Kampf um die Deutungshoheit

Muslime beim Freitagsgebet in der Zentralmoschee in Köln. Foto: dpa

Wie Vertreter des Islam und ihre Sympathisanten versuchen, Begriffe zu besetzen und damit die Stimmung zu erzeugen, allein Muslime seien Opfer von Diskriminierung. Von Klemens Ludwig

Es vergeht kaum eine Islamdebatte, die nicht von einem Wort dominiert wird, „Islamophobie!“. Vertreter von Muslim-Verbänden benutzen es geradezu inflationär, aber auch unter Nicht-Muslimen ist es ein gängiger Begriff geworden, sogar unter Opfern radikal-islamischer Gewalt. Stéphane Charbonnier, Chefredakteur der Zeitschrift Charlie Hebdo, hatte kurz vor seiner Ermordung am 7. Januar 2015 die „Islamophobie“ angeprangert.

Eine Phobie ist bekanntlich eine irrationale Angststörung ohne eine „adäquate äußere Bedrohung“. Damit ist der Islam-Lobby ein bedeutender semantischer Erfolg gelungen: Kritik am Islam ist eine Art Psychose ohne Grundlage. Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Jede Kritik am Islam soll pathologisiert werden. Dabei kann sich fundierte Islamkritik jedem Faktencheck stellen, um einen anderen populären Begriff ins Spiel zu bringen: Dass zum Beispiel in nur einem der 57 mehrheitlich islamischen Staaten die Weltreligionen rechtlich gleichgestellt sind; dass vor allem in der arabisch-islamischen Welt ein ausgeprägter Antisemitismus herrscht, der durch die Migration auch in Europa einen erheblichen Aufschwung genommen hat; dass Glaubenswechsel hart bestraft und gleichzeitig aktive Missionierung betrieben wird; dass es in keiner Kultur eine so stark ausgeprägte Homophobie gibt, die Homosexuelle brutal kriminalisiert bis hin zur Todesstrafe; dass Mann und Frau schon an der Basis des Glaubens, dem Koran, nicht gleichgestellt sind, was sich in der Gesetzgebung vieler mehrheitlich islamischer Staaten niederschlägt… Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, aber hier geht es in erster Linie um die semantische Propaganda, ihre Erfolge und Motive.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Andere Religionen haben offenbar keine pathologischen Kritiker. Das Wort „Christophobie“ gibt es nicht, ebenso wenig wie „Buddhophobie“. Dabei hätten die orientalischen Christen bei den Lebensbedingungen der Muslime in Europa das Gefühl, das Himmelreich auf Erden sei angebrochen; und das nicht erst seit dem Wüten des IS. Auch offizielle Vertreter der Staaten mit islamischer Mehrheit schüren die Christophobie, ohne dass die organisierten Christen in Europa daran Anstoß nehmen. Zur Frage, ob christliche Missionare auf den Trümmern der zerstörten Kirchen und ermordeten Christen in der Türkei neue Gemeinden aufbauen dürfen, schrieb das Amt für religiöse Angelegenheiten der Erdogan-Regierung. „Die Missionare wollen unseren jungen Leuten den Glauben stehlen.“ Christophob? Der Vorwurf wurde noch nie gegenüber Erdogan und seiner AKP-Partei erhoben. Und was in diesem Fall beinah schon wie Real-Satire klingt: Das gleiche Amt schickt Jahr für Jahr 700 Imame nach Deutschland, die in den Moscheen der Ditib dafür sorgen, dass Erdogans Linie auch für die deutschen Muslime türkischer Herkunft der Maßstab ist. Der Erfolg hat sich beim türkischen Verfassungsreferendum gezeigt.

Auch wenn in Pakistan, Ägypten, Algerien oder dem Irak Christen aus dem einzigen Grund ermordet, entführt oder vertrieben werden, weil sie Christen sind, sieht niemand Christophobie am Werk.

Ähnliches gilt für das buddhistisch-islamische Verhältnis. Im Süden Thailands werden buddhistische Mönche immer wieder Opfer fanatisch-islamischer Patani, die sich von der Zentralregierung loslösen wollen. Auch als die Taliban die 1 500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan gesprengt haben, weil sie darin nur „ein paar Gesteinsbrocken“ sahen und ein Appell der UNESCO an die islamische Welt, die Barbarei zu verhindern, ungehört verhallte, empörte sich niemand über buddhophobe Tendenzen im Islam.

Ein anderer Begriff, mit dem jede Islamkritik im Keim erstickt werden soll, lautet „antiislamischer Rassismus“, der es inzwischen sogar auf einen Buchdeckel geschafft hat. Gäbe es so etwas, müsste der Islam den Anspruch haben, eine bestimmte ethnische Gruppe („Rasse“) zu repräsentieren, die sich von anderen abgrenzt. Genau das aber widerspricht seinem Wesen fundamental, will er doch alle Menschen erreichen. Und selbst wenn man es nicht nur biologisch sieht, so ist Rassismus ein Phänomen, Menschen „tendenziell in unüberschreitbare Klassen einzuteilen und sie dann zu hierarchisieren“ (Prof. Pierre-André Taguieff). Überzeugender kann „antiislamischer Rassismus“ nicht widerlegt werden, denn die religiöse Zugehörigkeit ist nicht „unüberschreitbar“.

Aber es geht nicht um einen offenen Diskurs, sondern um Stimmungsmache. Wenn Islamkritiker unter den Generalverdacht des Rassismus gestellt werden, sind sie moralisch erledigt.

Lässt sich die eine oder andere Schattenseite im Islam dennoch nicht völlig wegdiskutieren, hat sich eine Unterscheidung eingebürgert, die einzuhalten zwingend geboten ist, um nicht gleich als „antiislamischer Rassist“ entlarvt zu werden: Der Unterschied zwischen „islamisch“ und islamistisch“.

Allgemein gilt, „islamisch“ ist die korrekte Auslegung des Korans; „islamistisch“ die Variante von Fanatikern, die den Koran „pervertieren“, wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken meint.

Nun mag es durchaus sinnvoll sein, einen Sufi-Mystiker von einem IS-Kämpfer abzugrenzen, doch einen solchen Unterschied gibt es wiederum nur für den Islam. In Indien werden die Fanatiker um die RSS (Nationale Freiwilligenorganisation), die alle Nicht-Hindus am liebsten aus dem Subkontinent vertreiben möchten und auch den Mörder Gandhis beeinflusst haben, ebenso „hinduistisch“ genannt, wie ein Guru in einem Ashram von Rishikesh, der täglich mehrere Stunden für den Weltfrieden meditiert, streng vegan lebt und einen Mundschutz trägt, um nur nicht versehentlich ein Insekt zu verschlucken. Warum werden die Militanten nicht zu Hindudisten? Oder die Minderheit der Buddhisten in Myanmar, die gegen die Muslime im Lande hetzt, nicht zu Buddhidisten?

Noch etwas fällt an dieser Debatte auf: Wenn es um den Islam geht, wird eine Differenzierung verlangt, die am Ende kaum noch Raum für Kritik lässt. Dabei stehen viele Christen in der ersten Reihe. Dieser Tage schrieb der junge Theologe Lukas Wiesenhütter aus Paderborn in einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung: „Der Islamwissenschaftler Omid Safi hat einen genialen Satz geschrieben: ,Der Islam steht morgens nicht auf, der Islam putzt sich nicht die Zähne.‘“ Welch ein Unsinn! Auch der Katholizismus und die Gewerkschaftsbewegung stehen morgens nicht auf. Und weder der Kolonialismus noch der Kommunismus haben sich morgens die Zähne geputzt. Dennoch dürfen sie kritisiert werden.

Noch weiter ging der Präsident der Jesuiten-Hochschule für Philosophie in München, Prof. Michael Bordt SJ, in einem Radio-Interview: „Es ist unverantwortlich, arabische Terroristen als Islamisten zu bezeichnen, weil damit der Islam, eine im Kern friedliche Religion, unter Generalverdacht gestellt wird.“ Wer so etwas behauptet, kann sich niemals vorurteilsfrei mit der Geschichte des Islam auseinandergesetzt haben. Neben all den Kriegszügen sei nur auf Mohammed selbst verwiesen, der aktiv an den Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in Medina teilgenommen hat, bis hin zum Massaker an dem jüdischen Clan der Banu Quraiza, der sich seinem Anspruch widersetzt hat.

Pikanterweise pauschalieren häufig die gleichen Meinungsmacher, die jede Kritik am Islam als „Pauschalierung“ abtun, hemmungslos, wenn es um „unsere“ Verantwortung geht. Ein Sprachrohr für diese Haltung ist der ehemalige Politiker und Medienmanager Jürgen Todenhöfer: „Wie soll die muslimische Welt an unsere Werte Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat glauben, wenn sie von uns nur Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung erlebt?“ Er schreibt wirklich „nur“. Dem wird die islamische Welt ebenso pauschal als Hort des Guten gegenübergestellt: „Anders als bei uns gibt es in der muslimischen Welt das Phänomen Fremdenfeindlichkeit überhaupt nicht. […] In Sachen Nächstenliebe, Familiensinn und Gastfreundschaft können wir viel von den Muslimen lernen.“ Ähnlich äußerte sich kürzlich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Ein prominenter Besucher aus Europa mag in der islamischen Welt solche Erfahrungen machen; zahllose Arbeitsmigranten aus Nepal, Sri Lanka, Indonesien oder den Philippinen machen in den arabischen Staaten ganz andere Erfahrungen. Fälle von täglicher Diskriminierung bis hin zu schwersten Misshandlungen sind gut dokumentiert. Die Behandlung der afrikanischen Glaubenbrüder und -schwestern, die auf dem Weg nach Europa in Libyen stranden, wird inzwischen offen als „Sklaverei“ angeprangert. Keine Fremdenfeindlichkeit? Nächstenliebe und Gastfreundschaft?

Auf andere Begriffe der semantischen Ideologisierung sei noch am Rande hingewiesen, so „Feindbild Islam“, eine weitere seit langem benutzte Vokabel, um jedwede Kritik im Keim abzuwürgen. Oder – besonders delikat – „selbsternannte Islamkritiker“. Wer, bitte, soll denn Kritiker ernennen? Etwa die Kritisierten selbst? Dies böte völlig neue Perspektiven im Kulturbetrieb, wenn Buchrezensionen und Theaterkritiken nicht mehr von den „selbsternannten Kritikern“ des Feuilletons verfasst werden, sondern nur noch von Personen, die Verlage und Schauspielhäuser dazu autorisieren. Auch Politiker würden sich viel Ärger ersparen, wenn sie sich nur noch der Kritik von Personen stellen müssten, die sie selbst dazu ernannt haben.

Es geht bei dieser Auseinandersetzung indes nicht um sprachliche Sensibilisierung. Es geht um Deutungshoheit. Den Vertretern des Islam und ihren Sympathisanten ist es gelungen, Begriffe zu besetzen und damit die Stimmung zu erzeugen, allein Muslime seien Opfer von Diskriminierung. Da jedoch die Situation aller nicht-islamischen Gemeinschaften in der islamischen Welt – diese Pauschalierung hält jedem Faktencheck stand – weitaus beklagenswerter ist als die der Muslime außerhalb ihres Herrschaftsbereichs, ist es eine sehr bequeme Opferrolle, mit der sich trefflich Politik machen lässt. Das demonstrieren die Islamverbände immer wieder aufs Neue. Die Alternative ist entschiedenes Eintreten für die Universalität von Religionsfreiheit, Toleranz und differenzierter Kritik, ohne die Angst, dafür moralisch verurteilt zu werden. Dann hätte vielleicht auch die zweitausendjährige Tradition der Christen im Orient eine Zukunft.

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