NACHFOLGER PETRI UND STELLVERTRETER CHRISTI

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Der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller befasst sich in seinem aktuellen Werk mit dem Papstamt.

Von Helmut Hoping

 

Passend zum Lutherjahr 2017 legt der Präfekt der Glaubenskongregation ein gut sechshundert Seiten starkes Buch über Sendung und Auftrag des Papstes vor. Zu Beginn steht ein sehr persönlich gehaltenes Kapitel zu den Päpsten seiner Lebensgeschichte – von Pius XII. bis Franziskus. En passant werden dabei auch die Theologen gestreift, die ihn besonders beeinflusst haben, darunter Johann Adam Möhler (1796–1838), Henri de Lubac (1896–1991), Hans Urs von Balthasar (1905–1988), der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez, Kardinal Lehmann und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

In seinen Ausführungen zum aktuellen Pontifikat von Franziskus zitiert der oberste Glaubenshüter des Vatikans sein Statement in der außerordentlichen Bischofssynode zur Familie von 2015. Mit seiner klaren Darlegung der katholischen Ehelehre sowie der Warnung, in die Substanz des Ehesakraments einzugreifen, liest es sich wie ein Kommentar zu den widersprüchlichen Interpretationen des achten Kapitels von Amoris laetitia. Es ist nicht der einzige aktuelle Bezug des Papstbuches.

Die weiteren Kapitel behandeln die klassischen Themen einer Theologie des Papstamtes: Geschichte des Lehr- und Leitungsprimats des römischen Bischofs, Verhältnis von Papst und Bischofskollegium, ordentliches und außerordentliches Lehramt, Papsttum und die christliche Ökumene. Die Schlusskapitel beschäftigen sich mit dem Papst als Anwalt der Würde des Menschen und analysieren die Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die göttlichen Tugenden.

Der Papst als oberster Lehrer und Hirte der Kirche

Der Bischof von Rom ist der Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi. Als der universale Hirte, der seine Mitbrüder im Glauben zu stärken hat, ist er zugleich das konkrete Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen. Wie die universale Kirche, der er vorsteht, ist er an die Regel des Glaubens, die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung gebunden.

Die episkopale Verfassung der Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, die durch einen Bischof geleitet werden, ist göttlichen Rechts und kann daher vom Papst nicht aufgehoben werden. Mehrfach betont Kardinal Müller, dass der einzelne Bischof Amt und Vollmacht durch seine Weihe erhält. Das Bischofskollegium existiert aber nicht ohne sein Haupt, bei dem der Primat der Lehre und der Leitung der gesamten Kirche liegt, der mit den Prinzipien einer recht verstandenen Synodalität zusammenzudenken ist.

Da das lehramtliche Handeln des Nachfolgers Petri als oberstem Lehrer des Glaubens nicht den Interessen der vatikanischen Diplomatie untergeordnet werden dürfe, findet es der Glaubenspräfekt fragwürdig, dass das Staatssekretariat im Zuge der nachkonziliaren Kurienreform den Kongregationen der Kurie vorangestellt wurde.

Zum ordentlichen Lehramt des Papstes heißt es, dass auch der Stellvertreter Christi irren und sündigen könne, wenn er etwa an der Aufgabe schuldig werde, den Glauben treu zu verkünden und auszulegen. Eine Aussage ist nicht schon deshalb wahr, weil sie vom Papst stammt, sondern weil sie der Glaubenslehre der Kirche entspricht. Der Nachfolger Petri könne etwa „nicht die inhärenten Zulassungsbedingungen zu den Sakramenten“ ändern und „einem Katholiken im Stand der Todsünde ohne dessen Reue und Vorsatz, die Sünde von da an zu meiden, die sakramentale Absolution erteilen und ihm den Empfang der heiligen Kommunion erlauben, ohne sich an der Wahrheit des Evangeliums und dem Heil der so in die Irre geführten Gläubigen zu versündigen“.

Die Fülle der Vollmacht verlangt vom Papst „strengste Gewissensprüfung vor dem Herrn der Kirche“ und die Bereitschaft, „auf den brüderlichen Rat der Mitbischöfe“ zu hören. Zudem hat er „von den Kardinälen und engsten Mitarbeitern der Kurie konstruktive Kritik entgegenzunehmen“. Die römische Kurie ist aber „keine Zwischeninstanz zwischen dem Papst und den Bischöfen“.

Unfehlbare Irrtumsfreiheit kommt dem Papst nur dann zu, wenn er den Glauben der Kirche in seinem außerordentlichen Lehramt letztverbindlich vorträgt und auslegt. Diese vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigte Form des Lehramtes der Kirche beruht auf ihrer Unfehlbarkeit im Glauben. Dieser könne nicht durch Umfragen festgelegt werden; was an Auffassungen im Volk Gottes im Dissens zur geoffenbarten und von der Kirche vorgelegten Glaubenslehre stehe, sei kein Ausdruck des sensus fidelium. Scharfe Kritik übt Kardinal Müller an der These von der „Lebenswirklichkeit“ als Offenbarungsquelle, an der die Lehre der Kirche angeblich zu messen sei.

Zurückgewiesen wird auch die These vom Kontinuitätsbruch zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil, die für den Glaubenspräfekten einen häretischen Widerspruch gegen die Einheit der Offenbarung und die Einzigkeit der Kirche darstellt. Gegen eine falsche Hermeneutik des letzten Konzils seien seine Dokumente von den beiden dogmatischen Konstitutionen über die Offenbarung und die Kirche her zu interpretieren. Ausführlicher hätte man dabei auf die umstrittene These von den zwei kontradiktorischen Ekklesiologien des Konzils eingehen können.

Die vom Konzil vorgenommene Integration des Papstamtes in das Ganze der Kirche und des Episkopats bedeute keine Relativierung. Ebenso wenig sei an die Stelle der bischöflich verfassten Kirche, mit dem Papst als ihrem sichtbaren Prinzip der Einheit, eine demokratisierte Kirche getreten. „Die Kirche ist kein Volk, das sich eine Verfassung gibt und seine Regierung wählt.“

Als Luther seine polemische Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“ veröffentlichte, waren seit den Ablassthesen von 1517 nahezu drei Dezennien vergangen. Luther wollte anfänglich die Kirche erneuern, doch sah er die hierarchisch und sakramental verfasste Kirche schon bald in einem grundlegenden Widerspruch zur Rechtfertigung allein durch Glaube und Gnade. Luthers Rechtfertigungslehre hätte nach dem Urteil Kardinal Müllers nicht zwangsläufig zum Bruch mit der katholischen Kirche führen müssen. Die Ablehnung der kirchlichen Hierarchie und damit einhergehend der „protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ hatten aber die Kirchenspaltung zur Folge.

Der Glaubenspräfekt neigt nicht dazu, die Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den reformatorischen Kirchen zu nivellieren, er vertritt aber auch keine Ekklesiologie der Profile, die vor allem das Trennende betont. Er weiß, worin die Konfessionskirchen übereinkommen, weiß aber auch um die nur schwer zu überbrückende Kluft zwischen dem evangelischen und dem katholischen Kirchenverständnis. Johann Adam Möhler, der öfter zitiert wird, sprach mit Blick auf das sakramentale Kirchenverständnis von einer „ungeheuren Differenz“, Kardinal Müller von „nur schwer kompatiblen Ansätzen“.

Ziel der Ökumene ist die Versöhnung der Gegensätze

Gelegentlich gewinnt man heute den Eindruck, das Ziel der Ökumene sei nicht mehr die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung, sondern das, was man „versöhnte Verschiedenheit“ nennt – ein anderes Wort dafür, dass man sich gegenseitig anerkennt wie man ist. Der Glaubenspräfekt erinnert an die bleibende Gültigkeit der katholischen Prinzipien des Ökumenismus, die das Konzilsdekret Unitatis redintegratio formuliert. Ziel der Ökumene sei „nicht versöhnte Verschiedenheit – mit dem Ton auf bleibende Verschiedenheit –, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra.“

Damit meinte Kardinal Müller keine Rückkehrökumene, wie sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten wurde, wohl aber eine sichtbare Einheit als Gemeinschaft von Kirchen, die immer mehr eine Kirche werden.

Es fällt auf, dass Papst Franziskus für das Verhältnis der christlichen Kirchen nicht mehr wie das Zweite Vatikanische Konzil das Bild der konzentrischen Kreise verwendet, mit der katholischen Kirche als Zentrum des inneren Kreises, sondern das Bild des Polyeder, der kein sichtbares Zentrum besitzt.

Eigens würdigt Kardinal Müller das historische Treffen von Franziskus und Kyrill, dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche: Eine Union der katholischen Kirche und der Kirchen der Orthodoxie liegt nach Meinung von Kardinal Müller im Bereich des Möglichen, auch wenn sie durch unterschiedliche kulturelle Mentalitäten und noch bestehende Lehrdifferenzen bezüglich der Stellung des Papstes erschwert wird.

Was den Primat des Papstes betrifft bleibe ökumenisch gültig, was Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut unum sint (1995) schreibt: Die volle Gemeinschaft der Kirchen verlange die Communio mit dem Nachfolger Petri, doch sei es nötig, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet.“ Wie Joseph Ratzinger mehrfach betonte, dürfe man von den mit Rom nicht verbundenen Kirchen des Ostens in Bezug auf die Lehre vom päpstlichen Primat nicht mehr verlangen, als in der Theologie bis zur ersten Millenniumswende gegeben war.

Als universaler Hirte führt der Papst die Herde Christi durch die Zeit und tritt als Anwalt der Würde des Menschen und Lehrer seiner Vollendung für die Verteidigung des natürlichen Sittengesetzes sowie der Menschenrechte ein. Dazu gehört das in der Kirche längere Zeit umstrittene Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit, was eine ausführlichere Behandlung verdient hätte.

Zur Aufgabe des Nachfolgers Petri gehört es ebenso, die Wahrheit Gottes und des Menschen zu verteidigen, wie sie sich im Licht der Offenbarung zeigt. In der Relativierung der Wahrheit sieht Kardinal Müller die größte Gefahr für die Freiheit des Menschen. Mit Benedikt XVI. fordert er eine neue Synthese von Glaube und Vernunft.

Am Ende des Papstbuches stehen Ausführungen zu den Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Dabei geht Kardinal Müller von einer Aussage des „Katechismus der Katholischen Kirche“ aus: „Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit“ (KKK 2034).

Der cantus firmus der Enzyklika Lumen fidei (2013) über den Glauben ist das „Licht des Glaubens“, das sich an Christus, dem „Licht der Völker“ entzündet – eine Anspielung auf die Konzilskonstitution Lumen gentium. Den Glauben, der in der Lage ist, die eindimensionale Vernunft zu weiten, hat der Nachfolger Petri fortiter et suaviter (kraftvoll und mild) zu verkünden, so wie die Wahrheit Gottes den Menschen zu überzeugen vermag. Die christliche Hoffnung, die sich auf die Vollendung des Reiches Gottes im ewigen Leben bei Gott richtet, wird mit der Enzyklika Spe salvi (2007) von politischen Erlösungstheorien abgegrenzt.

Die Enzyklika Deus caritas est (2005) über die Liebe hat von den Lehrschreiben über die göttlichen Tugenden nicht ohne Grund die größte Aufmerksamkeit gefunden. Denn die christliche Religion ist die Religion der Liebe: „Wir haben die Liebe Gottes erkannt und ihr geglaubt“ (1 Johannes 4, 16). Die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes, die Franziskus zum Hauptthema seines Pontifikats gemacht hat, sieht der Glaubenspräfekt in der Kontinuität zur Enzyklika Deus caritas est. Gleichzeitig beobachtet er in der ortskirchlichen Lehrverkündigung die Gefahr einer fragwürdigen Auffassung der göttlichen Barmherzigkeit, die den inneren Zusammenhang von Liebe und Wahrheit, Gerechtigkeit und vergebender Liebe auseinanderzureißen droht.

Mit seiner Mischung aus theologischem Traktat De papa, Analysen päpstlicher Lehrschreiben und Kommentaren zur Lage des Glaubens ist die Lektüre des Buches von Kardinal Müller sehr zu empfehlen. Unter den Lesern, so ist zu wünschen, wird auch Papst Franziskus sein. Das Vorwort des Buches ist auf das Fest cathedra Petri 2017 datiert, zu dem es in den Buchhandel kommt.

Gerhard Kardinal Müller: Der Papst – Sendung und Auftrag. Herder, Freiburg, 2017, 608 Seiten, gebunden,

ISBN 978-3-451-37758-7, EUR 29,99

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