Gefangene des IS: Zwei junge Jesidinnen berichten

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Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher

„Es ist schwierig, davon zu erzählen, dass wir Sex-Sklavinnen gewesen sind. Aber wir wollen den Horror des Islamischen Staats anklagen!“ Das sagen Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher, 23 und 18 Jahre alt. Die beiden jungen Frauen waren monatelang in den Händen der Terroristen des sogenannten Islamischen Staats; vor ein paar Tagen haben sie den Sacharow-Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments erhalten.

Zwei Kurdinnen und Jesidinnen aus dem Dorf Kocho, nicht weit von der Stadt Sindschar im Nordirak. Von hier ist es nicht weit bis zur syrischen Grenze. Am 3. August 2014 überfielen IS-Terroristen das Dorf, töteten die Männer und verschleppten Frauen und Kinder. Was dann kam, war ein richtiggehender Sklavenmarkt: Die jungen Frauen wurden den Kämpfern der Miliz in Mossul als Sex-Sklavinnen überlassen.

„Wenn ich zurückblicke, sehe ich schreckliche Jahre im Irak und in Syrien und spüre, dass auch die Zukunft der Millionen von Menschen dort schwierig wird“, sagt Nadia heute. „Der IS hasst alles, was menschlich ist, und er verfolgt vor allem Jesiden und Christen. Ich glaube, wenn das so weitergeht, wird es immer mehr Vergewaltigungen geben, immer mehr Hinrichtungen, immer mehr Kindersoldaten… Darum ist jetzt wirklich der Moment gekommen, in dem die Weltgemeinschaft reagieren muss. Der IS muss zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Männer gehören vor den Internationalen Strafgerichtshof! Und es ist Zeit, dem Terrorismus wirklich entgegenzutreten. Ich verstehe einfach nicht, dass es die geballte internationale Staatengemeinschaft nicht hinkriegt, eine eigentlich kleine Gruppe von männlichen Terroristen zu stoppen.“

Nadia ist von der UNO zur Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannt worden. Alles natürlich keine Entschädigung für das, was sie in den Händen des IS erleiden musste. „Ich bitte Europa und die internationale Gemeinschaft, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und eine Sicherheitszone für die Jesiden und die anderen Minderheiten einzurichten. Zusammen mit den Jesiden werden die Christen am stärksten verfolgt. Ohne Schutz und ohne Hilfe wird sich mit Sicherheit mindestens eine halbe Million Jesiden auf den Marsch in Richtung Europa machen! Die Länder der zivilisierten Welt müssen dazu beitragen, eine Lösung zu finden.“

Ob die 23-Jährige noch an das Gute glaubt, fragen wir sie bei dem Gespräch. Ihre Antwort: „Die haben meine Mutter vor meinen Augen erschossen, weil die auf dem Markt für Sex-Sklavinnen kein Geld mehr eingebracht hätte. Aber die Lehren, die sie mir erteilt hat, konnten sie nicht auslöschen. Meine Mutter war zu Lebzeiten immer voller Respekt den anderen gegenüber, sie hat mich zur Liebe und zum Guten erzogen und mir gezeigt, wie man betet. So etwas kann der IS nicht zerstören. Viele junge Mädchen und Frauen, die in den Händen des IS sind, begehen Selbstmord, sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet, weil sie so viel Unterdrückung und Missbrauch einfach nicht aushalten. Ich bin da anders. Je mehr man mir Böses antat, umso mehr musste ich an die Lehren meiner Mutter und meiner Leute denken… Die Kraft Gottes hat mich nie verlassen. Je mehr Böses ich um mich herum sah, umso mehr Gutes fand ich in mir selbst.“

Lamya, Nadias Leidensgefährtin, ist fünf Jahre jünger. Bei der Flucht vor ihren Sklavenhaltern trat sie auf eine Mine und verletzte sich schwer, sie hat mehrere komplizierte Operationen in Deutschland hinter sich. Lamya sagt: „Die Männer des IS haben mich vergewaltigt, geschlagen, gefoltert und gedemütigt. Acht Monate lang haben sie mir alles Böse angetan, das überhaupt vorstellbar ist. Die haben uns  behandelt wie Tiere. Wir waren ihre Kriegsbeute. Es fällt mir schwer, daran zu denken, dass immer noch junge Frauen jetzt gerade all das durchmachen müssen. Ich würde gerne vergessen, aber das kann ich nicht. Ich habe gesehen, wie Kinder vergewaltigt wurden. Wie Frauen vergewaltigt wurden, und ihre Kinder mussten zusehen. Verkauft und weiterverkauft oder umgetauscht, wie Waren.“

Sie könne dazu einfach nicht schweigen. „Ich kann nicht solche Grausamkeiten sehen und dann den Mund halten. Ich habe beschlossen, öffentlich von ihren Verbrechen zu reden, was sie den Jesiden, was sie jungen Frauen wie mir angetan haben. Ich habe beschlossen, den Mund aufzumachen, weil die Leute wissen sollen, was die mir alles angetan haben. Nie wieder! Nie wieder darf das, was ich durchgemacht und mitangesehen habe, wieder passieren. Nie wieder. Man muss den IS bekämpfen, und man muss auch verhindern, dass irgendwann wieder ein anderer IS kommt und dasselbe tut.“

Die Jesiden sind eine ethnisch homogene Gruppe kurdischer Sprache, deren Angehörige ausschließlich untereinander heiraten. Ihre sehr weit in die Geschichte zurückreichende Religion vereint Elemente iranischer Herkunft mit solchen des Islam, in anderen Worten, der Islam ist etwas wie die Nachbarreligion. Wie gehen die gefolterten Jesidinnen damit um, dass ihre Peiniger sich als fromme Muslime sehen? Auf diese Frage gibt Lamya eine kurze Antwort: „Für mich hat der IS mit dem Islam nichts zu tun. Der Islam ist etwas anderes.“

(rv 21.12.2016 sk)

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