Papst-Predigt bei Marienfeier auf dem Petersplatz

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Marienverehrer: Papst Franziskus (Archivfoto)

Liebe Brüder und Schwestern,

bei dieser Gebetsvigil sind wir die wesentlichen Momente des Lebens Jesu mit Maria noch einmal gegangen. Im Geist und im Herzen haben wir uns in die Zeit zurückversetzt, als die Sendung Christi sich in der Welt vollendet hat: die Auferstehung als Zeichen der äußersten Liebe des Vaters, die alles ins Leben zurückführt, und als Vorwegnahme unseres zukünftigen Seins; die Himmelfahrt als Teilnahme an der Herrlichkeit des Vaters, wo auch unsere Menschheit einen bevorzugten Platz findet; Pfingsten als Ausdruck der Sendung der Kirche in der Geschichte bis zum Ende der Zeiten unter der Leitung des Heiligen Geistes. In den beiden letzten Geheimnissen haben wir darüber hinaus die Jungfrau Maria, die seit den ersten Jahrhunderten als Mutter der Barmherzigkeit angerufen wurde, in der Herrlichkeit des Himmels betrachtet.

Das Rosenkranzgebet ist in vieler Hinsicht die Zusammenfassung der Geschichte der Barmherzigkeit Gottes, die für all jene, die sich von der Gnade formen lassen, zur Heilsgeschichte wird. Die Geheimnisse, die an uns vorbeiziehen, sind konkrete Gesten, in denen sich das Handeln Gottes uns gegenüber entfaltet. Durch das betende Betrachten des Lebens Jesu Christi sehen wir wieder sein barmherziges Antlitz, das allen in den verschiedenen Nöten des Lebens entgegenkommt. Maria begleitet uns auf diesem Weg und zeigt uns dabei den Sohn, der die Barmherzigkeit Gottes selbst ausstrahlt. Sie ist wirklich die Hodigitria, die Mutter, die den Weg weist, den wir gehen sollen, um echte Jünger Jesu zu sein. In jedem Geheimnis des Rosenkranzes fühlen wir, wie sie uns nahe ist, und betrachten wir sie als die erste Jüngerin ihres Sohnes, die den Willen des Vaters tut (vgl. Lk 8,19-21).

Das Rosenkranzgebet führt uns nicht von den Sorgen des Lebens weg; im Gegenteil, es verlangt von uns, uns in die Geschichte aller Tage hineinzubegeben, um die Zeichen der Gegenwart Christi in unserer Mitte erkennen zu können. Sooft wir einen Moment, ein Geheimnis des Lebens Christi betrachten, sind wir eingeladen zu erfassen, auf welche Weise Gott in unser Leben eintritt, um ihn dann aufzunehmen und ihm zu folgen. Wenn wir einige wesentliche Ereignisse des Lebens Jesu in uns aufnehmen und uns aneignen, nehmen wir an seinem Werk der Evangelisierung teil, auf dass in der Welt das Reich Gottes wachse und sich verbreite. Wir sind Jünger, aber auch Missionare und Überbringer Christi dort, wo er uns bittet, präsent zu sein. Daher dürfen wir das Geschenk seiner Gegenwart nicht in uns einschließen. Wir sind vielmehr gerufen, allen seine Liebe, seine Zärtlichkeit, seine Güte, seine Barmherzigkeit mitzuteilen. Die Freude des Teilens macht vor nichts Halt, denn sie bringt eine Botschaft der Befreiung und des Heils.

Maria erlaubt uns zu verstehen, was es bedeutet, Jünger Christi zu sein. Obschon von jeher auserwählt, seine Mutter zu sein, hat sie gelernt, seine Jüngerin zu werden. Ihre erste Handlung bestand darin, auf Gott zu hören. Sie hat der Botschaft des Engels gehorcht und ihr Herz geöffnet, um das Geheimnis der göttlichen Mutterschaft aufzunehmen. Sie ist Jesus gefolgt und hörte jedes Wort, das aus seinem Mund kam (vgl. Mk 3,31-35); sie bewahrte alles in ihrem Herzen (vgl. Lk 2,19) und wurde zum lebendigen Gedächtnis der vom Sohn Gottes vollbrachten Zeichen, um unseren Glauben zu wecken. Doch es genügt nicht, nur zu hören. Dies ist gewiss der erste Schritt, aber dann ist es notwendig, dass das Hören sich in konkretes Handeln verwandelt. Der Jünger stellt nämlich sein ganzes Leben in den Dienst des Evangeliums.

Daher begab sich Maria sofort zu Elisabeth, um ihr in ihrer Schwangerschaft zu helfen (vgl. Lk 1,39-56); in Bethlehem brachte sie den Sohn Gottes zur Welt (vgl. Lk 2,1-7); in Kana sorgte sie sich für die jungen Brautleute (vgl. Joh 2,1-11); auf Golgota wich sie nicht vor dem Schmerz zurück, sondern blieb unter dem Kreuz Jesu und wurde nach seinem Willen zur Mutter der Kirche (vgl. Joh 19,25-27); nach der Auferstehung ermutigte sie die im Abendmahlssaal versammelten Apostel in Erwartung des Heiligen Geistes, der sie zu mutigen Boten des Evangeliums machte (vgl. Apg 1,14). In ihrem ganzen Leben hat Maria das verwirklicht, was von der Kirche verlangt wird, dass sie es zum ewigen Gedächtnis Christi tue. Am Glauben Marias sehen wir, wie wir die Tür unseres Herzens öffnen sollen, um Gott zu gehorchen; an ihrer Selbstlosigkeit entdecken wir, wie sehr wir gegenüber den Nöten der anderen aufmerksam sein sollen; in ihren Tränen finden wir die Kraft, um die zu trösten, die ein Leid tragen. In jedem dieser Momente bringt Maria den Reichtum der göttlichen Barmherzigkeit zum Ausdruck, die jedem in den täglichen Nöten entgegenkommt.

Wir wollen heute Abend unsere liebevolle Mutter im Himmel mit dem ältesten Gebet anrufen, mit dem sich die Christen besonders in schwierigen Momenten und im Martyrium an sie gewandt haben. Wir wollen zu ihr rufen in der Gewissheit, dass wir von ihrer mütterlichen Barmherzigkeit Hilfe erfahren, da sie als „glorwürdige und gebenedeite Jungfrau“ uns alle Tage unseres Lebens Schutz, Hilfe und Segen sein kann:

„Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter; verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern errette uns jederzeit aus allen Gefahren, o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau.“

(rv 08.10.2016 sk)

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