DER ADVENT ALS LITURGISCHE ZEIT

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Advent / Pixabay CC0 – Frankeh, Public Domain (Cropped)

In der Kirche beginnt alles mit der Ankunft Christi

Pater Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Frage zum Advent.

Frage: Könnten Sie mir bitte in Bezug auf die Adventszeit, der wir jetzt entgegengehen, aushelfen? Wie bildete sie sich heraus und welche Theologie steht hinter ihr? — D.K., Harare, Simbabwe

Pater Edward McNamara: Das ist eine Frage, die ein sehr weites Gebiet abdeckt, und daher ist es nicht leicht eine knappe Antwort zu geben. Ich werde aber versuchen, dazu wenigstens ein paar grundlegende Gedanken zu äußern.

Wie er derzeit aufgebaut ist, fängt unser liturgischer Zyklus mit dem Advent an. Darin steckt eine perfekte Logik, weil in der Kirche alles mit der Ankunft Christi beginnt.

Allerdings war der Ablauf des Jahres nicht von je her in dieser Reihenfolge geordnet, und das trifft auch heute noch nicht auf alle liturgischen Familien zu. Die antiksten Aufzeichnungen, die uns von einem liturgischen Zyklus erhalten sind, richteten sich an jüdischen Bräuchen aus und denen zufolge begann das Jahr am Osterfest, dessen Datum auch heute noch für viele andere Festtermine ausschlaggebend ist.

Dieser Anfang stimmte auch mit dem Anfang des bürgerlichen Jahres überein, das zu der Zeit nicht im Januar, sondern im März begann. Einigen christlichen Traditionen zufolge war die im Frühjahr auf den 25. März fallende Tag-und-Nacht-Gleiche der erste Schöpfungstag, der Tag der Menschwerdung und der Tag der Kreuzigung. Zeugnis von dieser Tradition legt das älteste Lektionar ab, das „Palimpsest von Wolfenbüttel“ (vor 452 verfasst), dessen Lesezyklus an Ostern beginnt und am Karsamstag des darauffolgenden Jahres endet.

Als sich das Weihnachtsfest immer weiter verbreitete und in einigen Kirchen die Feier der Verkündigung – damit sie nicht in die Fastenzeit fiel – vor das Weihnachtsfest gezogen wurde, fasste allmählich der Gedanke Fuß, man könne das liturgische Jahr auch um diese Zeit anfangen lassen. Das ist an den liturgischen Büchern aus dem 6. und 7. Jahrhundert erkennbar, die mit der Weihnachtszeit beginnen. Ein oder zwei Jahrhunderte später, als man sich gedanklich mit dem Advent als Vorbereitungszeit für Weihnachten auseinandersetzte, fingen die Bücher mit dem ersten Adventssonntag an und dieser Brauch wurde dann nach dem 9. Jahrhundert gang und gäbe.

Es scheint so, als ob die liturgische Feier des Advents ihren Ursprung in Südfrankreich und in Spanien nahm, wo sie bisweilen einen ausgeprägten Bußcharakter besaß. In Rom findet man im 6. Jahrhundert erste Spuren von dieser liturgischen Feier, wobei sie manchmal fünf oder sechs Sonntage andauerte. Der Advent mit vier Sonntagen wurde möglicherweise von Papst Gregor dem Großen nach dem Jahr 546 eingeführt, obwohl man noch bis ins 11. Jahrhundert an verschiedenen Orten den längeren Advent antreffen konnte und derselbe im Ambrosianischen Ritus von Mailand bis heute erhalten geblieben ist.

Unter dem Einfluss der liturgischen Praxis in Spanien und Frankreich nahm der römische Advent allmählich einen Bußcharakter an, zu dem das Fasten, die Verwendung von violetten Paramenten, der Wegfall des Te Deum und des Glorias, der Verzicht auf Orgelmusik und die Entfernung von Blumen gehörte. Der Bußcharakter hielt aber nicht Einzug in die liturgischen Texte der Messfeier und des Stundengebets, die im Allgemeinen den Wunsch zum Ausdruck brachten, den Herrn bei seiner Ankunft zu empfangen.

Historisch stammen die Gebete, die während des Advents verwendet werden, von den alten Manuskripten ab, die als Schriftrolle von Ravenna (fünftes bis sechstes Jahrhundert) und Sacramentarium Gelasianum (siebtes Jahrhundert) bekannt sind. Inhaltlich beschäftigen sie sich immer wieder mit der Ankunft Christi, sowohl in der Fleischwerdung (erste Ankunft) als auch am Ende der Zeit (zweite Ankunft). Es heißt in ihnen, dass wir einer Läuterung bedürfen, um ihn würdig zu empfangen, dass diese sich aber ohne Furcht und Traurigkeit vollziehen soll.

Die neuesten Reformen des Kalenders und des Messbuchs haben den Bußcharakter etwas abgeschwächt, indem sie eine moderate Verwendung von Blumen und von Orgelmusik erlauben, dabei aber einige Elemente beibehalten, die für eine geistige Vorbereitung auf Weihnachten notwendig sind.

So heißt es in der Grundordnung des Römischen Messbuchs unter Nr. 305:

„Während des Advents ist der Altar mit Blumen in jener Zurückhaltung zu schmücken, die dem Charakter dieser Zeit entspricht, so dass die volle Freude über die Geburt des Herrn nicht vorweggenommen wird.“

Und unter Nr. 313:

„Im Advent sind die Orgel und andere Musikinstrumente mit jener Zurückhaltung einzusetzen, die dem Charakter dieser Zeit entspricht, so dass die volle Freude über die Geburt des Herrn nicht vorweggenommen wird.“

Obwohl also der Advent nicht mehr als Bußzeit anzusehen ist, hilft die Beibehaltung einiger früherer Elemente wie die violetten Messgewänder und das Auslassen des Glorias dabei, den Unterschied zwischen der Vorbereitungszeit und der Freude von Weihnachten vor Augen zu führen.

In Bezug auf die Spiritualität des Advents heißt es in den Allgemeinen Normen für das Liturgische Jahr und den Kalender:

„39. Der Advent hat einen doppelten Charakter: Er ist eine Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, bei dem an Christi erste Ankunft unter uns erinnert wird; ebenso ist er eine Zeit, in der dieses Gedächtnis Herz und Verstand darauf ausrichten, Christi zweite Ankunft am Ende der Zeiten zu erwarten. Somit ist der Advent eine Zeit andächtiger und freudiger Erwartung.“

„40. Der Advent beginnt zur Ersten Vesper des Sonntags, der dem 30. November am nächsten zu liegen kommt, und endet vor der Ersten Vesper des Weihnachtsfests.“

„41. Die Sonntage dieser Zeit nennt man den Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Adventssonntag.“

„Die Wochentage vom 17. bis zum 24. Dezember einschließlich dienen der unmittelbaren Vorbereitung auf die Geburt des Herrn.“

In der Einführung zu den Allgemeinen Normen für das Liturgische Jahr und den Kalender lesen wir folgenden Kommentar:

„Die liturgischen Texte vom Advent bilden eine Einheit, die durch die fast tägliche Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja unterstrichen wird. Trotzdem kann man zwei Abschnitte des Advents klar unterscheiden, von denen jeder seine eigene Bedeutung hat, die aus den neuen Präfationen klar hervorgeht. Vom ersten Adventssonntag bis zum 16. Dezember bringt die Liturgie den eschatologischen Charakter des Advents zum Ausdruck und lenkt damit unseren Blick auf die zweite Ankunft Christi. Vom 17. bis zum 24. Dezember bereiten die täglichen Eigengebete der Messe und des Stundengebets unmittelbar auf die Feier des Weihnachtsfests vor.“

In der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden im neuen Lektionar für die Adventszeit die Anzahl der Lesungen weiter erhöht. Die Verfasser des neuen Lektionars stellten eine ausführliche Studie über alle Lektionare der Kirche des Westens an, deckten dabei einen Zeitraum von 1.500 Jahren ab und stellten eine Auswahl von den besten und traditionsreichsten Lesungen zusammen. Im Fazit sind das alles in allem etwa 75 Lesungen. Die ersten beiden Sonntage verkünden die Ankunft des Herrn zum Gericht, der dritte drückt die Freude über seine nahende Ankunft aus, der vierte und letzte „erscheint als Sonntag der Erzväter des Alten Testaments und der allerseligen Jungfrau Maria, die die Geburt Christi erwartet.“ Die Wochentagslesungen halten sich inhaltlich an die Theologie vom vorausgehenden Sonntag.

Während das Messbuch für die außerordentliche Form lediglich an Sonntagen und an den Tagen der Quatemberwoche Eigengebete besaß, findet man im aktuellen Römischen Messbuch für jeden Tag im Advent ein eigenes Tagesgebet, eine größere Auswahl anderer Messgebete und zwei Eigenpräfationen für diese Zeit, für die es vorher gar keine gab.

Abschließend möchte ich noch ein weiteres Element erwähnen, das für diese Zeit charakteristisch ist, und zwar die „O-Antiphonen“, die einige Autoren Gregor dem Großen zuweisen, die aber erst in späterer Zeit Einzug in die Liturgie fanden. Sie werden im Stundengebet und im Lektionar in den Tagen vom 17. bis zum 24. Dezember verwendet und verkünden den Völkern die Ankunft Christi.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel 

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Quelle

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