch und vor allem an ihren Opferzahlen. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts wurden nach aktuellem Forschungsstand weniger als 50 Todesurteile vollstreckt. Sicherlich keine kleine Zahl, aber eine deutlich geringere als im Vergleich zur damals gängigen Rechtsprechungspraxis. Auch im Vergleich mit den zeitüblichen Haftbedingungen bedeuteten die Gefängnisse der Inquisition einen wesentlichen Schritt in Richtung eines modernen, humanen Strafvollzugs. Der Missetäter hatte Anspruch auf ein Bett und einen Tisch, auf eine Waschgelegenheit nebst Handtüchern, regelmäßig frische Bettwäsche sowie auf eine Verpflegung mit Brot, Fleisch, Wein, Gemüse und Obst. In den meisten Fällen beschränkte sich das verhängte Strafmaß auf verordnete Kirchenbesuche und Pilgerfahrten oder das Tragen von Ketzerkreuzen als Schandmal. Lautete ein Urteil auf „lebenslänglich“, so wurde der Verurteilte nach drei Jahren entlassen – sofern er sich reuig zeigte. War gar nur die „formale Kerkerhaft“ verhängt, so lebten die Gefangenen zumeist frei und unbehelligt in einer vormodernen Form des „offenen Vollzugs“. Galileo Galilei etwa verbrachte seine Haft in den luxuriösen Gemächern eines hohen Inquisitionsbeamten, die dieser ihm überlassen hatte und verfügte über sogar über einen eigenen Dienstboten, der ihm Speisen aus der Küche der florentinischen Gesandtschaft vorsetzte.

Die römische Kirche hat – anders als andere Kirchen oder Weltreligionen – mit der von Paul III. geschaffenen Organisation eine Institution, die in beeindruckender Weise zu erklären vermag, was katholisch ist und was nicht. Eine Tatsache, die in Zeiten, in denen etwa die Grenzen zwischen Islam und Islamismus verschwimmen, nicht hoch genug anzusetzen ist. Andererseits beförderte die von Paul IV. verschärfte Bücher-Zensur das bis heute gängige Narrativ von der inquisitorischen Finstermännerei und bewirkte das Gegenteil des Erwünschten. Exemplarisch zeigt sich dies am Fall Galilei. Weder wurde ihm mit der Folter gedroht, noch hatte er in düsteren Kerkern zu schmachten. Doch wurde Galileo im 19. Jahrhundert medial zu einem Helden der Moderne stilisiert: Hier das lichte Ideal der Freiheit des Denkens und des menschlichen Fortschritts – dort das mittelalterlich-dumpfe Feindbild einer sich apologetisch an ihr überholtes Weltbild klammernden Kirche.

Was ist Fake, was ist Fakt? Und wer entscheidet darüber? Obzwar sich Geschichte nicht unmittelbar wiederholt, begegnen manche Fragestellungen dem Menschen durch die Jahrhunderte in ähnlicher Form immer wieder. Vor dem Hintergrund der zweiten großen medialen Revolution nach der Erfindung des Buchdrucks, dem Internet, ist es daher kaum verwunderlich, dass Diskussionen über Wahrheit und Irrtum wieder virulent geworden sind. Auch nicht, dass erneut das Gespenst der Zensur umgeht. Angesichts des – trotz ernstzunehmender, verfassungsrechtlicher Bedenken – jüngst im Bundestag beschlossenen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes kann man zumindest eines konstatieren: Die Kirche hat aus ihrer Geschichte gelernt und den Index der verbotenen Bücher 1966 abgeschafft und inzwischen auch die geheimen Archive der Inquisition für die Wissenschaft geöffnet. Denn was könnte mehr reizen als Bücher, die wir nicht lesen, Filme, die wir nicht sehen und Gedanken, die wir nicht denken dürfen?

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