Die Kirche als Sakrament

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Jesus, WJT 2016 / CCEW – Mazur, CC BY-NC-SA

Der Gedanke geht auf die Heilige Schrift zurück

Pater Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Frage über das Wesen der Kirche.

Frage: Warum ist die katholische Kirche ein Sakrament? – A.A., Wiaga, Ghana

Pater Edward McNamara: Das ist eine ziemlich anspruchsvolle Frage und ihre Beantwortung wäre fast eine ganze Abhandlung wert. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.

Bei diesem Thema stützen sich die meisten Autoren auf das Zweite Vatikanische Konzil. In der Liturgiekonstitution des Konzils, Sacrosanctum concilium, heißt es unter Nr. 5:

„Dieses Werk der Erlösung der Menschen und der vollendeten Verherrlichung Gottes, dessen Vorspiel die göttlichen Machterweise am Volk des Alten Bundes waren, hat Christus, der Herr, erfüllt, besonders durch das Pascha-Mysterium: sein seliges Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt. In diesem Mysterium hat er durch sein Sterben unseren Tod vernichtet und durch sein Auferstehen das Leben neugeschaffen. Denn aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis („sacramentum“) der ganzen Kirche hervorgegangen.“

In der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium, Nr. 9) bestätigt das Konzil diesen Gedanken:

„Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei. Bestimmt zur Verbreitung über alle Länder, tritt sie in die menschliche Geschichte ein und übersteigt doch zugleich Zeiten und Grenzen der Völker.“

Später wird die Kirche in diesem Dokument (Nr. 48) ausdrücklich als das „allumfassende Heilssakrament“ bezeichnet.

Es wäre allerdings verkehrt, anzunehmen, die Bezeichnung der Kirche als Sakrament stamme aus den frühen 1960er Jahren und wäre plötzlich aus dem Nichts entstanden. Die Heilige Schrift beschreibt das Geheimnis der Kirche (manchmal mit praktisch gleicher Wortwahl wie das lateinische Wort sacramentum oder Sakrament): „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16); und sie bezeugt, dass sich in der Kirche die Gegenwart Gottes offenbart (Lk 12,32; Mk 4,26-29). Das Geheimnis des Leibes Christi (1 Kor 12,1 u.ff.) wird mit sichtbaren Bildern wie dem der Herde, des Weinstocks, des Hauses, des Tempels und der Braut ausgedrückt.

Auch die Kirchenväter finden hierfür bemerkenswerte Ausdrücke. In der Didache (um 90 – 120 n.Chr.) ist die Rede vom „kosmischen Geheimnis der Kirche“. Der hl. Cyprian (gest. 258) nennt die Kirche das „große Heilsgeheimnis“, und der hl. Augustinus (354-430) bezieht sich auf sie als „das wunderbare Sakrament, das aus der Seite Christi hervorging“, was auch oben in der Liturgiekonstitution (Nr. 5) zitiert wird.

In der Liturgie finden wir mehrere Beispiele. In einem Gebet, das dem heiligen Papst Leo dem Großen (390-461) zugewiesen wird und im Gelasianischen Manuskript aus dem Jahre 750 zu finden ist, wird die Kirche das wunderbare Sakrament genannt, das das Heilswerk fortsetzt und die erneuerte Welt zu ihrem ersten Ziel zurückkehren lässt. Mit anderen Worten muss die Kirche als Christi Neuschöpfung das Sakrament sein, das die Welt zu Gottes ursprünglichem Plan zurückbringt.

Mit der Ankunft der scholastischen Theologie verlor die Auffassung der Kirche als Sakrament eine Zeitlang an Bedeutung, doch wurde der Gedanke im 19. und 20. Jahrhundert allmählich wiederbelebt. In den Jahrzehnten vor dem II. Vaticanum wurde diese Thema von einigen großen Theologen umfassend behandelt.

Der Katechismus fasst das, was bisher hierüber gesagt wurde, in gewisser Weise zusammen, und behandelt den Begriff in mehreren Abschnitten, die sich auf die Kirche als allumfassendes Heilssakrament beziehen (vor allem in den Nrn. 774-776):

„774. Das griechische Wort „mysterion“ (Geheimnis) wurde auf lateinisch durch zwei Ausdrücke wiedergegeben: durch „mysterium“ und „sacramentum“. In der späteren Deutung drückt der Begriff „sacramentum“ mehr das sichtbare Zeichen der verborgenen Heilswirklichkeit aus, die mit dem Begriff „mysterium“ bezeichnet wird. In diesem Sinn ist Christus selbst das Heilsmysterium: „Das Mysterium Gottes ist nichts anderes als Christus“ (Augustinus, ep. 187,11,34). Das Heilswerk seiner heiligen und heiligenden Menschennatur ist das Heilssakrament, das sich in den Sakramenten der Kirche (die von den Ostkirchen auch als „die heiligen Mysterien“ bezeichnet werden) bekundet und in ihnen wirkt. Die sieben Sakramente sind die Zeichen und Werkzeuge, durch die der Heilige Geist die Gnade Christi, der das Haupt ist, in der Kirche, die sein Leib ist, verbreitet. Die Kirche enthält und vermittelt also die unsichtbare Gnade, die sie bezeichnet. In diesem analogen Sinn wird sie „Sakrament“ genannt.“

„775. „Die Kirche ist in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts“. Das erste Ziel der Kirche ist, das Sakrament der tiefen Vereinigung der Menschen mit Gott zu sein. Weil die Gemeinschaft unter den Menschen in der Vereinigung mit Gott wurzelt, ist die Kirche auch das Sakrament der Einheit des Menschengeschlechtes. In ihr hat diese Einheit schon begonnen, denn sie sammelt Menschen „aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“. Gleichzeitig ist die Kirche „Zeichen und Werkzeug“ des vollen Zustandekommens dieser noch ausstehenden Einheit.

„776.  Als Sakrament ist die Kirche Werkzeug Christi. Die Kirche ist in den Händen Christi „Werkzeug der Erlösung aller“, „allumfassendes Sakrament des Heiles“, durch das Christus die „Liebe Gottes zum Menschen zugleich offenbart und verwirklicht“. Sie ist „das sichtbare Projekt der Liebe Gottes zur Menschheit“ (Paul VI., Ansprache vom 22. Juni 1973). Diese Liebe will, „dass das ganze Menschengeschlecht ein einziges Volk Gottes bilde, in den einen Leib Christi zusammenwachse und zu dem einen Tempel des Heiligen Geistes aufgebaut werde“.“

Wie der Katechismus erklärt, ist die Verwendung des Begriffs „Sakrament“ für die Kirche analog zu verstehen und bedeutet nicht, dass sie das achte Sakrament ist.

Wenn wir die Kirche selbst als Sakrament ansehen, hilft uns das, besser zu erfassen, wie die sieben Sakramente sich innerhalb der Kirche selbst darstellen. Wir können dadurch deutlicher wahrnehmen, wie sich die Teilnahme an den Sakramenten über die Gottesbeziehung des Einzelnen hinaus auswirkt und zur größeren Heiligkeit des gesamten Leibes beiträgt.

Dieser Begriff erhellt auch klassische Aussprüche wie „Die Kirche schafft die Eucharistie, und die Eucharistie schafft die Kirche“. In gewisser Weise herrscht zwischen der Eucharistie und dem gesamten liturgischen und sakramentalen Leben der Kirche ein ständiger Austausch. Über die Kirche und über die Sakramente gelangt Christi grundlegendes Heilswerk zur Einzelperson, und gleichzeitig heiligt und baut es die Kirche auf, wenn der Einzelne diese Heils-Tat annimmt.

Die Spiritualität, die man durch die Annahme dieser gundlegenden Einheit in Christus, die alle Mitglieder der Kirche miteinander teilen, herleiten kann (denn schließlich ist die Kirche auch ein Sakrament für die Welt und jeder Mensch kann an ihr teilhaben), kann uns dahin führen zu verstehen, dass jede gute Tat (und auch unsere weniger guten Taten) Folgen hat, die über unsere unmittelbare Umgebung hinaus unermesslich weite Kreise ziehen, die sich nicht nur „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ erstrecken, sondern dank der Gemeinschaft der Heiligen bis zum Himmel gelangen.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel
https://zenit.org/articles/liturgy-q-a-church-as-sacrament/

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Quelle

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