„Räume schaffen, in denen Gott erfahrbar wird“

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Loretto Gemeinschaft / Courtesy: Andreas Walch, Salzburg (A)

Die Loretto Gemeinschaft — Marina Schlager im Interview

Die Loretto Gemeinschaft ist eine Bewegung in Österreich, die zu den neuen „Movimenti“ innerhalb der katholischen Kirche gehört. Über die Entstehung, Aktivitäten sowie die Positionierung in der katholischen Kirche und die Zukunft der Gemeinschaft spricht die Salzburger Germanistin und Geschichtsstudentin Marina Schlager. Sie ist seit vier Jahren in der Loretto Gemeinschaft und seit Oktober 2016 für die Öffentlichkeitsarbeit der Organisation zuständig.

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Frau Schlager, was ist die Loretto Gemeinschaft?

Marina Schlager: Die Loretto Gemeinschaft ist eine der vielen neuen Bewegungen (Stichwort „Movimenti“) innerhalb der katholischen Kirche. Unsere Gemeinschaft zählt im Moment etwas über 500 Mitglieder, die in einem Versprechen, in einem Engagement leben. Zu den diversesten Angeboten und Apostolaten unserer Gemeinschaft kommen Tausende, die meiste davon zu Pfingsten. Ein Großteil davon sind Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch viele Familien. Es gibt Verheiratete, Unverheiratete, Zölibatär Lebende und Priester in unserer Gemeinschaft. Die Loretto Gemeinschaft möchte Räume schaffen, in denen Gott erfahrbar wird. Diese Räume sollen aber nicht nur für die Gemeinschaftsmitglieder, sondern für alle Menschen bereit stehen. Daher hat Loretto verschiedene „Apostolate“ d.h. Angebote, in denen Gott erfahrbar sein kann: Gebetskreise, das große Pfingstfest der Jugend in Salzburg, diverse Ausbildungsmodule und vieles mehr. Eine unserer wichtigsten Intensionen ist es, für die Erneuerung der Kirche zu beten, zu wirken und zu leben.

Wie ist die Bewegung entstanden und „aufgewachsen“?

Marina Schlager: Nach einer Medjugorje Wallfahrt im Sommer 1987 trafen sich drei junge Erwachsene in einer kleinen Wiener Studentenwohnung, um gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Regelmäßig kamen sie zum Gebet zusammen und fuhren Monat für Monat nach Medjugorje. Die kleine Gruppe wuchs stetig und wurde immer größer und lebendiger. In den letzten 29 Jahren ist aus diesem kleinen, häuslichen Gebetskreis eine große, sehr lebendige Gemeinschaft mit ganz vielen Gebetskreisen und unterschiedlichen Apostolaten geworden.

Woher kommt der Name „Loretto“?

Marina Schlager: Loreto ist ein bekannter Wallfahrtsort in Italien. Innerhalb der Kirche befindet sich ein kleines Haus, das sogenannte „Casa Santa“. Dieses Haus stimmt in seinen Proportionen mit der Grotte in der Basilika der Verkündigung in Nazareth überein. In diesem Haus, das nur verrußte Wände hat und sonst nicht weiter besonders aussieht, sehnen sich Menschen danach, Gott zu begegnen. So verstehen auch wir uns als Loretto Gemeinschaft: Wir wollen im Herzen der Kirche Räume schaffen, wo Menschen kommen, um Gott zu begegnen. Nach diesem Wallfahrtsort ist eben unsere Gemeinschaft benannt, durch die deutsche Schreibweise wurde aus Loreto, Loretto.

Wie kann man die Spiritualität der Loretto Gemeinschaft umschreiben?

Marina Schlager: Wir sind zunächst eine katholische Gemeinschaft im Herzen der Kirche, mit einer großen Liebe und Nähe zu Maria. Die Heilige Messe und damit verbunden das immerwährende, eucharistische Gebet (24/7) sowie der lebendige, charismatische Lobpreis spielen eine große Rolle bei uns. Gleichzeitig findet man bei uns eine große Liebe zu den „getrennten Schwestern und Brüdern“ und viele Freundschaften im ökumenischen Bereich.

Unsere Spiritualität lässt sich mit den Begriffen „Nazareth & Pfingsten“ ein wenig besser umschreiben. Nazareth steht für die Menschwerdung Gottes und das unscheinbare Leben mit dem Herrn im Alltag, in welchen jeder einzelne von uns gestellt ist: Beruf, Schule, Familie…

Pfingsten steht für dieses Zusammenkommen im Obergemach, diese gewaltige Ausgießung des Hl.Geistes, nach der wir uns auch in diesen Tagen so sehr sehnen.

Die Bewegung ist katholisch, versteht sich aber als ökumenisch?

Marina Schlager: Wir sind eine Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche und orientieren uns an der Lehre der Kirche. Seit der Geburtsstunde unserer Gemeinschaft haben wir eine besondere Liebe zu den „getrennten Schwestern und Brüdern“. „Wir können voneinander lernen, was es heißt gute Christen zu sein“. Dieses Zitat stammt von Papst Benedikt XVI. und dieses Zitat gilt uns als Schlüssel: in Demut voneinander zu lernen. Wir pflegen sehr lebendige Freundschaften zu anderen christlichen Gemeinschaften & Bewegungen, wie beispielsweise 24-7 Prayer, Alpha, IHOP oder „Jugend mit einer Mission“. Vieles entdecken wir in diesen Gemeinschaften, das uns bereichert und inspiriert. Außerdem wollen wir das Verbindende in den Mittelpunkt stellen, ohne dadurch unsere „Schätze“ zu leugnen.

Wie viele Mitglieder zählt die Gemeinschaft heute?

Marina Schlager: Im Moment sind es, zusammen mit den sogenannten Postulanten, etwas über 500 Personen. Die Gemeinschaftsmitglieder legen im Sommer ein Gemeinschaftsversprechen für immer ein Jahr ab, die Postulanten bereiten sich in einem Probejahr, dem sogenannten Postulat, auf dieses Versprechen vor, indem sie unsere Gemeinschaft näher kennenlernen können.

Welche sind die Schwerpunkte des Apostolates?

Marina Schlager: Unsere Gebetskreise, die es in vielen Regionen gibt, sind ein ganz wesentlicher Teil unserer vielen Apostolate. Generell wollen wir mit diesen Apostolaten Räume schaffen, in denen Gott erfahrbar wird. Aus diesen Gebetskreisen heraus, sind eine Unmenge an anderen Dingen gewachsen. 6 Festivals jedes Jahr, 4 Geistliche Zentren, eine große Missionsbasis mit dem Namen HOME, Angebote für Familien und Kinder, verschiedene Ausbildungsmodule und vieles mehr.

Jedes Jahr organisiert die Loretto Gemeinschaft mehrere Festivals, zu denen die zwei größten sog.  „Glaubensfeste“ – Pfingsten  und Christkönig – gehören. Können Sie etwas dazu erzählen?

Marina Schlager: Festivals sind vor allem für junge Menschen von großer Bedeutung. Das Fest der Jugend zu Pfingsten in Salzburg ist so ein Glaubensfestival. Heuer fand es bereits zum 17. Mal statt und tausende Jugendliche nahmen an diesem Fest teil. Pfingsten ist sozusagen der Geburtstag der Kirche. Vor mehr als 2000 Jahren wurden die Jünger ausgesandt und damit begann eine weltweite Mission und Evangelisation. So wie damals wirkt auch heute der Hl. Geist und das wollen wir zu Pfingsten feiern. Im Vertrauen darauf, dass auch heute junge Menschen vom Herrn berührt werden. Zu den Festivals kommen Jugendliche und junge Erwachsene, um ihre Freude und Begeisterung am Glauben gemeinsam zu feiern. Im Alltag sind die Jugendlichen mit ihrem Glauben häufig alleine. Bei diesen Festivals können sie auftanken: ihren Glauben stärken, in den Sakramenten, der Liturgie, im gemeinsamen Lobpreis, in der Anbetung und vor allem in der Beziehung zueinander: in der Gemeinschaft mit anderen jungen Gläubigen.

Das Christkönigsfest ist ein weiteres dieser vielen Angebote für Jugendliche. Es hat gerade am letzten Wochenende (11.-13.11.2016) im Stift Kremsmünster in Oberösterreich stattgefunden. Das Festival findet jährlich abwechselnd in Linz und Kremsmünster statt und wird von den oberösterreichischen Gebetskreisen organisiert. Auch mit diesem Festival soll gezeigt werden, dass Kirche jung und lebendig ist.

Am Pfingstfest 2016 in Salzburg nahmen mehr als 6.000 Jugendliche Teil. Mitte November findet im Stift Kremsmünster die Christkönig-Feier statt. Dies erfordert einen großen organisatorischen Aufwand …

Marina Schlager: Das stimmt. Da gibt es ausgezeichnete Teams, die diese Veranstaltungen schon lange im Voraus zu planen beginnen. In diesen Teams findet man viele ganz junge Leute und einen ganzen Schub an erfahrenen Älteren. Eine gute Mischung eben. Und es gibt Jahr für Jahr eine ganz große Bereitschaft zur Mitarbeit. Leute aus den eigenen Reihen genau so wie viele externe Helfer engagieren sich in den Aufbauarbeiten, Essensdiensten, Workshops, musikalischer Gestaltung, Ordnungsdiensten…

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit der Ortskirche?

Marina Schlager: In Salzburg beispielsweise ist unser Geistliches Zentrum St. Blasius innerhalb der kleinen Stadtpfarre angesiedelt und so dürfen wir als Loretto Gemeinschaft direkt in der Erzdiözese verankert und fruchtbar wirken. Immer mehr unserer Aktivitäten münden in diverse Pfarren und kirchliche Projekte hinein. Alle unsere Aktivitäten im ganzen Land finden immer im Einvernehmen und im regelmäßigen Austausch mit den Verantwortlichen der Diözesen vor Ort statt.

2012 hat die ÖBK die Statuten der Loretto Gemeinschaft für fünf Jahre genehmigt. Was wird 2017 geschehen?

Marina Schlager: Sie hat sie für 5 Jahre „ad experimentum“ genehmigt. Das ist der Usus. Wenn die Bischofskonferenz danach der Ansicht ist, dass die Früchte gut und für die ganze Kirche erbauend sind, dann wird eine Gemeinschaft offiziell anerkannt. Das erhoffen wir.

Beschränkt sich die Tätigkeit der Loretto Gemeinschaft nur auf Österreich oder gibt es bereits Gebetskreise in anderen Ländern?

Marina Schlager: Wir durften in den letzten Jahren nicht nur neue Gebetskreise in Österreich gründen, sondern auch in Deutschland, Ungarn, Südtirol und der Schweiz wurden neue Loretto Gruppen ins Leben gerufen.

Nächstes Jahr feiert die Loretto Gemeinschaft ihr 30-jähriges Bestehen. Was wünschen Sie sich zu diesem Geburtstag?

Marina Schlager: Dass mehr und mehr Menschen in unserem Land Gott wieder kennenlernen und ihr Leben auf Ihn hin ausrichten. Wir träumen und beten für ein neues gewaltiges Pfingsten für die ganze Kirche und auch für uns hier in Österreich.

Eine ganz andere Frage. Der Konflikt in Syrien zerreißt seit fünf Jahren den gesamten Nahen Osten. Was können oder sollen wir hier in Europa tun, um die Christen aus dieser Region zu helfen?

Marina Schlager: Es erfüllt uns mit Trauer und Schmerz, dass unsere Geschwister in Syrien verfolgt werden und unter dem schon so lange dauernden Krieg zu leiden haben. Wir möchten unsere Geschwister vor allem im Gebet unterstützen. Wir denken, dass Gebet so wichtig ist und vor allem, dass Gebet auch verändern kann. Wir durften und dürfen immer wieder die Erfahrung machen, was Gebet alles bewirken kann. Daher haben wir uns Syrien schon seit einiger Zeit zu einem ganz wichtigen Gebetsanliegen gemacht, dass wir bei Veranstaltungen wie Pfingsten, aber auch bei unseren Gemeinschaftstreffen ganz besonders dafür beten und Fürbitte tun. Außerdem gibt’s jeden Donnerstag in unserer H.O.M.E Mission Base in Salzburg ein spezielles Syrien Gebet. Und darüber hinaus gibt es einige Familien aus unserer Gemeinschaft, die Flüchtlinge – vor allem Christen aus Syrien – bei sich zu Hause aufgenommen haben.

Frau Schlager, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

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Mehr Info zur Loretto Gemeinschaft finden Sie hier.

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Quelle

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