„Wir Christen sind Frauen und Männer der Hoffnung“

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Generalaudienz, 1. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Generalaudienz von Mittwoch, dem 1. Februar 2017 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz von Mittwoch, dem 1. Februar 2017, in der Audienzhalle „Paul VI.“.

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Die christliche Hoffnung – 9. Der Helm der Hoffnung (1 Thess 5,4-11)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vergangenen Katechesen begann unser Weg zum Thema der Hoffnung durch eine neue Betrachtung einiger Teile des Alten Testamentes aus dieser Perspektive. Nun wollen wir dazu übergehen, die außergewöhnliche Tragweite zu beleuchten, die diese Tugend im Neuen Testament bei der Begegnung mit der von Jesus Christus verkörperten Neuheit und dem Osterereignis annimmt: die christliche Hoffnung. Wir Christen sind Frauen und Männer der Hoffnung.

Dies tritt bereits mit dem ersten geschriebenen Text – dem ersten Brief des hl. Paulus an die Thessalonicher –  mit großer Klarheit hervor. Aus der vernommenen Passage tritt die gesamte Frische und Schönheit der ersten christlichen Ankündigung  hervor. Die Thessalonicher sind eine junge und kürzlich gegründete Gemeinde; dennoch ist sie trotz der Schwierigkeiten und zahlreichen Prüfungen im Glauben verankert und feiert die Auferstehung des Herrn Jesus mit Begeisterung und Freude. Der Apostel freut sich somit von Herzen über alle, denn die zu Ostern Neugeborenen werden tatsächlich „Söhne des Lichts und Söhne des Tages“ (5,5) kraft der vollen Gemeinschaft mit Christus.

Zum Zeitpunkt der Entstehung Paulus‘ Brief wurde die Gemeinde von Thessalonich soeben gegründet und nur wenige Jahre trennen sie vom Ostern Christi. Aus diesem Grund versucht der Apostel, alle Wirkungen und Folgen dieses einzigartigen und entscheidenden Ereignisses – die Auferstehung des  Herrn – für die Geschichte und das Leben eines jeden Einzelnen begreiflich zu machen. Insbesondere bestand die Schwierigkeit der Gemeinde nicht so sehr in der Anerkennung der Auferstehung Jesu – alle glaubten daran -, sondern vielmehr im Glauben an die Auferstehung der Toten. Ja, Jesus ist auferstanden, doch die Schwierigkeit lag darin zu glauben, dass die Toten auferstehen. In diesem Sinne offenbart sich dieser Brief als höchst aktuell. Jedes Mal, wenn wir unserem Tod oder jenem eines lieben Menschen gegenüberstehen, spüren wir, dass unser Glaube auf den Prüfstand gebracht wird. All unsere Zweifel und unsere gesamte Schwachheit treten hervor und wir fragen uns: „Aber gibt es tatsächlich ein Leben nach dem Tod …? Werde ich die Menschen, die ich geliebt habe, noch sehen und umarmen können …?“. Diese Frage hat mir vor einigen Tagen eine Frau im Rahmen einer Audienz gestellt. Sie hat den folgenden Zweifel geäußert: „Werde ich meiner Familie begegnen?“ Im aktuellen Kontext haben es auch wir eine Rückkehr zu den Wurzeln und Fundamenten unseres Glaubens vonnöten, sodass uns bewusst wird, was Gott für uns in Jesus Christus bewirkt hat und was unser Tod bedeutet. Wir alle haben ein wenig Angst vor dieser Unsicherheit des Todes. Ich erinnere mich an einen guten alten Mann, der sagte: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe ein wenig Angst davor, ihn kommen zu sehen“. Davor hatte er Angst.

Paulus lädt uns angesichts der Furcht und der Verblüffung der Gemeinde dazu ein, „die Hoffnung des Heils“ vor allem in den Prüfungen und schwierigsten Momenten unseres Lebens wie einen Helm fest auf dem Haupt zu tragen. Sie ist ein Helm. Das ist die christliche Hoffnung. Wenn von Hoffnung die Rede ist, können wir dazu bewogen werden, sie der gewöhnlichen Bedeutung des Begriffs entsprechend zu verstehen, d.h. in Bezug auf etwas Schönes, das wir uns wünschen, das sich jedoch verwirklichen kann oder auch nicht. Wir hoffen, dass es geschieht, es ist wie ein Wunsch. Man sagt beispielsweise: „Ich hoffe, dass das Wetter morgen schön sein wird!“; wobei wir jedoch wissen, dass das Wetter am nächsten Tage auch schlecht sein kann … Die christliche Hoffnung ist anders. Die christliche Hoffnung ist die Erwartung auf etwas schon Vollendetes; dort ist die Türe und ich hoffe, dass ich bei der Türe ankomme. Was muss ich tun? Auf die Türe zugehen! Ich bin mir sicher, dass ich bei der Türe ankomme. So ist die christliche Hoffnung: die Gewissheit haben, dass ich auf etwas zugehe, das ist und von dem ich möchte, dass es ist. Das ist die christliche Hoffnung. Die christliche Hoffnung ist die Erwartung auf etwas schon Vollendetes und das sich mit Sicherheit für jeden von uns verwirklicht. Auch unsere Auferstehung und jene unserer lieben Verstorbenen ist daher nicht etwas, das geschehen kann oder auch nicht, sondern insofern eine sichere Realität, als sie im Ereignis der Auferstehung verwurzelt ist. Hoffen bedeutet daher zu lernen, im der Erwartung zu leben, in der Erwartung leben zu lernen und das Leben zu finden. Wenn eine Frau erkennt, dass sie schwanger ist lernt sie jeden Tag, in der Erwartung zu leben, dem Blick des kommenden Kindes zu begegnen. Daher müssen auch wir leben und von diesen menschlichen Erwartungen lernen und in der Erwartung leben, den Herrn zu sehen und ihm zu begegnen. Dies ist nicht einfach, doch man lernt: in der Erwartung leben. Hoffen bedeutet und impliziert ein demütiges und armes Herz. Nur ein Armer kann warten. Wer schon voll von sich selbst und seinem Besitz ist, vermag es nicht, sein Vertrauen auf einen anderen zu setzen.

Ebenso schreibt der hl. Paulus: „Er [Jesus] ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen“ (1 Thess 5,10). Diese Wortegeben uns stets Grund für großen Trost und Frieden. Wir sind dazu berufen, auch für die geliebten Menschen, die uns verlassen haben, zu beten, damit sie in Christus und in voller Gemeinschaft mit uns leben. In besonderer Weise berührt mich ein Satz des hl. Paulus an die Gemeinde von Thessalonich. Ich werde davon mit der Sicherheit der Hoffnung erfüllt. Der Satz lautet folgendermaßen: „Dann werden wir immer beim Herrn sein“ (1 Thess 4,17). Sehr schön ist dieser Gedanke: Alles vergeht, doch nach dem Tod werden wir immer beim Herrn sein. Das ist die totale Gewissheit der Hoffnung, dieselbe, die lange Zeit früher Hiob den folgenden Ausruf tätigen ließ: „Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, […] Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd“ (Hiob 19,25.27). Und so werden wir immer beim Herrn sein. Glaubt ihr daran? Ich frage euch: glaubt ihr daran? Um etwas Kraft zu bekommen lade ich euch ein, dies dreimal gemeinsam mit mir zu sagen: „So ist es. Wir werden immer beim Herrn sein“. Und dort, mit dem Herrn, werden wir uns begegnen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Ein Kommentar zu “„Wir Christen sind Frauen und Männer der Hoffnung“

  1. Auf was konkret hoffen sie denn? Hoffen die Häretiker mit ihrer Verfälschung des Glaubens durchzukommen? Oder hoffen Sie, daß es ein Gericht für sie gar nicht gibt?

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