Joachim Kardinal Meisner – Predigt zur Dankfeier der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. am 10. Mai 2014 im Kölner Dom

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, stärke deine Brüder“ (Lk 22,32), sind die nüchternen Worte des Herrn vor der Berufung des Petrus als Leiter der Universalkirche. Eine solche Berufung muss den Menschen, und wenn es der genialste wäre, immer überfordern. Wenn man die Paulusbriefe liest, wird man der Schwierigkeiten schon in den einzelnen wenigen Gemeinden des Anfangs ansichtig. Wie sollte das dann erst werden, wenn das Evangelium auf dem ganzen Erdkreis Fuß gefasst hat! Wenn in allen Ländern der Erde Jünger Jesu leben und in Gemeinden, kleinen und großen, das Evangelium sichtbar machen, dann werden die Probleme des Anfangs gewiss nicht kleiner geworden sein. Der Herr wusste, was er mit dem Petrusamt einem Menschen zumutet. Und er kann das nur, indem er ihm seinen absoluten Beistand verspricht, nämlich sein Gebet. Hier schon zeigt sich die Mächtigkeit des Gebetes.

2. Dass uns in der Wende vom zweiten ins dritte Jahrtausend zwei Petrusnachfolger geschenkt worden sind, die von der Kirche am 27. April heiliggesprochen wurden, ist eine Garantie dafür, dass der Herr wirklich bei uns bleibt, bis zur Vollendung der Welt. Das 20. Jahrhundert, dessen Geschichte wohl nur mit Blut und Tränen zu schreiben ist, ließ diese beiden Päpste über sich selbst hinauswachsen. Papst Johannes Paul II. hat mit größter Intensität die Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende vorbereitet und war überzeugt, dass mit dem 21. Jahrhundert ein neuer, friedlicherer Abschnitt der Weltgeschichte beginnen würde. Als dann das furchtbare Ereignis in New York am 11. September 2001 passierte, war Papst Johannes Paul II. zutiefst erschüttert. Ich konnte ihn am Tag danach in Castel Gandolfo besuchen, und erlebte ihn, wie er fassungslos vor dem Fernsehapparat saß und dieses grausame 2/5 Ereignis zur Kenntnis nehmen musste. Die Welt wird kein Land des Lächelns werden! Sie bleibt Herausforderung und Auftrag für das Evangelium und damit für die Kirche, sei es gelegen oder ungelegen! Johannes Paul II. wollte seine ganze, ihm noch verbliebene Kraft einsetzen, um diese Herausforderung anzunehmen.

3. Papst Johannes XXIII. folgte dem großen Papst Pius XII., der ebenfalls in schwieriger Zeit während des Nationalsozialismus die Kirche zu leiten hatte. Ihn löste – zunächst zur Enttäuschung vieler Gläubigen – der unbekannte Patriarch von Venedig, Giovanni Roncalli, ab, der mit seiner gar nicht fortteilhaften Figur zunächst viele in Erstaunen versetzte. Johannes XXIII. lernt man erst dann richtig kennen, wenn man sein geistliches Tagebuch aufschlägt, um auch für seine eigene Christusnachfolge Hilfe, Ideen und Ermutigung zu erlangen. Die tägliche Treue in der Nachfolge Christi ließ in der Verborgenheit seines Dienstes in der Türkei einen Mann heranwachsen, den Gott für den Petrusdienst bestimmt hatte. Hier legte der Herr selbst Hand an, um ihm das notwendige Format für seinen kommenden Petrusdienst zu geben. Die tägliche gewissenhafte Verrichtung des Breviergebetes, die tägliche Zelebration der hl. Messe, die wöchentliche Beichte, die jährlichen Exerzitien, die geistliche Lektüre, die Anbetung des Allerheiligsten Tag für Tag, die Nachbarschaftshilfe an Arme waren die Bauelemente, mit denen der Geist Gottes den künftigen Papst erstehen ließ. Papst Johannes XXIII. verstand sich gleichsam als „Pfarrer der ganzen Welt“. Und wie in den Pfarreien noch vor Jahrzehnten öfter Volksmissionen fällig waren. So wollte er als Papst eine weltweite Volksmission durchführen, indem er das II. Vatikanische Konzil einberufen hatte, das nach seinem Willen ein Pastoralkonzil werden sollte, in dem es also darum ging, auf die Nöte der Zeit in der Kirche und außerhalb der Kirche eine vom Evangelium gültige und hilfreiche Antwort zu geben.

Ich selbst bin davon ein Mitbetroffener, indem ich, bzw. unser Priester-Weihekurs 1962 auf unseren Spiritual im Priesterseminar Neuzelle als unmittelbaren Inspirator für die Priesterweihe verzichten mussten. Unser Spiritual wurde als theologischer Begleiter für Kardinal Bengsch aus Berlin mit nach Rom berufen. Unsere Priesterweihe war dann am 22. Dezember 1962, sodass wir die letzte Etappe der Vorbereitung mit einem Ersatzmann auskommen musste, der es übrigens auch gut gemacht hat. So hat mich und uns damals das II. Vatikanische Konzil schon sehr deutlich tangiert.

Papst Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet und konnte nur die erste Sitzungsperiode leiten, nachdem ihm Gott durch sein vorbildliches Sterben abberufen hat. Vielleicht war sein gläubiges Sterben gleichsam vor aller Welt eines seiner wesentlichsten Beiträge zum Konzil. Denn alles wahrhaftige Leben als Menschen und Christen muss sich im Tod vollenden können. Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet, beschlossen hat es dann drei Jahre später Papst Paul VI.. Und man sagt mit Recht, Papst Paul VI. hätte in seiner intel- 3/5 lektuellen Art und reichen diplomatischen Erfahrung das Konzil nicht beginnen können, und Papst Johannes XXIII. hätte es in seiner Einfachheit nicht beenden können. So hat also die göttliche Vorsehung – wie immer in der Kirche – deutlich Regie geführt.

Das Konzil sollte nach Papst Johannes XXIII. eine Erneuerung an Haupt und Gliedern bringen. Er war überzeugt, dass alle Schwierigkeiten, Gegenargumente, Zeitströmungen und weltlichen Verhältnisse durch das Evangelium eine Verwandlung zum Guten erfahren könnten, nicht aus der Kraft menschlicher Vernunft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“, war ein Lieblingsgebet von Papst Johannes XXIII.. Darauf wollte er die Probe aufs Exempel machen. Und er war überzeugt von dem Schriftwort, dass es die Freude Gottes ist, bei den Menschen zu sein. Darum sollte das Konzil auch eine große Freude für den lebendigen Gott in seiner Kirche sein.

Nun hat die Kirche diesen Pfarrer im Weltmaßstab zur Ehre der Altäre erhoben. Wir wissen ihn nun als eine normative Gestalt des Evangeliums in unserer Zeit neben uns und als unseren Anwalt im himmlischen Jerusalem bei uns. Er kennt die Nöte der modernen Welt aus eigener Erfahrung und weiß als heiliger Papst Johannes XXIII. ein helfendes Wort bei Gott, dem Geber aller guten Gaben, für uns einzulegen.

4. Papst Johannes Paul II. ist der Nach-Nachfolger vom heiligen Papst Johannes XXIII.. Auf Letzteren folgte Papst Paul VI., und nach ihm begann dann das 30-tägige Pontifikat von Johannes Paul I. Am 16. Oktober 1978 darauf trat der Erzbischof von Krakau, Karel Woityła, den Petrusdienst als Papst Johannes Paul II. an. Schon wie der Name zeigt, wollte er – wie Johannes Paul I. – die beiden großartigen Pontifikate von Johannes XXIII. und Papst Paul VI. weiterführen.

Der heilige Papst Johannes Paul II. war beschenkt mit einer Genialität des Herzens, aber auch mit einer Genialität des Kopfes. Er war ein typisch Intellektueller, und er war dabei – was selten vorkommt – ein großartiger Mystiker. Die göttliche Vorsehung hat ihn uns gerade für diese Zeit des Jahrtausendwechsels mit allen Schwierigkeiten und Chancen geschenkt. Der heilige Johannes Paul II. kommt aus der Bewährung der großen Christenverfolgungen der Nazis und der Kommunisten. Diese Ideologien haben ihn zutiefst davon überzeugt, dass nur das Evangelium imstande ist, intellektuell und vital die narzistische und die marxistische Ideologien zu überwinden und dass weiter nur das Evangelium, das Christus selbst in der Welt gegenwärtig setzt, die Kraft hat, die Menschheit von diesen dunklen Mächten zu befreien.

Mir persönlich bleiben zwei Ereignisse mit dem heiligen Papst Johannes Paul II. unvergesslich, die ganz unterschiedlich sind. Die erste Erfahrung 4/5 war im Jahre 1975. Erzbischof, Kardinal Woityła, hatte uns in Erfurt besucht, um die große Herbstwallfahrt im September mit dem Volke Gottes in Thüringen zu feiern. Er war schon am Samstag angereist. Um 8.00 Uhr war das Frühstück angesetzt, aber seit 5.00 Uhr war Karol Woityła in der Bischofshauskapelle tief im Gebet versunken. Nach Erfurt besuchte er dann noch die Bischofsstädte Berlin, Dresden und Görlitz. Von dort wurde das Gleiche berichtet, dass der Krakauer Erzbischof, auch wenn es am Abend vorher sehr spät geworden ist, früh um 5.00 Uhr auf den Knien vor dem Tabernakel lag, tief versunken in die Gegenwart des lebendigen Gottes. Der heilige Papst Johannes Paul II. war wirklich ein großer Beter. Auf manchen Bildern wird er gezeigt, wie er mit seinem päpstlichen Kreuzstab gleichsam zu einer Gestalt verschmolzen war. Das aber ist der hl. Johannes Paul II., wie er war und jetzt als Heiliger ist. Und darum konnte er die Menschen mit dem Evangelium berühren, konnte er sie in Kontakt bringen mit Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes.

Und das zweite Ereignis, das mir unvergesslich blieb, war der erste Besuch nach seiner Papstwahl 1979 in Warschau, wo er zum ersten Mal als Papst aus Polen seine polnische Heimat besuchte. Er predigte über das Gebet der Kirche zum Heiligen Geist: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen. Und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“. Und dann sagte er darauf: „Du wirst das Angesicht der Erde erneuern, und zwar dieser Erde! Hier, wo wir stehen, im Zentrum von Warschau, auf dem Heldenplatz. Du wirst das Angesicht dieser Erde hier erneuern! Dazu ist er willens, und dazu ist er vor allen Dingen in der Lage“. Und das hat er mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Eindringlichkeit den Menschen ans Herz legen können, dass die Hörer der Überzeugung waren: „Ja, die Erneuerung ist ja schon jetzt ein großes Stück passiert“. Und dann entwickelte sich ja daraus die Bewegung, die den Kommunismus überwunden hat. Der Papst hat es nicht mit politischen Aktionen oder mit politischen Mitteln bewirkt, sondern rein durch die Verkündigung des Evangeliums, die den Menschen als Kind Gottes seine Freiheit und seine Rechte garantiert, die kein menschliches System verletzen darf.

Johannes Paul II. war ein Gigant des Glaubens und der Liebe. Und weil er die Versklavung des Menschen in der Nazi-Ideologie und bei den Kommunisten erlebt hat, hat er sich so leidenschaftlich und so kompetent für den Menschen eingesetzt, den Gott als sein Abbild, als Mann und Frau geschaffen und in der Ehe berufen hat, aus dieser Zweiheit eine Trinität zu schaffen, nämlich die Familie. Darum war die Sorge um die Heiligkeit von Ehe und Familie das Herzstück seines theologischen Denkens und Tuns. – Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Dafür ist Papst Johannes Paul II. gegen alle Relativierungen in- und außerhalb der Kirche eingetreten, um der Würde der Menschen willen. Papst Benedikt XVI. bezeugt, dass der hl. Johannes Paul II. bei seiner Audienz am 13. März 1981 auf dem Petersplatz in 5/5 Rom die Gründung eines Päpstlichen Institutes für Ehe und Familie verkünden wollte. Dabei trafen ihn die Kugeln des Attentates, sodass die Gründung erst später erfolgen konnte. Wie überaus wichtig Ehe und Familie für das Heil des Menschen in der Welt ist, zeigt dieses Attentat. Die Hölle wollte den Herold der Heiligkeit von Ehe und Familie töten. Sie ist auf diesem Gebiet bis heute wirksam geblieben.

Nicht nur wir als katholische Kirche, sondern die gesamte Christenheit, ja die Menschheit, hat diesen beiden neuen Heiligen sehr viel zu verdanken. Sie haben zwar keine Nobelpreise empfangen, aber die Heiligsprechung ist ein Nobelpreis, den Gott selbst verleiht. Und sie ist ein Geschenk an uns, denn wir haben die beiden neuen Heiligen nicht nur als Giganten vor uns, sondern als freundliche und zuverlässige Wegbegleiter neben uns, als Fürsprecher über uns und als lockendes Ziel vor uns. Heiliger Papst Johannes XXIII., heiliger Papst Johannes Paul II., ihr seid für viele von uns noch Zeitgenossen. Bittet für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof em. von Köln

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