Joachim Kardinal Meisner über die aktuelle Diskussion in Fragen der Bioethik

archiv - kardinal joachim meisner (m) geht am 07.06.2012 in koeln zum fronleichnamsgottesdienst. katholische krankenhaeuser im erzbistum koeln duerfen vergewaltigten frauen in bestimmten faellen jetzt doch die «pille danach» verordnen. das hat erzbischof meisner am donnerstag (31.01.2013) klargestellt. wenn das medikament «mit der absicht eingesetzt wird, die befruchtung zu verhindern, dann ist dies aus meiner sicht vertretbar», heisst es in einer am donnerstag in koeln veroeffentlichten erklaerung meisners. wenn die «pille danach» die einnistung bereits befruchteter eizellen in der gebaermutter verhindern solle, sei ihr einsatz aber nicht hinnehmbar. foto: oliver berg/dpa (zu dpa 0692 vom 31.01.2013) +++(c) dpa - bildfunk+++

Archiv – Kardinal Joachim Meisner (m) geht am 07.06.2012 in Köln zum Fronleichnamsgottesdienst.

Kurzvortrag über die aktuelle Diskussion in Fragen der Bioethik

beim ökumenischen Brudermahl am 21. Juni 2001 in Duisburg-Hamborn

 

Verehrte Damen und Herren!

Die Epoche der Weltanschauungsdebatten ist vorbei. Es hat die Epoche der Menschenanschauungsdebatten begonnen. Ob jemand Christ ist, das wird sich in vielen Gesellschaften bald daran zeigen, ob er die Würde jedes Menschen von der Zeugung bis zum Tod achtet oder ob er Menschen nur dann einen Wert zuspricht, wenn sie bestimmte mehr oder weniger nützliche Eigenschaften besitzen. Die jüngste barbarische Euthanasiegesetzgebung in den Niederlanden, die weltweite Abtreibungsmentalität, die respektlosen Vorstellungen von der Herstellung „qualitätvoller“ Menschen sind Folgen einer Entwicklung, die den Menschen nicht als Geschöpf Gottes, sondern von seiner Entstehung an bis zu seinem Tod als herstellbares und verfügbares Objekt menschlicher Technik begreift.

Die Kirche hat sich dieser Entwicklung schon früh in den Weg gestellt. Nicht dem technischen Fortschritt hat sie sich entgegengestellt. Sie hat vielmehr den Fortschritt verteidigt, der aber an der Würde des Menschen seine Grenzen hat. Denn wenn dem Menschen die Würde abgesprochen oder abgehandelt wird, dann gibt es niemanden mehr, der fortschreiten kann. Der Widerspruch der Kirche war am Anfang vor allem prophetisch. Die Menschen stießen sich an ihm, verstanden ihn nicht und wandten sich von der unbequemen Botschaft ab. Selbst manche Katholiken fanden die Worte allzu hart und plädierten für mehr Anpassung an die Bedürfnisse der Menschen, denen doch gerade die neuen technischen Möglichkeiten viel Erleichterung zu versprechen schienen.

So erschien die Enzyklika „Humanae vitae“, die die technische Manipulation des Zeugungsgeschehens ablehnte, in einer Zeit, die ihrer Rezeption nicht günstig war. Damals gab es ein berechtigtes Aufbegehren gegen eine sexualfeindliche bürgerliche Moral, es begann kurz darauf die moderne Frauenbewegung, die trotz mancher Irrwege das wichtige Anliegen von Frauen auf Gleichberechtigung artikulierte und es war die Zeit der Sozialutopien, die zum Teil sexuelle Befreiung und die Befreiung der Frau in ihre revolutionären Visionen einbezogen. Die sogenannte Antibabypille schien da eine neue Zukunft zu eröffnen. Sexualität konnte von der „Angst vor Schwangerschaft “ „befreit“ werden und das sollte, so nahm man an, vor allem die Frauen befreien, die zumeist die leidtragenden ungewollter Schwangerschaften waren.

Doch was als Befreiung propagiert wurde, führte in eine neue Sklaverei. Die technische Trennung von Sexualität und Kinderzeugung war die Voraussetzung für eine systematische und in diesem Ausmaß nie gekannte Vermarktung der Sexualität, deren Leidtragende wieder die Frauen sind. Die Isolierung der Sexualität führte auch zu einer Labilisierung des Geschlechterverhältnisses und damit auch der Beziehungskonstanz, was vor allem auf Kosten der Kinder geht, die kaum eine Lobby haben. So steht der moderne Feminismus der „Pille“ als einer hormonellen Manipulation von gesunden Frauen – oft auf Druck von Männern – inzwischen durchaus skeptisch gegenüber. Die moderne Sexualwissenschaft spricht vielfach vom Scheitern der sogenannten sexuellen Revolution und beschwört eine ganzheitliche Sicht von Sexualität, die – ohne dass man sich dessen bewusst ist – der katholischen Sicht von Sexualität außerordentlich nahe kommt. Auch junge Menschen, vor allem junge Frauen, verweigern sich zunehmend dem manipulativen Umgang mit Sexualität und sehnen sich wieder nach ganzheitlicher lebenslanger Treue, die Leib und Seele zusammenhält. Das wäre eine gute Gelegenheit, die katholische Sexualmoral nun als zeitgemäße Antwort auf die beklagte Krise gelebter Sexualität bekannt zu machen. Leider scheitert das allerdings vielfach daran, dass manche katholischen Theologen noch immer mit der damaligen scheinbaren Unzeitgemäßheit der Enzyklika „Humanae vitae“ hadern, ohne zu bemerken, dass dieses Dokument heute immer noch von erstaunlicher Aktualität ist.

Doch die Entwicklung ging damals noch weiter. Wenn die technische Herstellung von Unfruchtbarkeit akzeptiert wird, ist der Weg zur technischen Herstellung von Fruchtbarkeit nicht weit. Die künstliche Befruchtung war der nächste Schritt des Übergriffs des Menschen auf den Menschen selbst. Auch hier erschien die Instruktion „Donum vitae“ der Glaubenskongregation aus dem Jahr 1987, die solche Maßnahmen ablehnte, in scharfem Widerspruch zum Zeitgeist. Selbst einige kirchliche Würdenträger hatten damals im Vorfeld solche Maßnahmen zur Hilfe bei sakramental verheirateten Ehepaaren, die keine Kinder bekommen konnten, für vertretbar gehalten. Aber zweifellos macht der technische Eingriff in die Entstehung des Menschen den Menschen letztlich bloß noch zum Objekt, löst seine Zeugung aus dem ganzheitlichen Akt der liebenden Vereinigung von Mann und Frau. Was damals als erneutes „Verbot Roms“ aufgenommen wurde, erweist sich heute als der entscheidende Damm vor allen naheliegenden Versuchen, das einmal hergestellte „Produkt Mensch“ biotechnisch zu optimieren, zu selektieren oder anderweitig zu manipulieren und damit seine Würde zu missachten.

Der Möglichkeit der künstlichen Befruchtung folgt dann die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, die wiederum dem Menschen die Möglichkeit gibt, den Embryo zu töten, wenn eine erbkranke Behinderung vorliegt. Hier muss ganz eindeutig festgestellt werden: Samenzelle und Eizelle sind zunächst keine Menschen, aber mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle vollzieht sich ein unwiderruflicher qualitativer Schritt aus einem Was zu einem Jemand. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich in einem kontinuierlichen Prozess dieser Jemand zu einem ausgewachsenen Menschen. Der Embryo entwickelt sich als Mensch und nicht zum Menschen. Alle Entwicklungsstufen in diesem Prozess sind immer schon Entwicklungsstufen dieses Jemands. Christen, die an einen Gott glauben, der den Schwachen und Hilflosen besonders nahe ist, werden aufgerufen, sich gerade um die Schwächsten der Schwachen besonders zu sorgen. Das menschliche Leben im Reagenzglas ist nicht geschützt durch die spontane emotionale Tötungshemmung, die ein Kindergesicht auslöst. Ähnliches gilt für die Abtreibung. Dennoch lehrt uns gerade die moderne Wissenschaft, dass der Embryo Mensch von Anfang an ist. So hilflos und ausgeliefert er ist, bedarf er unseres besonderen Schutzes.

Gegenwärtig wird besonders darüber diskutiert, ob nicht Embryonen, die bei der künstlichen Befruchtung überzählig und eingefroren sind, zu Forschungs- oder Heilungszwecken frei zu geben sind. Mit dem Einfrieren eines Embryos wird künstlich der Entfaltungsweg eines Menschen durch Unterkühlung gestoppt. Tatsächlich ist hier ein Mensch – im wahrsten Sinne des Wortes – kaltgestellt. Dass er nicht durch die Gewinnung von embryonalen Stammzellen getötet werden darf, auch wenn es zu Heilungszwecken dient, müsste selbstverständlich sein. Ich kann und darf nicht einen Menschen opfern, um einen anderen zu heilen. Der Zweck heiligt auch in diesem Fall nicht die Mittel. Hier soll sich die Wissenschaft der Erforschung der adulten Stammzellen widmen, aus denen man gegebenenfalls – wie viele Naturwissenschaftler sagen – zu denselben Ergebnissen kommt, ohne dass man dafür Embryonen töten muss.

An dieser Stelle sei ausdrücklich betont, dass es sich hierbei nicht um eine katholische Sonderethik handelt, sondern um den Menschen in seiner ureigenen Verfasstheit. Mensch ist, wer vom Menschen abstammt. Dazu brauche ich nicht die Heilige Schrift zu kennen. Das Sein ist nicht nur Vorhandensein, sondern auch Dasein, d.h. von ihm geht eine Botschaft aus, die der Mensch vernehmen kann – dafür hat er übrigens Vernunft bekommen – um dann sein Handeln danach auszurichten. Freilich wird die Ratio von der Fides, die Vernunft vom christlichen Glauben auch erleuchtet, der uns sagt: Der Mensch in seiner Befindlichkeit ist auch noch Ebenbild Gottes. Das verstärkt nochmals unser ausdrückliches Votum in dieser Frage.

Wenn aber einmal die Eigenschaften des Menschen seine Würde ersetzen und die Herstellung qualitätvoller Menschen das oberste gesellschaftliche Ziel wird, ist es nur konsequent, dass das Nachlassen der Qualitäten des Menschen in Behinderung, Krankheit und Alter eine erneute Herausforderung für die technischen Möglichkeiten ist, um hier einen „guten Tod“ zu organisieren. Die Euthanasiegesetzgebung in den Niederlanden beispielsweise zieht aus dieser Entwicklung die zynische Konsequenz.

Auffällig ist an dieser Entwicklung, dass jeder einzelne Schritt zumeist eher als die Behebung einer Notsituation eingeführt wird und damit emotional sehr gut vermittelbar ist. Darin sind besonders interessierte Politiker versiert. Der kirchliche Hinweis auf die grundsätzliche Bedeutung solcher Grenzüberschreitungen wird dann als uneinfühlsam missverstanden. Erst viel später werden die desaströsen Folgen der scheinbar so hilfreichen technischen Möglichkeiten erkannt.

Wir stehen jetzt an einem Punkt, wo auch außerhalb der Kirche viele Menschen erkennen, dass die biotechnischen Entwicklungen trotz vieler positiver Ergebnisse, die nicht verkannt werden sollen, Gefahr laufen, die Grundlagen einer auf Menschenwürde und Menschenrechte aufgebauten Gesellschaftsordnung zu zerstören. Man sucht wieder Orientierung. Die Ahnung wächst, dass weder demoskopisch erhobene zeitweilige Meinungen der Bevölkerung noch Ethikkommissionen die Ethik ersetzen können und dass eine Ethik ohne Gott keinen Halt bietet.

Die Antworten der Kirche auf die Fragen nach Leben und Tod und auf die Frage nach dem Menschen werden mit neuer Sensibilität und neuem Interesse gesucht und gehört. Selbst kirchenferne Politiker gestehen inzwischen ein, dass die katholische Kirche die einzige in sich konsequente Auffassung vertritt . Freilich ist die Aktualität der kichlichen Lehre oft innerkirchlich kaum bekannt. Daher ist dafür zu sorgen, dass Differenzen und Konvergenzen zwischen den säkularen Diskussionen und den innerkirchlichen Debatten wieder neu wahrgenommen, wissenschaftlich reflektiert und in einen größeren Zusammenhang gestellt, sowie vor allem an die Basis vermittelt werden.

2000 Jahre nach der Menschwerdung Gottes in unserem Herrn Jesus Christus steht die Universalität dieses Ereignisses zur Debatte. Während der Trend heute dahin geht, gerade den schwächsten Menschen das Menschsein abzusprechen, hat die Kirche gelegen und ungelegen die Botschaft zu verkünden, dass der Herr für alle Menschen gestorben ist und gerade den Schwächsten, den ungeborenen Menschen, den Alten, Kranken und Behinderten besonders nahe ist. Wenn der Mensch der Weg Gottes durch die Geschichte ist, dann ist die konkrete und kompetente Verteidigung der Würde jedes Menschen zentraler Auftrag der Kirche und aller Menschen, die guten Willens sind.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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Quelle

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