Das Licht Christi verbreitet sich vom Randgebiet aus

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Caravaggio; Szene aus dem Evangelium nach Matthäus, in der ein junger, bartloser Jesus die deutlich älteren Brüder Simon (Petrus) und Andreas beruft (um 1605).

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 22. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 4,12-23) berichtet vom Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa. Er verlässt Nazaret, ein Dorf in den Bergen, und lässt sich in Kafarnaum nieder, einem wichtigen Zentrum am Ufer des Sees. Die Stadt wurde überwiegend von Heiden bewohnt und war ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und dem mesopotamischen Hinterland. Diese Entscheidung zeigt, dass die Adressaten seiner Verkündigung nicht nur seine Landsleute sind, sondern alle, die in das kosmopolitische »Galiläa der Heiden« kommen (V. 15; vgl. Jes 8,23): so wurde es genannt. Von der Hauptstadt Jerusalem aus gesehen ist jener Landstrich ein geographisches Randgebiet und im religiösen Sinne unrein, da dort viele Heiden lebten, aufgrund der Vermengung mit all jenen, die nicht zu Israel gehörten. Von Galiläa erwartete man sich gewiss nichts Großes für die Heilsgeschichte. Hingegen verbreitet sich gerade von dort – ja gerade von dort – jenes »Licht«, über das wir an den vergangenen Sonntagen nachgedacht haben: das Licht Christi. Es verbreitet sich gerade vom Randgebiet aus.

Die Botschaft Jesu nimmt die Botschaft des Täufers auf, da sie das »Himmelreich« verkündet (V. 17). Dieses Reich bringt nicht die Errichtung einer neuen politischen Macht mit sich, sondern die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnen wird. Um diesen Bund mit Gott zu schließen, ist ein jeder aufgerufen, umzukehren und so seine Denk- und Lebensart zu verwandeln. Das ist wichtig: sich bekehren heißt nicht nur, seine Lebensweise zu verändern, sondern auch seine Denkweise. Es ist eine Verwandlung des Denkens. Es geht nicht darum, das Gewand zu wechseln, sondern die Gewohnheiten! Das, was Jesus von Johannes dem Täufer unterscheidet, sind der Stil und die Methode. Jesus entscheidet sich dafür, ein Wanderprediger zu sein. Er wartet nicht einfach auf die Leute, sondern er geht ihnen entgegen. Jesus ist immer auf der Straße!

Zu seinen ersten missionarischen Unternehmen kommt es entlang des Sees von Galiläa, im Kontakt mit der Menschenmenge, besonders mit den Fischern. Dort verkündet Jesus nicht nur das Kommen des Reiches Gottes, sondern sucht Gefährten, um sie an seiner Sendung des Heils zu beteiligen. An diesem selben Ort begegnet er zwei Paaren von Brüdern: Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Er ruft sie mit den Worten: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (V. 19). Der Ruf ergeht an sie mitten in ihrer alltäglichen Arbeit: der Herr offenbart sich uns nicht auf außergewöhnliche oder aufsehenerregende Weise, sondern in der Alltäglichkeit unseres Lebens. Dort müssen wir den Herrn finden; und dort offenbart er sich und lässt unser Herz seine Liebe verspüren; und dort – durch diesen Dialog mit ihm in der Alltäglichkeit des Lebens – verändert er unser Herz. Die Antwort der vier Fischer ist unmittelbar und spontan: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm« (V. 20). Wir wissen nämlich, dass sie Jünger des Täufers waren und dass sie dank seines Zeugnisses bereits begonnen hatten, an Jesus als den Messias zu glauben (vgl. Joh 1,35-42).

Für uns Christen von heute ist es eine Freude, unseren Glauben zu verkündigen und zu bezeugen, weil es jene erste Verkündigung gegeben hat, weil da jene einfachen und mutigen Männer gewesen sind, die großherzig dem Ruf Jesu entsprochen haben. Am Ufer des Sees, in einem unscheinbaren Landstrich, ist die erste Gemeinschaft der Jünger Christi entstanden. Das Bewusstsein dieser Anfänge möge in uns das Verlangen wecken, das Wort, die Liebe und die Zärtlichkeit Jesu in jeden Bereich zu bringen, auch in den unwegsamsten und abweisendsten. Das Wort in alle Randgebiete bringen! Alle Räume des menschlichen Lebens sind ein Boden, in den der Same des Evangeliums gesät werden muss, damit er Früchte des Heils bringe.

Die Jungfrau Maria stehe uns mit ihrer mütterlichen Fürsprache bei, voller Freude auf den Ruf Jesu zu antworten, uns in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, wir begehen derzeit die Gebetswoche für die Einheit der Chris­ten. Dieses Jahr hat sie ein Wort zum Thema, das dem heiligen Paulus entnommen ist, der uns den zu beschreitenden Weg weist. Es lautet: »Versöhnung – die Liebe Christi drängt uns« (vgl. 2 Kor 5,14). Am kommenden Mittwoch werden wir die Gebetswoche mit der Feier der Vesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern beschließen, an der die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier in Rom teilnehmen werden. Ich lade euch ein, beharrlich im Gebet zu sein, damit das Verlangen Jesu zur Erfüllung gelange: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21).

In den vergangenen Tagen haben Erdbeben und schwere Schneefälle erneut viele unserer Brüder und Schwestern in Mittelitalien einer schweren Prüfung unterzogen, besonders in den Abruzzen, in den Marken und in Latium. Ich stehe den Familien, die Opfer unter ihren Lieben zu betrauern haben, mit meinem Gebet und meiner Zuneigung nahe. Ich ermutige alle, die sich so großherzig bei den Rettungseinsätzen und Hilfsmaßnahmen engagieren, wie auch die Ortskirchen, die ihr Bestes tun, um die Leiden und Schwierigkeiten zu lindern. Vielen Dank für diese Nähe, für eure Arbeit und die konkrete Hilfe, die ihr leistet. Danke! Ich lade euch ein, gemeinsam zur Gottesmutter für die Opfer und auch für jene zu beten, die sich so großherzig bei den Hilfsmaßnahmen einsetzen. [Der Papst betet zusammen mit den Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz ein »Gegrüsset seist du Maria«.]

Im Fernen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt bereiten sich Millionen von Männern und Frauen vor, am 28. Januar das Mond-Neujahr zu feiern. Mein herzlicher Gruß möge alle ihre Familien erreichen, verbunden mit dem Wunsch, dass sie immer mehr zu einer Schule werden, in der man lernt, den anderen zu achten, sich miteinander zu verständigen und auf selbstlose Weise füreinander zu sorgen. Die Freude der Liebe möge sich in den Familien ausbreiten und von ihnen aus auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Ich grüße euch, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, besonders die Gruppe von Mädchen aus Panama und die Schüler des Instituts »Diego Sánchez de Talavera la Real« (Spanien). Ich grüße die Mitglieder des Katholischen Verbandes der Lehrer, Schulleiter, Erzieher und Ausbilder, der seinen 25. Nationalen Kongress beendet hat, und ich wünsche ihnen ein fruchtbares Arbeiten in der Erziehung, in Zusammenarbeit mit den Familien, immer in Zusammenarbeit mit den Familien!

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 4/2017

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