Pakistan: Ein weiteres Osterfest hinter Gittern für Asia Bibi

Die Töchter von Asia Bibi

In Pakistan war auch dieses Osterfest ein trauriges für die Christin Asia Bibi, die junge Mutter, die seit nunmehr acht Jahren wegen vorgeblicher Beleidigung des Korans im Todestrakt des Gefängnisses von Multan sitzt. Die Revision des Verfahrens, durch NGO´s und ausländische Regierungen nachdrücklich gefordert, geht schleppend voran, erst kürzlich wurden Richter des Höchsten Gerichts, die sich mit dem Fall befassen sollen, ausgetauscht. Trotz wiederholter Versicherungen der Regierung unter Nawaz Sharif, das umstrittene Blasphemiegesetz umzuschreiben, ist bislang noch kein konkretes Ergebnis greifbar. Im Gegenteil, den Lippenbekenntnissen zum Trotz, werden in den vergangenen Wochen die Betreiber von Websites und Social Media verstärkt dazu aufgefordert, Inhalte mit „blasphemischem Inhalt“ zu löschen. Drakonische Strafen drohen Firmen oder Privatleuten, die derartiges Material verbreiten.

Der Katholik und ehemalige Minister für Nationale Harmonie [insb. unter den Religionen, Anm. d. R.] Paul Bhatti ist seit Jahren im Einsatz für die Rechte der religiösen Minderheiten in Pakistan. Ein gefährliches Unterfangen in einem Land, in dem es wegen angeblicher blasphemischer Verhaltensweisen immer wieder zu außergerichtlichen Exekutionen kommt. Erst vor wenigen Tagen traf es einen jungen Journalistikstudenten, der selbst Muslim war. Es waren Kommilitonen, die Mashal Khan gefoltert und anschließend erschossen hatten, weil er Mohammed beleidigt habe. Paul Bhatti selbst hat seinen Bruder verloren; der ehemalige Minister für religiöse Minderheiten in Pakistan, Shabaz Bhatti, ist 2011 von einem islamistischen Extremisten erschossen worden. Er meint zu den Vorstößen der Regierung:

„Leider gibt es in Pakistan immer noch diese extreme Mentalität aus Verschlossenheit und Verletzung der Menschenrechte. Diese Restriktionen in den Medien, auf Youtube, im Internet, heißen nichts anderes als Pakistan um Jahre zurück zu werfen. Doch die Menschen verstehen das.“ Einige Dinge, so Bhatti weiter, seien schon angepackt worden, doch die Regierung kämpfe mittlerweile selbst mit einer Reihe von Problemen, die ihre eigene Stabilität und Kontinuität beträfen. „Deshalb“, so die Analyse des Politikers und Menschenrechtlers, „passieren einige Dinge, die man nicht verstehen kann. Doch das ist der Instabilität der Macht geschuldet.“

Insbesondere der Fall der Asia Bibi liegt ihm am Herzen, seit Jahren setzt er sich für ihre Freilassung ein. Bis zum endgültigen Urteilsspruch des Pakistanischen Höchsten Gerichts könne man für Asia Bibi allerdings nichts anderes mehr tun als warten – doch der Stiftung, die für die Gerichtskosten der jungen Frau aufkommt, gehen mittlerweile die Gelder aus.

„Leider kann keiner eingreifen“, so Bhatti, „bis der Gerichtshof nicht seine Entscheidung fällt; auch wenn wir davon überzeugt sind, dass die Entscheidung früher oder später positiv ausfallen wird. Es tut uns Leid, dass Asia Bibi immer noch im Gefängnis ist und auch dieses Osterfest leiden musste. Dieser Fall ist kompliziert aus vielen verschiedenen Gründen, er hat nationale und internationale Implikationen. Deshalb ist ihr noch keine Gerechtigkeit widerfahren. Aber wir sind uns sicher, dass sie diese früher oder später erfahren wird.“

Trotz ihres Schicksals blickt Asia Bibi hoffnungsvoll in die Zukunft. Ihr Osterfest hat sie mit ihrem Mann sowie dem Tutor der Familie, Joseph Nadeem, in ihrer Zelle verbracht. Diesem hat sie auch ein Gebet übergeben, das sie um ihre Freilassung geschrieben hat. Ihren ungerechten Anklägern hat sie längst vergeben, auch sie werden in ihre Gebete eingeschlossen. An Papst Franziskus richtete sie einen Appell: Er solle nicht vergessen, für sie zu beten, so ihre Bitte aus der Zelle an den Papst, der immer wieder auf das Schicksal von aufgrund ihres Glaubens verfolgten Christen hinweist. Bhatti:

„Das tut der Papst immer, nicht nur für Asia Bibi sondern für alle Christen und auch für Muslime, die Opfer von Ungerechtigkeiten sind. Denn Papst Franziskus hat des Öfteren gesagt, dass unser Glaube die Würde des Menschen achtet. Wenn ein Mensch leidet, dann zählt für uns nicht, ob er Christ oder Muslim ist. Das was zählt, ist Gerechtigkeit für diesen Mann und seine Freiheit.“ Der Vatikan und der Papst täten, was in ihrer Macht stünde, zeigt sich Bhatti überzeugt: „Er ist immer offen für den Dialog, fördert ihn und unterstützt uns in jeder Hinsicht. Und der Papst unterstützt die Menschen, insbesondere die Christen, die für ihren Glauben verfolgt werden.“

Seine Wünsche an diesem Osterfest gälten Asia Bibi und all jenen, die aus denselben Gründen verfolgt werden, so Bhatti. Egal aus welchem Land sie kämen: die Christen seien eine Familie, die eine Botschaft des Friedens verbreite. „Denn“, so schließt Bhatti seine Überlegungen, „unser Ziel ist es, dass jeder auf der Welt in Frieden leben kann ohne sich vor einer anderen Religion oder Person fürchten zu müssen, und jeder seinen Glauben bezeugen kann… Für uns ist es nicht wichtig, dass jemand Christ oder Katholik ist, es ist jedoch wichtig, dass er seinen Glauben leben kann und nicht den anderen schade oder sie bedrohe.“

Hintergrund Blasphemiegesetz

Das Blasphemiegesetz in Pakistan stellt die Beleidigung einer jeden offiziell anerkannten Religion unter Strafe, auch die Todesstrafe kann ausgesprochen werden. Oft wird das Gesetz jedoch zur Austragung persönlicher Fehden missbraucht, insbesondere Angehörige der religiösen Minderheiten haben den zu einem großen Teil erfundenen Anschuldigungen kaum etwas entgegen zu setzen. In der Regel wird Anklage wegen der Beleidigung des Koran erhoben, weitaus seltener wegen der Beleidigung des Propheten Mohammed. Auch moderate Muslime und vor allem die Minderheit der Ahmadiyya werden wegen Blasphemie unter Anklage gestellt. Sobald ein Fall dem Gericht überstellt wird, gewinnt er oftmals eine Eigendynamik: Angeklagte wie Polizisten, Anwälte und Richter sehen sich Druck und Drohungen durch islamistische Extremisten ausgesetzt.

Auch außergerichtliche Tötungen durch aufgebrachte Mobs kommen häufig vor: Allein in den vergangenen 27 Jahren zählt man 66 Tötungen; besonderes Aufsehen hatte der Fall eines jungen Ehepaares erregt, das 2014 getötet und vor den Augen seiner Kinder durch einen aufgebrachten Mob verbrannt worden war. Die beiden Christen waren fälschlicherweise der Beleidigung des Korans beschuldigt worden, die Hauptangreifer wurden im Jahr 2016 selbst zu Tode verurteilt.

Änderungen an dem Gesetz, das in den 1980er Jahren während der Militärherrschaft von General Zia-ul Haq nochmals verschärft und mit diskriminatorischen Klauseln versehen worden war, sind schwierig. Der Gouverneur des besonders betroffenen Bundestaates Punjab, Salman Taseer, ist 2011 von seinem eigenen Leibwächter erschossen worden. Taseer war für eine Änderung des umstrittenen Gesetzes, das überdurchschnittlich viele Angehörige religiöser Minderheiten in Pakistan trifft, eingetreten. Insbesondere die einflussreichen islamischen Autoritäten sperren sich seit Jahren entschieden gegen eine Modernisierung des Gesetzes.

(rv 17.04.2017 cs)

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