Den Horizont unseres Herzens erweitern

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Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 27. November, 1. Adventssonntag

Auf dem Petersplatz wird in diesen Tagen die Krippe aufgebaut. Sie ist ein Geschenk aus Malta.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute beginnt in der Kirche ein neues Kirchenjahr, das heißt ein neuer Weg des Glaubens für das Gottesvolk. Und wie immer beginnen wir mit dem Advent. Der Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 24,37-44) führt uns in eines der ergreifendsten Themen der Adventszeit ein: der Besuch des Herrn bei der Menschheit. Der erste Besuch – wir alle wissen es – hat sich mit der Menschwerdung, mit der Geburt Jesu in der Grotte von Bethlehem vollzogen. Der zweite geschieht in der Gegenwart: der Herr besucht uns ständig, alle Tage, er geht an unserer Seite und ist eine trostreiche Gegenwart. Schließlich wird es den dritten, den letzten Besuch geben, den wir jedes Mal bekennen, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen: »Er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten.« Der Herr spricht heute zu uns von diesem seinem letzten Besuch, jenem Besuch, zu dem es am Ende der Zeiten kommen wird, und er sagt uns, wohin unser Weg führen wird.

Das Wort Gottes lässt den Kontrast zwischen dem normalen Ablauf der Dinge, der alltäglichen Routine, und dem unvermittelten Kommen des Herrn hervortreten. Jesus sagt: »Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein« (V. 38-39). Dies also sagt Jesus. Es macht uns immer betroffen, an die Stunden zu denken, die einem großen Unheil vorangehen: Alle sind ruhig, sie tun das Übliche, ohne sich klar zu sein, dass ihr Leben dabei ist, umgeworfen zu werden. Das Evangelium will uns gewiss keine Angst machen, sondern unseren Horizont für die weitere, größere Dimension öffnen, die einerseits die alltäglichen Dinge relativiert, aber sie gleichzeitig kostbar, maßgebend macht. Die Beziehung mit »Gott, der kommt, um uns zu besuchen« verleiht jeder Geste, allen Dingen ein anderes Licht, eine Substanz, einen symbolischen Wert.

Aus dieser Perspektive ergibt sich auch die Einladung zur Nüchternheit, die Aufforderung, sich nicht von den Dingen dieser Welt, von den materiellen Wirklichkeiten beherrschen zu lassen, sondern sie vielmehr in den Griff zu bekommen. Wenn wir uns dagegen von ihnen abhängig machen und überwältigen lassen, vermögen wir nicht wahrzunehmen, dass da etwas viel Wichtigeres ist: unsere endgültige Begegnung mit dem Herrn. Und das ist das Wichtige. Diese Begegnung. Und die alltäglichen Dinge müssen diesen Horizont haben, sie müssen auf jenen Horizont ausgerichtet werden. Auf diese Begegnung mit dem Herrn, der für uns kommt. Wie das Evangelium sagt, »[wird] dann […] von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen« (V. 40). Das ist eine Aufforderung zur Wachsamkeit, denn da man nicht weiß, wann er kommen wird, muss man immer zum Aufbruch bereit sein.

In der nun beginnenden Adventszeit sind wir aufgerufen, den Horizont unseres Herzens zu erweitern, uns vom Leben überraschen zu lassen, das sich jeden Tag mit seinen Neuigkeiten präsentiert. Um dies zu tun, ist es nötig zu lernen, nicht von unseren Sicherheiten, von unseren gefestigten Konzepten abhängig zu sein, denn der Herr kommt zu einer Stunde, in der wir es uns nicht vorstellen. Er kommt, um uns in eine schönere und größere Dimension hineinzuführen.

Die Gottesmutter, Jungfrau des Advents, helfe uns, uns nicht als Eigentümer unseres Lebens zu betrachten, keinen Widerstand zu leisten, wenn der Herr kommt, um es zu verändern, sondern bereit zu sein, uns von ihm besuchen zu lassen, dem erwarteten und willkommenen Gast, auch wenn er unsere Pläne umstößt.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte mein Gebet der Bevölkerung Zentralamerikas zusichern, besonders in Costa Rica und Nicaragua, die von einem Hurrikan und letzteres auch von einem starken Erdbeben betroffen wurden. Zudem bete ich für die Bevölkerung Norditaliens, die von Überschwemmungen heimgesucht wird.

Ich grüße euch alle, die Pilger aus Italien und aus verschiedenen anderen Ländern: die Familien, die Pfarrgruppen, die Vereinigungen. Mein besonderer Gruß geht an die Gläubigen aus dem Libanon, aus Ägypten, aus der Slowakei und den Chor aus Limburg (Deutschland). Voll Zuneigung grüße ich die ecuadorianische Gemeinde, die hier anwesend ist; die Familien der Bewegung »Tra noi«; die Gruppen aus Altamura, Rieti, San Casciano in Val di Pesa; die UNITALSI von Capaccio sowie die Schüler aus Bagheria.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und einen guten Weg durch den Advent, um dem Herrn zu begegnen. Möge er eine Zeit der Hoffnung sein! Dem Herrn entgegengehen, der uns entgegenkommt. Die wahre Hoffnung, die in der Treue Gottes und in unserer Verantwortung gründet. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 48/2016

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