Silvesterpredigt von Bischof Dr. Felix Genn

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Bischof Dr. Felix Genn (Bistum Münster)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, welch ein Jahr geht am heutigen Tag zu Ende! Es ist sicher, dass es in die Geschichte eingeht: Die Morde im Januar und am 13. November in Paris – allein diese schrecklichen Ereignisse, deren geistige Ursachen in einer radikalen Verbindung von Religion und Gewalt liegen, und die noch nicht abzusehenden Auswirkungen werden auch spätere Generationen noch beschäftigen.

Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, vor allem im Krieg, der seit Jahren in Syrien tobt, aber auch die unbewältigten Probleme des afrikanischen Kontinents sind Ursachen für große Flüchtlingsströme, die nach Europa drängen, und für viele Menschen ist das Mittelmeer zu ihrem Grab geworden. Wie sehr die Situationen in den einzelnen Ländern, aus denen die Menschen kommen, verschieden sind, sie verlassen massenweise ihr Land, drängen in die freiheitlichen Länder Europas, weil sie hier eine Besserung ihrer Lebensverhältnisse erwarten. So wird das Jahr 2015 zu einem Jahr einer neuen Völkerwanderung. Für uns hier in Europa werden die politischen Auseinandersetzungen über die Stellung des Islam, bisweilen spürbare Fremdenfeindlichkeit, die Sorge gegenüber einem Zuviel an Flüchtlingen, über das Jahr 2015 hinaus bestimmend bleiben.

Auch innerkirchlich ist dieses Jahr bedeutsam gewesen: Der Abschluss der zweiten Synode über das Evangelium von der Familie, ihre Berufung und Sendung in der Welt, in der Kirche und in der Gesellschaft hat große Aufmerksamkeit geweckt und wird uns ebenso im kommenden Jahr weiter beschäftigen. Weniger Aufmerksamkeit in der großen Öffentlichkeit hat das „Jahr des geweihten Lebens“ gefunden. Mit ihm wollte Papst Franziskus den Blick auf die Menschen richten, die in Orden und Geistlichen Gemeinschaften in der Nachfolge Christi ihr Leben gestalten und für die Kirche und die Menschen wirken. Dies fordert neu heraus, in unserer Gegenwart für solche Berufungen zu beten und sie zu fördern. Wir denken an diesem Silvestertag auch an das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus in der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik, in Bangui, und am Fest der Unbefleckten Empfängnis im Petersdom eröffnet hat. Allein diese Verbindung halte ich für bemerkenswert: Eine der unbedeutendsten Städte Afrikas, Hauptstadt eines Landes, das von großer Armut und vielen politischen Konflikten gezeichnet ist, wird neben der zentralen Kirche des katholischen Erdkreises, dem Petersdom, zu einem geistlichen Zentrum zur Verkündigung der Frohen Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes in die ganze Welt!

Und wie mag Ihr persönlicher Rückblick aussehen, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie beim gemeinsamen Feiern heute Abend und in das neue Jahr hinein mit Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis die zwölf Monate überschauen? Freude und Leid werden sich vielleicht nicht die Waage halten. Manches wird sich als gewöhnlicher Alltag zeigen, manches als Frage weitergehen in das neue Jahr hinein, und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie alle Unsicherheit, aber auch die Dankbarkeit, die Sie erfüllt, in die Hände dessen legen, der Sie am besten kennt.

In unserem Bistum müssen wir auch an diesem Tag uns an das unsägliche Leid erinnern, das Menschen in Haltern und darüber hinaus betroffen hat, die durch einen schrecklichen Flugzeugabsturz ihnen nahe stehende Menschen, besonders Kinder und Enkel, verloren haben. Im Gebet sind wir ihnen jetzt ebenso verbunden wie den vielen Helferinnen und Helfern, den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die sich bis an den Rand der Erschöpfung um die Trauernden bemüht haben. Und jetzt kurz nach Weihnachten sind wieder Familien aus Haltern durch tödliche Unfälle von drei Menschen in Österreich verwundet. Auch an sie wollen wir betend denken.

Liebe Schwestern und Brüder, am Ende dieses Jahres möchte ich Ihren Blick noch einmal auf die Sozialenzyklika richten, mit der Papst Franziskus die Bewahrung der Schöpfung in umfassender und tiefer Weise betrachtet hat. Ich möchte einige Akzente benennen und bringe sie in Verbindung mit dem „Jahr der Barmherzigkeit“. Die Eigenschaft, barmherzig zu sein, bezieht sich natürlich zunächst einmal auf den Mitmenschen und auch auf uns selber. Wir denken nicht unmittelbar daran, dass Barmherzigkeit etwas mit Schöpfung zu tun haben könnte. Genau daran ist Papst Franziskus gelegen.

Der ungewöhnliche Titel ‚Laudato Si‘ greift den Lobgesang des heiligen Franziskus von Assisi auf, der in diesem Lied Sonne und Mond, aber auch die Erde besingt und die Erde als unsere Schwester bezeichnet. Aus diesem Grund nennt Papst Franziskus als Grundanliegen seines Lehrschreibens „die Sorge für das gemeinsame Haus“: Die Erde ist unser gemeinsames Haus, und sie braucht eine besondere Sorge. Man könnte auch sagen: Einen barmherzigen Umgang; denn der Papst betont: „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“.(1)

Liebe Schwestern und Brüder, Barmherzigkeit bedeutet, sich bewusst zu werden, dass wir alle vom Erbarmen der Mitmenschen und dem Erbarmen Gottes leben. Wer darüber nachdenkt, wird von selbst zu einer inneren Umkehr aufgerufen, weil er spürt: Ich brauche angesichts meines Versagens die Barmherzigkeit Gottes. Ich bin auf sie angewiesen. In diesem Sinne wird auch diese Enzyklika zu einem Aufruf an die ganze Welt, eine ökologische Umkehr zu leben. Dieser Gedanke ist übrigens nicht neu, haben doch bereits der heilige Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. an verschiedenen Orten zu verschiedenen Anlässen ebenfalls auf die Notwendigkeit dieser Umkehr hingewiesen. In der Tat ist es so, dass weder ein internationaler Klimagipfel, wie wir ihn kürzlich in Paris erlebt haben, noch politische Vereinbarungen genügen, wenn sie von der Bevölkerung nicht mitgetragen werden. Es bedarf einer Umkehr im Bewusstsein aller und der Bereitschaft, diese Umkehr auch konkret zu leben. Damit kann jeder in seinem eigenen Umkreis anfangen.

Im Anschluss an Papst Benedikt spricht Papst Franziskus von der Notwendigkeit „einer tiefgreifenden inneren Umkehr“, und er gibt zu, „dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln. Andere sind passiv, entschließen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern. … Es fehlt ihnen also eine ökologische Umkehr, die beinhaltet, alles, was ihnen aus ihrer Begegnung mit Jesus Christus erwachsen ist, in ihren Beziehungen zu der Welt, die sie umgibt, zur Blüte zu bringen.“ Ausdrücklich betont er deshalb: „Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist weder etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung“.(2)

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie alle einladen, sich dieses Dokument zu Eigen zu machen und es nicht nur bestimmten Gruppen in unseren Gemeinden, die sich schon seit Jahren um die Eine-Welt-Arbeit bemühen und in vielfältiger Hinsicht engagiert sind, zu überlassen. Es geht um eine innere Umkehr von uns allen. Sie fängt beim Einzelnen an. Freilich betont der Papst zu Recht, genügt die Besserung des Einzelnen nicht; denn „Auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden“.(3) Können wir die Fragen der Umwelt, des Klimawandels, der ökologischen Krise nicht auch zum Thema in Pfarreiräten und Kirchenvorständen, auf Familienfeiern und Partys im Freundeskreis machen?

Liebe Schwestern und Brüder, eine solche Umkehr des Herzens beginnt ganz einfach: Ein Leben, das von einer Haltung der Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit geprägt ist. Wer im Bewusstsein lebt, dass die Welt „ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk“ ist, für den sind Maß, verantwortungsbewusster Konsum, ein Lebensstil, der Formen der Ausbeutung und des exklusiven Besitzes ausschließt, konkrete Arten und Weisen, um neue Sensibilität zu entwickeln. Daraus ergibt sich für den Papst, Verzicht zu üben, „ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und großzügig zu handeln, auch wenn niemand es sieht oder anerkennt“(4)…

Liebe Schwestern und Brüder, das hat Folgen für unseren Lebensstil, zum Beispiel darin, dass weniger mehr sein kann, dass wir Wachstum mit Mäßigkeit verbinden, zur Einfachheit zurückkehren und dankbar bleiben für alle Möglichkeiten, die uns das Leben schenkt. Das bedeutet auch Genügsamkeit. Eine solche Haltung kann sich schlicht und einfach schon darin äußern, dass das Tischgebet neu gepflegt wird. Auf all das weist Papst Franziskus hin.(5)

Wenn ich hier noch einmal einen Blick in die große Politik werfen kann, möchte ich als Erstes sagen: Welcher Verzicht wäre es, wenn wir aufhören, Waffen in Krisenzonen zu exportieren! Sicherlich ein Verzicht auf Gewinne, ja ein Verlust. Aber müssen wir nicht als Christen die Frage des Waffenhandels äußerst kritisch betrachten? Vor allem, wenn die Waffen in Länder gehen, deren Regime nicht glaubwürdig sind, z. B. Saudi Arabien.

Vielleicht klingt das alles zu romantisch und etwas sehr schlicht. Franziskus provoziert uns, wenn er von Genügsamkeit und Demut spricht. Umkehr wird dann nicht ein veraltetes Wort, sondern bekommt höchste Aktualität und Konkretion im einfachen Alltag unseres täglichen Miteinanders und wird sich ausprägen auf das gesellschaftliche und politische Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, ein letzter Hinweis aus diesem reichen Päpstlichen Schreiben: Der Papst spricht davon, dass die Natur „voll ist von Worten der Liebe“, und sagt dann wörtlich: „Doch wie können wir sie hören mitten im ständigen Lärm, in der fortdauernden und begierigen Zerstreuung oder im Kult der äußeren Erscheinung? Viele Menschen spüren eine tiefe Unausgeglichenheit, die sie dazu bewegt, alles in Höchstgeschwindigkeit zu erledigen, um sich beschäftigt zu fühlen, in einer ständigen Hast, die sie wiederum dazu führt, alles um sich herum zu überfahren. … Eine ganzheitliche Ökologie beinhaltet auch, sich etwas Zeit zu nehmen, um den ruhigen Einklang mit der Schöpfung wiederzugewinnen … um den Schöpfer zu betrachten, der unter uns und in unserer Umgebung lebt und dessen Gegenwart nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden muss“.(6) Wie wahr und notwendig auch für den, der von Termin zu Termin geführt – oder soll man besser sagen „gejagt“ – wird!

Liebe Schwestern und Brüder, das Ende dieses Jahres lässt uns sagen: Lautato Si: Gepriesen seist du Herr für die Gabe des Lebens, für die Gabe der Natur, für die Gaben der Schöpfung, auch für die Gabe, von Ihm durch dieses Jahr geführt worden zu sein. Es lädt uns auch ein, barmherziger zu werden mit uns selbst, mit den Menschen um uns herum, mit der Natur und der Schöpfung. Es ist etwas zutiefst Christliches, im Bewusstsein zu leben, das Machen die zweite Stelle hat, das Empfangen und Beschenkt-Werden aber der Ursprung unseres Wesens überhaupt ist. Gerade ein Jahreswechsel lädt dazu ein, tiefer zu sehen, wie beschenkt wir sind, und wie gut es tut, mit Geschenken zart und sensibel umzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch im Namen meiner Mitbrüder im Domkapitel einen guten Ausgang dieses Jahres und über den kommenden Monaten, die vor uns liegen, den Segen unseres Schöpfers und Herrn. Amen.

Anmerkungen:
(1) Im Folgenden werde ich in den Zitaten nur die Nummer der Enzyklika ‚Laudato Si‘ angeben. Hier: 2.
(2) 217.
(3) 219.
(4) 220. Ich verweise auch auf die Botschaft des Papstes in: OR 2015, Nr. 49, S. 14.
(5) Vgl. 222, 227.
(6) 225 mit Verweis EG 71.

© Dokumentiert von kirchensite.de

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