Ich habe meinen Peinigern vergeben

Das Zeugnis von Kardinal Ernest Simoni

Kardinal Simoni bei der Übernahme seiner Titelkirche, der Diakonie Santa Maria della Scala.

Drohungen, Verfolgung, Gewalt, dann die Ketten des Kerkers: Nichts von alldem war in der Lage, die menschliche und geistliche Statur von Ernest Simoni zu schwächen. Der im Konsistorium vom vergangenen 19. November von Papst Franziskus zum Kardinal kreierte 88-jährige Priester aus Albanien ist der zweite Kardinal in der Geschichte des Landes der Adler nach Mikel Koliqi, den das Regime ebenfalls 37 Jahre lang eingekerkert hatte. Kardinal Simoni feierte am Morgen des 11. Februar d.J. gemeinsam mit dem Papst die heilige Messe in Santa Marta und nahm am Nachmittag des folgenden Tages seine Titelkirche, die Diakonie »Santa Maria della Scala«, in Besitz. In diesem Interview mit dem »L’Osservatore Romano« blickt er auf wichtige Etappen seines Lebens zurück.

Woran denken Sie, wenn Sie sich an die Zeit der Verfolgung erinnern?

Kardinal Simoni: Mein erster Gedanke ist, dass es mir gelang, sie mit Hilfe der Gnade des Herrn, der ich mich anvertraut habe, zu überwinden. Alles ist vorübergegangen, während ich gebetet, gehofft und versucht habe, mit der Kraft der Gnade, die aus der Liebe Gottes kommt, bis zum Ende auszuhalten. Ich habe meine Peiniger nie gehasst. Ich wurde am 24. Dezember 1963 verhaftet, in der Weihnachtsnacht, während der Messfeier in der Kirche von Barbullush. Man hat mich mit der Begründung »Agitation und Propaganda« zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Ich habe die Strafe in den Gefängnissen von Rubik, Vlorë, Laç, Elbasan verbüßt und war dann zehn Jahre im Gefängnis von Spaç, wo ich in den Bergwerken gearbeitet habe. Nach 1990 und der wiedergewonnenen Freiheit habe ich in den Pfarreien von Barbullush und Trush, in Fushë Arrëz Dienst getan und überall dort, wohin mich die Gläubigen gerufen haben.

Gab es besonders schwierige Augenblicke?

Kardinal Simoni: Ich erinnere mich, dass auch ich zusammen mit weiteren zwölf Gefangenen 1973 bei der Revolte im Gefängnis von Spaç zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde, und zwar aufgrund der – unwahren – Beschuldigung, zu den Verantwortlichen der Unruhen zu gehören. Aber die Sigurimi, die Geheimpolizei, hatte alle Phasen der Revolte gefilmt, so haben sie meine Unschuld erkannt und ich wurde nicht getötet. Ein andere sehr harte Zeit war, als sie mich in Ketten gelegt hatten, und ich fast gestorben wäre. Nachdem ich die ganze Strafe abgebüßt hatte, kam ich 1981 frei und habe bis 1990 in den Abwasserkanälen gearbeitet. Vorher hatte ich in einigen Dorfpfarreien Dienst getan: Kabash, Pukë, Kukël, Gocaj, Barbullush, Mal i Jushit, Torrovicë, Sumë.

Wie ist heute die Situation der Kirche in Albanien?

Kardinal Simoni: In Albanien gab es eine sehr schwierige Zeit, vor allem für die Kirche. Zur Zeit ist die Situation gut, das Volk ist fromm. Ich hoffe, dass es einen erneuerten Elan geben wird, um alle Albaner durch das gemeinsame Gebet zu Gott zu führen. Ich werde weiter dem Volk Gottes dienen, wie ich das immer getan habe, um die Liebe Jesu zu verbreiten und das Heil zu verkünden, das allein von ihm kommt. In der Di­özese engagiere ich mich für einige Treffen. Manchmal feiere ich die heilige Messe in der Kathedrale oder in meiner Pfarrei. Ich bin bereit, wohin auch immer man mich einlädt, Gottesdienst zu feiern und meinen Rat zu geben, damit alle Jesus näherkommen. Ich empfehle immer das Gebet des Rosenkranzes zur Muttergottes, die möchte, dass die ganze Welt gerettet wird.

Wie haben Sie die Ernennung zum Kardinal aufgenommen?

Kardinal Simoni: Für mich war es eine Überraschung. Ich danke der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Muttergottes und dem Papst für die geistliche Gabe, die mir zum Wohl der Kirche und der Menschen geschenkt worden ist. Alles geschah ganz unerwartet, ich habe nicht damit gerechnet und deshalb bete ich sehr viel, um diese Sendung im Dienst des Volkes Gottes fortsetzen zu können.

Was hat Sie bei Ihren Begegnungen mit Papst Franziskus am meisten beeindruckt?

Kardinal Simoni: Alle Päpste sind groß, aber Franziskus hat ein Herz voller Liebe zu den Armen und Leidenden. In ihnen sieht er Jesus. Er will allen den Frieden und die göttliche Gnade bringen und bezeugen, dass Jesus allein das Heil der Menschen ist. Die Begegnung mit ihm während seines Besuchs in Tirana am 21. September 2014 in der Kathedrale ist mir sehr lebendig im Gedächtnis und im Herzen. Bei der väterlichen Umarmung war der Papst gerührt und ich mit ihm, als er mich an sich gedrückt hat. Und ich habe eine schöne Erinnerung auch an den Besuch in Assisi am 20. September 2016, als ich bei Tisch an seiner Seite saß.

Von Nicola Gori (Orig. ital. in O.R. 12.2.2017)

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