Benedikt XVI. und das Konzil

Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, 1996 vor dem Petersdom im Vatikan.

Modernist oder beinharter „Konservativer”?

Sichtbar geworden ist:

Die Fruchtlosigkeit einer Entgegensetzung.

Von Armin Schwibach

Am 11. Oktober 2012 hat das Jahr des Glaubens mit einer feierlichen heiligen Messe auf dem Petersplatz begonnen. Papst Benedikt XVI. hat dieses besondere Jahr zur Vertiefung und Gründung des Glaubens in den Rahmen des fünfzigsten Jahrestages des II. Vatikanischen Konzils gestellt. Auf das Datum des 11. Oktobers 2012 fiel auch das zwanzigjährige Jubiläum der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche. Dabei handelt es sich um einen Text, den Papst Johannes Paul II. mit dem Ziel promulgierte, allen Gläubigen die Kraft und die Schönheit des Glaubens vor Augen zu führen. Zu jenem Anlass hatte der Papst erklärt: „Als vollständige und umfassende Darstellung der katholischen Wahrheit, der ‚doctrina tam de fide quam de moribus’, die immer und für alle gültig ist, ermöglicht es der Katechismus durch seine wesentlichen und grundlegenden Inhalte, all das, was die Kirche glaubt, feiert, lebt und betet, auf positive und sachliche Art und Weise zu erkennen und zu vertiefen. Durch die unverfälschte und systematische Darlegung der katholischen Lehre führt der Katechismus, trotz seines zusammenfassenden Charakters (‚non omnia sed totum’), jeden der Inhalte der Katechese zu seinem vitalen Mittelpunkt zurück, nämlich zu Christus, dem Herrn.

Der breite Raum, der darin der Bibel, der westlichen und östlichen Kirchentradition, den heiligen Vätern, dem Lehramt und der Hagiographie gegeben wird; die gesicherte Zentralität des reichen Gehalts des christlichen Glaubens; die enge Verbindung der vier Teile, aus denen das Textgerüst besteht und die das enge Verhältnis zwischen ‚lex credendi, lex celebrandi, lex agendi, lex operandi’ herausstellen: Das sind nur einige der Vorzüge dieses Werks, das uns aufs neue ermöglicht, über die Schönheit und den Reichtum der Botschaft Christi zu staunen“. Der Katechismus ist eine authentische Frucht des Konzils, eine sichtbare Frucht, die weit über die Beschwörung eines Konzilsgeistes hinausgeht, erstellt unter der direkten Verantwortung des damaligen Präfekten des Kongregation für die Glaubenslehre sowie einstigen Beraters von Kardinal Frings und späteren „peritus“ während der größten Versammlung der Kirchengeschichte: Joseph Ratzinger.

Jenseits aller negativen oder auch triumphalistisch angelegten Konzilsrhetorik bildet für Benedikt XVI. das II. Vatikanische Konzil mit den Worten seines Vorgängers einen „sicheren Kompass“ (vgl. Novo millennio ineunte, 57), der es dem Schiff der Kirche erlaubt, auf offener See inmitten von Stürmen oder ruhigen und sanften Wellen voranzukommen, um sicher ans Ziel zu gelangen. „Das Konzil“ – es kondensiert sich in den von ihm produzierten Dokumenten. Daher fordert das Papst dazu auf, zum Buchstaben dieser Dokumente zurückzukommen. Diese Dokumente müssen für Benedikt XVI. von der Menge von Publikationen befreit werden, die sie häufig eher verdeckt haben als sie bekannt zu machen (vgl. Katechese zur Generalaudienz vom 10. Oktober 2012).

Benedikt XVI. spricht nicht nur als Papst, sondern in Erinnerung an jenen jungen und begeisterten Theologen, der an jenem „glanzvollen Tag“ im Oktober 1962 beim feierlichen Einzug von weit über 2000 Konzilsvätern dabei war und in einem eigenen Beitrag für den Sonderband der vatikanischen Zeitung „L’Osservatore Romano“ zum Konzilsjubiläum schreibt: „Dies war ein Augenblick einer außerordentlichen Erwartung. Großes musste geschehen“. War es bei früheren Konzilien um bestimmte Probleme der Lehre oder Disziplin gegangen, so hatte Johannes XXIII. „sein“ Konzil aus anderen Gründen einberufen. Weder musste sich die Kirche mit besonderen Glaubensirrtümern beschäftigen, die es zu korrigieren oder zu verurteilen galt, noch waren bestimmte Lehr- oder Disziplinarfragen zu klären, wie Benedikt am 10. Oktober 2012 erläuterte: der Glaube sollte auf eine „erneuerte“, nachdrücklichere Weise sprechen, wobei jedoch seine immerwährenden Inhalte ohne Zugeständnisse oder Kompromisse beibehalten werden sollten. Dieses vertiefte Nachdenken über den Glauben „sollte auf neue Weise die Beziehung zwischen der Kirche und der Neuzeit, zwischen dem Christentum und gewissen wesentlichen Elementen des modernen Denkens umreißen, nicht, um sich diesen anzupassen, sondern um dieser unserer Welt, die dazu neigt, sich von Gott zu entfernen, den Anspruch des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Klarheit zu zeigen“.

„Aggiornamento“ war das dieses Bewusstsein zusammenfassende Wort, das „Wieder-auf –den-Tag-bringen“. Dem von Johannes XXIII. geprägten Begriff entspricht für Benedikt XVI. das Bewusstsein, dass das Christentum „nicht als ‚etwas der Vergangenheit Zugehöriges’ gesehen werden darf; ebenso wenig darf es mit einem fortwährend ‚rückwärtsgewandten’ Blick gelebt werden, denn: Jesus ist heute, morgen, in Ewigkeit“ (12. Oktober 2012). Wie Benedikt XVI. bereits in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurien im Jahr 2005 erklärt hatte, bedeutet die Rede vom „aggiornamento“ in dieser Hinsicht keinen Bruch mit der Tradition. Vielmehr bringt es die beständige Vitalität der Tradition zum Ausdruck. „Aggiornamento“ bedeutet für den Papst nicht, den Glauben zurückzuschneiden und ihn auf die Moden der Zeit herunterzudeklinieren, „auf das Maß dessen, was uns gefällt, was der öffentlichen Meinung gefällt“. Im Gegenteil: wie dies die Konzilsväter getan hätten, „müssen wir das Heute, in dem wir leben, zum Maß des christlichen Ereignisses bringen, wir müssen das Heute unserer Zeit in das Heute Gottes bringen“ (12. Oktober 2012).

Für Benedikt XVI. ist klar: die Bezugnahme auf die Dokumente des Konzils „schützt vor den Extremen anachronistischer Nostalgien einerseits und eines Vorauseilens andererseits und erlaubt, die Neuheit in der Kontinuität zu erfassen. Was den Gegenstand des Glaubens betrifft, hat sich das Konzil nichts Neues ausgedacht, noch hat es Altes ersetzen wollen. Es hat sich vielmehr darum bemüht dafür zu sorgen, dass derselbe Glaube im Heute weiter gelebt werde, dass er in einer sich verändernden Welt weiterhin ein gelebter Glaube sei. Wir müssen in der Tat dem Heute der Kirche treu sein, nicht dem Gestern oder dem Morgen. Und dieses Heute finden wir gerade in den Konzilsdokumenten, weil sie immer so aktuell sind, wie der Diener Gottes Paul VI. und die Konzilsväter sie verkündet haben, in ihrer Vollständigkeit und in ihrem Zusammenhang, ohne Abstriche und ohne Hinzufügungen“ (Predigt am 11. Oktober 2012).

Und doch: war dies wirklich so? Ist Benedikt XVI. derselbe wie der junge Theologe Joseph Ratzinger, der voll Begeisterung für die Ausarbeitung wesentlicher Texte des Konzils mitverantwortlich gezeichnet hatte? Immer wieder wurde der Theologe und Kardinal Ratzinger in der Vergangenheit mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe zunächst radikal-progressistische Positionen vertreten, die er dann im Lauf der Zeit zurückgenommen habe. Vor allem hatte sich gleich zu Beginn des Konzils besonders bei den Teilnehmern aus Nordeuropa Missbehagen darüber breit gemacht, so Kardinal Ratzinger, dass die biblische und patristische Erneuerungsbewegung der Jahrzehnte vor dem Konzil keinen hinreichenden Eingang in die von der Römischen Kurie vorbereiteten Schemata gefunden hatte. Es wurde eine zu große Präsenz scholastischer Theologe und zuwenig pastorales Denken beklagt. Besonders aber gehörte Joseph Ratzinger auch zu jenen, die von der Notwendigkeit einer Reform der Liturgie überzeugt waren, eine Überzeugung, die von vielen geteilt wurde.

Der Text über die heilige Liturgie – der erste des II. Vatikanums – schien der am wenigsten umstrittene zu sein, wie Benedikt XVI, am 26. September 2012 in seiner Katechese zur Generalaudienz erklärte. Indem es mit dem Thema „Liturgie“ begonnen hat, „hat das Konzil den Primat Gottes, seine absolute Priorität ganz deutlich herausgestellt. Gott vor allem: Genau das sagt uns die Entscheidung des Konzils, von der Liturgie auszugehen. Wo der Blick auf Gott nicht entscheidend ist, verliert alles andere seine Ausrichtung. Das grundlegende Kriterium für die Liturgie ist ihre Ausrichtung auf Gott, um so an seinem Werk teilnehmen zu können. Wir können uns jedoch fragen: Was ist dieses Werk Gottes, an dem teilzunehmen wir aufgerufen sind? Die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie gibt uns scheinbar eine zweifache Antwort. Denn unter der Nummer 5 sagt sie uns, dass das Werk Gottes sein Wirken in der Geschichte ist, das uns das Heil bringt und das seinen Höhepunkt im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat; unter Nummer 7 dagegen bezeichnet dieselbe Konstitution die liturgische Feier als das ‚Werk Christi’. In Wirklichkeit sind beide Bedeutungen untrennbar miteinander verknüpft“.

Um zu diesem Ziel zu gelangen, wollte Ratzinger zu Beginn des Konzils im Sinn der liturgischen Erneuerung, die bereits unter Pius XII. begonnen hatte, dass Liturgie „wieder“ der Gottesdienst alles Gläubigen werde, bereinigt von allem Überflüssigen und jenseits des „beengten lateinischen Horizonts“: die „Mauer der Latinität“ sollte aufgebrochen werden. Doch bald erkannte er, dass andere weit über sein Grundanliegen hinausgingen, so dass er sich bereits vor dem Ende des Konzils immer weiter von den Fortschrittstendenzen im Sinn eines herannahenden Konzilsgeistes absetzte. Immer aufgeregter sei der Gemütszustand in der Kirche und bei den Theologen geworden, je weiter das Konzil fortgeschritten sei. Ratzinger konnte die Ansicht nicht teilen, dass es in der Kirche nichts Festes gibt und alles einer revolutionären Revision unterzogen werden muss. Dies führte bei Ratzinger dann zur Feststellung: nicht ich habe mich verändert, sondern die anderen.

Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. haben daher nie „das Konzil“ verleugnet oder den Versuch unternommen, die Zeit zurückzudrehen. Weder die Liberalisierung der „Alten Messe“ noch der Aufruf zu einer „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ sind Teil eines Revisionismus, sondern Ausdruck der einen Wahrheit: wesentlich sind nicht nachkonziliare Winde, die das Schiff der Kirche vor sich hertrieben und hertreiben, die Winde eines ungelesenen, aber gern beschworenen „Konzils“. Wesentlich ist die Verankerung allen Handelns in den Texten des Konzils. 50 Jahre später erklärt der Papst hinsichtlich der dogmatischen Konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute zur Frage, ob die Kirche in ein positives Verhältnis zur „modernen Welt treten konnte: „Hinter dem verschwommenen Begriff ‚Welt von heute’ steht die Frage des Verhältnisses zur Neuzeit. Um sie zu klären, wäre nötig gewesen, das Wesentliche und Konstitutive für die Neuzeit genauer zu definieren“. Einen großen Teil seines Lehramtes hat Benedikt XVI. daher wie bereits sein Vorgänger genau dieser Problematik gewidmet.

Weder Joseph Ratzinger noch Benedikt XVI. lassen sich in Schablonen wie „rechts“ – „links“, „konservativ“ oder „progressiv“ zwängen. Von Anfang an stand im Mittelpunkt, das Volk Gottes zu seinem Herrn zu bringen, das müde Christentum zu erneuern, es in seine Geschichte zurückzuführen und aus dieser Geschichte heraus das Frische des Neuen sprudeln zu lassen. Dass dabei auch spekulative Sackgassen eingeschlagen werden können, gehört zur Natur der Sache einer wissenschaftlichen theologischen Reflexion. Was zählt, ist jedoch am Schluss die Erkenntnis des großen Zusammenhangs. Eines ist klar: Benedikt XVI., seine Theologie und Lehre können nicht über Polarisierungen hinweg verstanden werden. Eine Entgegenstellung vor polemischem Hintergrund des 35jährigen Theologen, der das Aufregende seiner Zeit wahrgenommen hatte, und des 85jährigen Papstes, der mit den auch dramatischen Folgen des Konzilsereignisses insgesamt konfrontiert ist, ist eine Verzerrung. Sie zeichnet sich dadurch aus, der Größe eines Denkens und eine Lebens nicht gerecht werden zu können – oder zu wollen. Dies gilt für jene, die dem heutigen Papst vorwerfen, er habe sich selbst und seine anfänglichen Positionen verleugnet. Es gilt ebenso für die anderen, die einen Joseph Ratzinger laut einem jüngst veröffentlichten Brief von Karl Rahner an seinen Bruder Hugo bereits während des Konzils gern „als Häretiker“ abgekanzelt hatten, „der die Hölle leugnet“.

Dass gerade die von Benedikt XVI. eingeforderte Hermeneutik der Reform in Kontinuität mit der Tradition sowohl „rechts“ als auch „links“ ein Hindernis für das wahre Verständnis des Konzils erscheint, gehört zu diesem Problemfeld dazu. Sowohl der rechte als auch der linke Rand stellt gegen die vom Papst vorgegebenen Leitlinien eine Diskontinuität fest: des revolutionären nach Vorwärts gerichteten „Aufbruchs im Konzilsgeist“ auf der einen, des radikalen „Bruchs“ mit der Vergangenheit auf der anderen. Beide Extreme treffen sich so. Theologie und Lehramt Benedikts XVI. stehen jenseits dieser Vereinfachungen und bilden so einen festen Boden wahrer Erneuerung der Lebens der Kirche.

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