Kardinal Meisner im Gespräch„Im Nikolauskostüm begann meine Bischofskarriere“

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Gerne auch mal allein: Kardinal Meisner genießt einen echt Kölner Ausblick.

Kardinal Meisner spricht im Interview über seine Kindheit in Schlesien, Heilige Messen ohne Publikum, die Bedeutung des Festes der Familie und seinen Geburtstag am ersten Weihnachtstag.

Herr Kardinal, Sie sind dieses Jahr [2014] emeritiert worden. Es ist also das erste Mal seit langem, dass Sie an Weihnachten nicht mehr an vorderster Front stehen. Was wird Ihnen fehlen? Was werden Sie womöglich zurückgewinnen?

Zunächst einmal sollte man die Emeritierung nicht als eine so große Veränderung im Leben eines Bischofs vermerken. So wie ein Ingenieur nach der Pensionierung Mensch bleibt, so bleibe auch ich Mensch. Aber ich bleibe eben auch Priester, Bischof und Kardinal, bis dass der Tod uns scheidet. Viele wissen das nicht. Wenn ich morgens auf die Straße gehe, dann sagen die Leute: „Guten Morgen, Herr Meisner!“ Dann sage ich: „Meinen Sie den Schornsteinfeger Meisner oder den Kardinal?“ Die Leute erwidern dann: „Aber Sie sind doch nicht mehr Kardinal.“ Dann sage ich: „Doch! Ich bin als Erzbischof emeritiert, Kardinal bleibe ich bis an mein Lebensende.“

Es hat sich also nichts geändert?

Doch! Ich habe weniger Zeit als früher. Das liegt daran, dass es viele gut mit mir meinen und glauben, der Kardinal habe jetzt nichts mehr zu tun. Und damit er nicht trübsinnig wird, laden wir ihn ein. Vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit kann ich mich vor Einladungen kaum retten. Was möglich ist, mache ich gerne. Zum Beispiel bin ich am zweiten Weihnachtsfeiertag immer in Köln-Junkersdorf bei Klosterschwestern aus meiner Heimat Schlesien zu Gast. Zwei von ihnen haben mir mehr als 20 Jahre lang den Haushalt geführt, die rechnen zu Recht fest mit mir. Aber manchmal bin ich eben auch froh, wenn ich allein sein kann.

Also keine Entlastung durch die Emeritierung?

Doch, weil ich nicht mehr die großen Festpredigten halten muss. Ich habe das nie aus dem Ärmel geschüttelt, sondern mich immer gewissenhaft vorbereitet. Schließlich geht es darum, die Faszination des Evangeliums sozusagen an den Mann zu bringen.

Und nun?

In der Heiligen Nacht werde ich zwar im Kölner Dom die Messe mitfeiern, aber nur als Zweiter konzelebrieren, am ersten Weihnachtsfeiertag genauso. Ich brauche mir also nicht mehr zu sagen: Hoffentlich geht es mit der Predigt gut, sondern ich kann in den Dom hinübergehen und mich einfach nur auf die Messe freuen.

Hatten Sie bei Predigten je Angst, etwas zu sagen, worüber sich die Leute aufregen könnten? Sie sind da ja, erlauben Sie mir den Ausdruck: ein gebranntes Kind.

Nein! Zu meiner Emeritierung haben mir viele geschrieben: „An Ihnen konnte man sich immer orientieren, was katholisch ist und was nicht.“ Das ist doch das Schönste, was man einem Bischof sagen kann.

Aus Ihrer Zeit in der DDR kennen Sie die Diaspora-Kirche. Sie wissen, wie es ist, vor einer Handvoll Leuten eine Messe zu feiern. Was ist anders, wenn Sie an Weihnachten einen vollen Dom vor sich haben?

Passen Sie auf: Als wir Kapläne in der DDR waren, da hat unser damaliger Bischof Hugo Aufderbeck zu uns gesagt: „Wenn ihr auf die Außenstationen fahrt, und es sind nur  zwei oder drei Omas da, dann werdet ihr aufgebracht sein und euch fragen: Wo sind denn all die anderen? Ist ein Fußballspiel? Aha! Dann sollt ihr den drei Omas sagen, wir warten noch einen Augenblick, vielleicht kommt noch jemand. Aber es wird niemand mehr kommen. Setzt euch also in die Bank und schaut von hinten auf die Omas, so lange, bis ihr den gegenwärtigen Herrn seht, der gesagt hat: ,Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘ Und wenn es so weit ist, dann feiert die Heilige Messe mit den drei Omas mit einer Hingabe, als wären 300 oder 3000 Leute da.“ Ist es Ihnen vielleicht sogar lieber, vor drei Großmüttern zu zelebrieren, die wenigstens stark sind im Glauben, als vor 3000 Menschen, von denen die meisten kein einziges Gebet mehr mitsprechen können? Nein. Wir sind schließlich keine Auswahlkirche, wir haben nicht darüber zu befinden, wer dazugehört und wer nicht. Im Übrigen bin ich überzeugt davon: Jeder kommt aus dem Dom ein bisschen anders heraus, als er hineingegangen ist. Ich würde sogar sagen: ein bisschen besser.

Was führt die Leute ausgerechnet an Weihnachten in die Kirche?

Weihnachten ist das intimste Fest, das wir haben. Seiner Faszination kann sich kaum jemand entziehen, selbst wenn er vom Christentum nichts hält. An Weihnachten wird mir immer wieder vor Augen geführt, dass jeder Mensch ein unsterbliches Heimweh und eine untilgbare Sehnsucht in sich trägt. Jeder spürt doch, dass er sich nicht selbst ins Dasein gesetzt hat, dass es einen Absender geben muss, einen Ursprung. Danach haben wir Heimweh. Das ging schon Adam so, der aus dem Paradies vertrieben wurde. Nach einer Sage ist er im Alter wieder an die Pforte des Paradieses zurückgekehrt, hat daran gerüttelt und gerufen: „Ich möchte wieder nach Hause.“ Oder denken Sie an Friedrich Nietzsche.

Ausgerechnet an den?

Nietzsche hat gedichtet: „Die Krähen schrei’n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / Bald wird es schnei’n – / Weh dem, der keine Heimat hat!“ Ein paar Jahre später ist er in Turin auf offener Straße einem gepeinigten Droschkengaul um den Hals gefallen. Das ist doch ein starkes Zeichen, dass das Religiöse, die Sehnsucht nach dem Absoluten, trotz aller Versuche von Marx, den Aufklärern und auch unseren Zeitgenossen nicht auszulöschen ist. Natürlich, vieles ist verschüttet, aber es ist da. Und Weihnachten zeigt, dass der Mensch nur richtig feiern kann, wenn er etwas feiert, das größer ist als er selbst.

Wie beurteilen Sie, dass sich heutzutage auch manche Muslime Weihnachtsschmuck an ihre Fenster hängen?

Das sind ja auch Menschen, Kinder Gottes wie wir. Deshalb ist das gut. Damit sind sie noch keine Christen, aber sie lassen sich von dem Ereignis berühren, das wir Christen feiern. Es wirkt ansteckend auf andere, weil es keine konstruierte Feier ist, sondern ganz und gar dem Wesen des Menschen entspricht.

Sie haben Weihnachten als das intimste Fest des Jahres bezeichnet.

Als das intimste, nicht als das höchste!

Intimität verbindet man auch mit dem Begriff der Familie. Nach vorherrschender katholischer Auffassung heißt das bis zu einem bestimmten Alter: wir und unsere Eltern. Später: wir und unsere Kinder. Fehlt Ihnen da nicht etwas?

Die Familie: Vater, Mutter, Kinder, die schon durch die Schöpfung geheiligt ist, wurde durch die Heilige Familie, Jesus, Maria und Josef, noch einmal geheiligt. Sie steht damit völlig außer Konkurrenz. Deswegen bin ich bis zu meinem ersten Jahr als Kaplan an Weihnachten immer bei meiner Familie in Thüringen gewesen. Durch meine Brüder habe ich inzwischen zehn Neffen und Nichten geschenkt bekommen, und die haben schon wieder Kinder und Kindeskinder. Wir treffen uns zwei Mal im Jahr. Einmal an Pfingsten bei mir, da muss ich eigens ein Haus mieten, weil wir inzwischen mehr als 70 Personen sind. Und am dritten Adventwochenende fahre ich immer zu ihnen.

Kann das ein Äquivalent sein für eigene Kinder?

Das brauche ich gar nicht. Als Seelsorger habe ich viele Kinder. Denken Sie an die Schüler, die ich früher im  Religionsunterricht hatte, an die Knaben und Mädchen aus den Chören. Oder an all die Ministranten und Jugendlichen, mit denen ich durch den Gottesdienst tief verbunden bin.

Wenn Sie den Familienbegriff auf diesen Personenkreis ausdehnen – ist es dann auch zulässig, dasselbe mit Freunden zu tun? Ich frage deshalb, weil es heute nicht unüblich ist, dass junge Leute an Heiligabend um 22 Uhr das Elternhaus verlassen, um sich in der Kneipe mit ihresgleichen zu treffen.

Das höre ich zum ersten Mal. Normalerweise haben die Gasthäuser doch geschlossen an Heiligabend. Ich meine jedenfalls, für ein Treffen mit Freunden sollte man sich lieber den Silvesterabend aussuchen. An Weihnachten, diese paar Stunden, sollte man zu Hause sein, bei den Geschwistern, Eltern und Verwandten.

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Joachim Kardinal Meisner, hier in seinem Arbeitszimmer in Köln, wurde am 25. Dezember 1933 in Breslau geboren, lebte nach der Vertreibung in Thüringen und war von 1980 bis 1989 Bischof von Berlin, von 1989 bis 2014 Erzbischof von Köln und Metropolit der Kölner Kirchenprovinz. Am 28. Februar nahm Papst Franziskus sein Rücktrittsgesuch aus Altersgründen an.

Sie haben also nie etwas vermisst?

Nie. Und zwar deshalb, weil wir einen sehr engen Zusammenhalt in der Familie haben. Ich will Ihnen mal ein Symbol dafür geben, damit Sie verstehen, was ich meine. Als unsere Mutter starb und wir sie auf dem Dorffriedhof beerdigt haben, da habe ich vorher zu meinen Brüdern gesagt: „Wir geben unsere Mutter nicht in fremde Hände,  wir vier tragen sie selbst zu Grabe.“ Und als wir den Sarg so in der Hand hatten, da hat unser Peter, der Bruder, der nach mir kommt, gesagt: „Jetzt versprechen wir der Mutter: Wir stehen weiterhin so zusammen, als wäre sie noch unter uns.“ Bis zur Stunde haben wir das gehalten.

Ausgerechnet an Weihnachten kommt es in vielen Familien zu Konflikten. Wie erklären Sie sich das?

Weihnachten soll der schönste Tag im Jahr sein. Da soll es an nichts fehlen. Und natürlich hat da jeder seine eigenen Vorstellungen davon. Zum Beispiel, dass alles sauber sein muss. Das ist eigentlich kein Ideal. Man sollte sich vielmehr sagen: „An Weihnachten soll es bei uns am unproblematischsten sein.“ Also keinen Weihnachtsputz, das sollte bis zum vierten Adventssonntag oder am besten bis zum dritten erledigt sein. Auch die Geschenke sollte man da beisammen haben. Denn das größte Geschenk, das man sich an Weihnachten machen kann, ist, dass man Zeit füreinander hat.

Haben Sie konkrete Ratschläge zur Deeskalation?

Der erste ist Rücksichtnahme. Man kennt sich doch in der Familie und weiß, was den anderen nervös macht, was wichtig ist für ihn. In Schlesien gibt es zum Beispiel ein sehr entfaltetes weihnachtliches Brauchtum, das vor allem in der Speisenabfolge zum Ausdruck kommt. Meine drei Brüder haben alle nicht-schlesische Frauen geheiratet – aber erst, nachdem diese das Weihnachtsessen vorgeführt haben, wie sie es von unserer Mutter gelernt haben. Wichtig ist auch der Humor, das heißt, über sich selbst lachen zu können. Wenn wir im Dom in der Heiligen Nacht die Messe feiern, dann sind da mindestens 120 Sänger, gut 60 Ministranten und vielleicht 20 Konzelebranten. Da kann vieles schief gehen, es kann leicht zu Spannungen kommen. Aber wir haben einen großartigen Küster, der Konfliktsituationen auch mal durch einen Witz auflösen kann.

Untergräbt das nicht die weihnachtliche Ehrfurcht?

Gar nicht. Wir müssen immer daran denken: Wir feiern ein Kind. Und Kinder lachen – und manchmal schreien sie auch. Jesus hat gesagt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Wie hätte er gewollt, dass wir Weihnachten feiern? Diese Frage kann ich gar nicht richtig beantworten. Ich könnte mir höchstens denken, er würde nicht so überstreng sein und sagen: „Das dürft ihr nicht und jenes auch nicht.“ Mein Gott, wir müssen uns freuen dürfen, Kinder Gottes zu sein. Und alles, was schön ist, darf man in diese Festfeier mit hineinnehmen. Das Weihnachtsbrauchtum ist überall anders – und das sollte auch so sein.

Jesus, das geht aus der Bibel recht unzweifelhaft hervor, hat seine Jünger dazu aufgerufen, ihre familiären Bindungen zu lösen. Wie passt das zum Familienfest Weihnachten?

Die Menschen fallen nicht vom Himmel. Schon deswegen ist die Familie unbedingt notwendig für das Reich Gottes. Aber Jesus hat auch gesagt: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Im Übrigen haben es die Familien immer als Ehre empfunden, wenn eine Frau oder ein Mann aus ihrer Mitte berufen wurde, für das Reich Gottes zu arbeiten, und so in einer neuen Familie Aufnahme fand.

Aber Jesus hat doch sogar in seiner eigenen Familie Irritationen ausgelöst.

Seine Botschaft war so neu, so radikal und so menschlich, dass sich die Leute natürlich wunderten. Aber: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Jesus war so überzeugend, dass er an Sabbat eine gelähmte Frau heilen konnte. Darauf stand die Todesstrafe, aber die Schriftgelehrten hielten still, denn es ging von ihm eine große Faszination aus.

Wir sprechen bei der Lehre Jesu von einer Heilslehre, nicht wahr?

Jesus ist kein Heilslehrer, er selbst ist das Heil.

Ich komme darauf, weil Sie als Priester und Bischof in der DDR Erfahrungen mit einer anderen Art von Heilslehre machen mussten. Können Sie mir erklären, worin der Unterschied besteht zwischen den Heilslehren, die das 20. Jahrhundert in mehrere Katastrophen geführt haben, und dem, was Jesus Christus verkündet hat? 

Die sogenannten Heilslehrer, auf die Sie sich beziehen, haben immer andere ins Feuer geschickt. Jesus hingegen hat nie gesagt, „Marsch, vorwärts!“, sondern immer: „Mir nach!“ Er hat nicht andere für sich sterben lassen, sondern er selbst ist für uns gestorben.

Der Historiker Werner Dahlheim bezweifelt in seinem Buch „Die Welt zur Zeit Jesu“, dass sich die Weihnachtsgeschichte so zugetragen hat, wie es uns vor allem die Evangelisten Lukas und Matthäus schildern. Unter anderem schreibt er, dass Jesus wohl eher in Nazareth als in Bethlehem zur Welt gekommen sei. Auch belegten historische Quellen, dass, anders als im Lukas-Evangelium dargestellt, König Herodes und Quirinius, der Statthalter von Syrien, nicht zur selben Zeit amtiert haben können. Ficht Sie so etwas an?

Überhaupt nicht! Diese Besserwisserei von einigen Exegeten nehme ich gar nicht so ernst.

Dahlheim ist ein anerkannter Althistoriker.

Das ist genau das Gleiche. Historiker leben auch von Hypothesen. Natürlich: Lukas war bei der Geburt Jesu nicht dabei. Aber die Geschehnisse wurden sofort mündlich in der apostolischen Verkündigung überliefert.

Lukas schrieb erst 90 Jahre nach Christi Geburt.

Aber die Traditionsstränge darüber gab es schon vorher. Die Evangelien wurden ja gar nicht vom Weihnachtsereignis her geschrieben. Das kam am Ende. Die erste umstürzende Nachricht war historisch betrachtet die letzte: Tod und Auferstehung. Dann kamen die Kreuzigungsberichte. Dann das Leben. Und dann erst die Frage: Wie ist er denn auf die Welt gekommen? Man muss wissen: Das Christentum ist damals nicht als neue Religion empfunden worden, sondern als die Erfüllung des alten Bundes. Die Geburt Christi, so wie sie uns überliefert wurde, ist also nicht vom Himmel gefallen, sondern im Alten Testament wohl vorbereitet worden. Um die Weihnachtsgeschichte zu verstehen, muss man das Alte Testament kennen. Und deswegen nehme ich die Prämissen mancher Historiker nicht so ernst. Die Kirche weiß aus den alttestamentlichen Schriften mehr als sie.

Dahlheim ist sich der Tatsache wohl bewusst, dass die Evangelisten in einer Überlieferungstradition standen. Er wendet es aber anders als Sie und sagt etwa, dass es für Lukas oder Matthäus gar nicht anders vorstellbar war, als in Jesus einen Nachfahren des König David zu sehen.

Glaubt der Historiker denn, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist? Daraus resultiert alles andere. Wenn ich das nicht akzeptiere, dann werde ich eher Widersprüche entdecken, als die Frohe Botschaft sehen und hören.

Bis in welche Verästelung hinein glauben Sie denn, dass es sich in der Heiligen Nacht so zugetragen hat, wie es uns berichtet wird? Stichwort: Ochs und Esel. 

Das treibt mich gar nicht um. In der orthodoxen Welt wird Jesus in einer Erdhöhle geboren, bei uns hat sich der Stall etabliert. Aber darum geht es gar nicht. Und ob nun Ochs und Esel dabei waren? Ich bin der Meinung, sie waren es nicht, und auch die Kirche hat nie behauptet, dass es so gewesen sei. Das ist nämlich dem Propheten entlehnt: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk versteht es nicht.“

Was ist für Sie die zentrale Botschaft, die von Weihnachten ausgeht und die Sie von keinem Historiker dieser Welt in Zweifel ziehen lassen?

Im Johannesevangelium heißt es: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Darum geht es. Dass Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch wie Gott werde. Ein junger Mann hat mich mal gefragt: „Herr Kardinal, stimmt es wirklich, dass Gott uns zu seinem Ebenbild gemacht hat?“ Da habe ich gesagt: „Natürlich!“ Und da sagte der Mann: „Das ist so großartig, direkt zum Verrücktwerden!“ Und ich: „Ja, wir könnten trunken sein vor Glück. Doch was machen wir? Hocken da – und lassen uns nicht mehr von den Stühlen reißen.“

Sie haben an Weihnachten Geburtstag. Haben Sie das je als Zeichen der Vorsehung begriffen?

Als Unglück! Weil ich um des Hausfriedens willen genauso viel geschenkt bekam wie die anderen Geschwister, aber danach keinen Geburtstag mehr hatte. Erst als ich dann in der dritten, vierten Klasse war und begriff, was die Eltern mir über Jesus erzählten, da bin ich doch langsam stolz und dankbar geworden, dass mein Geburtstag auf den Tag des Herrn fällt.

Glauben Sie, dass Jesus nach unserem heutigen Kalender tatsächlich an einem 25. Dezember geboren wurde?

Meines Wissens wurde seine Geburt erst drei Jahrhunderte später auf diesen Tag gelegt. Aus der Luft gegriffen werden sie das Datum nicht haben. Aber auch das ist ganz egal. Ich will Ihnen lieber etwas erzählen. Als ich einmal im Allgäu im Urlaub war, habe ich in einer Dorfkirche einen Grabstein aus dem 17. oder 18. Jahrhundert entdeckt. Dem war zu entnehmen, dass der Verstorbene wie ich am 25. Dezember geboren worden und am 8. September gestorben war – also an Mariä Geburt! Und nun stand da: „Mit Jesus geboren, und gestorben am Geburtsfest der Mutter Gottes.“ Und weiter: „Wiewohl ich bin zwei Mal geboren, bin ich doch kein Mal gestorben.“ Seitdem sage ich immer zu meinen Mitarbeitern: „Das mit der Geburt stimmt schon mal bei mir, jetzt wäre es schön, wenn ich auch an einem 8. September sterben könnte!“ Das ist auch deshalb ein gutes Sterbedatum, weil es draußen noch nicht so kalt ist. Dann holen sich die Priester und die Leute, die zur Beerdigung kommen, keinen Schnupfen. Und wissen Sie, was mein ehemaliger Generalvikar und mein Sekretär immer am 9. September zu mir sagen: „Jetzt müssen wir wieder ein Jahr mit dir aushalten.“

Meine Oma, eine sehr gute Katholikin, leider verstorben …

Warum leider? Sie ist im Himmel, gönnen Sie ihr das!

Für sie war der Namenstag immer wichtiger als der Geburtstag. Wie war das in Ihrer Familie?

Wir in Schlesien kannten den Namenstag gar nicht. Ich habe das erst im Rheinland erlebt. Hier wird beides gefeiert – umso besser!

Was ist das schönste Geschenk, das Sie je zu Weihnachten bekommen haben?

Das war als Kind, da habe ich einen kleinen Holzwagen bekommen mit zwei Holzpferden davor. Die habe ich so innig geliebt, dass ich mit denen schlafen gegangen bin. Und wie das dann so geht: Am nächsten Tag waren sie fast plattgedrückt, und ich habe jämmerlich geheult. Aber der Vater war geschickt, der hat die dann gleich wieder in Ordnung gebracht.

Und das schönste Geschenk, das Sie anderen je gemacht haben?

Vielleicht war das meine Priesterweihe. Ich bin am 22. Dezember 1962 im Erfurter Dom zum Priester geweiht worden, am 23. Dezember hatte ich die Primiz und am 25. Geburtstag. Ich komme ja aus einer ganz kleinen Diasporagemeinde: 30 Dörfer, 2000 Katholiken – und ein Pfarrer. Wir waren also sehr zerstreut, aber wir haben sehr gut zusammengehalten. Zur Primiz hatte meine Familie so viele Päckchen bekommen, dass etwa ein Zentner Kaffee aus dem Westen zusammenkam. Und dann bin ich den ganzen Monat danach, in meinem Urlaub, jeden Abend zu einer anderen Außenstation unserer Gemeinde gefahren, habe dort die Heilige Messe gefeiert und den Primizsegen erteilt. Meine Mutter hat Kaffee und Kuchen mitgebracht. Nach dem Monat war der ganze Zentner Kaffee vertrunken. Davon reden die Leute heute noch.

Das heißt, nicht Ihre Priesterweihe war das Geschenk, sondern der Kaffee?

Nein, nein, das Hauptgeschenk war schon, dass Gott aus unserer kleinen armseligen Gemeinde einen Priester gerufen hat. Das hat alle erhoben.

Dieses Interview wird am Nikolaustag erscheinen. Der heilige Nikolaus war wie Sie ein Bischof. Was bedeutet er Ihnen?

Als Kind habe ich ihn gar nicht geliebt, da habe ich eher Angst vor ihm gehabt. Wegen des Knecht Ruprecht, und weil im Buch des Nikolaus alles drinstand, was ich im Lauf des Jahres angestellt hatte. Das Schöne an Nikolaus war aber, dass man wusste: Bald ist Weihnachten. Das ging mir schon an Sankt Martin so. Der spielte für mich als Kind eine ganz große Rolle. Da gab es immer diese Martinsbrötchen, die in der Mitte einen Knick hatten. Da bekam jeder zweite eines davon geschenkt, damit er es mit einem anderen teilen konnte.

Haben Sie selbst mal den Nikolaus gespielt?

Damit ging meine Bischofskarriere los! Ich war damals noch Gymnasiast und wurde von Schwestern, die einen Kindergarten betrieben, als Nikolaus angeheuert – ohne Knecht Ruprecht. Es gab schon damals in der Pädagogik so eine Richtung: dass man das Nikolausgewand vor den Kindern überstreifen solle, damit die sich nicht betrogen fühlen. Ich habe das immer für Quatsch gehalten. Aber weil man mich darum gebeten hat, habe ich es gemacht. Umso mehr gestaunt habe ich, dass mich die Kinder trotzdem für den richtigen Nikolaus gehalten haben. Wenn sie älter werden, ist das natürlich vorbei. Ich selbst weiß noch von mir zu Hause, dass ich an Nikolaus bemerkt habe, dass dessen Schuhe die meines Onkels Josef waren. Da ahnte ich: Der Onkel macht den Nikolaus.

Welche ist Ihre Lieblingsfigur in der Weihnachtsgeschichte?

Ich liebe den heiligen Josef. Seit einem Jahr ist er mein ganz besonderer Patron. Warum? Von ihm werden keine Worte berichtet, nicht ein einziges. Aber viele große Taten. Und von mir werden nur Worte berichtet und keine Taten. Aber Josef ist ein Heiliger und ich nicht. Und darum muss ich seinen Lebensstil übernehmen: nicht mehr so viel reden, wie jetzt mit Ihnen, sondern mehr tun für das Reich Gottes.

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