Der Ehebruch und die Vergebung: Der Sinn der Taufe Jesu

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Predigt von Bischof Stefan Oster SDB, 8. Januar 2017

Liebe Schwestern und Brüder,

der Johannes, der heute im Evangelium vorkommt, heißt mit Beinamen „der Täufer“. Was ist das für eine Taufe, zu der er auffordert? Und was hat diese Taufe mit unserer Taufe zu tun? Johannes erklärt es uns im Evangelium selbst: „Ich taufe euch nur mit Wasser, aber nach mir kommt einer, der wird euch mit Feuer und dem Hl. Geist taufen und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe zu lösen.“ Johannes tauft am Jordan. Er tauft damit an einem schicksalsträchtigen Ort: Den Jordan hatte das Volk Israel Jahrhunderte zuvor überquert, um nach der Flucht aus Ägypten und dem langen Weg durch die Wüste in sein gelobtes Land einzuziehen; in das Land, das Gott verheißen und ihnen geschenkt hatte. Israel soll das Land sein, das zu Gott gehört und das Volk ist das Volk, das Gott gehört. In der Mitte des Volkes Israel soll Gott selbst wohnen, vor allem auf dem Zion, in Jerusalem. Und die Sendung Israels ist es, allen anderen Völkern zu zeigen, wie ein Volk lebt, das mit Gott lebt. Dieses Verhältnis macht die tiefste Identität dieses Volkes Israel aus. Aber die Bibel erzählt auch, wie das Volk dieser Beziehung immer wieder untreu wird, wie es den Bund verlässt und bricht, wie es vor Gott davon läuft und sich anderen Mächten und Einflüssen an den Hals wirft. Israel ist die Braut Gottes, aber es wird immer wieder zur Hure, sagen die Propheten in der Schrift, die Braut wird untreu.

 DAS WARTEN ISRAELS AUF DEN MESSIAS

Und Israel wartet über Jahrhunderte auf den Messias, auf eine Gestalt, die den Bund wieder erneuern, die das Reich Davids wieder herstellen sollte; auf eine Gestalt, die darauf hinweisen sollte, was der Sinn von allem ist, was der Sinn Israels ist. Sie warten auf einen, der alles neu macht. Und Johannes der Täufer lebt nun in dem Bewusstsein: Dieser Messias kommt bald. Auch die religiöse Atmosphäre insgesamt ist erfüllt von dieser Erwartung: Der Messias kommt bald. Mancher denkt sogar, Johannes selbst könnte es sein. Aber er wehrt ab, er ist es nicht. Aber er ist der Vorbereiter: Er führt das Volk hinaus an den Jordan, an den Schicksalsfluss: Hier soll sich Israel erinnern, wer ihnen das Land geschenkt hat, hier soll sich Israel erinnern, wer es eigentlich ist, das Volk, das Gott gehört. Und hier soll sich Israel rein waschen lassen, um sich vorzubereiten. Hier tauft Johannes, um dem Herrn den Weg zu bereiten. Nicht einfach äußerlich, nicht nur durch Waschen, sondern durch Umkehr, durch Buße, der Messias soll im Herzen seines Eigentums ankommen. Nur so kann er der Messias sein, der der alles neu macht. Nur so kann er den Bund mit seinem Volk wiederherstellen.

 WAS IST SÜNDE? BRUCH DES BUNDES!

Das Buße-Tun, das Umkehren, das Johannes fordert, hat etwas mit Sünde zu tun. Und Sünde hat zwei Bedeutungen: Sünde ist erstens eine Haltung, eine Lebenshaltung, die entfernt von Gott lebt; die lebt, als ob es Gott nicht gäbe. Das Gegenteil von Sünde ist deshalb nicht Tugend und auch nicht die gute Tat, sondern das Gegenteil von Sünde in diesem Sinn ist der Glaube, das Vertrauen, dass Gott da ist, dass er mich meint, dass er mit mir geht, dass er mir nahe ist. Oder im Sinn von Israel: dass ich wirklich in der Verbindung, im Bund mit Gott lebe. Erst in einem zweiten Sinn ist Sünde dann die schlechte oder böse Tat, das Vergehen. Denn eine böse Tat kommt meistens aus der inneren Distanz zu Gott, aus der inneren Distanz zur Quelle des Guten. Sie kommt aus der Überzeugung und Haltung, dass am Ende nur ich und mein Vorteil zählt, und dass vor allem das gut ist, was zuerst mal mir nützt. Ein Lügner lügt, weil es ihm nützt. Ein Dieb stiehlt, weil es ihm nützt. Und sogar ein Mörder tötet, weil er glaubt, für sich einen Vorteil daraus zu haben – und niemandem Rechenschaft geben zu müssen.

 DIE EHE ALS BEISPIEL

Stellen Sie sich nun als vertiefendes Beispiel eine Ehe zwischen zwei Menschen vor: Und Sie selbst sind einer der Partner; zuerst entfernen Sie sich innerlich von ihrem Partner und denken vor allem nur noch an sich. Und dann folgt zweitens das Fremdgehen, weil sie gerade Spaß daran haben und nicht mehr an ihren Ehepartner denken. Der Bund ist zerbrochen. Der Bund zwischen Israel und seinem Gott war auch allzu oft zerbrochen, weil das Volk fremdgegangen ist.  Aber nehmen wir an, Sie bereuen als Ehepartner Ihre Entfernung und Ihre schlechte Tat. Und Sie wollen die Beziehung wieder erneuern. Genügt es da, wenn Sie den Wunsch äußern, Sie wollen zurück? Und genügt es, wenn Sie ein Zeichen setzen und wie Israel ins Wasser des Jordans steigen? Genügt es, wenn Sie beim Ehebruch das Zeichen Ihres Bundes, Ihren Ehering mal wieder anziehen oder polieren? Ist dann schon die Beziehung wieder her gestellt? Nein, ist sie natürlich nicht.

VERGEBUNG IST SCHWER

Es braucht auch die Vergebung des betrogenen Bundespartners, wie des betrogenen Ehepartners. Und wenn Sie nun meinen, Vergebung wäre doch für Gott eine einfache Sache, dann denken Sie einfach mal daran, wie das wäre für Sie selbst: Denken Sie, Sie wären der betrogene Teil in der Ehe, Sie wären der, von dem sich der Partner entfernt hätte und fremd gegangen wäre – obgleich Sie wirklich viel in die Beziehung investiert haben, obgleich Sie Ihren Partner wirklich lieben. Könnten Sie so einfach zur Tagesordnung übergehen und vergeben? Könnten Sie Ihren Partner einfach so umarmen und sagen: Schwamm drüber, ich lieb Dich trotzdem? Oder würde Sie so eine versöhnende Umarmung nicht vielmehr etwas kosten? Viel kosten. Gerade weil Sie Ihren Partner lieben? Vergebung, liebe Schwestern und Brüder, ist schwer, wenn wir lieben. Denn die Liebe sieht vor allem das Gute im Anderen und will es hervorlieben. Das liebende Herz, das so an den Anderen glaubt, wird selbst verletzt – und braucht Zeit und Kraft für die Versöhnung. Versöhnung kostet etwas. Uns blutet buchstäblich das Herz.

DAS GANZE JESU LEBEN IST VERGEBENDE LIEBE – IHM BLUTET DAS HERZ

Aber was hat das nun mit der Taufe Jesu zu tun? Nun, derjenige, der es nie wird nötig haben, um Vergebung zu bitten, derjenige, der das reinste Herz hat, das je über die Erde gelaufen ist, derjenige, der die Liebe und Wahrhaftigkeit in Person ist, er steigt mit dem Volk in das Wasser. Er steigt mit dem Volk in den Jordan, wo Israel zurückfinden will zu seinem Ursprung, in den Fluß, in dem Israel sich waschen will von seinen Vergehen und so zeigen will, zu wem es gehört. Er selbst, unser Herr, ist ja zugleich dieser Ursprung, zu dem das Volk gehören will. Er kommt also seinem Volk unfassbar weit entgegen, er steigt mit Israel in den Jordan, um schon anzufangen, sein Volk zu umarmen, um ihm entgegenzukommen. Um seine Sünden mit zu übernehmen. Er ist nicht nur der Gott, der Mensch wird. Er ist jetzt auch ganz der Mensch seines Volkes, der sein ganzes Volk zum Vater zurückführen wird. Er ist in Person die große Umarmung Gottes, die den sündigen Menschen, der umkehren möchte, wieder an sein Herz ziehen will. Aber, meine Lieben, das kostet ihn etwas. Die Geburt als Mensch ist schon ein Abstieg der Umarmung, ein uvorhersehbarer, unglaublicher Abstieg Gottes in die Niedrigkeit des Menschseins. Und es geht heute weiter mit dem Abstieg: Jetzt steigt er in das Wasser, in dem Israel seine Sünden wäscht. Und er wird anschließend umherziehen, das Reich Gottes predigen, vergeben, heilen, lieben, konfrontieren, erziehen, leiden, sterben. Und der allertiefste Abstieg schließlich und die schmerzhafteste Umarmung, die am meisten kostet, ist das Kreuz. Die ausgestreckten, angenagelten Arme sind die Umarmung der Welt aus Liebe, sind nichts als vergebende Liebe. Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen, sagt Jesus im Evangelium über seine Kreuzigung voraus. Und das Herz blutet ihm – so sehr, dass der Tote aus seinem von der Lanze durchstochenem Herzen einen Schwall von Blut und Wasser ausgießt.

 DAS GESCHENK DER VERGEBUNG

Liebe Schwestern und Brüder, immer, wenn wir Eucharistie feiern, heißt es den Wandlungsworten, dass Jesus sein Blut vergießt zur Vergebung der Sünden. Das Angebot seiner Vergebung reicht so tief, dass es ihn das Leben kostet. Seine Taufe im Jordan ist der Anfang davon, dieses Preises, dieser Kosten, die Jesus für uns übernimmt. Er zahlt den Preis. Seine Taufe ist der Beginn des Todesweges und unsere eigene Taufe wird so zum Geschenk des Lebens, zum Geschenk, dass wir zu ihm gehören dürfen. Immer mit dem Ziel, dass uns vergeben wird. Mehr noch: Jesus schenkt seiner Kirche immer neu die Möglichkeit, aus seiner Vergebung, aus seinem ein für alle Mal offenem Herzen, immer wieder neu vergeben zu dürfen in seinem Namen – ganz besonders in der Beichte. Welch ein Geschenk. Sind wir noch  bereit, es zu empfangen? Wissen wir noch, was das für ein Geschenk ist? Liebe Schwestern und Brüder, noch einmal: Jesus ist mit einer Taufe getauft worden, die in seinen Tod am Kreuz mündete, damit wir das Geschenk und die Sakramente des Lebens haben – und versöhnt mit Ihm und dem Vater leben können. Das feiern wir heute – und damit entlässt uns die Weihnachtszeit heute in das alltägliche Gehen mit dem Herrn. Gehen wir im Vertrauen, dass er wirklich bei uns ist und uns immer neu an sich ziehen will – und dafür alles gegeben hat. Amen.

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