OPUS DEI: Brief des Prälaten Javier Echevarría Rodríguez (November 2016)

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Das bevorstehende Ende des Jahrs der Barmherzigkeit veranlasst Bischof Echevarría, uns in seinem Brief vorzuschlagen: „Vertrauen wir uns persönlich der Barmherzigkeit Gottes an, um uns so unserer Mitmenschen anzunehmen, das heißt, uns ihnen beständig zuzuwenden.“

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Vor nahezu einem Jahr hat der Papst die Heilige Pforte geöffnet, zuerst im Herzen von Afrika und dann im Petersdom. Nun geht das Jubeljahr seinem Ende entgegen, das auf das Hochfest Christkönig am 20. November festgelegt ist, und wir rufen uns die Ereignisse, die in aller Welt stattgefunden haben, in Erinnerung. Das wichtigste ist zweifellos in der Seele eines jeden zwischen ihm und Gott geschehen. Nur er weiß, wie viele Menschen sich, vielleicht nach Jahren der Gottferne oder der Lauheit, wieder mit ihm versöhnt haben.

Im Laufe dieser Monate haben wir versucht, das Geheimnis der Liebe Gottes, das im Schoß der Kirche verborgen ruht, wieder zu entdecken. Und wirklich, das göttliche Erbarmen erfüllt die ganze Erde, wie die Wasser die weite Fläche der Ozeane bedecken; wir haben ihm nachgespürt in der Heiligen Schrift – bei den Propheten und in den Psalmen, vor allem jedoch im Evangelium –, in der Liturgie, in der Volksfrömmigkeit … Auch in unserem Leben haben wir es bemerkt. Ein Blick auf die eigene Existenz genügt, um voller Staunen neu zu entdecken, wie nah Gott uns ist, seit er uns durch die Taufe in die Kirche eingegliedert hat – und sogar noch vorher.

Christus hat uns im 15. Kapitel des Lukasevangeliums eine klare Lehre hinterlassen. Dort werden seine drei Gleichnisse von der göttlichen Barmherzigkeit erzählt: vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom Verlorenen Sohn. Der hl. Ambrosius schreibt dazu: „Wer sind dieser Vater, dieser Hirt und diese Frau? Stellen sie nicht Gott Vater, Christus und die Kirche dar? Christus trägt dich auf seinen Schultern, die Kirche sucht dich, und der Vater nimmt dich auf. Weil er Hirte ist, hält der eine dich fest; weil sie Mutter ist, nimmt die andere dich auf und macht sich immer wieder auf die Suche nach dir; und dann zieht der Vater dir wieder deine Kleider an. Der erste tut es als Werk seiner Barmherzigkeit; die zweite, indem sie für dich sorgt; und der dritte, indem er dich mit ihm versöhnt.“[1]

Diese Monate haben uns geholfen, unsere Gottes- und Nächstenliebe von neuem zu stärken, genau da, wo sie vielleicht immer noch etwas schwächlich sein mochte. Möglicherweise merken wir jedoch, dass in so manchen Falten unserer Seele weiterhin diese Facette fehlt; das darf uns nicht wundern, denn der Aufruf, „barmherzig wie der Vater zu sein“ ist eine Aufforderung für das ganze Leben.

Der Abschluss des Heiligen Jahres ist daher nicht ein Endpunkt, von dem aus wir zu etwas anderem übergehen, sondern ein Ausgangspunkt, um mit erneuertem Schwung auf dem Weg unseres Christseins voranzuschreiten. Von der Taufe an besitzen alle Christen das allgemeine Priestertum, das dazu führt, mit einem tiefen Sinn für die Gotteskindschaft Erbarmen zu üben. Der hl. Josefmaria sagte häufig, dass „man in allen Menschen Brüder sehen muss, denen wir aufrichtige Liebe und selbstlosen Dienst schulden“[2]. Das ist auch die Botschaft des Papstes wenige Wochen vor Abschluss dieses besonderen Gnadenjahres. „Es genügt nicht, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren; jeder, der sie empfängt, muss auch ihr Zeichen und Werkzeug für die anderen sein. Außerdem ist die Barmherzigkeit nicht nur besonderen Augenblicken vorbehalten, sondern sie umfasst unser ganzes tägliches Leben.“[3]

Daher frage ich mich und lade auch Euch ein, Euch zu fragen: Was ist in uns am Ende des Heiligen Jahres verblieben? Sind wir mehr als zuvor überzeugt, dass Gott uns wie ein Vater anschaut, „dessen Liebe zart und unerschöpflich ist“[4]? Im täglichen Miteinander, im Familienleben, in der Berufsarbeit, im Apostolat, bei den Armenbesuchen und im Einsatz für die, die leiden – steht uns die Liebe Gottes, die sich uns in Christus offenbart hat, überall vor Augen? Halten wir die Hoffnung aufrecht, dass Gott trotz unserer Irrtümer wünscht, dass wir Vermittler seines Erbarmens sind? Es ist äußerst angebracht, wie unsere Mutter Maria über diese Dinge nachzudenken und sie in unserem Herzen zu prüfen.

Um mit immer entschlossenerem Schritt weiter in die Richtung zu gehen, die der Heilige Geist der Kirche vorgibt, erlaube ich mir, Euch zwei Leitlinien vorzuschlagen, die gewissermaßen den in diesen Monaten durchlaufenen Weg zusammenfassen und uns helfen können, in unserer Seele das Licht dieses Heiligen Jahres nicht erlöschen zu lassen: Vertrauen wir uns persönlich der Barmherzigkeit Gottes an, um uns so unserer Mitmenschen anzunehmen, das heißt, uns ihnen beständig zuzuwenden.

Suchen wir daher als erstes Zuflucht bei der Barmherzigkeit Gottes, denn davon hängt alles ab. Wenn wir feststellen, dass Gott die Umstände und Aufgaben nutzt, um uns an sich zu ziehen, vertieft sich unsere Frömmigkeit und der apostolische Eifer nimmt zu. Es fällt uns leichter, zu Jesus zu flüchten, mit sportlichem Geist in unserem geistlichen Leben zu kämpfen, unseren Wunsch zu erneuern, ihm viele Menschen zuzuführen, und in einer Freude zu leben, die nichts und niemand trüben kann.

Die Liebe Gottes erweist sich als anspruchsvoll und nachgiebig zugleich. Anspruchsvoll, weil Christus das Kreuz auf seine Schultern genommen hat und möchte, dass wir ihm auf diesem Weg folgen und so seine Mitarbeiter sind, um die Früchte der Erlösung überall hingelangen zu lassen; nachgiebig, weil Jesus unsere Begrenzungen kennt und uns besser führt als die verständnisvollste Mutter. Nicht wir werden mit unserem Einsatz die Welt ändern, Gott wird es vollbringen, der fähig ist, die Herzen aus Stein in Herzen aus Fleisch zu verwandeln.

Der Herr erwartet von uns nicht, dass wir uns nie irren, sondern dass wir immer wieder aufstehen, ohne uns je an unsere Irrtümer zu klammern; dass wir gelassen und mit kindlichem Vertrauen über diese Erde wandeln. Betrachten wir häufig diese zartfühlenden Worte des hl. Johannes: Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.[5] Den inneren Frieden besitzt nicht, wer seiner eigenen Ansicht nach alles gut macht, und auch nicht, wer sich nicht zu lieben bemüht, sondern er kehrt in den Menschen ein, der stets aufs Neue in die Hände Gottes zurückkehrt, auch wenn er gefallen ist. Christus ist nicht gekommen, die Gesunden zu suchen, sondern die Kranken[6], und er gibt sich zufrieden mit einer Liebe, die sich täglich erneuert, weil die Menschen, die straucheln und fallen, ihre Zuflucht zu den Sakramenten als unerschöpflichen Quell der Vergebung nehmen.

Die Barmherzigkeit drängt uns auch, uns der anderen anzunehmen, uns ihnen zuzuwenden; wenn wir selbst Gottes Erbarmen erfahren haben, sind wir in der Lage, es anderen zu schenken. Und so „wird der Christ, nachdem ihm Erbarmen und reiche Gerechtigkeit zuteil wurde, bereit, mit den Unglücklichen Mitleid zu haben und für die Sünder zu beten. Er wird barmherzig, selbst gegen seine Feinde.“[7] Einzig das grenzenlose Verständnis Gottes „ist fähig, das verlorene Gute zurückzugewinnen, das begangene Böse mit Gutem zu vergelten und neue Kräfte der Gerechtigkeit und der Heiligkeit zu erzeugen“[8].

Nicht selten kommt es vor, dass die Menge an Arbeit oder an Problemen das Herz ein wenig betäuben könnte, wie die Dornen den guten Samen ersticken. Gott aber rüttelt uns auf, damit wir uns den anderen zuwenden, nicht nur, wenn es Schwierigkeiten oder gar Tragödien gibt, sondern ebenso in der Fülle alltäglicher Kleinigkeiten, die ein aufmerksames Herz erfordern, das dem Bedeutung nimmt, was in Wirklichkeit keine hat, und sich bemüht, sie dem wirklich Wichtigen zu geben, was vielleicht unbemerkt bleibt. Gott ruft uns nicht nur auf, mit den anderen zusammen­zuleben, sondern für die anderen zu leben. Er fordert von uns, „uns jedem Menschen liebevoll und selbstverständlich zuzuwenden, mit ehrlicher Freundlichkeit“[9].

Nehmen wir daher immer unsere Zuflucht zum Gebet, vor allem wenn wir meinen, eine Situation oder ein Mensch übersteige unsere Kräfte, um dem Herrn die Hindernisse auf unserem Weg anzuvertrauen. Bitten wir ihn um Hilfe, sie zu überwinden, ihnen nicht zu viel Bedeutung zuzumessen. Bitten wir ihn auch, er möge uns auf die Fürsprache Mariens, der Mater misericordiæ, eine Nächstenliebe nach dem Maß seiner Liebe schenken.

Auf seiner apostolischen Reise nach Polen sprach der Papst vom Evangelium als “dem lebendigen Buch der Barmherzigkeit Gottes“. Dieses Buch, fuhr er fort, „hat am Schluss noch weiße Seiten: Es bleibt ein offenes Buch, und wir sind berufen, es im selben Stil weiter­zuschreiben, das heißt indem wir Werke der Barmherzigkeit vollbringen.[10] Und er schloss: Jeder von uns bewahrt in seinem Herzen eine ganz persönliche Seite des Buches der Barmherzigkeit Gottes.“[11] Füllen wir voller Hoffnungen die Seiten, die Gott jedem von uns zugewiesen hat, ohne uns von den Klecksen und Flecken, die unsere ungeschickte Schreibweise verursacht hat, entmutigen zu lassen. Dank Gottes Nachsicht wirkt der Heilige Geist in unseren Schwächen, denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark[12]; wir werden stark mit der Gnade Christi und können dann weitergeben, was wir empfangen haben.

Vergessen wir bei dieser aufmerksamen Hinwendung zu den anderen nicht das Gebet für die Verstorbenen – besonders am 2. November und während des ganzen Monates –, dieses diskrete, in den Augen Gottes aber so wohlgefällige Werk der Barmherzigkeit. Ich erbitte vom Herrn für jeden und jede von Euch die Gnade, die Gemeinschaft der Heiligen mit allen zu leben: mit denen, die unsere Fürbitte im Fegfeuer brauchen, mit denen, die bereits die himmlische Glückseligkeit genießen, und mit denen, die hier unten noch auf der Pilgerschaft sind, angefangen beim Papst und seinen Mitarbeitern, bis unsere Bittgebete alle Männer und Frauen einschließen, besonders aber die Bedürftigsten dieser Gemeinschaft.

Ich möchte nicht schließen, ohne Gott für die vor kurzem erfolgte Weihe von Diakonen der Prälatur zu danken. Bitten wir für sie und für alle geweihten Amtsdiener der ganzen Welt. Gleichzeitig erneuere ich meine Dankbarkeit für die geistlichen Früchte der Pastoralreise, die ich vor zwei Wochen in die neue Region von Finnland und Estland gemacht habe. Beten wir für die Kirche in diesen und in den anderen Ländern Nordeuropas. Wie gerne würde ich Euch im Einzelnen erzählen, wie sehr der heilige Josefmaria – und auch unser geliebter Alvaro – die Einpflanzung des Werkes in diesen Breitengraden wünschte. Betrachtet das, wenn Ihr vor dem Allerheiligsten eine Weile betet. Und danken wir Gott auch aufrichtig für den Jahrestag der Errichtung des Werkes als Personalprälatur.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Rom, 1. November 2016


[1] Hl. Ambrosius, Expositio Evangelii secundum Lucam, VII, 208 (PL 15, 1755).

[2] Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 29.

[3] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 12.X.2016.

[4] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 331.

[5] 1 Joh 3, 19-20.

[6] Vgl. Mt 9, 13.

[7] Hl. Cromatius von Aquileia, Predigt 41, 5; Über die Seligpreisungen (CCL IX A, 177).

[8] Sel. Paul VI., Manuskript, Istituto Paulo VI., Notiziario 71 [2016], 7-8 (veröffentlicht auch in L‘Osservatore Romano, September 2016).

[9] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 282.

[10] Papst Franziskus, Homilie, 30.VII.2016.

[11] Ebda.

[12] 2 Kor 12, 10.

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