Was bedeutet Reform in der Kirche?

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Von Gerhard Kardinal Müller

Als „Reformation“ bezeichnet in einer großangelegten Studie der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Epoche zwischen 1490-1700, als deren Ergebnis die religiöse und politische Zersplitterung der abendländischen Christenheit vor uns steht.[1] Je nach Standpunkt fällt die Bewertung dieser geschichtlichen Vorgänge unterschiedlich und gegensätzlich aus. Manche sehen ganz vom Inhalt des christlichen Glaubens ab und deuten die protestantische Reformation zusammen mit der katholischen Reform und Gegenreformation als Pluralisierungsprozess am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Im Sinne eines linearen Fortschrittsglaubens wird die historische Reformation zum Vorläufer und Ideengeber einer Entwicklung, die sich in der Aufklärung und Neuzeit vollendet. Was aber ist das Wesen der Neuzeit: Der Mensch ohne Gott oder der Mensch im freien Gegenüber zu Gott? Die Reformation führt demnach unter Absehung ihres eigentlichen religiösen Anliegens letztlich zu einer säkularen Weltsicht, in der die religiöse Option überhaupt und die christliche speziell selbst nur eine unter vielen ist.[2] Somit wäre die Reformation nur der erste Schritt zu einer Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils, die mit der eschatologischen Selbstoffenbarung Gottes ein für allemal in die Welt eingetreten ist. Die Reformatoren wollten dagegen nicht den Weg zur einer Entchristlichung der Gesellschaft und einer Entkirchlichung der Christengemeinde bahnen. Sie wollten die Erneuerung der Kirche gemäß dem Evangelium, wie sie es verstanden. Damit traten sie zwar in einen Gegensatz zur katholischen Sicht auf Evangelium und Kirche, aber sie bildeten keine Koalition mit der beginnenden säkularen Kultur seit der Renaissance, wie die kulturprotestantische Interpretation des historischen Ereignisses der protestantischen Reformation und der Revolution gegen die katholische Kirche es wollte.

Darum sind die alten konträren und polemischen Charakterisierungen einer evangelischen Kirche des Evangeliums, der Freiheit, des Gewissens, des Wortes gegenüber der katholischen Kirche des Gesetzes, des Gehorsams, der Autorität und der Sakramente, wie sie aus einer oberflächlichen Interpretation der Gerechtigkeit aus dem Glauben oder den Werken stammen, der Sache nach hinfällig.

Die Christen aller Konfessionen sind aber trotz aller Kontroversen, was Lehre, Leben und Verfassung der Kirche angeht, eins im Glauben an die endgültige und unüberholbare Selbstmitteilung Gottes in seinem Wort, dem Sohn des Vaters, der unser Fleisch angenommen und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten das Reich Gottes für immer aufgerichtet hat. Unter diesem Gesichtspunkt verbindet das gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft und der einzigen Heilsmittlerschaft Christi das katholische und das evangelische Christentum und trennt die Kirche nicht in eine vermeintlich mittelalterlich rückständige und eine vermeintlich mit der Moderne kompatible Form ihrer geschichtlichen Realisierung. Die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug der gekommenen und sich im kommenden Christus erfüllenden Gottesherrschaft kann durch die Mächte des Todes und des Bösen nicht überwältigt werden. So hat Jesus es seinen Jüngern mit Simon Petrus an der Spitze einst bei Cäsarea Philippi verheißen (vgl. Mt 16, 18). Wenn in Christus die Fülle der Zeiten gekommen ist, kann es über ihn hinaus nichts Neues geben, das ihn überholt oder das seine Botschaft veralten lässt. Die Kirche ist aber als der Leib Christi mit ihrem Haupt so eng verbunden, dass sie immer an seinem Leben Anteil hat und durch seinen Geist verlebendigt wird, so dass sie nie völlig von ihm abgetrennt werden kann, und sozusagen einer Neugeburt und Neustiftung bedürfte. „Denn Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben, um sie durch das Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen“ (Eph 5, 25f). So wie die Ehe von Mann und Frau in Christus unauflösbar ist und trotz möglicher Krisen immer aus dem Quell der Liebe erneuert wird, so wendet sich Christus von der Kirche nicht ab trotz der Sünden und Verfehlungen ihrer Glieder. So wie der Ehemann mit seiner Frau ein Leib ist, so gilt auch von Christus, dem Haupt der Kirche, dass „er seinen eigenen Leib nicht hasst, sondern die Kirche nährt und pflegt, denn sie ist sein Leib“ (Eph 5,29). Reform bedeutet nicht Veränderung der von Christus seiner Kirche eingestifteten Lebensvollzüge in Martyria, Leiturgia und Diakonia, sondern Erneuerung der Glieder des Leibes Christi im Leben, das vom Haupt auf den Leib seiner Kirche übergeht. Reform ist kein Weg zurück ad fontes im Sinn des Humanismus und der Renaissance mit dem Überlegensheitsdünkel derer, die die griechischen, hebräischen und lateinischen Urtexte der Bibel, der Kirchenväter und der heidnischen Autoren der Antike philologisch sich besser aneignen konnten als ihre Vorfahren auf den Lehrstühlen oder gar als das gemeine Volk. Erneuerung in Christus ist ein Weg nach vorn – dem kommenden Herrn entgegen, damit wir wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegengehen und zum Herrn in den Hochzeitssaal eintreten können (vgl. Mt 25,10).

Reform im theologischen Sinn hat nichts mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters in grauer Vorzeit zu tun, das man wiederherstellen will. Auch jede Deutung der Kirchengeschichte nach dem Schema des Abfalls vom reinen Ursprung oder der bloß positiven Entfaltung nach vorne hin, scheitert am Glauben an die eschatologische Gegenwart des Heils in Christus und dem Wissen um die Dramatik von Welt- und Kirchengeschichte zwischen der civitas Dei und der civitas terrena. Christus ist das unvergängliche Licht Gottes in der Welt. Aber die Kirchengeschichte bewegt sich zwischen Licht und Schatten. „Die Kirche ’schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird“ (LG 8). Auf die Frage der Gnostiker, was denn mit Christus unüberbietbar Neues gekommen sei, antwortete Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert: „Er hat nur Neues gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte, um den Menschen zu erneuern und zu beleben“.- Omnem novitatem attulit semetipsum afferens … quoniam novitas veniet innovatura et vivificatura hominem.[3]

Christus kann durch innerweltlichen Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Gesellschaftsordnung weder überboten noch eingeholt werden. Die Fülle des Heils und der Wahrheit ist allen Menschen in Christus von Gott seinem Vater für immer vermittelt worden. Im Heiligen Geist wird die Kirche zu einer immer tieferen Einsicht in die geoffenbarte Wahrheit eingeführt. Darum gibt es trotz der Fülle der Zeiten, die in Christus verwirklicht worden ist, einen gemeinschaftlichen und individuellen Fortschritt und eine jeweils andere Form der Inkulturation des Christentums und damit das Entstehen neuer christlicher Kulturformen. Es handelt sich – der inkarnatorischen und sakramentalen Präsenz der Wahrheit und des Heils gemäß – nicht um eine mechanische Weitergabe, sondern um eine lebendige Tradition der apostolischen Lehre, die lebt und geistiges und geistliches Leben weckt. Das kirchliche Lehramt hat darum weder eine konservative noch eine innovative Funktion je für sich. Im Zusammenwirken beider zeigen sich vielmehr die Treue zur Endgültigkeit der Offenbarung und das Wachstum der Kirche im lebendigen Glauben ihrer Glieder. Das II. Vatikanische Konzil bringt dieses Spannungsgefüge auf den Punkt, wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum erklärt: „Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr ‚eigenes Lehramt überliefert‘ (Irenäus von Lyon, Adversus haer. II,3,1)… Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Progressus; es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch die innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.“ (DV 7u.8).

Nach der in den Worten Jesu begründeten katholischen Glaubensüberzeugung widerspricht eine Vielheit von entgegengesetzten Konfessionen der Einheit der Kirche in der geoffenbarten Wahrheit. Da die Kirche der Leib Christi ist, der von Christus selbst als Haupt dieses Leibes in den vielen Glieder zusammengehalten wird, kann es im Glauben und im sakramentalen Leben nur eine Kirche geben. Die Kirche ist „ein Geist und ein Leib“, und es gilt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,4ff).

Auch Martin Luther, Huldrych Zwingli und Jean Calvin, die diese historische Epoche der Reformation wesentlich beeinflusst und auf den Weg gebracht haben und darum als „Reformatoren“ bezeichnet werden, wollten keineswegs die Einheit der Kirche zugunsten einer Vielzahl von Konfessionen aufgeben. Ihr Ziel war die Reform und Erneuerung der bestehenden und von Christus in der Geschichte gestifteten Kirche im Geiste ihres göttlichen Gründers und ihres lebendigen Hauptes. Ihre Methode war die Reinigung der Kirche Christi von dogmatischen Irrtümern, die eine das Heil gefährdende Praxis von Missständen und Missbräuchen hervorgebracht hätten. Nicht die Verbesserung des moralischen und geistlichen Lebens und die Modernisierung der menschlichen Einrichtungen der Kirche (Universitäten, Armenpflege, Auswahl und Ausbildung der geeigneten Kandidaten für das geistliche Amt) und der Kampf gegen die Verweltlichung der Kirche war Anlass zur Trennung der Anhänger Luthers, Zwinglis und Calvins von der Kirche um den Papst und die Bischöfe, sondern die Behauptung, die Kirche habe im Glauben schwer geirrt und habe durch ein falsches Sakramentenverständnis das Heil der Gläubigen in die größte Gefahr gebracht, bedeutete den Wendepunkt von einer Reform in der Kirche zur Reformation, die eine andere Kirche hervorbrachte.

Hier stehen wir an dem Punkt, an dem katholisches und protestantisches Verständnis von Reform der Kirche auseinandergehen. Wenn die Kirche von der Offenbarung abfallen kann und allein die Heilige Schrift das Kriterium für die rechte Lehre und Praxis ist, dann gilt es, die Kirche dem Wort Gottes gemäß zu reinigen und zu reformieren in Lehre, Leben und Verfassung. Wenn aber – wie es katholische Lehre ist – die Kirche nicht von der Offenbarung abfallen kann, dann kann es Reform nur geben in der Gestalt der Erneuerung und der Vertiefung. Protestantisch gibt es eine Reformation der Kirche, also eine tiefgreifende Umformung der Kirche nach Gottes Wort. Katholisch dagegen gibt es nur eine Reform in der Kirche, indem Papst und Bischöfe, Priester und Ordensleute und alle Laien in ihrem Leben aufgerufen sind, ihrer Berufung besser zu entsprechen. Weil die Reformatoren überzeugt waren, dass die Kirche mit dem Papst und den Bischöfen an der Spitze in der zentralen Lehre von der Erlösung und der Rechtfertigung des Sünders vom Evangelium Christi abweiche, kamen sie zur Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation und substantiellen Umformung der Kirche, die einer ganz anderen Kategorie von Reform angehört, wie sie bisher in der Kirche durchgeführt worden war.

Es sei erinnert an Reformen in der katholischen Kirche wie z.B. die karolingische Renaissance, die im Wesentlichen eine Reform der theologischen Bildungseinrichtungen bedeutete. Die Gregorianische Reform zielte auf die Befreiung der Kirche aus dem Korsett der Feudalgesellschaft und des Eigenkirchenwesens. Ihre Ziele waren der Kampf gegen Simonie, Laieninvestitur und für den Priesterzölibat. Es gab die großen Klosterreformen (Gorze, Cluny, Hirsau, Windsheim, Melk) und die neu entstehenden Orden, die einem spezifischen Charisma entsprachen und eine Antwort auf besondere Herausforderungen angesichts kirchlicher und gesellschaftlicher Wandlungsprozessen waren. Es sind bekannt die Reformen der Studienordnungen und Seminare nach dem Trienter Konzil. Wir kennen die Bischöfe, die dem Trienter Ideal des Hirten mit apostolischem Eifer entsprechen wollten (etwa Kardinal Carlo Borromäus von Mailand, Erzbischof Toribio von Mongrovejo; Kardinal Gregorio Barbarigo von Padua).

In den großen Ordensgründungen des hl. Dominikus und des hl. Franziskus ging es um die Erneuerung der apostolischen Predigt, eine angemessene Seelsorge in der aufstrebenden Stadtkultur und für die akademische Jugend, wie auch um das Lebensideal der evangelischen Armut und Demut. Im 19. und 20. Jahrhundert hat die Kirche mit neuen Orden und der Entwicklung ihrer Sozialllehre großartige Beispiele der Anpassungsfähigkeit ihrer Mentalität und Struktur gegeben.

Die Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts versuchten, wenn auch weithin vergeblich, eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Für die entstehende antirömische Stimmung und die immer stärker werdenden Zweifel an der sichtbaren Kirche und ihrer sakramentalen Heilsvermittlung sind bezeichnend u.a. die häufig vorgebrachten Gravamina Germanicae nationis auf den Reichstagen, die insgesamt den Boden für die kirchliche Revolution des 16. Jahrhunderts bereiteten.

Die katholische Reform aufgrund des Trienter Konzils unterscheidet sich wesentlich von der Reformation, aus der die verschiedenen protestantischen Konfessionsverbände hervorgegangen sind, weil die katholische Kirche ihre Identität in der Lehre und in der sakramentalen Verfassung gewahrt hat. Aber es sind auch Verbindungen mit den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften dadurch gegeben, dass es beiderseits um die Vertiefung der Frömmigkeit und um die Ernsthaftigkeit des sittlichen Lebens in der Nachfolge Christi geht.

Das Christentum insgesamt hat aber an Glaubwürdigkeit verloren durch die Religionskriege in England, Frankreich, der Schweiz und Deutschland wie auch die inhumane und unchristliche Verfolgung und Unterdrückung der Angehörigen der jeweils anderen Konfessionen wie auch schon vorher durch das gewaltsame Vorgehen gegen christliche Häretiker, gegenüber den jüdischen Mitbürgern und Menschen nichtchristlicher Religionen. Die Aufklärung stellte dem Christentum und allen auf die Transzendenz ausgerichteten Religionen eine Daseinsdeutung gegenüber, welche das Ziel menschlicher Existenz nicht mehr in Gott, sondern im innerweltlichen Glück sah. Von hier aus beginnt der Glaube an den Fortschritt hin zur Selbstvervollkommnung mittels der Wissenschaft und der idealen Gesellschaftskonstruktion. Dadurch soll der Glaube an die Erlösung durch Gottes Gnade ersetzt werden. Theonomie in Gottes Wort und Gebot wird gegen die sittliche Autonomie des menschlichen Subjekts ausgespielt. Man vergaß dabei allerdings, dass die Gnade Gottes uns nicht zur Passivität verdammt, sondern den freien Willen zur aktiven Mitwirkung am Kommen des Reiches Gottes befähigt. Denn die Gnade setzt die Natur in Vernunft und Freiheit voraus, vervollkommnet sie und zerstört sie nicht, wie schon Thomas von Aquin das Verhältnis des Geschöpfs zu seinem Herrn und Schöpfer auslegte.[4] Die Spannung zwischen dem Glauben an die Offenbarung und die Gnade als Grund des Heils aller und den innerweltlichen liberalistischen und sozialistischen Selbsterlösungsprogrammen wurde in den verschiedenen Formen eines Kulturchristentums zu mindern versucht.

Auch auf katholischer Seite wurde die Spannung zwischen dem überliefertem Glauben und der sog. modernen Welt empfunden. Unter „moderner Welt“ versteht man dann nicht nur einige technische Errungenschaften, die das praktische Leben erleichtern. Die moderne Kultur ist der Inbegriff all der Prinzipien und Leitbilder, die besonders dem katholischen Glauben und seiner kirchlichen Form entgegen gesetzt erscheinen: die Subjektivität, die Freiheit, die Autonomie des Gewissens und überhaupt das metaphysik-freie Weltbild des Empirismus und Positivismus. Der Syllabus (1864) mit den 80 von Papst Pius IX. verurteilten Irrtümern galt lange Zeit bei Freund und Feind als Synonym und Beweis für den unversöhnlichen Gegensatz zwischen dem katholischen Glauben und der modernen Welt. Der letzte verurteilte Satz dieses Dokuments lautete: „Der römische Papst kann und soll sich mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der modernen Kultur versöhnen und anfreunden“ (DH 2980).

Dabei ist allerdings zu bedenken, was die Vokabel der modernen liberalen Leit-Kultur meint, mit der sich der Papst als höchster Repräsentant des christlichen Offenbarungsglaubens anfreunden soll. Gemeint ist der Liberalismus, der allenfalls eine Immanenz-Religion in Form eine Kulturchristentums zulässt und sich im Übrigen der Staatsomnipotenz bedient, um alle Bürger gleichzuschalten und ihrem eigenen Erkenntnisparadigma zu unterwerfen. Die sogenannten Kulturkämpfe und Kirchenkämpfe im 19. und 20. Jahrhundert geben uns genügend Beispiele, welche Form von Toleranz und Gewissensfreiheit die Kirche von den Vertretern einer wissenschaftlichen Weltanschauung und Ideologie erwartet.

Albert Ehrhard als bedeutender Vertreter des sog. Reformkatholizismus hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die These u.a. Adolfs von Harnack von der Inkompatibilität der modernen Kultur mit der katholischen Kirche und sogar von der Kirche als Gegner und Hemmschuh des Fortschritts überzeugend die Kulturbedeutung des Katholizismus nachgewiesen.[5]

Gerade mit der Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute hat das II. Vatikanische Konzil die positive und konstruktive Beziehung der Kirche zur Welt in ihrer immanenten Entwicklung und im transzendenten Ziel des Menschen in Gott dargestellt und somit die feindselige Gegenüberstellung von Kirche und Welt, wie sie vom weltanschaulichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts und von den politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts behauptet wurden, Lügen gestraft. Niemand mehr als die katholische Kirche hat mit ihrem Festhalten an der unveräußerlichen Menschenwürde, mit ihrer Soziallehre seit Papst Leo XIII. und jetzt in der Enzyklika Laudato sì von Papst Franziskus zur schöpfungstheologischen Ökologie für den Fortschritt der Menschheit im Guten entscheidende Weichen gestellt.

Dass die Kirche gegenüber einer innerweltlichen Fortschritts- und Selbsterlösungsideologie ihre Identität als von Gott eingesetztes Sakrament des Heils der Welt wahren muss und auf die tiefgründige Umformung unseres naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Welt- und Menschenbildes hin immer neue theologische und lebenspraktische Synthesen von Glauben und Vernunft, von Gnade und Freiheit entwerfen muss, hat im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte auch zur innerkirchlichen Polarisierung und Parteibildung von sog. Liberalen und Progressiven einerseits und sog. Konservativen und Integralisten auf der anderen Seite geführt. Die hat allerdings verheerende Konsequenzen für die Mission und den Weltauftrage der Kirche.

Das hat auch zu einer Umbildung von Inhalt und Zielsetzung des Reformbegriffs innerhalb der katholischen Kirche geführt.

In allen historischen Formen der Kirchenreform ging es um die Erneuerung des Christseins und des kirchlichen Lebens und um eine Vertiefung des Glaubens und einer Erneuerung in Christus. Der Begriff „Reform“ kommt durch die Vulgata-Übersetzung des Römerbriefs in die kirchliche Terminologie hinein. Der Apostel fordert die Gläubigen in Rom auf, sich nicht dieser Welt anzugleichen (nolite conformari huic saeculo), sondern sich in seinem Denken sich zu reformieren und zu erneuern ( sed reformamini in novitate sensus vestri), „damit ihr prüfen und erkennen könnt, was Gottes Wille ist; was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,2).

Gegenwärtig versteht man unter den Reformen, die für notwendig gehalten werden, eher eine Verweltlichung der Kirche. Die nicht lebbaren Gebote Gottes sollen auf Ideale reduziert werden, die jeder nach seinem Wissen und Gewissen anstreben kann, aber keineswegs muss, um mit sich ins Reine zu kommen oder im irdischen Sinn sich glücklich zu fühlen. Die Kirche dient nicht mehr der Welt auf ihrem Weg zu Gott, sondern dient sich ihr an, damit sie sich als eine von vielen gesellschaftlichen Initiativen nützlich macht und somit ihr Existenzrecht unter Beweis stellt. Die Kirche ist nur noch eine Weltanschauung zur Kontingenzbewältigung und eine Agentur für soziales Engagement.

Die Kirche kann aber nicht einen ihr fremden politischen und weltanschaulichen Begriff von Reform übernehmen, weil sie eine Stiftung Gottes darstellt und nicht eine von Menschen geschaffene endliche und vergängliche Realität ist. Alles, was vom Menschen stammt, kann und muss an die sich ändernden Rahmenbedingungen angeglichen werden, damit es dem Menschen in der Familie, in der Nation, im sozialen und ökonomischen Bereich immer besser dient. Das Maß ist die Verwirklichung und Wahrung der Würde des Menschen. Eine Aufmerksamkeit für die „Zeichen der Zeit“ und eine Analyse der gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Situation der Menschheit mit Hilfe auch der empirischen Wissenschaften bilden die Voraussetzung, damit die Kirche ihre Mission erfüllen kann. Sie ist von Christus in die ganze Welt und zu allen Menschen gesandt, damit sie im Licht Christi und der Kraft des Geistes Gottes jedem Menschen seine Berufung zur Erkenntnis Gottes und zum Leben aus seiner Gnade und Barmherzigkeit nahe bringt. So beschreibt es das II. Vatikanische Konzil in Gaudium et spes (GS 4-10).

Die Kirche als Schöpfung Gottes kann freilich nicht Gegenstand menschlicher Reformbemühungen sein. Wir können die Kirche nicht reformieren und umgestalten nach unserem Befinden und Gutdünken. Gott ist das Subjekt des Bundesvolkes, das er beruft. Gott stiftet in Christus die Kirche. Er selbst leitet sie als der gute Hirte und erfüllt sie mit seinem Geist und Leben. Nicht wir reformieren die Kirche Gottes und formen sie um nach unserem Bild und Gleichnis, sondern Gott reformiert uns, wenn wir uns in Christus erneuern lassen in unserem Denken und Handeln und ihm gleichförmig werden. Daraus ergibt sich die Verlebendigung der Kirche in den Grundvollzügen in Verkündigung und Seelsorge, in der Liturgie und der Caritas und den sozialen Diensten. Der Geist ist es, der Leben bringt, nicht der Buchstabe, d.h. die Lebenserneuerung in Christus gibt auch den Reformen der Struktur und Organisation eine positive Richtung. Deshalb kann der politisch gebrauchte Begriff vom Reformstau nicht auf die Kirche angewendet werden, ohne sie zu politisieren und zu verweltlichen. Es ist die Meinung weit verbreitet, man müsse nur den Priesterzölibat „abschaffen“ oder die viri probati einführen und schon gebe es keinen zahlenmäßigen Mangel an Priestern mehr. Man müsse nur Frauen zu den heiligen Weihen zulassen und schon kehre beim Thema „Kirche und Frau“ Ruhe ein. Man müsse nur die evangelischen Christen zur heiligen Kommunion einladen und schon sei die Einheit im Glauben hergestellt, wenn auch die Lehrgegensätze bleiben und die getrennt bleibenden Kirchen mit diesem sichtbaren Widerspruch zum Willen Christi ein Anti-Zeugnis von der vollen Gemeinschaft in der einen Kirche Christi ablegen. Man brauche nur an die Barmherzigkeit Jesu zu appellieren und schon hätten wir uns der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe entledigt, die wir aber damit zu einer rein menschlichen Institution herabwürdigen und womit wir ihren Ursprung im göttlichen Bundeshandeln leugnen.

Das sind alles Operationen und Optionen, die mit ihrer Bezeichnung Reformen eine positive Konnotation für sich reklamieren, die aber mit den historischen Kirchen- und Klosterreformen und mit der Reform als Erneuerung in der unvergänglichen Neuheit Christi  nichts zu tun haben.

Die Formulierung Ecclesia semper reformanda stammt nicht, wie häufig angenommen, vom hl. Augustinus, sondern kommt aus dem Umfeld der reformierten Theologie im 17. Jahrhundert, genauer vom reformierten holländischen Theologen Jodocus van Lodenstein in seiner Schrift Contemplazione di Sion (Amsterdam 1674) und wurde noch von Karl Barth gerne benutzt. Nach katholischer Auffassung kann die Kirche in ihrem bischöflichen und päpstlichen Lehramt aufgrund der apostolischen Sukzession nicht in Gegensatz zum geoffenbarten Glauben in der Heiligen Schrift und in der Apostolischen Tradition geraten. Während die Kirche heilig ist und in den sakramentalen Mitteln der Heiligung immer des Beistandes Gottes gewiss sein kann, umfasst sie in ihren Gliedern von den Laien bis zu den Bischöfen auch Sünder in ihrem Schoß. Diese können durch persönliche Sünden, durch das Versagen in ihren Aufgaben oder das Unterlassen dringender Maßnahmen schuldig werden vor Gott und den Menschen. Darum ist die Kirche „zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung“ (LG 8), wie das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium erklärt.

Hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen Kirchenreform und Ökumene. Wir müssen uns im Rückblick auf die unselige Aufsplitterung der abendländischen Christenheit fragen nach dem menschlichen Anteil und der gegenwärtigen Schuld an der Störung des ökumenischen Prozesses durch mangelnde Liebe, durch bequeme Verhärtung alter Vorurteile und durch den Vorrang des politischen vor dem theologischen Denken bei der Überwindung der Kontroversthemen. Im Dekret über den Ökumenismus hat das II. Vatikanische Konzil „die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens“ als „die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung“ (UR 8) bezeichnet. Erst in diesem Kontext vermag die Theologie bei der Annäherung in dogmatischen Fragen wichtige Hilfen zu bieten.

Und nur so kann die historische Reformation von 1517 etwas über eine rein historische Fragestellung hinaus Wichtiges beitragen für die Herausforderung an alle Christen, durch die Erneuerung in Christus und die Reform unseres Denkens und Handelns glaubwürdig Zeugnis zu geben von der Erlösung der Welt durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten.

Wenn heute von der Reform der Kirche oder von den Reformen in der Kirche die Rede ist, stellt sich sofort die Frage , was wir tun können und machen sollen. Wir veranstalten einen Dialog, wir beauftragen eine Beraterfirma, die sich in der Wirtschaft bewährt hat und deren Rat im wahrsten Sinn des Wortes uns „lieb und teuer“ ist. Wir organisieren irgendeine Aktion in der Pfarrei und Diözese und gründen eine weitere Kommission. Die Orden arbeiten neue Statuten aus und die Theologieprofessoren organisieren Unterschriftenlisten für flammende Manifeste und folgenlose Aufrufe. Das alles ist zu pelagianisch gedacht. Man meint: Erst müssen wir etwas tun, damit wir etwas bei den Menschen erreichen und damit schließlich am Ende der Heilige Geist seinen Segen dazu gibt.

Der Apostel Paulus setzt aufgrund seiner Lehre vom Primat der Gnade vor dem Tun umgekehrt an: Nicht wir sollen uns der Welt angleichen. Der Mensch ist durch die Taufe Christus gleichförmig geworden und er kann dann von daher sein Leben als Weg der ständigen Nachfolge Christi gehen. Aus dem neuen Sein folgt das neue Denken und Handeln. Denn wir sollen unsere Denken examinieren und reformieren, damit wir Gottes Willen erkennen und, indem wir ihm gehorchen, gut und vollkommen werden.

Das muss sich auch auf den bisher kontroversen Begriff der Kirche als creatura verbi oder als sacramentum mundi beziehen.

Der bislang unüberbrückbare protestantisch-katholische Gegensatz zeigt sich nicht eigentlich in der Rechtfertigung aus Gnade allein, sondern im Kirchenbegriff. Denn es ist aus den Quellen des christlichen Glaubens in der gemeinsamen Heiligen Schrift evident, dass keinem Menschen die Erlösung subjektiv in der Rechtfertigung zuteilwerden kann durch eigenes Tun, wodurch dann der Sünder gleichsam zu seinem eigenen Erlöser würde. Aber der objektive Glaube an die Heilswirklichkeit in Christus darf auch nicht reduziert werden auf die subjektive Gewissheit, gerechtfertigt zu sein, denn dann wäre der Zustand meiner persönlichen Überzeugtheit wichtiger als das Faktum  der realen Erlösung in Christus. Denn zum Glauben als Vertrauen gehört auch die Erkenntnis Gottes und seiner Offenbarung in der Lehre der Kirche, gehört die Hoffnung als beständige Gnade zum Weitergehen auf dem Weg, der Christus ist, zum Ziel, das ebenfalls Christus ist, gehört auch die Liebe als das innerste Wesen und erreichte Ziel des Gottesverhältnis.

Worin der bis heute ungelöste Gegensatz besteht, ist nicht die Existenz und das Wesen der Kirche, sondern die Bedeutung ihrer sakramentalen Gestalt und Notwendigkeit der Heilsvermittlung. Daran schließen sich die Fragen nach den Sakramenten, dem Priestertum und der Lehrautorität nur konsequent an.

Für Luther ist die Kirche creatura verbi:„Denn die Kirche entspringet aus dem Wort der Verheißung durch den Glauben und wird eben mit demselben Wort der Verheißung ernähret und erhalten, d. i. sie wird durch die Verheißung Gottes und nicht die Verheißung durch sie gestiftet. Denn das Wort Gottes ist unvergleichlicher weise über der Kirche, über welches Wort Gottes die Kirche als Kreatur nicht Macht hat, etwas zu stiften, zu ordnen oder zu tun, sondern sie soll gestiftet, geordnet und gemacht werden.“[6]

Damit ist gesagt, dass sich die innere Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, der Gerechtfertigten, die Gott alleine kennt, durch das Wort der Verheißung im Glauben bildet, die aber nur dort ist und sich manifestiert, wo das Wort und das Sakrament stiftungsgemäß gepredigt und verwaltet werden (CA 7). Etwas anderes ist es, wenn die äußere Kirchenordnung von der weltlichen Obrigkeit oder von den Mitgliedern einer Organisation geordnet wird. Diese institutionelle Zugehörigkeit zu einer Körperschaft hat keine heilsrelevante Bedeutung für die Rechtfertigung und damit für die Zugehörigkeit zur Kirche im eigentlichen und wahren Sinn, nämlich der Kirche als communio sanctorum, d. h. der wahrhaft im Glauben Gerechtfertigten, die Gott alleine kennt.

Die katholische Sicht auf die Kirche geht davon aus, dass wir nur durch die sichtbare Kirche mit ihrer verbindlichen Lehre, ihren sakramentalen Heilsmitteln und der Anerkennung ihrer von Christus im Heiligen Geist gestifteten apostolischen Verfassung und Ordnung zur Heilsgemeinschaft gelangen können.

Johann Adam Möhler bringt in seiner „Symbolik“ die Differenz auf den Begriff: „Die Katholiken lehren: die sichtbare Kirche ist zuerst, dann kommt die unsichtbare: jene bildet erst diese. Die Lutheraner sagen dagegen umgekehrt: aus der unsichtbaren geht die sichtbare hervor, und jene ist der Grund von dieser. In diesem scheinbar höchst unbedeutenden Gegensatze ist eine ungeheure Differenz ausgesprochen.“[7]

Luthers Kirchenverständnis ist nach Möhler nicht schlichtweg falsch, aber einseitig. Es muss also nicht in toto abgelehnt werden und kann auch als Korrektur für eine einseitig auf die sichtbare Gestalt der Kirche festgelegte katholische Ekklesiologie bewertet sein. Um die Heilsgewissheit nicht von geschaffenen Dingen und Menschen in der Kirche abhängig zu machen, lehnt Luther die Heilswirksamkeit der Sakramente ex opere operato, die heilsrelevante Verbindlichkeit und Unfehlbarkeit ihrer Konzilsentscheidungen und die geistliche Vollmacht des in der Ordination konsekrierten Priesters (character indelebilis) zur Darbringung des Messopfers ab. Denn er sieht in all dem die Gefahr, dass der Mensch statt durch den Glauben sich selbst durch menschliche Werke und Einrichtungen in das rechte Verhältnis zu Gott setzt. Das Geschaffene kann für ihn aber nie der Grund der Rechtfertigung des Sünders sein, sondern nur der der leiblichen Natur des Menschen gemäße Ort und Erscheinungsraum. Das Sichtbare dient nur der Vergewisserung dessen, was auf der Ebene der Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch in der Korrelation von Verheißung Gottes und gnadengewirktem Glauben geschieht. Luther unterschätzt aber das in der Inkarnation begründete Grundgesetz der Heilsvermittlung, dass wir aufgrund unserer leiblichen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Verfassung nur per visibilia ad invisibilia gelangen können. Wenn man die sichtbare und unsichtbare Kirche, göttliches Heil und die den Menschen anvertraute Vermittlung nicht dialektisch entgegensetzt, sondern im Licht des Inkarnationsmysteriums analog aufeinander bezieht − in Verbindung und Unterscheidung −, dann kann man mit dem II. Vatikanum das Anliegen Luthers aufgreifen und dennoch den katholischen Glauben frei von kontroverstheologischer Zuspitzung so ausdrücken:

„Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfasst und trägt sie unablässig; so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16). Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18ff.), für immer hat er sie als ‚Säule und Feste der Wahrheit‘ errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“ (LG 8).

Die katholische Kirche kann im exakt evangelisch-lutherischen Sinn nicht als die Kirche, sondern nur als eine kirchliche Gemeinschaft unter anderen anerkannt werden. Eine umfassende Einheit aller Christen in einer sichtbar-einen Kirche, wie sie sich, katholisch ausgedrückt, aus ihrer Sakramentalität als Folge des inkarnatorischen Charakters ihrer Stiftung ergibt, ist nicht heils-notwendig; wenn auch aus pragmatischen Gründen wünschbar („der Papst als Sprecher der Christenheit“, aber nicht als Zeuge Christi und darum immerwährendes Prinzip der Einheit der Kirche in Christus).[8] Deshalb könne „versöhnte Verschiedenheit“ bestehen trotz der Widersprüche im Bekenntnis und der Ordnung der manifesten Kirchengemeinschaften, wenn nur durch die Gemeinschaft in Predigt, Taufe und Abendmahl die Einheit mit Christus und damit die Gemeinschaft der Heiligen angezeigt ist.

In katholischem Sinn ist Kirche nicht ein Allgemeinbegriff, der konkreten Kirchengemeinschaften per definitionem zugesprochen oder abgestritten wird. Kirche ist immer die geschichtlich kontinuierlich existierende, an ihren Wesensmerkmalen identifizierbare Gemeinschaft, die ihren Ursprung auf Christus, das fleischgewordene Wort, zurückführt. Der Ausweis ihrer geschichtlichen Identität und Kontinuität gehört zu ihrem Wesen und macht darum die Kirche im eigentlichen Sinn aus.

Von daher definiert sie auch ihr Verhältnis zu anderen bischöflich verfassten Kirchen und nicht-bischöflich verfassten kirchlichen Gemeinschaften. Und sie sucht die volle Gemeinschaft durch die Wiederherstellung der Einheit im Glaubensbekenntnis, den wesentlichen sakramentalen Formen der Gottesverehrung und Heilsvermittlung und in der apostolischen Grundlage ihrer Lehrautorität. Das II. Vatikanum spricht ausdrücklich den ohne eigene Schuld nichtkatholischen Christen die gnadenhafte Einheit mit Christus in Glaube, Hoffnung und Liebe zu und spricht gerade auch den anderen kirchlichen Gemeinschaften, trotz der Differenzen im Verständnis und Umfang der Heilsmittel, den Rang eines Mediums des Heils zu (vgl. UR 3). Darum besteht auch auf der Ebene der Sichtbarkeit, besonders im Taufsakrament, noch eine Einheit der Kirche und eine sichtbare Gemeinschaft der Christen untereinander als Glieder des einen Leibes Christi, wenn auch die Communionicht vollständig ist und auf ihre volle sichtbare Einheit in der sakramentalen Kirche hinzielt.

Das katholische Verständnis von Ökumene und Kirchenreform hat weder die Herstellung des status quo ante 1520 im Blick noch kann sie das Paradigma eines geistesgeschichtlich notwendigen Pluralisierungsprozesses akzeptieren, der den status quo der institutionell und bekenntnismäßig verschiedenen Kirchentümer sich zu eigen macht, weil darin ein diametraler Widerspruch zum Willen Christi liegt, in dem die Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität der Kirche, deren Haupt er ist, dauernd gründet. Das Ziel ist nicht versöhnte Verschiedenheit − mit dem Ton auf der bleibenden Verschiedenheit −, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra. Nachdem es die vielfältigen Bande der Einheit zu den nichtkatholischen Kirchen dankbar in Erinnerung gerufen hat, fährt das Konzil fort:

„So erweckt der Geist in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Tat, dass alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden geeint werden mögen. Um dies zu erlangen, betet, hofft und wirkt die Mutter Kirche unaufhörlich, ermahnt sie ihre Söhne zur Läuterung und Erneuerung, damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle“ (LG 15). Die Heilsmittel außerhalb der sichtbaren Communio dürfen ebenfalls nicht dazu verleiten, die volle Gemeinschaft der sichtbaren, institutionellen Kirche nicht mehr als Ziel der Ökumene zu betrachten – denn die Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nicht erst von Menschen durch Kompromisse und Verhandlungen zu errichten, sondern bereits konkret in der Einheit mit dem Papst und den Bischöfen verwirklicht. Dies betrifft die Vollständigkeit der Heilsmittel, aber nicht das spirituelle und moralische Leben der Katholiken, das in vorbildlicherer Weise bei nichtkatholischen Christen und in ihrer Gemeinschaft gegeben sein kann.

Indem Möhler die menschliche Schuld an der Trennung von Katholiken und Protestanten feststellt, beschwört er das Ziel der Ökumene: die Versöhnung der Christen und die Einheit der Kirche. „Dies ist auch die Stelle, auf welcher einst Katholiken und Protestanten in großen Massen begegnen und die Hände sich reichen werden. Beide müssen schuldbewusst ausrufen: Wir alle haben gesündigt, nur sie ist unbefleckt auf Erden. An dies offene Bekenntnis der gemeinsamen Schuld wird das Versöhnungsfest sich anschließen.“[9]

500 Jahre Reformation und Kirchenspaltung – kein Anlass zum protestantischen Triumphalismus und zur Erneuerung katholischer Inferioritätsgefühle. Bis 2017 sollten wir alle evangelischer und katholischer geworden sein im Sinn gemeinsamer Buße und Versöhnung und der Erneuerung in Christus.

Das ist die Reform der Kirche nicht durch uns, sondern in uns.

 

[1] Vgl. Diarmond MacCulloch, Die Reformation 1490-1700, München 2008.

[2] Vgl. dazu Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009.

[3] Irenäus, Adversus haer. IV,34,1.

[4] Vgl. S.Th I, q. 8 ad 2.

[5] Vgl. Albert Ehrhard, Der Katholizismus und das zwanzigste Jahrhundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung der Neuzeit, Stuttgart und Wien 1902.

[6] Martin Luther, De captivitate babylonica: WA 6,560.

[7] Möhler, Symbolik, §48.

[8] Vgl. CA 7, wo unter menschlichen Traditionen nicht sekundäre Ausprägungen verstanden, sondern die katholisch für heilsnotwendig gehaltenen Heilsmittel und die Sakramentalität der Kirche ausgeschlossen werden.

[9] Möhler, Symbolik, §37.

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