Homilie von Bischof Vitus Huonder am Hochfest von Weihnachten

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Brüder und Schwestern im Herrn,

es ist tatsächlich so: Märchen können erbauen und ergötzen. Als Kind hörte ich fürs Leben gerne Märchen. Es ist auch so: Märchen vermitteln Lehren und enthalten viele Wahrheiten. Aber – und dies ist letztendlich entscheidend – nicht jede Wahrheit ist ein Märchen.

Auch die Wahrheit der geistgewirkten Empfängnis und Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus ist kein Märchen. Die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ist kein Märchen. Die Kirche unterstreicht diese Wahrheit, indem sie in ihrer Lehre festhält: Maria war Jungfrau vor, in und nach der Geburt. Die Kirche spricht daher von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias. Das ist fester, verbindlicher Inhalt des katholischen Glaubens.
Im Mittelpunkt der heutigen Feier steht der dritte Artikel des Glaubensbekenntnisses. Er lautet, wie wir dies anschließend im Credo zum Ausdruck bringen: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab)gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ (Qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis, et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine et homo factus est). Auf diese Weise bekennen wir, dass die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria – die Empfängnis ohne Zutun eines Mannes – Wirklichkeit ist; dass dies geschehen ist. Es ist nicht die Wahrheit eines Märchens. Es ist die Wahrheit der Geschichte. Es ist die Wahrheit eines Ereignisses. Es ist die Wahrheit des göttlichen Wirkens, der göttlichen Allmacht. „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37), hält Lukas bei der Schilderung der Empfängnis des Sohnes Gottes fest. Damit aber sagt uns der Evangelist, dass er uns kein Märchen erzählen will. Nichts Erfundenes! Nichts Erdichtetes! Vielmehr will er das wunderbare Walten Gottes vor Augen führen. Er will uns das erschließen, was für uns Menschen nicht ohne weiteres einsichtig und nachvollziehbar ist, und uns im Glauben stärken.

Der Evangelist will uns auch darlegen, wie dieses wunderbare Walten Gottes zu erklären ist: Durch das Wirken des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist – die dritte göttliche Person – wirkt so in die Schöpfung, in die Natur hinein, dass die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria – die Empfängnis ohne Zutun eines Mannes – eine geschichtliche Wirklichkeit wird. Das ist der Inhalt des heutigen Festgeheimnisses. Das ist der Inhalt von Weihnachten. Nicht der Weihnachtsmann, nicht die Lichterdekoration, nicht der Weihnachtsmarkt, nicht die vielen Weihnachtsessen! Ja, ohne das heutige Festgeheimnis gäbe es dies alles gar nicht.

Der Evangelist Johannes – wir haben ihn eben gehört – fasst dieses Geheimnis in die gedrängten Worte: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). So ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes die Wahrheit eines Geschehens. Das Märchen hingegen ist die Erfindung einer Geschichte. Erfindung und Geschehen sind darin verschieden, dass das eine die Vorstellung des menschlichen Geistes ist – Phantasie; das andere der Gegenstand eines Ereignisses – Wirklichkeit. Deshalb bekennt die Kirche als Wirklichkeit und nicht als Ausdruck eines Märchens im Credo: Er „hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ (Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine et homo factus est).

Wir haben in der Heiligen Nacht den ersten Teil des Bekenntnisses der Menschwerdung unseres Herrn betrachtet: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab) gekommen“ (qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis). Wir haben dabei festgehalten: Was in dieser „Nacht geschehen ist – die Geburt Jesu – ist zu unserem Heil geschehen. Es ist geschehen, damit wir aus unserer menschlichen Not befreit werden. Es ist geschehen, damit das Böse, damit Verletzungen, Hass, Unfriede, Unglück, Elend, ja der Tod ein Ende nehmen. Es ist geschehen, damit wir erlöst werden und uns die Tür zum Himmel offen stehe“. Meine Lieben, wäre das alles nur ein Märchen, würden wir heute nicht die Geburt des Sohnes Gottes feiern und – was ganz schlimm wäre – wir wären gar nicht erlöst. Dank sei Gott, dass er uns seinen einzigen Sohn, das Wort vom Wort, das von Ewigkeit her ist, durch das Ja der Jungfrau geschenkt hat, so dass Erlösung Wirklichkeit ist – und kein Märchen. Amen.

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