Krieg in der Ost-Ukraine: Hunger, Bomben, Traumata

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Ukraine in Not (Filmausschnitt)

Hunger, Bomben und Traumata im Herzen des europäischen Kontinentes, und die Welt schaut weg – dabei sind die Opfer des Krieges in der Ostukraine vor allem Kinder: Mit einem flammenden Appell hat sich der Großerzbischof von Kiew-Halytsch jetzt an die internationale Gemeinschaft gewandt. Das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche fordert darin eine diplomatische Lösung der Krise und besonderen Schutz für die minderjährigen Opfer des Konflikte, der nunmehr ins vierte Jahr geht. Laut UNO-Angaben leben in der Ukraine derzeit mindestens eine Millionen hilfsbedürftige Kinder.

Kinder, die verstummen. Kinder, die hungern. Kinder, die beim Spielen umkommen. Es sind schockierende Einblicke, die der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk im Interview mit Radio Vatikan in den Kriegsalltag in der Ostukraine gibt. In der so genannten „Grauen Zone“, die zwischen den von prorussischen Separatisten und den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gegenden liegt, sitzen laut Angaben des Kirchenmanns fast 200.000 Zivilisten fest. Es handele sich vorrangig um alte Menschen und Mütter mit kleinen Kinder, die seit über drei Jahren ständigen Bombardements ausgesetzt seien:

„Sie können nicht weg, denn sie wissen nicht, wohin! Laut offizieller Unicef-Angaben leben in der grauen Zone 12.000 Kinder. Wir können von vielen Fällen bestätigen, dass viele dieser Kinder nicht nur physisch, sondern auch psychologisch verletzt wurden: Da gibt es Kinder, die nach Bombenangriffen nicht mehr sprechen. Wir als Kirchenvertreter tun das Möglichste, um diese Menschen zu erreichen. Der Staat kommt hier nicht an, nur die religiösen Gemeinschaften, bewegt durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten, haben die innere Kraft, diese Menschen erreichen zu wollen.“

Auch bei den Zivilisten, die in den besetzten Gebieten weiter östlich eingekerkert sind, kommen kaum humanitäre Hilfen an, berichtet Schewtschuk weiter. Die Kirche tue ihr Möglichstes, um diesen Menschen zu helfen: „Die einzige Möglichkeit unserer Kirche ist hier, Hilfsmittel über unsere Priester vor Ort hineinzubringen: Sie fahren zwischen dem von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiet und den besetzten Gebieten hin und her, füllen ihre Autos mit Grundnahrungsmitteln und bringen sie den Leuten. Die Menschen leiden dort Hunger!“ Papst Franziskus hatte zuletzt eine Spendenaktion für die Menschen der Ostukraine initiiert. Dank der Aktion könnten die kirchlichen Mitarbeiter vor Ort zumindest die nötigsten Dinge für das Überleben der Menschen kaufen, so Schewtschuk. Der Papst sei Dank seines Nuntius über die aktuelle Lage bestens informiert.

Das Leben der Kinder in den Kriegsgebieten sei durch Entbehrungen und ständige Gefahr gekennzeichnet, fährt der Kirchenmann fort: „Es ist wirklich bedrückend zu sehen, wie diese Kinder leben, wie sie in fast komplett zerstörten Schulen lernen. 19.000 Kinder in dieser Gegend sind zudem wegen Minen und verstecktem Sprengstoff in andauernder Gefahr. In jedem Klassenraum hängt ein Schild, das davor warnt, unbekannten Objekte anzufassen, aber trotzdem verletzt sich jeden Tag ein Kind. Die paramilitärischen Gruppen lassen auf dem Territorium Spielzeug voll mit Sprengstoff zurück: und diese Objekte fassen nicht die Soldaten, sondern leider die Kinder an.“

Eine weitere Gruppe von Zivilisten, die dringend Hilfe brauche, seien die zahlreichen Vertriebenen aus den besetzten Gebieten und der grauen Zone, die sich im zentral-westlichen Teil der Ukraine gesammelt hätten. „Offiziell spricht man da derzeit von 1.700.000 Menschen, doch die tatsächliche Zahl ist sehr viel höher, man geht hier von über zwei Millionen aus. Innerhalb unserer ukrainischen griechisch-katholischen Kirche haben wir die nationale Caritas; sie ist praktisch das einzige Mittel, mit dem man diesen Menschen zu helfen versucht.“

Eine effektive Waffenruhe ist laut Schewtschuk der einzige Weg, um die Gewalt zu stoppen und den Menschen wirklich helfen zu können. Im Interview mit Radio Vatikan bestätigt der Großerzbischof von Kiew-Halytsch, dass die letzte Vereinbarung in diese Richtung vor Ort keine Wirkung zeigt: „Wir erhalten Nachrichten, dass die Zusammenstöße weitergehen. Die letzte angekündigte Waffenruhe besteht also de facto nicht. Dieser militärische Konflikt geht schon seit drei Jahren: Schwere Waffen gelangen weiter auf ukrainisches Territorium und das verursacht wirklich schweres Leid für die Bevölkerung.“

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz hatten die Außenminister Russlands und der Ukraine, Sergej Lawrow und Pawel Klimkin, einen neuen Anlauf für eine Waffenruhe unternommen. Die neue Waffenruhe, die in einer Kontaktgruppe zwischen den Separatisten und der ukrainischen Regierung vereinbart worden war, war von der Sicherheitsorganisation OSZE verkündet, von den Kampfparteien vor Ort jedoch nicht eingehalten worden. Seit Beginn des Krieges sind laut offiziellen Angaben mindestens 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

(rv 23.02.2017 pr)

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