Wie der argentinische Bischof nach Nütterden kam

Eine Kirche mit vielen Verbindungen: Gebet in Buenos Aires

Geschichten wie diese gibt es viele – aber darüber wird nur selten berichtet. Vielleicht, weil sie nicht spektakulär wirken. Jedenfalls, seit mehr als vierzig Jahren kümmern sich deutsche Katholiken aus dem Niederrheinischen um ein armes Bistum im Norden Argentiniens: Añatuya. Das Bistum ist 1961 gegründet worden, und sein erster Bischof Jorge Gottau reiste 1963 nach Rom zum Konzil. Werner Stalder, ein Katholik, der damals in Kleve-Kellen wohnte, erzählt, was dann passierte. „Und zwar waren dort die großen Volksmissionen der Redemptoristen, und dieser Gründerbischof war ein Wolga-Deutscher, er war Redemptorist. Und dann haben die Patres den Pfarrer gefragt: Wir haben einen ganz armen Bischof, darf der mal kommen zum Predigen und Geld-Sammeln? Seit dieser Zeit kam der Bischof nach Klewe-Kellen. Seinerzeit gab es noch fünf oder sechs Gottesdienste, und ich habe dann mit meinem kleinen VW-Käfer den Bischof von einer Kirche zur anderen gefahren, und dadurch ist der Kontakt entstanden.“

Mit dem VW-Käfer sammeln fahren

Etwa zehn Jahre später zog das Ehepaar Stalder um, wieder in ein Dorf: Kranenburg-Nütterden. „Dann hab ich unseren Pfarrer gefragt: Ich habe einen ganz armen Bischof, darf ich den wohl nach Kranenburg importieren? Und weil er den kannte über seinen Bruder, kam der Bischof dann regelmäßig zwischen Weihnachten und Neujahr in unsere Gemeinde und hat auch immer in meinem Haus gewohnt, und ich habe ihm dann diese Pfarreien am Niederrhein besorgt, in denen er predigen konnte.“

Das war der Beginn einer bis heute reichenden Partnerschaft zwischen dem Niederrhein und der Pampa. „Inzwischen ist es der vierte Bischof, und alle Bischöfe haben bisher unser kleines Dorf besucht… Wir arbeiten und helfen dort in Projekten, vornehmlich für den Häuserbau, im Kampf gegen die Chagas-Krankheit in Bezug auf Zisternen (denn das Grundwasser ist aus vulkanischen Einflüssen salpeterhaltig und arsenverseucht), und dann haben wir zwei kleine Landschulen, wo unsere Grundschule die Patenschaft übernommen hat. Dazu kommt das alljährliche Sternensingen mit dem Erlös für die Medikamente, für die ganze Diözese.“

Konkrete Hilfen, über Jahre

„Sehr schöne Kontakte“ seien da entstanden über die Jahrzehnte, erzählt Stalder. Die Grundschule in Kranenburg-Nütterden hat eine enge Partnerschaft mit den zwei Landschulen im Bistum Añatuya, auch die örtlichen Fussballvereine kooperierten. „Am Niederrhein, speziell in unserer Region, ist die Aktion Añatuya ein Begriff. Die Leute wissen genau, wie die Situation dort drüben ist, es wird sehr viel in der Presse berichtet, es ist also eine richtige Brücke der Nächstenliebe entstanden.“ Stalder selbst war fünfmal am anderen Ende der Welt. „Ich habe dort dankbare, freundliche, liebenswürdige Leute gefunden, die in der größten Armut waren und die uns so mit vollem Herzen aufgenommen haben und das war also eine Freude. Vor allen Dingen ist mir aufgefallen, dass sie das auch wirklich schätzen.“

Trinkwasser und Schulen

Ein Beispiel: Bisher hätten die Menschen oft zwanzig km laufen müssen, um an Trinkwasser zu kommen. „Und jetzt auf einmal bekommen die durch unsere Hilfe eine Zisterne, das heißt das Regenwasser wird auf den Elendshütten aufgefangen durch ein Wellblechdach und läuft dann durch eine Regenrinne in diese Zisterne, und das sind 10.000 l wunderbares Trinkwasser für eine kinderreiche Familie, und das ist für die unschätzbar!“

Ein zweites Beispiel: der schon erwähnte Kampf gegen die Chagas-Krankheit, die unter den Armen weit verbreitet ist. Da fielen nachts Wanzen von der Decke auf die Schlafenden, erzählt Werner Stalder, „und es geht ein Sekret durch die Blutbahn und frisst die inneren Organe auf, das heißt viele Menschen sterben. Jetzt geben wir denen einen tüchtigen Baumeister, 1.000 Hohlblocksteine, und die Familie muss vom kleinsten Jungen bis zum Großvater ihr Haus selber bauen mit einem festen Dach, wo jetzt diese Wanzen sich nicht mehr einnisten können. Wenn man dann dort hinkommt und erlebt so eine Familie – das ist unbeschreiblich, wunderschön, wenn man das dann sieht!“

Fast 90 Zisternen seien schon entstanden und einige hundert Häuser. „Und dazu viele Kinderspeisungen. Die Kinder kommen nur zur Schule, wenn sie eine warme Mahlzeit bekommen, die einzig warme Mahlzeit am Tag – und wir geben die Mittel, dass viele Schulen den Kindern dann das Mittagessen geben können.“

Den Papst informiert

Nach Jahrzehnten des Engagements haben Stalder und seine Frau die „Aktion Añatuya“ jetzt in jüngere Hände gelegt: Hans-Jürgen Jakobs ist der neue Mann. Zusammen mit Stalder war er an diesem Mittwoch in Rom, und beide konnten auch kurz mit dem Papst sprechen und ihm ein Fotobuch überreichen. „Und als der Papst schon den Titel sah, da sagte er: Oh, Añatuya Añatuya. Und Bischof Gottau – er, der Papst, hatte als Kardinal von Buenos Aires den Seligsprechungsprozess für diesen Bischof eingeleitet. Ich bin auch schon vernommen worden als Zeuge in diesem Prozess…“ Sie hätten dem Papst „viel Mut“ gewünscht, sagt Stalder noch. „Und da sagte er: Nicht nur Mut, sondern auch Demut.“

Wie gesagt: eine unspektakuläre Geschichte. Aber eigentlich ist sie doch außergewöhnlich, diese Partnerschaft zwischen einem 68.000 Quadratkilometer großen Bistum in Argentinien und einem niederrheinischen Dorf.

(rv 01.04.2017 sk)

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