Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt zum Hohen Pfingstfest 2013 im Hohen Dom zu Köln am 19. Mai 2013

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Der Heilige Geist ist der Lebensatem Gottes, der den Sohn Gottes mit seinem
himmlischen Vater verbindet. Man empfängt ihn als Christ, indem man in die
Atemnähe des Sohnes herantritt, wenn man sich gleichsam von Jesus Christus
beatmen lässt. Je näher am Herrn, desto näher an der Quelle des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist wohnt im Worte Christi. Nicht im Weggehen vom Wort begegne
ich dem Geist, sondern im Zugehen auf sein Wort. Das Wort Christi ist die Stätte
des Heiligen Geistes. Jesus ist die Gegenwart des Geistes Gottes. Je näher wir an
ihn herantreten, desto realer treten wir in den Geist, und je realer tritt der Geist in
uns ein. Der Geist Gottes wird nicht ansichtig im Weggehen vom Sohne Gottes, von
Christus, sondern im Herantreten an den Sohn. In der Atemnähe Jesu empfange
ich den Heiligen Geist. Die Kirche Christi ist gleichsam die Atemnähe des Herrn in
unserer Welt. Heute ist das besonders spürbar in der Feier des Pfingstfestes, das
auch Fest des Heiligen Geistes genannt wird.

1. Der Heilige Geist offenbart sich am Pfingsttag im Sturm, der über den
Aposteln spürbar wird. Das ganze Haus in Jerusalem wurde vom Sturm des Heiligen
Geistes am Pfingsttag erfüllt. Sturm ist intensiver Atem. Sturm ist vor allen
Dingen ein Ausdruck für Macht, in der alten Welt immer für die Macht Gottes, der
die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Der
Sturm ist aber auch Ausdruck für das Element Luft, das diese Erde von allen anderen
Gestirnen unterscheidet und sie damit ausdrücklich zum Stern des Lebens
werden lässt. Nur wo Luft ist, haben Lungen einen Sinn. Und wo Luft ist, kann geatmet
werden. Und nur dort, wo geatmet werden kann, ist Leben möglich. Was
dieses geheimnisvolle Element der Luft für das biologische Leben bedeutet, das ist
der Heilige Geist für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann das Menschsein
in seiner Würde bestehen, kann Humanität gedeihen, kann menschlicher Geist
sich wirklich entfalten und selbst kreativ werden.
Heute muss leider viel von Umweltverschmutzung und Umweltvergiftung
gesprochen werden. Es gibt aber auch eine geistige Umweltvergiftung, in der die
Herzen der Menschen nicht mehr atmen können. Kinder, Jugendliche und Erwachsene
leben heute auch unter den Einflusssphären des unheiligen Geistes, etwa was
alles in Internet, in Funk und Fernsehen, in Film und Theater, in Schule und Freizeit
auf Menschen heute einwirken kann. Das ist ja nicht immer alles gut und hilfreich.
Wenn der gesellschaftliche Konsens heute in Westeuropa davon ausgeht,
dass die Naturwissenschaft Gott im Labor nicht nachgewiesen hat und es ihn darum
nicht gibt, dann werden Räume für die Götter und Götzen frei, die mit ihrem
unseligen Geist die Herzen der Menschen umnebeln. Unsere Berufung als Jünger
Jesu besteht darin, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu mühen und in der
Gemeinschaft der Glaubenden, in Familie, Gemeinde und wo auch immer, heilige
Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen.

2. Der Heilige Geist ist der Geist der Furchtlosigkeit. Der Heilige Geist überwindet
immer die Furcht der Menschen. Die Jünger hatten sich in Jerusalem hinter
verschlossenen Türen vor den Juden versteckt, weil sie ihren Herrn gekreuzigt
hatten und sie selbst verhaftet und hingerichtet werden konnten. Jetzt aber verkünden
sie furchtlos die Frohe Botschaft vom Gekreuzigten und von seiner Auferstehung,
weil sie sich nun in den Händen des Stärkeren wissen. Der Heilige Geist
überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte
Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe ist und als
die Liebe Gottes Ausdruck seiner göttlichen Allmacht darstellt. Deswegen ist
Furchtlosigkeit immer das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der
allmächtigen Liebe Gottes stellt. Darum kann auch der Glaube, wo er gesund ist,
sich furchtlos und tapfer den Mächten und Gewalten dieser Welt entgegenstellen,
weil er sich von dem geführt und gehütet weiß, der als der Stärkere den Starken
überwunden hat. Es ist nicht so, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig
beiseite gewischt hat, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit
aufstünde. Ganz im Gegenteil! Wo das geschieht, da muss der Mensch wieder
das Fürchten und Gruseln lernen. In einer solchen Umwelt lernt man das Heulen
und Zähneknirschen, wie die Heilige Schrift die Gottferne umschreibt. Wo der
Geist Gottes aber weht, dort ist die Liebe Gottes. Und „Furcht gibt es in der Liebe
nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,18), schreibt
Johannes in seinem ersten Brief. Die Geschichte der Heiligen ist eine Geschichte
des Heiligen Geistes und damit auch eine Darstellung christlicher Furchtlosigkeit
in allen Jahrhunderten, unter allen möglichen und unmöglichen Situation. Das ist
der Sieg, der die Welt überwindet: unser Osterglaube. Er verleiht uns Mut und
Furchtlosigkeit. Gott lebt, Christus ist auferstanden! Vor wem sollten wir uns dann
noch fürchten? Das ist die Botschaft des Heiligen Geistes am Pfingstfest.

3. Der Heilige Geist stellt sich uns in brennenden Feuerzungen über den
Aposteln in Jerusalem dar. Christus ist eigentlich der wahre Prometheus, der das
Feuer vom Himmel geholt hat. Dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der
Titan, der Gott beiseiteschiebt, sondern der Sohn des lebendigen Gottes selbst
hervor, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft
verbrennt. So wird das Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer
neuen Welt. Christentum ist wie Feuer. Es gibt ein außerbiblisches Herrenwort,
das heißt: „Wer mir nahe ist, ist nahe dem Feuer“. Das Christentum ist keine langweilige,
farblose oder laue Angelegenheit. Das Evangelium ist kein frommer Wortschwall,
mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen könnten, um immer noch dabei
zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die sich
zur Leidenschaft Jesu Christi stellt und von ihr her die Welt erneuert. Darum sagt
der Apostel Paulus ausdrücklich: „Lasst euch vom Geist entflammen!“ (Röm
12,11), oder „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Die großen Feuerpropheten
des Alten Bundes sind schon pfingstliche Gestalten vor dem eigentlichen
Pfingsten. Ein geistlicher Mensch ist immer ein feuriger Mensch. In seiner Umgebung
können die Funken sprühen, und die Funken können überspringen. Feuer
steckt an.

Am Pfingstfest hat keiner das Recht, kein Optimist zu sein. Heute hat niemand
das Recht, mit seiner Freude zurückzuhalten. Wem könnten wir denn glauben
machen, dass Gott sich uns geschenkt hat, dass wir Gott in unseren Herzen, in
unseren Händen und auf unseren Lippen tragen, wenn wir darüber nicht begeistert
wären? Gott ist so nahe zu uns gekommen, wie sollte er da nicht unsere leidenschaftliche
Liebe erweckt haben? Dieser Gott wird schlecht verkündet, wenn er
von uns nicht leidenschaftlich verkündet wird. Uns alle beauftragt Gott heute, ihn
zu verkünden. Uns alle schickt er heute hinaus, wie einst die Apostel aus dem
Abendmahlsaal, wo sie sich eingeschlossen hielten. Und er jagt uns gleichsam vor
die Tür auf die Straße, damit wir unsere Welt erschüttern durch unsere große und
unglaubliche Neuigkeit: Wir sind keine Waisen mehr! Gott ist wirklich zu uns wiedergekommen!
Auch wir werden nun bewohnt, bevölkert und durchdrungen von
seinem Geist der Stärke und der Weisheit, von seinem Geist der Freude und des
Glaubens. Der Glaube sagt uns ausdrücklich: Der Geist Gottes ist die einzige Wirklichkeit,
die zählt. Alles Übrige ist Schatten. Öffnen wir unser Leben dem Schöpfergeist
Gottes, und er wird durch uns das Angesicht der Erde erneuern. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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Quelle

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