Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

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