PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FAMILIE

III

DIE FAMILIE

Wenn wir den Gedankengängen des Papstes folgen und immer klarer das Bild vor uns sehen, das er von einer christlichen Mutter hat, wie er ihre Freuden an ihren Kindern kennt, aber nicht minder die vielfältigen Sorgen, die sie in der Erziehung von früh an hat, so fragen wir uns unwillkürlich, wie kommt dieser Papst, der jahrzehntelang, fast ein ganzes Leben hindurch als Diplomat im Staatssekretariat, als Nuntius und zuletzt als engster Mitarbeiter seines Vorgängers Pius‘ XI., als dessen Kardinal-Staatssekretär, gearbeitet hat, zu diesem bis in Einzelheiten gehenden Wissen, zu diesem tiefen Mitempfinden mit den Müttern? Einmal wird es ein Rückblick sein in seine Jugend, die er in einer glücklichen christlichen Familie erleben durfte, denn bei gar manchen Worten sehen wir unwillkürlich das Bild seiner gütigen, edlen Mutter Virginia Graziosi vor uns, andererseits beweisen diese Erwägungen, wie sehr Pius XII. zutiefst Seelsorger ist. Dazu kommt, daß er als oberster Hirte mit Schrecken die Gefährdung der Familie in den letzten Jahrzehnten immer mehr wachsen sieht.

Bereits in seiner ersten Enzyklika „Summi Pontificatus“ vom 20. Oktober 1939 widmet er dieser Frage seine Sorge.

„In schmerzhafter Klarheit stehen vor Unserem Blick die Gefahren, die dem heutigen und kommenden Geschlecht aus der Verkennung, Verkürzung und fortschreitenden Auslöschung der Eigenrechte der Familie erwachsen müssen. Darum erheben Wir Uns, in vollem Bewußtsein Unserer heiligen Amtspflicht, zu ihrem freimütigen Anwalt. Nirgendwo werden die äußeren und inneren, die materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit so bis zur Neige verkostet, nirgendwo die vielfachen Irrtümer in ihren tausend Auswirkungen so bitter durchlitten wie innerhalb der Klein- und Edelzelle der Familie. Ein richtiger Wagemut, ja ein Heldentum, das in seiner Schlichtheit dreifach achtunggebietend dasteht, ist oft vonnöten, um die Härten des Lebens, die tägliche Leidenslast, die wachsenden Entbehrungen und fortschreitende Einengung zu ertragen, die ein früher nie gekanntes Ausmaß erreichen und deren innerer Sinn und sachliche Notwendigkeit oft nicht zu sehen sind. Wer in der Seelsorge steht, wer in die Herzen schauen kann, weiß um die heimlichen Tränen der Mütter, um den stillen Schmerz ungezählter Väter, weiß um die Bitternis, von der keine Statistik spricht noch sprechen kann… Der Auftrag, den Gott den Eltern gab, für die materielle und seelische Wohlfahrt ihrer Kinder zu sorgen und ihnen eine ausgeglichene Erziehung im Geiste echter Religiosität zu vermitteln, kann ihnen von niemandem ohne schwere Rechtsverletzung entrissen werden… Eine Erziehung jedoch, die darauf vergäße oder gar bewußt unterließe, Auge und Herz der Jugend auch auf das ewige Vaterland zu lenken, wäre ein Unrecht an der Jugend, ein Unrecht an den unabtretbaren Erzieherrechten und Erzieherpflichten der christlichen Familie — eine Grenzüberschreitung, die nach Abhilfe ruft, gerade auch im Interesse des Volkes und Staatswohls. Mag sie denen, die dafür verantwortlich sind, vorübergehend als Quelle wachsender Kraft und Macht erscheinen; in Wirklichkeit wäre sie das Gegenteil und ihre bitteren Auswirkungen würden das beweisen…

Derselbe Christus, der gesagt hat: Lasset die Kinder zu mir kommen, hat — bei all seiner erbarmenden Güte — ein schneidendes Wehe gerufen über jene, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis bereiten. Und welches Ärgernis wirkt vernichtender und nachhaltiger auf ganze Geschlechter als eine Fehlleitung der Jugenderziehung in eine Richtung, die von Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, wegführt in offenem oder getarntem Abfall von ihm. Dieser Christus, dem man die heutige und kommende Jugend zu entfremden sucht, er ist derselbe, der aus den Händen seines himmlischen Vaters alle Königsgewalt empfing im Himmel und auf Erden… Ein Erziehungs-system, das den von Gottes heiligem Gesetz umfriedeten Bannkreis der christlichen Familie nicht achtete, ihre sitt-lichen Grundlagen bedrohen, der Jugend den Weg zu Christus, zu den Lebens- und Freudenquellen des Heilands (vgl. Is 12, 3) versperren wollte, das gar den Abfall von Christus und seiner Kirche als Kennzeichen der Treue zum Volk oder einer bestimmten Klasse erachten sollte, würde sich selbst das Urteil sprechen und zu gegebener Zeit die unentrinnbare Wahrheit des Prophetenwortes an sich erfahren: ,Alle, die dich verlassen, werden in den Staub geschrieben‘ (Jer 17, 13)… Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laien-Apostolates fällt eine besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den Geist des jungen Geschlechts entscheidend. Solange am heimischen Herd des Christus-Glaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen Erlöser aus der Öffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen werden, wo von den Schulwänden das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie die providenzielle, in einem gewissen Grade der unangreifbare Zufluchtsort christlicher Glaubensgesinnung. Und — Gott sei es gedankt! — unzählige Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in großer Zahl, auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus Leid und Verfolgung bedeutet, harrt aus am Throne des Erlöserkönigs mit jener ruhigen, sicheren Entschlossenheit, die an die ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.“ 1

Gewiß ist zu bedenken, daß die Worte der Enzyklika 1939 in der Hauptsache als Mahnruf an die totalitären Staaten gerichtet sind. Die prophetischen Worte, die der Papst darin von ihrem Untergang gebraucht, sind für die Reiche Hitlers und Mussolinis bereits in Erfüllung gegangen. Der Krieg ist beendet. Aber der Frieden ist darum noch nicht gekommen, und die Worte Pius‘ XII. gelten uneingeschränkt auch für andere Staaten. „Die bitteren Auswirkungen“ jener Bedrängung der Familie sind in den Staaten, die jetzt wieder friedlich arbeiten können — vielleicht in einer Ruhepause — immer noch stark zu spüren.

Wenige Monate nach Erscheinen der Enzyklika spricht Pius XII. die Worte: „Die Familie ist die Grundlage der Gesellschaft. Wie der menschliche Körper sich aus lebendigen Zellen zusammensetzt, die nicht für sich allein nebeneinander bestehen, sondern durch die inneren und dauernden Beziehungen zueinander einen Gesamtorganismus darstellen, so wird auch die menschliche Gesellschaft nicht gebildet von einer Vielheit von Einzelpersonen, getrennten Wesen, die einen Augenblick erscheinen, um wieder zu verschwinden, sondern von der wirtschaftlichen Gemeinschaft und der sittlichen Verbundenheit der Familien, die das wertvolle Erbe desselben Ideals, derselben Kultur und desselben Glaubens von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen und so den inneren Zusammenhang und die zeitliche Fortdauer der Gemeinschaftsbande sichern. Der hl. Augustinus bemerkte das vor 1500 Jahren, als er schrieb, daß die Familie das Urelement und wie eine Zelle (particula) der Stadt sein muß. Und da jeder Teil hingerichtet ist auf das Ziel und

1 Stellen aus: „Summi Pontificatus“ — A. A. S. vol. 31 (1939) p. 581 s. — Jussen, S. 156 ff.

die Unversehrtheit des Ganzen, zog er daraus die Folgerung, daß der Friede am häuslichen Herd zwischen dem, der befiehlt, und dem, der gehorcht, die Eintracht unter den Bürgern fördert. (De civ. Dei, 1, 19, c. 16). Das wissen jene wohl, die Gott aus der menschlichen Gesellschaft verbannen und sie umstürzen wollen. Deshalb gehen sie darauf aus, der Familie die Achtung, ja sogar den Gedanken an das göttliche Gesetz zu nehmen, indem sie die Ehescheidung und die freie Liebe preisen, den Eltern die ihnen von Gott übertragene Aufgabe gegen ihre Kinder schwer machen, indem sie ihnen Angst machen wegen der materiellen Opfer und der moralischen Verantwortlichkeit, die die ehrenvolle Last einer zahlreichen Kinderschar mit sich bringt.“ 2 „Wer die Familie entheiligt, wird keinen Frieden haben; nur die christliche Familie, die mit Hilfe der Gnade das Gesetz des Schöpfers und Erlösers befolgt, ist Bürgschaft für den Frieden.“ 3

Im Jahre 1946 berührt der Papst vor den Teilnehmern des I. Nationalkongresses des italienischen Verbandes der Lehrer am 8. September das in allen Ländern immer brennender werdende Thema des Rechtes der Eltern auf eine konfessionelle Schule. Er führt aus:

„Gerade unsere Zeit hat gezeigt, daß die Ergebnisse der religionslosen Schule, die ja in Wirklichkeit schon anti-religiös ist oder es wird, schlimm waren. Sie hat nach den Erfahrungen des vergangenen wie auch unseres Jahrhunderts bittere Früchte gezeitigt und hat also ihren wahren Zweck verfehlt, während die christliche Erziehung in fast 2000 Jahren jede Bewährungsprobe bestanden hat… Euer Leitgedanke bekommt also folgenden Sinn: Laßt das Kind in der reinen Luft der christlichen Familie aufwachsen und gewährt ihm eine Schule, die im Einvernehmen mit dem Elternhaus und mit der Kirche an einer gesunden Bildung der Jugend arbeitet. Die Eltern

2 Rede vom 26. Juni 1940 (Z. S. 44 f. — vgl. Ideal, S. 79/8o).
3 Rede vom 19. Juli 1939 (Z. S. 17. — vgl. Ideal, S. 33).

haben ein primäres, in der Naturordnung begründetes Recht auf die Erziehung ihrer Nachkommenschaft, ein Recht, das unverletzlich ist und dem der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates voransteht, wie Unser glorreicher Vorgänger Pius XI. erklärte (Enzyklika ,Divini illius Magistri` vom 31. Dezember 1929). Aber auch der Kirche als Lehrerin und übernatürlichen Mutter der Seelen steht ein unmittelbares und höchst bedeutendes Recht auf Mitwirkung an der Erziehung und auf alles, was dazu notwendig und nützlich ist, zu, da ihr die Seelsorge unter den Menschen anvertraut und sie deshalb für die religiöse und sittliche Erziehung der Kinder verantwortlich ist. Wir beabsichtigen gewiß nicht, das Eigenrecht auch des Staates auf seinen Anteil an der Erziehung zu verneinen oder zu schmälern. Dieses Recht hat seine Grundlage im allgemeinen Wohl, das ihm gleichzeitig Maß und Grenze setzt. Das allgemeine Wohl aber verlangt, daß der Staat das der Familie und der Kirche zustehende Recht auf Erziehung schütze und achte.“ 4

In einer Ansprache über die Weltlage an das Hl. Kollegium der Kardinäle, das dem Papst seine Glückwünsche zum Namensfest überbrachte, äußert er sich am 2. Juni 1947 voll Trauer über die Familie: „In einem ähnlichen Zustand völliger Unsicherheit, einem Zustand, der sich verewigen zu wollen scheint, schwebt auch die Familie, diese naturgemäße Pflanz- und Bildungsstätte, in der der Mensch von morgen heranwächst und sich aufs Leben vorbereitet. Was wird ihr Schicksal sein? Herzzerreißend sind die Berichte, die aus den am schwersten heimgesuchten Gebieten zu Uns gelangen, über die Frau. Erschütternd ist vor allem die Lage jener Familienheime — wenn man herumirrende Menschengruppen noch so nennen kann —, auf welche die Treue der Gatten zu Gottes Gebot den Segen einer reichen Kinderschar herabgezogen hatte. Nach ihren im Vergleich

4 Hd. I (1946/47). S. 119 f.

zu anderen sehr oft besonders schweren Blutopfern im Kriege müssen sie nun noch den allgemeinen Mangel an Wohnung und Nahrung mit seinen Folgen ganz besonders spüren.

Nun wird Gott zu seinem Wort stehen, ganz im Gegensatz zu dem, was die höhnischen Bemerkungen der Egoisten und Lebemänner unterstellen; aber Unverstand, Herzlosigkeit, Übelwollen von außen machen den Helden der Ehepflichten das Leben fast unerträglich schwer. Tatsächlich kann nur ein wahres, von der göttlichen Gnade getragenes Heldentum in den Herzen der jungen Gatten das Verlangen nach einer zahlreichen Kinderschar und die Freude an ihr erhalten. Aber welche Erniedrigung liegt für die Welt darin, so tief gefallen zu sein, in soziale Verhältnisse, die dermaßen naturwidrig sind!

Vor Gott und vor der schmerzlichen Wahrheit der Tatsachen rufen Wir mit all Unserer Kraft um beschleunigte Abhilfe, Wir vertrauen darauf, daß Unser Notruf bis an die Grenzen der Erde gehört werde und ein Echo bei denen finde, die das öffentliche Leben verantwortlich leiten und wissen müssen, daß ohne die gesunde und lebenstüchtige Familie Volk und Nation verloren sind. Es gibt vielleicht nichts, was so dringend die Befriedung der Welt verlangt wie die unsagbare Not der Familie und der Frau!“ 5

In einem Dankschreiben an die deutschen Bischöfe für die Weihnachts- und Neujahrswünsche zeigt Pius XII. sein Wissen um die vielgestaltige Not Deutschlands und sein Mitempfinden und seinen Dank für alle bereits geleistete Arbeit. „Wir kennen diese Not in ihrer ganzen erschütternden Größe, in ihrer zerstörenden Wirkung auf die physische Lebenskraft und die seelische Gesundung eures Volkes. Wir wissen um die verheerenden sittlichen Folgen dieser Not vor allem für die Jugend, die Frau, die Familie und jenen Grundstock von sozialer

5 Ansprache vom 2. Juni 1947, A. A. S. vol. 39 (1947) P. 258 SS. Hd. I, 524.

Ordnung, ohne den eine christliche Kultur nicht zu bestehen vermag.“ 6

Vor den Teilnehmern einer Tagung des Internationalen Verbandes der Familienorganisationen sprach Papst Pius XII. in einer Audienz vom 21. September 1949 ausführlich über die Bedeutung der Familie und über Möglichkeiten, die zu ihrer Gesundung beitragen können: „Die Würde, die Rechte und die Pflichten des häuslichen Herdes, den Gott als Lebensquell der Gesellschaft eingerichtet hat, sind eben darum ebenso alt wie die Mensch-heit; sie sind unabhängig von der Macht des Staates (vgl. Leo XIII., Enzyklika ,Rerum Novarum`), aber wenn sie bedroht sind, muß dieser sie schützen und verteidigen. Rechte und Pflichten, die zu jeder Epoche der Geschichte und unter jedem Himmel gleich heilig sind, doppelt heilig in den tragischen Stunden des Unglücks, der Kriege, in denen immer die Familie das große Opfer ist. Und gerade weil sie das organische Element der Gesellschaft ist, stellt jedes gegen sie verübte Attentat ein Attentat auf die Menschheit dar. Gott hat in die Herzen des Mannes und der Frau wie einen eingeborenen Instinkt die eheliche Liebe, die väterliche und mütterliche Liebe, die kindliche Liebe gelegt. Wenn man daher diese dreifache Liebe entwurzeln oder lähmen will, so ist das eine Entweihung, die schon als solche Entsetzen einflößt und die unweigerlich das Vaterland und die Menschheit zum Untergang führt … Das Programm der Aktion, deren Ziel es ist, die Familie wieder zu festigen, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu heben, sie in den lebenden Mechanismus der Welt einzuordnen, kann man in einige ganz bestimmte Programmpunkte zusammenfassen: dem Unvermögen der Familie abzuhelfen, indem man ihr, was ihr fehlt, verschafft, damit sie ihre häusliche und soziale Funktion auszuüben vermag; die Familien untereinander zu einer

6 Brief vom i. März 5948. — Hd. II, S. 346.

festen, ihrer Kraft bewußten Front zusammenzuschließen; der Familie dazu zu verhelfen, daß ihre Stimme in den öffentlichen Angelegenheiten jedes Landes wie auch der ganzen Gesellschaft gehört wird, so daß sie niemals unter diesen zu leiden hat, sondern im Gegenteil in möglichst weitem Ausmaße von ihnen profitiert. Es ist also vor allem wichtig, daß die Familie und ihr Wesen, ihr Zweck und ihr Leben unter ihrem wahren Gesichtspunkt betrach­tet werden, das heißt unter dem Gottes und seines religiösen und moralischen Gesetzes. Ist es nicht beklagenwert, anzusehen, zu welchen Lösungen der schwierigsten Probleme eine materialistische Anschauung hinabsinkt: Auflösung der Familie durch eine Zuchtlosig­keit der Sitten, die durch eine nicht mehr tragbare Freiheit ermöglicht wurde; Zerrüttung der Familie durch die in allen Formen in die Gesetzgebung eingeführte Eugenik; materielle und sittliche Unterjochung der Familie, in der die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder allmählich auf die Stufe von Verurteilten herabgedrückt wurden, die jeder väterlichen Gewalt beraubt sind. Die Auffassung der Familie, vom Standpunkt Gottes aus betrachtet, wird notwendigerweise zum einzigen Grundsatz einer ehrlichen Lösung führen: alle Mittel zu gebrauchen, um die Familie in den Stand zu versetzen, sich selbst zu genügen und ihren Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten … Was damals [nach dem ersten Weltkrieg] notwendig war und was hier und da mit gleichem Mute versucht worden ist, das ist eine Politik großen Stiles, die die Gebäude leert, in denen die Mieter wie in Kasernen hausen, und die statt dessen Familienwohnstätten schafft. Heute, nach dem zweiten Weltkrieg, ist diese Forderung sicher an die erste Stelle gerückt.

Dazu muß die Bildung eines geschärften Gewissens für die Verantwortlichkeit bei der Gründung einer Familie, die Entwicklung eines gesünderen Familienlebens in einem Eigenheim kommen, das für den Geist ebenso wohltätig ist wie für das Herz. Wir haben nicht versäumt, auch die Organisationen zu erwähnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, besser auf die Aufgaben und Pflichten der Ehe vorzubereiten. Welche Hilfe können hier Presse, Radio und Film leisten, und wie schwer ist ihre Verantwortung im Hinblick auf die Familie! Sollte der Film sich nicht in der Tat, anstatt sich in der Darstellung von Ehe­scheidungen und Ehetrennungen zu erniedrigen, in den Dienst der Einheit der Ehe, der ehelichen Treue, der Gesundung der Familie und des Glückes des häuslichen Herdes stellen? Das Volk verlangt nach einer edleren und höheren Auffassung vom häuslichen Leben. Der un­erwartete Erfolg gewisser Filme der letzten Zeit beweist es. Wir wollen ebenfalls auf die bereits geleistete Hilfe hin­weisen: auf die Hilfe für die Kinder, für die Jugendlichen, auf die Erholungsheime für Mütter, auf die so wohltätige Organisation der Soforthilfe für überlastete Familien ­wenn es z. B. für die Mutter nicht mehr möglich ist, die Hausarbeiten selbst zu verrichten —; es ist ein ungeheuer großes Arbeitsfeld, das sich den öffentlichen Fürsorge­organisationen, vor allem aber der privaten Caritas bietet. Wir wollen natürlich die größte Aufmerksamkeit auf die kinderreichen Familien lenken: Steuerermäßigung, Unter­stützungen, Gehaltszulagen, die nicht als eine freiwillige Gabe angesehen werden sollen, sondern eher als eine sehr bescheidene Entschädigung für den großen sozialen Dienst, den die Familie, besonders die kinderreiche, erweist. Sehr zu Recht verleiht ihr in euren Statuten eurem Willen Nachdruck, die Bande der Solidarität zwischen allen Familien der Welt zu stärken; das ist eine sehr günstige Bedingung für die Erfüllung ihrer Funktion als lebenskräftige Zellen der Gesellschaft. Wie viele kost­bare moralische Kräfte würden sich so vereinigen, um gegen den Krieg im Dienste des Friedens zu kämpfen! Daß sich alle Familien der Welt zusammenschließen, um sich gegenseitig zu helfen, um die bösen Kräfte durch ihre gesunde und fruchtbare Kraft zu überwinden, ist sehr gut. Noch ein Schritt bleibt zu tun: den Geist der christlichen Familie auf die Ebene der Nation, der inter­nationalen Beziehungen, der Welt auszudehnen! So wenig eine einzelne Familie nur die Zusammenfassung ihrer Mitglieder unter einem Dach ist, so wenig soll die Gesellschaft die einfache Summe der Familien sein, die sie bilden. Sie soll aus dem familienhaften Geist leben, der sich auf die Gemeinschaft von Herkunft und Ziel gründet. Wenn die Lebensumstände unter den Gliedern einer Familie Ungleichheit schaffen, so hilft man sich gegenseitig. So sollte es auch zwischen den Gliedern der großen Familie der Nationen sein. Zweifellos ein hohes Ideal! Doch warum sollte man sich nicht sofort an die Arbeit machen, so fern die Verwirklichung auch scheinen mag? Selbst die bedrückenden Fragen der kontinentalen und der Weltwirtschaft würden unter diesem Gesichts­punkt eine fühlbare Entspannung und wohltätige Hilfe erfahren. Die Arbeit, die zu tun übrig bleibt, ist also unermeßlich und wird nur durch allmähliche Fortschritte erfüllt werden. Euer Eifer richtet sich darauf, diese Fort­schritte zu vertiefen und zu beschleunigen.“ 7

Zwei Jahre später, fast am gleichen Tage, griff Papst Pius XII. in einer Ansprache vor einer Gruppe der französischen Katholischen Aktion das Thema „Über die Heiligkeit, Rechte und Pflichten der Familie“ wieder auf. „Der Staat sollte also gerade aus Selbsterhaltungstrieb das erfüllen, was wesentlich und nach dem Plan Gottes, des Schöpfers und Erlösers, seine erste Pflicht ist, nämlich bedingungslos die Werte schützen, die der Familie Ordnung, Menschenwürde, Gesundheit und Glück sichern. Diese Werte, die die Elemente des Gemeinwohles selber sind, dürfen niemals irgend etwas geopfert werden, was als ein Gemeingut erscheinen könnte. Weisen Wir beispiels­halber nur auf einige hin, die heute in größter Gefahr sind: die Unauflöslichkeit der Ehe; der Schutz des Lebens vor der Geburt; die angemessene Wohnung für die

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 551 ss. — teilweise: Hd. IV, 112 ff.

Familie, nicht nur mit einem oder zwei Kindern, oder selbst ohne Kinder, sondern für die normale, zahlreichere Familie; die Arbeitsbeschaffung, denn die Arbeitslosigkeit des Vaters ist die bitterste Not für die Familie; das Recht der Eltern über ihre Kinder gegenüber dem Staat; die volle Freiheit der Eltern, ihre Kinder im wahren Glauben zu erziehen, und folglich auch das Recht der katholischen Eltern auf die katholische Schule; die Verhältnisse des öffentlichen Lebens und besonders einer öffentlichen Mo­ral, die so geschaffen sein sollte, daß die Familien und besonders die Jugend nicht mit moralischer Gewißheit durch sie verdorben werden … Doch was die wesent­lichen Rechte der Familie anbetrifft, so werden sich die wahren Gläubigen der Kirche bis zum letzten einsetzen, um sie zu erhalten. Es wird hier und da geschehen kön­nen, daß man sich in dem einen oder anderen Punkt ge­nötigt sieht, vor der Überlegenheit der politischen Kräfte zurückzuweichen. Aber in diesem Fall kapituliert man nicht, sondern man wartet geduldig. Außerdem muß in einem solchen Fall die Lehre unversehrt bleiben, alle wirk­samen Mittel müssen eingesetzt werden, um allmählich dem Ziel näher zu kommen, auf das man nicht verzichtet hat.“ 8

Eine weitere große Ansprache über „Familiennot und Familienhilfe“ hielt Pius XII. zwei Monate später, am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Natio­nalen Kongresses „Front der Familie“ in Audienz empfing. Der erste Teil dieser Rede ist wieder den allgemeinen Nöten der Familie gewidmet, von denen er bereits in der letzten Ansprache in teilnahmsvollen Worten gesprochen hatte.

„In der Ordnung der Natur, unter den sozialen Schöpfun­gen gibt es keine, die der Kirche mehr am Herzen liegt als die Familie. Die Wurzel der Familie, die Ehe, hat Chri­stus zur Würde eines Sakramentes erhoben. Die Familie hat in all dem, was ihre unverletzlichen Rechte, ihre Frei‑

8 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 730 ss. — Hd. VI, 68.

heit und die Ausübung ihrer hohen Aufgabe angeht, in der Kirche immer Verteidigung, Schutz und Hilfe gefunden … Eine Familienbewegung, die, wie die eure, sich dafür einsetzt, im Volke voll und ganz die Ideale der christlichen Familie zu verwirklichen, wird sich immer durch ihre innere, sie beseligende Kraft wie durch die Nöte des Volkes, in dessen Mitte eure Bewegung lebt und wächst, in den Dienst jenes bekannten dreifachen Zieles stellen, das den Gegenstand eurer Bestrebungen bildet: Einfluß ausüben durch die Gesetzgebung in dem weiten Ausmaß, in dem sie mittel- oder unmittelbar die Familie berührt; Solidarität der christlichen Familien untereinander; christliche Kultur der Familie. Dieser letztere Gegenstand ist grundlegend; die beiden ersteren wollen zusammenwirken, ihn zu unterstützen und ihn zu fördern.

Zu den verschiedensten Gelegenheiten haben Wir zu Gunsten der christlichen Familie gesprochen. In den meisten Fällen taten Wir es, um ihr zu helfen oder um andere zu ihrer Hilfe aufzurufen, wenn es darum ging, sie aus schwerster Not zu erretten. Insbesondere taten Wir es, um sie im Kriegsunglück zu unterstützen. Bei weitem waren noch nicht die durch den ersten Weltkrieg verursachten Schäden geheilt, als der zweite, noch furchtbarere Weltkrieg hereinbrach, um sie ins Unermeßliche zu steigern. Noch vieler Zeit und vieler Mühen seitens der Menschen und noch größeren göttlichen Beistandes wird es bedürfen, bis die tiefen Wunden, die diese beiden Kriege der Familie zugefügt haben, wirklich vernarbt sind. Ein anderes übel, das teilweise ebenso von den Kriegszerstörungen herkommt, darüber hinaus aber auch in einer Überbevölkerung oder in verkehrten bzw. selbstsüchtigen Tendenzen seinen Grund hat, ist die Wohnungskrise. Alle diejenigen, die sich mühen, hier Abhilfe zu schaffen, Gesetzgeber, Staatsmänner, Mitglieder sozialer Werke, erfüllen, sei es auch nur indirekt, ein höchstwertiges Apostolat.

Dasselbe gilt für den Kampf gegen die Geißel der Arbeitslosigkeit, für die Sicherstellung eines hinreichenden Familieneinkommens, damit die Mutter, wie es leider häufig der Fall ist, sich nicht gezwungen sieht, außerhalb des Hauses eine Arbeit zu suchen, sondern sich mehr dem Mann und der Familie widmen kann.
Die Arbeit zu Gunsten der Schule und der religiösen Erziehung bedeutet ebenfalls einen wertvollen Beitrag zum Wohl der Familie, wie auch die Pflege einer gesunden Natürlichkeit und anspruchslosen Lebensart, sowie die Ver-tiefung religiöser Überzeugungen; ferner im Bereich der Familie einer Atmosphäre christlicher Reinheit Raum zu schaffen, die geeignet ist, die Familie vor den schädlichen äußeren Einflüssen zu schützen und von all jenen krank-haften Erregungen freizuhalten, die in der Seele des Jugendlichen ungeordnete Leidenschaften wecken.
Aber es gibt noch eine tiefergreifende Not, von der man die Familie bewahren muß, eine entwürdigende Versklavung: dahin wird die Familie gebracht durch eine Mentalität, die darauf ausgeht, aus ihr lediglich einen Organismus im Dienste der kollektiven Gemeinschaft zu machen, um für diese eine hinreichende Masse von ‚Menschenmaterial‘ zu schaffen.“ 9

Am 23. März 1952, dem „Tag der Familie“ der Katholischen Aktion Italiens, sprach der Papst über den Rundfunk: „Über das Wesen des christlichen Gewissens, seine Bedeutung und Stellung innerhalb der christlichen Moral und über die Gewissenserziehung“. Diese Ansprache steht inhaltlich der Rede an die Jugend vom 19. April 1952 sehr nahe, in der er wenige Wochen später das Thema der „neuen Moral“ weiter ausführt und über die Situationsethik spricht.10

„Die Familie ist die Wiege, in der ein neues Leben entsteht und sich entwickelt. Damit es nicht zugrunde geht, bedarf es der Sorge und Erziehung. Dies ist das Grundrecht und die Grundpflicht der Eltern, die Gott ihnen unmittelbar verliehen und auferlegt hat. Inhalt und Ziel

9 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 85 ss. — Hd. VI, 17o ff.

10 Vgl. S. 226 ff.

der Erziehung in der natürlichen Ordnung ist die Ent-wicklung des Kindes zu einem vollen Menschen. Inhalt und Ziel der christlichen Erziehung ist die Bildung des neuen, in der Taufe wiedergeborenen menschlichen Wesens zu einem vollkommenen Christen. Diese Pflicht war immer schon Brauch und Stolz der christlichen Familien . . . Wir möchten aber auf eine Grundwirklichkeit aufmerksam machen, die die Grundlage und Stütze der Erziehung, besonders der christlichen Erziehung ist, die aber einigen auf den ersten Blick als nebensächlich erscheint. Wir wollen von dem sprechen, was zutiefst und zuinnerst im Menschen ist: sein Gewissen. Wir sind darüber unterrichtet, daß einige Strömungen des modernen Denkens beginnen, den Begriff des Gewissens zu entstellen und seinen Wert anzufechten. Wir wollen also das Gewissen behandeln, insofern es Gegenstand der Erziehung ist … Um genau zu verstehen, daß das Gewissen erzogen werden kann und muß, ist es von Nutzen, auf einige Grundbegriffe der katholischen Lehre einzugehen. Der göttliche Heiland hat dem unwissenden und schwachen Menschen seine Wahrheit und seine Gnade gebracht. Die Wahrheit, um ihm den Weg zu weisen, der zu seinem Ziele führt, die Gnade, um ihm die Kraft zu geben, daß er dieses Ziel erreichen kann.

Diesen Weg zu durchlaufen, bedeutet in der Praxis, den Willen und die Gebote Christi anzunehmen und nach ihnen das Leben auszurichten, das heißt alle einzelnen Akte, die inneren wie die äußeren, die der freie menschliche Wille erwählt und für die er sich entscheidet. Welches ist nun das Seelenvermögen, das im Einzelfall dem Willen zeigt, welche Akte dem göttlichen Willen gemäß sind, damit der Wille wähle und entscheide, wenn nicht das Gewissen? Es ist also das getreue Echo, der reine Widerhall der göttlichen Norm in den menschlichen Handlungen . . . Daraus ergibt sich, daß die Bildung des christlichen Gewissens eines Kindes oder eines Jugendlichen vor allem darin besteht, ihren Geist über den Willen Christi, sein Gesetz und seinen Weg aufzuklären und außerdem auf ihre Gesinnung einzuwirken, soweit sich das von außen her machen läßt, um sie zu einer freien und beständigen Erfüllung des göttlichen Willens anzu­leiten. Dies ist die höchste Aufgabe der Erziehung … … Wie in der dogmatischen Lehre, so möchte man nun auch in der katholischen Sittenordnung eine radikale Revi­sion vornehmen, um daraus eine neue Wertung abzuleiten. Der erste Schritt, oder besser gesagt, der erste Schlag gegen das Gebäude der christlichen, sittlichen Normen soll darin bestehen, daß man sie loslöst von der, wie man behauptet, beengenden und bedrückenden Überwachung durch die Autorität der Kirche. Die Moral soll von den Spitzfindigkeiten der kasuistischen Methode befreit, zu ihrer ursprünglichen Form zurückgeführt und einfachhin der Einsicht und der Bestimmung des individuellen Ge­wissens anheimgestellt werden. Jeder sieht, zu welch un­heilvollen Folgen eine solche Umwälzung der eigentlichen Grundlage der Erziehung führen würde. Wir unterlassen es, auf die offenbare Unerfahrenheit und Unreife der Ur­teile derjenigen hinzuweisen, die derartige Meinungen vertreten. Doch wird es nützlich sein, den Hauptfehler dieser ,neuen Moral‘ ins Licht zu setzen. Sie stellt jedes sittliche Kriterium dem persönlichen Gewissen anheim, das, stolz in sich verschlossen, der absolute Richter über seine Entscheidungen ist. So ist sie weit entfernt, ihm den Weg zu erleichtern. Sie würde es vielmehr von dem eigentlichen Weg, der da Christus ist, abbringen. Der göttliche Erlöser hat seine Offenbarung, zu der die sitt­lichen Pflichten als wesentliche Bestandteile gehören, nicht etwa den einzelnen Menschen anvertraut, sondern seiner Kirche, der er den Auftrag gegeben hat, die Menschen zu führen, damit sie in Treue sein heiliges Vermächtnis annehmen .

Die ,neue Moral‘ stellt die Behauptung auf, daß die Kirche, statt das Gesetz der menschlichen Freiheit und Liebe zu pflegen und es mit Nachdruck zur treibenden Kraft des sittlichen Lebens zu machen, fast ausschließlich und mit übertriebener Strenge auf der Festigkeit und Unbeugsamkeit der christlichen Sittengesetze besteht und häufig ihre Zuflucht nimmt zu dem: ,Ihr seid verpflichtet‘ und ,Es ist nicht erlaubt‘, was doch allzusehr nach demütigender Pe-danterie schmeckt.

Nun will aber die Kirche, und sie hebt es ausdrücklich hervor, wenn es sich um die Bildung des Gewissens handelt, daß der Christ in die unendlichen Reichtümer des Glaubens und der Gnade in überzeugender Form eingeführt werde, so daß er sich angeregt fühlt, tief in sie einzudringen. Die Kirche kann aber nicht darauf verzichten, die Gläubigen zu ermahnen, daß diese Reichtümer nur um den Preis genauer sittlicher Verpflichtungen erworben und bewahrt werden können . . . So trifft die Anklage wegen drückender Härte, die die ,neue Moral` gegen die Kirche erhebt, in Wirklichkeit an erster Stelle die anbetungswürdige Person Christi. Im Bewußtsein des Rechtes und der Pflicht des Apostolischen Stuhles, wenn nötig mit Autorität in die sittlichen Fragen einzugreifen, haben Wir es Uns in Unserer Rede vom 29. Oktober des letzten Jahres zur Aufgabe gemacht, die Gewissen über die Probleme des ehelichen Lebens aufzuklären.11 Mit derselben Autorität erklären Wir heute den Erziehern und der Jugend selbst: Das göttliche Gebot der Reinheit der Seele und des Leibes gilt ohne Abschwächung auch für die heutige Jugend. Auch sie hat die sittliche Pflicht und mit Hilfe der Gnade die Möglichkeit, sich rein zu erhalten. Wir weisen also die Behauptung derer als irrig zurück, die die Niederlagen in den Jahren der Pubertät für unvermeidlich halten, für Dinge, die es nicht verdienen, daß man von ihnen viel Aufhebens macht, als wären sie keine schwere Schuld. Denn gewöhnlich, fügen jene hinzu, hebt die Leidenschaft die Freiheit auf, die für die sittliche Verantwortlichkeit eines Aktes notwendig ist. Im Gegensatz zu

11 Wir verweisen auf die Rede im folgenden Kapitel S. 91 ff. 80

dieser Meinung ist es eine verpflichtende und weise Regel, daß der Erzieher nicht versäumt, dem jungen Menschen die hohen Werte der Reinheit darzustellen, um sie dahin zu führen, sie zu lieben und für persönlich erstrebenswert zu halten. Auf alle Fälle sollen die Erzieher klar das Ge­bot als solches, in seiner ganzen Schwere und Ernsthaftig­keit, als göttliche Anordnung erklären. So werden sie die jungen Menschen anspornen, die nächsten Gelegenheiten zu meiden; der Erzieher wird sie stärken in einem Kampf, dessen Härte er ihnen nicht verheimlichen wird; er wird sie dahin führen, daß sie mutig die Opfer bringen, die die Tugend fordert, und er wird sie ermahnen, auszuhalten und nicht der Gefahr zu erliegen, die Waffen schon im Anfang wegzuwerfen und widerstandslos den verkehrten Gewohnheiten sich zu ergeben.

Noch mehr als auf dem Gebiete des privaten Lebens wol­len heute viele die Geltung des Sittengesetzes aus dem öffentlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben, aus der Tätigkeit der öffentlichen Gewalten im Innern und Äuße­ren, im Frieden und im Kriege ausschließen, als wenn Gott dazu nichts, wenigstens nichts unbedingt Verpflich­tendes zu sagen hätte. Die Verselbständigung der äuße­ren menschlichen Tätigkeiten, zum Beispiel der Wissen­schaften, der Politik, der Kunst, gegenüber der Moral wird zuweilen in philosophischer Art mit der Autonomie be­gründet, die ihnen zusteht, sich auf ihrem Gebiet aus­schließlich nach den eigenen Gesetzen zu richten, wenn man auch zugibt, daß diese für gewöhnlich mit den sitt­lichen Gesetzen zusammenfallen … Die rein theoretische Trennung hat keinen Sinn im Leben, das immer eine Syn­these ist. Denn das einzige Subjekt jeder Art von Tätig­keit ist der Mensch selbst, dessen freie und bewußte Akte der sittlichen Bewertung nicht entgehen können…

Das war es, was Wir euch heute sagen wollten, geliebte Söhne und Töchter, die ihr Uns zuhört… Erzieht die Gewissen eurer Kinder mit zäher und beharrlicher Sorge. Erzieht sie zur Furcht wie zur Liebe Gottes. Erzieht sie zur Wahrhaftigkeit. Aber seid zuerst selber wahrhaftig und verbannt aus eurer erzieherischen Tätigkeit alles, was nicht echt und wahr ist. Prägt in die Gewissen der jungen Menschen den richtigen Begriff von Freiheit ein, von der wahren Freiheit, wie sie eines Geschöpfes, das nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, würdig und ihm eigentümlich ist. Sie ist etwas ganz anderes als Auflösung und Zügellosigkeit. Sie ist vielmehr die erprobte Möglichkeit zum Guten, sie ist der Entschluß, es zu wollen und zu vollbringen (vgl. Gal 5, 13). Sie ist die Herrschaft über die eigenen Fähigkeiten, Instinkte und Erlebnisse. Erzieht sie zum Beten und dazu, daß sie aus den Quellen der Buße, der heiligen Eucharistie das schöpfen, was die Natur nicht geben kann: die Kraft, nicht zu fallen, die Kraft, wieder aufzustehen. Schon als junge Menschen sollen sie innewerden, daß sie ohne die Hilfe dieser übernatürlichen Kräfte weder gute Christen noch einfachhin ehrenhafte Menschen zu sein vermögen, denen ein glückliches Leben beschieden ist. Doch so gerüstet, werden sie nach dem Höchsten streben können, werden sie sich der großen Aufgabe hinzugeben vermögen, deren Erfüllung ihr Ruhm sein wird: Christus in ihrem Leben zu verwirklichen.“ 12

Hören wir noch, was Pius XII. in einem Schreiben vom 1. Jänner 1954 an die Bischöfe Italiens „Über das Fernsehen“, über dessen Bedeutung innerhalb der Familie zu sagen hat. „Wie sollen Wir Uns nicht darüber freuen, daß Wir sehen, wie das Fernsehen dazu beiträgt, das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem es der ganzen Familie, fernab von den Gefahren ungesunder Gesellschaften und Orte, eine ehrbare Unterhaltung ermöglicht…“

Demgegenüber sieht er aber auch eine große Gefahr des Fernsehens für die Familie. „Man kann sich deshalb leicht darüber Rechenschaft geben, wie nahe das Fernsehen vor allem die Erziehung der Jugend und die

12 A. A. S. vol. 44, 1 (1952) p. 270 SS. – Hd. VI, S. 36o ff. 82

Gesundheit des Familienheimes angeht. Wenn man nun an den unschätzbaren Wert der Familie denkt, der die Urzelle der Gesellschaft ist, und wenn man darüber nach­denkt, daß in den häuslichen Wänden nicht nur die kör­perliche, sondern auch die geistige Entwicklung der Kin­der ihren Anfang nehmen und sich entwickeln muß, in denen die kostbare Hoffnung der Kirche und des Vater­landes liegt, dann können Wir es nicht unterlassen, alle diejenigen, die an der Verantwortung für das Fernsehen beteiligt sind, darauf hinzuweisen, daß die Pflichten und Verantwortlichkeiten, die vor Gott und der Gesellschaft auf ihnen liegen, allerschwerster Natur sind. Vor allem ist es Sache der Behörden, jede Vorsorge zu treffen, daß in keiner Weise jene Atmosphäre der Reinheit und Dis­kretion beleidigt oder getrübt wird, die über dem Heim der Familie liegen muß… Vor Unserem Geiste steht un­unterbrochen das traurige Bild der verderblichen und um­stürzenden Macht der Filmschauspiele. Aber wie sollte man nicht erschrecken bei dem Gedanken, daß mittels des Fernsehens jene vergiftete Atmosphäre des Materialismus, der Oberflächlichkeit und des Hedonismus, die man allzu­oft in so vielen Kinosälen einatmet, in die Wände des Hauses eindringen kann? Man könnte sich wirklich kein größeres Unglück für die geistigen Kräfte des Volkes vor­stellen, als wenn sich diese eindrucksmächtigen Darstel­lungen von Vergnügen, Leidenschaft und Sünde, die ein für allemal das Gefüge von Reinheit, Güte und gesunder persönlicher und sozialer Erziehung erschüttern und rui­nieren können, im Schoß der Familie vor so vielen un­schuldigen Seelen wiederholen würden.“ 13

Pius XII. fordert darum die verantwortliche Be­hörde zur Überwachung auf und verlangt katholische Mit­arbeit am Fernsehen, gemäß seinem Grundsatz, daß alle Fortschritte der Technik für die „Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“ nutzbar gemacht werden sollen.

13 A. A. S. vol. 46 (1954) p. 18 ss. — Hd. VIII, S. 229 f.

Im Juni 1954 fand zum ersten Male eine Gemeinschafts-sendung der verschiedenen europäischen Fernsehstationen statt, an der auch der Vatikansender teilnahm und Papst Pius XII. am Pfingstsonntag, den 6. Juni, in fünf Sprachen selbst vor der Fernsehkamera über die Bedeutung des Fernsehens sprach:

„… Das Fernsehen hat es auf die interessantesten Vorfälle des menschlichen Lebens abgesehen, und zwar gerade in dem Augenblick, da sie sich ereignen. Handle es sich nun um wissenschaftliche, künstlerische oder sportliche Ereignisse, um technische Bereiche oder soziale Belange: heute will jeder sofort unterrichtet werden, sozusagen daran teilnehmen und selber Augenzeuge sein. Der Wille, nur hochstehende Programme zu gestalten, nötigt zur Zusammenarbeit: dadurch werden die Lasten verteilt und das Bearbeitungsgebiet erweitert.“ (Aus dem französischen Abschnitt.)

„ . . . Kaum hat sich indes die weittragende Be-deutung dieses Werkzeugs zur Verbreitung von Kenntnissen und Wissen gezeigt, als sich schon gleich ein heikles Problem zu Wort meldet: Wie steht es um den sittlichen Wert der zum Teil neuen Welt, die das Fernsehen noch viel umfassender und anziehender eröffnet als Radio und Film? Ist es nicht möglich, daß sich neben Bestem auch anderes findet, das ein sittsames Empfinden verletzt? Ist es deshalb nicht doch wohl die erste und selbstverständliche Pflicht der Fernsehunternehmen wie der Zuschauer, eine umsichtige und passende Auswahl zu treffen? Der Gesellschaftskörper von heute weist bereits zu viele offene Wunden auf, die ihm die zersetzende Tätigkeit einer bestimmten Art von Presse, Film und Radio geschlagen hat. Wird vielleicht das neue, noch wirksamere Mittel das Übel nur verschlimmern, oder wird man von Anfang an sich bereit finden, etwas wirklich Aufbauendes und echt Gesundes zu schaffen? Die Sorge um den nötigen Absatz verleitet die Unternehmen oft zur Verbreitung von Unterhaltungsstoff und Stücken, die auf die minder edlen

menschlichen Instinkte abgestimmt sind und ihnen schmei-cheln. Es genügt nicht, die Folgen eines solchen Übels, besonders die diesseitstrunkene-selbstische Vergnügungssucht mit dem verschlossenen, harten Herzen gegenüber der Not und den Wünschen der Mitmenschen zu beklagen. Man muß in geeigneter Weise vorbeugen. Will die Television ihre glänzenden Versprechungen halten, so möge sie sich hüten, sich der billigen Künste zu bedienen, die nicht weniger dem guten Geschmack als dem sittlichen Empfinden so sehr widersprechen; sie möge davon Abstand nehmen, sich auf die unnatürlichen Erzeugnisse eines kranken Zeitgeistes einzulassen; es sei ihr vielmehr darum zu tun, die wahre Schönheit zur Anerkennung zu bringen und alles, was die Menschheitskultur und besonders die christliche Religion an Gesundem, Hohem und Bestem hervorgebracht hat und hervorbringt.“ (Aus dem deutschen Abschnitt.)

„Das Fernsehen kann Bilder vom tiefsten Trachten und Sehnen der Menschen auf den Bildschirm bannen: Bilder menschlicher Verbrüderung, Bilder von Gerechtig-keit und Frieden, Bilder von Familien- und Heimatliebe. Wir denken jetzt vor allem auch an euch, die ihr durch Krankheit oder Gebrechen ans Haus gefesselt seid und darum mehr als die anderen das Bedürfnis empfindet, im Geiste den heiligen Handlungen zu folgen und so euer Gebet mit jenem der Kirche zu vereinen. Euch versetzt nun das Fernsehen noch besser als das Radio ins Heiligtum. Möge diese europäische Gemeinschaftssendung Symbol und Versprechen sein — Symbol der Eintracht unter den Nationen: man kann sich so besser verstehen lernen, die Schönheiten anderer Länder und Kulturschätze kosten. So können Vorurteile zu Fall gebracht werden.“ (Aus dem englischen Abschnitt.)…14

Möge am Schluß dieses Kapitels die Mahnung des Heiligen Vaters zum Familiengebet stehen, wie er sie

14 A. A. S. vol. 46, p. 369 ss. — Hd. VIII, S. 45o f.

wiederum in einem Schreiben an Kardinal Griffin ausspricht:
„Das mächtigste Gegenmittel gegen die Übel, die die menschliche Gesellschaft in Gefahr bringen, ist das Gebet, zumal das gemeinschaftliche Gebet… Und welche Form gemeinschaftlichen Gebetes ist einfacher und wirksamer als der Familienrosenkranz, durch den Eltern und Kinder sich in flehentlichem Gebet zum ewigen Vater vereinigen, mittels der Fürsprache ihrer so liebevollen Mutter und in Betrachtung der heiligen Geheimnisse unseres Glaubens. Es gibt kein sichereres Mittel, Gottes Segen auf die Familie herabzuziehen und besonders den häuslichen Frieden und das Glück zu bewahren, als das tägliche Rosenkranzgebet. Abgesehen von seiner fürbittenden Kraft kann der Familienrosenkranz sehr weitreichende Wirkungen haben. Wenn die Gewohnheit dieser frommen Übung den Kindern in jungem und eindrucksfähigem Alter eingeprägt wird, werden sie auch später dem Rosenkranz treu bleiben, und ihr Glaube wird daraus Nahrung und Stärke ziehen.“ 15

15 Schreiben vom 14. Juli 1952. A. A. S. vol. 44, 2 (1952) P. 625. Hd. VII (1952/53) S. 18.

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

Ein Kommentar zu “PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FAMILIE

  1. Wieso die seltsame Abwertung der Mutter? Nur die Mutter kann die optimale kognitive Initialzündung für ihr Kind in den ersten Lebensjahren geben. Wenn dies infolge zu früher Fremdbetreuung immer weniger gegeben ist, ist zu befürchten, dass der wichtigste Schatz, den Deutschland besitzt, nur ungenügend sprachlich und kognitiv entwickelt vorliegen wird. (Siehe Ärztereport der Barmer Ersatzkasse vom Januar 2012 mit bereits jetzt schon ca. 40% sprachgestörten Kindern im Alter von 5 – 6 Jahren (Gründe: Zunahme Tagesmütter: 2006 ca. 14%, 2010: 23%; bereits 2015: 33%/ 62% bei 2-3Jährigen; enorme Lärmpegel in Kitas); logopädische Behandlungskosten etwa 1 Milliarde Euro).
    Bereits ab der 20. Gestationswoche hört der Foet im Mutterleib flüssigkeitsangekoppelt die Mutterstimme und ist nach der Geburt massiv darauf fixiert, sodass eine längere (max. bis zu 3 Jahren) dyadenspezifische Beziehung zwischen diesen beiden Personen notwendig ist, zumal in diesem Zeitraum zumindest zwei kürzere Phasen besonders begierigem Sprechlernen des Kleinkindes individuell verschieden auftreten [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014, ISBN 978-3-9814303-9-4]

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